Es gibt 12 Antworten in diesem Thema, welches 3.354 mal aufgerufen wurde. Der letzte Beitrag (2. Juni 2026 um 17:19) ist von Lissaminka.

  • ... für dezembergerechtes Rumgeheule. :rolleyes2: :rolleyes2: :rolleyes2:

    Ich muss nun anmerken, dass ich die Hälfte davon noch in der Nacht von Montag auf Dienstag formulierte, dann wieder zu viel mit Schlafen, Uni, Lethargie und prä-exmatrikulativen Wutausbrüchen beschäftigt war, die mich jetzt dazu verleiten, meinen Schlaf wieder für ein inaktives Schwurblerforum zu opfern und zu hoffen, dass ich bis morgen an einer mir selbst zugefügten Sepsis krepiere, weswegen ich meine Zeitangaben wie "heute" und "morgen", die eigentlich "Montag" und "Dienstag" meinen, nicht mehr ändern werde.

    Es haben sich seit meinem letzten Erguss über das Studium und meinen Schlafmangel bislang keine radikalen Veränderungen in meinem Leben ergeben, von dem steigenden Frustpegel oder dem unwiderstehlichen Drang mal abgesehen, euch ach-so-transzendentale Phantasten wieder vollzulabern (Mittwochsedit: Nee, so viel Schreiblaune hab ich jetzt doch nicht, aber was tut man aus lauter Verzweiflung nicht alles), ebenso wie von der Tatsache, dass ich gerade immer noch ziemlich besoffen bin und mir ohnehin jede rücksichtsvolle Hemmung vor eurem Desinteresse an Bodenständigkeit fehlt - here we go:

    Beginnen wir damit, dass ich nicht in das Zeitschema dieses Planeten passe. Jeder einzelne Tag ist zu kurz, ich schlafe zu wenig, ich verbringe zu wenig Zeit mit meinen Studieninhalten und mir fehlt insbesindere die Zeit für meine Gedanken und alles, das diese nachhaltig nähren könnte - inklusive Büchern oder dieses Forums (wobei die Archive meinen erwähnten Anspruch aus Konsumentensicht stärker erfüllen), aber mir fehlt bei euren Themen ehrlich gesagt jeder Anreiz, mich zu beteiligen (Mittwochsedit: es ist 4 Uhr, natürlich hab ich morgen wieder Uni und bin missmutig dabei, mir den morgigen Tag zu zerschießen, indem ich einfach nicht schlafen geh - nun hab ich gestern schon geschwänzt, aber wenn ich euch den Text nicht heute noch auskotze, wird das bis nächste Woche wieder nix, oder bis zur übernächsten, wenn ich mich an den Vodka rantrau - Alkohol ist ja so kuhl, bisher ging's mir am nächsten Morgen immer richtig glänzend, ich muss das weiter erforschen).

    Nicht in seiner Natur existieren zu dürfen, sondern zwangsweise geistig beschäftigt gehalten zu werden, ist dem Tode gleichzusetzen, was zur Folge hat, dass ich zurzeit a) vor lauter WINTERDEPRESSION kaum noch an zwei, drei Tagen die Woche Morgens aus dem Bett krieche, um mich zur Uni zu schleppen (deswegen ist es scheißegal, übrigens, dass ich mich an einem Montagabend so besaufe, dass ich die Dienstagsvorlesungen VERGESSEN kann), jeder zweite Abend in Wut- und Verzweiflungsausbrüchen endet, ich die Menschen in Mitleidenschaft ziehe, denen das ungerecht gegenüber ist, und b) der ECHTE Tod wieder einen signifikanten Raum in meinen Gedanken einnimmt, was euch wiederum beruhigen darf, weil bekanntlich niemand mit ernstzunehmendem Suizidwunsch vorher so viel darüber kläffen, sondern allerhöchstens stolz über die Meilensteine der Emoskala, inklusive aller Elemente der Aufmerksamkeitsleiter von kitschigen Deprisongs über Schwänzen und Saufen, bis hin zum Ritzen und naiv auf ne Sepsis hoffen, prahlen würde.

    Der Zeitmangel ist mein aktuell größtes Problem, das mich eines impulsiven Abends eigenhändig exmatrikulieren wird. Ich bin halt zu bodenständig und unbegabt, um mich wochenlang exzessiv in der Mathematik vergraben und mein Seelenheil in ihr finden zu können, und ich ahne, dass ein anderer Studiengang nichts daran verändern würde, solange ich konzeptionell nur glücklich sein kann, wenn mir täglich noch einige Stunden für meinen Rechner, meine Gedanken und meine Bücher und Texte zur Verfügung stehen.

    Auch Camus hat mich letztes Wochenende nicht erlöst, mir jedoch hübsches, existentialistisches Kontrasprogramm geliefert, das ich in meiner WG (gleich mehr dazu) bitter nötig habe. Mersault lebt in der Wahrheit seines Moments, in seiner absurden Gegenwart, ohne moralische Staffage, und das macht ihn unbrauchbar für diese Welt. Natürlich reizt mich seine Kapitulation vor der Sinnillusion.

    Völlig konträr dazu steht doch leider Gottes mein erbärmliches Scharwenzler-Dasein innerhalb meiner WG, dem sozialantropologischen Unfall mit ihrem mir übergestülpten Sozialleben und mindestens drei extrem pathologisch verhaltensgestörten Mädels, in der alle so christlich, so selbstverständlich davon ausgehen, dass man jede Mahlzeit fröhlich in Gemeinschaft speisen, bei jeder Gelegenheit dieselben, allesamt gleich klingenden LOBPREIS-Lieder mit Akkordbegleitung auf Grundschulniveau singen (mit meiner radikalen Gegenmaßnahme, mir im Zimmer beliebigen Metal als Kompensations- und Verdrängugsmethode in mein Trommelfell zu jagen), auf jede angebotene, christliche Veranstaltung/Freizeit/Mission/Gottesdienst/Jugendstunde/WHATEVER gehen und sein Wochenende oder seine Sozialkontakte mit NICHTS ANDEREM als seiner eigenen Spezies füllen möchte, und letztlich in jede noch so gewöhnlich formulierte Frage seine bis zum Erbrechen trainierte Fähigkeit einsetzt, alles in einer geistlichen GOTTES- und GLAUBENShinsicht zu beantworten. Es scheint möglich zu sein, sich eine Geisteshaltung so tiefgreifend zu seiner eigenen Identität zu verklären, dass man nichts anderes mehr benötigt. Die eine hier z. B. hört keine Musik, liest keine Bücher und schaut allerhöchstens noch Dokumentationen. Wenn sie spricht, beschleicht mich bereits beim Anblick eine kaum erträgliche Empfindung an Mitleid und Scham, wenn ihre Stimme in jedem zweiten Wort vor fürchterlichster Introversion dysphonisch wegbricht und ich dreimal nachfragen muss, um sie akustisch zu verstehen. Das zarte Seelchen musste sich seine Ohren zuhalten, als meine Vermieterin mal von ihrem Hardcore-anthroposophischen Großvater erzählte, welcher wohl wie ein geistlicher Weiser in seiner abgeklärten Traumwelt lebte und mit niemandem mehr sprach. Die nächste hat Tics ohne Ende, war bis vor kurzem die älteste hier, und übertrifft erstere an Gehalt- und Gedankenlosigkeit nochmal meisterhaft. Es grenzt an psychischem Missbrauch, mir zuzumuten, ihr bei wärmeren Temperaturen stundenlang dabei zuzusehen, wie sie draußen auf unserem Balkon rumhüpft und tanzt, und zugleich sämtliche Klischees eines in rosa gekleideten PFERDEMÄDCHENS erfüllt. Ich beginne jetzt nicht, von der praktizierten Zungensprache oder dem christlichen FLAGGENTANZ zu erzählen - vor all meinem sektierisch anmutenden Hintergrund sind selbst mir diese Praktiken zu pfingstlich-charismatisch und befremdlich. Die anderen drei Mädels sind zudem noch mit männlichen, christlichen Partnern gesegnet, was ich zum einen für eine beachtliche Quote halte und womit sie zum anderen offiziell mehr in ihrem Leben erreicht haben als ich, denn mein Partner ist ja nicht christlich! Die Bekanntengeschichten von Christen, die sich zweimal gesehen und dann gleich voller Überzeugung geheiratet haben, werden auch immer so stolz präsentiert. Ein solches Maß an Ambition oder Dummeheit - pardon, kombiniertes GOTTESVERTRAUEN - würde mir glatt imponieren, wären sie nicht bloß auf die gesetzeskonforme Paarung scharf.

    Tja, muss jedenfalls ganz schön beschissen sein, wenn man so isoliert aufgewachsen ist, aber da fühle ich mich mit meinen Gründen, in der Uni zurzeit keine tiefgehenden Freundschaften zu pflegen, gleich wesentlich authentischer.

    Wie unschwer zu erkennen, verfällt mein Geist aktuell in einer puren WEIBER-WG. Mit meiner Neurophysiologie bin ich in diesen vier Wändern über kurz oder lang also dem UNTERGANG geweiht. Ich hegte von Anfang an gewisse Zweifel, als meine Vermieter bei der Besichtigung irgendwas von Frauen laberten, weil ihnen die Männer zu unartig waren, und verließ mich naiv auf Ausnahmetoleranzen, sobald sie mich erst mal kennenlernen, was den platonischen Männerbesuch über Nacht in meinem Zimmer angeht, den ich in meinem 16qm-Zimmer getrost auf der anderen Seite des Zimmers auf einer Matratze AUF DEM BODEN deponieren könnte, wenn das Gästezimmer gerade belegt ist. Mitnichten! Da ich derzeit noch nicht für eine dämonische Gefahr des Hauses gehalten werden will, fuhren wir also in den Ruhrpott, um in seiner Kellerwohnung auf demselben PAPPBETT zu pennen (diese Kellerwohnungen quer durch Deutschland sind irgendwie ein wiederkehrendes Motiv in meinem Leben).

    Nun könnte man sich natürlich die Frage stellen, warum ich nicht einfach umziehe, denn wohlgemerkt habe ich oben drauf ne Stunde Pendelzeit von Haustür zur Uni, deren DB-Abschnitt täglich ein neues Abenteuer verspricht und die Pendelzeit am Tag frei gewürfelt steigern kann. Der Zeitverlust gleicht sich damit aus, dass unsere Vermieter für die ganze WG einkaufen und gelegentlich Essensreste im Kühlschrank vorzufinden sind, sodass ich auch nicht immer kochen muss. Küchenausstattung, Zimmer, Aussicht, zur Verfügung stehendes Klavier, geringe Menschendichte und Umgebung sind ebenfalls unschlagbare Pro-Argumente, die gegen den Nervenverlust durch meine Mitbewohner aufwiegen könnten. Ebenso wie mein Vermieter, der von Techniker und Elektriker über Führungskraft, Informatiker, Rentner, vierfach Berufstätiger, Gleitschirmpilot bis schlag mich tot, was der alles gemacht hat, alles ist, so ist es für mich mit gelegentlich neuen Einfällen immer vorteilhaft, mit dem Überflieger im Haus zu wohnen. Auch die Gespräche mit ihm taugen was, denn er kam mit allem schon mal in Berührung. Die Bequemlichkeit und der Pragmatismus, den gegenwärtigen Zustand auszuhalten, fällt mir weiter ein. Ich könnte das Risiko nicht ausschließen, in einer wesentlich schlechteren Wohnsituation zu enden, und der Weg dorthin würde mich mehr Kraft kosten, als ich aktuell aufbringen kann.

    Fakt ist allerdings, dass ich nicht hierher gehöre und die Tarnung nicht aufgeben darf, damit die Stimmung nicht verhängnisvoll umschlägt. Überhaupt fehlt mir jeder Grund, an irgendwas zu glauben oder mich mit nervigen Christen abzugeben. Ich glaube, weil ich in diesen Mist hineingeboren wurde, und anderweitig wohl auch jeder letzte Selbst- oder Fremdrespekt flöten ginge, wenn ich es nicht täte. Vielleicht vergeht mir das noch, wenn ich ein, zwei weitere Järchen in diesem Irrenhaus verbringe.


    Ich bin meinem Leben zurzeit sehr überdrüssig und kriege kaum die Wochen um. Ich kann nicht genau sagen, wann das wieder begonnen hat, aber ursächlich ist dafür zweifelsohne der Zeitmangel. Ich habe aufgehört, regelmäßig zur Uni zu gehen, während dionysisches Alkohol-Erkenntnis-Blabla immer verlockender klingt (und versucht mit meinem gesteigerten Psychosenrisiko gar nicht erst, mir bewusstseinserweiterndes Zeug anzudrehen, bevor ich zum Forenscore 'fünf' werde).


    Aus gegebenem Anlass begleitet mich dieser Song hier zurzeit besonders:

    I can be thankful to be alive, but I despise this life

    In all my years, at best, I've only learned just to survive

    But when I look around you, I understand why you believe

    I see your evidence of God all around me

    You have so therefore you are,

    but I have not

    You've seen the evidence of God,

    but I have not and I have none


    Ach, *seufz*. Nun kann meine Seele bereinigt schlafen gehen, oder so ähnlich.

    μολὼν λαβέ.

    Einmal editiert, zuletzt von Lissaminka (3. Dezember 2025 um 04:36)

  • Das erinnert alles schon ein wenig an Inas Physik-Studiums-Episode damals in Konstanz. Die Erleichterung, aus dem engen Tal zuhause weg zu kommen, verbunden mit der ernüchternden Feststellung, dass man zwar das Talent und das Wissen hat, um eine Sache zu studieren, aber keinen richtigen Grund dafür.

    Ich bin diesbezüglich natürlich auch nicht der beste Ratgeber. Ich brauche meine Freizeit und meine eingespielten Routinen (und alles, was davon abweicht, vor allem, wenn es nichts angenehmes ist sondern irgendeine lästige Verpflichtung), ist dann meist schon zu viel.

    Dennoch weiß ich nicht, ob das Kultivieren von so einer Anti-Haltung, wie du es nun schon seit Monaten tust, in irgendeiner Weise hilfreich ist. Man könnte ja, anstatt sich in seinem Leid zu suhlen, auch versuchen, das Beste aus dem zu machen, was man hat, und die positive Entwicklung sehen im Vergleich zu Zeiten, als man noch bei Eltern lebte, die einem noch viel weniger Freiheiten zugestanden haben, als man jetzt hat.

    Ich will nicht klugscheißen, aber ich glaube, Menschen die das Talent haben, sich auf die positiven Aspekte des Daseins zu fokussieren und die negativen auszublenden, kommen besser durchs Leben. Auch wenn das dann vielleicht dazu führt, dass man nackt auf dem Balkon tanzt und Zungensprache oder Parsel spricht.

    Jedenfalls wird das so auf die Dauer bei dir nicht funktionieren. Vor allem, wenn man sich dann auch noch im schwierigsten Semester befindet, das vermutlich selbst bei voller Konzentration und Leidenschaft nicht so ganz einfach zu verstehen ist. Auf absoluter Sparflamme sich irgendwie durchzumogeln, wird da wohl kaum möglich sein.

    Der Idealfall wäre sicherlich, wenn man für das, was man studiert, auch richtig brennt... wenn man mit ganzem Herzen dabei ist. Zum Beispiel wenn jemand Medizin studiert, weil er den Traum hat, später Arzt zu werden und anderen Menschen helfen zu können. Ich kann mir vorstellen, dass man dann den Stoff, den man lernt, auch nicht so sehr wie eine lästige Schulaufgabe empfindet und auch nicht ständig die Stunden zählt, die man dafür aufwendet.

    Wenn man hingegen etwas studiert, nur um eben irgendwas zu studieren, und weil man es halt irgendwie ganz interessant findet, ohne dass man es aber später dann beruflich für den Rest seines Lebens machen möchte, ist die Motivation natürlich nicht ganz so groß. In dem Fall wäre vielleicht ein anderes, etwas weniger intensives Studium die bessere Idee gewesen. Psychologie oder sowas. Oder in deinem Fall vielleicht Musik? Wäre aber sicher auch nervig geworden, wenn ich an die letzte Musik-Facharbeit zurückdenke... :kotz:

    Tja, aber mehr als allgemeine Weisheiten kann ich hier leider auch nicht von mir geben, ich habe ja nicht mal richtig studiert. Aber vielleicht gibt es paar andere Leute hier, die auch so ähnliche Probleme haben oder hatten, und die ein paar gute Tipps geben können, was man da machen könnte?

    Letztlich sehe ich nur zwei sinnvolle Optionen: Durchhalten und an sich arbeiten, damit man härter wird und die Scheiße besser erträgt, oder es hinschmeißen und eine bessere Alternative finden, wohlwissend, dass die meisten Vollzeit-Jobs ebenfalls ziemlich zeitaufwändig sind und einem kaum noch Zeit für's Privatleben lassen. Was meinst du, warum so viele Menschen da draußen durchdrehen oder geistig komplett abstumpfen? :sleepdrunk: :hurtself:

  • Ich kenn ähnliche probleme,psychosoziale überlastung in kombination mit sinnsuche/ fehlender motivation von früher. Ich hab mein studium etwas zu schnell geschmissen und brauchte dann mehrere jahre zur selbstfindung. Hat mir langfristig nicht geschadet und wenn man jung ist, kann man sich das noch locker leisten. Später wird das schwieriger, also würde ich nicht zu lange damit warten, diesen offensichtlich gesundheitsschädlichen Druck zu reduzieren und irgendwie zur Ruhe zu kommen. Dürfte heutzutage auch kein problem sein, sich wegen so was vom studium beurlauben zu lassen,um erst mal den kopf frei zu bekommen.


    Achja und mit alk funktionieren ist immer ne schlechte idee und schafft nur neue probleme. Da würde ich eher antidepressiva einschmeißen als mit vodka anfangen.

    Für das yatanische Volk, Yatanistan und den gelenkten Yatanismus!

  • Was jedenfalls mittelfristig schiefgehen wird, ist, sich zu etwas zu zwingen, weil es als einzige Alternative erscheint. Ein Freund von mir hatte sich in den sozialen Bereich verirrt, weil er dachte, da irgendwas Sinnvolles machen zu können, bis er dann - nach diversen Episoden, Klinikaufenthalt etc. - für sich eingesehen hat, dass dies der falsche Weg für ihn ist. Jetzt er in seinem ganz lebenspraktischen Wirtschaftsinformatikstudium einigermaßen zufrieden und auch psychisch stabiler.

    Er lebt auch mittlerweile allein, weil er ebenso eingesehen hat, dass das WG-Leben mit Druffies und Idioten seinen Teil zu seiner Misere beigetragen hat. Ein weiterer Punkt war der offensive Bruch mit dem kaputten Vater, der ihn ebenfalls ein Stückweit 'kaputt gemacht hat'.

    Ich denke, es ist klar, worauf ich hinauswill. Man muss die schädlichen Elemente in seinem Leben identifizieren und Stück für Stück ausschalten. Ich könnte jetzt einfach schreiben: Brich den Quatsch ab, wenn er dich unglücklich macht oder überfordert, wechsel das soziale Umfeld, vielleicht sogar den Studienort. Im Ernst, ich wäre gerne nochmal in meinen 20ern mit dem Wissen und der Einstellung, die ich heute, 20 Jahre später habe. Diese ganzen Talfahrten, eigene und die der anderen, habe ich in dem Alter ja auch miterlebt. Da helfen gute Worte natürlich nicht weiter, da Wahrheiten nicht mitgeteilt, sondern erfahren werden müssen.

    Aber Step by step mehr Selbstfürsorge sollte schon machbar sein ... und da der Tenor der anderen hier meist ist: Du bist so klug und weit für dein Alter, hier mal eine andere Perspektive: Mit Anfang 20 weißt du nicht viel über dich oder die Welt. Insofern sind auch (Minderwertigkeits-)komplexe ziemlicher Quatsch, da das auch nur Projektionen sind, die aus Ängsten und Zuschreibungen resultieren. Aber das sind auch nur Worte. Es ist leider so, dass wir unsere alten 'Unityianer' nicht retten konnten - klar das war auch nicht unsere Aufgabe - aber ist eben die Frage, ob wir seit damals schlauer geworden sind. Vielleicht ist professionelle Hilfe für den Anfang doch eine Möglichkeit? So oder so wirst du wohl nicht daran vorbeikommen, tatsächlich dein Leben zu ändern - und zwar so, dass es für DICH funktioniert, und nicht um irgendwelche Erwartungen zu erfüllen.

    P.S.

    Das hier ist cooler als die Bibel und hilft auch tatsächlich weiter, wollte schon länger was dazu im Kriegerthread schreiben:

    Der Pfad des friedvollen Kriegers: Das Buch, das Leben verändert von Dan Millman
    Der Pfad des friedvollen Kriegers: Eine Reise zur inneren Transformation "Der Pfad des friedvollen Kriegers" von Dan Millman ist weit mehr als nu
    markusflicker.com

    Why do we fall?

  • Das wirkt vielleicht etwas blöde und uninspiriert aber mir hat es extrem geholfen:

    Gehe pro Tag 30 Minuten spazieren, irgendwo in deiner Gegend, am besten ein Waldpfad. Beobachte, höre Musik, das ist recht heilsam. Und im schlimmsten Fall warst du unnötig 30 Minuten draußen und nicht in dieser WG...

    Aber ich stimme auch zu, dass professionelle Hilfe oder zumindest ein Gespräch nicht schaden kann. Alle weiteren neunmalklugen Ratschläge lasse ich jetzt mal weg.

  • Wie man es von mir kennt, ist mit der Erstellung des Threads die Schreibenergie für zwei Monate zunächst vollständig verdampft. Mir fehlten aber auch schlicht Gedanken, deren innerer Ertrag den Aufwand einer Antwort gerechtfertigt hätte – gepaart mit, ja, mangelnder Zeit und aus der Bahn werfenden Zwischenfällen, die dann unvermittelt in den Weihnachtsferien mündeten. Heimattechnisch waren diese dann wieder eine ganz eigene Disziplin (und lenkten mich aber zuverlässig von der depressiven Episode ab, deren zeitliche Endlichkeit mir zu Beginn des Dezembers noch ausgesprochen unwahrscheinlich erschien).

    Wie dem auch sei, ich bin wieder da, und ich habe seit elf Tagen Neuigkeiten zu verkünden. Die monotonen Tage jedoch nehmen immer dieselbe Gestalt an: Irgendwann gegen Mittag, selten vor elf, krieche ich aus dem Bett und überlege mir, ob ich zur Uni fahre. In der Regel entscheide ich mich dagegen, sofern kein verpflichtendes Laborpraktikum oder klausurrelevantes Tutorium zu besuchen gibt. Der Rest des Tages verläuft halb konzentriert, halb apathisch in der Klausurvorbereitung, bis ich Abends, frei von brauchbaren Gedanken, dafür umso stärker durchzogen von Müdigkeit und einer schwer zu zähmenden Wut über das fehlende "eigene" Leben, bis tief in die Nacht, also zwei Uhr oder später, dahinsieche. Der Frust speist sich aus der Erkenntnis, dass diese Zeit nicht besser zu investieren ist, wenn einem die Augen zufallen, und man nächtlich sein schwer lastendes Anliegen erneut auf den nächsten Tag verschieben muss, die selbst errichtete und nun kürzlich vom Geistesblitz durchschlagene Mauer im Hirn endlich in einen zusammenhängenden Text zu gießen.

    Also, *lufthol*:

    Das Physikstudium werde ich nach diesem Semester an den Nagel hängen bzw. mache einen pragmatischen Schritt zur Seite und wechsle zur Informatik. Die Physik bleibt dabei mein Anwendungsgebiet. Meinem irrationalen Selbstwert zuliebe möchte ich festhalten, dass es schaffbar gewesen wäre. Mit den anstehenden Klausuren steuere ich ziemlich genau auf genau die Hälfte der Pflichtmodule zu, und ich weiß, dass ich auch die darauffolgenden Module mit hinreichender Zeitinvestition hätte bewältigen können. Genau darin liegt allerdings der Kern der Sache: Ich bin nicht mehr bereit, diese Zeit zu investieren, und über die vergangenen Monate hat sich das nur allzu deutlich in mir aufgebäumt, zum Beispiel in Form subtiler Verweigerung oder sich zuspitzenden Extremsituationen.

    Mit Blick auf die anstehenden Prüfungen, die jetzt zwingend laufen müssten, damit ich im nächsten Semester guten Gewissens mit den darauf aufbauenden Pflichtmodulen fortsetzen kann, hielt ich die Situation lange Zeit für alternativlos. Und es sieht eigentlich vielversprechend aus, ich könnte durchaus bestehen und müsste mir keine Sorgen machen, bis zu dem Moment, in dem ich den Blick über das aktuelle Semester hinaus wagte und bemerkte, dass ich eigentlich gar keine Lust auf das habe, was folgt. Das Bestehensniveau schüttele ich mir nicht gerade aus dem Ärmel, und ich habe wenig Lust, am Ende jedes Semesters darum zu bangen, ob die angestrebte Studiendauer hält oder ob ich durch die eine oder andere Prüfung rassle und darauf zwei Semester länger studieren muss (sowas könnte sich mehrfach aufsummieren, dann gibt's irgendwann kein BAföG mehr, ich muss mir nen Drecksjob für nebenbei suchen und ähnlich nervige Dinge). Es wird keine Luft zum Atmen lassen – mein Leben besteht aktuell aus Reaktion auf die Außenwelt, ohne nennenswertes "eigenes" Dasein, und es gibt keine realistische Aussicht, dass sich das innerhalb eines Jahres substanziell bessert – was mich letztendlich zu diesem Entschluss führte.

    Ok, jetzt fragt man sich, warum die Informatik besser laufen sollte? Im ersten Impuls orientierte ich mich an den Erfahrungswerten einiger Kommilitonen, die denselben Weg gegangen sind und und seither bedeutsam gelassener wirken. Sie alle berichten davon, mehr Zeit zu haben. Nicht ohne Grund existiert an unserer Uni der Begriff der 'Pipeline' für diesen Pfad. Die Pflichtmodule umfassen breiter gefächerte Themen und sind einfacher zu bestehen – ich war ehrlich überrascht, als ich die Mathematikklausur der Informatiker sah und latschte daraufhin vergangene Woche zum Prof, um mir unter Angabe meiner bisherigen Zulassungen die für seine Klausur abzuholen und sie jetzt spontan mitzuschreiben. Die besser laufende Matheklausur lasse ich mir anrechnen.

    Der Alltag soll zeitlich überschaubarer sein, und genau darum geht es mir, um einen erträglichen Rhythmus, um einen Rahmen, der mir nicht permanent das Gefühl gibt, innerlich völlig entfremdet vom eigenen Leben in Ketten zu liegen. Ein Studium, das mir so viel Stabilität gewährleistet, dass ich am Ende des Semesters in der Prüfungsphase nicht jedes Mal all meine Entscheidungen infrage stellen muss, falls etwas nicht klappen sollte. Sowohl, was den weiteren Verlauf des Studiums betrifft als auch im Hinblick auf die Gesamtzeit. Ich werde mir Kram zu Gemüte führen, der am Ende Erfolgserlebnisse verspricht, während ich in die Physik unverhältnismäßig mehr Aufwand reinstecken musste als sie mir zurückgab. Selbstverständlich werde ich da kein sauberes 1:1-Verhältnis erreichen, nicht in den Naturwissenschaften zumindest, dafür geht es um die Nützlichkeit im besten Sinne, als Bedingung für die eigenen Interessen.

    Wenn es mir nur um den Abschluss ginge, hätte ich längst etwas studiert, das aus Worthülsen, Selbstmarketing und dummem Geschwätz besteht (ohne damit sämtliche Geisteswissenschaften über einen Kamm zu scheren, jedoch klaffen Welten zwischen den Anforderungen verschiedener Studiengänge, wie ich bei meinen Mitbewohnern beobachte. Ich stand vorhin in der Küche und lauschte einer, die von ihrem ersten Germanistiksemester erzählte, in dem sie NICHTS abliefern musste).

    Mit Programmierung hatte ich bislang herzlich wenig zu tun. In der Schulzeit ein wenig Python, Space Invaders, verhältnismäßig trivialer Kram, von dem kaum etwas übrig ist. Ohne den reinen Pragmatismus wäre ich vermutlich nie auf die Idee gekommen, Informatik zu studieren. Aber ich arbeite mich gern in Systeme ein, bin hoffentlich versiert genug, um die Strukturen zu verstehen, und kann mir vorstellen, mit Erfolgserlebnissen und ausreichend Ausgleich einen gewissen Gefallen daran zu finden.

    Zur Absicherung dieses Entschlusses bin ich auch beim Prüfungssekretariat aufgeschlagen – mit dem Wechsel verliere ich im Grunde keine Zeit. Na gut, nur mein zweites Laborpraktikum, das ich mir zur Konservierung meiner Semesterferienfreizeit ins Semester legte, war jetzt umsonst, und stattdessen kriege ich nen dreiwöchigen Programmierkurs in die Ferien reingedrückt. Ein aktuelles Modul in Experimentalphysik, das ich mochte, wird auch nicht angerechnet, und der Rest ist 'Entweder-oder'-Gedöns, bei dem die bessere Note zählt. Jedenfalls ist das Anwendungsgebiet damit abgehakt.

    Meinen Eltern muss ich das noch verkaufen – den Karriereparametern meines Vaters dürfte ich damit noch gerecht werden, ihm ist vor allem wichtig, dass mein Zweig Kohle einbringt und im Falle der Auswanderung auch international einsetzbar ist. ;) Ich werde mir auch einen Laptop anschaffen müssen, der täglich gut transportierbar ist, dafür ist diese Kiste hier etwas zu groß und overpowert. Gut, daran soll's nicht scheitern. In meiner giftigen Heimat lasse ich mich erst mal sowieso nicht blicken, nachdem meine Mutter meint, ihre Auseinandersetzungen mit meinem Vater durch mich kompensieren zu müssen, mich tagelang wie Luft (und meinen jüngeren Bruder demonstrativ bevorzugt) zu behandeln, mir hinterherzuschreien, ich solle mich doch zurück in mein scheiß Heidelberg verpissen und nicht wiederkommen, um am Tag der Abreise dann wieder mit großen und bettelnden Augen zu fragen, ob ich nicht doch vielleicht im März vorbeischauen möchte. Mein Vater steht dem in nichts nach, er sorgt dafür, dass die Heizung den ganzen Winter lang nicht angerührt wird, dreht das Warmwasser herunter, erlaubt nur das wenige Licht einer Nachttischlampe und beschuldigt mich gleichzeitig, mit dem frühen Auszug den dümmsten Fehler meines Lebens begangen zu haben. :lol_gif: Ferner bin und bleibe ich in seinen Augen ein dummer Idiot und Nichtsnutz, solange ich mich weigere, seinen scheiß PROPANGAS-CAMPINGHERD zu benutzen, den er vor ein paar Jahren bereits auf dem Elektroherd deponiert hat. Der Höhepunkt der Farce war erreicht, als ich davon erfuhr, dass er trotz all dessen Geld von meinem Konto abgebucht hatte mit der Begründung, sie würden doch kein Wohngeld mehr für mich kassieren, seit ich weg bin, und er habe gesehen, dass ich von meiner WG das überschüssige Haushaltsgeld für Abwesenheitstage zurückbekäme, während ich bei ihnen ja gerade knapp drei Wochen wohnte. Ich gebe zu: Grobe Fahrlässigkeit meinerseits, das Konto nicht viel früher selbst in die Hand genommen und mich im Süden in seiner vergeblichen Hoffnung auf nen Wohngeldvorteil lediglich als Nebenwohnsitz angemeldet zu haben. Ich sehe keinen Weg, mich aus der Situation nun halbwegs elegant herauszumanövrieren, ohne das große, egoistische Arschloch zu sein. Offenbar gehört auch das zu den anstehenden Veränderungen.

    μολὼν λαβέ.

    Einmal editiert, zuletzt von Lissaminka (27. Januar 2026 um 01:15)

  • Meine Wohnsituation zugunsten zeitlicher Effizienz sollte ich auch mal angehen, aber eins nach dem anderen.

    In dem Fall wäre vielleicht ein anderes, etwas weniger intensives Studium die bessere Idee gewesen. Psychologie oder sowas. Oder in deinem Fall vielleicht Musik?

    Psychologie hätte mich nur dann interessiert, wenn sie an den Wurzeln anpacken würde. Stattdessen geht's in den Inhalten, die an den Unis gelehrt werden, um Alltagskompatibilität, Verhaltenstherapie und Medikamentenkataloge für den inneren Notbetrieb – die Mehrheit der Bevölkerung soll am Ende halt wieder arbeitsfähig werden, und dabei schießt der Blick auf die grundlegenden Ursachen des Elends über das Ziel hinaus. Außerdem bin ich miserabel im Auswendiglernen, reproduktives Lernen liegt mir irgendwie nicht.

    Und Musik, tja, mit dreizehn hätte ichs gemacht, meine Musiklehrerin war drauf und dran, mich mit aller Hingabe zu fördern und ins Konservatorium zu stecken, aber meine Eltern zogen die Reißleine und verdonnerten mich zu etwas "Bodenständigem" (jetzt fände ich ne Luftfahrtkarriere nach dem Studium gang interessant, mal schauen). Der Zug ist für mich jedenfalls abgefahren.


    Mit Anfang 20 weißt du nicht viel über dich oder die Welt. Insofern sind auch (Minderwertigkeits-)komplexe ziemlicher Quatsch, da das auch nur Projektionen sind, die aus Ängsten und Zuschreibungen resultieren.

    Mit Anfang 20 weiß man immerhin genug, um zu merken, dass vieles falsch läuft, und das ist mehr Erkenntnis, als viele später noch zulassen.


    Vielleicht ist professionelle Hilfe für den Anfang doch eine Möglichkeit?

    Professionelle Hilfe ersetzt kein Denken. Sie kann höchstens dabei helfen, wieder damit anzufangen. Wenn man Glück hat.
    Jedoch gab es eine Summe unterbewusster Anstöße, die mich in den letzten Wochen wachrüttelte – und einer davon war dein Beitrag.


    Unterm Strich muss ich gestehen, recht melancholisch um die romantische Seite der Physik zu sein. Seit der achten Klasse ist mir kaum etwas begegnet, das so kompromisslos "ehrlich" war und meinen eskapistischen Impuls so sauber bediente wie diese abstrakte Welt aus Wellengleichungen und Elektronenwölkchen. Das aufzugeben fühlt sich falsch an, weil ich lange Zeit dachte, so könnte ich mich arrangieren. Das ist noch aus meiner Prä-Unity-Zeit.

    Davon nicht unabhängig empfinde ich Misstrauen gegenüber einem Leben, das formal funktioniert, aber innerlich nicht viel bietet. Man tut, was man tun soll, bewegt sich vorwärts, sammelt Begründungen, doch irgendwo unterwegs verschiebt sich etwas, und plötzlich lebt man an sich selbst vorbei. Dazu soll es nicht kommen.

    Der Wechsel in einen stärker "menschengemachten" Bereich fühlt sich deshalb zunächst wie ein fauler Tausch an, dort gibt's viel mehr Zweckmäßigkeit, mehr Leute, die aus Nützlichkeit "Sinn" extrapolieren. Mit etwas bösem Willen ließe sich das als die BWL unter den Naturwissenschaften bezeichnen, und der Gedanke liegt nicht fern. Was bleibt, ist die Hoffnung, dass sich dieser Schritt zumindest in Zeit und Erfolgserlebnissen auszahlt. Das ist vielleicht ehrlicher, sich einfach ein erträgliches Leben zu bauen, das den Raum lässt, um überhaupt wahrzunehmen, wie und wofür man lebt, bevor man sich endgültig festlegt. Aktuell ist das Studium auch nur der Plan B, und ich versuchs danach zuerst mit der Luftfahrt. Und falls am Ende tatsächlich nur der radikalere Weg bleibt, dann soll wenigstens die Möglichkeit bestehen, mit möglichst wenig Aufwand möglichst viel Zeit zu haben, zum Lesen, zum filosofieren – zum Zeitvertreib im Grunde, weil alles andere irgendwann unerträglich wird.


    Ich muss bei all diesen Gedanken immer wieder an das Trainspotting-Zitat denken:

    Zitat

    Sag ja zum Leben, sag ja zum Job, sag ja zur Karriere, sag ja zur Familie. Sag ja zu einem pervers großen Fernseher. Sag ja zu Waschmaschinen, Autos, CD-Playern und elektrischen Dosenöffnern. Sag ja zur Gesundheit, niedrigem Cholesterinspiegel und Zahnzusatzversicherung. Sag ja zur Bausparkasse, sag ja zur ersten Eigentumswohnung, sag ja zu den richtigen Freunden. Sag ja zur Freizeitkleidung mit passenden Koffern, sag ja zum dreiteiligen Anzug auf Ratenzahlung in hunderten von Scheiß-Stoffen. Sag ja zu Do-it-yourself und dazu, auf Deiner Couch zu hocken und Dir hirnlähmende Gameshows reinzuziehen. Und Dich dabei mit Scheiß-Junk-Fraß vollzustopfen. Sag ja dazu, am Schluß vor Dich hinzuverwesen, Dich in einer elenden Bruchbude vollzupissen und den mißratenen Ego-Ratten von Kindern, die Du gezeugt hast, damit sie Dich ersetzen, nur noch peinlich zu sein.

    Sag ja zur Zukunft, sag ja zum Leben.

    Aber warum sollte ich das machen?

    μολὼν λαβέ.

  • Ich sehe keinen Weg, mich aus der Situation nun halbwegs elegant herauszumanövrieren, ohne das große, egoistische Arschloch zu sein. Offenbar gehört auch das zu den anstehenden Veränderungen.

    Unbedingt! In meinen Augen verdienen deine Eltern nichts anderes, weil sie dir etwas schulden und nicht umgekehrt. Wenn man als Kind nach Kräften unterstützt und liebevoll behandelt wurde, dann sollte man seine Eltern später nicht hängen lassen, wenn sie mal Hilfe brauchen. Aber so wie du das beschreibst, können die doch froh sein, wenn du überhaupt noch Kontakt zu ihnen pflegst.

    Wie auch immer: Mir gefallen deine neuesten, pragmatischen Entscheidungen und ich drücke dir die Daumen, dass sie die gewünschten Früchte tragen.

    Für das yatanische Volk, Yatanistan und den gelenkten Yatanismus!

  • Liebe Lissi,

    wir kennen uns nach dem Berlin-Treffen im Sommer nun noch nicht super gut, aber wie versprochen antworte ich dir hier. Eventuell gibt es ja ein paar für dich nützliche Zeilen. Ich habe deine Geschichte hier einigermaßen verfolgt, zugegeben aber nicht tagaktuell.

    Zunächst einmal zu deinem Physik-Studium: In Stuttgart war es in Physik tendenziell immer etwas speziell und schwierig Fuß zu fassen. Inhaltlich hochkomplex, gleichzeitig eine teilweise etwas elitäre und abgehobene Community. Da wurde man dann angemault, wenn man nicht nur die Formelzeichen kursiv gemacht hat, sondern auch die Einheiten. Konkrete Hilfestellung wiederum gab es kaum. Du würdest mit Physik auch früher oder später vor dem Problem stehen, entweder im Rahmen einer Promotion in die Forschung zu gehen, also richtig Gas zu geben, oder eben in einem Job zu landen, der mit dem Studierten recht wenig zu tun hat (vermutlich ohnehin IT). Ich finde einen Wechsel naheliegend, weil anwendungsorientiertere Studiengänge auch ein Zurückschalten ermöglichen, ohne gleich den Sinn des Studierten völlig Zunichte zu machen. Achte darauf, dass du beim Wechsel nicht versehentlich das Bafög komplett verlierst.

    Ich würde dir aber nach dem Studienwechsel aber dringend dazu raten, geordnet zu studieren und dein Studium abzuschließen. Das natürlich nicht des Abschlusses wegen, sondern weil aus meiner Sicht ein akademisches Umfeld einfach für die persönliche Orientierung, Entwicklung und Genesung ein besseres Umfeld verspricht als das Arbeiten an der Tanke, die Nachtschicht in der Fabrik oder das Sammeln von Pfandflaschen im Straßengraben.

    Sofern die Kohle nicht reicht, empfehle ich HiWi Jobs in Anfängerpraktika oder Mathe-Tutorien und solchen Kram. Die Menschen sind recht entspannt und alles in allem ist das recht leicht verdientes Geld.

    Was deinen Tagesablauf, Wohnsituation, Elternhaus angeht, so muss man denke ich folgendes im Kopf haben: WGs machen Menschen kaputt, Großstädte machen Menschen kaputt, Alkohol macht Menschen kaputt, Drogen machen Menschen kaputt, nächtliche Eskapaden machen Menschen kaputt, krank deepe Internetforen machen Menschen kaputt. Aber all dem gemeinsam ist leider, dass es nur bereits Kaputte oder Angeschlagene kaputt macht.

    Ich habe in meiner WG-Zeit eine fast zweistellige Anzahl Mitbewohner verschlissen, die "normal" zu mir eingezogen sind und dann kaputt wieder gegangen. Menschen, denen nun endlich keiner mehr zuhause gesagt hat, dass Day-Drinking nicht nur geil ist. Leute, die sich übers fröhliche Kiffen in der eigenen Bude gefreut haben und dann nebenbei mit der Badewanne den Flur überschwemmt. Studenten, die zwar von irgendwelchen Fristen wussten, sie aber nie aufgeschrieben oder beachtet haben. Allen gemeinsam war, dass sie aus mehr oder weniger problematischem Elternhaus gekommen sind. Diejenigen, die fröhlich pfeifend und glücklich von zuhause entlassen wurden, haben es gepackt.

    Mit Anfang 20 weiß man immerhin genug, um zu merken, dass vieles falsch läuft, und das ist mehr Erkenntnis, als viele später noch zulassen.

    Absolut. Aber mit Anfang 20 sucht man eventuell mehr Halt und Orientierung an irgendetwas. Und wenn nichts da ist, greif man um sich und schafft es sich selbst. Mal mehr oder weniger erfolgreich. Leider kann ich zur Lösung dieses Problems nicht irre viel beitragen, außer: Schaff dir so viel Resilienz und Struktur wie es irgendwie geht an (!!und lösche die Kontovollmacht deiner Eltern!!).

    Gerne zitiere ich aber Lonewolf hier nochmal.

    Es ist leider so, dass wir unsere alten 'Unityianer' nicht retten konnten - klar das war auch nicht unsere Aufgabe - aber ist eben die Frage, ob wir seit damals schlauer geworden sind. Vielleicht ist professionelle Hilfe für den Anfang doch eine Möglichkeit? So oder so wirst du wohl nicht daran vorbeikommen, tatsächlich dein Leben zu ändern - und zwar so, dass es für DICH funktioniert, und nicht um irgendwelche Erwartungen zu erfüllen.

    Die Unity hatte schon genug Menschen, denen gewisse User in der Vergangenheit eingeredet haben, dass man an der schlimmen Welt und dem eigenen Selbst je nichts tun könne und maximal darüber jammern, wie furchtbar alle äußeren Umstände sind. Genützt hat das meines Wissens aber auch niemandem.

  • Mit Anfang 20 weißt du nicht viel über dich oder die Welt. Insofern sind auch (Minderwertigkeits-)komplexe ziemlicher Quatsch, da das auch nur Projektionen sind, die aus Ängsten und Zuschreibungen resultieren.

    Mit Anfang 20 weiß man immerhin genug, um zu merken, dass vieles falsch läuft, und das ist mehr Erkenntnis, als viele später noch zulassen.

    Ja, aber das nützt dir unmittelbar erstmal wenig, denn deinen Platz musst du ohnehin finden, unabhängig davon, wie sich die äußeren Verhältnisse darstellen. Es ist gut, frühzeitig zu wissen, dass man bestimmte als falsch empfundene Wege nicht einschlagen will. Da ist man dann tatsächlich Menschen voraus, die einfach vorgegebene Bahnen beschreiten und irgendwann in ihrem Leben merken, dass sie sich doch innerlich leer, unglücklich oder tot fühlen, obwohl sie doch brav nach den Regeln gespielt haben. Diesen Punkt hast du rein von der Erkenntnis her längst erreicht. Jetzt geht es an die Umsetzung, wozu natürlich u.a. die eigene Autonomie und auch das Loseisen von den Eltern gehört (eine gewisse Distanz herzustellen kann auch dazu beitragen, dass man irgendwann ein neues, gesünderes Verhältnis zu ihnen entwickelt). Studienfachwechsel und weiterhin Bafög hat bei mir ohne Probleme geklappt, man muss einfach eine gute Begründung abliefern. Und auch den Tipp mit der Hiwi-Stelle kann ich unterstützen, das war für mich auch leicht verdientes Geld.

    Wichtig ist eine gewisse Self Care. Man neigt in dem Alter stark zu Selbsthass und Selbstsabotage, sei es bewusst oder unbewusst. Das geht durchaus mit der 'Gesellschaftskritik' Hand in Hand, siehe Trainspotting, Fight Club etc. Da wird die Selbstzerstörung zum Racheakt an einer Gesellschaft, der man sich nicht unterwerfen will - und da man sie nicht verändern kann, richten sich die Aggressionen gegen einen selbst. Das ist logisch in einer Zeit, in der Machtansprüche und Zwänge subtil über die Kontrolle des Körpers ablaufen (Selbstoptimierung etc.).

    Da ist es dann wichtig, wirklich zu lernen, auf die eigenen legitimen Bedürfnisse zu hören und gut mit sich selbst umzugehen, Stichwort physische und psychische Hygiene.

    Man kann natürlich positive Punkte aus diesen popkulturellen Rebellennarrativen übernehmen - ich hab z.B. einen gewissen Minimalismus immer beibehalten ('wir machen Jobs, die wir hassen, und kaufen dann Scheiße, die wir nicht brauchen').

    Wissen contra Erfahrung: Intellektuell Dinge nachvollziehen ist das eine, sie zu erleben, eine völlig andere. Ich kann sämtliche existenzialistische Literatur in der Jugend konsumieren und rezitieren, aber es ist etwas anderes, existenzielle Erschütterungen am eigenen Leib zu erfahren. Vieles löst sich danach auf, weil seine Belanglosigkeit offen zutage tritt. Aber dafür muss man diese Erfahrungen machen und 'durchs Feuer gehen'.


    Professionelle Hilfe/Beratung: Kann schon helfen, wenn es entlastend wirkt - und nicht als noch eine weitere 'Aufgabe', die du zu erfüllen hast. Das ist dann eben die Frage, wie du das wahrnimmst und wie dir das vermittelt wird.

    Schlaf, Rhythmus, Rückzugsräume, das ist von essenzieller Bedeutung und kann gar nicht genug betont werden. Ich kenne insbesondere Schlafprobleme sehr gut, aber daran kann und sollte man arbeiten.

    Why do we fall?

    Einmal editiert, zuletzt von Lonewolf (28. Januar 2026 um 11:14)