Reinkarnator / Unity 4

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Es gibt 7 Antworten in diesem Thema, welches 5.205 mal aufgerufen wurde. Der letzte Beitrag (24. Juli 2021 um 15:38) ist von Dian.

    • Offizieller Beitrag

    So, der nächste Roman ist für E-Book-Reader angepasst worden... es handelt sich um Reinkarnator, ursprünglich erschienen 2014.

    Hier könnt ihr ihn euch runterladen, als .epub-Datei für E-Book-Reader:

    Reinkarnator (Unity 4) - Dian The Saint.zip

    Oder, falls ihr es lieber wie gehabt im PDF-Format haben wollt:

    Reinkarnator (Unity 4).pdf

    Im direkten Vergleich zu den Vorgängern, die ich ja kurz davor ebenfalls nochmal gelesen habe, ist mir wieder aufgefallen, dass es zwar von der Thematik und den Charakteren her ein typischer Dian The Saint-Roman ist, dass die Stimmung aber irgendwie doch etwas von den Vorgängern abweicht. Gegenwelt beispielsweise ist definitiv düsterer... obwohl ja eigentlich in beiden Büchern ähnliche Themenbereiche behandelt werden. Aber während es in Gegenwelt nach dem noch relativ harmlosen Beginn kontinuierlich abwärts geht mit der Stimmung und kaum eine Auflockerung in Sicht ist, ist Reinkarnator mehr so ein Auf und Ab, wo sich verschiedenste Stimmungen und Gefühlslagen miteinander abwechseln. Genaugenommen erzähle ich in Reinkarnator aber ja auch nicht nur eine Geschichte, sondern mindestens 4 oder 5 verschiedene.

    Und es sind gerade diese kleinen Episoden, die mich berühren, und auf die ich mich beim Lesen jedes Mal aufs Neue freue. Etwa wie sich Wizard und Enigma im Kinderheim miteinander anfreunden und sich ihre eigene kleine Welt aufbauen... oder wie Sali zu Isak ins Auto steigt und sie dann vor Isaks Vater so tun, als ob sie sich schon ewig kennen würden, obwohl sie sich gerade zum ersten Mal begegnet sind.

    Ich denke, es sind gerade diese unspektakulären, zwischenmenschlichen Momente, in denen Reinkarnator besondes glänzt. Heroisches Blutvergießen gibt es natürlich auch, aber irgendwie wirkt die Gewalt hier distanzierter, ironischer, und weniger intensiv als in meinen früheren Werken, was vermutlich auch mit der Distanziertheit und Coolness der Charaktere zusammenhängt, die (storybedingt) nun einmal ziemlich über den Dingen stehen und sich über ihre inneren Dämonen und Widersprüche wesentlich mehr Gedanken machen als über den Feind oder die Angst vor dem Tod.

    An anderer Stelle habe ich ja schon mal erwähnt, dass das letzte Drittel vielleicht der schwächste Teil des Romans ist. Möglicherweise empfinde ich es aber auch nur selber so, weil ich noch so gut in Erinnerung habe, wie ich beim Schreiben endlich zu einem Ende kommen wollte, aber lange keine Idee für einen würdigen Abschluss gefunden habe und mir doch etwas schwer damit tat. Beim neuerlichen Lesen fand ich jetzt eigentlich, dass sich das Finale recht gut in die Gesamtstruktur des Romans einfügt. Allerdings wirkt manche Entwicklung im letzten Drittel vielleicht ein bisschen arg an den Haaren herbeigezogen bzw. zu konstruiert. Wer hier Logikfehler sucht, wird sicher an der einen oder anderen Stelle fündig werden. Die Rede an die Fernsehnation am Ende finde ich dann wiederum richtig cool, so dass ich dann doch wieder grinsend da saß und mir dachte, wie gern ich dieses krasse Finale verfilmt sehen würde.

    Die Auflößung der Geschichte ist dann vermutlich wieder Geschmackssache. Man hätte diese Geschichte auf so viele Arten enden lassen können... ob es die "eine richtige" überhaupt gibt, weiß ich nicht. Also hintenraus hätte man sicher diverse Dinge anders machen können, aber mit dem Anfang und dem Mittelteil bin ich doch sehr zufrieden, auch heute noch.

    • Offizieller Beitrag

    Ich hab durch Zufall noch irgendwo auf der Festplatte einige nicht verwendete Entwürfe gefunden. Hatte ganz vergessen, wie viel ich beim Schreiben dieses Romans hin und hergeschwankt bin und wie oft ich alles wieder komplett umgekrempelt habe, weil ich nicht wusste, worauf ich am Ende eigentlich hinaus will. So schwer hab ich mir noch bei keinem anderen Buch getan (auch bei dem neuesten nicht.)

    Ich poste hier mal ein paar dieser "deleted Scenes", für den Fall, dass es irgendwann mal jemand interessiert, der das Buch gelesen hat. Betrachtet es einfach als kurzen Blick in eine Paralleldimension, in der die Dinge etwas anders abgelaufen sind als in der Haupt-Story.

    (natürlich hat es hier mehr Schreibfehler und manches ist nicht so gut ausformuliert, ist ja schließlich nur Ausschuss)

    Deleted Scene 1:
    In dieser Version der Geschichte bekommt der vergangene Clyde den Reinkarnator von Duncan ausgehändigt. Danach folgt eine völlig andere Erklärung für die Herkunft des Reinkarnators, die ein bisschen mehr Sci-Fi-Feeling aufkommen lässt.

    Spoiler anzeigen

    Ich sinke tiefer in den bequemen Sessel hinein und schüttele grinsend den Kopf.

    „Musst du immer alles so kompliziert machen, Duncan?“

    „Ich meine es verdammt ernst!“, schimpft der Angesprochene, erhebt sich und haut mit der flachen Hand auf den Tisch, als ob er am liebsten rüberkommen und mir das Grinsen aus dem Gesicht schlagen wollte.

    „Nichts und niemand kann dich vorbereiten auf das, was dich erwartet, wenn du meiner Bitte nachkommen solltest. Tief in dir drin… hinter dieser ganzen Straßenkämpferfassade und diesem ganzen ich bin der cooole Reaper-Reaper-Scheiß… tief in dir drin bist du’n Mensch wie alle anderen auch. Ein Kind bist du, genaugenommen. Willst gern geliebt werden, lachen und herumtollen, und traust dich nur nicht… höchstens wenn du ganz viel getrunken hast… Was meinst du, warum ich dich so oft abfülle, hä?“

    „Du füllst dich doch selbst am allermeisten ab.“, entgegne ich trotzig, weil ich nicht ganz nachvollziehen kann, wieso er auf einmal auch versucht, mir irgendwelche Gefühle aus der Nase zu ziehen, wie es Jenny und die anderen tun… er, der doch eigentlich nie ein Problem damit hatte, mich einfach so zu akzeptieren wie ich bin.

    „Ehrlich, Duncan… du weißt am allerbesten, was ich kann und was ich nicht kann. Und wenn du denkst, dass ich ne Bitte von dir nicht ausschlagen könnte, weil ich mich irgendwie dazu verpflichtet fühle, für dich jeden Dreck zu machen, dann denkst du verdammt noch mal falsch. Ich habe deine Tochter gefickt, ok? Und ich hätte das vermutlich auch getan, wenn du es mir verboten hättest.“

    „Schon gut, schon gut.“, erwidert er mit einem gequälten Lächeln. „Erspar mir bitte die Details… du kleiner Angeber.“

    Mit diesen Worten setzt er sich wieder auf seinen Chefsessel und gießt sich noch einmal das Glas voll.

    „Also folgendes… wir haben da so ein Familienerbstück, das von Generation zu Generation weitergereicht wird. Naja, ursprünglich kommt es nicht aus unserer Familie… aber mein Urgroßvater hatte es schon im Besitz, und seither ging es immer an den ältesten Sohn, oder die älteste Tochter… Es ist etwas sehr kostbares und teures… und es wird den, der es besitzt, für immer verändern. Es ist Segen und Fluch in einem.

    Ich werde nicht jünger, Clyde, und eigentlich wäre es allmählich an der Zeit, dass ich Jenny in dieses Geheimnis einweihe, damit sie die Familientradition fortführt.“

    Ich bemerke, wie sich Wasser in seinen Augen ansammelt, während er das auf seinem Schreibtisch stehende Foto anschaut, das seine Tochter als etwa Zehnjährige auf einem Pony zeigt.

    „Aber ich bringe es nicht übers Herz. Sie hat so ein sonniges Gemüt, so eine unbeschwerte Art… wenn es nach mir geht, soll sie das für immer behalten. Ist schwer genug in unserer beschissenen Welt. Also habe ich mir einen Ersatz gesucht… einen, der hart genug ist um es zu ertragen. Und jetzt… jetzt bist du hier, und du bist längst wie mein eigen Fleisch und Blut für mich… und auf einmal verstehe ich meinen Vater, der mir mit zitternden Händen einst eine Schatulle überreichte und dabei fast kollabiert wäre. Etwas weiterzugeben, was einen Menschen so radikal verändern wird… dabei willst du gar nicht, dass er sich großartig ändert, weil eigentlich magst du ihn so, wie er ist…

    Ist ein bisschen, wie wenn du deinen Kindern Gift ins Essen mischst, verstehst du?“

    Ich zucke nur ratlos mit den Schultern, aber Duncan scheint es gar nicht wahrzunehmen.

    Stattdessen holt er eine kleine, goldverzierte Truhe unter seinem Schreibtisch hervor und legt sie behutsam neben sich.

    „Was ich dir jetzt erzähle, bleibt unter uns.“, mahnt er mich mit verschworenem Blick.

    „Es gibt Menschen, die würden töten für das, was sich in dieser Truhe befindet. Also besser, wenn sie es nie erfahren, ok?“

    Ich nicke, und begutachte, nun doch ein wenig neugierig geworden, die goldene Schatulle.

    Sieht jetzt nicht wirklich so wahnsinnig spektakulär und schockierend aus… aber vermutlich geht es Duncan auch eher um deren Inhalt.

    „Nun gut…“, sagt er. „Dann will ich’s dir erzählen, von Anfang an.

    Die Geschichte geht weit zurück. Bis ins fünfzehnte Jahrhundert, genaugenommen.

    Da lebte im fernen Deutschland ein Junge namens Martin.

    Weil sie der falschen Konfession angehörten, hatten seine Eltern mit ihm ihre alte Heimat verlassen müssen und waren nun bei entfernten Verwandten im Schwabenland untergekommen.

    Seine Eltern schufteten beide hart dafür, dass sie von den grantigen Einheimischen als gleichwertige Menschen akzeptiert wurden. Der Vater versuchte verzweifelt, in seinem alten Beruf als Schmied Fuß zu fassen, während die Mutter in einem Wirtshaus bediente und nebenher auch noch am Spinnrad saß und die Mäntel und Hosen flickte, die man ihr zur Ausbesserung vorbeibrachte.

    Für die Bedürfnisse ihres Sohnes, der ohnehin unter der Trennung von der alten Heimat und seinen alten Freunden litt, hatten sie aufgrund des zermürbenden täglichen Überlebenskampfes längst jegliches Gefühl verloren. Und auch mit den einheimischen Kindern, ihrem Dialekt und den rauen Umgangsformen wurde der sensible Martin nie so richtig war, so dass er, wenn er nicht gerade Botengänge für die Eltern verrichtete oder dem Vater bei der Arbeit über die Schulter schaute, zumeist allein durch die angrenzenden Wälder tollte, mit sich selbst verstecken spielte, oder immer neue imaginäre Freunde erfand, denen er dann seine zahlreichen Sorgen anvertraute.

    Das mag sich auf den ersten Blick überaus bemitleidenswert anhören… ein armer Junge ohne Freunde in einem fremden Land. Tatsächlich aber erwies sich die Einsamkeit für Martin als großer Segen.

    Nichts bringt uns Menschen den Göttern näher, als wenn wir durch die Kraft unserer Fantasie Dinge erschaffen, wo zuvor nur leblose Öde existierte.

    Und so geschah es, dass die Götter, oder zumindest einer von ihnen, der schon lange unerkannt unter den Menschen weilte, auf Martin aufmerksam wurde und sich neugierig zu ihm herabbeugte.

    Abseits des Dorfes befand sich einst eine Mühle, die jedoch schon vor Martins Lebzeiten bis auf ihre Grundmauern niedergebrannt war. Einzig der gusseiserne Rahmen einer Tür erinnerte noch an ihre Existenz, verkohlte Mauerreste und einige scheinbar ins Nichts führende Treppenstufen.

    Die abergläubischen Einheimischen mieden dieses Gebiet, waren sie doch überzeugt davon, dass dort böse Geister ihr Unwesen trieben. Man erzählte sich von unheimlichen Schatten, die sich dort bei Vollmond umherbewegten, und flüsternden Stimmen, die jeden, der sich längere Zeit dort aufhielt, in den Wahnsinn zu treiben versuchten.

    Für Martin war es einfach nur ein Ort, an dem er zur Ruhe kommen und neue Kraft tanken konnte, ohne ständig befürchten zu müssen, von einem Erwachsenen verscheucht oder zurechtgewiesen zu werden.

    Er fürchtete sich ohnehin nicht vor Spukgestalten.

    Der ganz normale Alltag… die leeren Blicke der Menschen, die nur für ihre Arbeit lebten, und ihr Gemurmel, wenn sie Sonntags in der Kirche mit todernsten, eingefallenen Gesichtern der wunderbaren Herrlichkeit ihres Heilands gedachten… das alles erschien Martin im Grunde weitaus unheimlicher als jedes untote Schreckgespenst.

    Während Martin so im hohen Gras saß und sich seinen Träumen hingab, gesellte sich auf einmal ein fremder, und doch unglaublich vertraut erscheinender Junge an seine Seite.

    Er war mindestens einen Kopf größer als Martin, hatte lange blondgewellte Haare und trug einen schlichtes, kurzärmeliges Bauernhemd, unter dem seine muskulösen Oberarme zum Vorschein kamen… eben ganz so, wie sich Martin immer einen älteren Bruder vorgestellt hatte, der ihn beschützen konnte, und in dessen Gegenwart er sich nicht mehr wie ein dummes, rechtloses Kind fühlen musste.

    „Na, alles klar bei dir?“, fragte der Fremde mit einem Augenzwinkern.

    Martin schielte ungläubig nach oben.

    „Du… du siehst genau aus wie jemand, an den ich gerade gedacht habe…“, meinte er, mehr zu sich selbst als in der Erwartung, von dem fremden Jungen eine ernsthafte Antwort zu erhalten.

    Der schaute an sich herunter, als ob er sich gerade zum allerersten Mal selbst betrachtete, und antwortete dann:

    „Ja, ist ganz gut gelungen, nicht wahr? Auch wenn ich hier und da etwas improvisieren musste, weil deine Gedanken nicht sonderlich präzise waren, vor allem was die Extremitäten anging und die Schuhe…“

    „Wer bist du?“, wollte Martin staunend in Erfahrung bringen. „Was bist du?“

    „Nun, ich kann dein Freund sein, wenn du willst.“, antwortete der fremde Junge.

    „Sehr gern!“, entfuhr es Martin, worauf er jedoch gleich wieder ernst wurde und meinte:

    „Aber du bist nicht wie ich…. Ich meine… du bist kein Mensch, hab ich Recht?“

    Der fremde Junge hockte sich neben Martin auf den Boden und zwinkerte ihm verschwörerisch zu.

    „Das muss nicht unbedingt ein Nachteil sein. Den meisten Menschen kann man nämlich nicht über den Weg trauen. Ich meine, versteh mich nicht falsch, ich mag die Menschen. Ihr befindet euch nur gerade in einer sehr schwierigen Phase eurer Entwicklung… Naja, genaugenommen ist es eine ganz entsetzliche Phase.“

    Ihm ist die Pein, die allein schon der Gedanke daran verursacht, regelrecht im Gesicht abzulesen.

    „Weißt du… wenn du nur wenig Verstand hast, wie ein Tier, dann lebst du ganz instinktiv vor dich hin. Du machst keine Pläne, du verschwendest keine Gedanken an morgen… und es ist gut so. Die Tiere kommen jedenfalls prima damit zurecht.

    Und wenn du ganz viel Verstand hast, dann gibt es auch keine Probleme. Alle Schwierigkeiten, die sich dir in den Weg stellen, werden binnen kürzester Zeit analysiert und aus der Welt geschafft. Selbst wenn du sie einmal nicht aus der Welt schaffen kannst, erkennst du doch zumindest entweder ihre Bedeutungslosigkeit oder ihre Notwendigkeit. Und schon kommst du prima damit zurecht.

    Nur die Phase dazwischen… die Phase zwischen wenig Verstand und ganz viel Verstand… die ist gefährlich. Und genau diese Phase durchläuft deine Spezies gerade.

    Ihr habt gelernt, euren Verstand zu benutzen… ihr erkennt, wenn Dinge schief laufen oder gefährlich werden können. Und dann wollt ihr diese Probleme beheben. Aber weil euer Verstand nicht ausreicht, um die großen Zusammenhänge zu sehen, schafft ihr mit dem Lösen eurer Probleme oft nur an anderer Stelle wieder neue Probleme. Oder ihr seid euch erst gar nicht einig und schlagt euch gegenseitig den Schädel ein, weil ihr zwar alle ein bestimmtes Problem erkannt habt, aber jeder aus seinem ganz persönlichen, beschränkten Blickwinkel heraus komplett unterschiedliche Schlussfolgerungen zieht.

    Darüberhinaus seid ihr in dieser Phase furchtbar launisch… was euch an einem Tag gut und teuer erscheint, ist euch am nächsten Tag oft schon nichts mehr wert. Was ihr fühlt und was ihr denkt, sind für euch zwei verschiedene Dinge, die ständig miteinander um die Vorherrschaft streiten.

    Dabei ist es eigentlich eins, verstehst du? Gefühle sind die tieferen Gedanken… und Gedanken sind der Versuch, die Gefühle einer Wirklichkeit anzupassen, in der es notwendig ist, sich zu verstellen, um überleben zu können.“

    „Aha…“, meinte Martin mit großen Augen, während er vorsichtig den Arm des fremden Jungen berührte und an seinen Kleidern zupfte, um sich von dessen Echtheit zu überzeugen.

    „Um ehrlich zu sein, ich versteh kein Wort von dem, was du sagst. Ich glaube, wenn wir Freunde wären, dann würde ich dich nur langweilen.“

    „Langweilen?“, erwiderte sein Gegenüber überrascht. „Langeweile ist nur ein anderer Ausdruck für Fantasielosigkeit. Und Fantasielos sind wir beide nicht…Ich hab deine Gedanken gelesen, Martin. Schon seit vielen Monaten.“

    „Auch die gottlosen, die bösen?“, fragte ihn Martin mit leichtem Unwohlsein, denn in der Zeit, in der er allein mit seinen imaginären Freunden war, hat er so manches Mal die Dorfbewohner verflucht und sich vorgestellt, sie alle zu bestrafen. Und er hat davon geträumt, ein einheimisches Mädchen, das ihm im Beisein ihrer Mitschülerinnen immer gehässige Sachen nachruft, beim Baden zu überfallen und zu vergewaltigen, bis sie nur noch leise vor sich hin weinte.

    Aber der fremde Junge lachte nur.

    „Wenn Gott keinen Sinn für schmutzige Gedanken hätte, hätte er dann diese Welt erschaffen? Glaub mir, es hat alles seine Berechtigung. Wenn sie euch in euren Kirchen erzählen wollen, dass nur bestimmte Gedanken gut sind, dann nur deshalb, weil sie sich davor fürchten, was aus Gedanken alles entstehen kann.

    Aber wer nur einen einzigen Gedanken unterdrückt, anstatt ihn zu Ende zu denken, der wird nie auch nur ansatzweise dazu in der Lage sein können, die Herrlichkeit eines Gottes zu verstehen.“

    Daraufhin erhob sich der Junge und reichte Martin seine Hand.

    „Komm schon… ich will dir was zeigen. Und wenn ich nicht genau wüsste, dass du es sehen willst, dann hätte ich dich gar nicht erst angesprochen. Also, was ist?“

    Doch Martin zögerte.

    „Ich weiß ja nicht mal deinen Namen…“, gab er zu bedenken.

    „Naja“, antwortete der Fremde. „Dort wo ich herkomme, unterhält man sich anders als die allermeisten primitiven Spezies nicht durch das Absondern von Lauten, sondern allein durch die Kraft der Gedanken.

    Wenn mich nun also jemand benennen möchte, gebraucht er dafür keinen Namen, sondern übermittelt einfach ein Bild von mir. Ungefähr so.“

    Mit diesen Worten berührte er mit seinem Zeigefinger sanft Martins Stirn.

    Martin konnte nicht sagen, wieso… aber auf einmal hatte er diese Bilder im Kopf. Bilder von einer fremden, verlorenen Welt. Überall war Wüste, Geröll und die Ruinen einer längst zerfallenen Zivilisation, umgeben von über 10.000 Meter hohen Bergen.

    In dieser unwirtlichen Gegend hauste eine Spezies, die man Lunax nannte.

    Durch die hohe Strahlung auf ihrer Welt waren ihre Körper zerfallen, doch die Lunax hatten überlebt, da sie gelernt haben, Materie aus dem Nichts zu erzeugen und allein durch die Kraft ihrer Gedanken jede beliebige Gestalt anzunehmen.

    Einer der Lunax war diese Welt, in der alles nur aus Illusionen bestand und jeder sich dessen vollständig bewusst war, irgendwann überdrüssig… und so schloss er sich irgendwann einer Gruppe von Forschern an, die mit ihren eisernen Schiffen durch den Himmel reisten, um unbekannte Lebensformen zu entdecken.

    Doch bald darauf kam es zu Meinungsverschiedenheiten. Der junge Lunax genoss es, mit allen unbekannten Dingen, die ihm auf ihrer Reise begegneten, nach Lust und Laune zu interagieren, während seine Mitreisenden großen Wert darauf legten, bei allem was sie taten alle mögliche Arten von regionalen und universalen Gesetzen einzuhalten.

    Schließlich beschloss der Lunax, auf eigene Faust hier auf der Erde zu bleiben. Er versenkte seine Flugkapsel in einem See ganz in der Nähe und lebte fortan unerkannt unter den Menschen… und hier war er nun, die Finger an die Stirn des Menschenjungen Martin gepresst, und auf diese Weise seine Gedanken übertragend.

    Nur ganz langsam begann Martin zu begreifen, welch fundamentale Umwälzung diese kurze Vorstellung für sein komplettes Weltbild bedeutete.

    Wenn es also stimmte, was der Lunax behauptete, und daran hatte Martin angesichts der unglaublich realen Bilder in seinem Kopf von einer Sekunde auf die andere keinerlei Zweifel mehr, dann war alles, was er in den ersten Jahren seines Lebens von den Erwachsenen gelernt hatte, eine einzige Lüge gewesen.

    Es gab keinen Gott, der da oben hinter den Wolken wohnte… stattdessen waren da unzählige weitere Welten wie die Erde, bevölkert von allen möglichen fantastischen Wesen, die den Menschen durch ihre Fähigkeit und ihr Wissen weit überlegen waren.

    Und auch, wenn Martin bislang immer das Gefühl gehabt hatte, dass seine Fantasie viel zu groß war für diese trost- und fantasielose Welt… im Augenblick der Berührung mit dem Lunax erkannte er, dass seine Fantasie nicht einmal annähernd ausreichte, um sich all die Wunder vorzustellen, die sich da oben hinter dem Himmel befanden.

    „Na, überzeugt?“, fragte der außerirdische Besucher, nachdem er Martin eine Weile Zeit gegeben hat, um den ersten Schock zu verarbeiten.

    Martin nickte eifrig.

    „Und wie! Aber… aber du brauchst einen Namen, wenn du hier auf der Erde bist. Ist das in Ordnung, wenn ich dich einfach Lunax nenne?“

    „Natürlich, wenn es dir hilft. Du kannst mich nennen, wie es dir beliebt.“, bestätigte sein Gegenüber schmunzelnd. „Wusstest du, dass die meisten Hunde ihre Herren „Wau“ nennen?“

    Martin grinste, und konnte nicht mal sagen, warum, da der Lunax mal wieder in Rätseln sprach. Vielleicht war es einfach die enorme Erleichterung, diese tausend tonnenschweren Mühlsteine, die ihm in dem Moment von der Seele gefallen waren, als er begriff, wie unbedeutend diese Welt, in der er bislang immer kläglich versagt hatte, eigentlich war.

    Sie gingen gemeinsam den Bach entlang, vorbei an einem alten Holzsteg, bis sie schließlich an den Rand eines menschenverlassenen Sees kamen.

    „Da rein?“, fragte Martin unsicher auf den weiter Richtung Gewässer laufenden Lunax schielend. „Vielleicht hätte ich vorher erwähnen sollen, dass ich nicht schwimmen kann.“

    „Schwimmen wird nicht nötig sein.“, kam es als Antwort in seinen Gedanken zurück.

    Der Lunax blieb stehen, zog eine Art goldenen Stock aus seiner Hosentasche, und fuchtelte damit mehrmals in der Luft umher.

    Auf einmal fühlte sich Martin wie auf Watte laufend, umgeben von einer Art Seifenblase, die sich wie eine schützende Hülle um ihn und Lunax herum gebildet hatte.

    „Komm, hab keine Furcht. Du wirst nicht einmal nass werden.“

    Martin schaute sich verwundert um, ehe er nach der ausgestreckten Hand des Lunax griff und beide gemeinsam in den dunklen See hinabstiegen.

    An den Außenrändern perlte das Wasser ab, und Martin konnte sich kaum von dem Anblick der Forellen lösen, die mindestens genauso verdutzt in die Blase hineinzuglotzen schienen wie er nach draußen.

    Dann erreichten sie den schlammigen Grund, auf dem sich Seegras und allerlei seltsame Pflanzen befanden, die der Nichtschwimmer Martin noch nie zuvor zu Gesicht bekommen hatte.

    Auf einen weiteren Wink des Lunax fuhr plötzlich aus dem scheinbar natürlichen Boden eine Art eiserne Kammer hervor, in die sie beide einstiegen, und die sich dann mit einem sanften Ruck in den Boden zurückschob.

    Im Inneren des Schiffes war es angenehm hell… als ob das Tageslicht direkt durch die Decke strahlte, was aufgrund der Lage im Schlamm eines Sees jedoch völlig unmöglich war.

    An den Wänden gab es keine Ecken, wie es Martin von den Gebäuden der Menschen kannte. Sie waren vielmehr alle rund, und bestanden aus einem stoffähnlichen Material, das sich je nach Bedarf nachgiebig flauschig oder steinhart zu verhalten schien.

    Der Lunax führte Martin durch das gesamte Schiff, erklärte ihm den Antrieb und die Funktionsweise aller möglicher Gerätschaften, die jedoch anders waren als alles, was Martin bislang in seinem Leben gesehen hatte.

    Da war kein Steuerruder, um das Schiff zu lenken, stattdessen gab es im Steuerraum nur einen sanft pulsierenden Kristall, auf den man zum Fliegen die Hände legen musste.

    Und es schien auch keine Möbel im herkömmlichen Sinn zu geben. Stattdessen formten sich Boden und Wände allein durch die Kraft von Lunax Gedanken zu Sitzgelegenheiten, Bett oder Tischen, die nicht nur in Form, sondern auch in ihrer Farbe beliebig an die Bedürfnisse des Außerirdischen und seines irdischen Begleiters anpassbar waren.

    Als sie den letzten kreisrunden Raum betraten, der sich einige Meter unter den anderen befand, erschrak Martin... denn da waren ein knappes Dutzend Menschen, ausschließlich Jungen und Mädchen, die regungslos wie ausgestopfte Tiere hinter dicken Glasvitrinen standen. Ihrer einfachen Kleidung nach zu urteilen schienen sie ähnlich wie Martin auf dieses Schiff gebracht worden zu sein, um dann hier auf diese Weise ausgestellt zu werden.

    Martin schaute zweifelnd in Richtung von Lunax, aber der lächelte nur und beantwortete die Fragen des Jungen, noch ehe er diese überhaupt zu stellen fähig war.

    „Sie sind tot, ja… aber nur ihre Körper. Ihre Seelen leben weiter, in mir.“, erklärte der Außerirdische. „Und nein, ich habe keinen einzigen von ihnen dazu gezwungen. Vielmehr war es ihr ausdrücklicher Wunsch, ihre sterbliche Hülle hinter sich zu lassen, um sich mit mir zu vereinigen und auf diese Weise nahezu unsterblich zu werden. Das ist eine Option, die auch du eines Tages ziehen wirst… daran habe ich nicht den geringsten Zweifel. Aber den Zeitpunkt dafür bestimmst einzig und allein du.“

    „Gut so.“, antwortete Martin beruhigt. „Ich hab schon befürchtet, das sind deine Jagdtrophäen.“

    „In gewisser Weise sind sie das auch.“, meinte Lunax. „Die Menschen bringen als Erinnerung gerne Gegenstände mit von ihren Reisen. Ich hingegen sammle Seelen. All ihre Gedanken und Gefühle leben in mir weiter, und sogar ihre Persönlichkeit. Glaub mir, es fühlt sich für sie nicht wie der Tod an… eher wie die Geburt in eine wunderbare neue Familie.“

    Es machte Martin sichtlich Mühe, das alles so schnell zu verarbeiten.

    „Heißt das… heißt das, du bist sie alle?“

    „Sie, und noch vieles mehr.“, antwortete Lunax. „Wenn man einmal damit anfängt, wird man richtig süchtig danach, sich zu erweitern… der eigenen Seele neue Elemente zuzufügen. Es müssen nur die richtigen sein, denn eine falsche Seele könnte unter Umständen ausreichen, um auch die anderen zu vergiften. Daher nehme ich nur die Jungen… diejenigen, die noch nicht völlig entstellt sind von ihrer Umgebung. Einen Erwachsenen würde ich hingegen nur ausspucken wie einen fauligen Fisch. Zu viel Geruch, zu wenig Geschmack… verstehst du?“

    „Nicht wirklich.“, sagte Martin. „Aber ich würde es sehr gerne verstehen, irgendwann.“

    „Und das wirst du auch.“, klopfte ihm Lunax mutmachend auf die Schulter.

    Der Lunax formte aus dem lilanen Boden zwei mannsgroße Liegen.

    Dann legte er sich auf die eine, und hieß Martin mit einer einladenden Geste, es ihm gleich zu tun.

    Kaum hatte Martin Platz genommen, begann die Decke über ihm auch schon, ihre Form zu verändern.

    Scheinbar aus dem Nichts bildeten sich dort über ihren Köpfen Sonnen und Sterne, ein ganzes Universum, das Lunax allein mit seiner Gedankenkraft in alle möglichen Richtungen bewegen und näher heranhohlen konnte.

    „Siehst du, von hier komme ich.“, erklärte der Lunax, und deutete auf einen großen gelbbraunen Planeten, der von mehreren Monden umkreist wurde. „Das ist Lunax. Und dein Planet, die Erde, der befindet sich hier.“

    Der gelbbraune Planet wurde immer kleiner, bis schließlich nur noch die große weiße Sonne, die er umrundete, als winziger leuchtender Punkt zu sehen war.

    Geheimnisvolle Nebel zogen an der Decke vorbei, Gebilde von unglaublicher Schönheit, umringt von leuchtenden Punkten, die ebenfalls lauter Sonnen darstellten, um die wiederum Planeten kreisten.

    Und nicht weit entfernt von einer dieser Sonnen, die nun immer größer und heller zu werden schien, befand sich ein unscheinbarer blauer Planet. Geradezu lächerlich klein im Vergleich zu dem Planeten Lunax…

    „Das ist er… der Planet Erde. Wenn du dich so schnell bewegen könntest wie ein Sonnenstrahl, und du von der Erde losfliegen würdest, um meine Heimat zu besuchen, bräuchtest du für diese Reise mehrere tausend Jahre. Das nur mal, damit du dir eine ungefähre Vorstellung davon machen kannst, wie groß die Entfernungen da draußen sind.“

    „Sind da draußen alle so wie du?“, wollte Martin fasziniert von seiner neuen Bekanntschaft in Erfahrung bringen. „Ich meine… so freundlich und so mitfühlend? Oder gibt es da draußen auch so Leute wie die Bauern bei uns aus dem Dorf… naja, so Leute eben, die einen nur wie Dreck behandeln, nur weil man ein bisschen anders redet und noch nicht so alt ist wie sie…“

    Lunax schnippte mit dem Finger, und zugleich verschwanden die Planeten, und stattdessen erschienen auf der Decke bewegte Bilder, die Szenen aus den unterschiedlichsten Welten zeigten.

    „Es gibt da draußen alles, Martin.

    Es gibt Völker, die ihre Kinder als Arbeitssklaven benutzen, Völker die ihre Kinder als Götter anbeten, Völker die keinen Unterschied zwischen Kind und Erwachsenen machen, Völker, die ihre Kinder essen und Völker, die ihre Kinder so behandeln wie ihr auf der Erde es tut. Und eine jede dieser Kulturen hat große Philosophen und heilige Schriften hervorgebracht, die mindestens ebensogut wie eure heiligen Schriften begründen können, warum ihre Lebensweise die einzig wahre ist.

    Wenn die Führer auf deinem Planeten nur einmal diese Vielfalt sehen könnten… dann würden diejenigen, die immer versuchen, all ihren Kindern und Untertanen die eigenen Moralvorstellungen aufzuzwingen, schamerfüllt zu Boden sinken angesichts der Erkenntnis, wie gering die Zahl derer ist, die die Dinge so sehen wie sie, und wie gigantisch die Überzahl derer, die anderer Meinung sind und andere Vorstellungen haben.

    Ein Sprichwort, das ich irgendwann auf einem anderen Planeten aufgeschnappt habe, lautet: Du musst nur weitgenug reisen, dann wirst du automatisch tolerant. Und wenn du immer noch davon überzeugt bist, dass deine Art durchs Leben zu gehen die einzig richtige ist, dann warst du einfach nicht weit genug da draußen.“

    Martin spürte eine große Traurigkeit bei diesen Worten, aber er verstand nicht genau, wieso. Schließlich konnte es dem Lunax doch eigentlich egal sein, wenn sich die Menschen auf der Erde gegenseitig abmassakrierten. Er lebte ja hier unten unter dem See, und wenn er keine Lust mehr hatte, konnte er einfach seinen Anker lösen und fortfliegen.

    Trotzdem schien es dem Außerirdischen sehr weh zu tun, wie die Erdlinge miteinander umgingen.

    „Eins verstehe ich nicht ganz…“, versuchte Martin daher in Erfahrung zu bringen. „Du sagst, die Menschen sind furchtbar dumm, und dass Bewohner anderer Planeten viel weiterentwickelter sind. Also warum tust du dir das hier überhaupt an? Ich meine, du könntest doch einfach davonfliegen, nicht wahr?“

    „Eine gute Frage…“, erwiderte Lunax nachdenklich, und projizierte dann mit einer Handbewegung das Bild eines jungen Mannes an die Decke, der wie ein Kleinkind in einem Kindersitz saß und unbeholfen mit den Armen und Beinen strampelte. Um seinen Hals hing ein von Sabber und Brei verschmiertes Latztuch. Dazu gab er irgendwelche unverständlichen Laute von sich… so energisch, bis sich schließlich eine Frau zu ihm herunterbeugte und ihn mit einem Löffel fütterte. Als er jedoch versuchte, selbst nach dem Löffel zu greifen, gab ihm die Frau einen strengen Klaps auf die Finger.

    Da begann der Mann, jämmerlich zu weinen, bis ihm die Frau schließlich tröstend über die Wange strich, worauf er kurze Zeit später wieder lächelte und sich weiter füttern ließ.

    „Was ist mit ihm?“, fragte Martin, verwundert die sich über seinem Kopf abspielende Szene betrachtend. „Ist er krank, oder behindert oder sowas?“

    „Nein.“, antwortete Lunax. „Er wäre von seinen körperlichen und geistigen Voraussetzungen her durchaus in der Lage zu sprechen, zu gehen und selbständig zu essen. Er hat es nur nie gelernt… denn anders als andere Eltern möchten seine Eltern nicht, dass er jemals selbständig wird und sein eigenes Leben leben kann. Sie haben nämlich Angst, dass er dann irgendwann stärker sein könnte als sie, und dass er sie dann vielleicht aus ihrem Haus vertreibt, oder dort ganz andere Sitten einführt.

    Und damit das nicht passiert, halten sie ihn eben ein Leben lang auf der Stufe eines Kleinkinds.“

    „Aber das… das ist furchtbar ungerecht!“, regte sich Martin auf. „Jemand sollte diesen Eltern das Handwerk legen und den armen Mann befreien.“

    „Und wie?“, hakte Lunax nach. „Wie willst du das anstellen?“

    „Indem…“, überlegte Marin. „Indem ich die Eltern vor seinen Augen windelweich prügle!“

    Lunax verzog skeptisch das Gesicht und deutete zu der Szene an der Decke, in der jetzt ein schwarzmaskierter Kerl das Haus betrat und die beiden verdutzten Eltern brutal niederschlug… mit dem Ergebnis, dass der Sohn in seinem Kindersitz jämmerlich zu weinen begann. Und auch die Eltern weinten und schrieen.

    „So wirst du sie alle nur ganz furchtbar traurig machen… und sie werden dich dafür hassen!“, erklärte Lunax.

    „Dann… dann entführe ich den Sohn einfach!“, verkündete Martin entschlossen. „Ich entführe ihn und verstecke ihn irgendwo. Und dann bringe ich ihm alles bei, was ihm seine Eltern immer vorenthalten haben… Wie man spricht, wie man isst und wie man läuft. Dann wird er glücklich sein und…“

    „Bist du sicher?“, unterbrach ihn Lunax mit einem Blick an die Decke, auf der man den jungen Mann sah, wie er mit Tränen in den Augen an seine verlorene Kindheit dachte. „Oder wird er nicht eher furchtbar traurig sein, wenn er erstmal realisiert, dass er die besten Jahre seines Lebens vergeudet hat, und dass ihn die einzigen Menschen, denen er vertraut hat, zu einem kompletten Vollidioten erzogen haben?“

    Martin warf seinem außerirdischen Bekannten einen traurigen Blick zu.

    „Das heißt… ohne Tränen geht es nicht. Hab ich Recht?“

    „Außer, du lässt sie alle so weiterleben wie bisher. Dann sind nur wir diejenigen, die weinen. Wir, die wir wissen, dass hier jemand ganz eindeutig unter seinen Möglichkeiten lebt.“

    Allmählich begann Martin zu erahnen, in welchem Dilemma sich Lunax auf unserem Planeten befand.

    „Du würdest uns gerne helfen, nicht wahr, indem du den Menschen die Wahrheit erzählst. Aber diese Wahrheit…“

    „Diese Wahrheit würde viele von ihnen entwurzeln wie ein tödlicher Orkan.“, fügte Lunax frustriert hinzu. „Das einzige, was noch schlimmer ist als ihnen die Wahrheit zu sagen über ihre Existenz und das ganze Universum, wäre, sie weiterhin im Unklaren zu lassen…“

    Martin verstand ihn, doch angesichts der ungeahnten Wunder, die er gerade selbst am eigenen Leib erfuhr, erschien ihm auf einmal nichts mehr unmöglich zu sein, und so lächelte er seiner außerirdischen Bekanntschaft optimistisch zu.

    „Aber du hast gesagt, das ist nur eine Phase, richtig? Die schreckliche Phase zwischen ganz wenig und ganz viel Verstand, die irgendwann vorübergehen wird.“

    „Naja…“, erwiderte Lunax nicht gerade überzeugt. „Meiner Meinung nach hätte diese Phase schon längst enden müssen. Etwa zu der Zeit, als ihr Sprache und Schrift erfunden habt und damit die Möglichkeit, euch einander mitzuteilen und vorhandenes Wissen zu bündeln.

    Doch die Unwissenheit wurde immer weiter verschleppt, verstehst du? Wie eine Krankheit, die man nicht ausheilen lässt, und die dann irgendwann zum Normalzustand wird. Und nun wird diese Krankheit von Generation zu Generation weitergereicht.

    Und weißt du warum die Krankheit nicht erkannt wird? Weil sich die Menschen nicht genug von ihren Vorfahren und deren Fehlern distanziert haben… Weil sie immer voller Angst waren und glaubten, sie bräuchten das alles, die Kultur und Traditionen ihrer Vorfahren, um ihre eigene Identität zu finden. Aber das Gegenteil ist der Fall. Eine eigene Identität findet man nicht durch blindes Nachahmen, sondern durch Abgrenzung.“

    „Hast du mich deshalb ausgewählt?“, fragte Martin. „Weil ich so viel für mich alleine bin? Weil ich mich so abgegrenzt habe von der Welt? Aber weißt du… ich habe das nicht mit Absicht getan. Ich hatte glaube ich nur nie eine wirkliche Wahl.“

    „Ob freiwillig oder nicht, macht letztlich keinen Unterschied.“, erwiderte Lunax. „Was zählt, ist allein das Ergebnis… und nicht der Weg, auf dem man dorthin gelangt ist.“

    Von diesem Tag an traf sich Martin regelmäßig mit Lunax. Oft ging er schon am Morgen zum See, und kehrte erst tief in der Nacht nach Hause zurück.

    Seinen Eltern erzählte er bloß, dass er eine Anstellung bei einem alten Müller gefunden habe, und dass er dort viel und hart arbeiten müsse.

    Das gefiel seinen fleißigen Eltern… zumal Martin auch hin und wieder ein paar von Lunax aus dem Nichts erzeugte Groschen mit nach Hause brachte. Und da Martin von da an auch wesentlich ausgeglichener war und sich daheim nicht mehr ständig über seine Mitmenschen oder die Ungerechtigkeit beklagte, fühlten sich seine Eltern ein weiteres Mal in ihrem Weltbild bestätigt, wonach nur harte Arbeit die Menschen zum Glück führte, während zu viel Nachdenken und Nichtstun hingegen nur unzufrieden und störrisch machte. Und Martin ließ sie in ihrem Glauben, denn er wusste schon vorher zu genau, wie sie auf sein großes Geheimnis reagiert hätten.

    „Das ist Teufelswerk.“, hätten sie gesagt.

    „Dieser Umgang ist nicht gut für dich.“

    „Du wirst ihn nie wieder sehen, ist das klar?“

    Erwachsene wollten wohl einfach belogen werden.

    Mehrere Monate zogen auf diese Weise ins Land… Monate, in denen Martin von Lunax eine Menge Dinge lernte, über den Aufbau der Erde, des Universums, und die vielen Fehler, die die Menschheit in den vergangenen Jahrhunderten begangen hatte.

    Im Gegenzug bemühte sich Martin, dem Außerirdischen bestimmte menschliche Verhaltensweise und Gefühle näher zu bringen, die dieser trotz seines enormen Wissens nur schwer nachvollziehen konnte.

    Beispielsweise, wenn es um den enormen Wert ging, den die Familie in der menschlichen Gesellschaft einnahm, oder um das Gefühl, das die Menschen als „Liebe“ bezeichneten, insbesondere alle damit verbundenen negativen Empfindungen wie Eifersucht oder Liebeskummer.

    „Also wenn ich dich richtig verstanden habe…“, meinte Lunax einmal, „ist Liebe der Wunsch zweier Menschen, miteinander zu verschmelzen und zukünftig als Einheit zu agieren. Aber wenn sie konsequent immer alles gemeinsam machen würden, würde es von ihrem Umfeld schon wieder als krankhaft angesehen werden, da man von Frauen ja erwartet, dass sie sich völlig anders verhalten als Männer.

    Heißt das also, Liebe ist mehr so eine Art von Symbiose, die man miteinander eingeht? Der Mann kann nicht gut kochen, aber dafür anderen die Fresse polieren… die Frau kann zwar gut kochen und putzen, aber sie kann sich nicht den nötigen Respekt verschaffen. Daher kombinieren sie ihre Fähigkeiten und gleichen dadurch ihre jeweiligen Schwächen aus… gewissermaßen ein ganz pragmatisches Zweckbündnis, das dann jedoch in Liedern und Lyrik und durch die ganzen Zeremonien regelrecht verherrlicht wird als der ultimative Zustand allen Seins.“

    „Naja, so wie du es beschreibst, klingt es tatsächlich nicht besonders romantisch.“, gab Martin zu, dem selber die menschliche Sehnsucht nach Liebe keineswegs fremd war. „Aber wenn du wirklich jemals verstehen willst, wie sich das anfühlt, dann darfst du es nicht zu Tode analysieren.

    Es ist wie bei den Landschaften, die du mir gezeigt hast… die Ruinen auf deinem Heimatplaneten, oder diese gigantischen Wasserfälle. Natürlich kannst du auch einfach ganz nüchtern sagen, da fließt eben ne Menge Wasser einen Berg herunter… aber das entspricht nur der halben Wahrheit, denn es drückt nicht dieses Gefühl aus, das du bei diesem Anblick empfindest… dieses Gefühl, angesichts der riesigen Berge und der ungeheuren Dimensionen, demütig zu erkennen, wie klein und unscheinbar man doch als einzelnes Lebewesen ist im Vergleich zu den Wundern des Universums.

    Und mit der Liebe verhält es sich ganz ähnlich.

    Du begegnest einem ganz bestimmten Menschen, der dich verzaubert, durch sein Lächeln, seine Augen, oder einfach durch seine ganze Art… und auf einmal fühlst du dich… nicht klein, nein, das wäre das falsche Wort… aber du fühlst plötzlich, dass dir etwas sehr Wichtiges fehlt. Dass es dir vielleicht über viele Jahre gefehlt hat. Wie wenn nach einer jahrelangen Nacht endlich die Sonne aufgeht. Du siehst den Sonnenaufgang, und du willst die Sonne am liebsten einfangen, um dieses Gefühl für immer bei dir zu haben.“

    Martin musste an ein Mädchen denken, das er einmal in der Stadt gesehen hatte, wie sie gerade dabei war, in eine bereitstehende Kutsche zu steigen. Sie hat ihm zugelächelt, doch dann wurde sie auch schon von ihren nobel gekleideten Eltern in die Kutsche gedrängt und der Vorhang zugezogen.

    Und während er nun daran zurückdachte und Lunax von der Sonne erzählte, begann die Haut des Außerirdischen auf einmal zu pulsieren und sich neu zusammenzusetzen.

    Obwohl Martin schon ein paar mal gesehen hatte, wie Lunax seine Gestalt veränderte, fand er es doch immer wieder faszinierend. Und nun, vor seinen Augen, verwandelte sich Lunax auf einmal in das Mädchen von damals… mit dem selben Lächeln, dem blütenweißen Kleid und den nach hinten gebundenen goldbraunen Haaren.

    Irritiert fragte Martin seinen außerirdischen Freund, was er mit dieser Aktion beabsichtigte.

    „Zeig es mir.“, erwiderte Lunax mit der Stimme eines Engels. „Zeig mir, wie es sich anfühlt, wie ein Mensch zu lieben.“

    „Ich…“

    Martin war unsicher, wie er reagieren sollte, und wollte zunächst etwas Zeit gewinnen. Doch da hatte Lunax schon seine zarten Finger auf Martins Mund gelegt.

    „Nein, sag nichts… fühle es. Fühle es, damit ich es fühlen kann.“

    Angesichts der Chance, die sich ihm bot, griff Martin schließlich zu. Er legte seinen Arm um das Abbild seiner geheimen Liebe und presste seinen Mund an den ihren.

    Dann küssten sie sich, wie Martin noch niemals zuvor geküsst hatte. Ihre Zungen verknoteten sich förmlich ineinander. Es fühlte sich glitschig an, aber auch unheimlich gut. Dann leckte sie ihm mit der Zunge über das Gesicht wie ein hungriges Tier, und Martin musste sich zusammenreißen, um nicht an Ort und Stelle zu explodieren.

    Ihre weiße Haut, ihr anmutiges Gesicht und das in ihren Augen lodernde Feuer ließen ihn für einen Moment vergessen, dass er sich gerade mit einem außerirdischen Gestaltwandler vergnügte.

    Er fasste an die täuschend echt wirkenden Brüste und schob ihre Bluse hoch, um mehr von ihrer samtweichen Haut zu sehen.

    Und Lunax tat es ihm gleich, riss Martin förmlich das Hemd vom Leibe, und stürzte sich gierig auf ihn… doch statt des von Martin erwarteten Aufpralls wurden sie von dem sich verformenden Boden abgefangen, der sich auf einmal wie ein weiches Federbett anfühlte.

    Sie küssten sich unablässig weiter, während sie einander auch noch die restlichen Klamotten vom Leib zogen.

    Dann spürte Martin auf einmal Lunaxs Hand zwischen seinen Beinen, wie er sein Glied berührte, um es zärtlich zu liebkosen. Und plötzlich bekam es Martin mit der Angst zu tun.

    „Nein… ich kann nicht“, sagte er und brachte sich gleichzeitig zur Seite krabbelnd in Sicherheit.

    „Was ist?“, fragte Lunax verwundert. „Hab ich etwas falsch gemacht.“

    „Nein, nein.“, versuchte ihm Martin zu erklären. „Es ist völlig korrekt, was du getan hast… Aber das ist alles nicht echt. Ich meine, du bist nicht wirklich sie. Das ist nur eine Illusion.“

    Lunax verengte seine Augen. Es war ihm deutlich anzusehen, wie schwer er sich trotz all seiner Fähigkeiten damit tat, den Unterschied zu erkennen.

    „Aber ich fühle mich genauso an wie sie. Ich rede wie sie. Und ich sehe so aus wie sie.“

    „Das genügt nicht!“, verkündete Martin überzeugt. „Liebe ist mehr als nur das Äußere, verstehst du? Liebe ist auch der Wunsch, hinter die Fassade zu blicken… Geheimnisse zu entdecken… auch kleine Schwächen und Fehler des anderen. Aber wie kann ich das, wenn ich genau weiß, dass hinter der Fassade kein fehlerbehaftetes menschliches Wesen steckt, sondern eine überlegene außerirdische Intelligenz? Das ist, als würde man mit Gott ficken.

    Ich meine, du spielst das zwar alles wirklich verdammt überzeugend… aber insgeheim lachst du doch über mich, wie ein Kind über einen Hampelmann lacht.

    Du ziehst an der Schnur und beobachtest, was passiert… das ist keine Liebe, Lunax.“

    „Ich soll nicht an der Schnur ziehen?“, hakte Lunax irritiert nach. „Heißt das…“

    Doch weiter kam er nicht, denn noch während er sprach begann der pulsierende Stein, der im Steuerraum des Schiffes befestigt war, hell zu leuchten und dabei einen schrillen Alarmton abzugeben.

    „Oh… ich fürchte, wir bekommen Besuch. Lass uns das ein anderes Mal erörtern.“

    „Besuch?“

    Noch während Martin damit beschäftigt war, darüber nachzudenken, wie man am Grund eines Sees Besuch empfangen konnte, materialisierten sich neben ihm und Lunax scheinbar aus dem Nichts drei großgewachsene, schlanke Gestalten.

    Sie trugen eine Art silbern glänzende Rüstung aus einem Material, das gleichermaßen elastisch und hart zu sein schien. Ihre bläulich schimmernden Gesichter waren ähnlich denen der Menschen, aber Nase und Ohren waren kaum ausgeprägt, dafür besaßen sie große Augen und eine leicht erhöhte Stirn.

    Auch wenn sie kein Wort sprachen, konnte Martin doch ihre Gedanken durch das Schiff hallen hören wie wüste Beschimpfungen… und es war mehr als offensichtlich, dass sie Lunax gegenüber alles andere als freundlich gesonnen waren.

    „Haben wir nicht deutlich gesagt, dass du die Quarantänebestimmungen der Föderation genauso zu beachten hast wie alle anderen Besucher dieses Planeten?“, klagten sie ihn vorwurfsvoll an.

    „Kaum lässt man dich mal ein paar Erdenjahre aus den Augen, da richtest du schon wieder Unheil an. Und dann tauschst du auch noch Körperflüssigkeiten aus mit diesen… diesen Menschen. Das ist einfach nur widerlich.“

    Einer der drei Besucher bemerkte scheinbar erst jetzt den sich hastig Hemd und Hose überstreifenden Martin, näherte sich ihm und meinte in Gedanken

    „Nimm es nicht persönlich, Mensch… aber mit euch Menschen Geschlechtsverkehr zu haben, ist für uns in etwa so, als ob ihr euch mit einem Hund paaren würdet. Das ist einfach völlig verantwortungslos und total gestört.“

    Lunax reagierte nicht auf ihre durch den Raum hallenden Vorwürfe… stattdessen schien er nur desinteressiert in die Leere zu starren.

    „Du brauchst gar nicht versuchen, deine Gedanken vor uns zu verbergen, Lunaxianer!“, giftete ihn der Anführer der drei Besucher an. „Wir wissen auch so, dass du uns am liebsten töten würdest, wenn du die Möglichkeit dazu hättest. Glücklicherweise seid ihr Lunaxianer nicht das Maß aller Dinge im Universum… also versuch es erst garnicht.“

    „Du wirst jetzt mit uns mitkommen.“, ergänzte seine Begleiterin. „Wenn du dich weigerst, wirst du hier auf dem Grund dieses Sees bleiben, bis von deiner Anwesenheit auf diesem Planeten keine Gefahr mehr ausgeht…“

    Martin spürte, wie sich die Feindseligkeit der vier immer weiter ausbreite, bis die gesamte Luft im Raum regelrecht knisterte vor Anspannung.

    Instinktiv robbte er auf dem Boden ein paar Schritte zurück… dann zog Lunax auch schon seinen silbernen Stab aus der Tasche und feuerte daraus einen blauen Blitz ab, der einen der drei Besucher mit einer heftigen Explosion durchbohrte und stöhnend zu Boden sinken ließ.

    Doch weiter kam er nicht, denn der Anführer der Fremden hob seine Hand, und schien allein durch diese Geste Lunax komplett zu lähmen.

    „Närrischer Lunaxianer. Ich hätte nicht geglaubt, dass du deine Fähigkeiten so dermaßen überschätzen würdest.“

    Er machte eine weitere Handbewegung, wodurch sein getroffener Gefährte von einem hellen Lichtstrahl eingehüllt wurde und gleich danach wieder aufstand, als ob nicht das Geringste geschehen wäre.

    Lunax hingegen war immer noch bewegungsunfähig.

    „Gut, ganz wie du willst. Dann soll dieser See für lange Zeit dein Gefängnis werden…“

    „Und der Mensch?“, fragte einer der anderen. „Was wird mit dem Mensch?“

    „Schick ihn zurück ans Ufer. Ihm wird ja doch keiner glauben. Er ist noch ein Jungtier, und ihren Jungen glauben sie sowieso nichts…“

    Martin wollte noch irgendwas sagen, aber da spürte er auch schon, wie ihn eine starke unbekannte Macht ergriff und mit Gewalt gegen die Innenwände des Schiffes schleuderte. Anders als sonst fühlte sich das Material auf einmal steinhart an, und Martin verlor das Bewusstsein.

    Als er wieder zu sich kam, lag er einige Meter vom Ufer entfernt. Sein Schädel brummte wie nach einer durchzechten Nacht, und für einen Moment war er sich nicht sicher, ob die Erlebnisse an Bord des Schiffes nicht nur ein langer, merkwürdiger Traum gewesen waren.

    Doch dann fasste er sich an die Hüfte und spürte einen in seiner Hose steckenden harten Gegenstand…

    Es war der Stab von Lunax. Ungläubig starrte Martin auf den glänzenden Gegenstand, und ganz allmählich begriff er, dass der Angriff von Lunax auf seine ehemaligen Gefährten lediglich ein Ablenkungsmanöver war, um die drei für einen kurzen Moment unaufmerksam werden zu lassen.

    „Ich werde ihn für dich aufbewahren…“, gelobte Martin mit wehmütigem Blick auf den im Dämmerlicht liegenden See.

    Mehrmals versuchte der Junge in den folgenden Wochen, auf die selbe Weise wie Lunax zum Schiff zu gelangen, mit Hilfe des Stabs das Wasser zu teilen oder gar das Schiff aus dem Schlamm nach oben zu ziehen.

    Doch nichts davon gelang, und so gab er schließlich auf und beschloss, sich zunächst einmal ganz der Erforschung des außerirdischen Gegenstands zu widmen. Bald darauf kam es jedoch zu einer Auseinandersetzung, bei der er die Macht des Artefakts unter den Augen der gesamten Dorfbevölkerung einsetzte, und zwei erwachsene Männer auf diese Weise in den Wahnsinn trieb.

    Er musste fliehen und verließ schließlich seine Heimat, um sich in England, wo er einige frühere Leben verbracht hatte, eine neue Existenz aufzubauen.

    Kurz vor seinem Tod reichte er den Artefakt dann an seinen Sohn weiter… der übergab es seinem Sohn, und weil mein Ur-Großvater dem irgendwann das Leben rettete und der keine eigenen Kinder besaß, landete es schließlich über Umwege in meiner Familie. Und dort wurde es weitergereicht, von Generation zu Generation… bis heute.“

    Duncan beendet seine Erzählung mit einem tiefen Seufzer, ehe er sich nach vorne beugt, um noch etwas Whiskey nachzuschenken, während ich tief in den Sessel hineingerutscht bin und beide Füße auf Duncans Schreibtisch ausgebreitet habe. Würde in diesem Moment jemand das Büro betreten, könnte er womöglich auf den Gedanken kommen, dass ich hier der Chef bin und der mir gegenübersitzende Alte nur ein eingeschüchterter Kunde, mit dem ich noch eine Rechnung zu begleichen habe.

    „Du glaubst kein Wort von dem was ich dir gerade erzählt habe, stimmt’s?“, fragt Duncan mit einem fast schon resignierend wirkenden Stirnrunzeln. „Du denkst, das ist das übliche Seemannsgarn, wie man es sich in den Kneipen unten am Hafen erzählt…“

    „Weißt du, Duncan“, sage ich, während ich lässig den Zahnstocher aus dem Cocktailglas in meinem Mundwinkel hin und hergehen lasse. „Ich habe früher als alle anderen Kinder aufgehört, an Santa Claus zu glauben. Und willst du wissen, warum? Weil immer nur die anderen die Geschenke bekommen haben. Das hat mich gelehrt, dass es keine Wunder oder sowas gibt.“

    Duncan verzieht skeptisch das Gesicht.

    „Meinst du nicht, dass es sowas wie ein kleines Wunder ist, dass du heute hier sitzt? Dass du dir alles rausnehmen kannst und dich benehmen kannst, wie ich es nichtmal meiner Tochter gestatten würde, geschweige denn irgendeinem von den anderen Jungs?“

    „Selbst schuld.“, murmele ich mit einem unterdrückten Gähnen. „Du hast eben einen Narren an mir gefressen… jetzt tu nicht so, als ob dich das Schicksal oder sonstwer dazu gezwungen hätte.“

    „Ach, was weißt du schon.“, erwidert Duncan grantig. „Du machst dir alles so einfach. Entweder es gibt was zu fressen oder ich verhungere eben. Entweder er gibt mir den Job oder ich stelle mich wieder unten an die Straße zum Betteln. Verdammte Scheiße, Clyde… soll ich dir sagen, was ich glaube? Dass das alles nur Fassade ist, die Fassade eines Kindes, das sich der grausamen Welt nicht anders erwehren konnte, als selber grausam zu werden.

    Ich glaube, jeder Mensch hat irgendwo tief in sich drinnen einen warmen Kern. Nur dass das Eis um dich herum viel dicker ist als bei den meisten anderen Menschen. Aber das macht dich noch lange nicht zum Experten für Wunder, oder für die Frage, warum diese so oft ausbleiben…“

    Es ist kalt geworden im Zimmer. Ich fröstele ein wenig und schaue nach hinten, zu dem halb offenstehenden Fenster, durch das der deutlich frischer gewordene Nachtwind hineinpfeift.

    Mühsam erhebe ich mich schließlich, ehe ich mit schlappen, vom Alkohol gehemmten Schritten rüber zum Fenster taumele.

    Die Straße draußen wirkt wie ausgestorben. Nur eine rot-weiße Katze schleicht im fahlen Licht der Gaslampen um die Blöcke. Sie humpelt, ist völlig zerfleddert und ihr fehlt ein Teil ihres Schwanzes. Erinnert mich ein bisschen an mich. Also außer der Sache mit dem Schwanz natürlich.

    „Wäre ich nicht der, der ich bin, dann wäre ich nicht hier, oder?“, sage ich schließlich ohne mich zu ihm umzudrehen, bevor ich mit einem sanften Kopfstoß das Fenster schließe. „Und wenn du nicht der wärst, der du bist, wäre ich auch nicht hier. Dafür muss man nicht irgendwelche übersinnlichen Mächte bemühen, um das zu erklären.“

    Ich vernehme ein Klicken in meinem Rücken, drehe mich um und sehe, wie Duncan wortlos die Truhe öffnet und einen golden leuchtenden Stab herausnimmt.

    „Ist das das Teil?“, frage ich, noch immer nicht sonderlich überzeugt. „

    „Ja.“, besätitgte Duncan. „Von allen Geheimnissen meiner Familie ist dies das Größte. Und es zu bewahren, und das Wissen darum an die nächste Generation weiterzugeben, ist das einzige Versprechen, dass ich meinem Vater jemals in meinem ganzen Leben machen musste.“

    „Und… funktioniert es?“, will ich von ihm wissen.

    Duncan legt es vorsichtig auf den Tisch und meint

    „Oh ja. Kurz vor dem Tod meines Vaters, als ich 25 Jahre alt war, habe ich es aktiviert. Ich habe Dinge erfahren… Dinge über mich und diese Welt… die mich so sehr schockiert haben, dass ich seither nie wieder den Mut dazu aufgebracht habe, es zu benutzen. Und ich war ein Draufgänger früher, fast so wie du… glaub mir. Die gesamte Vergangenheit zu kennen, verändert dich mehr, als du dir vorstellen kannst. Dabei gäbe es sogar noch die Möglichkeit, damit in die Zukunft zu schauen… auf all die Leben, die diesem Leben noch folgen werden. Mein Vater hat mir verraten, wie es funktioniert. Aber ich habe mich nie getraut… musste immer an die Worte von Lunax denken. In dem Moment, wo du deine Zukunft kennst, würdest du sie zerstören.“

    Keine Ahnung, warum sich der sonst so furchtlos wirkende Duncan vor so etwas fürchtet. Ich persönlich mag den Gedanken… die Zukunft zu zerstören, ehe sie überhaupt beginnen kann…

    „Ich will sie sehen.“, bitte ich ihn schließlich. „Wenn du mich ernsthaft überzeugen willst, dass an deiner Geschichte etwas dran ist, dann lass mich die Zukunft sehen!“

    Aber Duncan wirkt nicht gerade begeistert von meinem Vorschlag.

    „Du nimmst das alles immer noch nicht ernst. Aber glaub mir, es ist ernst. Und daher solltest du besser auf mich hören und dir erst einmal deine Vergangenheit anschauen.“

    Auf einmal werde ich richtig ungehalten, ohne es mir wirklich so richtig erklären zu können.

    „Ich will meine scheiß Vergangenheit nicht sehen.“, herrsche ich Duncan an, senke aber gleich darauf wieder reumütig meinen Blick.

    Duncan scheint ein wenig irritiert.

    „War das… war das da gerade eine Gefühlsregung? Du hast Angst, Clyde? Angst vor der Vergangenheit, weil du sie nicht mehr ändern kannst? Aber die Zukunft, die kannst du ändern… ist es das?“

    „Ich weiß nicht, was es ist.“, erwidere ich. „Vielleicht bin ich einfach nur müde.“

    Während ich mir eine gute Ausrede überlege, um das Gespräch zu beenden, nimmt Duncan das seltsame Gerät zur Hand und richtet es drohend auf mich.

    „Ein Wort von dir genügt, Junge… ein Wort, und ich schwör dir, du wirst so wach werden, wie du dich noch nie in deinem Leben gefühlt hast!“

    Keine Ahnung, ob es eine gute Idee wäre, ihn in diesem Zustand weiter zu provozieren. Ich könnte auch einfach wortlos aus dem Zimmer gehen und ihn mit seinem Märchenstab allein lassen, bis wir beide wieder nüchtern sind.

    Aber ich war noch nie besonders gut darin, Ärger aus dem Weg zu gehen, und so drehe ich mich schließlich zu Duncan um, schaue ihm entschlossen in die eingefallenen Augen, und sage:

    „Schick mich in die Zukunft, oder ich reiß dir den Arsch auf, du dämlicher alter Märchenonkel…“

    Duncan ist nicht wirklich verärgert über meine vorlaute Art, er lacht nur und klopft mir mit einem harten Patscher auf die Schulter.

    „Ich mag dich, Clyde. Ich hoffe wirklich, du kommst zurück. Scheiße… ich muss verrückt sein, dass ich das wirklich tue…“

    Wir werfen uns einen letzten Blick zu, dann betätigt Duncan den Artefakt, und ein greller Blitz schießt mir direkt ins Gehirn. Ich glaube erst, es hat meinen Kopf zerrissen… dann versagen nahezu zeitgleich meine Beine ihren Dienst, und ich breche vor Duncans Füßen auf dem Teppich zusammen.

    Alles wird schwarz.

    Ich finde im Nachhinein, die Idee mit dem Alien hat was. Aber irgendwie wäre es zu sehr abgedriftet in eine andere Richtung, die ich eigentlich mit dem Roman nicht einschlagen wollte. Es sollte ja mehr um die früheren Leben der Protagonisten und deren Auswirkungen gehen. Hätte ich diese Version weitergeschrieben auf diese Weise, wäre es vermutlich irgendwann komplett Richtung Star Wars abgedriftet, mit Lasergefechten und allem möglichen unrealistischen Zeugs.

    Davon abgesehen hätte die Idee, dass Clyde den Reinkarnator innerhalb seines Rückblicks in die Vergangenheit benutzt, um damit in die Zukunft zu schauen, ja irgendwie zu einer nicht enden wollenden Zeitschleife führen müssen. Das wäre der totale Mindfuck geworden, weil dann Clyde sowie der Leser irgendwann gar nicht mehr kapiert hätten, was jetzt Realität ist, und was Rückblick bzw. Blick in die Zukunft.

    • Offizieller Beitrag

    Deleted Scene 2:

    Ein alternatives Leben von Marie.

    Genau wie im Roman büchst sie von zuhause aus, landet aber diesmal direkt im Juden-Ghetto bei den Partisanen, und schließlich über Umwege in Janoschs Höhle im Wald. (ja, in dieser Version der Geschichte wäre er tatsächlich dabei gewesen.)

    Spoiler anzeigen


    Seit mein Vater befördert wurde, wird die Situation zu Hause immer unerträglicher.

    Er sagt, er sei jetzt Hygiene-Beauftragter und zuständig für das große Judenghetto in der Altstadt.

    „Fremde Kulturen? Dass ich nicht lache. Die Juden haben überhaupt keine Kultur!“, meint er einmal beim Abendessen. „Du musst sie nur von den Deutschen trennen, so wie wir’s drüben im Ghetto gemacht haben… dann siehst du, was übrig bleibt. Ganz sich selbst überlassen, ohne jemanden, den sie benutzen und aussaugen können, sind sie nur noch ein Häufchen Elend. Sie verwahrlosen und Leben auf der Straße wie wilde Hunde. Disziplin oder Ordnung kennen die nicht. Ich sag dir, da geht’s zu wie bei den Hottentotten.“

    Er will mir damit wohl Angst einjagen, erreicht aber das genaue Gegenteil.

    „Ich würde es gerne mit eigenen Augen sehen… Darf ich nicht mal mitkommen? Ich meine, ich kenne Juden doch eigentlich nur aus dem Kino. Du sagst immer, wir haben kein Geld, um auf Reisen zu gehen und die Indianer anzuschauen oder die Zulus. Aber die Juden, die könntest du mir doch mal zeigen.“

    Mein Vater schaut mich an, mit einer Miene, aus der die totale Verständnislosigkeit spricht.

    Seine Lippen beben, und ich fürchte schon, dass er gleich wieder furchtbar laut wird.

    Dann schüttelt er aber nur den Kopf und sagt mit kalter Stimme.

    „Die Juden wird es bald nicht mehr geben, Marie. Und weißt du was? Keiner wird sie vermissen. Jedenfalls keiner, der noch klar bei Verstand ist.“

    De drohende Blick, den er mir dabei zuwirft, macht mir unweigerlich klar, dass er keine weitere Diskussion zu dem Thema wünscht.

    Ich nicke artig und wende mich wieder dem Essen zu.

    Doch tief in mir drin beginnt ein Plan zu reifen… vielleicht der verrückteste Plan, den ich je im Leben hatte. Und völlig sinnlos obendrein. Aber wenn einen die Normalität zu ersticken droht, hat man im Grunde gar keine Wahl, als ab und zu nach Luft zu schnappen… irgendwo, wo es weniger Normalität gab…

    Es ist früh am Morgen. Ich habe mich im Kofferraum von Vaters Auto versteckt und mir für meine Abenteuerreise extra meine ältesten Klamotten angezogen, damit ich unter den Juden nicht all zu sehr auffalle.

    Als der Motor startet und die holprige Fahrt durch die Straßen beginnt, fühle ich mich doch ein wenig mulmig. Was, wenn Vater mich vorzeitig entdeckt oder irgendjemand den Wagen kontrolliert? Ich würde tierischen Ärger bekommen, ohne auch nur das Geringste gesehen zu haben.

    Im Geiste gehe ich schon alle möglichen Entschuldigungen durch, wie etwa, dass ich aus Versehen in den Kofferraum gefallen bin und ihn dann nicht mehr von alleine aufbekam… oder, dass mich irgendwer da reingesteckt hat, um mir eine Lektion zu erteilen.

    Beides würde wohl gleichermaßen unglaubwürdig sein.

    Aber ich habe Glück.

    Aus dumpfen Gesprächsfetzen, die ich von vorne vernehme, kann ich entziffern, dass wir den Kontrollpunkt zum Ghetto passieren. Jemand wünscht meinem Vater einen schönen Tag.

    Dann setzt sich der Wagen wieder in Bewegung.

    Kaum fünf Minuten später scheint mein Vater am Ziel zu sein.

    Ich höre, wie er den Motor abstellt und die Türe öffnet. Dann höre ich Schritte… jemand grüßt ihn mit „Heil Hitler!“

    Sie scheinen sich kurz über etwas zu unterhalten und entfernen sich.

    Ob ich es nun wagen kann?

    Ich warte noch einen Augenblick, dann öffne ich den Kofferraum einen Spalt breit und schiele vorsichtig nach draußen.

    An einem Hauseingang, gut dreißig Meter entfernt, steht mein Vater mit einigen anderen Männern... Soldaten und ein paar Ghettobewohnern, deren Kleidung noch weitaus heruntergekommener ist, als ich es mir in meinen Gedanken ausgemalt hatte.

    Ansonsten scheint alles gespenstisch still zu sein… und es stinkt bestialisch, nach verfaulten Küchenabfällen oder schlimmerem.

    Ich sehe, wie sich einer der Männer auf den Boden kniet und die Hände hinter dem Kopf verschränkt. Er schaut ängstlich in meine Richtung… alle anderen, einschließlich mein Vater, drehen mir den Rücken zu.

    Jetzt oder nie!

    Ich schwinge mich aus dem Kofferraum und schließe ihn so unauffällig wie möglich.

    Auf einmal fällt ein Schuss.

    Ich drehe mich um, und sehe den auf dem Boden knieenden Mann mit einem Loch im Kopf nach vorne sinken. Daneben steht mein Vater mit einer Pistole in der Hand.

    Er scherzt mit seinen Kollegen, und deutet auf den nächsten Ghettobewohner, der sich nun ebenfalls niederkniet und wie ein kleines Kind zu flehen beginnt.

    Mir wird auf einmal ganz übel… Tränen rinnen mir aus dem Auge und verklären mein Blickfeld, bis ich nicht mal mehr erkennen kann, ob sie mittlerweile in meine Richtung sehen.

    Dann ertönt ein weiterer Schuss, und ich renne los wie ein Läufer bei einem Leichtathletikwettbewerb.

    Wohin ist völlig egal… einfach nur weg von hier. Weg von den Gedanken, die sich in mir zu einer meterhohen Sturmflut aufzubäumen beginnen.

    Ich renne durch eine dunkle Gasse, über einen verkommenen Hinterhof, dann wieder durch eine Gasse, in der diesmal einige Männer und Frauen stehen, die mir aber artig Platz machen.

    Immer wieder schau ich mich um… fürchte, meinen Vater gleich um die Ecke biegen zu sehen.

    Dann stolpere ich, und lande mit dem Gesicht voraus in… einem Haufen nackter, abgemagerter Leichen, die dort gerade von einem ebenso ausgehungert wirkenden Kerl mit stoischer Miene auf einen Karren geladen werden.

    Ich stoße einen spitzen Schrei aus… kann nicht anders… versuche, irgendwie wieder auf die Beine zu kommen.

    Ich stütze mich an einem der Toten ab… ein alter Mann ohne Zähne, der ganz Gelb im Gesicht ist.

    Da ist Blut an meiner Hand... Dreck an meinem Kleid.

    Mein Vater ist ein Mörder!

    Ich muss weiter… also rappele ich mich wieder auf.

    Nur nicht drüber nachdenken… einfach nur immer weiterlaufen… weiterlaufen bis ans Ende der Welt. Auch wenn diese Welt leider schon um die Ecke an einer hohen Mauer zu enden scheint.

    Völlig außer Atem fasse ich mir mit der blutverschmierten Hand an den Kopf…

    Klar denken… ich muss wieder klar denken…

    Wo soll ich nur hin?

    Wie komme ich hier wieder raus?

    Und was, wenn mich einer der Soldaten erkannt hat?

    Ich werde nicht nur ein bisschen Ärger bekommen… die werden mich doch gar nicht mehr gehen lasssen... nach dem, was ich gesehen habe.

    Nur ganz langsam gelingt es mir, mich etwas zu beruhigen.

    „Du hast dir das selbst eingebrockt.“, flüstere ich leise zu mir selbst. „Du bist in das fremde Land gereist, wie Old Shatterhand, und jetzt bist du Umgeben von Tod… in einer aussichtslosen Situation… Aber du wolltest es ja so, nicht wahr? Also sei ein Held und reiß dich zusammen. Du kommst da irgendwie wieder raus!“

    Ich fühle mich beobachtet. Aber als ich mich umschaue, ist weit und breit niemand zu erkennen.

    Doch halt… wenige Meter neben mir, in einer Hausnische, lehnt ein Junge mit einer Krücke an der Wand. Er sieht total ungepflegt aus, hat die Haare verfilzt ins Gesicht hängen, und total zerrissene Klamotten an. Aus seinen Schuhen schauen vorne die nackten Zehen heraus.

    Ich begreife, dass meine Klamotten nicht mal ansatzweise kaputt genug für diesen Ort sind…

    Wahrscheinlich merken die sofort, dass ich keiner von ihnen bin.

    Auch wenn ich nach dem Sturz und dem langen Rennen rein optisch auch nicht mehr den frischesten Eindruck mache.

    „An deiner Stelle würde ich da nicht zu lange stehen bleiben.“, murmelt der Junge. „Alle zehn Minuten kommt hier eine Wache vorbei.“

    „Ach ja?“

    Ich bemühe mich, ruhig zu bleiben und mir nichts anmerken zu lassen.

    „Und wo sollte ich deiner Meinung nach hingehen?“

    Er mustert mich neugierig von oben bis unten.

    „Keine Ahnung. Vielleicht einfach da hin, wo du hergekommen bist? Da scheint es viel zu Essen zu geben.“

    „Das kann ich nicht… nicht jetzt…“

    Ich hätte mich am liebsten auf den Boden geworfen und meine ganzen Gefühle herausgeschrieen… über meine grenzenlose Dummheit, aber auch über die Abscheu vor dem, was ich meinen Vater da eben tun sah.

    Andererseits… das wäre die normale Reaktion. Aber ich bin noch lange nicht zurück in der Normalität. Das hier ist die Abenteuerwelt. Die Welt, in die ich geflohen war, um einmal in meinem Leben ein verwegener Abenteurer zu sein.

    Und zumindest das würde mir keiner mehr nehmen können.

    Ich gehe einige Schritte auf ihn zu.

    „Wenn du’s genau wissen willst… ich bin nämlich verrückt. Eine Irre! Niemand will eine Irre in der Familie haben.“

    Der Junge spuckt gleichgültig neben sich auf den Boden.

    „Dann solltest du vielleicht die Familie wechseln.“, meint er, ehe er mir seine schmutzige Hand entgegen streckt. „Wie heißt du eigentlich? Ich bin Isak…“

    Ich weiß nicht, ob ich ihm vertrauen soll. Er ist immerhin ein Jude, und er scheint Hunger zu haben. Wer garantiert mir, dass er nicht gleich zu meinem Vater rennt, um mich zu verraten?

    „Ich bin Marie.“, gebe ich mir schließlich doch einen Ruck und greife nach seiner Hand… vorsichtig, mit gebührender Ehrfurcht vor dem Neuen, wie ein Forscher in einem fernen Land die Hand eines edlen Wilden berührt. „Was ist? Magst du mich ein wenig herumführen?“

    Isak zwinkert mir merkwürdig zu und meint: „Wüsste nicht, was ich lieber täte. Komm mit. Keiner kennt das Viertel so gut wie ich.“

    Dann klammert er seine Krücke unter den Arm, und wir machen uns auf den Weg.

    Er führt mich durch verwinkelte Gassen, vorbei an heruntergekommenen Häuserfassaden, an denen viele Fenster zerborsten waren oder nur von einigen Holzlatten provisorisch abgedichtet wurden.

    Das Leben scheint sich größtenteils in den Häusern abzuspielen… draußen sieht man nur wenige Menschen, die scheinbar ziellos herumirren oder einfach nur da sitzen und vor sich hinstarren. Alle paar Meter liegt auch jemand auf dem Bordstein... ob tot oder lebendig, lässt sich auf den ersten Blick kaum feststellen.

    Alles wirkt so beklemmend und hoffnungslos… alles bis auf meinen Begleiter, der immer munterer zu werden scheint und mir im Vorübergehen amüsante Anekdoten zu den Häusern und manchem ihrer Bewohner erzählt.

    Ich beobachte, wie er bei jedem Schritt sein rechtes Bein hinter sich herzieht, das auf eine ziemlich unnatürliche Weise an seinem Körper hängen zu scheint, und frage ihn

    „Was ist mit deinem Bein passiert?“

    Er bleibt kurz stehen, und erwidert mit einem geheimnisvollen Lächeln:

    „Bin vom Dach gefallen. Sowas kommt schonmal vor bei uns…“

    Neugierig bohre ich weiter nach, ob er Eltern hat und Geschwister, oder ob er hier ganz alleine lebt.

    „Familie?“, meint er nicht wirklich begeistert. „Die sitzen irgendwo in ihrer verrammelten Wohnung und spielen sich gegenseitig heile Welt vor. Mein Vater tut jeden Morgen so, als ob er zur Arbeit geht, und meine Mutter tut den Rest des Tages so, als ob er tatsächlich gegangen wäre. Sie klammern sich an die Normalität, die sie mal hatten, und werden langsam verrückt dabei. Ich konnte diese Scharade nicht länger mitspielen… echt, ich musste da raus. Ich meine, die ganze Welt geht zum Teufel, die Menschen verrecken wie die Fliegen, und die reden immer noch von ihrem Gott und seinen Geboten und seiner Moral.

    Soll ich dir was verraten? Gott scheißt auf uns. Also scheiß ich auch auf ihn. Ich will ihm nicht länger gefallen… und meinen Eltern auch nicht. Wenn ich schon krepieren muss, dann wenigstens als freier Mann… nicht Fell an Fell mit einer Herde von Schafen.“

    Irgendwas an ihm fasziniert mich ungemein… ich weiß nicht genau, was es ist. Vielleicht, weil ich es nur zu gut nachvollziehen kann, wie es ist, an seinem Alltag und den ganzen damit verbundenen Ritualen zu ersticken.

    In einem dunklen Hinterhof, in den dank der hohen Dächer nur wenig Licht fällt, kommen wir schließlich zum Stehen.

    „Warte mal kurz.“, meint er zu mir, und klopft dreimal an eine etwas schief in der Verankerung hängende Tür.

    Noch ehe ich zum Fragen komme, wo wir hier sind, öffnet sich die Tür und ein etwas älterer Kerl mit lockigen roten Haaren schaut heraus.

    Er mustert erst Isak, dann mich, und sagt:

    „Shalom, Isak. Du kommst früh… gab es Probleme?“

    „Wie man’s nimmt.“, erwidert Isak. „Ezekiel ist nicht aufgetaucht. Vielleicht wurde er erwischt, oder ihm ist die Sache zu heiß geworden. Keine Ahnung. Aber dafür hab ich was gefunden… ein Geschenk für Levi. Sag ihm, er soll mal runterkommen und sich das anschauen.“

    Die Tür schließt sich wieder, und ich werfe Isak einen fragenden Blick zu.

    „Was meinst du damit? Wer ist Levi? Und was für ein Geschenk?“

    „Du bist das Geschenk.“, antwortet Isak mit einem kalten Lächeln.

    Dann geht auch schon die Tür wieder auf, und ein großer Kerl mit dunklem Vollbart erscheint, gefolgt von zwei oder drei anderen, die mir nicht wirklich gutgesonnen aussehen.

    Dieser verdammte Mistkerl hat mich verraten!

    Ich weiche nach hinten zurück, möchte mich drehen und wegrennen… doch Isaks Krücke gerät im selben Moment zwischen meine Beine und bringt mich unbeholfen zu Fall.

    „Mach es dir doch nicht so schwer, Marie.“, kommentiert er die Aktion spöttisch. „Marie… oder wie immer du auch heißen magst.“

    Ich knie in einem engen Käfig, der wohl ursprünglich in einem Zirkus für Raubkatzen oder Gorillas benutzt wurde, jetzt aber in einer weitgehend unmöbilierten Kellerwohnung steht.

    Durch die Gitterstäbe sehe ich Isak mit dem bärtigen Typ, den alle „Levi“ nennen, scherzen. Der Ältere klopft dem deutlich schmächtigeren Jungen freundschaftlich auf die Schulter… dann reicht er ihm eine große, verschnürte Salami, und meint: „Die hast du dir wirklich verdient.“

    Ich rüttele wutschnaubend an den Gitterstäben.

    „Du Schuft hast mich für eine Salami verraten?“

    Isak beugt sich zu mir runter und grinst frech.

    „Meinst du etwa, du bist zwei wert? Dann muss ich mit Levi aber nochmal neu verhandeln.“

    Der Genannte schmunzelt und verpasst Isak scherzhaft einen Klaps auf den Hinterkopf.

    „Nicht so ungeduldig. Wir werden schon bald herausfinden, wie viel sie tatsächlich wert ist“

    Es sind noch zwei Typen und eine Frau eingetreten… sie setzen sich auf Stühle mir gegenüber und beginnen, mich mit strengen Stimmen zu verhören.

    Dann muss ich ihnen alles sagen, bis ins kleinste Detail. Wer ich bin, wo ich herkomme, ja, sogar wie es bei uns zuhause aussieht, welches Verhältnis ich zu meinem Vater habe, und vor allem wollen sie ständig den wahren Grund erfahren, aus dem ich hergekommen bin.

    Ganz offensichtlich scheinen sie mir meine Geschichte nicht abzunehmen… auch wenn ich doch nur die Wahrheit sage und nichts hinzugedichtet habe.

    „Entweder, du bist die gerissenste Spionin seit Mata Hari, oder du bist völlig meschugge.“, meint Levi kopfschüttelnd zu meinen immer verzweifelter vorgetragenen Beteuerungen.

    „Ich glaube ihr, dass sie nen Dachschaden hat!“, ergreift Isak für mich Partei.

    Die anderen diskutieren wild durcheinander, ehe sich Levi erhebt und seinen schwarzen Mantel umschnallt.

    „Nun, vielleicht ist ja auch ein Dybbuk in sie gefahren. Wie auch immer... Ich muss jetzt erstmal zum Ältestenrat und versuchen, die alten Säcke zur Vernunft zu bringen… drückt mir die Daumen, dass es klappt. Um das Mädel können wir uns später noch kümmern.“

    Er verabschiedet sich von seinen Kollegen und verlässt den Raum.

    Auch die anderen gehen, einer nach dem anderen, bis schließlich nur ich in meinem Käfig und Isak im Raum verbleiben.

    „Tut mir leid.“, meint der nach einer Weile, als ich mich demonstrativ von ihm abwende und eine Weile jedem Blickkontakt aus dem Weg gehe. „Normalerweise ist es nicht meine Art, jemanden zu verpfeifen… aber wir sind im Krieg. Und du… du gehörst nunmal zu denen, die uns den Krieg erklärt haben.“

    „Ich gehöre zu niemandem!“, erwidere ich trotzig. „Zuhause wollen mir auch ständig alle erklären, wo ich hingehöre und wie ich mich zu benehmen habe… aber weißt du was? Mir ist hier alles so fremd… dieser Körper, meine Familie, die Schule, ja diese ganze Zeit… Ich gehör hier nicht hin, aber ich kann mit niemandem drüber reden, weil ja anscheinend alle besser wissen als ich, wo mein Platz ist. Manchmal denke ich, ich bin gar nicht verrückt… ich werde nur systematisch verrückt gemacht, weil mich keiner Ernst nimmt… weil ich nirgendwo wirklich ich selbst sein kann. Da muss man ja irgendwann ausrasten und Scheiße bauen.“

    Isak scheint Verständnis für meine Lage zu haben, oder er will sich nur wieder bei mir einschleimen.

    „Hat nicht jedes Kind hin und wieder das Gefühl, fremd zu sein? In einer bösen Welt zu leben, in der es von niemandem respektiert wird? Die meisten verdrängen dieses Gefühl irgendwann… bekämpfen es, weil es deutlich einfacher ist, dieses Gefühl zu bekämpfen als die Welt.

    Ich habe mich auch lange gegen dieses Gefühl gewehrt… hab mich oft genug schmutzig gefühlt, wie ein Schandfleck, ein Verräter, weil ich den Anforderungen meiner Eltern nicht genügen konnte… weil ich so egoistisch war und es gewagt habe, eigene Träume zu träumen, statt die Träume meiner Vorfahren.

    Aber dann bin ich Levi begegnet. Er hat mir klargemacht, dass es keine Schande ist, sich fremd zu fühlen, sondern ein Auftrag… ein göttlicher Auftrag, diese Welt so umzugestalten, dass sich in ihr nie wieder ein Mensch fremd fühlen muss. Deshalb hab ich mich ihm angeschlossen... um etwas zu verändern.“

    „Ist dieser Levi sowas wie der Chef hier im Ghetto?“, frage ich vorsichtig, in der Hoffnung, dass mir meine Wissbegier nicht gleich wieder als Spionage ausgelegt wird.

    Aber Isak grinst nur und schüttelt den Kopf.

    „Schön wär’s ja. Aber nein… Levi ist nicht der Chef. Levi ist Anarchist. Die alten Patriarchen, Rabbiner und Familienoberhäubter, die hier offiziell das Sagen haben, würden einen wie ihn normalerweise nicht mal anhören… aber da die hohen Herren nunmal jemanden brauchen, der für sie die Drecksarbeit erledigt, und weil sie sich nicht gern selbst die Finger schmutzig machen, hatten die gar keine andere Wahl, als uns Anarchisten ein Stück vom Kuchen zu überlassen.“

    „Was sind Anarchisten?“, frage ich verwundert, weil ich diesen Begriff bislang immer eher für ein Schimpfwort gehalten habe, mit dem sich niemand freiwillig bezeichnen lassen würde. „Ist das nicht das gleiche wie Kommunisten oder Sozialdemokraten?“

    Isak verdreht die Augen, hält meine Frage wohl für völlig naiv oder überflüssig.

    „Bringen die euch an euren Schulen eigentlich überhaupt irgendwas bei, außer dem optimalen Winkel, den eine Hand beim Hitlergruß einnehmen sollte?

    Ich sag dir, was der Unterschied ist:

    Stell dir einfach vor, die Welt ist ein großer Hühnerhof.

    Da gibt es die konservativen Hühner, die schauen jeden Tag ganz stolz auf das Ei, das sie für den Bauern gelegt haben… sie können nicht verstehen, dass andere Hühner unzufrieden sind, und gaggern die ganze Zeit nur „Das System hat sich bewährt!“, „Das System hat sich bewährt!“, „Das System hat sich bewährt!“

    Die sozialdemokratischen Hühner sind im Grunde nicht viel anders… sie streiken nur ab und zu mal, um eine höhere Futterration zugeteilt zu bekommen.

    Dann gibt’s die sozialistischen Hühner, die glauben, dass man die Eierproduktion deutlich beschleunigen könnte, wenn nicht mehr jeder sein eigenes Ei ausbrütet, sondern alle Eier gemeinsam vom Kollektiv ausgebrütet werden.

    Religiöse Hühner achten immer peinlich genau darauf, dass sie nur koscheres Futter zu sich nehmen, um immer die besten Eier geben zu können… nur so, davon sind sie überzeugt, wird der Bauer, den sie „Gott“ nennen, sie nicht eines Tages zu Hühnerbrühe verarbeiten.

    Die nationalistischen Hühner hingegen sind davon überzeugt, dass nur reinrassige Legehennen die besten Eier geben, und hacken deshalb mit ihren Schnäbeln auf alle anderen ein.

    Es ist ein gigantisches Geggaere und Geschrei, denn jeder will den anderen übertönen und von der eigenen Weltanschauung überzeugen.

    Nur ein paar wenige Hühner stehen abseits am Rand… schauen sich ratlos an, was ihre Artgenossen da veranstalten, und schlagen immer wieder mit den Flügeln auf und ab, als ob sie ein Vogel wären.

    Für die anderen Hühner sind sie nur Aussätzige… Verrückte…

    Niemand versteht, wieso sie sich nicht einfach wie richtige Hühner verhalten können.

    Doch irgendwann sind ihre Flügel so gut trainiert, dass sie vom Boden abheben… dann fliegen sie in die Lüfte, über die Köpfe der anderen hinweg, und waren nie mehr gesehen.

    Das sind die Anarchisten.“

    Mit diesen Worten nimmt Isak einen Schlüssel aus der Hose und schließt meinen Käfig auf.

    Ich schaue ihn verwundert an.

    „Heißt das… heißt das, ich kann gehen? Ihr lasst mich einfach so laufen?“

    „Ich lass dich laufen.“, sagt er. „Die anderen werden mir dafür die Hölle heiß machen… aber ich weiß, dass du uns nicht verraten wirst. Du bist nicht wie die meisten Deutschen. Du bist eine von uns.“

    Als Levi mit seinem Gefolge wiederkommt, sitze ich mit Isak neben dem leeren Käfig.

    Ich hatte genug Zeit, unauffällig zu verschwinden… aber ich tat es nicht.

    Trotz all des Elends und der Verzweiflung löst dieser Ort Gefühle in mir aus… Gefühle, die ich mir nicht erklären kann.

    „Warum ist die Geisel draußen, Isak?“, empört sich Levi, der ganz offensichtlich schon mit einer mächtigen Wut im Bauch hier angekommen war. „Ich kann nicht glauben, dass du so leichtfertig unser aller Sicherheit aufs Spiel setzt…“

    „Marie ist keine Geisel.“, antwortet Isak mit treuherzigem Blick. „Sie ist eine deutsche Anarchistin. Und wir Anarchisten halten zusammen, für uns haben Grenzen keine Bedeutung. Das waren deine eigenen Worte!“

    Levi schaut kopfschüttelnd auf mich herab.

    „Anarchistin… dass ich nicht lache! Nicht jedes ungezogene Kind, das von zuhause wegläuft, ist auch gleich ein Seelenverwandter. Hitler ist sicher auch mal von zuhause weggelaufen, als ihm sein Vater mit dem Teppichklopfer den Hintern versohlt hat.“

    Seine Begleiter lachen spöttisch… ob über den Führer oder mich, kann ich nur schwer beurteilen. Ich weiß nur, dass ich diese lange Odyssee nicht unternommen habe, um mich nochmal von einem Erwachsenen wie ein kleines Kind behandeln zu lassen.

    Daher stehe ich wortlos auf, gehe gebückt in den Käfig zurück und verschließe die Tür hinter mir. Dann nehme ich den Schlüssel aus dem Schloss und werfe ihn Levi mit einem vorwurfsvollen Blick vor die Füße.

    Der wirkt erst überrascht… schaut erst auf mich, und dann zu Isak… nur um den Schlüssel dann aufzuheben und demonstrativ in seine Hosentasche zu stecken.

    Aber er holt ihn gleich wieder hervor und schiebt ihn mir durch die Gitterstäbe entgegen.

    „Ach, scheiß doch drauf… Ist sowieso alles im Arsch.“

    „Das heißt, der Rat hat nicht zugestimmt?“, fragt Isak enttäuscht.

    „Schlimmer noch…“, seufzt Levi. „Die Deutschen wollen das Ghetto räumen. Wir haben es gerade erst von einem unserer Informanten erfahren. In zwei bis drei Wochen sollen die ersten Züge rollen.“

    Isak steht auf und ballt die Hand zur Faust, als würde er am liebsten irgendwo dagegenschlagen.

    „Und unser Plan?“

    „Haben sie einfach abgelehnt.“, meint Levi und schmettert wütend seinen Mantel in die Ecke. „Zu gefährlich, zu unsicher, nicht mit unseren Gesetzen vereinbar… das übliche Herumgeeiere eben. Verfluchte Scheiße! Einer der Rabbis hat gemeint, Gott allein möge entscheiden, ob wir leben oder sterben sollen. Wenn das wahr ist, hab ich ihm gesagt… dann sitzt euer Gott im Führerhauptquartier. Denn dort allein wird entschieden, wer von uns leben und wer sterben darf. Tja, und dann haben sie uns rausgeschmissen… diese weltfremden alten Narren…“

    Sie versammeln sich in einem Nebenraum, an dem auf einem großen Tisch eine Landkarte ausgebreitet ist.

    Ich folge ihnen mit etwas Abstand. Als Levi mich bemerkt, hält er kurz inne und schaut grimmig in meine Richtung, fährt dann aber mit der Lagebesprechung fort.

    So weit ich mitbekomme, geht es darum, die Bewohner des Ghettos zu evakuieren.

    Es gibt einen geheimen Fluchtweg durch die Kanalisation, der offensichtlich auch nicht bewacht wird. Levis Plan sieht vor, alle Einwohner zu bewaffnen und in einem Gewaltmarsch durch mehrere hundert Kilometer besetztes Gebiet in die Freiheit zu führen… doch da ein Großteil der Leute im Ghetto aus Alten, Frauen und Kindern besteht, hält der Ältestenrat das Vorhaben offensichtlich für nicht durchführbar.

    Levi und die anderen wollen sich damit jedoch nicht abfinden.

    Sie haben schon vor Wochen einen Mann zu einer Gruppe Partisanen geschickt, von denen sie sich Ausrüstung und Hilfe versprechen… doch der ist bis zum heutigen Tag nicht wieder aufgetaucht… und nun zweifeln einige daran, dass diese Partisanen überhaupt existieren.

    Aber Levi deutet nur auf einen roten Kreis, der um ein großes Waldgebiet gezogen ist.

    „Wenn unsere Informationen stimmen, hat sich die Wehrmacht seit August vollständig aus dieser Gegend zurückgezogen. Ein kompletter Wald, mehrere dutzend Quadratkilometer, vollständig frei von Nazis. Überlegt es euch… welchen Grund könnte es dafür geben, wenn nicht der, dass dort eine geheime Widerstandshochburg ist, die man im Rest des Landes totzuschweigen versucht? Noch dazu gibt es immer wieder Berichte von Stoßtrupps, die in den Wald vorgedrungen und einfach verschwunden sind…“

    „Ja, genau wie unser Mann.“, entgegnet ein anderer mit Namen Jakob besorgt. „Ehrlich, Levi… was, wenn es in diesem Wald überhaupt keine Partisanen gibt, sondern etwas anderes, etwas Böses, dort sein Unwesen treibt?“

    „Etwas Böses?“

    Levi scheint Mühe zu haben, nicht lauthals loszulachen angesichts dieser Bemerkung.

    „Du meinst, sowas wie Vampire, oder ein Waldschrat? Oder meinst du vielleicht Rübezahl? Ganz ehrlich… als Kind hatte ich ne Menge Schiss vor solchen alten Schauermärchen. Aber seit ich die ersten Nazis auf den Straßen marschieren sah, kann ich mich nicht mehr so recht vor Monstern gruseln. Die ganz normalen Menschen sind doch in Wahrheit viel unheimlicher.“

    Er wirft einen erwartungsfrohen Blick auf seine Mitstreiter, hofft wohl, dass sie ihm in dieser Einschätzung zustimmen werden. Doch die zweifelnden, betretenen Mienen, die ihm entgegenschauen, machen irgendwie einen anderen Eindruck.

    „Also gut…“, besinnt er sich daher. „Wenn ihr abergläubischen Juden euch dabei nicht wohlfühlt, dann werde ich eben selbst in den Wald gehen und mich von der Wahrheit überzeugen.“

    „Ich komme mit!“, ruft Isak aus dem Hintergrund. „Ich hab keine Angst vor Vampiren!“

    Doch Levi schüttelt nur den Kopf und meint

    „Ausgeschlossen, Kleiner. Ich weiß, ich kann mich auf dich verlassen, aber du bist nicht gerade gut zu Fuß… und uns läuft verdammt noch mal die Zeit davon. Ich werde mehrere Tage und Nächte durchmarschieren müssen… ohne anzuhalten oder jemanden dabei zu tragen, verstehst du?“

    Isak nickt einsichtig, aber irgendwie auch ziemlich enttäuscht. Dabei müssten sie ja eigentlich gar nicht laufen, wenn… Ich zögere kurz, und dränge mich dann nach vorne an den Tisch.

    „Ich kann euch ein Automobil besorgen!“, sage ich und versuche dabei, möglichst erwachsen zu klingen. „Aber nur unter der Bedingung, dass ich mitdarf… und Isak auch!“

    Wir lächeln einander mutmachend zu.

    Doch Levi rauft sich nur die Haare und geht mehrmals ratlos vor sich hin murmelnd im Raum auf und ab.

    „Das alles hier gerät außer Kontrolle… verfluchte Scheiße… die ganze Welt versinkt im Wahnsinn… und ich… ich versuche immer noch, dem auf einer rationalen, vernunftbasierten Ebene zu begegnen. Vielleicht… ja, vielleicht sollte ich es einfach geschehen lassen…“

    Dann geht er auf mich zu und packt mich am Ärmel.

    „Wir spielen hier nicht Cowboy und Indianer, Marie. Wenn du Mist baust oder uns verrätst, dann ist das nicht nur unser Ende, sondern das von tausenden unschuldigen Männern, Frauen und Kindern. Du bist noch ein bisschen klein, um so eine enorme Verantwortung zu übernehmen, meinst du nicht auch?“

    Ehrlicherweise müsste ich ihn wissen lassen, dass ich weder seine Verantwortung auf meinen Schultern tragen möchte noch seine Zweifel. Alles, was mich interessiert, ist von hier weg zu kommen… ganz weit weg… egal wohin. Notfalls auch in einen Wald voller Vampire.

    Aber ich behalte das besser für mich.

    „Ich hab einen älteren Bruder.“, sage ich stattdessen. „Er und ein paar Jungs aus der Nachbarschaft haben im Garten ein Baumhaus gebaut. Erst wollten sie mich nicht dabei haben… sie sagten, sie haben einen Geheimbund gegründet, und Mädchen seien nicht zuverlässig genug für sowas.

    Neulich saß ich mal wieder in dem alten Baumhaus, besser gesagt in dem, was noch von ihm übrig ist. Keiner der anderen interessiert sich mehr dafür… der Geheimbund ist längst in alle Winde verstreut, ja, mein Bruder hat nicht mal mehr Kontakt zu den anderen.

    Nur ich… ich hab immer noch das Gefühl, dass dieser Bund etwas Besonderes war… oder dass er es zumindest irgendwann einmal hätte sein können.

    So viel zum Thema Zuverlässigkeit.“

    Noch in der Nacht machen wir uns auf den Weg durch die Kanalisation.

    Levi hat sich eine Offiziers-Uniform angezogen und den Bart abrasiert… er sieht nun irgendwie verdammt wichtig aus. Isak hätte auch gerne eine gehabt, doch aufgrund seines Alters beschloss man, ihn besser in die Kleidung eines Hitlerjungen zu stecken.

    Ich gehe in Zivil, habe mir die Haare gekürzt und trage Klamotten für Jungs. So würde man mich zumindest auf den ersten Blick kaum erkennen, falls auf dem Weg nach Hause irgendwas schiefgehen sollte. Außerdem haben wir gefälschte Passierscheine, von denen wir allerdings nicht wissen, wie glaubwürdig sie tatsächlich sind.

    Bei jeder Begegnung mit anderen Menschen zucke ich innerlich zusammen, habe Angst, dass sie uns gleich kontrollieren und entlarven werden.

    Doch es läuft alles glatt. Daheim schlafen alle, und der Schlüssel für den Wagen befindet sich in Vaters Mantel in der Garderobe.

    Ich übergebe ihn an Levi, der beeindruckt vor mir salutiert. Dann steige ich nach hinten zu Isak, während Levi sich hinters Steuer setzt.

    Wir fahren die ganze Nacht hindurch, auf provisorischen, schlaglochübersäten Straßen, die eigentlich mehr für Pferdekutschen ausgelegt sind. Denn anders als in der Stadt sind Autos hier auf dem Land noch immer eine Seltenheit.

    Inzwischen beginnt der neue Tag anzubrechen.

    Die Landschaft ist in dichten Nebel getaucht, Bäume, Sträucher und Zäune ziehen schemenhaft an uns vorbei…

    Es wirkt ein wenig gespenstisch, wie sich die Shilouetten aus dem endlosen Grau zu formen beginnen, und unmittelbar nach dem wir vorübergefahren sind, wieder von ihm verschluckt werden. Einmal glaube ich sogar, ein Gesicht darin zu erkennen… das Gesicht eines Mannes, der traurig am Wegrand steht und uns beobachtet.

    Aber ich habe keine Angst vor Geistern.

    Ich weiß, falls uns dieser Nebel tatsächlich für immer verschlucken sollte, so wäre es kein Fluch, nicht mehr in die normale Welt zurückkehren zu können, sondern eine Gnade.

    Auf einmal ertönt ein lautes Krachen. Mein Körper wird wie eine willenlose Puppe nach vorne gegen den Fahrersitz geschleudert… dann sehe ich, dass unser Wagen in deutlicher Schräglage und qualmendem Motor zum Stehen gekommen ist.

    „Verfluchte Scheiße.“, ruft Levi und schlägt wütend gegen das Armaturenbrett, ehe er aussteigt, um das ganze Ausmaß des Schadens zu begutachten.

    Auch Isak und ich öffnen die Türen.

    Vor uns scheint ein Teil der Straße förmlich unter den Rädern weggebrochen zu sein… als ob jemand absichtlich die Straße unterhölt hat, um Fahrzeugen das Vorankommen zu erschweren.

    „Irgendjemand will wohl nicht, dass wir weiterfahren.“, seufzt Levi. Er schaut ratlos in den immer dichter werdenden Nebel… dann zieht er seine Pistole und zielt mit ihr in das graue Nichts.

    Zuerst denke ich, er hat sich die Bedrohung nur eingebildet… doch plötzlich tauchen mehrere Wehrmachtssoldaten mit angelegten Gewehren aus dem Nebel hervor.

    „Die Parole! Nennt die Parole!“, schreit einer von ihnen hörbar nervös in unsere Richtung.

    Doch Levi lässt sich nicht einschüchtern, und hält ihnen weiter die Pistole ins Gesicht.

    „Parole? Ich weiß nichts von irgendeiner Parole. Ich bin Leutnant Krüger, und verlange eine Erklärung für diesen ungeheuerlichen Vorfall. Wir sind hier doch nicht an der Front…“

    „Leutnant Krüger? Nie gehört. Los, die Waffe runter… und zeigen sie uns erstmal ihre Papiere. Das ist keine höfliche Bitte, Herr Leutnant! Wir haben Befehl, jeden zu erschießen, der hier unbefugt rein oder raus will.“

    Sie kreisen Levi von vier Seiten ein, so dass ihm letztlich keine andere Wahl bleibt, als ihren Forderungen Folge zu leisten.

    Ich bemerke, wie der vor mir neben dem Wagen stehende Isak unauffällig nach hinten in seine Hose greift und eine weitere Pistole hervorzieht… aber Levi signalisiert ihm mit einem kurzen Kopfschütteln, dass er sie besser steckenlassen soll.

    Er labert mit gelassener Stimme auf die Soldaten ein… erzählt redselig von einem Jagdausflug, auf den er mit seinen Kindern, also mit uns, gehen wollte, während er einem von ihnen den gefälschten Ausweis in die Hand drückt.

    „Der erste Urlaub seit über einem Jahr… da wollte ich einfach was mit den Jungs unternehmen. Raus in den Wald, zu der alten Jagdhütte, wo mein Vater schon mir das Schießen beigebracht hat… gewissermaßen eine Familientradition…“

    Hat er gerade „mit den Jungs“ gesagt?

    Ich kann nicht anders, als mich kurz im Spiegel des Autofensters zu betrachten… kein Zweifel, mit den kürzeren Haaren und den Klamotten sehe ich wirklich mehr wie ein Junge aus. Ich wünschte nur, ich hätte etwas sanfter in meine neue Rolle hineinwachsen können, als dass gleich mein Leben vom Funktionieren dieser Maskerade abhängt.

    Einer der Soldaten leuchtet skeptisch mit der Taschenlampe auf Levis Ausweis, ehe er ihn an seinen Untergebenen weiterreicht.

    „Tut mir leid, Herr Leutnant, aber ich muss sie bitten, mit uns zu kommen. Zu ihrer eigenen Sicherheit… dieses Waldgebiet hier ist…“

    „Was? Was ist mit diesem Wald?“, ereifert sich Levi so überzeugend, dass ich mich frage, ob er wohl irgendwann in seinem früheren Leben Schauspielunterricht genommen hat. „Jetzt sagen sie nicht, an diesen Ammenmärchen ist irgendwas dran, dass hier angeblich Partisanen ihr Unwesen treiben… hier, hunderte Kilometer von der Front entfernt.“

    „Wir werden es ihnen erklären, Herr Leutnant. In der Kommandantur. Wenn sie uns also bitte folgen würden… hier draußen ist wirklich nicht der geeignete Ort.“

    Während er spricht, schauen er und seine Kollegen sich ständig nervös um… so, als ob die wahre Gefahr nicht von uns, sondern den Bäumen und Sträuchern in der Umgebung ausgehen würde.

    „Aber… ich kann den Wagen doch nicht einfach so stehen lassen...“, spielt Levi seine Rolle weiter. „Haben sie eine Ahnung, was dieses Schmuckstück gekostet hat?“

    Der Soldat zuckt gleichgültig mit den Schultern.

    „Den kriegen sie eh nicht mehr zum Laufen. Sieht so aus, als ob die Achse gebrochen ist…“

    Er geht einen Schritt auf den Wagen zu… genau in dem Moment, als sich eine dicke Schlinge um sein rechtes Bein wickelt.

    „Was zur…“, murmelt er noch, ehe er mit einem brutalen Ruck von den Füßen gerissen und dann mit einem markerschütternden Schrei an seinen Kollegen vorbei in die trübe Nebelsuppe gezogen wird.

    Die verbliebenen drei reißen hastig ihre Gewehre herum, versuchen, in dem sie umgebenden Zwielicht irgendeinen Feind ausmachen zu können.

    „Oh mein Gott… das ist er… das ist er!“, stottert einer von ihnen panisch und springt auf, um sich irgendwo in Sicherheit zu bringen. Doch ein durch die Luft wirbelndes Messer, das sich ihm zielgenau in den Hals bohrt, lässt seine Worte in ein undefinierbares Röcheln übergehen.

    Seine Kameraden beobachten zutiefst geschockt, wie er leblos vor ihnen zu Boden sinkt, und beginnen daraufhin, wahllos in den Nebel zu feuern.

    So sehr ich mich auch bemühe, ich kann dort nichts erkennen… doch halt, da ist ein Schatten. Ein großer, schwarzer Schatten, der schnell auf die beiden Soldaten zurast.

    Jetzt bemerken sie ihn auch und schießen mehrmals gezielt in seine Richtung. Erst, als er ganz nahe an ihnen dran ist, müssen sie entsetzt erkennen, dass sie auf ihren eigenen Mann geschossen haben… der, um dessen Bein noch immer die dicke Schlinge hängt. Das andere Bein fehlt komplett, und auch der Schädel wird nur noch von einigen Haut- und Knochenresten provisorisch am Rumpf festgehalten.

    „Das ist kein Mensch!“, ruft einer der beiden noch Verbliebenen in Panik, wirft angewidert seine Waffe weg und rennt planlos in den Nebel hinein. Allerdings kommt er nicht weit… zuerst hört man noch seine sich rasch entfernenden Schritte im Waldlaub, dann nur noch das Bersten von morschem Holz, ein Poltern, als ob er in irgendeine Grube stürzt… und schließlich einen gellenden Schrei, wie ich ihn noch nie zuvor in meinem Leben vernommen habe.

    Dem letzten Soldat steht der kalte Schweiß auf der Stirn.

    Er dreht sein Gewehr um und zielt damit verzweifelt auf Levi, der gerade seine Waffe vom Boden aufheben wollte.

    „Das ist alles deine Schuld!“, brüllt er wie von Sinnen. „Du verdammtes dekadentes Offiziersarschloch mit deiner beschissenen Familientradition…“

    Einen Moment wirkt es, als ob er in blindwütiger Raserei abdrücken wolle… doch das Geräusch einer durchgeladenen Pistole lässt ihn sich überrascht umdrehen und zu mir und Isak schauen.

    Dann ertönt ein lauter Knall. Der Soldat fasst sich an die Brust und flüstert „Ihr verdammten Verräter… ihr… ihr gehört zu denen…“, bevor er direkt neben Levi zu Boden sinkt.

    Isak schiebt die Pistole wieder in seine braune HJ-Uniform zurück.

    „Gut gemacht, Junge…“, flüstert Levi. „Alles klar bei euch?“

    Ich nicke, doch ich zittere dabei. Alles geschah so schnell, dass ich es noch nicht einmal zur Hälfte verarbeitet habe.

    Auch Isak wirkt etwas angeschlagen, aber er lässt sich nichts anmerken.

    „Ich hab mich immer gefragt, wie das ist, jemanden zu töten…“, meint er, und wirft Levi einen fast entschuldigenden Blick zu. „Hätte nicht gedacht, dass es so einfach ist.“

    „Es ist immer einfach, wenn sie Uniformen tragen.“, antwortet eine unbekannte Stimme aus dem Nebel. „So ein fesch geschnürtes Päckchen mit lauter funkelnden Knöpfen und Orden dran… das schreit doch förmlich danach, es aufzureißen und in rotes Blut zu tauchen. Ist jedes Mal fast wie Weihnachten.“

    Ich höre raschelnde Schritte im Laub… dann löst sich eine dunkle Kontur aus dem einheitlichen Grau und geht ohne Umwege auf die getöteten Soldaten zu.

    Endlich kann ich Details erkennen. Es ist ein Kerl, zweifellos menschlich, aber ziemlich groß. Er trägt ein schwarzes Gewand, in das überall kleine Äste und Tannenzweige eingenäht sind… bei Dunkelheit würde man ihn zweifellos für einen Baum halten.

    Sogar in seinen schulterlangen, dunkel gewellten Haare sind Blätter und Strohhalme eingeflochten.

    Ich sehe, wie er sich über den Gefallenen beugt, ihm den Stiefel aufs Gesicht stellt und dann mit einem kräftigen Ruck das in dessen Hals steckende Messer herauszieht.

    „Nicht überall, wo Feind draufsteht, ist auch einer drin.“, erwidert Levi in anbetracht der Umstände noch immer erstaunlich gelassen. „Damals in Spanien haben wir oft die Uniformen der Faschisten angezogen… die waren so von ihrem Wahn, dass alle Menschen gleich zu sein haben, überzeugt, dass sie nur auf die Kostümierung achteten… nicht auf die Augen, auf die Gesichter… auf die Seele, die dahinter steckt… es war ein Kinderspiel, die an der Nase herumzuführen.“

    „Spanien?“, meint der unheimliche Fremde wenig beeindruckt. „Ein Kinderspiel, was? Wohl eher zu viele Kinder, die Revolution spielen wollten.“

    Er schaut grimmig in unsere Richtung… erst jetzt sehe ich die quer über sein Gesicht verlaufende Narbe und eine schwarze Augenklappe über dem rechten Auge, die ihn auch nicht unbedingt freundlicher erscheinen lässt.

    „Und ihr dachtet, weil es in Spanien drüben so prima funktioniert hat, probiert ihr das jetzt auch mal hier bei uns? Kinder…“

    Ohne auf unsere Reaktion zu achten, macht er sich daran, den Gefallenen ihre Orden abzureißen und sie wie Jagd-Trophäen in einen mitgeführten Beutel zu stecken.

    „Wie habt ihr es gemerkt?“, will Levi wissen. „Dass wir keine echten Nazis sind?“

    Der einäugige Kerl macht eine Kopfbewegung in Richtung Isak.

    „Dein Nachwuchs-Revoluzzer trägt die Armbinde an der falschen Seite… Euer Glück, sonst würden wir diese Unterhaltung jetzt nicht führen können. Denn ich verlasse mich normalerweise darauf, dass die Nazis, die hierher in den Wald kommen, auch echt sind.“

    Levi nickt einsichtig.

    „Tja… sieht wohl so aus, als hätten wir mächtig Glück gehabt…“

    „Glück ist relativ.“, antwortet der Fremde vielsagend.

    Dann baut er sich drohend vor Levi auf.

    „Und jetzt raus mit der Sprache: Was macht ihr in meinem Wald?“

    „Dein Wald?“, fragt Levi verwundert. „Wir kommen aus dem Ghetto… sind auf der Suche nach den Partisanen. Kannst du uns zu eurem Lager führen?“

    „Hier gibt es keine Partisanen.“, antwortet der Kerl zu unserem Erstaunen, während er auch der halb zerfetzten Leiche noch Knöpfe und Hundemarken abnimmt, ohne dabei die geringste Gefühlsregung zu zeigen.

    Levi zeigt fassungslos auf das Blutbad zu unseren Füßen.

    „Und… und was ist dann das hier bitte?“

    „Nur ein Jäger und sein Wild.“, murmelt der Fremde, ehe er aufsteht und uns einen nach dem anderen aufmerksam mustert. „Ihr könnt mich Janosch nennen.“

    „Janosch? Etwa DER Janosch? Der Schlächter von Triaczika?“, hakt Levi fasziniert nach, der diesen Namen ganz offensichtlich schon einmal gehört hat. „Man sagt, er soll im Alleingang hundert Mann niedergemetzelt und ihre Innereien in der gesamten Umgebung verstreut haben… und ich dachte immer… das sei nur eine Legende… Seemannsgarn, das sich die Soldaten am Lagerfeuer erzählen, um den Neuen Angst zu machen…“

    „Ist es auch.“, erwidert der Einäugige. „Die Hälfte von dem, was sie über mich erzählen, ist erstunken und erlogen. Die andere Hälfte ist wahr.“

    Wir folgen Janosch durch den allmählich verdunstenden Nebel.

    „Wenn die Suppe aufklart, sollten wir besser nicht mehr hier draußen sein.“, meint er unterwegs nach einem genervten Blick auf den auf seine Krücke gestützten Isak, der das Tempo nur schwer mithalten kann. „Bis es wieder dunkel ist, könnt ihr bei mir im Versteck bleiben. Danach verschwindet ihr. Wohin ist mir völlig egal.“

    Er scheint keinen Hehl daraus zu machen, dass er nicht viel vom Gebot der Gastfreundschaft hält und uns so schnell wie möglich wieder loshaben möchte.

    Während ich Isak meine Schulter zum Abstützen anbiete, damit er nicht völlig den Anschluss verliert, reden die beiden Erwachsenen vor uns über den Krieg und ihre Einschätzung der Situation.

    Levi schildert ihm die Lage im Ghetto und seinen Plan, die Menschen dort zu bewaffnen und in die Freiheit zu führen.

    Von unserem „Gastgeber“ erfahren wir im Gegenzug leider wenig konkretes… nur abstruses Gedankengut über den Krieg im Allgemeinen und seinen persönlichen Krieg im Besonderen.

    „Ich kämpfe nicht gegen Hitler oder gegen die Nazis.“, sagt er einmal. „Wenn ihr gegen etwas kämpft, habt ihr schon verloren, denn man kann keine Ideen besiegen. Ich kämpfe allein für mich. Weil es mich befriedigt, den Schrecken, den sie verbreiten, auf sie zurückzuwerfen... ein Spiegel zu sein für ihre eigene Grausamkeit.

    Ich weide mich an ihrer Angst und ihrem Hass. In der Zivilgesellschaft würden sie mich vermutlich einen Psychopathen nennen… einen Sadisten... einen Irren. Zum Glück haben wir Krieg. Da kann jedes noch so kranke Arschloch seine Triebe ausleben.“

    „Na, bereust du schon, mit uns gekommen zu sein?“, flüstert mir Isak ins Ohr.

    „Quatsch.“, erwidere ich. „Das ist eines der wenigen Dinge, die ich nicht bereue. Ist nur schade, dass ich euch unter diesen beschissenen Umständen kennengelernt habe. Wenn kein Krieg wär und wir nicht stark sein müssten, würde ich wahrscheinlich heulen vor Glück, dass ich sowas wie euch finden durfte… echte Helden… echte Abenteuer… echte Freiheit… auch wenn es nur die Freiheit eines Geächteten ist. Kennst du Robin Hood?“

    Isak schüttelt den Kopf.

    „Würde dir bestimmt gefallen. Robin Hood hat sich im Wald versteckt… er hat die Reichen ausgeraubt und es dann den Armen gegeben.

    „War er ein Anarchist?“

    „Keine Ahnung.“, muss ich eingestehen. „Ich glaube, das Wort gab es damals noch gar nicht. Außerdem… außerdem hat er einem König gedient. Also einem guten König… Richard Löwenherz. Ich habe das Buch zum zwölften Geburtstag von meinem Vater bekommen, weil ich es mir so sehr gewünscht habe.“

    Isak zieht verwundert die Augenbrauen hoch.

    „Dein Vater knallt im Ghetto Juden ab. Und er kauft dir so ein Buch? Was ist denn das für ne Doppelmoral?“

    „Doppelmoral ist sein zweiter Vorname.“, erkläre ich. „Er redet auch ständig vom Freiheitskampf des Deutschen Volkes, und lässt Freiheit nicht mal in seiner eigenen Familie zu. Dort, wo es doch allein an ihm liegt, ob es Freiheit geben könnte oder nicht…“

    „Mein Vater ist auch nicht viel besser.“, versucht mich Isak zu trösten. „Er sagt immer, egal was für ne üble Scheiße auch in der Welt da draußen passiert… es ist alles der Wille Gottes, und Gott weiß immer, was er tut. Außer wenn ich mal Mist gebaut habe… dann war das natürlich nicht der Wille Gottes, sondern mein eigener.“

    Ich muss herzhaft lachen… zum ersten Mal seit langer Zeit.

    „Aber ich glaube, so muss man einfach werden, wenn man zu den Erwachsenen dazugehören will. Da darf man sich nicht an so ein paar läppischen Widersprüchen stören…“

    Unser Weg führt uns an einigen auffälligen Felsformationen vorbei, bis wir schließlich vor einer Einbuchtung vom bereits wartenden Janosch in Empfang genommen werden.

    „Da sind die Turteltäubchen ja endlich.“, meint er, und deutet auffordernd in Richtung Felsen.

    „Los, kommt schon. Die Sonne wird gleich am Himmel stehen.“

    „Ich glaube, er ist doch ein Vampir.“, flüstert mir Isak zu.

    „Red keinen Unsinn und beeil dich.“, schimpft Janosch, ehe er sich in eine kleine Höhle zwängt.

    Wir gehen hinterher… wundern uns schon, wie man es in einem solch kleinen Loch aushalten kann.

    Doch dann drückt Janosch gegen eine der Felswände, die sich als ziemlich glaubwürdige Attrappe aus Lehm und Felssplittern entpuppt. Janosch schiebt sie beiseite wie eine Eingangstür, und fordert uns mit einer Handbewegung auf, ihm in den dahinterbefindlichen dunklen Gang zu folgen.

    Nachdem wir uns durch einige Gänge in völliger Dunkelheit entlanggetastet haben, ertönt auf einmal das monotone Brummen eines Generatos, dann gehen rechts und links von uns mehrere Lampen an.

    Wir stehen mitten in einer weiträumigen Grotte. Die Wände bestehen aus naturbelassenen Felsen, mehrere Tropfsteine hängen von der Decke. Nur die herumstehenden Möbel… ein Bett, ein Tisch und eine Art Backofen, auf dem ein großer Topf vor sich hin köchelt, wollen so gar nicht in dieses Naturwunder passen.

    „Das war mal ein Bergwerk…“, erklärt Janosch nicht ohne Stolz auf seine unkonventionelle Behausung. „Ist aber schon lange aufgegeben worden. Wir haben hier Frischluftzufuhr, Strom aus dem Generator und ein paar Gänge weiter sogar fließendes Wasser. Ich glaube, sogar Hitler wäre neidisch auf das hier.“

    „Da kann man nicht widersprechen.“, sagt Levi und sieht sich bewundernd um. „Und hier ist Platz für… wieviele Menschen? Ich meine, wenn man eng zusammenrücken würde…“

    Janosch wirft ihm einen bösen Blick zu.

    „Hier ist nur Platz für mich.“, stellt er unmissverständlich klar. „Aber selbst, wenn ich nicht da wäre, würdet ihr höchstens einen Bruchteil eurer Judenstadt hier reinbekommen.“

    Auf der einen Seite der Höhle erkenne ich hunderte glänzender Objekte, Orden, Knöpfe, die alle wie schmückende Trophäen in die Wand hineingearbeitet wurden. Nein, als ich um die Ecke gehe, sehe ich, dass es noch weitaus mehr sind. Nicht hunderte… tausende…

    „Eine beachtliche Sammlung.“, meint auch Levi, und berührt fasziniert ein eisernes Kreuz, als müsse er sich persönlich von dessen Echtheit überzeugen.

    „Die Tage können manchmal ziemlich lang sein hier drin.“, erklärt uns Janosch. „Da braucht man einfach einen Ausgleich… ein Steckenpferd… Ich sammle eben, wenn mir langweilig ist. Oder probiere neue Rezepte aus.“

    Wenig später sitzen wir um Janoschs Tisch herum und warten ungeduldig auf die heiße Suppe, die er uns versprochen hat.

    Ich habe seit gestern keinen Bissen mehr zu mir genommen. Irgendwann in der Nacht hat mein Magen sogar aufgehört, zu knurren, um Kraftreserven zu sparen.

    Um so gieriger schlinge ich nun das heiße Gebräu in mich rein.

    Zumindest so lange, bis ich auf meiner Zunge etwas Hartes spüre.

    Ich greife mir in den Mund, und ziehe einen Zahn heraus… aber es ist nicht mein Zahn, es ist der abgebrochene Zahn eines Erwachsenen.

    Janosch, dem mein angeekelter Gesichtsausdruck nicht entgangen ist, deutet mir mit dem Löffel an, weiter zu essen.

    „Für einen echten Partisaneneintopf darf man nicht wählerisch sein, was die Zutaten angeht.“, fachsimpelt er. „Wusstet ihr, dass Affenhirnsuppe in Indonesien als Delikatesse gilt? Steigert außerdem die Potenz, hab ich gelesen. Wir haben nur leider keine Affen hier in den Wäldern… naja, also hab ich eben improvisiert. Es heißt ja immer, die Affen seien uns am Ähnlichsten.“

    Ich versuche, den Würgreflex in den Griff zu bekommen… doch mein Magen ist Anarchist. Und der Gedanke an das, was ich da gerade in mich reingeschüttet habe, ist einfach zu stark.

    Und so reiere ich eine Männerladung braunes Erbrochenes auf den felsigen Untergrund.

    Levi riecht nochmal an seiner Suppe, und schiebt den Teller dann höflich, aber bestimmt von sich weg.

    Nur Isak lässt sich von all dem nicht aus dem Konzept bringen und schaufelt Löffel für Löffel des kannibalischen Mahls in sich hinein.

    „Ich weiß gar nicht, was ihr habt…“, meint er laut schmatzend. „Ich hab in meinem ganzen Leben noch keinen so leckeren Eintopf gegessen. Und die kleinen Fleischhäppchen sind das Beste dran.“

    Mir kommt noch einmal ein Schuss Kotze aus dem Mund, dann huste ich verlegen und wische mir mit dem Ärmel den Mund ab.

    „Tut mir leid. Ich kann das nicht essen. Ich glaube, ich bin seit heute Vegetarier…“

    Um nicht als totales Arschloch dazustehen, wirft mir Janosch wenig später mit mitleidigem Blick einen halben Leib Brot zu und etwas Käse. Keine Ahnung, wer dafür sein Leben aushauchen musste, aber das ist mir in dem Moment auch egal.

    Erst, als ich mich zumindest einigermaßen sattgegessen habe, wende ich mich wieder den Gesprächen am Tisch zu.

    Levi versucht wild gestikulierend, Janoschs kaltes Herz zu erweichen und ihn davon zu überzeugen, sich unserer Sache anzuschließen.

    Aber Janosch schüttelt nur immer wieder den Kopf, ohne auf Levis Argumente überhaupt einzugehen.

    „Und die Leute dort in eurem Ghetto…“, sinniert er. „Lasst mich raten, die sind alle so drauf wie ihr. Mutig, draufgängerisch, wild entschlossen, mit Kampferfahrung aus Spanien oder direkt von Karl May…. Die würden mit Waffen umgehen können, wenn ihnen jemand eine in die Hand drückt?“

    „Nun ja…“, meint Levi kleinlaut. „Man müsste sie schon erst darin instruieren… das heißt, zuerst müssen wir sie mal davon überzeugen, dass sie gar keine andere Wahl haben als sich den Weg in die Freiheit freizuschießen.“

    „Wissen die überhaupt, dass ihr hier seid? Antworte! Und sag die Wahrheit… ich sehe in deinen Augen, wenn du lügst.“

    Levi haut mit der Faust auf den Tisch.

    „Verdammt, Janosch… die haben meinen Plan ja nicht mal zu Ende angehört! Aber wenn wir ihnen Waffen zeigen könnten, einen fertig ausgearbeiteten Plan, und wenn du mit uns kommen würdest, um den Aufstand anzuführen… du mit deiner Erfahrung, und deiner, ähm kompromisslosen Art…“

    Erst habe ich kurz den Eindruck, als würde sich Janosch überzeugen lassen, weil er sich in stoischer Ruhe einen Schnaps einschenkt und in einem Zug runterkippt. Aber dann merke ich, dass die vermeintliche Milde in seinem Gesichtsausdruck nichts als Amüsement über Levis seiner Meinung nach naive Weltanschauung ist.

    „Mein lieber Levi…“, meint er schließlich, nachdem Levi sein ganzes Argumentations-Pulver verschossen hat. „Du kommst hier her im Auftrag von Menschen, die dir nie einen Auftrag erteilt haben. Du willst kämpfen für jene, die Kämpfen grundsätzlich aus dem Weg gehen… versuchst, im Namen von Kindern zu sprechen, die sich nicht getrauen, selbst gegen ihre Eltern die Stimme zu erheben.

    Bist du schonmal auf die Idee gekommen, dass alles so ist, wie es ist, weil die Mehrheit der Menschen es genau so verdient hat?

    Du hast deine edlen Visionen von einer besseren Welt… und es erscheint dir nichts logischer, als dass alle anderen die selben Visionen haben müssten. Aber im Grunde bist du nur ein begnadeter Schwimmer, der den nach Luft japsenden, um sich strampelnden Kindern, die ins Wasser gefallen sind und nicht schwimmen können, durch arrogantes Zurufen vom Beckenrand irgendwelche Bewegungsabläufe beibringen möchte.

    Die hören dich nicht. Die sehen dich nicht. Und wenn du dich ins Wasser stürzt, um einen von ihnen ans Land zu ziehen, schlagen sie nur noch panischer um sich, weil sie glauben, du willst sie mit dir in die Tiefe reißen.

    Du bist nicht Gott… du kannst die natürliche Selektion nicht aufhalten, die da draußen stattfindet.

    Manche werden ein Leben lang ums Überleben strampeln… manche werden sich irgendwie ans Ufer retten… die meisten saufen ab… Das ist Schicksal. Akzeptiere es oder lass es bleiben, aber du wirst das nicht ändern.

    Nur die harten Bastarde werden am Ende aller Tage übrig bleiben. Und glaub mir, das werden nicht die Nazis sein… Die härtesten Bastarde sind die, die keine Führer brauchen, keinen Gott, kein Volk und keine Regeln.

    Die beiden kleinen da…“

    Er deutet auf mich und Isak.

    „Die scheinen welche von der Sorte zu sein. Alte Seelen… alte Seelen, die schon länger hier sind als nur dieses eine Leben… alte Seelen, die schon so viel gesehen haben, dass sie instinktiv wissen, wie’s läuft.

    Die, wenn sie unter sich bleiben, die friedlichsten, unschuldigsten Lämmer sein können. Aber wehe, wenn irgendjemand versucht, ihnen seinen Willen aufzuzwingen. Dann werden sie tricksen, davonlaufen, kämpfen, beißen, und notfalls auch töten ohne Skrupel.

    Weil es in ihrer Natur liegt.

    Weißt du, was man sich über mich erzählt? Sie sagen, ich sei verrückt geworden, als ich mitansehen musste, wie die Nazis einen polnischen Jungen erschossen haben.

    In Wahrheit haben das sehr viele mit angesehen. Keiner von denen hat sich davon beeindrucken lassen… nur ich. Weil es in meiner Natur liegt… weil es nur einen kleinen Auslöser brauchte, um diese Natur früher oder später zum Vorschein treten zu lassen.

    Die Menschen da draußen in Deutschland, in Russland oder sonstwo… die hatten Jahrhunderte lang genug Gründe, Amok zu laufen, wild um sich zu schießen und ihren Unterdrückern den Kopf abzureißen.

    Doch nur die wenigsten haben auf diese Auslöser reagiert. Das bringt mich zu dem logischen Schluss, dass es da draußen nicht besonders viele von unserer Sorte gibt.

    Es gab vor ein paar hundert Jahren nicht viele von unserer Sorte… und heute gibt es noch viel weniger.“

    „Ja, weil man den Menschen systematisch Bildung und objektive Informationen vorenthält.“, fällt ihm Levi ins Wort. „Wenn die Menschen irgendwann in ferner Zukunft mal alle Informationen vor sich auf dem Tisch haben, dann werden sie es erkennen… dann werden sie auf die Straßen gehen, oder, wie du es nennst, Amoklaufen…“

    „Pah… Informationen, Bildung...“, kontert Janosch verächtlich. „Du redest wie ein Bürgerlicher. Ich sag dir, was passieren wird, wenn die Menschen eines Tages alle Fakten ausgebreitet auf dem Tisch liegen haben… sie werden anfangen, diese Fakten einzusammeln und zu verbrennen, zu verfälschen, wo sie nur können,, und sie sich irgendwie so hinzudrehen, dass sie ihr Leben nicht all zu sehr verändern müssen.

    Das, wovon ich rede, geht über Informationen und Bildung weit hinaus. Manch Höhlenmensch hat besser zwischen richtig und falsch unterscheiden können als die heutigen studierten Wohlstandsbürger. Er hat gewusst, wenn jemand mit dem Knüppel kommt und mich oder meine Sippe schlägt, dann ist das falsch.

    So… und heute kommen diese studierten, gebildeten Kerle daher mit ihrer ganzen Intelligenz… und dann fangen sie an, die Schläge, die die Menschen um sie herum ausgeteilt bekommen, mit allen möglichen intellektuellen Gedankenkonstrukten zu rechtfertigen. Mit ihrer Religion, mit ihren Gesetzen, mit ihrer Rasse… und wenn ihnen gar nichts anderes einfällt, dann einfach damit, dass ja irgendwer Schläge austeilen muss, weil es sonst ein anderer machen würde, der vielleicht noch härter zuschlägt.

    Glaub mir, Bildung ist auch keine Lösung. Das, auf was es im entscheidenden Moment wirklich ankommt, sitzt sehr viel tiefer… und ich habe nicht die geringste Ahnung, wie man das trainieren oder ausbilden kann… und ob das überhaupt möglich ist.“

    Ich höre nicht länger auf das, was die beiden sagen. Stattdessen zupfe ich Isak am Ärmel, der ganz offensichtlich ebenso gelangweilt ist wie ich. Wir nicken einander zu, dann erheben wir uns vom Tisch und gehen in einen nur spärlich beleuchteten Nebenraum, wo es deutlich ruhiger ist und wir ganz unter uns sind.

    „Meinst du, die reden jetzt den ganzen Tag so weiter?“, frage ich Isak, und schmiege mich ganz dicht an ihn.

    „Bestimmt. Aber es macht keinen Unterschied… Janosch wird uns nicht helfen. Und irgendwie… irgendwie hat er sogar recht damit. Wir können uns allerhöchstens selbst retten. Wer jetzt noch nicht so ist wie wir und immer noch an seinen liebgewonnenen Normen festhält… für den kommt ohnehin jede Rettung zu spät.“

    „Hast du Angst zu sterben? Angst vor dem Tod?“, will ich von ihm wissen.

    Aber er verneint.

    „Ich bin schon lange tot. Als ich erkannt habe, in was für ner abartigen Scheiße wir eigentlich leben… als ich von zuhause weggelaufen bin, um das alles nicht mehr ertragen zu müssen… da habe ich in meinem Kopf schon mit allem abgeschlossen. Hab meinen Frieden gemacht, wie ein Sterbender, dem man die Sakramente erteilt. Alles, was danach noch kam, und was jetzt noch kommen wird… das ist nur ein Bonus. Ein bisschen Bonuszeit für ein längst abgelaufenes Leben.“

    Er streicht mir sanft durch die Haare, und fängt an, mit seinen Fingern überall hinzufummeln, wo er ein bisschen freie Haut finden kann.

    „Wie ist es bei dir, Marie… hast du Angst?“

    Ich muss mich erst auf seine Frage konzentrieren… es ist nicht leicht, sich auszudrücken, wenn man jahrelang trainiert hat, all seine Gedanken für sich zu behalten. Und es ist auch nicht leicht, körperliche Nähe zu genießen, wenn man in seiner Umgebung immer nur ein Fremdkörper war.

    „Keine Ahnung… echt nicht.“, sage ich schließlich. „Alles ist so weit weg… Jetzt nicht nur, weil ich mit dir in einer Höhle sitze… es war auch vorher schon so. Im Grunde seit ich denken kann.

    Und wenn es nun stimmt, was Janosch sagt, mit den alten Seelen… dann gibt es auch keinen richtigen Tod, nicht wahr? Wir werden nur in irgendwas anderes transformiert, und dann werden wir wieder ins Leben hinausgestoßen. Vielleicht sind wir erst ein Mann, im nächsten Leben dann eine Frau. Oder heute ein Deutscher, morgen ein Jude. Und übermorgen vielleicht ein Moslem.

    Wie soll man sich dann noch irgendwo wirklich zuhause fühlen?

    Manchmal glaube ich, das Nichts… das Jenseits, oder wie man es nennen mag… das ist unsere einzige wirkliche Heimat… alles andere ist nur eine Illusion, für die wir uns abrackern, kämpfen und morden sollen… das ist alles so sinnlos.“

    Mir läuft eine einzelne Träne über die Wangen… dabei habe ich seit Jahren nicht mehr geweint.

    „Ey, was hast du?“, fragt mich Isak besorgt. „Keine bestimmte Heimat zu haben kann auch bedeuten, dass überall deine Heimat ist. Auf der ganzen Welt…“

    „Es geht mir doch überhaupt nicht um irgendeinen Ort.“, platzt es aus mir heraus. „Den Ort kann man wechseln. Man kann sich sogar einen Ort kaufen, wenn man über genügend Geld verfügt. Aber du kannst dir keinen anderen Körper kaufen, wenn du das Gefühl hast, da nicht reinzugehören… und du kannst dir keine andere Zeit kaufen, wenn du glaubst, im Hier und Jetzt völlig Fehl am Platz zu sein.

    Als ich klein war, wollte ich immer ein Junge sein. Ich wollte in England leben… an irgendeinem Ort, den es wahrscheinlich gar nicht gibt.

    Und wer weiß, vielleicht bin ich ja im nächsten Leben dann ein englischer Junge… und träume davon, wie schön es wäre, ein deutsches Mädchen zu sein.“

    Ich vergrabe meinen Kopf tief in meinen Armen… habe das Gefühl, als würde mir gleich der Schädel platzen, wenn ich nur noch eine Minute länger über das alles nachdenke.

    „Ich meine, das ist doch völlig krank… Es wird nie eine Heimat geben… wir sind alle nur auf einer endlosen Wanderung und haben längst vergessen, warum wir irgendwann einmal aufgebrochen sind.“

    „Ich kann ja mal Janosch fragen, ob er zufällig ne Bibel hat oder sowas.“, flüstert Isak. „Da drin ist alles genau erklärt… warum wir uns so heimatlos fühlen, wer uns vertrieben hat und was wir machen müssen, damit der Arsch uns wieder zu sich zurückkommen lässt. Ehrlich, Marie… die Gedanken die du hast, sind nicht mal halb so abartig, wie du denkst…

    Viele haben vor dir schon so gedacht. Extra dafür wurden einst die Religionen erfunden. Damit die Menschen durchs viele Grübeln nicht so werden wie wir… damit sie nicht durchdrehen… damit sie weiter gehorsam und produktiv bleiben…“

    „Ach ja?“, frage ich wenig begeistert. „Funktioniert bei mir leider nicht. Wenn ich mal in der Bibel gelesen habe, ging’s mir danach nur noch beschissener… Ich kann nicht verstehen, wie das manchen Leuten Kraft geben soll. Vor allem die Ernsthaftigkeit, in der das geschrieben ist, macht mir Angst. Ich frage mich, was das für Menschen waren, die sich für erleuchtet hielten, und doch so wenig über sich selbst lachen konnten. Ich meine, das müssen doch total arrogante Schweine gewesen sein.

    Ehrlich, Isak… hunderte von Seiten, und nicht ein einziger Witz, nicht mal ein Hauch von Ironie… nur tausend Regeln, was man alles machen soll und was nicht. Das hätte glatt von meinem Vater sein können.“

    „Na, wenigstens weißt du, was du alles nicht willst…“, meint Isak. „Das ist doch schon mal ein Anfang. Du willst keine Leute, die sich zu ernst nehmen, du willst keine Mädchenkleider tragen, du willst kein sinnloses Leben führen, willst aber auch nicht dir von jemand anderem den Sinn aufschwatzen lassen… willst niemand, der dir Vorschriften macht...

    Diese Ablehnung, diese Zweifel, diese in dir schlummernde Wut… das alles bist du. Das ist das, was dich ausmacht… deine Persönlichkeit. Und nebenbei bemerkt, eine verdammt starke Persönlichkeit.“

    Er greift sanft an mein Kinn und dreht es in seine Richtung, damit ich ihm genau in die Augen schauen muss.

    „Vergiss deinen Vater und die ganzen Leute, die dir eingeredet haben, dass du nicht stark bist… dass du gar nicht stark sein kannst. Du bist stark, sonst hättest du das alles nie bis hier hin durchgestanden.

    Und eine Persönlichkeit, die so dermaßen stark ist wie du, die braucht im Grunde gar keine Heimat… keine festen Wurzeln, an denen sie sich festkrallen kann. Eine so starke Persönlichkeit kann auch ohne Wurzeln unverrückbar an einem Ort verharren, wenn sie es möchte… und doch jederzeit gehen, wohin immer sie will. Sie kann gleichzeitig Mädchen und Junge sein. Und sie braucht auch keinen allmächtigen Schöpfer, keine Tradition, keine Moral, die ihrem Dasein einen Sinn verleiht. Denn sie ist in der Lage, für sich selbst festzulegen, was Sinn ergibt und was nicht. Und wenn sie meint, dass nichts in ihrem Leben einen Sinn ergeben soll… fein, dann ist das eben ihr Wille… und ihr Wille wird geschehen.“

    Ich überlege eine Weile, was ich gerne sein möchte… allein schon, um diesem unverbesserlichen Optimisten klarzumachen, dass es nicht so einfach ist, wie er das gerade darstellt.

    Mir fällt nur dummerweise nichts mehr ein. Mein Kopf ist völlig leer… die Welt ist so weit weg, wie sie nur wegsein kann…

    „Im Grunde“, ring ich mich schließlich zu einer Antwort durch. „Im Grunde will ich wohl genau das hier. Mit dir in einer Höhle rumhängen und Trübsal blasen. Und selbst, wenn ich Gott wäre… ich würde vielleicht die Nazis verschwinden lassen und alle anderen auch… aber ich würde trotzdem weiter mit dir hier in der Höhle bleiben wollen.“

    „Ach ja? Und was würdest du dann dort mit mir machen?“

    Unsere Lippen nähern sich einander an. Vorsichtig, wie zwei auf der lauer liegende Raubkatzen. Und dann, als sie realisieren, dass nur noch ein kurzer Sprung zwischen ihnen und ihrer Beute liegt, schnappen sie zu.

    Wir fallen übereinander her, küssen uns, bis ich seinen Speichel nicht mehr von meinem unterscheiden kann. Dann öffne ich sein Hemd, und er öffnet meins. Seine Hände rutschen in meine Hose, ich ertaste sein erregtes Gleid...

    Alles geschieht wie im Traum.

    Ich überlege kurzzeitig, dass es ziemlich lustig wäre, meinem Vater ein Bild davon zu schicken, wie wir uns miteinander vermischen… wie jüdisches Sperma in meine arische Scheide fließt…

    Die Vorstellung, wie er darauf reagieren würde, jagt mir jedoch keinen Schauer mehr über den Rücken, wie sie es in früheren Zeiten getan hätte… sie erheitert mich nur noch und steigert meine Erregung noch mehr.

    „Du gehst ja voll ab…“, stöhnt Isak, dem mittlerweile schon der Schweiß auf der Stirn steht. „Ich dachte immer, Mädchen wollen’s zärtlich und so.“

    Ich verpasse ihm scherzhaft einen Klaps auf den Hinterkopf.

    „Ich bin kein Mädchen, du Idiot.“

    Dann werfe ich ihn auf den Rücken, drücke seine Arme nach hinten, so dass er sich nicht mehr rühren kann, und lecke mit meiner Zunge über seinen ganzen Körper.

    „Ist mir völlig egal…“, flüstert er erregt. „Mach einfach nur weiter.“

    Als die Nacht heranbricht, führt uns Janosch auf verborgenen Pfaden aus seinem Wald hinaus… scheint so, als ob er es kaum erwarten könne, uns wieder los zu sein.

    Vor allem Levi, der nicht müde wird, an Janoschs Verantwortungsgefühl und Solidarität zu appelieren.

    Aber da könnte er ebenso gut mit einem der Felsen sprechen.

    „Willst du es dir nicht noch einmal überlegen, Janosch? Es kämpft sich besser an der Seite von Freunden.“

    „Meiner Erfahrung nach.“, entgegnet Janosch. „kämpft es sich deutlich besser, wenn alle Freunde, die theoretisch sterben könnten, schon tot sind.“

    Das ist dann auch das Ende der Unterhaltung. Er zeigt uns noch den weiteren Weg, dann verschwindet er wieder zwischen den Bäumen, genauso schnell, wie er erschienen ist.

    Ich frage Levi, wie es jetzt weitergehen soll… was aus dem Plan wird, ohne Partisanen, ohne Waffen…

    „Nun, ich werde auf jeden Fall zurückgehen ins Ghetto.“, meint er. „Damals in Spanien… als wir den Kampf verloren hatten… da habe ich einfach meine Koffer gepackt, wie so viele, und bin verschwunden. Aber diesmal nicht. Diesmal werde ich weiterkämpfen bis zum bitteren Ende. Auch wenn Janosch tausendmal sagt, dass die Menschen es nicht wert sind. Die Idee ist es allemal wert.“

    Er wirft uns einen besorgten Blick zu… ich glaube, er würde uns am liebsten loswerden, in irgendein Heim stecken bis der Krieg vorbei ist und uns danach wieder abholen.

    „Ich weiß, ihr beiden macht sowieso, was ihr wollt. Aber wenn ihr meinen Rat hören möchtet, dann verschwindet! Schlagt euch mit den falschen Papieren durch bis ans schwarze Meer, und dann steigt in ein Schiff und kommt nie wieder zurück.“

    „Geht klar.“, sagt Isak sofort zu Levis sichtlicher Überraschung. „Mach’s gut, Levi. Und danke für alles.“

    Wir verabschieden uns von ihm, warten, bis er hinter der nächsten Biegung verschwunden ist, dann gehen wir ohne ein weiteres Wort darüber zu verlieren in den Wald zurück.

    Als Janosch am Morgen mit einigen über den Schultern hängenden Maschinenpistolen zurückkehrt, haben wir bereits in der Höhle aus Pilzen und Waldfrüchten einen leckeren Eintopf zubereitet, um ihn ein wenig versöhnlich zu stimmen.

    Im ersten Moment fürchte ich, dass er uns am Kragen packt und hochkantig hinauswirft… aber stattdessen geht er nur an uns vorbei, setzt sich an den Tisch und beginnt in Seelenruhe zu essen.

    Erst nach einigen Minuten des Schweigens murmelt er mit finsterer Stimme:

    „Wenn ihr hier bleibt, werdet ihr sterben. Und keiner wird um euch weinen. Ich auch nicht.“

    „Ja.“, erwidern wir beide, beinahe im Chor.

    Dann wendet sich Janosch wieder seinem Essen zu, und wir verziehen uns in den Teil der Höhle, der von da an uns alleine gehören soll.

    Viel zu schnell ziehen die kommenden Wochen und Monate dahin. Janosch bildet uns zu perfekten Partisanenkämpfern aus.

    Er lehrt uns die Taktiken, zeigt uns, wie man Fallen baut und den Feind täuscht.

    Doch irgendwann wird es den Nazis endgültig zu bunt. Sie fangen an, den Wald systematisch abzuholzen oder manchmal auch einfach niederzubrennen.

    Die Wege, die wir gehen müssen, um zu unserer sicheren Höhle zu gelangen, werden zunehmend beschwerlicher.

    Und dann, irgendwann, kommt es wie es kommen musste.

    Isak liegt vor mir mit einer Kugel im Rücken… ich halte seine Hand, während Janosch im Hintergrund unter den Soldaten aufräumt, die uns in einen Hinterhalt laufen ließen.

    „Gib nicht auf.“, sag ich immer wieder. „Das ist noch nicht das Ende.“

    Als Janosch endlich zu uns kommt und sich Isaks Verletzung anschaut, schüttelt er nur den Kopf und meint ohne die geringste Gefühlsregung

    „Das wird nix mehr. Tut mir leid. Soll ich ihm den Gnadenschuss geben?“

    Er zieht schon seinen Revoler, ohne überhaupt auf unsere Reaktion zu warten… aber ich sage entschlossen: „Nein!“

    Janosch schüttelt abermals den Kopf, dann nimmt er ohne weitere Worte eine Handgranate und legt sie mir auffordernd vor die Füße.

    „Dann kann ich nichts mehr für euch tun.“

    Ich sehe, wie Isak immer schwächer wird.

    „Hast du… hast du dir das wirklich… gut überlegt…“, fragt er, als ich mich neben ihm niederknie und seine Hand halte.

    „Da gibt es nichts zu überlegen.“, sage ich, mit einem Blick zu Janosch, der sich inzwischen seine Waffe umgehängt hat und ohne sich nochmal umzudrehen davongeht.

    „Diese Welt hat uns nie gewollt. Sie hat uns auch gar nicht verdient.“

    Mit diesen Worten ziehe ich den Stift der Granate ab… wir lächeln uns ein letztes Mal zu… dann reißt eine gewaltige Druckwelle alles auseinander.

    Ich fliege über einige Bäume hinweg… nein, genaugenommen ist es nur mein Kopf, der trotz allem noch über einen Rest Bewusstsein verfügt.

    Ich pralle auf den Boden, keine zehn Schritte von Janosch entfernt, der jetzt doch stehen bleibt und mir verwundert in die noch offenen Augen starrt.

    „Janosch, so langsam wirst du mir unheimlich.“, redet er zu sich selbst, da er offenbar nicht damit rechnet, dass ich noch irgendetwas mitbekommen könnte. „Du kannst doch unmöglich jetzt an Essen denken. Doch Josef, wir haben schon viel zu lange Kaninchen gegessen, meinst du nicht auch? Und moralisch gesehen ist es auch nicht viel perverser, sich einen guten Freund einzuverleiben, als einen Feind.“

    Er greift nach mir, steckt mich in seine Tasche, dann gehen endgültig die Lichter aus.

    Alles wird schwarz.

    Levi ist natürlich der, der in der späteren Version dann Victor heißt. Ich denke, die Idee mit der Befreiung des Ghettos ist nicht schlecht, aber das wäre Stoff für einen ganzen Roman geworden, das hätte man nicht mal eben so in einer Rückblende erzählen können. Aber ich kann mir das in meiner Fantasie schon gut ausmalen, wie Marie dann irgendwann zurück ist und im Ghetto ihrem Vater gegenübersteht für den finalen Showdown.

    Da ich aber irgendwann die Lust verloren habe und Janosch auch nicht wirklich reingepasst hat, hab ich Marie dann eben schnell sterben lassen. Und dann alles nochmal komplett neu geschrieben.

    • Offizieller Beitrag

    Deleted Scene 3:

    Noch ein alternatives Leben von Marie.

    Diesmal büchst sie aus und landet im Zirkus. Der Zirkus ist aber ne Art Gegenwelt auf Rädern, und es gibt sogar ein paar kleine Anspielungen auf meinen Gegenwelt-Roman.

    Spoiler anzeigen

    „Gestern ist ein Zirkus ins Nachbardorf gekommen.“, versuche ich einmal beim Abendbrot, zur Abwechslung auch mal meinen Willen durchzusetzen. „Paul hat gesagt, dass die eine großartige Schau veranstalten, mit Artisten aus fremden Ländern und wilden Tieren… Ich würde mir das so gerne mal anschauen…“

    Mein Vater sieht grimmig aus seiner Zeitung hoch.

    „Ich hab genug Zirkus den ganzen Tag.“, brummt er. „Und deine Mutter verträgt das nicht wegen ihrer Migräne.“

    Aber ich will ja auch eigentlich gar nicht, dass sie mitkommen.

    „Ich habe gedacht… ich könnte ja auch allein hingehen, wenn ihr mir ein bisschen Geld gebt…“

    „Viel zu gefährlich.“, winkt mein Vater ab. „Weißt du nicht, was die Leute sagen? Jedes Mal, wenn ein Zirkus im Ort ist, verschwindet ein Kind… Ja… sie rauben junge Mädchen und verkaufen sie dann an irgendwelche Scheichs im Orient. Dieses fahrende Volk ist ein übles Gesindel, glaub mir, Marie…“

    Ich weiß nicht, was er hat… vielleicht ginge es mir dort ja sogar besser. Wer weiß, ob mir ein orientalischer Scheich nicht mehr Freiheiten lassen würde als diese Familie.

    Doch so schnell gebe ich nicht auf, wenn ich mir erstmal etwas in den Kopf gesetzt habe.

    „Ach Papa, ich bin doch kein fünfjähriges Kind mehr…“

    „Dann verhalte dich auch so.“, erwidert er streng. „Werde endlich erwachsen und hör auf, dich für solchen Unsinn zu interessieren. Karl May, Jules Verne… Zirkus… pfft…“

    Er macht eine verächtliche Handbewegung.

    „Davon kann man nicht abbeißen, Marie.Weißt du, warum wir jeden Tag frische Wurst und Käse zu essen haben? Weil deine Mutter und ich uns dafür krummschuften. Was würden wir wohl auf dem Tisch haben, wenn du für die Versorgung der Familie zuständig wärst?“

    Schließlich mischt sich meine Mutter ein und meint, dass ich mir doch zumindest die Nachmittagsvorstellung anschauen könne, wenn ich verspreche, vor Einbrechen der Dämmerung wieder Zuhause zu sein.

    Mein Vater mosert zwar weiter herum, aber vor dem Zubettgehen steckt mir meine Mutter dann heimlich fünf Mark zu.

    „Halt an deinen Träumen fest, wenn du es kannst.“, sagt sie ungewohnt nachdenklich. „Vielleicht habe ich meine schon viel zu früh begraben…“

    Am nächsten Nachmittag stehe ich hoffnungsvoll vor dem großen Zirkuszelt.

    „ZIRKUS AIKRANA“, prangt dort in bunten Lettern am Eingang. „SEIT 10 GENERATIONEN IN FAMILIENBESITZ. INHABER WILIBALD BOBSDIJF“

    Drinnen beginnt sich die Manege langsam zu füllen.

    Ich kaufe mir ein Billet und etwas Zuckerwatte von so einem merkwürdigen Liliputaner, der mit Zylinder und viel zu großen Schuhen herumläuft und neben dem Eingang seine Ware anpreist.

    „So ganz allein hier, hübsches großes Ding?“, fragt er mich, nachdem ich ihm das Geld übergeben habe.

    „Meine Freunde sind da drüben…“, lüge ich, und zeige irgendwo nach hinten, damit er gar nicht erst auf dumme Gedanken kommt.

    Er stellt sich auf die Zehenspitzen und beugt sich neugierig in die besagte Richtung.

    „Ah, verstehe…“, sagt er schließlich, ehe er mir meine Bestellung überreicht. „Bewahre dir diese Freunde… das sind die allerbesten!“

    Er zwinkert mir zu, und ich gehe irritiert zu meinem Platz.

    Eine knappe Viertelstunde später beginnt die Vorstellung mit einer schnellen Marschmusik und dem Direktor des Zirkus… einem Kerl mit gezwirbeltem Schnurrbart und gelackten Klamotten, der sich in der Mitte der Manege aufbaut, um sein Publikum zu begrüßen.

    „Verehrte Herrschaften und Damschaften… hochverehrte Kinder… Ich heiße sie alle herzlich willkommen zu unserer Nachmittagsvorstellung. Zirkus Aikrana, das ist seit mehreren hundert Jahren ein Synonym für atemberaubende artistische Leistungen, hintersinnige Komik und wilde, gefährliche Kreaturen aus aller Herren Länder. Ich glaube, nicht zu viel zu versprechen, wenn ich ihnen hiermit garantiere, dass sie von dem, was sie in den nächsten zwei Stunden zu Gesicht bekommen, noch lange zehren werden. Lehnen sie sich zurück und genießen sie… zwei Stunden voller…“

    Er wird von dem Liliputaner unterbrochen, der scheinbar aus Versehen in die Arena gewatschelt kommt und wild mit den Armen gestikuliert.

    „Wilibald! Wilibald! Bin ich schon dran?“

    „Nein, Jacquomo.“, erwidert der Direktor mit gespielter Verärgerung und versucht ihn mit einer Handbewegung davonzuscheuchen. „Warum gehst du nicht in dein Puppenhäuschen zurück und wartest, bis ich meine Rede zu Ende geführt habe?“

    Der Liliputaner rollt mit den Augen und meint:

    „Das ist keine so gute Idee, Chef… da ist alles voller Juden.“

    „Juden?“, fragt der Direktor verwundert. „Warum um Himmels willen sind die Juden nicht in ihrem Käfig? Wer soll denn dann nachher durch die brennenden Reifen springen?“

    „Wir könnten doch einfach Löwen nehmen…“, überlegt der Kleine hilflos. „Wie jeder andere Zirkus auch.“

    „Wir sind aber nicht jeder andere Zirkus, Jacquomo. Außerdem sind Löwen teuer. Juden kriegst du in diesen Tagen nachgeworfen.“

    „Aber die sind längst nicht so selten und exotisch.“, behauptet Jacquomo rechthaberisch.

    Der Direktor setzt ein fieses Grinsen auf und zwinkert dem Publikum dabei auffällig zu.

    „Noch nicht, Jacquomo. Aber bald.“

    Vereinzelt brandet Applaus auf.

    Der Liliputaner kratzt sich unterm Zylinder.

    Als nächstes treten zwei junge Männer mit Drachenmasken auf, die mit ihren scharfen Säbeln zu treibenden Trommelklängen einen chinesischen Schaukampf vorführen.

    Mehr als einmal bin ich verwundert von der Eleganz, mit der sie den Hieben des Gegners ausweichen…

    Am Ende ihrer Darbietung enthauptet der kleinere der beiden seinen Kontrahenten mit einer Wirbelattacke. Die Maske fliegt durch die halbe Arena, und der Getroffene sinkt scheinbar kopflos zu Boden.

    Dem Publikum auf den Rängen stockt der Atem.

    „Ohjemine…“, kommt auf einmal wieder der Liliputaner hinter dem Vorhang hervor. „Geht denn heute wirklich alles schief?“

    Er geht auf den Kopflosen hinzu und klopft ihm auf die Schulter.

    „Hast du dir wehgetan?“

    „Halb so schlimm…“, kommt eine Stimme aus dem Anzug des Artisten. „Aber könnte ich bitte meinen Kopf wiederhaben?“

    „Natürlich.“, erwiderte der Liliputaner, ehe er die Drachenmaske holt und sie dem noch immer regungslos am Boden liegenden wieder auf die Schulter setzt.

    „Hier, ich mach dir noch ein Pflaster dran, damit das bis nach der Vorstellung hält.“

    Kaum hat der Liliputaner seinen Worten Taten folgen lassen, erhebt sich der vermeintlich Verletzte wieder, reckt wie ein siegreicher Gladiator den Arm mit seinem Schwert in die Luft, und hüpft dann mit einer Serie hintereinandergeschlagener Flikflaks rückwärts aus der Manege.

    Um mich herum brandet begeisterter Beifall auf. Dann kommt wieder der Direktor in die Arena und verscheucht den Liliputaner mit einem großen Besen.

    „Sie sehen, verehrtes Publikum… man kann schnell seinen Kopf verlieren in Zeiten wie diesen. Deshalb machen wir hier auch keine politischen Witze, sondern lachen nur über Minderheiten, wie es sich gehört.

    Doch, seien sie versichert, über die nächste Abnormität, die wir ihnen vorführen, sollte man keine Witze machen… denn er ist ein gefährliches, wildes Raubtier… so gefährlich, dass man ihm nie den Rücken zukehren darf… Ich betone: Niemals!“

    Während er spricht, kommt unbemerkt von ihm ein großer, grauer Wolf in die Manege geschlichen. Er postiert sich unmittelbar hinter dem Direktor und stößt dann ein markerschütterndes Knurren aus.

    Die Zuschauer in den ersten Reihen zucken unwillkürlich zusammen… aber der Direktor dreht sich ganz gelassen um.

    „Fido, was machst du denn schon da? Du hast mir vielleicht einen Schreck eingejagt…“

    Dann zeigt er streng mit der Hand auf die Manegenmitte.

    „Mach gefälligst Platz und warte, bis du an der Reihe bist.“

    Der Wolf mustert missmutig die versammelte Menge, ehe er gehorsam davonschleicht.

    „Wo war ich stehengeblieben…“, überlegt der Direktor. „Ach ja… das gefährliche Raubtier, dem man nicht den Rücken zudrehen darf. Und nein, damit meine ich natürlich nicht unseren Fido.“

    Das Licht in der Manege wird dunkler, und die kleine Zirkuskappelle beginnt einen nervösen Trommelwirbel.

    „Meine verehrten Zuschauer… begrüßen sie mit mir unsere neueste Sensation…

    Ein Junge, aufgewachsen in einem Wolfsrudel. Jahrelang hat er ohne jeglichen Kontakt zur menschlichen Zivilisation gelebt. Er versteht unsere Sprache nicht, aber dafür versteht er die Sprache der wilden Tiere umso besser.

    Er ist wie sie, wild, unberechenbar und ohne Erbarmen. Doch, ich versichere ihnen, so lange er jeden Morgen zum Frühstück sein Kaninchen bekommt, ist er lammfromm und gehorcht meinen Kommandos aufs Wort.

    Hier ist der einzigartige, der wagemutige, der ungebändigte Okami!“

    Der Trommelwirbel verstummt, und im Licht eines an der Decke befestigten Scheinwerfers betritt ein in Wolfsfelle gekleideter Junge die Bühne.

    Er scheint nicht viel älter als ich zu sein, aber er wirkt, als stamme er aus einer völlig anderen Welt.

    Seine Haare sind lang und hängen ihm wild ins Gesicht, das von mehreren parallel verlaufenden Narben überzogen ist… Narben, die ganz offensichtlich von einer großen Tierpranke stammen, und dank der Beleuchtung auch noch in der letzten Reihe zu sehen sind.

    Dann kommen noch drei weitere Wölfe herbei, die sich zunächst wahllos in der Manege verteilen. Erst, als der Wolfsjunge ein lautes Bellen ausstößt, stellen sie sich plötzlich in einer Reihe auf.

    Unterdessen entzündet der Direktor einen auf einem Podest stehenden Reifen, und deutet auffordernd in Richtung der Tiere.

    „Los, Okami, zeig uns, was du kannst.“

    Der Junge nimmt Anlauf und hechtet kopfüber durch den Reifen. Dicht hinter ihm folgen die Wölfe, die ebenfalls ohne jegliche Furcht durch den Reifen springen und in der Folge alles imitieren, was der Wolfsjunge ihnen vormacht.

    Er legt sich auf den Boden und streckt Arme und Beine in die Luft… sie tun es ihm gleich.

    Er steht wieder auf… sie stehen auf.

    Dann stellt er sich vor den ersten Wolf, bellt diesen laut an, und der Wolf zieht mit eingezogenem Schwanz in Richtung Ausgang davon.

    Das Spiel wiederholt sich exakt genauso beim zweiten und beim dritten Wolf, die ebenfalls auf Kommando die Manege verlassen.

    Nur der alte graue macht, nachdem er von dem Wolfsjungen angekläfft wurde, nicht die geringsten Anstalten, sich länger herumkommandieren zu lassen. Stattdessen knurrt er und geht mit funkelnden Augen in Kampfposition.

    Der Wolfsjunge tut es ihm gleich… knurrt, fletscht die Zähne… dann stürzen sich beide aufeinander und kullern mit wildem Geknurre und Gebell über den sandbedeckten Arenaboden.

    Einmal hat der Wolf den Jungen direkt unter sich und scheint zu einem vernichtenden Biss anzusetzen, aber der Junge stößt ihn in letzter Sekunde mit dem Bein um, so dass nun auf einmal der alte Wolf auf dem Rücken liegt.

    Nun umklammert der Wolfsjunge ihn wie ein Ringer, so dass sich das Tier kaum noch bewegen kann. Dann stimmt der Junge ein lautes Siegesgeheul an.

    Er steigt von dem Wolf herunter, der sich daraufhin aufrappelt, verschüttelt und mit eingezogenem Schwanz davonrennt.

    Das Publikum applaudiert… wenn man auch aus vielen Gesichtern deutlich die Frage ablesen kann, ob der Verlauf der Vorstellung nun genau so beabsichtigt war oder nicht.

    Mitten im Applaus hält sich der Junge mit schmerzerfülltem Gesicht den Arm, streckt ihn den Zuschauern entgegen und sagt dann auf einmal:

    „Dieses stinkende Mistvieh hat mich gebissen…“

    Alle schauen überrascht… vor allem der Direktor, der nun wild mit den Armen fuchtelnd auf ihn zugelaufen kommt.

    „Was fällt dir ein, hier einfach unerlaubt zu sprechen? Du bist doch der Wolfsjunge. Du darfst nicht reden… das steht so in deinem Vertrag! Was sollen denn die Leute denken?“

    Der Junge wirft ihm einen giftigen Blick zu. Dann wendet er sich wie ein Schauspieler an die Zuschauer und meint mit geballter Faust zu ihnen:

    „Die Leute werden schon erkennen, was offensichtlich ist. Dass du sie hinters Licht führst... dass du ein alter Schwindler mit einem lächerlichen Bart bist, der kultivierte Menschen dazu zwingt, sich wie reudige Hunde zu verhalten… und alles nur, damit dein Zirkus was Besonderes ist.“

    „Hinfort!“, schimpft der Direktor. „Hinfort, oder ich rufe die Hundefänger!“

    Doch der Junge geht nicht zum Ausgang, wie er von seinem Chef mit einer unmissverständlichen Handbewegung aufgefordert wird. Stattdessen sagt er trotzig: „Dann ruf sie doch. Mich werden sie nicht erwischen!“, und rennt auf den Masten in der Mitte des Zirkuszeltes zu.

    Während der Junge wie ein Affe mit einer atemberaubenden Geschwindigkeit am Mast nach oben klettert, wendet sich der Direktor entschuldigend an die Zuschauer.

    „Wie ich sagte… man darf ihm nicht einen Moment den Rücken zudrehen, denn er ist ein gefährliches Ungeheuer. Er ist ein Sozialdemokrat… wahrscheinlich will er bald auch noch eine Gefahrenzulage und bezahlte Überstunden.“

    Vereinzelt ist aus den Zuschauerrängen Gelächter zu hören… Ich glaube, viele andere würden gern lachen, doch sie schauen sich immer erst angestrengt um, wo der nächste ihnen bekannte Nazifunktionär sitzt. Erst, wenn sie sehen, dass der auch lacht, stimmen sie begeistert mit ein.

    „Aber keine Sorge, verehrtes Publikum… ich weiß schon, wie man mit diesem roten Gesindel umzugehen hat. Verlassen sie sich darauf.“

    Er schnippt mit dem Finger, worauf die Musik zu spielen beginnt und eine Gruppe von vier Artisten in bunten Fantasieuniformen die Manege betritt.

    Auf das Kommando des Direktors schauen sie ans Dach des Zirkuszeltes, wo der Wolfsjunge ihnen wütend zuknurrt. Dann machen sie sich ebenfalls daran, den Mast hochzuklettern… nicht ganz so schnell wie der Junge, aber immer noch weitaus graziler als es ein jeder normale Mensch dazu in der Lage wäre.

    Als sie den Jungen fast erreicht haben, wagt sich dieser auf ein Seil und balanciert, gute zehn Meter über den Köpfen der Zuschauer, auf die andere Seite.

    Einer der uniformierten Artisten greift nach einer Trapezschaukel, und schwingt sich daran quer durch die Manege, bis er den Jungen genau vor sich hat… doch der legt sich geschwind mit dem flachen Körper aufs Seil, so dass der Kerl auf der Schaukel an ihm vorbeirast. Als der Artist mit ähnlichem Schwung wieder zurückkommt, springt der Junge ohne lang zu zögern auf den Kerl und versucht ihn, von dem Trapez hinunterzuwerfen.

    Dann greifen auch seine Kollegen ein… sie schnappen sich von der Decke hängende Seile und schwingen sich daran wie Tarzan im Dschungel durch die Manege.

    Als der Junge sie sieht, verpasst er dem Kerl auf der Schaukel noch eins, so dass der beinahe den Halt verliert und sich nur noch mit einem Arm vor dem Absturz bewahren kann. Dann springt der Junge aufs nächste Seil, einen halben Meter über dem dort hängenden Artisten, und versucht, diesen ebenfalls kampfunfähig zu machen, in dem er mit den Füßen auf dessen Kopf herumtrampelt.

    Die beiden anderen Uniformierten haben unterdessen große Holzstangen in den Händen, und versuchen damit im Vorüberfliegen, ihrem Kollegen zur Hilfe zu kommen.

    So entbrennt ein wilder Kampf, der schließlich nach einigen weiteren gewagten Sprungmanövern des Jungen damit endet, dass er bei einem erneuten Versuch, das Trapez zu erreichen, von einer Holzstange getroffen wird, den Halt verliert und mit einem lauten Wolfsheulen in die Tiefe stürzt.

    Dem Publikum stockt der Atem… einige Nervenschwache halten sich die Hand vor die Augen. Erst, als der Junge schon fast auf dem Boden angekommen ist, wird sein Fall durch ein bis dato unsichtbar gebliebenes Seil abgefedert.

    Ich bin völlig baff… habe Schwierigkeiten, einen klaren Gedanken zu fassen.

    Aber viel Zeit, zur Ruhe zu kommen, lässt der Zirkus den Zuschauern nicht.

    In Windeseile sind auch die anderen vier von ihren Seilen herabgeklettert, umringen den wehrlos am Sicherungsseil hängenden Jungen, und schneiden ihn los.

    Er fällt noch gut einen Meter tief auf den Boden. Dann wird er von den anderen an den Haaren hochgezogen und mit einem dicken Seil an Armen und Beinen gefesselt, während der Direktor mit einem arroganten Siegerlächeln um ihn herumschreitet.

    „Siehst du, wie schnell sie dich wieder heruntergeholt haben von deinen hochfliegenden Träumen? Glaub mir, Bursche, aus diesem Zirkus gibt es kein Entkommen. Ich bestimme, wann das Licht ausgeht.“

    Er schnipst mit den Fingern, worauf sich für eine knappe Sekunde der Scheinwerfer abschaltet und das Zirkusinnere komplett im Dunkeln liegt.

    Als das Licht wieder an ist, deutet der Direktor auf einen danebenstehenden Klappstuhl.

    „Ich bestimme sogar, wann die Möbel arbeiten und wann nicht.“

    Wieder ein Fingerschnipsen, worauf der Stuhl scheinbar ohne äußere Einflüsse in sich zusammenkracht.

    „Nichts geht ohne meinen Willen. Ja, selbst dein Körper ist mir völlig ausgeliefert, denn ich bin ein mächtiger Zauberer.“

    Der Direktor steht nun direkt neben dem gefesselten Wolfsjungen.

    „Wenn ich möchte, dass du keine Nase mehr hast, dann zaubere ich sie dir einfach weg.“

    Er schnippt mit dem Finger gegen das Gesicht des Jungen, worauf dessen Nase tatsächlich von ihm abzufallen scheint und in den Hände des Direktors landet.

    Der zeigt das Beutestück dem staunenden Publikum, postiert sich hinter dem Jungen und meint dann mit strenger Stimme: „Ich kann dir auch deine Augen aus dem Kopf zaubern, wenn ich will.“

    Er gibt dem Jungen einen Klaps auf den Hinterkopf… und ich sehe ungläubig, wie tatsächlich dessen Auge in den Sand zu fallen scheint.

    „Siehst du, ich bin der Herr über alles.“, triumphiert der Direktor mit nun fast dämonisch anmutendem Grinsen. „Und wenn du mir nicht gehorchst, werde ich dich Stück für Stück auseinandernehmen, bis nichts mehr von dir übrig ist außer diesem Wolfsfell… und das Fell schenke ich dann einem Juden als Unterhose.“

    Ich wünschte, ich hätte eine bessere Sicht auf das Geschehen… von da, wo ich sitze, sieht es jedenfalls wirklich so aus, als ob der in Fesseln gelegte Junge an der Stelle, wo sich vorher Auge und Nase befand, nur ein klaffendes Loch im Gesicht hat.

    „Mag sein…“, sagt der Junge scheinbar unbeeindruckt. „Aber weißt du… ich habe auch in deinem Zauberbuch gelesen, alter Mann.“

    Es gibt einen lauten Knall, scheinbar einen Kurzschluss… das Licht flackert…

    Gerade mal ein oder zwei Sekunden ist es völlig finster.

    Dann geht das Licht wieder an, und das Publikum erkennt mit einem Raunen, dass die Fesseln des Jungen weit um ihn verstreut auf dem Boden liegen, während die umstehenden Artisten zu einer Pyramide übereinandergestapelt sind.

    Erst jetzt sehe ich, dass auch das Gesicht des Jungen wieder vollständig ist.

    Was geschieht hier? Ist das echte Zauberei? Oder nur ein faszinierender Trick?

    Der Wolfsjunge geht mit entschlossenem Blick auf den jetzt doch etwas ängstlich dreinschauenden Direktor zu.

    „Wenn ich es will, kann ich dir die Kleider vom Leib reißen.“

    Er packt den Direktor am Ohrläppchen und zieht kurz daran… was zur Folge hat, dass im selben Moment dessen Frack und Hose von ihm abfällt, und er nur noch in Unterhose vor seinem amüsierten Publikum steht.

    „Ich kann dich dazu bringen, im Kreis durch die Manege zu laufen und wie ein Wahnsinniger zu schreien.“

    Aber der Direktor bleibt ruhig und schüttelt den Kopf.

    „Nein, das schaffst du nicht. Keine Chance. Keine Magie der Welt wird mich dazu bewegen.“

    „Magie nicht… aber das hier.“, meint der Junge und zieht ein Bündel Wurfmesser aus seiner Hose hervor. Keine Ahnung, wie er sie dort die ganze Zeit unbemerkt aufbewahren konnte.

    „Oh nein, du wirst doch nicht…“, stammelt der Direktor, ehe er in Unterhose davon rennt und sich eine auf dem Boden liegende Zielscheibe schnappt, um diese schützend vor sich herzuhalten.

    Das erste Messer, das der Junge wirft, trifft trotz der Bewegung genau in die Mitte der Scheibe.

    Der Direktor rennt weiter im Kreis rum, laut um Hilfe schreiend, während ein Messer nach dem anderen mit unfassbarer Präzision immer genau da hintrifft, wo der Direktor gerade die Scheibe hinhält, um wichtige Körperteile zu schützen.

    „Seht ihr?“, fragt der Wolfsjunge in Richtung Publikum. „Zaubern ist manchmal gar nicht so schwer. Und, um zu einem Ende zu kommen…“

    Jetzt schnippt der Junge mit dem Finger, worauf der eben noch panisch herumrennende Direktor wie eine Statue mitten in der Bewegung erstarrt.

    „Ich kann dich sogar in ein Hühnchen verwandeln. Einfach so….“

    Er schnippt erneut mit dem Finger, dann detoniert im Boden vor dem Direktor eine Rauchbombe… Das Licht flackert kurz, geht an und aus, wie bei einem Stromausfall… dann sieht man dort, wo eben noch der Direktor stand, ein verdutzt wirkendes Huhn im Sand herumscharren.

    Vom Direktor ist weit und breit nichts zu sehen.

    Aber da ist nichts in der Nähe… kein Vorhang, keine Tür, hinter der er hätte verschwinden können… nur der Sandboden, der genauso aussieht wie immer.

    Während ich noch rätsele, was es mit diesem Trick nun wieder auf sich hat, hält der Junge dem Publikum das verstört gaggernde Huhn entgegen.

    „Er sagt, er bedankt sich bei ihnen allen für ihre Aufmerksamkeit und hofft, sie bald wieder im Zirkus Aikrana begrüßen zu dürfen.“, übersetzt der Junge das Krähen des Huhnes.

    Dann wirft er es andächtig in die Luft, wie eine Taube bei der Eröffnung der olympischen Spiele.

    Abermals erlischt das Licht für einen kurzen Augenblick. Und als es gleich darauf wieder angeht, steht auf einmal der wieder vollständig bekleidete Direktor mit dem Huhn unterm Arm genau dort, wo eben noch der Wolfsjunge stand.

    Der Junge hingegen scheint verschwunden, wie vom Erdboden verschluckt.

    „Meine sehr verehrten Damen und Herren… das war der großartige, der einzigartige Illusionist, Akrobat, Messerwerfer, und manchmal auch Wolfsjunge… Okami.“

    Die Zuschauer erheben sich wie auf Kommando von ihren Plätzen, geben stehenden Applaus... im selben Moment, als auch die Zirkuskappelle wieder zu spielen beginnt und alle Akteure des Abends, inklusive dem Wolfsjungen, noch einmal hinter dem Vorhang hervor in die Manege gelaufen kommen.

    „Das war der Zirkus Aikrana, Ort der Illusion und Zauberei. Ich hoffe, sie hatten alle so eine gute Zeit, wie wir sie hatten. Und wenn sie nun nach Hause gehen, denken sie bitte daran… es kommt immer anders, als man denkt. Im bunten Zirkus, genau wie in der grauen Wirklichkeit. Heil Hitler!“

    Der Direktor erhebt die Hand zum Gruß.

    Die anderen Darsteller winken dem Publikum fröhlich zu, nur der Wolfsjunge macht lediglich einen kleinen, vornehmen Knicks, und starrt während der restlichen Zeit des Beifalls finster auf den Boden.

    Ich bin mittlerweile auch von meinem Sitz aufgesprungen und wedele unbeholfen mit den Armen, in der Hoffnung, zumindest einen kurzen Blickkontakt mit dem Jungen aufbauen zu können.

    Aber alle um mich herum winken und klatschen ebenfalls, so dass ich mir keine großen Hoffnungen zu machen brauche.

    Es ist beileibe nicht der erste Zirkus, den ich in meinem Leben gesehen habe.

    Doch während man üblicherweise, nachdem die Lichter in der Manege ausgegangen waren, spätestens nach Verlassen des Zeltes wieder vom grauen Alltag in Empfang genommen wurde, wirkte dieser Zirkusbesuch nach… zumindest bei mir.

    Die Art, wie die Zirkusleute ihre Illusionen verkauften… wie sie einem immer wieder den Boden unter den Füßen wegzogen… wie sie nicht einfach irgendwelche Auftritte aneinanderreihten, sondern im Grunde eine ganze Geschichte erzählten… und nicht zuletzt dieser geheimnisvolle Wolfsjunge… das alles lässt mich in der folgenden Nacht kein Auge zutun.

    Ich wälze mich stundenlang in meinem Bett hin und her, und weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll.

    Es ist, als hätte ich einen Blick in eine andere Welt geworfen… in eine Welt, in der es noch Magie und Wunder gibt, und in der die Andersartigen nicht zum Arzt geschickt werden, sondern gefeiert werden für ihre Andersartigkeit.

    Jedesmal, wenn ich daran denke, huscht mir ein zufriedenes Grinsen ins Gesicht.

    Doch dann fällt mir wieder ein, dass der Zirkus in ein paar Tagen schon wieder weit weg sein wird… während ich immer noch hier bin… allein… an einem Ort, den ich nicht will… bei einer Familie, die mich nicht will… jedenfalls nicht so, wie ich bin.

    Dann kralle ich mich tief in mein Kopfkissen, drücke es mir ins Gesicht, möchte am liebsten darin ersticken und nie wieder aufwachen.

    Ja, am liebsten möchte ich sterben. Ich glaube, ich wäre bereit dafür, weitaus mehr als für das Leben.

    Alle wären dann traurig, wenn sie mich morgen leblos in meinem Bett finden würden… selbst mein Vater würde früher von der Arbeit nach Hause kommen und bittere Tränen vergießen.

    Oder angenommen, ich würde einfach verschwinden… würde mich einfach so in Luft auflösen… sie würden mich überall suchen, mein Vater würde zum Zirkus rennen und schreien „Ihr Zigeuner habt meine Tochter entführt!“… aber der Zirkus wäre schon weg… und ich… ich wäre… dabei…

    Zwei Tage später stehe ich mit meinen dicken Wintersachen bekleidet vor dem Zirkuszelt. Ich hab mir die langen Haare kurzgeschnitten, um auch optisch mit meiner Vergangenheit abzuschließen, und bin fest dazu entschlossen, die Chance auf ein abenteuerlicheres Leben nicht tatenlos verstreichen zu lassen.

    Drinnen spielt die Musik… die letzte Vorstellung, ehe sie das Zelt abbrechen und weiterziehen werden in die nächste Stadt.

    Ich habe meinen Eltern eine Nachricht hinterlassen. Natürlich nicht, dass ich vorhabe, mit den Zirkusleuten durch das Land zu ziehen. Ich habe ihnen geschrieben, dass ich mich in einen jungen Soldaten verliebt habe und mit ihm nach Berlin gehen werde. Da können sie sich dann von mir aus dumm und dämlich suchen.

    Mein ganzes Leben wollten sie nicht die Wahrheit über mich wissen… die Wahrheit, wer ich wirklich bin und was ich tief in meinem Herzen fühle. Sie wollten immer nur Lügen hören, und Lügen haben sie nun bekommen.

    Draußen vor dem Zelt stehen einige Wagen. Aber nirgendwo ist eine Menschenseele zu sehen. Wie es aussieht, sind alle mit der Vorstellung beschäftigt… und so fasse ich schließlich meinen ganzen Mut zusammen, schaue mich ein letztes Mal angespannt um, und öffne dann einen der Wagen.

    Drinnen riecht es ein wenig nach… nun ja, nach Tier. Vermutlich riecht es in den anderen Wagen auch nicht besser. Aber mir ist schon klar, dass das Zirkusleben nichts für Prinzessinnen ist, die sich jeden Morgen pudern und mit allen möglichen wohlriechenden Wässerchen einreiben. Ich denke, ich werde damit klarkommen.

    Ich steige über ein aus einer billigen Strohmatratze bestehendes Bett, und quetsche mich dann in eine Art Garderobe, in der alle möglichen Kostüme rumhängen… unter anderem auch ein paar Wolfsfelle, die aber zu meiner Überraschung nicht die Urheber des strengen Geruchs zu sein scheinen, denn sie riechen eigentlich ganz angenehm… vielleicht nach dem, der sie getragen hat…

    Ich kauere mich also hinter die Kostüme und warte. Eine halbe Stunde, eine Stunde… anderthalb.

    Dann vernehme ich von draußen laute Rufe. Die Vorstellung ist vorbei, und hektische Betriebsamkeit stellt sich ein.

    Es dauert nicht lang, und dann wird die Wagentür aufgestoßen. Ich höre Schritte… zwei Personen, die sich unterhalten und allmählich näherkommen.

    Sofort erkenne ich, dass es sich bei dem einen um den Wolfsjungen handeln muss. Er scheint noch etwas im Stimmbruch zu sein, hat nicht ganz die dunkle Stimme des anderen, dessen Stimme mich irgendwie an den Direktor erinnert, auch wenn er hier in einem ganz anderen, viel ruhigeren Tonfall redet als in der Manege.

    Gespannt lege ich mein Ohr an die dünne Garderobenwand, um Einzelheiten ihres Gesprächs zu erfahren.

    „Ich hätte ihn wirklich treffen können, Mathai. Verdammt, ich hätte den verfluchten Gauleiter mit meinem Messer durchbohren können, vor den Augen aller Zuschauer. Zack, genau in den Hals! Das wäre mal eine Botschaft gewesen, die sie alle verstanden hätten.“

    „Und was dann, Jakim? Hä? Was dann? Sollen wir sie alle abmetzeln, bis keiner mehr übrig ist, der davon berichten kann? Und dann in der nächsten Stadt das selbe Spiel von vorn?“

    „Ja, der Gedanke kam mir in der Tat. Wir könnten unter der Tribüne ein großes Maschinengewehr aufbauen… und dann, wenn sich die ganze Nazibande erhebt und ihr bestes Sieg Heil-Lächeln von sich gibt… rattattattattattattatta….“

    „Hör auf zu träumen, Jakim. Ich weiß, im Grunde deines Herzens bist du ein Wolf… und Wölfe denken nunmal so. Nicht zuletzt deshalb hat sie der Mensch mittlerweile in den meisten Gegenden ausgerottet. Vergiss das nicht. Wir müssen geduldig sein. Außerdem geht es in diesem Spiel um mehr als nur um mein oder dein Leben. Wir haben eine Verantwortung unseren Brüdern und Schwestern gegenüber…“

    „Der einzige, für den ich Verantwortung empfinde, bist du, Mathai. Weil du mich aufgezogen und mir alles beigebracht hast. Niemand sonst hat es getan… und niemand sonst würde es tun.“

    „Das redest du dir nur ein, weil es so einfacher für dich ist. In Wirklichkeit stehst du doch überall hoch im Kurs. Unsere serbischen Freunde wollten dich am liebsten gar nicht mehr gehen lassen, weißt du noch?“

    „Ja, weil sie in mir das gesehen haben, was du aus mir gemacht hast. Den Meister der Illusion… den Schauspieler… deine rechte Hand. Die kenne nicht die Wahrheit. Keiner von denen. Und die… ach, vergiss es. Ich bin nur ein bisschen durcheinander... Wo geht’s als nächstes hin? Weiter nach Osten?“

    „Vor ein paar Stunden haben wir einen verschlüsselten Funkspruch aus Prag erhalten. Eins von Mareks Lagern ist aufgeflogen… und jetzt verlangt er auf einmal das Doppelte.“

    „Das Doppelte? Denkt er, wir haben eine Gelddruckmaschine?“

    „Wir nicht… aber er weiß, dass die Gegenweltler eine haben. Ich fürchte, uns wird nichts anderes übrig bleiben als einen kleinen Umweg zu machen. Nemo ist schon informiert… er bereitet alles vor. Und bei der Gelegenheit können wir auch gleich unsere jüdischen Gäste in seine Obhut geben… ich glaube, die sind dort deutlich besser aufgehoben als hier bei uns. Vor allem die beiden Jungs… das sind ja noch halbe Kinder.“

    „Halbe Kinder? Dann bin ich auch noch ein halbes Kind. Warum bilden wir sie nicht aus… ich meine, damit aus ihnen was wirklich Nützliches wird. Bei den Gegenweltlern lernen sie nur schlechte Gedichte zu schreiben.“

    „Jetzt hör mal, Jakim… jeder Mensch hat seinen Pfad, den er finden und beschreiten muss. Und ich kenne keinen, der einen jungen Menschen besser auf seinen Pfad bringen könnte als Nemo. Weißt du… du darfst nicht so sehr von dir auf andere schließen. Du bist eine alte Seele… du bist…“

    Auf einmal ertönt unmittelbar vor mir das laute Kläffen eines Hundes… oder eines Wolfs.

    Dann höre ich etwas an der Garderobentür kratzen… erst unsicher, neugierig… dann immer wilder und besessener.

    Ich zucke erschrocken zurück.

    „Was ist denn mit Fido los?“, höre ich den Zirkusdirektor fragen. „Hast du dem heute noch nichts zu fressen gegeben?“

    „Eigentlich schon…“, erwidert Jakim. „Ich glaube, da ist irgendwas in meinen Wagen geschlichen…“

    Ich versuche, mich noch ein bisschen weiter in die Ecke zu drängen... doch ehe ich mich versehe, wird die Garderobentür aufgerissen, und starre ich direkt in die überraschten Augen des Zirkusdirektors und des sabbernden Wolfes, der von Jakim nur mit Mühe daran gehindert wird, sich auf mich zu stürzen.

    „Raus mit der Sprache… wer bist du, und was hast du hier zu suchen?“, fragt mich Mathai, der Direktor, nachdem Jakim die wilde Bestie beruhigt hat und ich unsicher aus der Garderobe wankte.

    „Ich.. ich bin Marie.“, sage ich, um ein selbstsicheres Auftreten bemüht, was mir allerdings Erwachsenen gegenüber noch nie leichtgefallen ist. „Ich wollte nur, dass ihr mich mitnehmt… weg aus diesem scheiß Kaff, ganz egal, wohin.“

    Mathai und Jakim warfen sich einen kurzen beratenden Blick zu.

    „Sie hat alles mit angehört.“, gibt Jakim zu bedenken. „Wenn du willst, töte ich sie für dich. Brauchst es nur zu sagen.“

    Aber Mathai scheint das glücklicherweise anders zu sehen.

    „Sei nicht immer gleich so endgültig, Jakim. Für eine Spionin scheint sie mir ein bisschen blass im Gesicht zu sein… Ich glaube, sie sagt die Wahrheit. Aber ich will erst mal hören, was die anderen darüber denken. Sei so gut und fass sie nicht an, bis ich wieder da bin. Auch nicht nur so zum Spaß… Denkst du, du kriegst das hin?“

    Der Wolfsjunge nickt reumütig, worauf Mathai zur Türe geht und uns beide im Wagen alleinlässt.

    Ich muss jetzt stark sein, sage ich gebetsmühlenartig zu mir selbst. Wenn ich wirklich ein Abenteurer sein will, und ein Leben führen möchte, das so viel größer ist als meine bisherige Existenz, dann muss auch ich deutlich größer sein als die kleine ruhige Marie, die ich bislang im Kreis meiner Familie oder in der Schule gewesen bin.

    Daher fixiere ich den Wolfsjungen trotzig mit meinen Augen… nur keine Angst zeigen… nur nicht zuerst wegschauen, auch wenn sein Gesicht mit den vielen Narben aus der Nähe betrachtet noch deutlich wilder und gefährlicher aussieht als in der Arena.

    Mir fällt auf, das sein linkes Auge eine andere Farbe aufweist als das grüne rechte… es ist blau, und wirkt seltsam starr und kalt. Ist es vielleicht nur ein Glasauge? Und heißt das, dass seine Nase ebenfalls nicht echt ist?

    „Bist du wirklich unter Wölfen aufgewachsen?“, frage ich ihn, um die frostige Stimmung im Wagen ein bisschen aufzuwärmen. „Und haben die Wölfe auch… das da gemacht?“

    Ich deute auf die lange Narbe in seinem Gesicht.

    Zuerst reagiert er nicht, sondern starrt mich nur weiter an wie ein Raubtier seine sich windende Beute. Dann greift er in seine Hose und zieht aus einem silbernen Etui eine Zigarette hervor, steckt sie sich in den Mund und zündet sie in Seelenruhe an. Er inhaliert ein paar Züge und bläst mir danach den Rauch ins Gesicht… erst, als ich dann immer noch nicht aufhöre, in wissbegierig anzustarren, ringt er sich schließlich zu einer Äußerung durch.

    „Hast ne ganz schön große Klappe…“, meint er, ohne auch nur im Geringsten auf meine Frage einzugehen. „Vor allem, wenn man bedenkt, dass du am ganzen Körper zitterst wie ein Rehkitz…“

    Ich schau an mir herunter, und versuche, meine Arme und Beine stillzuhalten.

    „Ich kann nichts für meinen Körper.“, sage ich leise. „Und glaub mir, ich bin kein Reh… ich habe nur jahrelang wie eines leben müssen. Aber das… das bin nicht wirklich ich.“

    Er nickt scheinbar verständnisvoll, und bietet mir einen Zug seiner Zigarette an. Zuerst will ich instinktiv ablehnen, weil mich die Vorstellung, Rauch zu inhalieren, zu sehr an den verschleimten Dauerhusten meines Vaters erinnert… dann überlege ich mir aber, dass ich ja in gewisser Weise jetzt wie ein Trapper bin, der von Indianern gefangengehalten wird, und dass es nicht gerade klug wäre, aus falsch verstandenem Gesundheitsbewusstsein heraus eine angebotene Friedenspfeife abzulehnen.

    Also nehme ich ihm den Glimmstengel aus den Fingern, halte ihn vorsichtig zwischen Daumen und Zeigefinger, damit er mir nicht aus versehen runterfällt, und nehme einen kräftigen Zug.

    Er beobachtet mich interessiert dabei, wartet geduldig, bis ich hustend mit den Armen wedele, und nimmt mir die Zigarette lächelnd wieder ab.

    „Ist nicht leicht, so ein kleiner Vogel zu sein, der aus dem Kuckucksei schlüpft, was?“, meint er schließlich, als sich mein Husten wieder etwas gelegt hat. „Ständig musst du die Schreie deiner Geschwister nachahmen… und wehe, wenn du es nicht hinbekommst, weil du eigentlich einer anderen Art angehörst. Dann picken sie so lange mit ihren Schnäbeln auf dich ein, bis du es entweder gelernt hast… oder dich freiwillig aus dem Nest in den Abgrund stürzt…“

    Ich schaue ihn überrascht an.

    „Du… du verstehst mich also? Du weißt, wie es ist?“

    „Ich weiß, wie es ist, unter Menschen zu leben.“, sagt er, und wirkt dabei auf einmal gar nicht mehr so abgebrüht, eher scheu und verletzlich. „Ich weiß, wie es ist, eine Maske zu tragen.“

    Im selben Moment wird die Tür aufgerissen, und Mathai betritt, gemeinsam mit dem Liliputaner, einem dicken Clown und einem der noch immer geschminkten Akrobaten den Wohnwagen.

    „Ist sie das?“, fragt der Zirkusdirektor den Liliputaner.

    „Ja, das ist sie. Das ist das Mädchen. Sie sagte, sie wäre mit ein paar Freunde da… aber sie stand die ganze Zeit über allein und hat Selbstgespräche geführt. Ich hab gleich gemerkt, dass sie was Besonderes ist.“

    An den Fenstern sehe ich immer wieder weitere Zirkusleute, auch Kinder, die sich die Nase plattdrücken, um einen Blick auf mich zu erhaschen. Doch sobald ich mich zu ihnen hochdrehe, verschwinden ihre Gesichter entweder wieder ganz schnell, oder sie werden von anderen, die mich unbedingt auch einmal sehen wollen, ungeduldig zur Seite geschoben.

    „Willst du sie immer noch töten?“, höre ich Mathai mehr scherzhaft als ernstgemeint in Richtung von Jakim fragen.

    „Heute nicht mehr. Ich denke, sie ist in Ordnung.“, antwortet Jakim, und verlässt den Wagen, ohne sich noch ein weiteres Mal zu mir umzudrehen.

    Mathai nickt ihm lächelnd zu… dann legt er mir väterlich seine Hand auf die Schulter.

    „Weißt du, es ist gar nicht so ungewöhnlich, dass Kinder nach der Vorstellung kommen und bei uns mitmachen wollen. Nur üblicherweise verstecken die sich nicht in einem Kleiderschrank, sondern fragen einfach.“

    „Und was antwortet ihr ihnen dann?“, frage ich, nicht wirklich überzeugt davon, dass sie mich tatsächlich mitnehmen wollen.

    Mathai verzieht nachdenklich die Augenbrauen.

    „Nun, das kommt ganz darauf an, denke ich… für gewöhnlich drückt ihnen einer der Clowns ein Messer an den Hals, dann hauen die ganz schnell wieder ab und waren nie wieder gesehen.

    Du musst wissen, das Leben im Zirkus ist nicht für jedermann geeignet. Ganz speziell nicht das Leben in diesem Zirkus… Da muss man schon irgendwie eine gewisse Vorauswahl treffen.“

    „Weil ihr gar kein richtiger Zirkus seid.“, beginne ich die Zusammenhänge zu erahnen. „Aber was seid ihr dann?“

    „Sagen wir, wir sind ein Logistikunternehmen im Dienst des Widerstands. Der Zirkus ist die Pflicht… aber die Kür, die beginnt nach der Vorstellung. Wir… ich werde dir alles erklären. Aber wir müssen jetzt schauen, dass wir hier wegkommen. Die werden dich sicher suchen kommen, nehme ich an.“

    „Mein Vater hat gesagt, jedes Mal, wenn ein Zirkus in der Stadt ist, verschwindet ein Kind.“, meine ich nachdenklich.

    „Oh, und da hat dein Vater recht.“, erwidert Mathai augenzwinkernd. „Das ist das mindeste, was wir tun können.“

    Ich folge ihm nach draußen, wo die Zirkusleute bereits geschäftig am Abbauen des Zeltes sind. Mathai koordiniert die Arbeiten, legt teilweise auch selbst mit Hand an, und erzählt mir währenddessen mehr über die Geschichte dieses seltsamen Zirkus.

    Wie ich erfahre, hat Mathai im spanischen Bürgerkrieg gekämpft. Der Zirkus diente vor allem dazu, Waffen zu transportieren und die Faschisten an der Nase herumzuführen.

    Er meint, das Spanien einmal kurz davor gestanden habe, das erste wirklich freie Land in der Menschheitsgeschichte zu werden. Doch das Blatt wandte sich gegen ihn und seine Leute… und immer mehr ausländische Kämpfer kehrten ernüchtert in ihre Heimat zurück.

    Was aus der Zeit jedoch blieb, waren Verbindungen… Verbindungen zu allen möglichen Untergrundzellen und Geheimbünden, die in ganz Europa verstreut unbemerkt von der Öffentlichkeit ihre Saat des Widerstands säen.

    Der Zirkus reist zwischen ihnen hin und her, versucht, Kontakte herzustellen, Sprengstoff zu liefern oder Flüchtlinge über die Grenzen zu bringen.

    „Siehst du das?“, fragt mich Mathai, als wir vor dem großen Schild zum Stehen kommen, auf dem „ZIRKUS AIKRANA“ steht. „Du musst es rückwärts lesen…“

    Ich fange an zu buchstabieren. „A - N – A – R – K – I – A“

    „Das heißt, wir sind Anarchisten.“, erklärt Mathai geduldig, als er meinen fragenden Blick bemerkt. „Weißt du, was Anarchisten sind?“

    Ich schüttele den Kopf, habe den Begriff bislang immer für ein Schimpfwort gehalten, mit dem sich niemand freiwillig bezeichnen lassen würde… sowas wie „Volksschädlinge“ oder „Bolschewisten“ eben.

    „Bringen die euch an euren Schulen eigentlich überhaupt irgendwas bei, außer dem optimalen Winkel, den eine Hand beim Hitlergruß einnehmen sollte?“, seufzt Mathai. „Na gut, dann werde ich es dir erklären. Stell dir einfach vor, die Welt ist ein großer Hühnerhof.

    Da gibt es die konservativen Hühner, die schauen jeden Tag ganz stolz auf das Ei, das sie für den Bauern gelegt haben… sie können nicht verstehen, dass andere Hühner unzufrieden sind, und gaggern die ganze Zeit nur „Das System hat sich bewährt!“, „Das System hat sich bewährt!“, „Das System hat sich bewährt!“

    Die sozialdemokratischen Hühner sind im Grunde nicht viel anders… sie streiken nur ab und zu mal, um eine höhere Futterration zugeteilt zu bekommen.

    Dann gibt’s die sozialistischen Hühner, die glauben, dass man die Eierproduktion deutlich beschleunigen könnte, wenn nicht mehr jeder sein eigenes Ei ausbrütet, sondern alle Eier gemeinsam vom Kollektiv ausgebrütet werden.

    Religiöse Hühner achten immer peinlich genau darauf, dass sie nur koscheres Futter zu sich nehmen, um immer die besten Eier geben zu können… nur so, davon sind sie überzeugt, wird der Bauer, den sie „Gott“ nennen, sie nicht eines Tages zu Hühnerbrühe verarbeiten.

    Die nationalistischen Hühner hingegen sind davon überzeugt, dass nur reinrassige Legehennen die besten Eier geben, und hacken deshalb mit ihren Schnäbeln auf alle anderen ein.

    Es ist ein gigantisches Geggaere und Geschrei, denn jeder will den anderen übertönen und von der eigenen Weltanschauung überzeugen.

    Nur ein paar wenige Hühner stehen abseits am Rand… schauen sich ratlos an, was ihre Artgenossen da veranstalten, und schlagen immer wieder mit den Flügeln auf und ab, als ob sie ein Vogel wären.

    Für die anderen Hühner sind sie nur Aussätzige… Verrückte…

    Niemand versteht, wieso sie sich nicht einfach wie richtige Hühner verhalten können.

    Doch irgendwann sind ihre Flügel so gut trainiert, dass sie vom Boden abheben… dann fliegen sie in die Lüfte, über die Köpfe der anderen hinweg, und waren nie mehr gesehen.

    Das sind die Anarchisten.“

    „Ich glaube, wenn ich ein Huhn wäre, wäre ich auch Anarchist.“, erwidere ich überzeugt.

    Nachdem die Abbrucharbeiten abgeschlossen sind, bekomme ich von einem der Clowns einen der Wagen zugewiesen, in dem vor allem die Zeltplane aufbewahrt wird. Aber eine Nische zum Schlafen ist dort noch frei… spätestens in ein paar Wochen, wenn die Juden weg sind, will man mir aber eine „standesgemäßere“ Unterkunft zur Verfügung stellen, wie der Clown es ausdrückt.

    Dank der durchgemachten Nächte in den Tagen davor bin ich aber dermaßen entkräftet, dass ich vermutlich selbst auf dem Nagelbett des Fakirs eingeschlafen wäre… denn kaum, dass sich der Zug in Bewegung setzt, fallen mir schon die Augen zu, auch wenn ich sie anfangs alle paar Minuten wieder aufmache, nur um mich zu vergewissern, dass ich immer noch hier bin, und sich das alles nicht nur als tragischer Traum entpuppt.

    Ich erwache erst wieder am nächsten Morgen, als bereits die Sonne am Himmel steht und die Zirkusleute eine Rast eingelegt haben, um das Essen zu kochen und in einem nahegelegenen Bach ihre Wasservorräte aufzufrischen

    „Na, gut geschlafen?“, fragt mich der kleine Jacquomo, vermutlich in der Erwartung, dass ich lauthals über die unbequeme Plane und den ständig wackelnden Wagen fluchen werde.

    „Ist das erste Mal in meinem Leben…“, erkläre ich ihm. „… dass ich mir den Ort, an dem ich schlafen möchte, selbst ausgesucht habe. Ich fühle mich ausgeruht… stark… erwachsen? Keine Ahnung, jedenfalls irgendwie anders als gestern.“

    Der Liliputaner scheint sich aufrichtig darüber zu freuen und meint:

    „Gut so. Dann kannst du dich nachher ja gleich mal nützlich machen. Es gibt immer was zu tun hier, und jede helfende Hand ist willkommen.“

    Er fordert mich auf, mit ihm zu kommen. Nach einer Weile stößt auch Mathai mit dem hintendrangehenden Jakim im Schlepptau zu uns.

    Mathai fragt mich, ob ich mir vorstellen könnte, in der Manege zu stehen, oder ob ich wenn Vorstellung ist lieber an der Kasse aushelfen möchte.

    „Oder kannst du vielleicht zufällig Saxofon spielen? Unser letzter Saxofonist ist leider erschossen worden.“

    „Oder kannst du jounglieren?“, meint einer der Artisten, der gerade mit fünf Kegeln gleichzeitig trainiert und damit ganz offensichtlich nicht genug ausgelastet ist, als dass er nicht nebenher noch an unserer Unterhaltung teilnehmen könnte. „Ich kann’s dir beibringen, wenn du magst.“

    Ich überlege einen Moment, ehe ich zu Jakim gehe und ihn um eines seiner Wurfmesser bitte.

    „Messerwerfen? Ist nicht dein Ernst!“, ruft der Liliputaner, der das einem Mädchen wie mir ganz offensichtlich nicht zutraut.

    Aber ich lasse mich nicht beirren…

    Hier ist der Zirkus, hier ist meine Abenteuerwelt, in die ich geflohen bin, weil ich endlich verrückt sein möchte… ohne mich für etwas zu rechtfertigen…

    Ich deute ihnen an, eine der Zielscheiben für mich aufzurichten.

    „Deine Freundin blüht hier ja ganz schön auf…“, höre ich Mathai in Richtung von Jakim flüstern.

    „Red keinen Quatsch. Sie ist nicht meine Freundin.“, erwidert Jakim wenig begeistert.

    Aber der wird sich noch wundern!

    Als die Zielscheibe steht, und alle schon mit skeptischen Blicken auf meine Darbietung warten, ziehe ich erst noch genüsslich meine Schuhe aus… dann gehe ich barfuß einige Schritte nach hinten, und versuche vorsichtig, mit meinen Zehen das Messer aufzuheben.

    „Was wird denn das?“, vernehme ich die Stimmen der anderen. „Was hast sie vor? Das kann doch nie im Leben gutgehen…“

    Aber ich vertraue ganz auf meine innere Stimme. Ein Instinkt erwacht, den ich zuletzt als kleines Kind gespürt habe… ein Instinkt, der mir genau sagt, wie ich mich bewegen muss, wie ich aushole, und wie ich das Messer zu halten habe, damit es passt. Keine Ahnung, warum ich es weiß… aber ich weiß es.

    Ich konzentriere mich, blende alles andere um mich aus… dann stoße ich mein Bein nach vorne weg. Das Messer löst sich und wirbelt durch die Luft, vorbei an den bauklötzestaunenden Zuschauern, und bohrt sich zielsicher knapp unter der Mitte auf die rotmarkierte Zielscheibe.

    Zum ersten Mal in meinem Leben applaudiert mir jemand. Nein, es ist nicht nur irgendjemand, es ist das gesamte Zirkusteam. Alle wirken euphorisch… zumindest alle, bis auf Jakim, der nur kurz die Nase rümpft und dann, noch während der Applaus der anderen anhält, ohne ein Wort das Weite sucht.

    „Was hat er?“, frage ich Mathai ratlos. „Hab ich was falsch gemacht?“

    „Nein, nein.“, beschwichtigt er mich. „Mach dir keine Gedanken um den. Der ist immer so.

    Das war ganz große Klasse von dir, Marie. Ich glaube, ich weiß jetzt, wie wir dich in unsere Vorstellung mit einbinden können…“

    Er stellt sich hinter mich, nimmt meine Arme und drückt sie mir sanft auf den Rücken.

    „Du bist auch nicht zu dick… ausgezeichnet“, murmelt er. „Wenn wir dir das richtige zum Anziehen geben, wirst du eine prima Armlose abgeben. Du wirst unsere armlose Messerwerferin… und du brauchst natürlich noch einen Künstlernamen. „Die armlose Marie“ klingt ein bisschen zu… nun ja, zu gewöhnlich für so eine Wundertüte wie dich.“

    „Ich hab keine Ahnung.“, gestehe ich offen ein. „Aber ich werde mir was überlegen.“

    Als die Dämmerung hereinbricht, sitze ich mit den anderen an einem großen Lagerfeuer.

    Es gibt Gulaschsuppe und frisches Brot, und anders als zuhause, wo die Familienmitglieder immer erst warten müssen, bis Vater sein Gebet gesprochen hat, und sowohl jedes Schmatzen als auch eine unangemessene Körperhaltung sofort kritisch beanstandet wird, darf hier jeder so essen, wie es ihm beliebt.

    „Die höchste Errungenschaft der menschlichen Esskultur“, meint Mathai, nachdem ich ihn auf diese für mich gänzlich ungewohnte Freiheit hingewiesen habe, „ist gegenseitige Toleranz.

    Diese ganzen eitlen Herrschaften, die an ihren Banketts sitzen und sich furchtbar was auf ihre Tischsitten einbilden, sind in Wirklichkeit die allergrößten Banausen… weil sie den Akt der Nahrungsaufnahme, diese lustvolle Naturerfahrung, zu einem perversen Gesellschaftsspiel umgewandelt haben.“

    Diese Ungezwungenheit der Menschen um mich herum gefällt mir.

    „Ich hab früher mal mit den Füßen essen wollen.“, erinnere ich mich amüsiert. „Aber Vater fand das überhaupt nicht lustig.“

    Mathai zuckt mit den Schultern und meint:

    „Nur zu, Marie. Es ist verdammt nochmal dein Teller. Wenn du unbedingt mit den Füßen da reinwillst… hier wird es dir keiner krumm nehmen.“

    „Danke“, erwidere ich lächelnd, ziehe es aber dann doch vor, weiterhin meine Hände zu benutzen.

    Ich stehe an diesem Abend ohnehin schon genug im Mittelpunkt des Interesses.

    Alle, vor allem die Kinder, fragen mir Löcher in den Bauch… wollen wissen, wo ich herkomme, wieso ich dort weggegangen bin, und vor allem natürlich, wie ich meine spezielle Messerwerftechnik entwickelt habe.

    Ich versuche es ihnen zu erklären, so gut ich eben kann… das mit meiner Andersartigkeit.

    Die meisten scheinen das aber nicht mal halb so merkwürdig zu empfinden wie ich selbst. Wie es scheint, ist Andersartigkeit hier im Zirkus die Normalität.

    Auch von meinen neuen Freunden erfahre ich so einiges… lustige Anekdoten, wie sie durch falsche Papiere oder bloße Redegewandheit den Nazis so manches Schnippchen geschlagen haben… aber auch Legenden und Seemannsgarn, wie man es wohl nur im Zirkus zu hören bekommt… von Mischwesen, die halb Mensch, halb Tier waren, von siamesischen Zwillingen, echten Zauberern und einem buckligen Zigeuner, der die schöne Tänzerin, die ihn verschmähte, mit einem grausamen Fluch belegte.

    „Ich glaub euch kein Wort!“, sage ich mehr als einmal angesichts der unglaublichen Dinge, von denen sie berichten. Und jedes mal versichern sie mir hoch und heilig, dass es die Wahrheit ist, die sie genau so von einer vertrauenswürdigen Person erzählt bekommen haben.

    Diese Zirkusleute sind schon ein lustiger Haufen… einer, in dessen Gesellschaft eine Träumerin wie ich schnell jegliches Zeitgefühl verlieren kann.

    Nur einen vermisse ich den ganzen Abend über schmerzlich… denjenigen, ohne dessen beeindruckende Darbietung ich vielleicht gar nicht erst den Mut gefunden hätte, mich von Zuhause abzusetzen.

    „Wo ist eigentlich Jakim?“, frage ich Mathai in einer ruhigen Minute. „Isst der denn nicht gemeinsam mit uns?“

    „Ach, vergiss Jakim.“, wiegelt Mathai, offenbar schon ein wenig beschwipst, ab. „Der feine Herr zieht es vor, alleine zu speißen… und ehrlich gesagt, ist das auch besser so. Er hat es nicht so mit… wie nennt man das… Sozialverhalten. Ist schon ein Wunder, dass er es überhaupt schon so lange mit uns aushält. Aber ich denke, in Zeiten darf man nicht so wählerisch sein, und das weiß er auch ganz genau.

    Vielleicht ist er deshalb all die Jahre bei uns geblieben… auch wenn ich jeden Morgen damit rechne, dass ich in seinen Wagen schaue und er nicht mehr da ist.“

    Mathai bekomt so einen melancholischen Ausdruck in den Augen, wie ihn nur Betrunkene draufhaben.

    Ich habe nicht den Eindruck, dass er noch länger mit mir über dieses Thema reden möchte. Aber ich will es jetzt endlich ganz genau wissen.

    „Was ist es, was ihn so anders macht? Ist er wirklich unter Wölfen aufgewachsen?“

    „Ich fürchte, es ist ein bisschen komplizierter als das.“, erwidert Mathai. „Auch wenn ich ihn zweifellos besser kenne als jeder andere hier, weiß ich doch so gut wie nichts über ihn. Ich weiß nur, wie ich ihn damals gefunden habe.

    Es muss jetzt so um die fünf Jahre her sein.

    Wir waren mit dem Zirkus in Frankreich unterwegs, irgendwo in den Pyrenäen… eine dunkle, unheimliche Gegend voller steiler, dicht bewaldeter Berge und enger Täler, in die oft erst zur Mittagsstunde ein Sonnenstrahl einfiel und die Sonne schon wenige Stunden später wieder hinter den hohen Gipfeln verschwunden war.

    Da das Zirkusgeschäft zu der Zeit nicht gerade rosig lief, gab ich mich auch nebenher als Wunderheiler aus und verkaufte alle möglichen Tinkturen, die im Grunde aus ganz banalen Zutaten bestanden, als exotische Köstlichkeiten.

    Eines Morgens kam eine Gruppe verzweifelt wirkender Bauern zu mir und fragten fast ängstlich, ob ich mich mit Menschen auskennen würde, die vom Teufel besessen sind, und ob ich auch einen Exorzismus ausführen könnte.

    „Natürlich. Ich bin gewissermaßen eine Koryphäe auf diesem Gebiet.“, log ich, in Erwartung eines guten Geschäfts. In Wahrheit hatte ich zwar keine Ahnung von sowas… aber mal Hand aufs Herz, ich verstehe mich prima darauf, eine gute Show abzuliefern und leichtgläubigen Menschen etwas zu geben, woran sie glauben möchten.

    Im Prinzip genau wie die katholische Kirche, nur dass ich im Gegensatz zu der nicht an ein bestimmtes Drehbuch gebunden bin.

    Also bot ich den Bauern an, mit in ihr Dorf zu kommen und mich um ihr Problem zu kümmern, im Tausch gegen Proviant und Futter für die Tiere, und vielleicht noch das eine oder andere Federvieh, je nach Schwere des Falles.

    Dabei war mir von vornherein klar, dass es in einer Welt wie dieser keinen Gott geben konnte, und folglich auch keinen Teufel und Dämonen… nur jede Menge Menschen, die angesichts der Hoffnungslosigkeit zunehmend den Verstand verloren.

    Die Bauern erzählten mir, dass es sich bei dem Jungen um den Sohn ihres Pastors handelte.

    Eines Nachts wurden sie aus dem Schlaf gerissen und sahen entsetzt, wie die Kirche des Dorfes in hellen Flammen stand. Später fanden sie innen die verkohlte Leiche des Pastors, der offensichtlich an sein Bett gefesselt und mit Benzin übergossen worden war.

    Sein Sohn hingegen blieb wie vom Erdboden verschluckt.

    Erst Monate später stand er auf einmal wieder vor den Überresten der Kirche, mit einem blutdurchtränkten Verband im Gesicht.

    Also überwältigten ein paar mutige Männer den Jungen unter dessen lautem Geschrei und fesselten ihn schließlich in der Stube des Dorfältesten ans Bett.

    „Es ist kein schöner Anblick.“, warnte mich der Älteste vor dem Eintreten.

    Ich ließ mich davon entmutigen und ging mit einigen Utensilien unterm Arm, einer kleinen Holzschatulle, etwas Weihwasser und einer Phiole mit Kunstblut, in die kärglich eingerichtete Bauernstube.

    Vor mir lag ein Junge, etwa zehn oder elf Jahre alt, mit zerrissenen Lumpen am Körper und einem entstellten, von Narben übersäten Gesicht.

    Ich sah, dass er keine Nase mehr hatte und auch sein rechtes Auge fehlte.

    „Wer hat das getan?“, fragte ich die Bauern vorwurfsvoll.

    Doch sie zuckten nur ratlos mit den Schultern und meinten, dass es vermutlich der Teufel gewesen sei, oder dass der Junge gar selbst ein Wesen aus einer anderen Welt sein müsse.

    Diese Narren, dachte ich leise bei mir. Vermutlich hatte der Junge einfach nur Schreckliches erleiden müssen, und war seither völlig traumatisiert… die Wissenschaft kannte solche Phänomene zu genüge, aber Wissenschaft schien noch nicht in dieses dunkle, gottverlassene Tal vorgedrungen zu sein.

    Also bereitete ich alles dafür vor, den Hinterwäldlern einen ordentlichen Exorzismus vorzuspielen, und nebenbei vielleicht ein bisschen mehr über die wahren Hintergründe des entstellten Jungen zu erfahren.

    Ich stellte um das Bett herum mehrere Kerzen auf… dann setzte ich mich auf das Bett neben den schweißgebadeten, gefesselten Jungen, und betete ein Vaterunser.

    Der Junge schien mich sofort wahrzunehmen. Er beobachtete mich mit seinem verbliebenen Auge und zischte irgendetwas Unverständliches.

    „Wie heißt du?“, fragte ich ihn, als ich mit meinem Gebet fertig war. „Par les vouz francais? Do you speak english? Ti gavarisch po russki?“

    Statt zu antworten spuckte er mir nur wütend ins Gesicht… Er schien weit weniger Angst zu haben als die in der Stube verbliebenen Bauern.

    „Aha.“, murmelte ich ungerührt. „Du willst es also auf die harte Tour, was?“

    Dann fing ich an, alle möglichen lateinischen Wörter vor mich hinzusagen, die mir aus meiner kurzen Schulzeit noch in Erinnerung geblieben waren.

    „Patriam extatis Jupiter Caesar Imperium. Quo vadis et spiritus sankti bonum penis klitoris. Ablativus absolutus domina est. Magna cum laudae viaducto consilere.“

    Ich konnte förmlich die bewundernden Blicke der hinter mir schutzsuchenden Bauern in meinem Rücken spüren… der Junge hingegen wirkte nicht sonderlich beeindruckt, eher leidlich amüsiert, denn zu meiner Überraschung lächelte er mich urplötzlich an.

    Dieses warme Lächeln… es war so absurd angesichts seines Aussehens und der Umstände unserer Unterhaltung.

    Ich wandte mich zu den Bauern um und sprach:

    „Er lächelt… habt ihr das gesehen? Er lächelt! Das kann nur eines bedeuten… er ist ein Dybbuk.“

    Die Bauern zuckten geschockt zusammen.

    „Was… was ist das? Ein Dybbuk?“

    „Ein jüdischer Dämon, der die Menschen befällt und in den Wahnsinn treibt.“, erklärte ich ihnen mit unheilvoller Stimme. „Es heißt, ein Dybbuk kommt immer in der Vollmondnacht… er bringt Menschen dazu, sich die eigene Nase abzuschneiden und Geschlechtsverkehr mit sich selbst zu haben. Es ist grauenvoll. Und, was das schlimmste ist… er kann auf einen jeden überspringen, wenn er nicht von einem kundigen Talmudgelehrten eingefangen und in eine heilige Thorakiste gesperrt wird. Glücklicherweise habe ich eine solche Kiste hier bei mir.“

    Ich deutete auf mein mitgebrachtes Accesoire.

    „Ich kann den bösen Geist aus diesem Jungen vertreiben, ohne dass er auf einen von euch überspringt. Aber das ist gefährlich…“

    Die Bauern tuschelten untereinander, dann versprachen sie mir das Doppelte unseres vereinbarten Preises, falls ich sie von diesem Dämon befreien sollte.

    „So sei es“, stimmte ich ihnen feierlich zu. „Ich werde nun mit dem Exorzismus beginnen… doch ich muss euch bitten, alle den Raum zu verlassen. Wenn es losgeht, wird der Dybbuk alles versuchen, um zu entkommen.“

    Natürlich ließen sich das die verängstigten Bauern nicht zweimal sagen. Sie bekreuzigten sich und gingen nach draußen, so dass ich endlich mit dem Jungen allein war.

    „So, jetzt sind wir ungestört.“, meinte ich zu dem Jungen. „Kannst du mich verstehen? Weißt du, warum die mich gerufen haben?“

    „Weil sie dumm sind…“, erwiderte der Junge. „Du bist nur ein Schwindler.“

    Ich nickte ihm anerkennend zu.

    „Ja, das ist mein Beruf. Du kannst Mathai zu mir sagen. Und selber? Wie ist dein Name?“

    „Jakim.“, meinte er nach einem kurzen Zögern.

    „Jakim…“, wiederholte ich gedankenversunken. Dann fragte ich ihn, ob ihm klar ist, was die mit ihm machen werden, wenn ich bei meinem Exorzismus keinen Erfolg habe.

    „Dann töten sie mich.“, sagte er. „Denkst du, das weiß ich nicht?“

    „Du hast keine Angst vor dem Tod?“, wollte ich von ihm wissen. „Nein, das glaube ich dir nicht… jeder hat Angst vor dem Tod!“

    Mit diesen Worten holte ich meinen Zauberdolch hervor, und hielt ihn Jakim an den Hals.

    „Sicher, dass du keine Angst vor dem Tod hast, Kleiner?“

    Statt zu antworten, drückte er seinen Hals mit aller Kraft in die Klinge, um sich darin aufzuspießen… doch die Klinge gab nach und verschwand im Schaft, schließlich war dies kein Mordinstrument, sondern ein Accesoire aus dem Zirkus.

    Er warf mir einen enttäuschten Blick zu.

    „Oh… das war ein Trick… jetzt hast du mich reingelegt.“

    „Also gut… akzeptiert.“, sagte ich ein wenig irritiert. „Du hast wirklich keine Angst vor dem Tod. Was ist… willst du mir erzählen, was dir passiert ist?“

    Ich fuhr mit der Hand über sein Gesicht.

    „Wer hat dir das angetan, Jakim?“

    „Der Dybbuk.“, meinte er gelangweilt. „Der Dybbuk hat mir befohlen, es zu tun. Du hast es doch selbst gesagt.“

    „Unsinn! Es gibt keinen Dybbuk.“, entgegnete ich streng. „Was zur Hölle ist los mit dir?“

    Ich stand auf und lief ungeduldig im Zimmer auf und ab.

    Dieser Junge war nicht besessen… er war ein Schwindler, genau wie ich. Naja, vielleicht doch irgendwie anders als ich.

    Jedenfalls gehörte er nicht hier in dieses Drecksloch, nicht in diese Gesellschaft von Hinterwäldlern.

    „Was ist, soll ich jetzt hier Rätselraten spielen und erraten, was dein Problem ist?“

    „Ja, mach mal.“, erwiderte Jakim. „Rätselraten ist lustig.“

    Da klang er auf einmal wieder wie das kleine Kind, das er von seiner Statur her zweifellos war.

    Aber ich ließ mich nicht darauf ein. Stattdessen band ich seine Fesseln an Armen und Beinen los und starrte ihn eindringlich an.

    „Weißt du… ich könnte jemanden wie dich gut gebrauchen… jemanden, der keine Furcht kennt und anderen etwas vorspielen kann. Es ist mir auch völlig egal, wo du herkommst oder was deine Geschichte ist… wenn du sie nicht erzählen willst, fein, dann werde ich dich nie wieder danach fragen. Ich werde dich so akzeptieren, wie du bist. Alles, um was ich dich bitte, sind ein paar Tage… gib mir ein paar Tage, dich zu überzeugen… Wenn es dir nicht gefällt in Anarkia, dann kannst du jederzeit wieder gehen und dich von dummen Bauern verbrennen lassen oder sonstwas…“

    „Anarkia?“, fragte der Junge. „Das klingt interessant… aber…“

    „Kein Aber!“, unterbrach ich ihn. „Du kommst mit… und wenn es noch ein Aber gibt, reden wir später drüber.“

    Dann reichte ich ihm meine Hand… und tatsächlich, nach einer mir ewig vorkommenden Bedenkzeit schlug er schließlich mit seiner gerade mal halb so großen Hand ein.

    „Hast du denn keine Angst vor mir?“, fragte Jakim verwundert. „Ich könnte dich im Schlaf töten… ich könnte… alles… ich könnte alles tun, was ich will.“

    Ich nicke ihm zu.

    „Ja, das könntest du vermutlich. Aber wenn du alles kannst, was du willst… dann kannst du es genauso gut auch seinlassen. Oder übersehe ich da was?“

    Jakim schüttelte stumm mit dem Kopf.

    „Also gut.“, fuhr ich fort. „Dann wäre es ganz hilfreich, wenn du jetzt ein bisschen Krachmachen könntest.“

    Dann stellte ich mich ans Fenster, damit mich die Bauern draußen auch garantiert hören konnten, und schrie mir die Seele aus dem Leib: „Chrrrrrristus! Chrrrrrristusssss! Kyrie Eleyson! Hosiannah!“

    Und Jakim fing an, mit verstellter Stimme zu stöhnen und wie ein Wolf zu heulen.

    Ich hatte gewisse Schwierigkeiten, angesichts der Absurdität dieser Situation keinen Lachkrampf zu bekommen. Aber Jakim zog das völlig ernst und konzentriert durch wie ein Profi.

    Am Ende sprangen wir beide auf dem Bett herum, bis es völlig zertrampelt war.

    „Jaaaa!“, rief ich. „Ich verbanne dich für alle Zeit in diese heilige Kiste aus dem Tempel Jerusalems. Fahr zur Hölle, Dämon, und kehre niemals zurück in diese Welt.“

    „Ich mag dich.“, flüsterte mir Jakim am Ende unseres Schauspiels ins Ohr. „Du hast mein Wort, dass ich dir nichts antun werde.“

    Als ich mit Jakim an der Hand nach draußen ging, machten uns die versammelten Bauern ehrfürchtig eine Gasse frei. Ich hatte Jakim als Beleg für den gelungenen Exorzismus ein großes Kreuz um den Hals gehängt… und als die frommen Bauern dies sahen, bekreuzigten sie sich mit sichtbarer Erleichterung im Gesicht.

    „Wird er denn wieder so sein wie früher?“, fragte mich der Dorfälteste. „Und auch wieder so aussehen?“

    „Selbstverständlich. Sobald Gott wieder mit ihm ist.“, entgegnete ich, und erzählte ihnen, dass ich den Jungen mitnehmen werde auf eine lange Wallfahrt. Niemand im Dorf schien ein Problem damit zu haben, und so überreichten sie mir den vereinbarten Lohn, ehe wir beide uns zügig aus dem Staub machten.

    Tja, und so kam es eben, dass er bei uns im Zirkus anfing.

    Ich war erstaunt, wie geschickt er für sein Alter war, und wie ernst und diszipliniert er sich im Vergleich zu anderen Kindern verhielt. Ich habe ihm vieles beigebracht… aber er mir irgendwie auch.

    Um ehrlich zu sein, basiert unser Programm, das wir heute aufführen, nicht ganz unwesentlich auf seinen Vorschlägen.

    Was jedoch seine Herkunft und die Gründe für seine Andersartigkeit anging… so habe ich mein Wort gehalten und ihn bis heute nie wieder darauf angesprochen. Und er… er hat auch Wort gehalten und mich bis heute nicht umgebracht.“

    Mathai beendet seine Erzählung mit einem Lächeln. Doch statt meine Neugier zu befriedigen, hat er sie durch diese Geschichte nur noch mehr entfacht.

    „Hast du denn überhaupt keine Idee, was mit ihm passiert sein könnte? Keine Vermutung?“, frage ich Mathai, der jedoch nun zunehmend müder zu werden scheint und nur den Kopf schüttelt.

    „Manche Dinge…“, sagt er nach einer ganzen Weile des Schweigens. „sollte man besser auf sich beruhen lassen, verstehst du? Keine schlafenden Wölfe wecken. Du hast dich ein bisschen in ihn verknallt, was?“

    Ich lächele, will mich zu seiner Vermutung äußern, aber er kommt mir zuvor, indem er mich deutlich gröber als ich es erwartet hätte am Ärmel packt.

    „Glaub nicht, dass deine Glücksstähne ewig halten wird, Marie. Du hast diesen Zirkus gefunden, du hast die Chance, ein Leben voller Abenteuer zu führen… geb dich damit zu frieden. Zu viele Menschen begehen den Fehler, immer noch mehr und noch mehr zu wollen… und am Ende verlieren sie alles. Weil sie einfach nicht wissen, wann sie aufhören müssen, und wann ihr Mut in blinden Übermut umschlägt. Weil sie… verdammt, ich will nicht wie dein Vater klingen, Marie. Ich gebe dir nur den gutgemeinten Rat als dein Freund… als Jakims Freund… bohre nicht tiefer in diese Wunde…“

    Ich reiße mich trotzig von ihm los, denn ich bin schließlich kein kleines Kind mehr, und ich halte mich auch nicht für besonders übermütig.

    Ist leider nicht ganz vollständig erhalten, diese Version. Es ist aber dann auch ziemlich wirr geworden im weiteren Verlauf. Es stellt sich heraus, dass Jakim als kleiner Junge von irgendwelchen durchgeknallten Nietzsche-Jüngern entführt worden ist, die einen Übermenschen erschaffen wollten, der sich an seine früheren Leben erinnern kann und über deren ganzes Wissen verfügt. Sie haben Jakim gefoltert und ihn dadurch mit Gewalt "zurückgeführt" in seine früheren Leben.

    Später taucht einer der Nietzsche-Jünger namens Gabriel dann im Zirkus auf, und Jakim ist ihnen total hörig, weil er unter ihrer psychischen Kontrolle steht. Marie folgt ihm, weil sie in ihn verliebt ist. Sie beschließen gemeinsam eine Rundfunksendung zu kapern, um den ganzen Menschen im Reich ihre Weltanschauung zu präsentieren (ähnlich wie die Helden in der Original-Version die Fernsehsendung in der Gegenwart übernehmen.)

    Der Plan geht aber schief, sie werden verraten, und es gibt eine Menge Geballere.

    Den Schlussteil hab ich dann wieder gefunden, in dem Marie mit Jakim auf der Flucht ist. Jakim heißt aber von da an Lucien, weil ich irgendwann zwischendrin die Namen ausgetauscht hatte.

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    „Wir wurden verraten.“, keucht er. „Die haben gewusst, dass wir kommen werden. Und da keiner von uns ein Verräter sein kann, kann das nur eins bedeuten…“

    Gabriel schaut verächtlich auf mich, mit dem irren Blick eines Wahnsinnigen, der mir einen kalten Schauer über den Rücken jagt.

    „Deine feine Freundin hier…“

    Er stapft mit gezogener Waffe auf mich zu, doch Lucien stellt sich ihm entschlossen in den Weg.

    „Nein, Gabriel. Sie hat nichts damit zu tun!“, ruft er… aber für derlei Argumente scheint sein Mentor in seinem Wahn schon längst nicht mehr zugänglich zu sein. Stattdessen verpasst er Lucien einen wütenden Faustschlag ins Gesicht, so dass der gegen einen der Schreibtische prallt und benommen liegen bleibt.

    „Verfluchte Nazischlampe.“, schimpft Gabriel weiter in meine Richtung. Ich versuche mich irgendwie in Sicherheit zu bringen… krieche unter den Schreibtischen hindurch, bis ich in einer Ecke festsitze und nicht mehr weiter komme.

    Gabriel ist mir dich auf den Fersen. Als er sieht, wie ich an der Wand kauere und mehr ängstlich als bedrohend mein Messer auf ihn richte, spuckt er vor mir aus und zielt mit der Pistole auf meinen Kopf.

    „Du hast alles kaputt gemacht, alles! Und dafür wirst du bezahlen, auch wenn es das letzte ist, was ich tue!“

    Ich bemerke, wie sich sein Finger dem Abzug nähert, und schließe die Augen.

    Fast im selben Moment ertönt ein Schuss… aber er durchlöchert nicht mich, sondern nur die graue Wand einige Zentimeter über mir.

    Ich schaue wieder hin und sehe, wie Gabriel mit einem Messer im Rücken zu Boden sinkt.

    Lucien geht ungerührt an ihm vorbei und reicht mir seine Hand.

    „Komm schon, Marie. Ich glaube, wir sind hier fertig.“

    „Du mieser… kleiner Bastard…“, keucht Gabriel mit dem Tode ringend. „Warum hast du…?“

    Lucien bleibt kurz stehen und betrachtet den Sterbenden so mitfühlend, wie es ihm eben möglich ist.

    „Ganz einfach. Ich hatte einen guten Lehrer.“, meint er augenzwinkernd. Dann nimmt er eine Handgranate und legt sie Gabriel in den Schoß.

    „Hier… einfach den Stift ziehen, und alle Illusionen werden ein Ende haben. Garantiert.“

    Er nickt ihm ein letztes Mal zu, dann spurten wir Hand in Hand davon.

    Beim Blick durch das Fenster sehen wir mehrere Soldaten, die sich rasch dem Gebäude nähern.

    Daher beschließen wir, besser den Hintereingang zu benutzen. Wir klettern durch ein Fenster in den Hof, und von dort aus weiter über eine Feuerleiter aufs nächste Dach.

    Im Hintergrund hören wir Schüsse durch das Gebäude hallen. Dann ertönt aus dem Wachraum ein lauter Knall.

    „Der hat sicher noch ein paar von denen mitgenommen.“, meint Lucien nach einem kurzen Blick zurück.

    „Aber leider nicht genug.“, antworte ich, als ich sehe, wie nun mehrere Uniformierte ebenfalls aus dem Fenster steigen und unsere Verfolgung aufnehmen.

    So schnell wir können, springen wir über Dächer hinweg… schlagen uns durch enge Gassen und mit allem möglichen Krempel vollgestellte Hinterhöfe.

    Schließlich kommen wir an eine größere Straße. Lucien hält mit einem gezielten Schuss auf die Windschutzscheibe das nächste Auto an.

    Ein dunkler Volkswagen, der direkt vor uns zum Stehen kommt, während der Fahrer panisch aus dem Führerhaus springt und sein Heil in der Flucht sucht.

    Keine Ahnung, was ihn mehr erschreckt hat… der Schuss oder unser martialisches Outfit, die Masken, die in Verbindung mit den blutbesudelten Uniformen wohl den Eindruck erwecken müssen, als seien wir direkt von der Hölle ausgespieen worden.

    „Wir müssen zurück zum Zirkus.“, bemerkt Lucien angespannt, nachdem wir die Stadtgrenzen ohne weitere Zwischenfälle hinter uns gelassen haben. „Falls Gabriel recht hat und es wirklich einen Verräter gibt, sind auch Mathai und die anderen in Gefahr.“

    Wir haben unsere Masken auf den Rücksitz gelegt, und ich habe Lucien zur Tarnung eine Art Verband um sein Auge und Teile des Gesichts gewickelt.

    Falls uns jemand anhalten sollte, werden wir einfach angeben, dass wir von einem Bombenangriff überrascht wurden und nun auf der Fahrt ins nächste Lazarett waren. Das Blut auf den Uniformen wirkt jedenfalls ziemlich glaubwürdig… das einzige Problem ist, dass Lucien mit seinem Verband nicht wirklich einen fahrtüchtigen Eindruck erweckt. Aber immer noch besser, als wenn ihn jemand mit einer Wolfsmaske am Steuer an sich vorüberfahren sehen würde.

    „Wäre vielleicht doch besser, wenn ich fahre…“, überlege ich auf dem Beifahrersitz.

    Aber Lucien schüttelt nur den Kopf und meint „Ein Mädchen in Wehrmachtsuniform? Da werden die erst recht neugierig werden. Oder sie werden furchtbar geil.“

    Er lächelt. Ich betrachte mich im Rückspiegel und frage mich, wie pervers jemand sein müsste, um mich mit den kurzen Stoppelhaaren, dem blutverschmierten Gesicht und der Uniform attraktiv zu finden… komme dann aber schnell zu dem Schluss, dass ich mich in Wirklichkeit noch nie so attraktiv gefühlt habe wie in diesem Moment.

    „Hey, kennst du die Geschichte von Bonnie und Clyde?“, fragt mich Lucien, ohne den konzentrierten Blick von der Straße abzuwenden. „Ist in Amerika passiert… Ein Gangsterpärchen, die Banken überfallen haben und mit ihrem Auto allen davon gefahren sind. Am Ende starben sie gemeinsam im Kugelhagel. Vielleicht waren sie ja auch sowas wie wir…“

    „Clyde…“, murmele ich mit Tränen in den Augen. „Das ist nicht möglich… das…“

    „Was?“

    Lucien wirkt ein wenig irritiert von meiner Reaktion.

    Ich erkläre ihm, dass es was mit den DejaVus zu tun hat, die mich schon seit frühester Kindheit begleiten.

    Er nickt und verspricht mir, mich, sobald wir in Sicherheit sind, in diese Rückführungspraktiken einzuweihen, mit denen man etwas über frühere Leben erfahren kann.

    „Du wirst überrascht sein, wie vieles plötzlich einen Sinn ergibt, wenn man nur klar genug in die eigene Vergangenheit blicken kann.“

    Dann kommt eine Straßensperre.

    Mitten im zugeschneiten Wald… mindestens neun oder zehn Soldaten, die auf der Straße Stacheldraht verteilt haben und mit den Waffen im Anschlag bereit stehen.

    Ob sie wegen uns hier sind oder aus einem anderen Grund, wage ich nicht zu beurteilen.

    „Was machen wir jetzt?“, frage ich ratlos. „Kannst du denen was vorspielen?“

    Lucien schüttelt den Kopf und fährt mit der gleichen Geschwindigkeit weiter.

    „Vergiss es. Die sehen gleich, dass wir zu jung sind… Los, geh in Deckung.“

    Ich kauere mich ganz tief unters Armaturenbrett, während Lucien urplötzlich Gas gibt und auf die versammelte Meute zurast.

    Dann rattern die ersten Kugelsalven über uns hinweg.

    Das Glas der Frontscheibe splittert und verteilt sich auf meinen Haaren.

    Ich spüre einen stechenden Schmerz, irgendwas höllisch Heißes bohrt sich mir in die Seite, doch als ich nachschauen will, fährt der Wagen mit einem Ruck über eine der Barrikade hinweg, und ich pralle mit dem Schädel ans Armaturenbrett.

    Blut fließt über meine Augenbrauen und behindert meine Sicht. Nur schemenhaft nehme ich wahr, wie Lucien eine weitere Handgranate aus seiner Uniform zieht und sie aus dem Fenster wirft.

    Sekunden später ertönt eine ohrenbetäubende Explosion.

    „Haha!“, triumphiert Lucien und stimmt ein wolfsgleiches Siegesgeheul an wie bei seinen Darbietungen in der Manege. „Hast du das gesehen? Die Arschlöcher hat es durch den halben Wald verteilt!“

    Erst jetzt merkt er, dass ich bewegungsunfähig in meinem Sitz hänge.

    „He, Marie… komm schon… nicht schlappmachen jetzt. Ist gar nicht mehr so weit.“

    Ich öffne müde die verklebten Augen.

    In meiner linken Brusthälfte brennt es wie Feuer… nur langsam realisiere ich, dass ich von mindestens zwei Kugeln getroffen worden bin.

    „Fahr weiter…“, sage ich nur. „Fahr einfach weiter.“

    „Klar, mach ich.“, meint Lucien beruhigend, doch ein zischendes Geräusch und das zunehmende Stottern des Motors sprechen eine völlig andere Sprache.

    Ich schaue nach oben und sehe schwarzen Qualm von der Motorhaube aufsteigen.

    Nicht mal zwei Minuten später müssen wir den Wagen stehen lassen.

    Lucien hat mich unterm Arm gepackt, und wir schleppen uns durch das immer dichter werdende Schneetreiben.

    Ich habe längst jegliche Orientierung verloren. Beim Blick nach hinten sehe ich eine Spur roter Blutstropfen, die sich von meiner Uniform auf den Schnee ergossen hat, und die es etwaigen Verfolgern wahrlich nicht schwer machen dürfte, unsere Fährte aufzunehmen.

    „Du musst mich hierlassen.“, sage ich zu Lucien. „Allein schaffst du’s vielleicht…“

    „Unsinn.“, erwidert er mit hörbar schwerem Atem. „Wenn du stirbst… ich werde nie wieder jemanden finden, der so ist wie du… Ich werde immer einsamer werden, und alt… und irgendwann bin ich so wie Gabriel. Werde mir einen Jungen entführen, ganz egal, irgendeinen, ihm das Gesicht zerschneiden und ihm allen möglichen Mist erzählen, nur um einen Spielkameraden zu haben.

    Und du willst sicher nicht, dass ich so ende, oder? Also musst du wohl weiterleben, was?“

    „Wenn du meinst…“

    Aber es geht nicht mehr. Nur wenige Meter weiter brechen wir beide im Schnee zusammen.

    Engumschlungen liegen wir beieinander, während sich winzige Schneeflocken über uns legen und auf unseren glühenden Körpern verdampfen.

    Ich muss an den alten Duncan denken… und an Jenny. Sie wird sich wahrscheinlich Sorgen machen, wenn wir nicht rechtzeitig zurück sind. Leise flüstere ich ihren Namen.

    Ich spüre, wie Lucien seine Hand fest an sich drückt.

    „Wen meinst du mit Jenny? Bist du das? Bist du Jenny?“

    „Nein… Clyde…“, sage ich, während mein Körper immer schwerer zu werden scheint. „Ich bin Clyde. Das weiß doch jeder.“

    „Ja. Wie Bonnie und Clyde…“, erzgänzt Lucien verständnisvoll.

    „Nein.“, erwidere ich. „Clyde, wie der Fluss…“

    Ich sehe mich schon am Ufer stehen, die schweren Frachter beobachtend, die mit ihren großen Kohlehaufen beladen an mir vorüber Richtung Meer fahren.

    Es ist kein leichtes Leben hier in der großen Stadt, und ich werde nie wie die anderen sein können. Ich bin ein Freak. Habe keine Familie, kein Zuhause, keinen Gott, keine Moral…

    Doch es gibt da ein paar Dinge, die werden sie mir niemals nehmen können. Meinen Stolz, und meine Freiheit…

    Alles wird schwarz.

    Das Ende hab ich nur der Vollständigkeit wegen beigefügt. Was ich an der Version mag, ist aber vor allem der Anfang, die Idee mit dem anarchistischen Zirkus, der nebenbei heimlich Schmuggel betreibt und Kinder entführt. Daraus hätte man auch irgendwie ein "Gegenwelt 2" machen können. Ursprünglich war auch die Idee eher, dass der Zirkus vor Nazi-Größen auftritt und sie dann während der Vorstellung ein Attentat ausführen. Aber dann bin ich irgendwie völlig weggedriftet in die Geschichte mit Jakim/Lucien bzw. Gabriel, und am Ende war es nix halbes und nix ganzes, und ich hab alles wieder verworfen, für eine komplett neue, dritte Version von Maries Leben.

    • Offizieller Beitrag

    Deleted Scene 4:

    Eine ganz alte Version, die ich gefunden habe, liefert wieder eine andere Erklärung für die Herkunft des Reinkarnators (der da noch "Seelenschlüssel" hieß). Die Experimente, die Dierker im Original mit den Gefangenen im KZ machte, werden hier von einer Gruppe Wissenschaftlern gemacht, von denen einer Viktor heißt. Es ist aber nicht Darko, der dadurch im Körper eines schwachsinnigen Jungens erwacht, sondern... Janosch himself, der natürlich daraufhin erstmal ein ordentliches Blutbad anrichtet.

    Spoiler anzeigen

    Die folgenden Jahre verbrachte Viktor hauptsächlich damit, Mitstreiter um sich zu scharen und den geheimnisvollen Gegenstand näher zu untersuchen. Er war geradezu besessen von der Idee, dass eines Tages die gesamte Menschheit erkennen würde, was er erkannt hat… dass ihnen allen die Einsicht, so viele Leben lang falschen Götzen, falschen Idealen und falschen Hoffnungen hinterhergelaufen zu sein, wie Schuppen von den Augen fallen würde.

    Doch schon der erste Professorenkollege, dem er die Wirkung seines geheimnisvollen Fundes vorführen wollte, sank an Ort und Stelle leblos zu Boden. Herzversagen, wie die rasch herbeigerufenen Ärzte dem sichtlich geschockten Viktor mitteilten.

    Aber er ließ sich nur kurz von diesem Rückschlag beirren.

    Dann forschte er unermüdlich weiter… studierte alte Schriften und konsultierte sogar Experten aus Bereichen der Mystik und des Okkultismus, in der Hoffnung, vielleicht in irgendwelchen alten Sagen oder Legenden einen Hinweis auf die Herkunft des Artefakts zu erhalten.

    Die plausibelste Übereinstimmung fand er in Fragmenten einer alten griechischen Heldensage, die von einer Niederkunft der Götter und dem Untergang von Atlantis handelte.

    Dort hieß es, die Bewohner des sagenumwobenen Inselstaates hätten von den Göttern zum Abschied zahllose mächtige Geschenke erhalten, darunter die sogenannten „Seelenschlüssel“… marmorähnliche Steine, in denen ein kaltes Feuer brannte, das von Zeit zu Zeit auf einen Bewohner übersprang und ihm entweder den Verstand raubte oder die Weisheit der Götter verlieh.

    Nur die tapfersten und edelsten Jünglinge, die die Fantasie eines Knaben und die Willenskraft eines großen Kriegers in sich vereinten, waren demnach dazu im Stande, die Berührung durch die göttliche Kraft unbeschadet zu überstehen.

    Viele Einwohner von Atlantis, die sich natürlich allesamt für tapfer und edel hielten, bezahlten ihren Wunsch, die Steine berühren zu dürfen und dadurch auf eine Stufe mit den Göttern aufzusteigen, mit ihrem Leben, so dass man schließlich beschloss, die Steine nur noch an jene auszuhändigen, die zuvor eine ganze Reihe gefährlicher, zeitaufwändiger Prüfungen absolviert hatten.

    Doch es dauerte nicht lange, da entbrannte ein Kampf zwischen den Wächtern des Steins und jenen, die sich von ihnen um ihr Recht betrogen fühlten, sich von den Göttern selbst auswählen zu lassen.

    Alles endete dann, wie in den griechischen Sagen üblich, in einem großen Blutvergießen… und als die Götter schließlich zurückkehrten und mitansehen mussten, wie die letzten weisen Wächter des Steins von dem tobenden Mob abmassakriert wurden, beschlossen sie, die Insel vom Angesicht der Erde zu tilgen, und den Menschen nie wieder ein solches Geschenk zu machen.

    Seit er diese Zeilen gelesen hatte, bestand für Viktor kein Zweifel mehr, dass es sich bei dem von ihm untersuchten Artefakt um einen dieser „Seelenschlüssel“ handeln musste… und da laut der alten Texte nur Menschen, die bestimmte Voraussetzungen erfüllten, den Kontakt mit der geheimnisvollen Macht unbeschadet überstanden, blieb Viktor nichts anderes übrig, als vor weiteren Einsätzen des Artefaktes zunächst einmal eine Auswahl zu treffen.

    An der Universität, an der er Vorlesungen in Quantenphysik und Molekularbiologie hielt, versammelte er schließlich eine handvoll Studenten um sich… nicht unbedingt die angepassten Musterschüler, eher die Querdenker, die Fantasten, die Unruhestifter, von denen er vermutete, dass sie den Anforderungen „Fantasie eines Knaben“ und „Willenskraft eines Kriegers“ genügen könnten.

    Anfangs trafen sie sich in einem unbenutzten Kellergewölbe der Universität.

    „Warum hier unten?“, wurde Viktor von einem der Studenten gefragt, einem stets skeptisch wirkenden Querulanten, der bislang eher durch sein Engagement bei diversen Besetzungsaktionen als durch fachliche Kompetenz aufgefallen war . „Was ist das für ein Fach, das sie angeblich nur hier unten unterrichten können, und nicht in einem der beheizten und deutlich bequemeren Hörsäle?“

    Viktor ließ seinen Blick durch die Reihe der ebenso fragend wie neugierig dreinschauenden Studenten schweifen, ehe er mit einem geheimnisvollen Lächeln verkündete:

    „Anarchonautik. Ich werde euch in den folgenden Wochen alles beibringen, was ich über Anarchonautik weiß.“

    „Aber was ist Anarchonautik?“, fragte eine andere Studentin in das aufbrandende allgemeine Gemurmel hinein. „Ich hab davon noch nie gehört.“

    „Ich auch nicht.“, murmelten andere.

    „Ja, was ist das?“

    „Ein paar Griechisch-Kenntnisse könnten hierbei hilfreich sein, meine Damen und Herren.“, erklärte Viktor, nachdem er geduldig gewartet hatte, bis jeder seine Ratlosigkeit zum Ausdruck bringen konnte. „Ich selbst spreche fließend griechisch, wie im übrigen auch Persisch, Herbräisch, Japanisch und Altägyptisch… allerdings alles erst seit ein paar Monaten.

    Betrachten wir zunächst einmal den Wortstamm. Anarchia steht hierbei für die Idee der Herrschaftslosigkeit, und nautes für Seefahrer beziehungsweise Matrosen.

    Ganz wörtlich genommen, möchte ich euch also beibringen, wie ihr ohne Kapitän und hierarchische Rangordnung ein Schiff steuern könnt.

    Im übertragenen Sinn ist die Schiffsreise jedoch eher die Reise unseres Lebens, die Reise, die ein jeder Mensch zu gehen hat. Viel zu oft verlassen sich die Menschen bei dieser Reise auf ihre Kapitäne, oder sagen wir besser auf das Kartenmaterial, was ihnen Vater, Mutter, Lehrer, religiöse und weltliche Führer oder sonstwer zur Verfügung gestellt haben.

    Doch was, wenn diese Karten uns nie ans Ziel bringen werden, weil sie alle nicht die objektive Wirklichkeit abbilden, sondern nur subjektive Momentaufnahmen darstellen? Was, wenn wir seit Jahrtausenden planlos im Kreis fahren? Eine gigantische Odyssee im Ozean des Schicksals, eine Irrfahrt ohne Ausweg…“

    Als er mit diesen Worten ihr Interesse geweckt hat, begann Viktor von den nahezu hundert Leben zu berichten, an die er eine oder mehrere Erinnerungen hatte… er erzählte ihnen die Sage vom Seelenstein, und schließlich auch davon, wie er selbst in Besitz dieses Steines gekommen ist.

    Mehrere Wochen zogen so ins Land, und abgesehen von einem, der vorzeitig absprang, weil ihm alles zu esoterisch wirkte, hielt der ganze Kurs bis zum Ende durch.

    Dann gab es das Examen… doch statt irgendwelcher Scheine, die sie für ihr weiteres Studium nutzen konnten, bekamen die Studenten einen Einblick in ihre eigene bewegte Vergangenheit als Belohnung.

    Mit zitternder Hand richtete Viktor das Artefakt auf jeden Einzelnen von ihnen… und erst, als auch der letzte die Prozedur überstanden hatte, ohne dabei tot umgefallen oder wahnsinnig geworden zu sein, konnte sich auch Viktor ein wenig über das Erreichte freuen.

    Einige der Studenten mussten sich aufgrund der Heftigkeit der Eindrücke minutenlang übergeben, andere verabschiedeten sich erstmal für ein paar Tage, um allein zu sein oder an Orte zu reisen, die ihnen in ihren früheren Leben einmal viel bedeutet hatten.

    Nach knapp zwei Wochen waren jedoch alle wieder im Keller versammelt, und schworen sich und ihrem Professor, von nun an alles in ihrer Macht stehende unternehmen zu wollen, um die Wirkungsweise des Artefakts weiter zu erforschen und auch andere in der neuen Lehre zu unterweisen.

    Seit diesem Tag nannten sie sich alle stolz „Anarchonauten“… ein Name, der jedoch stets nur im Kreis der wenigen Eingeweihten verwendet wurde.

    Nach außen hin waren sie einfach nur eine weitere exklusive Studentenverbindung… und jedem, der in ihrem Club Mitglied werden wollte, ohne über die nötigen Eigenschaften zu verfügen, erzählten sie irgendwelche Märchen von astronomisch hohen Mitgliedsbeiträgen oder perversen, menschenverachtenden Aufnahmeritualen, so dass sich das Interesse ihrer uneingeweihten Kommilitonen in überschaubaren Grenzen hielt.

    Ihr Hauptquartier wurde eine alte Villa am Rande der Stadt, die Viktor von seinen reichen Großeltern geerbt hatte. Später kamen noch mehrere Anwesen in den Bergen und Spanien hinzu.

    Dort konnten sie ungestört ihren Experimenten nachgehen, oder einfach nur ihrer Andersartigkeit frönen, ohne ständig von ihrem sozialen Umfeld für komplett übergeschnappt gehalten zu werden.

    Die Geschichte von Atlantis und dessen Untergang war Viktor Warnung genug, was passieren konnte, wenn sich die falschen Leute für ihr Geheimnis zu interessieren begannen… und so war Geheimhaltung bei allem, was die Anarchonauten taten, immer oberstes Gebot.

    Jeder Versuch, den Seelenschlüssel zu replizieren oder auch nur seine Wirkungsweise vollständig zu verstehen, scheiterte jedoch kläglich, all ihrem zusammengeworfenen Fachwissens zum Trotz.

    Zumindest gelang es ihnen im Lauf der Zeit immer besser, einzugrenzen, welche Menschen auf die Wirkung des Artefakts positiv reagierten, und welche nicht. Ein erster kleiner Erfolg, so schien es… doch die für eine solche Beurteilung notwendigen langfristigen Beobachtungen kosteten viel zu viel Zeit, als dass die Anarchonauten den Seelenschlüssel jemals in größerem Stil hätten einsetzen können.

    Daher arbeiteten sie fieberhaft daran, zunächst einmal eine Art Scanner zu entwickeln, der binnen Sekunden Auskunft über die Kompatibilität einer Versuchsperson geben konnte.

    Gut möglich, dass das Gerät selbst sogar über einen solchen Indikator verfügte… die darauf angezeigten Symbole und scheinbar willkürlich aufblinkenden und wieder erlöschenden Anzeigen wirkten jedoch völlig beliebig, als ob keinerlei logisches System dahintersteckte.

    Alles, was die Anarchonauten nach mehr als drei Jahren geheimer Forschungsarbeit herausgefunden hatten, war, dass die Aktivierung des Seelenschlüssels bei den Versuchspersonen zu einer starken Vergrößerung der Zwirbeldrüse führte, und so vermuteten sie, in diesem kleinen Teil des Gehirns, dem seit jeher in Esoterikerkreisen eine besondere Macht nachgesagt wird, die Antwort auf ihre Fragen zu finden.

    Dummerweise hatten sie jedoch nur die Daten von sich selbst und ihren Mitstreitern vorliegen, die den Einsatz des Seelenschlüssels körperlich unbeschadet überstanden hatten.

    Um nicht nur Vermutungen anzustellen, sondern korrekte wissenschaftliche Rückschlüsse ziehen zu können, war es jedoch dringend erforderlich, auch die Zirbeldrüse von Menschen, bei denen eine Anwendung des Artefakts zu Tod oder Wahnsinn führte, davor und danach genaustens zu untersuchen.

    Ein moralisches Dilemma, aus dem im Lauf der Zeit ein erbitterter Streit entstand.

    Der eine Teil der Anarchonauten, darunter auch Viktor, drängte darauf, ein oder zwei Menschen zu opfern, da das Gesamtwohl, die Vorstellung einer „erleuchteten“ Menschheit, eindeutig höher zu bewerten war.

    Andere widersprachen, und wurden nicht müde, von Dr. Frankenstein bis Dr. Mengele jede Menge Beispiele zu schildern, die zeigten, zu was wissenschaftliche Anmaßung im schlimmsten Falle führen konnte.

    „Willst du wirklich töten für deine bessere Welt, Viktor?“, fragte eine der Gegner des Plans, eine hochbegabte Studentin und überzeugte Veganerin namens Magdalena. „Ich habe vielleicht noch nicht so viele Leben gelebt wie du… aber eins weiß ich: Diejenigen, die uns ständig einreden wollen, dass zum Wohl der Gemeinschaft das Wohl Einzelner untergeordnet werden muss, haben diese Welt erst zu der Hölle gemacht, die sie heute ist!

    Wenn du jetzt auf ihren Spuren weitermachst, bist du weder ein Anarchist noch ein Anarchonaut, sondern fällst in die selben kurzsichtigen Handlungsmuster zurück, die wir doch eigentlich durch unsere Erkenntnisse längst überwunden haben sollten.“

    Viktor sah das allerdings naturgemäß ein wenig anders.

    „Jeden Tag, an dem wir nichts unternehmen, werden dutzende Menschen von anderen Menschen wegen Nichtigkeiten umgebracht. Wir haben vielleicht in ein paar Jahren oder Jahrzehnten die Möglichkeit, dieses Töten für immer zu beenden… aber dafür müssen wir über unseren Schatten springen, und vielleicht auch mal hässliche Dinge tun, die wir eigentlich gar nicht tun möchten. Davon abgesehen töten wir ja niemanden, zumindest nicht direkt. Die Auswahl trifft immer noch der Seelenschlüssel, nicht wahr?“

    Eine Mehrheit der versammelten Forscher war bereit, ihrem Mentor zuzustimmen. Doch Magdalena blieb unversöhnlich.

    „Weißt du, Viktor… manchmal frage ich mich, ob dich das Wissen, das dir der Seelenschlüssel offenbart hat, wirklich zu einem besseren Menschen gemacht hat, oder ob es nicht nur dazu führt, dass du dich für etwas Besseres hältst… für einen Auserwählten, für den neuen Messias, der selbstherrlich darüber entscheiden darf, was für alle anderen das Beste ist.

    Ich habe durch die Eindrücke meiner früheren Leben in allererster Dinge Demut gelernt… Demut, und mich selbst und meine Überzeugungen nicht so wichtig zu nehmen. Wo ist die Demut geblieben bei euch? Bei euch allen…

    Ich sah einst im Keller der Universität neugierige, offene Menschen versammelt, die sich vor allem darin einig waren, dass sie nie so kaltherzig und verbohrt werden wollten wie die meisten Erwachsenen.

    Heute schaue ich in eure Augen und sehe Arroganz... Arroganz und Fanatismus. Ganz ehrlich, ich habe es immer geliebt, Grenzen zu überschreiten und Regeln zu brechen. Aber das Gesetz, das ihr brechen wollt, ist ne Nummer zu groß für mich. Macht meinetwegen, was ihr wollt… aber macht es dann bitte in Zukunft ohne mich!“

    Diese Worte besiegelten die Abspaltung der Anarchonauten. Magdalena und zwei ihrer Mitstreiter zogen sich in den für Notfälle angeschafften Zufluchtsort in den Bergen zurück, wo sie fortan in innerem Frieden und Einklang mit der Natur leben wollten.

    Die verbliebenen sechs beschlossen, die notwendigen unbequemen Entscheidungen nicht länger herauszuzögern, sondern nun, wo sich ihr moralisches Gewissen ins Exil verabschiedet hatte, endlich mit dem schon lange gefassten Plan, einen für den Seelenschlüssel ungeeigneten Kandidaten in ihr Labor zu locken, zu beginnen.

    Und so nahm das Verhängnis seinen Lauf…

    „Lasst uns einen wirklich schlechten Menschen finden.“, schlug einer aus der Gruppe der Verbliebenen vor, um die mit ihrem Vorhaben verbundenen Gewissensbisse so klein wie möglich zu halten. „Wie wäre es mit einem Nazi? Oder einem Kinderficker? Dann tun wir der Gesellschaft sogar noch etwas Gutes nebenbei...“

    „Ich weiß nicht…“, erwiderte ein anderer skeptisch. „Wäre es nicht sinnvoller, jemanden zu nehmen, der repräsentativ für möglichst viele Menschen ist… jemand durchschnittliches? Die Daten, die wir dadurch erhielten, wären wohl deutlich repräsentativer.“

    So ging es eine Weile hin und her. Schließlich einigte man sich aber doch darauf, dass man nicht so weit gehen wollte, jemand aus dem blühenden Leben zu reißen, selbst wenn dieser jemand einen noch so verkommenen Eindruck machte. Schließlich war jeder der Anarchonauten auch selbst schon mal in einem früheren Leben eine Art Nazi gewesen, ein Mörder, ein Pädophiler, oder auch einfach nur durchschnittlich.

    „Nehmen wir doch einen aus dem Altenheim.“, überlegte Viktor. „Vielleicht sogar einen, der an Demenz leidet und sich nicht mal mehr daran erinnern kann, was er vor fünf Minuten gemacht hat… wäre ja theoretisch auch denkbar, dass der Seelenschlüssel auf einen solchen Menschen überhaupt keinen, oder nur einen sehr geringen Effekt haben würde… Jedenfalls könnten wir auf diese Weise schonmal das eine oder andere aussschließen, und wir würden dem armen Teufel vielleicht sogar einen Gefallen tun… ich meine, das ist sowieso kein Leben mehr, wenn dein Gehirn nicht mehr richtig funktioniert… das ist nur noch ein ablaufender chemischer Prozess.“

    Dieser Vorschlag stieß auf allgemeine Zustimmung, wurde allerdings noch von der Meinung eines anderen Anarchonauten überboten.

    „Warum nicht gleich einen geistig Zurückgebliebenen nehmen? Oder einen Autisten? In dem Krankenhaus, wo ich beschäftigt bin, hatten wir neulich einen Extremfall… ein junger Mann mir irreparablen Hirnschäden, geistig auf dem Stand eines Dreijährigen, den sie ständig fixieren müssen, weil er sich sonst die Haare rausreißt oder die Nägel abkaut bis auf die Knochen.

    Ich musste beinahe weinen, als ich ihn das erste Mal sah… Niemand sollte so dahinvegetieren müssen. In vergangenen Zeiten hätte man ihn einfach in den Wald geschickt, wo er innerhalb weniger Tage verhungert wäre… das wäre der natürliche Verlauf der Dinge. Heute schiebt man ihnen noch Magensonden ein, um sie künstlich zu ernähren, und nennt das dann auch noch Barmherzigkeit. Und jeden, der eine andere Meinung dazu hat, was menschenwürdiges Leben ist, bringt man sofort mit der Euthanasie-Keule zum schweigen.

    Als ob ich ein Nazi wäre, nur weil ich so nicht leben möchte, und auch keinem anderen, nicht mal meinem schlimmsten Feind, ein solches Dasein wünschen würde.

    Ich glaube, die Nazis haben Behinderte damals aus ganz anderen Gründen in den Tod geschickt… das hatte nicht das Geringste mit Mitleid zu tun.“

    „Und du könntest an diesen jungen Mann, den du erwähnt hast, rankommen?“, überlegte Viktor durchaus angetan von den Überlegungen seines Kollegen. „Könntest ihn nachts zusammen mit ein paar Helfern entführen, ohne dass es jemand mitbekommt?“

    Viktors Gegenüber nickte.

    „Falls er stirbt, lassen wir es einfach so aussehen, als ob er ausgebüchst und eines natürlichen Todes gestorben ist. Und falls nicht… falls der Seelenschlüssel auf ihn überhaupt keine Auswirkungen hat, dann bringst du ihn einfach am morgen zur Schwester und sagst, dass du ihn draußen gefunden hast, wie er ziellos umhergeirrt ist. So fern das eine einmalige Sache wird, und wir das nicht regelmäßig durchziehen, sollte niemand Verdacht schöpfen…“

    Das Ergebnis der Abstimmung war einstimmig. Alle waren dafür, es zunächst einmal mit dem Behinderten zu versuchen, und so machten sie sich am darauffolgenden Wochenende ans Werk, ihren perfiden Plan in die Tat umzusetzen.

    Das Labor im Versteck der Anarchonauten war vorbereitet, die Geräte für die Aufzeichnung standen bereit.

    Viktor und drei seiner Kollegen, in weiße Kittel aus der Chirurgie gekleidet, standen erwartungsvoll um den Untersuchungstisch herum, als die Tür aufging und zwei weitere Anarchonauten mit dem im Rollstuhl festgebundenen Probanden hereinkamen.

    „Ah, da ist ja unser Freund…“

    Viktor sah kurz zu dem unbekannten Jungen auf, der sein pickelübersätes, von einem haarigen Flaum bedecktes Gesicht zu einer Schnute verzogen hatte und die ganze Zeit nur glucksende Geräusche von sich gab.

    „Wie heißt du, mein Junge?“

    Der hinter dem Rollstuhl stehende Forscher schüttelte nur den Kopf.

    „Vergiss es, Viktor. Der kann dich überhaupt nicht wahrnehmen…“

    Aber Viktor machte es sich nicht so einfach. Er ging auf den Jungen zu, kniete vor ihm nieder, und versuchte irgendwie, die Augen des Jungen zu blicken. Doch der drehte seinen Kopf immer in eine andere Richtung… Als Viktor ihn daraufhin am Kinn fasste, um ihn von seinen ständigen Zuckungen abzuhalten, spuckte dieser ihm eine Ladung schleimigen Ausfluss ins Gesicht und stieß einen wütenden Schrei aus.

    „Schon gut, du kannst nichts dafür.“, murmelte Viktor, während er sich mit dem Ärmel den Speichel abwischte. „Wir können alle nichts dafür, dass wir das sind, was wir sind…“

    Sie zogen dem jungen Mann die Oberkleidung aus, was dieser nur unter lautem Protest mit sich machen ließ.

    „Komm, Junge, wir spielen jetzt ein kleines Spiel.“, flüsterte ihm Xavier, einer von Viktors Kollegen schließlich ins Ohr. „Du legst dich auf das Bett da drüben, und dann gehst du auf eine lange, wunderbare Reise… wie in einem Flugzeug… Was hältst du davon?“

    Ein anderer Anarchonaut, der an einem der Computer beschäftigt war, wischte sich hastig eine Träne aus dem Gesicht.

    Auch den anderen ging es nicht viel besser… sie fühlten sich alle schäbig bei dem Gedanken, einem wehrlosen Behinderten seine früheren Leben zu zeigen, in sicherer Erwartung, dass sein Gehirn nicht einmal ansatzweise dazu in der Lage sein würde, dieser enormen Belastung standzuhalten.

    Sie wussten, dass ihre Tat einem Mord gleichkommen würde… einem Mord im Dienste der Wissenschaft. Aber sie waren sich einig, dass es getan werden musste.

    „Wie heißt er eigentlich?“, meinte Xavier, während er gemeinsam mit einem Kollegen den jungen Behinderten auf das Bett hievte.

    Die Anarchonauten im Hintergrund zuckten ratlos mit den Schultern. Nur einer, der Arzt, der den Jungen entführt hatte, wusste Bescheid, aber er meinte nur:

    „Was spielt das für eine Rolle, Xavier? Meinst du, dass es dir besser gehen wird, wenn du eine persönliche Beziehung zu ihm aufbaust?“

    „Keine Ahnung…“, erwiderte Xavier trotzig. „Aber vielleicht geht es ihm dann besser?“

    Viktor beobachtete konzentriert, wie sie die Füße des Jungen am Bett fixierten, und anschließend auch seine Hände in die dafür vorgesehenen Lederriemen schoben, ohne dass der sich sonderlich dagegen zu wehren schien. Offenbar hatte er nicht die geringste Ahnung, wie ihm geschah.

    Dann nahm Viktor den Seelenschlüssel von dem hinter ihm stehenden Beistelltisch und begann routiniert damit, die nötigen Einstellungen vorzunehmen.

    „Ich glaube, am meisten helfen wir ihm, wenn wir die Sache nicht unnötig in die Länge ziehen.“, murmelte er währenddessen. „Schließt die Kabel zum Messen der Gehirnströme an… dann legen wir los!“

    Endlich war alles bereit.

    Alle waren an ihre erforderliche Position gegangen, die Recorder liefen, und Viktor aktivierte den auf den jungen gerichteten Seelenschlüssel.

    „Keine messbare Zirbeldrüsenaktivität…“, las einer der Anarchonauten von seinem Monitor ab. „Kein veränderter Puls… kein… oh mein Gott…“

    Er deutete ungläubig auf den Bildschirm, aber da war es bereits zu spät.

    Der Körper des Jungen bäumte sich mehrmals auf, als ob ein starker Stromstoß durch ihn hindurchschießen würde.

    Dann rüttelte er mit aller Kraft am Bett und versuchte, sich irgendwie aus der Umklammerung der Fesseln zu befreien.

    Zwei eilig herbeigeeilte Anarchonauten stürzten sich auf ihn und versuchten, ihn irgendwie ruhigzustellen… doch da riss der vermeintlich Wehrlose auch schon mit einem wütenden Aufschrei die linke Handfessel aus ihrer Verankerung.

    Mit übermenschlicher Kraft stieß er die Wissenschaftler von sich weg, so dass diese wie von einer Sturmböe erfasst durch den Raum flogen und begleitet von einem lauten Scheppern gegen einige der umherstehenden Computer prallten.

    Dann griff er sich an den rechten Arm und verdrehte sich selbst das Handgelenk so sehr, dass es ein deutliches Knacken zu hören war und der Arm danach wie Butter aus der ledernen Fessel glitt.

    Während Xavier geistesgegenwärtig eine Spritze mit Betäubungsmittel vorbereitete, befreite der Junge durch einen gezielten Handkantenhieb auf das Bettgestell auch noch seine Beine.

    Er saß nun senkrecht auf dem Bett und machte sich bereit, aufzustehen… genau in dem Moment, als Xavier mit der Spritze von hinten an ihn heran trat.

    Doch der Junge bemerkte sein Vorhaben, als habe er Augen im Hinterkopf. Er packte Xaviers Hand, griff nach der Spritze, und rammte sie dem Anarchonauten mit voller Wucht mitten ins Auge.

    Xavier schrie wie am Spieß, ehe er aufs Bett sank und dort reglos liegen blieb.

    Ein weiterer Anarchonaut hatte den Jungen inzwischen erreicht… er wollte ihn mit einem gezielten rechten Haken außer Gefecht setzen.

    Aber wieder war der außer Kontrolle geratene Patient schneller. Er tauchte unter dem Arm des Anarchonauten hinweg, stieß ihn gegen die hinter ihm befindliche Wand, und biss dann mit der Gnadenlosigkeit eines hungrigen Tieres in seine entblößte Kehle.

    Entsetzt beobachtete Viktor, wie der Junge ein Stück Fleisch aus dem Hals seines Kollegen riss und dann mit der blutverschmierten Fratze eines Wahnsinnigen auf die beiden verbliebenen Wissenschaftler zustürmte.

    Einer von ihnen wollte aus dem vor ihm stehenden OP-Wagen ein Messer greifen, das normalerweise zum Öffnen von Leichen bei der Obuktion verwendet wurde… doch die Idee stellte sich als denkbar dämlich heraus, denn der Junge war bereits dicht hinter ihm und schnappte ihm die Waffe vor der Nase weg.

    Er verpasste dem völlig überfordert wirkenden Anarchonauten einen Kopfstoß und schnitt ihm dann mit einer flüssigen, wie einstudiert wirkenden Bewegung die Gurgel durch, ehe er noch in der Drehung den zweiten Wissenschaftler stellte und ihm das Messer mit einem lauten Kampfschrei mitten ins Herz stieß.

    Einen Augenblick glaubte Viktor, der Junge würde den Anblick des ihn entsetzt anschauenden Sterbenden regelrecht genießen, denn er verharrte einen Moment regungslos vor seinem Opfer, lächelte beseelt, und schwankte dabei hin und her wie in Trance.

    Doch als er aus den Augenwinkeln bemerkte, wie sich ein weiterer Anarchonaut aufrappeln und davonlaufen wollte, zog er das Messer blitzartig wieder aus der Brust seines Opfers und schleuderte es mit kaltblütiger Präzision durch das halbe Labor, direkt in den Nacken des Flüchtenden, der stöhnend umkippte und in Viktors Armen sein Leben aushauchte.

    Das Labor glich einem einzigen Schlachtfeld.

    Viktor kniete zitternd auf dem Boden… wohin er auch schaute, überall lagen die blutverschmierten Leichen seiner Kollegen.

    Wie durch einen Schleier erkannte er den Jungen, der dem vor ihm liegenden Anarchonauten das Messer aus dem Rücken zog und es dann drohend auf Viktor richtete.

    „Wer… wer seid ihr?“, versuchte sich der Behinderte zu artikulieren. „Was wollt ihr von mir?“

    Er wirkte außer Atem, voller Kampfspuren im Gesicht, aber dennoch deutlich vitaler als noch vor einer halben Stunde.

    „Du kannst sprechen?“, erwiderte Viktor apathisch, unfähig zu entscheiden, ob er aufgrund dieser Ironie des Schicksals nun bitter lachen oder einfach nur heulen sollte. „Auf einmal kannst du sprechen…“

    Ein medizinisches Wunder, auf das er sich in jeder anderen Lebenssituation sofort mit gierigem Forschungseifer gestürzt hätte… doch nun, mit dem Blut seiner Kollegen an seinen Händen und dem scharfen Messer des Jungen im Gesicht, wirkte auf einmal alles so nebensächlich… so absurd…

    „Dann hast du mich wohl geheilt, was?“, meinte der Junge, kniete sich vor Viktor auf den Boden, und packte ihn am Kinn, auf genau die selbe Art, mit der Viktor zuvor versucht hatte, einen Augenkontakt herzustellen.

    Nun war es der Junge, der den Augenkontakt suchte, und Viktor, der nichts mehr zu fürchten schien als einen Blick in diese auf einmal gar nicht mehr schläfrig wirkenden, sondern ungeheuer mordlustig leuchtenden Augen zu werfen.

    „Ich… wir wollten dir nichts tun… bitte…“, stammelte er hilflos. „Wir wollten nur die Wirkung erforschen… diese… diese Erinnerungen an ein früheres Leben, und was sie aus den Menschen machen. Wir wollten die Menschheit heilen, verstehst du?“

    Der Junge schien tatsächlich zu verstehen, denn er grinste, schüttelte den Kopf und meinte verächtlich:

    „Die Menschheit heilen? Das ist der größte Schwachsinn, den ich je gehört habe!“

    Dann packte er Viktor am Kragen seines Kittels und zog ihn daran zu sich hoch.

    „Bring mir einen Spiegel… los!“

    Viktor zuckte bei jedem der Worte des Jungen zusammen. Außer stande, Widerstand zu leisten oder es auch nur zu versuchen, krabbelte er zu einem der Schränke und kramte willenlos einen kleinen Handspiegel heraus, den er dem wartenden Jungen ängstlich entgegenstreckte.

    Der Junge nahm ihm den Spiegel aus der Hand, und betrachtete sein Spiegelbild eine Weile mit wachsender Verärgerung. Dann schleuderte er den Spiegel sichtlich angewidert gegen die Wand.

    „Was aus mir geworden ist… wie ich aussehe… verdammte Scheiße…“, flüsterte er zu sich selbst, und dann, in Richtung von Viktor gewandt:

    „Welches Datum ist heute, Arschloch?“

    „Der… der zwölfte…“, keuchte Viktor. „Der zwölfte Oktober.“

    Aber diese Antwort schien den Jungen nicht zufrieden zu stellen.

    „Verdammt, welches Jahr?“, schrie er gereizt.

    „1985.“, erwiderte Viktor.

    Der Junge, der eben noch wie eine Furie unter Viktors Männern gewütet hatte, wirkte auf einmal nachdenklich, fast ratlos.

    Er hielt sich angestrengt die Hände vor die Augen und wanderte ein paar mal vor dem immer noch am Boden kauernden Viktor auf und ab.

    „1985…“, murmelte er dabei immer wieder. „1985…“

    Schließlich hielt er an, und warf Viktor einen fragenden Blick zu.

    „Was ist mit Hitler passiert? Lebt der noch? Was ist mit dem Krieg?“

    Erst langsam dämmerte es Viktor, dass sie da aus Versehen ein Wesen heraufbeschworen haben mussten, das so ganz und gar nicht in diese Zeit und an diesen Ort gehörte.

    „Hitler? Der Krieg? Du meinst den zweiten Weltkrieg? Das ist ewig her… das ist… 1945 hat das Deutsche Reich kapituliert.“

    „Und Hitler?“, wiederholte der Junge seine Frage eindringlich. „Was ist mit Hitler?“

    „Hitler ist tot.“, erklärte Viktor. „Hat sich kurz vor Kriegsende erschossen, in seinem Bunker in Berlin…“

    Der Junge, oder das, was sich nun in seinem Körper befand, grinste verächtlich.

    „Typisch.“

    Er wollte noch etwas anfügen, doch dann fiel sein Blick auf den einige Meter vor Viktor liegenden Seelenschlüssel.

    „Was ist das? Ist das ne Waffe?“

    „Das… das ist der Gegenstand, mit dem wir dich in diesen Körper geholt haben… ein Seelenschlüssel, vermutlich aus Atlantis.“, gestand Viktor, ohne auch nur den Versuch zu machen, dem unheimlichen Typen irgendetwas zu verheimlichen.

    „Dann ist es wertlos für mich.“, erwiderte der. „Hast ja jetzt gesehen, zu was dieser Hokuspokus führt. Sag deinen Leuten, es tut mir leid.“

    „Sie… sie sind alle tot… verdammter Bastard.“, klagte Viktor. „Da haben sie jetzt auch nichts mehr davon…“

    Der Junge deutete auf den Seelenschlüssel und zwinkerte Viktor aufmunternd zu.

    „Wer weiß, vielleicht werden sie ja wiedergeboren?“

    Dann drehte er sich um und ging zu Tür, ohne Viktor eines weiteren Blickes zu würdigen.

    „Warte noch!“, rief der mit letzter Kraft hinter dem unheimlichen Jungen her. „Sag mir wenigstens deinen Namen!“

    In der Türe hielt der Junge kurz inne… überlegte wohl, ob es klug war, seinen Namen preis zu geben, kam dann aber wohl zu dem Schluss, dass es keinen Unterschied machen würde.

    „Eigentlich habe ich viele Namen…“, sagte er schließlich. „Aber wenn ich mich für einen entscheiden müsste, würde ich Janosch nehmen. Janosch der Schlächter… so haben sie mich genannt… und dieser Name hat Furcht ausgelöst im ganzen beschissenen Reich. Furcht, wie…“

    An dieser Version kann man schön erkennen, wie ich manche Dinge komplett verändert habe, aber die Idee mit dem schwachsinnigen Jungen dann eben doch wieder aufgegriffen habe, um sie an anderer Stelle in den Roman einzubauen.

    Und daran, dass die Wissenschaftler ihren Geheimbund als "Anarchonauten" bezeichnen, sieht man, dass diese Version vor 2012 entstanden ist, bevor wir die Band gleichen Namens gegründet haben. Der Name war aber eben schon davor von mir erdacht worden, ursprünglich für diese Geschichte. Vielleicht hätte der Roman ja sogar "Anarchonauten" geheißen, wenn nicht die Musik dazwischengekommen wäre.

    • Offizieller Beitrag

    Deleted Scene 5:

    Uff, wie viele sind es denn noch?

    Die von zuhause weggelaufene Marie trifft in dem verlassenen Bauernhaus wieder auf die Partisanen, doch diese erzählen ihr in dieser Version eine ganz andere Geschichte... davon, wie sie sich in einem Konzentrationslager kennenlernten und dann mit Hilfe eines durchgeknallten Kriegsveteranen (nein, nicht Janosch) geflohen sind.

    Spoiler anzeigen

    Ein Lager voll mit Menschen, die anders waren. Manche aufgrund ihrer Herkunft, andere aufgrund ihrer Überzeugungen oder wegen dem, was sie taten.

    Salo hatten sie eingelocht, weil er Jude war. Josip kam aus Polen und war noch dazu bekennender Anarchist. Und Darko war in den Augen der Nazis einfach geistig zurückgeblieben, weil er sich nicht vernünftig artikulieren konnte.

    Man hätte vielleicht vermuten können, dass wenigstens hier, unter den von der Welt abgeschriebenen Häftlingen bedingungslose Solidarität und Freundschaft herrschte… doch tatsächlich gab es auch hier die üblichen Hackordnungen, zumal neben den politischen Gefangenen und denen aus rassischen Gründen auch jede Menge normale Kriminelle in dem Lager einsaßen.

    Die Schwächeren mussten den Stärkeren beispielsweise Essen oder einen bestimmten Anteil der ins Lager geschmuggelten Zigaretten abgeben…

    Wer nicht gehorchte oder sich nicht den Willen der Rädelsführer beugte, wurde von ihnen ausgestoßen und konnte von da an selbst sehen, wie er ohne Führsprecher zu seinen wenigen Rechten kam.

    Salo erwischte es als erstes, weil er, das auf der Straße großgewordene Kind aus dem Ghetto, nicht damit klarkam, dass irgendein Rat, den er nie gewählt hatte, ihm einzig aufgrund seines Alters irgendwelche Drecksaufgaben auferlegen konnte.

    „Wisst ihr was? Ich scheiß auf euch, und ist mir auch egal, ob der Arsch da drüben mal Bürgermeister war.“, hatte er sich in der überfüllten Barracke aufgeregt. „Denkt ihr, ihr seid was besseres, weil ihr schon länger lebt als ich und früher mal einen eigenen Laden hattet? Ich verrate euch was… genau deshalb, weil sich da draußen manche für was Besseres halten, sitzen wir hier drin. Und ihr Dummköpfe kapiert das nicht und spielt das selbe beschissene Spiel selbst hinter Gittern noch weiter.“

    „Ein gewisses Maß an Ordnung ist nunmal notwendig, junger Mann.“, korrigierte ihn ein älterer Kerl, der trotz der kärglichen Mahlzeiten im Lager verhältnismäßig wohlernährt wirkte. „Dass wir Dienstpläne aufstellen und uns über unsere Pflichten absprechen, unterscheidet uns von den Tieren. Wenn wir jetzt aufhören, diszipliniert zu sein und uns wie Menschen zu verhalten, nur weil wir hinter Stacheldraht leben müssen, dann tun wir doch genau das, was die Nazis von uns erwarten. Die wollen doch sehen, dass hier das totale Chaos ausbricht und jeder wie ein Hund in irgendeiner Ecke liegt… weil sie schon immer gewusst haben, dass wir Juden so sind. Unzivilisierte Tiere. Und du Schmock tust ihnen den Gefallen auch noch.“

    „Ach, ich scheiß auf euch.“, entgegnete Salo trotzig. „Jeder Hund versteht mehr von Freiheit als ihr.“

    Er spuckte vor ihnen aus und ging, während die anderen nur den Kopf schüttelnden und ihm fast mitleidige Blicke zuwarfen.

    Josip hatte ganz ähnliche Probleme mit seinen Landsleuten. Zuerst gab es Stress mit den gläubigen Polen, weil er an der Existenz Gottes zweifelte und sich dabei regelrecht in Rage redete.

    Dann ging er zu den überwiegend deutschen Kommunisten, geriet aber bald ebenfalls mit denen aneinander, als er Stalin mit Hitler verglich und behauptete, dass es für den kleinen Arbeiter keinen Unterschied macht, ob er nun von einem reichen Bonzen oder einem sozialistischen Parteifunktionär vorgeschrieben bekommt, wie viel er zu produzieren hat.

    „Was verstehst du schon?“, maulten sie beleidigt. „Wie alt bist du? Sechzehn? Siebzehn? Vielleicht solltest du erstmal erwachsen werden.“

    Sie lachten spöttisch, und Josip zog beleidigt davon.

    „Mach dir nichts draus.“, hörte er auf einmal eine Stimme von der Seite. Es war Salo, der mit einem Stohhalm im Mund an der Barrackenwand lehnte und die ganze Szene beobachtet hatte.

    „So lang du noch nicht volljährig bist, bist du hier genauso der Arsch wie überall andeers auch. Egal, wie revolutionär sich die Kerle auch geben mögen… in dieser einen Sache sind sie doch alle gleich.“

    Josip blieb stehen und schaute nachdenklich rüber zu Salo.

    „Und? Irgendeine Idee, was man dagegen unternehmen könnte?“

    „Vielleicht…“, überlegte Salo. „Vielleicht sollten wir unsere eigene Interessensvertretung aufmachen. Die Gewerkschaft der unverstandenen Außenseiter oder sowas.“

    Josip gefiel der Gedanke, und so kam es, dass die beiden Freunde wurden und fortan jede freie Minute miteinander verbrachten.

    Der dritte im Bunde wurde bald darauf Darko.

    Er wurde eines Nachmittags von drei der Wachsoldaten wegen irgendeiner Lappalie brutal zusammengeschlagen.

    „Ich erklär dir mal die Hackordnung, und wo du dich auf ihr befindest.“, brüllte einer von ihnen so laut, dass es vermutlich das halbe Lager hören konnte.

    „Ganz oben stehen die deutschen Kriminellen. Danach kommen die politischen Gefangenen, dann die Polacken, dann die Juden, dann die Zigeuner, dann die Homosexuellen… und ganz am Ende, da sind solche wie du. Taubstumme, Spastiker und Krüppel. Ist das jetzt klar?“

    Die umherstehenden Häftlinge trauten sich nicht, einzugreifen, und schauten nur regungslos zu, während einer der Soldaten den Kopf des Jungen in einen Bottich mit dreckigem Wasser drückte… so lange, bis Darko kurz vor dem Ertrinken war und hilflos mit den Armen zappelte.

    Da wurde es Salo und Josip zu viel.

    Ohne weiter über die Konsequenzen nachzudenken, traten sie vor die Soldaten hin, und forderten sie mit brüchiger Stimme auf, den Jungen loszulassen.

    „Er hat genug, meint ihr nicht auch? Was immer er getan hat, er wird es bestimmt nicht wieder tun.“

    Die eiskalten Blicke der Soldaten lösten sich von ihrem Opfer und richteten sich auf die beiden vorlauten Gefangenen.

    „Wer hat euch Ratten erlaubt, das Wort zu ergreifen?“, brüllte einer der Nazischergen außer sich vor Zorn.

    Salo wollte etwas erwidern, aber da traf ihn auch schon ein Gewehrkolben mitten im Gesicht, und er sackte mit schmerzverzerrter Miene zu Boden.

    Dann stürzten sich die Wachen auch auf Josip und warfen ihn zu seinem Freund, ehe ein Stakkato aus Stiefeltritten auf die beiden hereinprasselte.

    Die übrigen Gefangenen, die die Szenerie mit ansehen mussten, schüttelten nur traurig mit dem Kopf oder drehten sich gleich ganz weg. Salo und Josip waren sich sicher, dass nun ihr letztes Stündlein geschlagen hatte.

    Doch plötzlich hörten sie eine tiefe Stimme, die „Achthundertfünfundsechzig“ sagte. Die Soldaten hielten inne und starrten auf den grauhaarigen Mann, der sich aus der Gruppe der Häftlinge löste und mit beeindruckender Lässigkeit auf die Soldaten zuschlenderte.

    „Ich bitte euch, lasst die Jungs gehen… lasst ihnen eine Chance, aus ihren Fehlern zu lernen. Wenn ihr unbedingt jemanden verprügeln wollt, dann nehmt mich!“

    Der noch immer in gekrümmter Haltung am Boden liegende Salo war sich sicher, dass nun auch der fremde Häftling von ihnen mit Schlägen eingedeckt werden würde.

    Doch einer der Wachen hielt seinen Kollegen mit einem energischen Armgriff zurück.

    „Das ist er, Hans… das ist der Kürtler.“

    Fast schien es, als ob die beiden in Ehrfurcht vor dem Gefangenen auf die Knie fallen wollten.

    Nun kam auch noch der dritte Soldat hinzu.

    „Kürtler? Meint ihr etwa… Richard Kürtler? Der eiserne Richard?“

    Dem grauhaarigen Häftling schien sein Ruhm sichtlich unangenehm zu sein.

    „Ich bin nur ein alter Gefangener mit einer bescheidenen Bitte.“, meinte er, und näherte sich mit demütig gesenktem Kopf den drei Wachen.

    „Ich fass es nicht…“, sagte der Soldat namens Hans mit einem breiten Grinsen im Gesicht, und ging mit ausgestreckter Hand auf den Gefangenen zu.

    „Richard Kürtler… Ich habe ihr Buch gelesen. Und ich habe alle Karten gesammelt, von ihnen und ihrem Flieger. Zwanzig auf einen Streich haben sie abgeschossen.“

    Kürtler reichte dem Soldaten mit einem unsicheren Blick die Hand, der angesichts des schwachen Händedrucks des Gefangenen schließlich kritisch sein Gesicht verzog.

    „Sie waren der Held meiner Jugend. Und jetzt, jetzt sind sie hier und trauen sich nichtmal mehr ihren Namen zu hören. Großer Gott, was ist nur aus ihnen geworden?“

    „Hat seinen Einrufungsbefehl verweigert und ist desertiert, der feige Hund.“, mischte sich nun auch der dritte Soldat in die Unterhaltung ein, der ganz offensichtlich nicht so gut auf den prominenten Gefangenen zu sprechen war wie seine beiden Kollegen.

    „Weil er angeblich dem Töten abgeschworen hat, sagte er, als man ihn festgenommen hat. Er ist wohl jetzt Bibelforscher oder Buddhist geworden, oder irgendso eine pazifistische Scheiße. Aber wenn ihr mich fragt, ist dem einfach nur die Muffe gegangen, weil er seinen Luxus und seine tägliche Ration Kaviar nicht mehr gegen das karge Dasein eines Frontsoldaten austauschen wollte.“

    Um seinem Abscheu Ausdruck zu verleihen, spuckte er vor dem Gefangenen auf den Boden, und hätte Kürtler wahrscheinlich auch in die Fresse gehauen, spätestens, nachdem Kürtler ihn als Reaktion nur anlächelte und dabei „Achthundertsechsundsechzig“ murmelte… doch die beiden anderen Soldaten gingen rechtzeitig dazwischen und begannen, beruhigend auf ihren Kameraden einzureden.

    „Reg dich ab, Klaus. Kürtler ist glaube ich nur ein bisschen spinnert geworden auf seine alten Tage. Kein Grund, ihm den Respekt zu verweigern.“

    „Ach macht doch, was ihr wollt.“, meinte Klaus abwinkend und verzog sich.

    Kürtler hatte unterdessen den verletzten Salo und Josip auf die Beine geholfen und schaue nun flehend zu den beiden verbliebenen Soldaten.

    „Was ist… erfüllt ihr einem alten Kriegshelden diesen Wunsch?“

    Hans und der andere sahen sich kurz fragend an, und nickten Kürtler und seinen beiden Schützlingen dann schweren Herzens zu.

    „Na gut, Kürtler. Dieses eine Mal drücken wir noch ein Auge zu. Aber nur dass das klar ist, sie sind ein Gefangener wie alle anderen auch. Haben sie sich schließlich selbst eingebrockt, diesen ganzen Mist hier.“

    „Aber wenn sie kooperieren…“, meinte der andere Soldat. „Wenn sie uns keinen Stress machen und vielleicht sogar ein bisschen die anderen Gefangenen für uns im Auge behalten… dann werden wir sicher bei unseren Vorgesetzen ein gutes Wort für sie einlegen.“

    „Ich glaube kaum, dass sie das interessieren wird.“, erwiderte Kürtler. „Aber Danke. Danke, dass sie die Jungs verschonen.“

    Unterdessen bahnten sich Salo und Josip mit Darko im Schlepptau den Weg zurück in die Barracken, vorbei an den versammelten Häftlingen, die ihnen mit einer Mischung aus Anerkennung und Scham den Weg freimachten.

    „Das wäre beinahe ins Auge gegangen.“, stöhne Josip.

    Salo fasste sich mit der Hand an das blaugeschlagene Auge und die schmerzende Nase.

    „Ist es auch.“, fluchte er. „Diese verdammten Bastarde.“

    Innen angekommen ließen sich Salo und Josip erstmal auf ihre Holzpritschen fallen… Darko zeigte unterdessen mit dem Finger auf sie und formte mit der Hand eine Drei.

    „Drei? Du meinst, wir drei? Zusammen?“

    Darko machte noch ein paar Gesten, und lächelte die beiden hoffnungsvoll an.

    „Wir drei zusammen gegen den Rest der Welt?“, übersetzte Josip, während er sich seine schmerzende Backe hielt.

    Darko nickte und streckte ihnen seine Hand entgegen. Ohne zu zögern schlugen die beiden anderen ein, und Salo fügte mit einem Hauch von Zynismus hinzu.

    „Wir drei zusammen gegen den Rest der Welt. So lange wir leben… wir nur nicht sehr lange sein, fürchte ich.“

    Erst, nachdem sie sich eine Weile umarmt hatten, realisierten die drei, dass sich nun auch der alte Gefangene, dieser Richard Kürtler, zu ihnen gesellt hatte.

    „Das war ziemlich mutig von euch, Jungs.“, sprach er mit väterlicher Anerkennung. „Ziemlich mutig, aber auch ziemlich dumm. Beim nächsten Mal werden die euch eiskalt umlegen… Ihr habt einfach nur riesen Glück gehabt, dass die Kerle sich für den guten alten Luftkampf begeistern können.“

    „Dann sind sie… sind sie also sowas wie ein Kriegsheld?“, fragte Salo mit großen Augen. „Und sie haben im letzten großen Krieg gekämpft?“

    Kürtler starrte einen Moment gedankenversunken ins Leere, ehe er auf die Fragen seiner jugendlichen Mithäftlinge antwortete:

    „Held für die einen… erbarmungsloser Schurke für die anderen. Am Ende gleicht es sich wohl alles irgendwie aus. Als ob ich gar nichts getan hätte… Beängstigend, nicht wahr? Wir sammeln Ruhm und Ehre, und können nicht erkennen, wie wir in dem gleichen Maße auch Hass und Missgunst einsammeln. Was wir den einen Gutes tun, ist deren Feinden Böses, und umgekehrt genauso.“

    Darko machte eine Geste, die seinen beiden neuen Freunden wohl zeigen sollte, dass er trotz Lippenlesens kein Wort verstanden hatte.

    Salo und Josip erging es ganz ähnlich.

    „Jedenfalls danke.“, meinte Salo schließlich. „Danke, dass sie uns gerettet haben. Und wenn sie von hier fliehen, dann sagen sie uns einfach Bescheid, und wir kommen mit! Sie werden doch sicher bald von hier fliehen, nicht wahr?“

    Aber Kürtler schüttelte nur milde den Kopf.

    „Fliehen? Wozu denn? Um neues schlechtes Karma in mich aufzunehmen? Oh nein, Jungs… glaubt mir, ich gehöre genau hier her. Ich habe es gar nicht anders verdient.“

    „Wir aber schon!“, verkündete Josip überzeugt. „Wir haben das hier nicht verdient! Keiner hat so ein Leben verdient. Was… was haben sie denn angestellt, dass sie glauben, so etwas verdient zu haben?“

    Erst schien es, als wollte Kürtler aufstehen und das Weite suchen, aber dann besonn er sich doch eines besseren und erzählte den Jungs seine Geschichte.

    Wie er als junger Hauptmann Staffelführer wurde und fast im Alleingang ein komplettes britisches Fliegerbattalion vernichtete. Wie es sich anfühlte, nach seiner Rückkehr von der Front wie ein Held verehrt zu werden, obwohl das Battalion, das er vernichtet hatte, zu großen Teilen aus völligen Fluganfängern bestanden hatte. Sie abzuschießen, war in etwa so ritterlich gewesen, wie in einem Duell gegen jemanden zu gewinnen, der gerade das erste Mal im Leben eine Pistole in der Hand hielt.

    Doch in diesen Tagen zählte allein die Zahl der Abschüsse, und je näher er der Rekordmarke von Manfred von Richthofen kam, umso stärker wurde das Interesse der Öffentlichkeit.

    Anfangs genoss es der aus wohlhabendem Elternhaus stammende Richard die Anerkennung und den Respekt… doch je häufiger er über die verwüsteten Schlachtfelder hinwegflog, auf denen die Soldaten wie hilflose Insekten herumwuselten, desto mehr keimte in ihm die schmerzhafte Erkenntnis, dass die wahren Helden dort unten durch den Dreck robbten, während Männer wie er nur verwöhnte Bonzenkinder waren, die sich nicht einmal im Krieg die Hände schmutzig zu machen brauchten.

    Und so hing er nach dem Krieg die Fliegerei an den Nagel, schrieb ein paar Bücher über seine Erlebnisse an der Front, und begann um die halbe Welt zu reisen.

    Er befasste sich mit fremden Kulturen, und lebte sogar mehrere Monate in einem nepalesischen Kloster.

    Als er wieder nach Deutschland kam, war er ein anderer Mensch geworden… und in seiner Heimat regierte der Wahnsinn.

    „Ich werde ein neues Buch schreiben!“, verkündete er enthusiastisch seinem Verleger. „Aber diesmal nicht über den Krieg, sondern über den Frieden. Damit die Menschen endlich aufwachen und erkennen, dass man die wichtigsten Dinge im Leben nicht auf dem Schlachtfeld gewinnen kann.“

    „Um Gottes Willen, Richard. Das will doch keiner lesen!“, tobte der Verleger. „Und ich werde das auch nicht veröffentlichen, nur damit du’s weißt. Falls es dir nicht aufgefallen ist, Friede ist gerade nicht besonders angesagt. Die Weichen zeigen in eine ganz andere Richtung.“

    „Hundertneunzig.“, murmelte Kürtler daraufhin nur, lächelte und ging.

    Die Zähltechnik hatte ihm der Abt des Klosters in Nepal beigebracht. Wann immer sich sein Herz zusammenzog und er so enttäuscht vom Leben war, dass er am liebsten irgendjemanden zur Hölle schicken wollte, dann sollte er einfach lächeln und zählen. Es würde mit jedem Mal, mit jeder Enttäuschung, einfacher werden, meinte der Mönch…

    „Die ersten zwanzig Enttäuschungen sind schlimm. Aber wenn du erst mal die Hundertermarke erreicht hast, wirst dir langsam klar werden, dass Enttäuschungen etwas ganz selbstverständliches sind und einfach zum Leben dazugehören.“

    Und so sagte Kürtler seitdem immer nur noch eine Zahl und lächelte wissend, wenn ihm jemand dumm kam.

    „Hundertdreiundneunzig.“, als ihn ein Schreiben erreichte, in dem der Verlag die Zusammenarbeit mit ihm offiziell beendete.

    „Hundertvierundneunzig.“, als er auf der Straße von einem Polizist kontrolliert wurde.

    „Hundertfünfundneunzig.“, als er hörte, dass man einen seiner ehemaligen Fliegerkameraden, der Jude war, in ein Konzentrationslager gesperrt hatte.

    „Hundertsechsundneunzig.“, als er zum Ministerium ging, um eine Erklärung dafür zu verlangen, und schon am Eingang vom Pförtner abgewiesen wurde.

    Im März, als er seinen Einberufungsbescheid erhielt, war er schon bei siebenhundertfünfzig angekommen. Und knapp zwanzig weitere unterdrückte Wutanfälle und Enttäuschungen später befand er sich schon in einem Transport ins Lager.

    Alles ertrug Richard mit buddhistischem Gleichmut, immer im Vertrauen auf die Worte des Abtes, dass er mit dem Zählen seiner Sorgen irgendwann auch deren Bedeutungslosigkeit erkennen würde.

    „Und das mit dem Sorgenzählen hilft?“, wollte Josip unbedingt wissen, als Kürtler mit seiner Erzählung zum Ende kam.

    „Naja, die Frage ist eher, wie die Alternativen aussehen.“, erwiderte Kürtler nachdenklich. „Sich aufregen über das Unvermeidliche? Oder gar ankämpfen gegen das Unvermeidliche?

    Es ist schon was dran an dem, was der Abt gesagt hat… alles Unrecht, was auf dieser Welt geschieht, basiert auf dem Wunsch, sie besser zu machen… besser für uns selbst, oder besser für andere.“

    Für den aufbrausenden Salo war das alles andere als nachvollziehbar.

    „Also nichts tun und den Kopf in den Sand stecken?“, meinte er nur wenig begeistert. „Das kommt für uns nicht in die Tüte. Ist doch so, Leute, oder?“

    Josip und Darko nickten einstimmig, worauf sich Richard Kürtler seufzend erhob und ihnen zum Abschied auf die Schulter klopfte.

    „Ach, ihr seid noch jung. Es ist euer gutes Recht, mit dem Kopf gegen sämtliche Mauern zu rennen. Aber sie werden nicht fallen, glaubt mir… sie werden nicht fallen. Jemand anderes wird nur kommen und sie verstärken, falls ihr es tatsächlich schafft, ein Loch reinzumachen.“

    Dann ging er davon, und ließ die drei Freunde mit ihren fragenden Blicken allein.

    In den Wochen, die folgten, ging alles seinen gewohnten Gang. Harte Arbeit im Steinbruch wechselte sich ab mit sinnlosen Appellen und stundenlangem Herumstehen auf dem Exerzierplatz.

    Immerhin hatten die anderen Häftlinge aufgrund der Widerstandsaktion nun sichtlich Respekt vor Salo, Josip und Darko… was sich vor allem darin äußerte, dass sich bei der Essensabgabe niemand mehr vor sie drängelte und ihnen keiner der Älteren mehr ihre Sachen streitig machte.

    Kürtler, der in einem anderen Block untergebracht war, begegneten sie nur hin und wieder auf dem Weg zur Arbeit. Meist nickten sie sich dann nur stumm zu, eine kaum wahrnehmbare Geste der Verbundenheit zwischen dem einsamen grauen Wolf und den drei jungen Außenseitern.

    Eines Abends kam Josip aufgeregt zu Salo und Darko gelaufen.

    „Der Kürtler dreht voll durch!“, meinte er außer Atem. „Zählt die ganze Zeit… neunhundertdreiundzwanzig, neunhundertvierundzwanzig… und jedes Mal, wenn ihn einer der anderen Insassen aufforderte, ruhig zu sein, grinste er ihn nur an wie ein Besessener und zählte weiter.

    Die haben ihn jetzt gefesselt und geknebelt, zu seinem eigenen Schutz… und damit sie wenigstens ein bisschen schlafen können heute Nacht.“

    Darko antwortete gestenreich, dass die Nazis ihn noch umlegen werden, wenn er so weiter macht.

    „Ja…“, seufzte Salo. „Ihn umlegen… Vielleicht will er ja genau das.“

    Josip schaute seinen Freund fragend an.

    „Du meinst, er markiert nur?“

    „Ich weiß nicht. Ich hatte jedenfalls nicht das Gefühl, dass er einer ist, der hier drin eingeht… Ich meine, erinnert ihr euch, wie das war, als er uns den Arsch gerettet hat? Wenn er gewollt hätte, hätte er doch den drei jungen Wachsoldaten ganz locker das Licht ausknipsen können… das hab ich in seinen Augen gesehen.“

    „Hoffen wir mal, dass du Recht hast.“, antwortete Josip skeptisch.

    Am nächsten Morgen ging es wieder in den Steinbruch. Mehrere Gruppen a 20 Gefangenen, und eine handvoll Wachsoldaten.

    Auch Kürtler war mit von der Partie. Er schien sich nach seinem Anfall wieder beruhigt zu haben, auch wenn er durch die ungepflegt ins Gesicht hängenden Haare und seine tiefen Augenringe nicht wirklich gesund aussah.

    Als die drei Freunde eine Weile neben ihm herliefen, würdigte er sie trotz mehrerer Versuche, flüsternd mit ihm in Kontakt zu kommen, keines Blickes. Er stapfte nur stur geradeaus, bis sie von den Wachen in unterschiedliche Richtungen weitergedrängt wurden.

    „Los ihr dreckiges Gesindel, an die Arbeit!“, herrschte einer der Wachen in dem für sie typischen Tonfall.

    Darko wischte sich den angesichts der sommerlichen Wärme jetzt schon deutlich sichtbaren Schweiß von der Stirn.

    „Dann wollen wir mal…“, kommentierte Salo frustriert, und nahm die von den Wachen ausgeteilte Schaufel zur Hand.

    Sie hatten vielleicht gerade eine halbe Stunde beim Steineklopfen verbracht, als Darko plötzlich unauffällig seine Freunde am Ärmel packte und Richtung Süden deutete.

    Dort, am Rand des Steinbruchs, hatte sich Kürtler auf den Boden gesetzt und rezitierte aus irgendeinem kleinen Büchlein ein buddhistisches Mantra oder etwas in der Art.

    Um seine Stirn hatte er ein paar Schichten Stacheldraht gewickelt, was ihn in Verbindung mit seinen längeren, blutverklebten Haaren und dem Bart ein bisschen wie die neuzeitliche Version von Jesus aussehen ließ.

    „Oh kacke, jetzt ist er komplett durchgeknallt.“, stöhnte Josip, dem nur zu gut klar war, dass die Wachen diesem Verhalten nicht lange tatenlos zusehen würden.

    Tatsächlich dauerte es auch nicht lange, bis zwei mit Gewehr und Schlagstock etwas abseits stehende Soldaten auf das ungewöhnliche Verhalten Kürtlers aufmerksam wurden.

    Sie stapften mit grimmigen Mienen auf den Häftling zu… während Salo, Josip und Darko unauffällig mit einigem Abstand hinterhergingen, so gut es ihnen eben möglich war, ohne das Aufsehen der anderen Wachen zu erregen.

    „Was zur Hölle glaubst du, was du hier tust?“, schimpfte einer der Soldaten in rauem Kasernenton. „Geh sofort zurück an die Arbeit, Kürtler, oder ich schwör dir, ich schlag dich an Ort und Stelle tot.“

    Doch der angesprochene lächelte nur in die Sonne und sagte: „Eintausenddreihundertsechs.“

    Daraufhin zog einer der Soldaten eine schwarze Knute hervor und schlug Kürtler damit mitten ins Gesicht.

    Kürtler stöhnte schmerzerfüllt und kippte zur Seite weg, rappelte sich jedoch sofort wieder auf und meinte. „Eintausenddreihundertsieben.“

    Einer der Wachen zog ihm die selbstgebastelte Dornenkrone vom Kopf und zog ihn an den Haaren zu sich her.

    „Jetzt pass mal gut auf, Eintausenddreihundertsieben… Du wirst jetzt schön dein Werkzeug nehmen und wieder an die Arbeit gehen. Wärst du nicht der, der du bist, hätten wir dich schon längst an die Wand gestellt. Aber glaub nicht, dass du einen Bonus für die Ewigkeit hast.“

    Er stieß ihn verächtlich auf den Boden.

    „Eintausenddreihundertsieben.“, wiederholte Kürtler, und leckte sich das Blut von der aufgeschlagenen Lippe. „Eintausenddreihundertsieben mal habe ich mich zurückgehalten… habe ich die Lehren des Lamas Panademkunh Pratwha befolgt. Eintausenddreihundertsieben mal…“

    Inzwischen waren die drei Freunde noch näher an die Szenerie herangetreten. Sie wollten die Wachen irgendwie beschwichtigen, und Kürtler aus der Patsche helfen, so wie er damals ihnen aus der Patsche geholfen hat. Das war das Mindeste, was sie für ihn tun konnten.

    „Lassen sie uns mit ihm reden.“, bat Josip einen der Wachen. „Wir kriegen ihn schon wieder hin.“

    Darauf schauten beide Soldaten in ihre Richtung… nur ein paar Sekunden, in denen sie den zu ihren Füßen kauernden Kürtler aus den Augen ließen. Aber diese Zeit genügte dem ehemaligen Kriegshelden völlig.

    „Ihr drei, geht sofort zurück zu…“, begann der ältere der beiden Wachen in Richtung der Freunde zu kommandieren. Doch mitten im Satz stockte er, und schaute entsetzt auf den abgebrochenen Spatenstil, der ihm bluttriefend aus der Brust ragte. Dann sank er in sich zusammen, während sein Kamerad panisch versuchte, seine Waffe zu ziehen.

    Aber Kürtler war schneller als er. Wie ein hungriger Panther sprang er auf, und umwickelte mit dem mitgeführten Stacheldraht den Hals des Wachsoldaten. Dann zog er die Enden des Drahtes zusammen, bis ein gurgelndes Geräusch zu hören war und dunkles Blut aus scheinbar jeder Körperöffnung des Soldaten quoll.

    Und Kürtler zerrte und rieb weiter an dem Draht, mit übermenschlicher, in langen Jahren der Enthaltsamkeit angestauten Gewalt, bis der Kopf der Wache nur noch an Knochen und Sehnen zu hängen schien und lose hin und her baumelte… erst dann ließ er sein längst totes Opfer los und starrte mit einem irren Blick in Richtung der drei Freunde.

    „Dem haben sie’s aber gegeben!“, freute sich Salo, während Josip die Hand vor den Mund hielt, um sich angesichts der bestialischen Szene nicht übergeben zu müssen.

    Kürtler hielt kurze Zeit inne, bevor er sich wieder den Draht auf den Kopf setzte und nach dem zerfledderten buddhistischen Büchlein griff.

    „Vergebt mir, gütiger Lama Panademkunh.“, flüsterte er zu sich selbst. „Aber eure Technik ist nicht für dieses Land und diese Zeit geeignet. Ich glaube, ich mache mir von jetzt an besser meine eigene Religion.“

    Mit diesen Worten schleuderte er das Büchlein in Richtung Berg, und griff sich stattdessen die zwei Pistolen, die die Wachen in ihren Gürteln stecken hatten, und das großkalibrige Sturmgewehr.

    „Wollt ihr was für’s Leben lernen?“, fragte er in Richtung der drei Freunde, ohne auf deren Antwort zu warten. „Dann kommt mit. Was ist… sowas schonmal in der Hangehalten?“

    Er streckte ihnen die beiden Pistolen entgegen, worauf Salo und Darko sogleich entschlossen zugriffen, während Josip noch immer ein wenig geschockt das angerichtete Blutbad betrachtete.

    Während Salo schon fragen wollte, wie er die Waffe bedienen musste, beobachtete er Darko, der die Waffen entsicherte und durchlud, als habe er noch nie etwas anderes getan.

    Kürtler grinste zufrieden und machte sein Gewehr schussbereit.

    Dann marschierten sie zu viert mit angewinkelten Waffen auf die restlichen Wachen zu.

    Kürtler erledigte zwei der Kerle gleich auf mindestens fünfzig Meter Entfernung. Zwei weitere wurden vom ebenso zielsicher schießenden Darko niedergestreckt. Salo traf auch einen, aber nur an der Schulter, und feuerte den Rest des Magazins knapp daneben. Als sein Gegenüber das Feuer erwidern sollte, streckte ihn Kürtler mit einem gezielten Fangschuss nieder.

    Nun begannen auch die zuvor noch tatenlosen anderen Strafgefangenen, sich zu wehren. Mit Schaufeln und Hacken schlugen sie auf die verbliebenen Wachen ein und rangen sie nieder.

    Unmittelbar darauf setzte ein lautes Jubelgeschrei ein, und die Häftlinge liefen in alle Himmelsrichtungen davon. Viele von ihnen planlos, ohne sich abzusprechen, und ohne die herumliegenden Waffen mitzunehmen.

    Vermutlich wurden die meisten von ihnen binnen kürzester Zeit wieder eingefangen.

    Nur Kürtler, Salo, Josip und Darko blieben unauffindbar.

    Sie reisten im Schutz der Nacht, durchquerten auf ihrer Flucht das halbe deutsche Reich, bis sie schließlich hier, in dem leerstehenden Hof, eine Zuflucht fanden und zu ihrem geheimen Hauptquartier ausbauten.

    Mir ist meine Begeisterung sichtlich anzumerken, als sie ihre Erzählung beenden und mir noch eine Tasse Tee anbieten.

    Das sind genau solche Abenteurer, wie ich sie immer in meinen Büchern bewundert habe… Leute, die ihre Moral selber machen und nicht nach der Moral anderer leben. Leute, die frei sein wollen, und die notfalls auch bereit sind, für ihren Kampf alles andere aufzugeben. Und ich… ich bin nun mitten unter ihnen.

    Ist jetzt nix besonderes. Aber zeigt eben, dass auch die Partisanen nicht immer die selbe Background-Story hatten. Habe ich beim Schreiben des Romans überhaupt irgendeinen Plan gehabt? Ist ja echt kaum ein Kapitel, das nicht komplett umgemodelt wurde im Lauf der Entwicklung. Ein kleines Wunder, dass dann am Ende aus all dem Chaos doch noch sowas wie ein sinnvolles, halbwegs logisch zusammenhängendes Gesamtwerk entstanden ist.

    • Offizieller Beitrag

    Deleted Scene 6:

    Clyde, Wizard und Enigma sind auf der Flucht und entführen ein Auto, nachdem ihr Unterschlupft in die Luft geflogen ist. Doch anders als im Roman sitzt am Steuer jemand, den Clyde von früher aus seiner Schule kennt (wo clyde noch Dominik hieß). Und dann fahren die drei Freunde... ganz wo anders hin...

    Spoiler anzeigen

    Er verharrte mitten im Satz und schaute mir verwundert in die Augen.

    „Dominik? Dominik… bist du das? Junge, du siehst mal echt scheiße aus…“

    Ich verstand erst gar nicht, was er meinte, und wie er ausgerechnet jetzt auf diesen Namen kam. Erst, als er nur noch wenige Meter von mir entfernt war, erkannte ich, dass es sich um einen aus meiner alten Klasse handelte… ein gewisser Steffen Meisner.

    Stefan war schon seit ich ihn kannte sowas wie die Verkörperung all dessen, was ich nicht war. Er war gut einen Kopf größer als ich, überall beliebt, und schien jeden Tag eine andere Sportart auszuüben.

    Obwohl seine schulischen Leistungen nicht unbedingt als überdurchschnittlich bezeichnet werden konnten, war er wegen seiner munteren, stets gutgelaunten Art doch einer der Lieblinge der Lehrerschaft. Die Mädchen mochten wohl vor allem sein erwachsenes Aussehen, worin er sich doch deutlich von einigen noch recht kindlich wirkenden Mitschülern unterschied. Die Jungs hingegen wären auch gerne so cool rübergekommen wie er, und so scharten sich in jeder Pause zahlreich um ihn, wie Novizen, die ihrem weisen, gerechten Großmeister huldigten.

    Irgendwann erwischte ich mich auch mal bei dem Gedanken, wie gerne ich mit ihm mal den Körper tauschen würde… dann würden alle an meinen Lippen hängen und nach meiner Pfeife tanzen.

    Als ich dann aber mal bei ihm Zuhause war, bot sich mir ein ganz anderes Bild.

    Er wusch die Wäsche seiner Eltern, gehorchte ihnen aufs Wort und fand es überhaupt nicht tragisch, in seiner Freizeit ständig irgendwelche Nebenjobs auszuüben, weil sie ihm kein Taschengeld geben wollten. Dabei hatten sie Kohle ohne Ende… sie waren wohl eher aus pädagogischen Gründen der Meinung, dass er möglichst frühzeitig lernen sollte, selbständig zu sein und niemandem auf der Tasche zu liegen.

    Wenn mir meine Eltern so gekommen wären, hätte ich denen ganz schön die Hölle heißgemacht… von wegen, was ihnen einfällt, erst Kinder in die Welt zu setzen und dann so zu tun, als ob jeder für sein scheiß Leben selbst verantwortlich ist.

    Da begriff ich… selbst wenn ich noch so hässlich war, nie ne Freundin abkriegen würde und für den Rest meines Leben in einem Klassenzimmer allein auf der hintersten Bank saß… ich war im Grunde dennoch mehr Alphatier als er.

    Ich konnte tun und lassen, was ich wollte… brauchte mir nicht den Kopf darüber zu zerbrechen, welche Klamotten ich zu welcher Gelegenheit anzog, wie ich mich in der Gesellschaft anderer in ein möglichst gutes Licht rückte, oder was Daddy über meine Aktivitäten dachte.

    Ich war frei… und seit ich mir das mal so richtig klargemacht hatte, wie glücklich ich mich eigentlich schätzen konnte, keinen Ruf zu haben, den ich jemals hätte verlieren können… seit diesem Moment wollte ich gar nicht mehr so sein wie er.

    Nichts desto trotz war mir schon damals klar, dass er es später mal weit bringen würde im Leben. Und jetzt… jetzt blickte er ganz verdutzt in die Knarre, die ich ihm ins Gesicht hielt, und die dieses Leben auch ganz schnell vorzeitig beenden konnte.

    „Dominik… lass den Scheiß… Ich… ich hab dir doch nichts getan, oder?“

    „Hey Steffen… keine Sorge, ich werde dir auch nichts tun.“, entgegnete ich in einem entspannten Tonfall, wie es beim Treffen mit einem alten Bekannten angemessen war. „Aber du könntest meine Freunde und mich ein bisschen rumfahren… Was hältst du davon? Du tust uns den Gefallen, und ich geb dir mein Wort, dass dir keiner von uns ein Haar krümmen wird.“

    Er nickte eifrig und ging, von meiner Pistole wie von einem Zauberstab dirigiert, langsam zurück zu seinem Auto.

    Inzwischen kamen auch Enigma und Wizard herbei. Wizard hatte sich mit den Armen um seine Schwester geklammert, die ihn wie einen Sack auf dem Rücken trug.

    „Alles ok bei euch?“, fragte ich, ohne den vor mir gehenden Steffen dabei aus den Augen zu lassen.

    „Da drüben knistert unser Haus vor sich hin…“, flüsterte Wizard müde. „Mein Rollstuhl ist im Arsch. Unser Bruder ist tot. Irgendwelche schwerbewaffneten Typen sind hinter uns her. Und du willst ernsthaft von mir wissen, ob alles ok ist?“

    „Komm schon.“, erwiderte ich, um ihn ein wenig aufzumuntern. „Du weißt doch, wie’s im Leben läuft. Du hast das alles schon mindestens genauso oft mitgemacht wie ich.“

    „An manche Dinge werde ich mich wohl nie gewöhnen, Clyde… und ich will es auch gar nicht. Du scheinst ja prima damit leben zu können, aber ich könnte das nicht…“

    „Clyde?“, fragte Steffen verwundert. „Warum zum Henker nennen die dich Clyde? Du bist doch Dominik…“

    „Halt’s Maul.“, zischte ich nur. „Du weißt nichts von mir. Nichts!“

    „Dominik…“, schnaufte Enigma und versuchte, irgendwie ein Lächeln hinzubekommen. „Wie süß… was dagegen, wenn ich dich in Zukunft immer so nenne?“

    Ich blieb kurz stehen und warf ihr einen sarkastischen Blick zu.

    „Was dagegen, wenn ich denjenigen umlege, der diesen Namen noch einmal erwähnt?“

    Nicht, dass ich ein Problem mit dem Namen als solchen gehabt hätte… er war schließlich ein Name wie alle anderen auch.

    Es war eher das, was ich mit dem Klang dieses Namens asoziierte, was ich für immer aus meinem Leben verbannt wissen wollte. „Dominik!“, der mahnende Aufruf der Lehrer, wenn ich gerade mal wieder geistesabwesend aus dem Fenster schaute. „Dominik!“, die besorgte Stimme meiner Mutter, wenn ich mal wieder zu spät kam oder irgendwas ausgefressen hatte. „Dominik!“, die Begrüßung durch meine Mitschüler, die dachten, dass wir sowas wie Klassenkameraden waren, obwohl wir doch nur zufällig im selben Knast einsaßen.

    Ich hatte mich nie wirklich damit identifizieren können… mit diesem Namen und den damit verbundenen Erfahrungen. Wenn ich ihn hörte, war es jedes Mal, wie wenn ich aus einem schönen Traum zurück in die Wirklichkeit gerissen wurde.

    „Ihr kennt euch also?“, fragte Wizard.

    „Ich kenne ihn.“, korrigierte ich.

    Steffen fuhr uns mit sichtlicher Nervosität durch die Stadt, während ich auf dem Beifahrersitz ständig die Pistole auf ihn gerichtet hatte.

    Enigma und Wizard saßen hinten und wirkten, als ob sie am liebsten 24 Stunden am Stück durchschlafen wollte. Aber dafür mussten wir erstmal irgendeinen sicheren Ort finden.

    Zuerst dirigierte ich Steffen zu meinem Elternhaus. Uns dort zu verstecken, wäre natürlich nicht lange gutgegangen, aber ich wollte zumindest noch mal kurz vorbeischauen und ein paar Sachen holen… und wenn es auch nur ein paar Scheiben Brot und was zu Trinken gewesen wäre.

    Doch schon eine Straße vorher schreckte uns das die Nacht erhellende Blaulicht auf.

    „Die sind schon da…“, murmelte ich, während der Wagen unbeachtet an zwei unmittelbar vor meinem Elternhaus parkenden Polizeiautos vorbeifuhr. „Wie haben die so schnell rausgefunden, dass ich bei euch gewesen bin?“

    „Deine Eltern haben dich als vermisst gemeldet.“, versuchte Enigma eine Erklärung zu finden. „Am anderen Ende der Stadt brennt ein Haus, im Schnee liegen mehrere Leichen, und jemand hat ein paar Jugendliche mit ner Armbrust am Straßenrand stehen sehen… die brauchen doch im Grunde nur eins und eins zusammenzuzählen.“

    „Na toll… und was machen wir jetzt?“

    Ich schaute fragend nach hinten auf die Rückbank…

    Hieß es nicht, Wizard wüsste immer einen Ausweg? Momentan wirkte er auf mich allerdings nicht so, als ob in absehbarer Zeit irgendein Geistesblitz von ihm zu erwarten wäre.

    „Erst mal raus aus der Stadt.“, meinte Enigma, „Ehe die überall Straßensperren errichten.“

    Sie schaute neugierig auf die Tankanzeige. Steffen schien gerade erst vollgetankt zu haben…

    „Fahr auf die Autobahn.“, forderte ich ihn auf. „Und dann immer weiter nach Süden, bis uns was Besseres einfällt.“

    Nach gut einer halben Stunde Fahrt durch die Nacht hatte Steffen den ersten Schock überwunden und versuchte, uns durch Kommunikation in Erinnerung zu rufen, dass er ein menschliches Wesen war und nicht nur ein gesichtsloser Fahrer, den man jederzeit entsorgen konnte, sobald man ihn nicht mehr benötigte.

    „Also die da hinten sind deine Freunde, ja? Und ich dachte immer, du hättest gar keine.“

    Er schaute zu mir und lächelte angespannt… und als er merkte, dass ich bis jetzt noch nicht sonderlich verärgert wirkte, setzt er noch einen drauf.

    „Was habt ihr angestellt? Ist das wahr? Habt ihr wirklich jemanden umgelegt?“

    Ich tat so, als würde ich die an der Windschutzscheibe zerfließenden Schneeflocken beobachten… in Wirklichkeit achtete ich aber genauestens auf jede von Steffens Handbewegungen. Falls er versuchen würde, urplötzlich das Steuer herumzureißen oder so einen Mist, wäre ich schneller zum Eingreifen bereit gewesen als sein Fahrlehrer. Aber ich nahm nicht an, dass er dumm genug sein würde, so leichtfertig das Leben aufs Spiel zu setzen, mit dem er doch scheinbar ganz zufrieden war.

    „Es war mehr so ne Notwehr-Aktion, verstehst du? Entweder wir oder die...“

    Er wirkte nicht so, als ob er mir diese Erklärung wirklich abnahm.

    „Ist schon komisch…“, sagte er. „Weißt du, neulich auf Tobis Geburtstagsparty… als es spät war und wir schon ordentlich einen im Tee hatten… da haben wir so ein komisches Gruselquiz gespielt. Eine Frage hat gelautet: Wem in deiner Klasse würdest du am ehesten einen Amoklauf zutrauen?

    Man musste verdeckt seine Antwort auf eine Karte schreiben… und weißt du was? Sie hatten alle „Dominik“ auf ihrer Karte stehen. Nur ich… ich hab „Herr Grimminger“ hingeschrieben, weil mir niemand anderes eingefallen ist. Ich meine, ich hätte nie gedacht, dass du….“

    „Wie gesagt, du kennst mich eben nicht.“, versuchte ich ihm begreiflich zu machen. „Alles, was ihr von mir gesehen habt, war ein Junge, der immer unsicher und schüchtern wirkte, und der, wenn er doch mal den Mund aufbekam, garantiert nur dummes Zeug gelabert hat.

    Also habt ihr geglaubt, das wäre ich. Aber nein… das war nur meine Reaktion auf eine Umwelt, mit der ich nicht klar kam… auf soziale Rituale, die ich nicht verstand, und auf ein Leben, um das ich nie gebeten hatte.

    Aber tief in mir drin, unter Eis und Schnee verborgen, lag ein anderes Wesen. Ein Wesen, das am verhungern war, weil es nie jemand füttern wollte… doch mit meinen Träumen hielt ich es am Leben. Und nun ist es erwacht.“

    Ich musste Grinsen bei dem Gedanken, wie meine Schilderungen auf den armen Steffen wirken mussten. Aber ich fand, dass er es unbedingt noch erfahren sollte. Er konnte es dann an die Polizei weitergeben, an meine Eltern und den ganzen Rest der Welt.

    „Mir ist schon klar, was du denkst... was die meisten darüber denken würden. Sie würden es als eine Psychose bezeichnen. Aber weißt du was? Die wirkliche Psychose… die hatte ich in eurer Welt. Da war ich krank. Jetzt bin ich geheilt. Du glaubst mir nicht, oder?“

    „Hey, du bist der Typ mit der Waffe in der Hand.“, entgegnete Steffen. „Ich werde dir alles glauben, was du sagst.“

    Auf der Rückbank flüsterten sich Enigma und Wizard ständig gegenseitig etwas ins Ohr.

    Sie heckten wohl irgendwas aus… etwas, was Steffen tunlichst nicht mitbekommen sollte.

    Im Radio sendeten sie eine Suchmeldung, die ziemlich gut auf uns passte… versehen mit einer Warnung an die Bevölkerung, in der Gegend, die wir schon längst verlassen hatten, tunlichst keine Anhalter mitzunehmen.

    Angeblich hatten wir eine Tankstelle überfallen…

    „Ihr habt ne Tankstelle ausgeraubt?“, wiederholte Steffen ungläubig. „Also das ist es…“

    Ich schüttelte amüsiert den Kopf.

    „Besser, du glaubst nicht alles, was in den Nachrichten läuft.“

    Und Wizard ergänzte von der Rückbank aus:

    „Die sagen immer, dass ne Tankstelle ausgeraubt wurde, wenn sie irgendjemand suchen, über dessen Motive die Bevölkerung nichts erfahren darf. Das ist ein interner Code. Hat mir jedenfalls Alidjan früher mal erzählt… Was meint ihr, warum es so viele Tankstellenüberfälle gibt?“

    Gut möglich, dass da etwas dran war. Ich hatte mir darüber noch nie Gedanken gemacht.

    „Also, wenn das ein Code sein soll… was habt ihr dann tatsächlich ausgefressen, was so schlimm ist, dass die es in den Nachrichten nicht sagen dürfen?“, wollte der zunehmend redseliger werdende Steffen wissen. „Ich meine, ihr braucht’s mir nicht zu sagen. Im Grunde ist es auch egal… die werden euch sowieso kriegen.“

    Ich wollte ihm schon irgendeine Antwort geben, damit er sich endlich wieder auf die Straße konzentrierte.

    Doch Wizard kam mir zu vor.

    „Verdammt, der Kerl redet zu viel. In 2 Kilometer kommt ein Parkplatz. Sag ihm, dass er da ranfahren soll. Meine Schwester wird ab jetzt das Steuer übernehmen.“, meinte er zu mir nach vorne gewandt.

    Ich gab die Order an Steffen weiter, der offenbar nicht so richtig einschätzen konnte, ob das für ihn nun eine gute oder eine schlechte Entwicklung war.

    „Heißt das… heißt das, ihr lasst mich gehen?“

    Ich sagte nichts, wartete nur, bis er langsamer wurde und in die im Dunkeln liegende Parkbucht einfuhr. Dann blickte ich fragend zu Wizard zurück, der den Reinkarnator in der Hand hielt und die üblichen Einstellungen vornahm.

    „Nein… Wizard. Lass ihn.“, bat ich. „Ich hab ihm mein Wort gegeben, dass wir ihm nichts tun…“

    „Dein Wort?“

    Wizard schien nicht gerade begeistert zu sein.

    „Na, wenn du meinst. Ich will ihm ja auch gar nichts tun. Wir lassen das Schicksal entscheiden, wie immer…“

    Steffen stoppte mit einem unguten Gefühl den Wagen.

    „Was ist das? Was hat der da für ein Ding?“

    „Ganz ruhig.“, sagte ich. Mir war klar, dass es Steffen höchstwahrscheinlich die Sicherungen raushauen würde, wenn Wizard das Artefakt auf ihn richtet. „Hast du vielleicht irgendwo ein Seil im Auto, oder ein paar Handschellen?“

    „N..n..nein… hab ich nicht…“ stammelte Steffen.

    Ich hielt im drohend die Pistole an die Schläfe.

    „Und wenn dein Leben davon abhängen würde? Hättest du dann vielleicht…“

    „Im Kofferraum!“, bestätigte Steffen hastig. „Da ist ein Abschleppseil.“

    „Sehr schön.“

    Draußen war so ein versifftes Toilettenhäuschen. Da auf dem Parkplatz weit und breit keine Menschenseele zu sehen war, und bei dem Wetter auch nicht gerade viel Verkehr herrschte, würde es vermutlich einige Stunden dauern, bis sie ihn dort finden würden… genug Zeit für uns, zu verschwinden, wo immer Wizard auch hinzugehen gedachte.

    Nachdem ich also die beiden davon überzeugt hatte, dass sie meinen alten Schulkameraden in Ruhe ließen, ging ich zusammen mit ihm und Enigma aufs Klo.

    Dort fesselte ihn Enigma routiniert an die Schüssel, als ob sie nie was anderes getan hätte.

    „Ich war früher mal Seemann.“, erklärte sie mit ernster Miene. „Von allein wird der da nicht rauskommen. Und bis ihn jemand findet, sind wir längst in Berlin.“

    „Ok.“

    Ich stopfte Steffen noch einen Knebel ins Maul, dann klopfte ich ihm gönnerhaft auf die Schulter.

    „Mach’s gut, Sportsfreund. Und gib uns bloß nicht die Schuld an allem. Wir sind genauso vom Schicksal gefickt wie der ganze Rest der Menschheit.“

    Er summte noch irgendwas Unverständliches vor sich hin, dann schloss ich die Tür und ließ ihn in der stinkenden Dunkelheit allein.

    „Lass mich raten… du warst auch mal Rennfahrer, richtig?“, fragte ich, als ich sah, wie Enigma das Auto fachmännisch anließ und ohne irgendein Ausprobieren sofort mit einer Wahnsinnsgeschwindigkeit auf die Autobahn zurücksteuerte.

    „Sie war in ihrem letzten Leben ein Crashkid.“, berichtigte mich Wizard von der Rückbank. „Ist auf der Flucht vor den Bullen mit zweihundert Sachen gegen einen Brückenpfeiler gerast.“

    „Oh, das beruhigt mich jetzt ungemein…“, witzelte ich. Tatsächlich hatte ich jedoch durchaus Vertrauen in ihre Fähigkeiten… jedenfalls fühlte ich mich jetzt, wo sie am Steuer saß, deutlich sicherer, als wenn mich eine Geisel durchs Land kutschierte, die nur auf den richtigen Moment wartete, um die Tür zu öffnen und rauszuspringen.

    „Was habt ihr euch denn nun überlegt, wie es weitergehen soll? Warum ausgerechnet Berlin?“

    „Quatsch, wir fahren nicht nach Berlin.“, murmelte Enigma. „Das hab ich nur so dahingesagt, damit er die Bullen auf ne falsche Fährte schickt. Ich fürchte, es wird dir nicht gefallen, wo wir tatsächlich hin wollen…“

    Wizard lehnte sich ein Stück nach vorne und legte mir seine Hand auf die Schulter.

    „Ich hab’s mir durch den Kopf gehen lassen, Clyde… Wir sitzen so tief in der Scheiße, es gibt wahrscheinlich nur einen Mensch auf der Welt, der uns jetzt noch weiterhelfen kann. Und das ist dein Freund Janosch. Du hast gesagt, du weißt, wo wir ihn finden können?“

    Ich stieß einen leisen Seufzer aus.

    Erstens war Janosch weit davon entfernt, mein Freund zu sein, bloß weil er meiner früheren Inkarnation vor 70 Jahren mal den Arsch gerettet hat. Und außerdem, was erwarteten die von ihm? Dass er sich wie Superman in die Lüfte schwingt, ein paar Bösewichten den Arsch versohlt, und schon ist alles wieder in Ordnung?

    Wenn Janosch sich eines Problems annahm, war danach nichts mehr in Ordnung… und es würde nie wieder etwas in Ordnung sein.

    „Hört mal, Leute…“, bemühte ich mich darum, ihnen meine Bedenken klar zu machen. „Ich hab lediglich gesagt, dass ich eine Idee habe, wo er sich möglicherweise verstecken könnte. Aber das ist jetzt… wie lange her? Fünfzehn, zwanzig Jahre? Wer sagt, dass er überhaupt noch am Leben ist? Ganz abgesehen davon, dass er nicht gerade recht freundlich mit euren Vorgängern umgegangen ist…“

    „Siehst du…“, flüsterte Wizard von hinten zu Enigma, aber so, dass ich’s genau verstehen konnte. „Ich hab dir gleich gesagt, dass er tierischen Schiss vor Janosch hat.“

    Was sollte das nun wieder bedeuten?

    „Hey, ich hab keine Angst vor dem Kerl! Das hatte ich nur damals, als ich noch ein halbes Kind war und er vor mir stand wie ein Dämon aus der Hölle. Heute bin ich selbst mindestens genauso abgefuckt wie er… Wenn wir uns sehen würden, würden wir einander auf Augenhöhe gegenüberstehen.“

    „Du weißt, dass das nicht wahr ist.“, meinte Wizard nachdenklich. „Clyde… der abgefuckte kaltschnäuzige Straßenköter, der keine Freunde braucht und einen Scheiß auf alles gibt… das ist nur ein Teil von dir. Aber da ist auch noch ein anderer Teil... der Teil, der sich Geschichten ausgedacht hat von Freunden, die immer füreinander da sind und gemeinsam gegen jeden noch so unbesiegbar wirkenden Feind in den Kampf ziehen. Der Teil, der uns vorhin das Leben gerettet hat, obwohl es ihm eigentlich komplett am Arsch vorbeigehen könnte, was aus uns wird.

    Dieser Teil ist immer noch in dir, Clyde. Und er zittert insgeheim, jedesmal, wenn er den Namen Janosch hört… weil er Angst hat, dass Janosch von ihm Besitz ergreift und den letzten Rest Menschlichkeit auslöscht. Du willst nicht zu ihm gehen, weil du seine Konsequenz fürchtest… seine Konsequenz in allem, was du nur inkonsequent angehst. Ist es nicht so?“

    Ich schluckte, und erwiderte zunächst nichts.

    Wizard schien in mir zu lesen wie in einem offenen Buch.

    Auch wenn ich es gerne weiter verleugnet hätte… ich kam nicht umhin, mir einzugestehen, dass ich mich manchmal danach sehnte, einfach nur ein normaler Junge zu sein.

    Selbst Clyde… also der alte Clyde… hatte sich manchmal heimlich danach gesehnt, wenn er sah, wie ein paar Kids an ihm vorübergingen, lachten und unbeschwert miteinander spielten.

    Und als Jenny neben ihm im Bett lag, sehnte er sich insgeheim danach, ganz zärtlich zu ihr zu sein und ihr ins Ohr zu flüstern, dass er sie liebte.

    Aber er konnte es nicht, weil er sich hässlich fühlte… und weil er ganz genau wusste, dass die Welt da draußen viel zu hart war für ein kleines zerbrechliches Herz wie das seine.

    Für Kai war Freundschaft das Allerwichtigste gewesen, doch am Ende konnte er nicht einmal mehr dieses Wort in den Mund nehmen. Er ließ niemanden mehr an sich ran, aus Angst, noch einmal jemanden verlieren zu müssen.

    Und Dominik… Dominik war ein Träumer, aber trotz seiner Träume hätte er auch gern ein bisschen reales Leben gehabt. Nur weil seine Träume nicht zu denen der anderen kompatibel waren, und er oft genug auf die Schnauze gefallen ist, bei dem versuch, es trotzdem mit anderen zu versuchen, hat er sich für sein Dasein als Misanthrop entschieden.

    Und der neue Clyde… der wusste wohl einfach nur viel zu viel.

    „Was willst du von mir hören?“, meinte ich schließlich nach hinten zu Wizard gewandt. „Dass ich trotz allem noch Gefühle habe? Weißt du, wenn ich früher Filme geschaut habe, oder auch beim Computerspielen, da bin ich immer voll mitgegangen mit den Helden. Ich habe richtig viel Emotionen da reingesteckt. Wenn ich in letzter Zeit nen Film angeschaut habe, analysiere ich eigentlich nur noch… denke über die Effekte nach, oder die Story, oder was ich anstelle des Regisseurs anders gemacht hätte.

    Und warum tue ich das? Weil ich einfach schon zu viele davon gesehen habe.

    So ist es irgendwie auch mit den Leben… wenn man so viele hatte, und sich dessen auch noch voll bewusst ist, dann ist es einfach nicht mehr das selbe.

    Von daher habe ich keine Angst vor Janosch. Ich weiß nur nicht, wie viel zusätzliche negative Schwingungen ich noch aushalten kann, ohne verrückt zu werden… ohne so zu werden wie er. Aber davon mal abgesehen… was wollt ihr eigentlich von ihm? Wie soll uns Janosch konkret helfen können?“

    Die beiden warfen sich einen etwas ratlos wirkenden Blick zu.

    „Naja… Wizard meint, dass es das Schicksal so vorgesehen hat.“, erklärte Enigma zögernd. „Vielleicht solltest du einfach ein bisschen mehr Vertrauen in den großen Masterplan haben.“

    Der Masterplan?

    Der Master dieses Plans war für mich ein erfolgloser Autor, der unbedingt ein neues Buch schreiben wollte, obwohl er im Grunde längst völlig den Faden verloren hatte und jetzt einfach nur noch so vor sich hinschrieb, in der Hoffnung, dass sich irgendwann schon alles zu einem sinnvollen Ganzen zusammenfügen würde.

    Das war garantiert niemand, dem ich mein Leben oder meine weitere Zukunft anvertrauen wollte.

    Andererseits war ich mittlerweile an einem Punkt angelangt, wo ich nicht mehr das Gefühl hatte, es besser hinzukriegen als er. Meine Fantasie reichte längst nicht mehr aus, um mir auszumalen, wo das alles noch hinführen sollte.

    Also warum es nicht einfach geschehen lassen?

    „Wenn ich Janosch richtig einschätze…“, gab ich mich schließlich geschlagen. „hat er überhaupt kein Interesse an dieser Zeit… an der ganzen modernen Welt. Ich glaube, er würde sich irgendwo verkriechen, wo die Zeit stehengeblieben ist. Die Burg, in der früher das Internat war… keine Ahnung, was da heute drin ist… aber ich bilde mir ein, dass er ein besonderes Verhältnis zu diesem Ort hatte. Er konnte stundenlang am Fenster stehen und nur hinaus in den Hof starren.“

    „Fast genau wie du…“, meinte Wizard, wohl mit der Absicht, mich irgendwie aufzuheitern. „Hey, ihr könntet euch doch einfach zusammen ans Fenster stellen und den ganzen Winter lang nur dem Schnee beim Runterrieseln zuschauen. Wäre das nicht dein absoluter Traum?“

    Ich konnte mir ein leichtes Grinsen nicht verkneifen bei dem Versuch, mir das irgendwie bildlich vorzustellen.

    „Keine Ahnung… Ich kann gerade irgendwie nicht mehr träumen… Aber meinetwegen, wenn Wizard das für eine gute Idee hält, fahren wir eben zur Burg und jagen Gespenster.“

    „Weißt du noch, wie man da hinkommt?“, fragte Enigma. „Ist schließlich schon ein paar Jahre her…“

    Ich deutete auf Steffens teuren Navi, der unten an der Windschutzscheibe befestigt war.

    „Musst einfach nur Adolfshausen eingeben. Sofern die den Ort nach dem Krieg nicht umbenannt haben…“

    Ich genoss einen Moment ihren ratlosen Gesichtsausdruck, ehe ich anfügte „Entspann dich, das war ein Scherz. Adolfshausen gibt’s gar nicht. Und außerdem sind die Leute da in den Bergen recht konservativ. In der Gegend heißt sicher alles noch genauso, wie es schon immer hieß… Bin mir sicher, dass wir es mit ein bisschen Hilfe durch die moderne Technik schon finden werden.“

    Kapitel 16

    Wir erreichten die Burg im Morgengrauen.

    Alles war von einer dicken Schneeschicht überzogen, so dass wir zunächst Mühe hatten, abseits der freigeräumten Fahrspur einen Platz zum Abstellen des Wagens zu finden.

    Enigma löste das Problem dann, indem sie einfach fonrtal in eine Schneeverwehung fuhr, bis das Auto stecken blieb und sich weder vor noch zurück bewegen ließ.

    „Passt doch wie angegossen.“, meinte sie. Und tatsächlich… sofern wir nicht vorhatten, vor Einsetzen des Tauwetters wieder von hier zu verschwinden, gab es an ihrer Einparktechnik nicht das Geringste auszusetzen.

    War ein komisches Gefühl, nach all der langen Zeit wieder hier vor dem Tor zu stehen.

    Die Burg schien nach wie vor bewohnt zu sein, auch wenn wir von außen keinerlei Anhaltspunkte dafür fanden, dass hier noch immer eine Schule oder sonst eine Institution untergebracht war.

    Vielleicht befand sie sich ja inzwischen in Privatbesitz, und gehörte irgendeinem

    Wer immer der Besitzer auch war… ich war mir ziemlich sicher, dass wir uns mächtig verdächtig machen würden, wenn wir hier mit einem Querschnittsgelähmten im Schlepptau auftauchten, der dummerweise seinen Rollstuhl zu Hause vergessen hatte.

    Daher empfahl ich Wizard, am besten noch eine Weile im Auto zu warten, und Enigma und mich erstmal die Lage checken zu lassen.

    Aber natürlich waren die beiden da anderer Ansicht.

    „Kommt nicht in Frage, Clyde. Wir gehören zusammen.“, entrüstete sich Wizard, und deutete auf den in seinem Hosenbund verstauten Seelenschlüssel.

    „Außerdem kann keiner von euch so gut mit diesem Ding umgehen wie ich. Gut möglich, dass ihr da drinnen meine Hilfe braucht, und nicht umgekehrt.“

    „Darum geht es nicht. Du bist einfach zu auffällig…“, murmelte ich.

    Schließlich kam Enigma mit der Idee an, er könnte ja einen geistig Behinderten spielen, der gerade keine Lust zum Laufen hat und deshalb von uns getragen wird.

    Ich hielt das zwar nur für minimal weniger auffällig, wollte aber unbedingt sehen, wie Wizard das macht, und so einigten wir uns dann doch darauf, ihn mitzunehmen.

    Du liebe Güte, was hatte ich mir dabei gedacht?

    In dieser Version war es jedenfalls so geplant, dass Clydes früheres Leben während des Zweiten Weltkriegs nichts mit Marie zu tun hat, sondern dass er in diesem Leben Kai war. Also derselbe Kai aus "Unity 2 - Resistance". Und deshalb wollten sie die Burg von damals besuchen. In der Rückblende hätte das Ende von Kais Leben ungefähr so ausgesehen:

    Spoiler anzeigen

    Es ist Februar 1945. Wie so oft bin ich versunken in meinen Erinnerungen… betrachte die gut verheilte, aber trotzdem noch deutlich zu sehende Narbe an meiner Hand, und denke zurück an unsere Zeit im Internat.

    An das Versteckspiel, dass eigentlich alle Kinder mit ihren Eltern und Lehrern, ja, mit geradezu allen Erwachsenen führen.

    Man will nicht so sein wie sie, will lieber erforschen, Spaß haben und einfach nur leben… also versucht man, sie wann immer möglich an der Nase herumzuführen.

    Die meisten hören wohl irgendwann im Lauf der Pubertät auf, dieses Spiel zu spielen, und wechseln auf die Gegenseite… auf die Seite derer, die Versteckspielen doof finden, weil sie jetzt mit beiden Beinen im Leben stehen und sich allem möglichen Scheiß gegenüber verpflichtet fühlen… ihren Vorgesetzten, ihrem Geldbeutel, ihrer Nation, ihren Führern…

    Wir hingegen, meine Freunde Alex, Luca und ich, wir haben nie aufgehört, Verstecken zu spielen. Vielleicht, weil Luca Jude ist und das Verstecken für ihn überlebenswichtig war… vielleicht auch, weil wir einen psychopathischen Massenmörder als Geschichtslehrer hatten, der uns immer wieder daran erinnerte, dass wir uns in einem Krieg befanden… im Krieg gegen das Dritte Reich… naja, eigentlich gegen alle, die uns ihre Moral und ihre Gesetze aufzwingen wollten.

    Wir gingen zum Widerstand, oder sagen wir besser, wir wurden zum Widerstand… versteckten uns in den Wäldern, wie es uns Janosch beigebracht hatte… schlafen am Tag und schlagen nachts aus dem Hinterhalt zu.

    Viele Menschen in der Gegend bewundern uns, geben uns Essen und gewähren uns Unterschlupf.

    Andere fürchten uns, weil sie genau wissen, dass wir Nazis jagen und töten, ohne Gnade… und dass das alles trotzdem für uns nur eine Art Spiel ist.

    Ich nehme das Bündel verknitterter Blätter aus meinem Rucksack und mache mich wieder ans Schreiben… will alles aufschreiben, unsere ganze Geschichte, von anfang an.

    Gut, vielleicht übertreibe ich hier und da ein bisschen, und stelle uns als abgebrühtere Bastarde dar, als wir es tatsächlich sind…

    Aber was zählt, ist sowieo nur die Kernaussage dahinter.

    „Ihr Kinder der Welt, die ihr vielleicht in 50 oder 100 Jahren dieses Buch lest… macht euch eure Ideale selbst, und kämpft dafür. Lasst euch nichts aufschwatzen von den Alten.“

    Alex und Luca kommen rein.

    „Na, wie läufts mit dem Buch?“

    „Ganz gut…“, erwidere ich. „Fehlt eigentlich nur noch der Schluss. Aber so lange ich nicht weiß, wie unsere Geschichte ausgeht…“

    „Mach halt ein offenes Ende.“, überlegt Luca. „So wie im Märchen. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann reißen sie noch heute Nazis den Arsch auf.“

    Ich grinse. Mir gefällt die Idee.

    Ein Märchen… ja, warum eigentlich nicht?

    Ein Märchen über drei aufrechte Burschen, die in einem verwunschenen Land leben, in dem immer Winter herrscht und alle Menschen längst verlernt haben, was Leben bedeutet.

    Also ziehen die drei jungen Burschen aus, um die Sonne zurückzuholen.

    Da begegnen sie im Ende der Welt einer alten Großmutter, und werden von ihr gefragt:

    „Nanu, ihr drei? Was macht ihr hier draußen so alleine in der Kälte?“

    „Wir wollen den Winter bezwingen. Die Sonne zurückbringen, damit die Menschen wieder Lachen können.“, antwortet einer der drei voller Stolz.

    Die Alte lacht laut auf.

    „Drei Schneemänner, die sich nach der Sonne sehnen. Ha! Wie überaus selbstlos von euch. Doch die selbe Sonne, die den Menschen das Lachen zurückbringt, wird euch vernichten. Was glaubt ihr denn, warum ihr so weit gekommen seid? Weiter als alle anderen?

    Weil in euch die Sehnsucht nach der Sonne so stark ist?

    Schaut euch an, ihr seid Kinder des Winters, und würdet im Sommer keine fünf Minuten überstehen.“

    Die Burschen schauen an sich herunter… betrachten ihre schneeweise Haut, ihre aus Eiskristallen bestehenden Haare, die orangene Karottennase. Und sie beginnen, bitterlich zu weinen aus ihren braunen Knopfaugen…

    Ja, es stimmte, was die Großmutter sagte. Der Winter hat sie geschaffen. Und wenn der Winter eines Tages gehen wird, wird nichts von ihnen übrig sein, um die Freude der Menschen zu genießen.

    Ich zerknülle die Seite wieder und schmeiße sie in den hinter uns lodernden Kamin.

    Als Märchenonkel bin ich wohl denkbar ungeeignet.

    Fünf ganze Monate sind seither vergangen.

    Meine Freunde sind längst tot, gestorben in einem Hinterhalt, wenige Tage, bevor das Reich kapitulierte und alle Uhren auf Null gestellt wurden.

    Ich habe den Zeitpunkt verpasst, mit ihnen zu gehen, und nun irre ich ziellos umher wie ein altersschwacher Gaul und warte darauf, dass sich jemand erbarmt und mir den Gnadenschuss verpasst.

    Vor einem ehemaligen Gutshof breche ich zusammen.

    Als ich wieder zu mir komme, ist mein gebrochener Arm fachmännisch versorgt und in eine Schlinge gelegt worden, die nur langsam zuheilende Schusswunde im Oberschenkel ist frisch verbunden… und statt der schäbigen Kampfkleidung habe ich zum ersten Mal seit Jahren wieder ein sauberes Hemd und eine ordentlich gebügelte Hose an.

    „Du hast Glück, dass wir dich gefunden haben.“, höre ich eine Frauenstimme in meinem Rücken. Ich drehe mich um, und erkenne eine Frau um die vierzig in einem Nonnengewand.

    „Glück?“, frage ich nahezu gefühlslos. „Glück ist was anderes.“

    „Ich weiß. Aber manchmal muss man sich auch mit weniger zufrieden geben.“

    Sie lächelt mir zu, stellt sich als „Schwester Agnetha“ vor, und führt mich in einen großen Saal, während von allen Seiten lautes Kindergeschrei, vereinzelt auch Gelächter, an mein Ohr dringt.

    Wie sich herausstellt, bin ich in einem Waisenhaus… einem von vielen, die sich darum bemühen, die zahlreichen elternlosen oder kriegsversehrten Kinder von der Straße zu holen.

    In den folgenden Tagen versucht Agnetha, mir immer wieder Mut zu machen und an den positiven Kern zu appelieren, der ihrem Glauben zufolge in einem jeden Menschen steckt.

    „Du bist trotz allem immer noch mit Herz und einer Seele ausgestattet.“, erklärt sie. „Auch wenn es dir vielleicht nicht so vorkommen mag, nach allem, was du durchmachen musstest. Du bist ein junger Mann, der das ganze Leben noch vor sich hat… du bist nur eben traumatisiert… das ist keine Schande. Das ist nur menschlich. Aber sag bitte nicht länger, dass du ein schlechter Mensch bist… kein Mensch ist schlecht… wir haben immer eine Wahl!“

    Ich lasse sie reden, betrachte währenddessen mein Angesicht in einem großen Spiegel…

    Ich bin noch keine 18, aber ich sehe aus wie dreißig. Liegt wohl auch an dem Bart, der mir inzwischen gewachsen ist, und an den Erwachsenenklamotten, die ich anhabe, und die so, wie sie aussehen, wahrscheinlich mal einem Lehrer oder Amtsmann gehört haben.

    Die Hose ist mir außerdem etwas zu groß. Aber will ich da wirklich hineinwachsen?

    „He, Kai!“, sagt sie, als sie meine offensichtliche Gleichgültigkeit ihren Worten gegenüber bemerkt. „Es gibt Therapien für das, was dich umtreibt. Auch wenn ich vielleicht nicht so aussehe, ich habe vor dem Krieg in England Psychologie studiert…“

    „Also bin ich krank?“, frage ich wenig angetan. „So einfach macht ihr es euch, ja? Ich könnte genauso gut sagen, ihr seid krank, weil ihr einfach mit eurem scheiß Alltag weitermacht, weiter an euren beschissenen Gott glaubt, eure Kinder genauso weiter zur Schule schickt, um sie zu einem Abbild eurer selbst zu machen… als ob nicht das Geringste passiert wäre. Aber es ist was passiert. Ich hab’s gesehen.“

    „Das haben wir wohl alle, oder nicht?“, versucht mir die Schwester zu erklären. „Die Barbarei ist über das Land gekommen. Und das wird so schnell auch niemand vergessen, das verspreche ich dir. Aber es gab ein Leben vor der Barbarei… kann es denn so falsch sein, daran anknüpfen zu wollen, und in Zukunft ein paar entscheidende Dinge besser zu machen?“

    Ich raufe mir mit meinem linken Arm die Haare… kann es nicht fassen, wie Menschen solche Scheuklappen tragen können.

    „Barbarei? Blödsinn!“, entgegne ich ihr. „Barbarei hört sich so an, als ob die Nazis eine Horde Wilder waren, die von irgendwo aus der Mongolei über uns arme Deutsche hergefallen sind. Aber ich verrat ihnen was, Schwester:

    Nicht die Barbarei hat den Holocaust ermöglicht, sondern die Zivilisation! Jahrhunderte lang lasst ihr die Kinder in dem Glauben aufwachsen, dass sie gehorsam sein sollen… ihr drillt sie zur völligen Selbstaufgabe, zur Aufgabe ihrer Gefühle, ihrer Träume, ihres Willens, ihrer natürlichen Sexualität…

    Alles soll sich eurer Scheiß Moral unterordnen, eurem Christentum, eurem sogenannten „System“…

    Und dann, wenn die Menschen irgendwann so gleichgeschaltet sind, dass sie alle wie die Ratten dem Rattenfänger hinterherlaufen, gebt ihr dem Rattenfänger die Schuld, weil er es gewagt hat, auf seiner Flöte zu spielen.

    Aber den Ratten das Tanzen beigebracht, das habt ihr… ihr, die ihr jetzt so tut, als ob eure Zivilisation uns vor den Nazis befreit hat.“

    Einer der Jungs aus dem Heim, ein quirliger Zehnjähriger, hat einen ziemlichen Narren an mir gefressen und klebt mir seit Tagen auf der Pelle.

    Irgendwie mag ich ihn, aber ich habe Schwester Agnetha versprochen, den Kindern keine Angst zu machen mit irgendwelchen Geschichten von der Front.

    Also sitze ich nun einfach stumm da, während er mich mit allen möglichen Fragen löchert und keine Ruhe gibt.

    „Wie ist dein Name?“, frage ich ihn schließlich, um des lieben Friedens Willen.

    „Helmut!“, meint er.

    „Helmut ist ein Scheißname…“, kommentiere ich in der Erwartung, dass er gleich heulend rausrennt und von da an nichts mehr mit mir zu tun haben will. Aber er sieht mich nur mit großen Augen an und fragt: „Warum?“

    „Warum? Weil es schon zu viele gibt, die so heißen! Mein Vater heißt auch Helmut… Komischer Zufall, was? Die geben ihren Kindern alle die gleichen Namen, lehren sie, an den gleichen Gott zu glauben, schicken sie auf die gleichen Schulen, und verpassen ihnen die selben scheiß Frisuren… und dann wundern sie sich, wenn… Ach, vergiss es. Du bist wohl echt noch zu klein dafür.“

    „Bin ich nicht!“, entrüstet sich der Junge. „Gib mir einen anderen Namen, und ich werde mich in Zukunft so nennen. Wie soll ich heißen?“

    Ich mustere ihn von oben bis unten… überlege kurz, welcher Name zu ihm passen könnte. Einen besseren Geschmack als sein Vater würde ich sicher haben…. Aber letztlich geht es mir ja ohnehin um was völlig anderes.

    „Du solltest dir selbst einen Namen suchen, wenn die Zeit reif ist… wenn du meinst, dich gut genug zu kennen, um nicht mehr wie jeder zweite heißen zu wollen… wenn du irgendwas an dir gefunden hast, was dich von den zehntausenden Helmuts da draußen unterscheidet.

    Wenn du nichts findest, ist es eh egal… dann kannst du auch gleich deinen alten Namen behalten. Denn dann passt er auch zu dir.“

    „Heißt das, ich soll anders sein als alle anderen? Aber Schwester Agnetha sagt immer, wir sollen uns nicht abgrenzen voneinander, sondern miteinander teilen…“

    Wem sagt er das?

    Ich muss an meine Freunde denken… daran, wie wir immer füreinander da waren. Es gab kein Ich und kein Du bei uns. Alles, was zählte, war das Wir.

    „Weißt du, Helmi…“, ringe ich nach den richtigen Worten, damit er mich auch verstehen kann. „Manchmal… manchmal muss man sich abgrenzen, um wirklich teilen zu können.

    Nämlich dann, wenn ein Großteil der Menschen weder was von teilen noch von echter Freundschaft versteht. Und in so einer Welt leben wir nunmal. Wenn du zu viel Zeit mit denen verbringst, wird ihre Art zu leben, irgendwann auch auf dich abfärben… du wirst es nicht mal richtig mitbekommen, weil dir alle auf die Schulter klopfen und dich loben, dass du endlich erwachsen geworden bist.

    Ich weiß, es ist schwer… gerade, wenn man noch so klein ist wie du…

    Wenn man sich zu deutlich von den anderen abgrenzt, wollen sie dich davon heilen… so, wie eure Schwester Agnetha mich heilen will. Und wenn du dich nicht heilen lassen willst, drohen sie dir oder stecken dich sonstwohin.

    Aber wenn sich tausend Menschen in der Scheiße wälzen, deine ganze Familie, deine ganzen Mitschüler, dein ganzes Land… und sie dich auffordern, mitzumachen und wenigstens so zu tun, als ob es dir gefällt…

    Ist das dann wirklich noch deine Familie? Sind das dann wirklich die Kameraden, die du haben möchtest… ist das das Land, in dem du leben willst?“

    Als Schwester Agnetha zurück kommt, stößt sie erstmal einen empörten Schrei aus und reißt dem erschrockenen Helmut meine Pistole aus der Hand.

    „Keine Angst… ist nicht geladen.“, versuche ich, sie zu beruhigen. „Ich bin… wie sagt man… verantwortungsbewusst.“

    „Verantwortunsgbewusst?“, schimpft sie. „Die Kinder in diesem Land haben schon genug Waffen gesehen, meinst du nicht auch? Außerdem… hätte man die nicht längst abgeben müssen?“

    Ich nehme ihr grimmig die Pistole ab und stecke sie wieder in meinen Gürtel.

    „Ich hab schon genug abgegeben. Die hier behalte ich… das letzte, was man einem Menschen nehmen sollte, ist sein Stolz. Und stolz kannst du nicht sein ohne eine Möglichkeit, dein Leben zu verteidigen oder es irgendwann selbstbestimmt zu beenden…“

    Schwester Agnetha klatscht spöttischen Beifall.

    „Ja, lasst uns alle nicht abrüsten, sondern aufrüsten. So, wie es die Mächte in Europa seit Jahrzehnten getan haben. Und wohin hat es uns geführt, dass es so viele stolze, bis an die Zähne bewaffnete Krieger gab?“

    „Die Waffen waren eben völlig ungleich verteilt.“, entgegne ich schulterzuckend. „Die meisten Kinder hatten zum Beispiel überhaupt keine…“

    Sie zetert rum, und fragt mich, ob ich Helmut und die anderen nicht gleich mitnehmen und mit ihnen eine kleine Wehrsportübung machen möchte?

    Ich werfe dem uns aufmerksam zuhörenden Jungen einen traurigen Blick zu.

    Am liebsten hätte ich ihn tatsächlich mitgenommen… mit raus in die Wälder, ihm gezeigt, wie man Hinterhalte baut und sich verstecken kann. Ich hätte ihm so viel beibringen können… vor allem auch über das Leben… darüber, wie man lernt, zu erkennen, wann teilen und wann das sich abgrenzen von seinen Mitmenschen angesagt ist.

    Ich fürchte, hier bei Schwester Agnetha wird er es nicht lernen. Jedenfalls nicht konsequent genug.

    Doch ich weiß auch, dass sie ihn nie gehen lassen würde mit einem verrückten Kriegsheimkehrer wie mir. Ich müsste ihr schon mindestens eine verpassen und sie irgendwo fesseln und knebeln.

    Wäre Janosch an meiner Stelle gewesen, er hätte es sicher getan.

    Aber ich bin nicht wie er… obwohl ich mir das lange nicht eingestehen wollte.

    Ist es mangelnde Konsequenz? Ist die ständige Berieselung mit Moralpredigten in meiner Kindheit doch nicht ganz so spurlos an mir vorübergegangen?

    Oder ist es das richtige, weil ein Leben in Ahnungslosigkeit und Naivität letztlich doch die bessere Wahl ist, als so ein Leben zu führen wie ich?

    Ich weiß nur, dass ich hier raus muss. Raus aus der Zivilisation, die mir so furchtbar fremd geworden ist, dass jedes Wort, das ich hier von mir gebe, missverstanden oder gegen mich verwendet wird.

    Also verabschiede ich mich von allen, und übergebe Helmut in einem unbeobachteten Moment meine Notizen, mit dem Hinweis, sie gut aufzubewahren und niemandem zu zeigen, der nicht ungefähr so ist wie die darin beschriebenen drei Jungs.

    Am Ausgang gibt mir die Schwester einen langen Händedruck, als wolle sie mich gar nicht mehr loslassen.

    „Man sagt, man sieht sich immer zweimal im Leben.“, meint sie mit einem traurigen Blick in meine Augen. „Aber mein Gefühl sagt mir, dass ich dich nie wieder sehen werde…“

    „Man kann nie wissen.“, meine ich.

    Dann reicht sie mir zum Abschied noch ein kleines Paket mit Brot, Käse und etwas Wurst.

    „Wohin wirst du gehen? Dahin, wo sie alle hingehen, die vom Kämpfen nicht genug bekommen können? In die Fremdenlegion?“

    Ich schaue einen Moment gedankenversunken in den wolkenverhangenen Himmel… denke zurück an die Gespräche mit meinen Freunden, über unsere Pläne für die Zukunft. Das einzige, worauf wir uns einigen konnten, war immer nur, dass wir auf jeden Fall zusammen bleiben wollten. Alles andere würde sich dann schon ergeben.

    „Nein…“, antworte ich schließlich. „Nein, ich glaube, das Militär ist nichts für mich. Sie wissen doch, ich mag keine Uniformen und keinen Drill. Nein… ich bin ein einsamer Wolf. Und ich habe Sehnsucht nach meinem alten Revier. Machen sie’s gut, Schwester.“

    Seit drei Tagen bin ich nun schon wieder unterwegs. Immer möglichst quer durch den Wald, Richtung Süden in die Berge… zurück zu meiner alten Schule, wo ich die beschissenste, aber irgendwie auch die beste Zeit meines Lebens verbracht habe,

    Ich bin neugierig, was der Krieg von ihr übriggelassen hat… und was aus den Leuten im Dorf geworden ist. Da war dieser freundliche Arzt, ein komischer Kauz, der aber irgendwie das Herz am rechten Fleck hatte. Und man konnte saufen mit ihm bis in den Morgen.

    Ich werde mir soviel Birnenschnaps reinkippen, bis all meine toten Freunde wieder da sind und vor meinen Augen zu tanzen beginnen.

    Genau das werde ich tun!

    Doch plötzlich springen rechts und links vor mir einige Kerle aus den laubbedeckten Gruben im Waldboden und strecken mir ihre Gewehre entgegen, während ich gleichzeitig einem von ihnen meine Pistole ins Gesicht halte.

    Es sind vier… alle ungefähr in meinem Alter, vielleicht etwas älter, und tragen ähnlich zerfetzte Mäntel und Uniformen wie ich… ihre Gesichter sind zur Tarnung mit Dreck eingeschmiert, genau, wie Alex, Luca und ich es immer getan haben.

    Ob sie zu Janosch gehören?

    Ich bleibe ruhig, und bewundere die gutgetarnten Löcher im Wald.

    „Saubere Arbeit.“, begrüße ich sie anerkennend. „Ich würde allerdings empfehlen, das Laub ein wenig gleichmäßiger zu verteilen, damit es etwas natürlicher wirkt.“

    „Schnauze!“, bekomme ich von einem Typen mit Stoppelbart und verklebten blonden Haaren zu hören. „Wer zur Hölle bist du?“

    „Nur ein einsamer Wolf… ein Krieger ohne Armee und Vaterland.“, erwidere ich.

    „Der Krieg ist vorbei.“, meint der Typ und wirft seinen Kumpels einen verschwörerischen Blick zu.

    Ich grinse kopfschüttelnd, genau wie die anderen, stecke meine Pistole zurück in den Gürtel, und sage:

    „Nicht für mich. Ich weiß nur nicht mehr, gegen wen ich noch kämpfen soll. Es ist doch sowieso alles im Arsch. Also was soll das alles noch?“

    Darauf nehmen auch die anderen ihre Waffen runter, und der Blonde klopft mir aufmunternd auf die Schulter.

    „Ja, genau das habe ich auch gedacht… haben wir alle gedacht. Aber dann haben wir uns gesagt, im Arsch ist alles erst, wenn niemand mehr da ist, der für seine Ideale eintritt. Nicht wahr? So lange auch nur eine da ist, der so denkt wie wir… so lange auch nur ein einziger sich noch nach Freiheit sehnt… so lange ist dieser Krieg nicht vorbei.“

    „Für mich schon.“, erteile ich ihm eine Abfuhr. „Ich habe zu viele Freunde im Kampf gegen diese Dreckkerle da draußen verloren… wenn ich jemals wieder kämpfen können will, muss ich erst mal wieder ein paar Menschen finden, die es zu verteidigen lohnt.“

    „Aber die gibt es!“, beschwört mich ein anderer, ein hagerer Typ mit einer zerbeulten Stoffmütze auf dem Kopf, der fast so milchbubig aussieht wie wir damals. „Es sind noch nicht alle Menschen verloren in Deutschland. Wir müssen nur einen Weg finden, sie zu erreichen… ihnen klarzumachen, dass sie nicht einfach so zum Alltag übergehen dürfen, als ob nichts geschehen wäre. Wir müssen diese ganze Scheiße, die passiert ist, gründlich aufarbeiten, und die feigen Mitläufer und Kollaborateure da draußen zur Rechenschaft ziehen! Aber dafür brauchen wir noch mehr echte Kämpfernaturen… keine Weicheier, die schon mit den Knien schlottern, sobald sie nur eine Waffe zu Gesicht bekommen.

    Du scheinst eines dieser seltenen Exemplare zu sein.

    Was ist, hast du nicht vielleicht doch Lust, dich einem Rudel anzuschließen, einsamer Wolf? Oder es dir wenigstens mal anzuschauen? Unser Lager ist gleich um die Ecke.“

    „Wenn du nicht bleiben willst, musst du nicht.“, fügt der Blonde hinzu. „Aber vielleicht findest du bei uns ja ein bisschen Inspiration… na, was sagst du?“

    Ich bin mir nicht sicher. Die Typen wirken ganz nett auf mich, netter, als wir es zu Fremden gewesen wären, die einfach so durch unseren Wald spazierten… andererseits habe ich den Eindruck, in letzter Zeit immer öfters falsch zu liegen mit meinen Einschätzungen. Ich bin mir über nichts mehr sicher… inwiefern ein Weiterführen des Kampfes überhaupt Sinn macht, oder ob der Krieg nicht längst nur noch in unseren Köpfen stattfindet.

    „Na gut.“, willige ich schließlich ein. „Ich schau’s mir mal an, euer Rudel. Aber um mein Herz zu gewinnen, müsst ihr euch schon anstrengen. Ich muss erstmal selber schauen, wo ich es eingebuddelt habe…“

    Sie führen mich auf kaum zu erkennenden Pfaden durch den Wald… eine gute Viertelstunde lang, in der wir nur das nötigste miteinander reden. Dann erkenne ich ihr Lager, bestehend aus ein paar provisorischen Unterständen und einigen mehr oder weniger fachmännisch getarnten Baumhäusern.

    „Schon wieder kein Mädchen dabei…“, denke ich mir enttäuscht, als im Lager drei weitere junge Kerle vor mir stehen.

    Die Typen, die mich gebracht haben, beraten sich mit den anderen… es scheint ein paar Unstimmigkeiten darüber zu geben, ob es nicht zu gefährlich war, einen Fremden einfach so in ihr Versteck zu führen.

    Schließlich setzt sich aber der Blonde durch und meint zu mir:

    „Kein Problem… die hatten nur nicht mit Besuch gerechnet. Aber sie haben schon Recht… bevor wir mehr von unseren Plänen verraten, sollten wir schon wissen, ob du auch wirklich überzeugt bist von unserer Sache…“

    „Und wie testet man das?“, frage ich gelangweilt, weil ich überhaupt keine Lust habe, wie ein dummer Schuljunge irgendwelche dämlichen Prüfungen über mich ergehen zu lassen. „Muss ich erst jemanden umlegen, damit ihr mir vertraut?“

    „Er soll schwören!“, ruft einer von hinten.

    „Ja, er muss den Schwur erneuern!“, stimmt ein anderer mit ein.

    „Schwören?“, frage ich wenig überzeugt. Wenn ihre einzige Vorsichtsmaßname darin besteht, mich irgendeinen Spruch vorsagen zu lassen, wundere ich mich, wie sie überhaupt so lange durchhalten konnten.

    „Und auf was soll ich schwören, wenn ich fragen darf? Auf den heiligen Janosch?“

    Ich schau dem Blonden provozierend in die Augen. Doch der lächelt nur, und holt aus einem Versteck unter einem der Büsche ein hölzernes Kästchen hervor.

    „Hier, das haben wir retten können… ist noch fast wie neu.“

    Neugierig beobachte ich, wie er das Kästchen öffnet… und eine große Hakenkreuzflagge vor mir ausbreitet.

    Geschockt starre ich auf das Stück Tuch in seinen Händen.

    Ich muss in den letzten Wochen jegliches Gespür verloren haben für andere Menschen und deren Beweggründe.

    „Wer ist Janosch?“, fragt mich der Blonde, dessen irritierte Gesichtszüge sich zunehmend den meinen angleichen.

    „Janosch der Schlächter…“, flüstert einer seiner Kameraden mit unheilvoller Miene. Sie kennen die Geschichten über ihn… natürlich kennen sie sie. Jeder an der Front kennt sie. Und nichts fürchten sie mehr, als dass dieser legendäre Widerstandskämpfer ihnen bei lebendigem Leibe das Herz rausreißt.

    Auf einmal zeigt einer von ihnen erschrocken auf mich und brüllt wie am Spieß:

    „Das ist Janosch! Er ist hier!“

    Ich greife in meinen Gürtel, ziehe mit der linken Hand die Pistole und schieße dem Schreihals mitten ins Gesicht.

    „Und du bist weg.“, kommentiere ich zynisch, ehe ich auf den Nächsten ziele und ihn mit einem Schuss in die Brust außer Gefecht setze.

    Die anderen hechten in Deckung oder zu ihren Waffen.

    Ich humpele davon, so schnell ich es mit meinen nur notdürftig verheilten Verletzungen eben kann, und feuere dabei immer wieder in Richtung von allem, was sich bewegt.

    Sie erwidern die Schüsse, wie die im Abstand von Sekundenbruchteilen neben mir im Waldboden und den Bäumen einschlagenden Geschosse unschwer erkennen lassen.

    „Du verdammter Dreckskerl!“, brüllt der Blonde mit einem Maschinengewehr in der Hand.

    „Bleib gefälligst stehen und stell dich dem Kampf!“

    Etwas trifft mich am Rücken… Aber ich renne immer weiter, strecke noch einen von ihnen nieder und streife den Blonden an der Schulter, ehe sie sich schließlich darauf besinnen, die Verfolgung abzubrechen.

    Viel länger hätte ich es ohnehin nicht durchgehalten.

    Ich schleppe mich noch etwas weiter, dann lehne ich mich an einen Baum… habe keine Kondition mehr… bin müde… so unglaublich müde…

    Mit einer bösen Vorahnung schaue ich an mir runter… sehe das warme Blut, das an meiner Seite herunterrinnt…

    Ich frage mich, was das für eine kranke Welt ist.

    Nazis, die sich im Wald verstecken und wie Partisanen kämpfen?

    Wenn die nicht ihre Flagge gezeigt hätten, hätte ich vermutlich noch bei ihnen zu Abend gegessen oder jemanden für sie umgelegt, ohne es zu merken…

    Wie konnten die Grenzen nur so dermaßen verwischen? Wie konnte ich… nur so verdammt naiv sein…

    Ich versuche mich nochmal aufzurappeln. Habe kein Problem damit, zu sterben… aber nicht so, nicht hier. Es fühlt sich so falsch an.

    Vermutlich tut es das immer, wenn es einen erwischt.

    Aber ich hätte schon gerne noch einmal die Burg gesehen und den guten Schnaps getrunken...

    Alles wird schwarz.

    Geplant war hier wohl, dass sie dann später auf die erwachsene Version von diesem Helmut treffen und der ihnen irgendwie weiterhilft oder so. Keine Ahnung. Generell finde ich solche Crossover-Sachen, also die Verknüpfung verschiedener Romane, immer etwas heikel... man kann da leicht ins Fanfiction-Niveau abrutschen, daher vermeide ich sowas auch lieber, mit Ausnahme von Janosch, der in fast jedem Roman erwähnt wird.

    Die Idee, dass Kai durch die Wälder streift und eine Gruppe von Nazi-Partisanen trifft, und zunächst keiner kapiert, dass sie eigentlich auf unterschiedlichen Seiten stehen, ist aber irgendwie amüsant. Trotzdem sollte ich von solchen Quasi-Fortsetzungen besser die Finger lassen, daher denke ich mir auch lieber jedes Mal neue Charaktere aus.

    • Offizieller Beitrag

    Deleted Scene 7:

    Eine hab ich noch.

    In dieser Version kommen Clyde, Wizard und Enigma wie im Original zu der Jugendherberge, unter der sich früher mal ihr Versteck befand. Allerdings sind in dieser Dimension wohl einige Dinge etwas anders gelaufen, und es leben dort keine Assassinen, sondern nur eine freundliche alte Dame und ihr "Hausgeist".

    Spoiler anzeigen

    Ich will schon Wizard runterlassen, weil mir sein Gewicht doch allmählich ziemlich auf die Knie geht… aber da ertönt auf einmal eine kräftige Frauenstimme aus dem Hintergrund.

    "Ich komme gleich. Einen Moment.“

    Kaum zwanzig Sekunden später steht eine rustikale Frau um die sechzig vor uns. Sie hat graue, zu einem altmodischen Knäuel zusammengebundene Haare und trägt eine enggeschnürte Bluse mit rosa Blümchenmuster, die sie aber auch nicht unbedingt jünger wirken lässt.

    „Die Saison beginnt erst nächste Woche. Da kommen normalerweise noch keine Gäste.“, entschuldigt sie sich, bevor sie sich neugierig vorbeugt, um prüfend Wizards Zustand unter die Lupe zu nehmen.

    „Euer Freund ist doch hoffentlich nicht betrunken?“, fragt sie, und es klingt nicht so, als ob sie sich einen Bären aufbinden lassen würde.

    „Er ist nicht betrunken!“, antwortet Enigma mit gespielter Entrüstung. „Er hat als Kind einen schlimmen Badeunfall gehabt, und ist seither schwer behindert… wir haben gedacht, er schafft die kleine Wanderung, aber dann hat er unterwegs plötzlich nicht mehr weitergehen können und nur noch geweint. Deshalb haben wir auch bis mitten in die Nacht gebraucht.“

    „Oh, entschuldige, meine Liebe, das wusste ich nicht.“, erwidert die Alte und fasst Enigma warmherzig an den Unterarm.

    „Ich werde euch ein Zimmer im Erdgeschoss geben, dann könnt ihr euch endlich ausruhen. Und wenn ihr wollt, kann ich euch noch ne Suppe aufwärmen.“

    Enigma zwinkert mir triumphierend zu.

    Ich hätte ehrlich gesagt nicht gedacht, dass es so leicht werden würde… aber sie scheint es irgendwie drauf zu haben, den Leuten Märchen zu erzählen.

    „Danke, Frau…“

    „Hämmerle.“, erwidert die Alte. „Helga Hämmerle. Aber ihr könnt mich ruhig Helga nennen.“

    Enigma gibt ihr einen festen Händedruck.

    „Danke, äh, Helga, für das Angebot. Aber wir sind müde und wollen jetzt eigentlich nur noch schlafen.“

    Kurze Zeit später führt uns Helga auf unser Zimmer. Eine Kommode, vier frisch überzogene Betten und ein kleiner Beistelltisch… viel mehr an Einrichtung kann ich nicht erkennen, abgesehen von einem alten Bild an der Wand mit einer herbstlichen Berglandschaft, die aber deutlich mehr an die Alpen als an den Schwarzwald erinnert.

    „Der Waschraum ist am Ende des Ganges.“, meint Helga während sie noch einmal die Betten überprüft. „Ich kann euch nachher auch noch einen Rollstuhl vor die Tür stellen, den wir im Krankenzimmer haben… vielleicht ist das besser für euren Freund.“

    „Danke.“, erwidert Enigma freudestrahlend. „Das wäre super lieb von ihnen.“

    „Soll ich euch nicht doch noch einen heißen Kakao machen?“

    „Nein, nein, wirklich nicht.“, versichert Enigma. Und fragt mitfühlend, aber natürlich nicht ohne Hintergedanken:

    „Sind sie denn noch nicht müde um diese Zeit?“

    „Doch, gewiss… muss nur noch die Wäsche aufhängen, aber in einer halben Stunde werde ich dann auch endlich zur Ruhe kommen. Es muss einfach immer viel vorbereitet werden vor der Saison, da weiß man gar nicht, wo man anfangen soll.“

    „Ach, das machen sie prima…“, meint Enigma, bevor wir der hilfsbereiten Alten eine gute Nacht wünschen und sie sich dann schließlich mit einem unterdrückten Gähnen davonmacht.

    Der erste Teil unseres Planes hat also schonmal funktioniert.

    Jetzt gilt es nur noch, unbemerkt an der alten Frau vorbei in den Keller zu gelangen… auch wenn ich mir ehrlich gesagt kaum vorstellen kann, dass unser geheimer Unterschlupf all die Jahre über unentdeckt geblieben war, erst recht nicht bei einem solch massiven Umbau des darüberliegenden Gebäudes.

    Und selbst, falls wir Glück haben sollten… was würden wir dort noch vorfinden? Nützliche Dinge wie Geld, Maschinenpistolen und Sprengstoff? Oder doch nur fünf unbequeme Feldbetten, vergammelte Kleiderreste und jede Menge Kellerasseln?

    Es war wohl eher dem Mangel an alternativen Ideen geschuldet als echter Überzeugung, dass wir nicht sofort beim Anblick des hell-erleuchteten Gebäudes kehrt gemacht hatten, sondern uns hier einquartieren ließen.

    Gute zwei Stunden sind seither vergangen… Stunden, in denen wir weitestgehend schweigend auf unseren Betten lagen, keinen anderen Geräuschen ausgeliefert als dem gleichmäßigen Ticken der Wanduhr und unseren wechselseitigen Atemzügen.

    Niemandem ist nach reden zumute.

    Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie es sich anfühlt, wenn einer der Gefährten, mit denen du deine Ängste, Träume und Hoffnungen geteilt hast, plötzlich nicht mehr an deiner Seite weilt. Ich weiß, was für ein fremdartiges, ungewohntes Geräusch meine schwachen Atemzüge in ihren Ohren sein müssen, im Vergleich zu dem Wizard und Enigma vertrautem Atem ihres Freundes.

    Und kein Wort von mir… keine Geste… nichts, was in meiner Macht stand, würde zu diesem Zeitpunkt irgendwas an der brutalen Leere ändern, die die beiden empfinden mussten.

    Nun ja… andererseits…

    Die beiden haben nur einen guten Freund verloren. Ich hingegen… ich habe vor nicht einmal zwölf Stunden ein gutes Dutzend verschiedener Leben verloren, und damit gleichzeitig auch alle damit verbundenen Freunde, alle Familienmitglieder und jegliche kulturelle Identität.

    Also wer hat hier wirklich Mitleid verdient?

    Ich habe das Gefühl, ich sollte mich zu diesem Zeitpunkt nicht in irgendwelche Abenteuer stürzen müssen… ich sollte mich vielmehr für ein paar Wochen in mein Zimmer einschließen, um das alles erstmal sacken zu lassen und wenigstens ein kleines bisschen zu verarbeiten.

    So, wie ich zur Zeit drauf bin, bin ich jedenfalls nicht im Geringsten zurechnungsfähig… wer weiß, vielleicht stelle ich sogar eine Gefahr für meine neuen Freunde da.

    Ich könnte einfach austicken und wild um mich schlagen, so wie neulich. Ich fürchte, ich bin schon wieder kurz davor.

    Kapitel 26

    „Es ist Zeit.“, höre ich Wizards enschlossene Stimme an meiner Seite. „Bin mir sicher, die Alte schläft inzwischen tief und fest.“

    „Na dann los.“, bestätige ich und rapple mich leise auf.

    Vor der Tür steht ein klappriger, aber offenbar noch funktionsfähiger Rollstuhl. Helga hat wohl tatsächlich noch einen auftreiben können.

    Man sollte ihr dafür ein fürstliches Trinkgeld geben.

    Wenn wir welches hätten, würden wir es jedenfalls garantiert tun.

    „Ich hoffe, das Ding quietscht nicht so arg.“, flüstert Enigma skeptisch.

    Doch Wizard beruhigt sie, indem er ihr versichert, dass er zu keinem Zeitpunkt lautere Geräusche verursachen würde als sie oder ich.

    Und so machen wir uns schließlich zu dritt auf den Weg durch die komplett im Dunkeln liegenden Korridore.

    Auch im Eingangsbereich an der Rezeption ist nun alles still und finster.

    Wir tasten uns hintereinander aufgereiht durch den Raum, bis wir schließlich zu einer massiven Holztür kommen, hinter der sich, soweit ich das beurteilen kann, der Keller befinden müsste.

    Sie ist abgeschlossen… aber scheinbar nicht gut genug für einen ehemaligen kleinkriminellen Junkie wie Wizard.

    Denn während ich noch krampfhaft überlege, wo der passende Schlüssel versteckt sein könnte, hat der bereits mit einem Stück Draht und seinem kleinen Taschenmesser das Schloss geknackt und uns mit einem lässigen Grinsen die Tür aufgehalten.

    Nachdem ich gemeinsam mit Enigma Wizards Rollstuhl die steile Treppe hinuntergewuchtet habe, schauen wir uns alle drei neugierig in dem weitläufigen Lagerraum um.

    Die alten Eichenfässer scheinen noch immer unberührt an der gleichen Stelle zu stehen, und auch der steinerne Boden ist noch haargenau der selbe.

    Lediglich Teile der Wand sind wohl im Zuge der Renovierungsmaßnahmen neu gestrichen worden… aber alles wirkt unfertig, fast so, als ob sich die neuen Benutzer mittendrin dazu entschieden hatten, den Keller doch besser in seinem ursprünglichen Zustand zu belassen.

    Gerade, als ich die Hand ausstrecke, um nach dem alten Öffnungsmechanismus zu greifen, höre ich plötzlich ein verdächtiges Knarren von der Treppe her. Ich drehe mich um, nahezu zeitgleich mit den beiden anderen, und starre in den Lauf eines alten Jagdgewehrs, das uns die mit einem rosa Nachthemd und einer Wolljacke bekleidete Frau Hämmerle entschlossen entgegenstreckt.

    Und so, wie sie es in der Hand hält, traue ich ihr durchaus zu, dass sie damit umgehen könnte.

    „Wenn ihr etwas stehlen wollt, habt ihr euch das falsche Haus ausgesucht!“, schimpft sie, und tastet sich ein paar Schritte näher an uns heran. „Macht, dass ihr rauskommt, sonst schwöre ich euch, ihr werdet es bitter bereuen.“

    „Es… es ist nicht so, wie das jetzt vielleicht aussieht…“, versucht sie Enigma zu beruhigen. „Wir…“

    „Wir wollen nur etwas zurückholen, was uns gehört.“, fällt ihr Wizard ins Wort, während ich sehe, wie er sich unauffällig nach hinten in sein Hemd greift… natürlich, um den Reinkarnator einsatzbereit zu machen.

    „Ja, ja.“, giftet die resolute Alte zurück. „Auf einmal kannst du sprechen, was? Wenn du’s genau wissen willst, ich glaub euch kein einziges Wort. Ihr seid nicht die ersten, die glauben, so ne alte Dame in einer menschenleeren Herberge wäre das ideale Opfer.“

    Eine Weile stehe ich nur unschlüssig da und beobachte die Szenerie. Irgendwie strahlt die Alte in ihrem Nachthemd trotz der Waffe und ihren scharfen Worten keine wirkliche Bedrohung aus… aber ich fürchte, dass Wizard das ein wenig anders sehen könnte und Frau Hämmerle gleich mit einem vor sich hingemurmelten „Also gut, sie haben es nicht anders gewollt.“ ins ewige Nirwana schießen wird.

    „Hören sie…“, versuche ich daher mit ausgestreckten Armen die Situation zu entschärfen. „Es gibt Dinge in dieser Welt, von denen die meisten Menschen keine Ahnung haben. Übernatürliche Dinge…“

    Frau Hämmerle kneift skeptisch die Augen zusammen.

    „Oh ja, die gibt es, mein Junge. Und genau deshalb rate ich euch dringend, sofort diesen Keller zu verlassen. Ich rette euch damit wahrscheinlich euer verkorkstes Leben.“

    „Wieso? Was ist mit diesem Keller?“, stelle ich mich ahnungslos. „Erzählen sie es uns, wenn wir versprechen, mit ihnen nach oben zu kommen… oder wollen sie uns jetzt abknallen?“

    „Ich…“

    Die Alte zögert kurz, senkt dann aber endlich das Gewehr und deutet zur Treppe.

    „Abmarsch. Nach oben mit euch! Ich werde euch sagen, was es mit dem Keller und diesem Haus auf sich hat. Dann werdet ihr vielleicht verstehen, was für ein riesiges Glück ihr hattet, dass ich gerade auf die Toilette musste und euch rechtzeitig bemerkt habe.“

    Wenig später sitzen wir in ihrer etwas altmodisch eingerichteten Stube und hören gespannt zu, wie sie uns ihre Geschichte erzählt.

    „Es war Ende der 60er Jahre.“, sagt sie mit einem wehmütigen Glänzen in den Augen. „Karl… mein Mann, und ich… wir haben uns bei einer Wanderung in dieses heruntergekommene Gemäuer verliebt und beschlossen, es wieder herzurichten, um daraus ein Hotel oder eine Jugendherberge zu machen.

    Also nahmen wir einen Kredit auf, kauften das der Stadt gehörende Gebäude zu einem Spottpreis, und machten uns dann ans Werk.

    Leider wurde mein Mann wenig später krank. Er hatte Lungenkrebs, obwohl er doch noch gar nicht so alt war… Nur wenige Monate später ist er dann gestorben.

    So war ich allein… allein in diesem noch nicht einmal halbfertigen Haus, in dem so viele geplatzte Träume und Erinnerungen steckten.

    In diesen Zeiten traute wahrlich noch niemand einer Frau zu, ein solches Vorhaben ohne einen Mann an ihrer Seite weiterzubetreiben. Andererseits wusste ich, dass es Karls großer Traum gewesen ist, hier einmal das unbeschwerte Lachen von Kindern zu hören, die für eine kurze Weile der Enge und Hektik des Stadtalltags entfliehen konnten.“

    „Also haben sie alleine weiter gemacht…“, kommentiert Enigma verständnisvoll, als Frau Hämmerle eine kurze Bedenkpause einlegt.

    „Oh ja.“, erwidert die Alte schließlich. „Ja, das habe ich. Aber es wuchs mir alles über den Kopf. Der komplette Boden musste noch raus, und die Wände neu gestrichen werden. Ganz zu schweigen davon, dass es Winter wurde und wir hier draußen noch keine Elektrizität hatten, also ständig Holz für den Kamin gehackt werden musste.

    Ich mühte mich, so gut ich eben konnte. Doch ich merkte bald, dass ich nicht die nötige Kraft besaß, um das alles allein zu bewerkstelligen.

    Ich weinte sehr oft in dieser Zeit… betete zum Himmel für ein Wunder.

    Und das Wunder geschah.

    Eines Morgens, als ich Holz-Nachschub für den Ofen holen wollte, fand ich die gesamte Außenwand zugestellt mit fachmännisch aufgestapeltem, kleingehacktem Brennholz.

    Ich rieb mir verwundert die Augen… glaubte erst, einer der Bauern aus der Umgebung habe mir damit eine Freude machen wollen.

    Aber es ging noch weiter. Wann immer ich das Werkzeug aus der Hand legte, um ins Dorf zum Einkaufen zu gehen, fand ich bei meiner Rückkehr einen Großteil der angefangenen Arbeit erledigt vor. Innerhalb von zwei Wochen war so der komplette Boden neu verlegt.

    Und manchmal hörte ich nachts Schritte im Haus… zumindest bildete ich mir das ein, und begann allmählich, an Heinzelmännchen oder gute Geister zu glauben.

    Aber ich ging nie nachsehen… ihr kennt ja sicher das Märchen von den Heinzelmännchen, und was passiert, wenn man in solchen Fällen zu neugierig ist.

    Dennoch wollte ich mich irgendwie bei der unerwarteten Hilfe revanchieren, und so kochte ich schließlich kurz vor Weihnachten eine leckere Gulaschsuppe nach meinem Geheimrezept, stellte ihn dann vor dem Zubettgehen in der Stube auf den Tisch, und heftete daran einen Zettel, auf dem geschrieben war „Für den guten Geist.“

    Ich schlief tief und fest in dieser Nacht… und als ich am nächsten Morgen runterkam, kopfschüttelnd, dass ich am Vorabend ernsthaft Suppe an Geister verfüttern wollte, fand ich den Topf zu meiner Überraschung komplett geleert vor.

    Ihr könnt euch sicher vorstellen, wie ich mich gefühlt habe.

    „Karl, bist du das?“, rief ich in die Stille hinaus, denn er mochte die Suppe immer so sehr… und mir schossen dabei Tränen der Rührung in die Augen. Aber ich bekam keine Antwort.

    Von da an gab es einmal in der Woche Suppe für den Hausgeist, und auch zwischendurch immer mal ein Brot oder ein Stück Käse. Es wurde immer dankbar angenommen, und war am nächsten Morgen verschwunden.

    Nur einmal, als meine Neugier dann doch den Aberglauben besiegte, und ich mich im Schrank versteckte, um meine heimlichen Mitbewohner doch einmal mit eigenen Augen zu sehen, stand der Topf auch am Tag danach noch unberührt an seinem Platz.

    Dafür lag in meinem Bett ein schmutzbeflecker Zettel, auf dem mit kritzeliger Handschrift geschrieben stand: „Noch einmal so ein Versuch, und du bist wieder auf dich allein gestellt.“

    Da begriff ich… und habe es seither nie wieder getan.“

    „Und deshalb sollen wir jetzt also Angst haben?“, kann sich Wizard eine Zwischenfrage nicht verkneifen. „Weil es hier Heinzelmännchen gibt, die anderen Leuten die Suppe wegessen?“

    Enigma grinst, doch Frau Hämmerle scheint das alles andere als witzig zu finden.

    „Ich bin noch lange nicht fertig.“, giftet sie mit mahnender Stimme. „Weil es nämlich keine Heinzelmännchen waren…

    Die Herberge hatte längst eröffnet, aber es war zwischen der Saison, so wie jetzt. Eines Nachts, ich war mal wieder allein mit meinen Erinnerungen und dem dunklen Wald, klopfte es auf einmal an der Tür.

    Ich dachte, es sei vielleicht jemand, der Hilfe benötigte, und öffnete, ohne vorher nachzuschauen.

    Aber da standen keine Hilfsbedürftigen an der Tür… vielmehr drei grobschlächtige, primitiv aussehende Kerle. Gesuchte Schwerkriminelle, wie ich erst sehr viel später durch Zufall erfahren habe.

    Sie stießen mich brutal in die Stube zurück, brüllten „Geld her“, und begannen im gleichen Moment, sich über alle möglichen Schubladen herzumachen.

    „Los du Schlampe, gib dein verdammtes Geld raus. Wir wissen, dass der Laden gutes Geld abwirft.“

    „Aber nur im Winter…“, meinte ich, während ich mich aufrappelte und ihnen ein paar Scheine aus der Kasse entgegenstreckte, damit sie mir hier nicht alles komplett durcheinanderbrachten.

    Doch das genügte den Kerlen nicht.

    Im Gegenteil, einer von denen fing an, mich zu betatschen und gegen die Wand zu drücken.

    Ich weinte und schrie, und brüllte ihnen schließlich in meiner Verzweiflung entgegen, dass sie die Hausgeister gegen sich aufbringen werden, wenn sie nicht sofort gingen.

    „Die Hausgeister… die Hausgeister…“, lachte einer der drei hämisch, und schloss vorsorgehalber die Tür ab, so, als ob sie vorhatten, es sich hier für längere Zeit gemütlich zu machen.

    „Die Schlampe ist nicht ganz dicht, wenn ihr mich fragt. Aber feucht wird sie sicher trotzdem werden, wenn ich ihr meinen…“

    Weiter kam er nicht, denn im selben Moment ging das Licht aus.

    Dann ertönte ein gellender Schrei.

    Nur wenige Sekunden später hatte einer der Einbrecher den Lichtschalter erreicht und knippste ihn wieder an.

    Doch da lag der eine seiner Kollegen, der mich gerade noch bedroht hatte, bereits mit aufgeschnittener Kehle zuckend auf dem Teppichboden.

    Die beiden Verbliebenen drehten sich panisch um und versuchten verzweifelt, die Türe zu öffnen… doch offensichtlich war sie von außen blockiert.

    „Was ist das für eine Scheiße?“, schrie einer von ihnen.

    „Es sind die Hausgeister.“, sagte ich wie in Trance.

    Einer der beiden zog eine Pistole aus seiner Tasche und stapfte drohend auf mich zu.

    Doch er verharrte mitten in der Bewegung, als er die großgewachsene Gestalt im Durchgang zum Treppenhaus stehen sah.

    Es war ein junger Mann um die zwanzig, würde ich sagen… er trug einen altmodischen schwarzen Mantel, und sein Gesicht war komplett mit einer Art braun-schwarzem Tarnaufstrich überzogen, der ihn in der Dunkelheit im Wald wohl nahezu unsichtbar machte.

    „Kein Geist. Eher ein Untoter.“, stellte er sich mit grimmiger Miene vor.

    Der Einbrecher riss seine Pistole herum und zielte auf ihn, aber da traf ihn auch schon ein durch die Luft wirbelnder Dolch in die Brust und ließ ihn blutspuckend zu Boden sinken.

    Mein unbekannter Retter ging unterdessen ungerührt auf den letzten, an der Tür rüttelnden Einbrecher zu, zog einen weiteren, noch gefährlicher aussehenden Dolch aus dem Mantel, und stieß ihn dem völlig überforderten armen Schwein mitten ins Herz.

    Nur kurze Zeit später war der ganze Spuk vorbei, und es war wieder totenstill im Raum.

    Ich konnte mich kaum rühren, geschweige denn, ein sinnvolles Wort herausbringen, und so stammelte ich mehr, als ich sprach: „Wer… wer bist… wer sind… sind sie?“

    Mein geschminkter Retter schaute mich kurz an, ehe er sich daran machte, die drei Kerle nebeneinander auf dem Boden auszubreiten.

    „Darko.“, sagte er. „Du kannst mich Darko nennen, wenn dir das irgendwie hilft.“

    „Da… Darko… Gut.“

    Ich beobachtete irritiert, wie er schließlich ohne weiter auf mich einzugehen die Leichen der drei auf eventuelle Lebenszeichen absuchte und sich dann daran machte, einen nach dem anderen an ihren fettigen Haaren in Richtung Kellertür zu schleifen.

    Erst, als er bereits nach dem Letzten griff, brachte ich endlich wieder einen sinnvollen Satz heraus.

    „Danke, dass sie mich gerettet haben, Darko.“, sagte ich mit belegter Stimme.

    Er verharrte in der Bewegung, zögerte einen Moment, und nickte mir dann mit einem todernsten Gesichtsausdruck zu.

    „Danke für die Suppe.“

    Dann machte er sich wieder ans Werk.

    Aber da ich nicht wusste, ob er noch einmal zurückkommen würde, oder gleich für immer unten im Keller oder sonstwo verschwunden war, stellte ich mich ihm so entschlossen, wie es mir in der Situation möglich war, in den Weg.

    „Warten sie! Ich… darf ich vielleicht erfahren, was sie in meinem Haus machen? Ich meine, sie wissen schon, dass das mein Haus ist, oder?“

    Er glotzte mich nur grimmig an und meinte:

    „Es ist mein Haus, Mädchen. Ich hab das verdammte Ding vor über dreihundert Jahren gebaut. Aber ich lass dich hier wohnen, weil ich deine Suppe mag.“

    „Vor über dreihundert Jahren?“

    Natürlich war ich angesichts dieser Antwort ziemlich von der Rolle, und streckte vorsichtig meine Hand nach ihm aus, um seinen Mantel zu fühlen. Ich erwartete schon, meine Hand würde einfach durch ihn hindurch gehen. Aber er fühlte sich erstaunlich fest an.

    „Bist du… ein Vampir oder sowas?“

    „Unsinn. Vampire gibt es nicht. Jedenfalls nicht hier im Schwarzwald. Die wären mir sicher schon aufgefallen.“, erwiderte Darko, und es war ihm anzusehen, dass er keinen sonderlich großen Redebedarf hatte. Dennoch wagte er schließlich, vermutlich mir zu liebe, den Versuch einer Erklärung.

    „Es ist… es ist einfach so, dass ich altere und sterbe wie jeder andere auch. Aber wenn ich wiedergeboren werde, kommen immer wieder die Erinnerungen zurück. Seit… ach, das geht dich gar nichts an.“

    Er drückte mich unsanft zur Seite, wie einen im Weg stehenden Gegenstand.

    „Komm mir einfach nicht in die Quere.“, fügte er noch mahnend hinzu. „Dann komm ich dir auch nicht in die Quere… und wenn es nötig ist, helfe ich dir. So wie jetzt.“

    Ich nickte ihm ratlos zu und ließ ihn passieren.

    Seitdem habe ich ihn nicht mehr oft gesehen, selbst wenn ich mich in manch einsamen Nächten insgeheim danach gesehnt haben mag.

    Alle paar Monate mal begegnen wir uns irgendwo, reden ein paar Worte… aber mehr ist scheinbar nicht drin. Man kommt einfach nicht ran an ihn, wenn ihr versteht, was ich meine.

    Ich glaube allerdings nicht, dass er verrückt ist oder so.

    Er ist nur völlig verzweifelt… und ich weiß, dass er jeden, der sein Versteck im Keller betreten würde, diese Verzweiflung spüren lassen würde.

    Ich habe euch also vorhin das Leben gerettet, gewissermaßen. Auch wenn ihr mir diese Geschichte vermutlich sowieso nicht abnehmen werdet.“

    Die Alte kommt zum Ende ihrer Erzählung und wirft uns einen eindringlichen Blick zu, der wohl bedeuten soll, dass wir ihre Worte besser ernst nehmen sollten.

    „Darko lebt… das ist krass…“, entflieht mir als erstes eine hörbare Reaktion.

    „Meinst du, du kommst mit ihm klar?“, will Enigma besorgt von mir wissen. „Nach allem, was uns Sali erzählt hat, war Darko ein finsterer Geselle, bei dem man sich nie so ganz sicher sein konnte, ob er einen noch als Mitstreiter und Freund erkannte, oder nicht bereits dem Wahnsinn verfallen war, wenn man ein paar Tage nicht mit ihm zusammengewesen ist.“

    Ich muss an meine eigenen Erlebnisse mit ihm denken und lächle still in mich hinein.

    „Natürlich war er dem Wahnsinn verfallen. Aber das hat uns irgendwie nie daran gehindert, Freunde zu sein.“

    Jetzt hält es Frau Hämmerle, die uns seither nur überrascht zugehört hatte, nicht mehr auf ihrem Sessel.

    „Heißt das etwa… heißt das, ihr kennt ihn? Ihr kennt Darko?“

    „Ich kenne ihn.“, bestätige ich ihr. „Habe vor gut siebzig Jahren eine Weile hier bei ihm gewohnt. Und es stimmt tatsächlich, was er ihnen erzählt hat… es ist sein Haus.

    Naja, er und wir… wir sind gewissermaßen von der selben Art, verstehen sie?“

    Ihrem Blick nach zu urteilen versteht sie zwar nicht wirklich, aber sie nickt uns trotzdem zu und stößt einen leisen Seufzer aus.

    „Also gut… dann geht eben in den Keller und redet mit ihm, wenn ihr unbedingt darauf besteht. Aber wenn ich Schreie höre, werde ich nicht runter kommen und nachsehen.“

    Mit durchaus gemischten Gefühlen öffnen wir schließlich die geheime Wand im Keller, und betreten die dahinterliegenden engen Gänge.

    Es riecht nach Moder, Holz und trockener Erde, genau so, wie ich es von damals in Erinnerung habe.

    Aber es brennt nirgendwo Licht. Und so durchkämmen wir nur im Schein der Taschenlampe Stück für Stück die Räumlichkeiten, die mir einst so vertraut gewesen waren.

    „Darko? Darko bist du hier?“, rufe ich. „Hier ist... ähm… Marie. Hier ist Marie. Und ein paar Freunde von Sali. Erinnerst du dich?“

    Aber es ertönt keine Reaktion.

    Erst als wir am vorletzten Raum ankommen, bemerken wir hinter der nächsten Ecke flackernden Kerzenschein.

    Vorsichtig tasten wir uns näher heran… immer auf der Hut vor einem Angriff aus dem Hinterhalt, denn man weiß ja nie.

    Da steht ein alter Holztisch an der Wand, allerdings keiner von damals. Er muss wohl erst irgendwann später hier reingebracht worden sein.

    Daneben erkenne ich einen Stuhl, auf dem, uns den Rücken zukehrend, eine großgewachsene Gestalt sitzt.

    Erst, als wir mitten im Zimmer stehen, dreht er sich gespenstisch langsam zu uns um.

    „Marie…“, knurrt er mit einer rauen Stimme. „Willkommen in der Hölle, Marie.“

    Jetzt erst kann ich Details aus seinem Gesicht erkennen. Er sieht definitiv völlig anders aus als der Junge von einst.

    Eine andere Nase, ein breiterer Mund… und sein Gesicht ist voller Furchen… ich würde das Alter seines Körpers so auf irgendwas zwischen 40 und 50 schätzen. Ist schwer auszumachen bei dem flackernden Licht.

    Aber sein Blick ist haargenau der selbe wie damals… irgendwie über diese Welt hinausblickend. Und so kalt wie Eis.

    „Wie kann das sein?“, frage ich ihn irritiert. „Wie kannst du dich erinnern? Gibt es etwa noch einen Reinkarnator da draußen?“

    Er schüttelt verbittert den Kopf.

    „Nein… kein Reinkarnator. Es passiert von ganz allein. Wenn du es einmal erfahren hast, bricht es immer wieder durch. In jedem Leben aufs Neue.

    Beim ersten Mal hatte ich mich noch getötet, als ich kaum fünfzehn Jahre alt war und die Erinnerungen in meinem Kopf übermächtig wurden.

    Doch ich wurde wiedegeboren, und im nächsten Leben begann alles wieder von vorn.

    Also bin ich von Zuhause abgehauen, habe mich hier in den Wald geflüchtet… Das Haus war schon belegt, aber der Keller war frei.“

    „Und seitdem bist du hier…“, stelle ich mit einer Mischung aus Faszination und Mitgefühl fest. „Was... was machst du denn hier den ganzen Tag so alleine? Ich meine, Nazis hat es ja hier irgendwie nicht mehr so viele, schätze ich.“

    Ich wollte witzig sein, ihn ein bisschen aufheitern, aber er starrt nur finster ins Leere und murmelt:

    „Ich denke an früher. Durchlebe meine Erinnerungen, immer und immer wieder aufs Neue. Und wenn ich damit fertig bin, dann fange ich wieder von vorne an. Ich stelle mir vor, wie es gewesen wäre, bestimmte Entscheidungen in meinem Leben anders zu treffen. Und weißt du, was das Ergebnis von all diesen Überlegungen ist?

    Dass es im Endeffekt keinen Unterschied macht, wie ich mich in bestimmten Situationen entschieden hätte. Die Zeit egalisiert alles…“

    Als Wizard sich mit seinem Rollstuhl ein Stück nach vorne wagt, um Darko genauer in Augenschein zu nehmen, scheint auch der zum ersten Mal von meinen beiden Begleitern Notiz zu nehmen.

    „Wer sind die beiden?“, fragt er mich, und es klingt nicht wirklich gastfreundlich.

    „Ich bin Wizard.“, antwortet Wizard für mich. „Und das ist meine Gefährtin, Schwester und allerbeste Freundin, Enigma. Wir sind genau wie du… Kämpfer aus einer längst vergangenen Epoche, gefangen in schwachen modernen Körpern, in einer Zeit, die wir nicht verstehen…“

    „Sali hat die beiden und einen dritten, der es nicht bis hierher geschafft hat, bei sich aufgenommen.“, füge ich schnell noch erklärend hinzu, weil ich befürchte, dass ihn Wizards Aussage nur dazu veranlassen würde, mit irgendwelchen rüden Methoden deren Wahrheitsgehalt zu überprüfen.

    „Und, geht’s ihm gut?“, will Darko wissen, ohne weiter auf Wizard oder Enigma einzugehen. „Geht es Sali gut? Und lebt er etwa immer noch das selbe Leben?“

    „Nicht mehr.“, erwidert Wizard. „Er ist vor knapp einem Jahr gestorben. Einfach so, weil sein Körper zu alt war…“

    „Altersschwäche?“, antwortet Darko, und verzieht sein Gesicht zu einem gequälten Grinsen. „Das hätte ich nicht von ihm erwartet… dass er es darauf ankommen lässt…“

    Ich lehne mich in Ermangelung weiterer Sitzgelegenheiten gegenüber von ihm an die Wand, und kurz darauf gesellt sich dann auch noch Enigma an meine Seite.

    „Weißt du, ob sonst noch einer von unserer alten Truppe da draußen ist? Viktor oder Isaak?“, frage ich Darko, in der Hoffnung, dass uns das irgendwie weiterbringen könnte.

    Aber der schüttelt nur kaum merklich den Kopf und schnauft vor sich hin.

    „Isaak und Victor? Keine Ahnung.“, murmelt er nach einer ewig langen Pause. „Hier ist jedenfalls in all den Jahren niemand vorbeigekommen.“

    Sein Blick scheint noch finsterer zu werden, als ob er gleich mit seinem Kopf gegen die Tischkante schlagen würde oder so.

    Auch Wizard bemerkt dies offensichtlich, greift in seine Hose und zieht stolz den Artefakt hervor, wohl, um Darko damit ein bisschen auf andere Gedanken zu bringen.

    „Hey, schau mal, was wir hier haben… Hast du bestimmt schon lange nicht mehr gesehen, was?“

    Ich schlage mir wenig begeistert von Wizards Aufheiterungsversuchen die Hand vors Gesicht, weil ich genau weiß, dass das das denkbar Dämlichste war, was er in dieser Situation machen konnte.

    Und tatsächlich… kaum, dass Wizards Worte verklungen sind, springt Darko wütend auf und krallt sich den Hals des Jungen, zieht ihn aus dem Rollstuhl empor bis kurz unter die Decke und versucht, ihm den Artefakt aus der Hand zu reißen.

    „Gib es her!“, schreit er außer sich vor Zorn. „Ich werde dieses verfluchte Teufelsding zerstören, und zwar ein für alle mal!“

    Aber Wizard widersetzt sich und streckt röchelnd den Arm mit dem Artefakt so weit nach hinten, dass es für Darko kein Rankommen gibt.

    Dann sind endlich auch Enigma und ich zur Stelle. Wir versuchen, uns mit aller Kraft gegen den schweren Körper von Darko zu stemmen, um ihn irgendwie von unserem Freund wegzubekommen.

    Doch so einfach ist einer wie Darko nicht zu bezwingen.

    Selbst, als ihm Wizard einen Handkantenschlag auf die Nase verpasst, kontert er diesen nur ungerührt mit einem Kniestoß in Wizards Eingeweihte, und dreht ihm die Hand soweit nach hinten, dass es in seinem Schultergelenk bedrohlich knirscht und unser Mitstreiter einen spitzen Schrei ausstößt.

    „Na schön, du hast es so gewollt.“, fluche ich und greife nach dem verwaisten Stuhl, um ihn Darko mit voller Wucht über den Schädel zu ziehen.

    Das Möbelstück zerspringt mit einem lauten Krachen in seine Einzelteile. Dann geht auch Darko benommen zu Boden, dicht gefolgt von Wizard, der aus luftiger Höhe herunterfällt und gerade noch rechtzeitig von Enigmas Schulter abgefangen wird.

    Schmerzend und laut vor sich hinfluchend reiben sich die beiden ihre geschundenen Knochen.

    „Verdammte Scheiße, was hat der Spinner für ein Problem?“, keucht Wizard und wischt sich einige Tropfen Blut von der Nase. „Der Reinkarnator ist ja wohl das Beste, was einem im Leben passieren kann! Wie kann man ein solches Geschenk nur ernsthaft zerstören wollen?“

    „Naja…“, erkläre ich ihm, während ich mich nach einem Seil umsehe, um den immer noch bewusstlosen Darko irgendwo fixieren zu können. „Ich denke, er hat sich dieses wunderbare Geschenk niemals ausgesucht… vielleicht konnte er es deshalb nie wirklich als Geschenk begreifen. Ich meine, ich hab’s mir ja eigentlich ausgesucht… und selbst ich hab noch so meine Zweifel, ob das wirklich eine gute Idee gewesen ist.“

    Enigma hat sich unterdessen wieder aufgerappelt und reibt sich die dick angeschwollene Backe.

    „Warum müsst ihr ehemaligen Kriegshelden immer gleich so ausrasten?“, fragt sie sichtlich vorwurfsvoll an mich gewandt, während sie Wizard wieder zurück in den Rollstuhl hievt. „Irgendwie glaube ich, Sali war noch der Normalste von euch.“

    Wir haben Darko nach oben geschleppt und bei Helga im Wohnzimmer an einen der Heizkörper gekettet. Zum einen, weil wir unten keine wirklich vernünftige Halterungsmöglichkeit gefunden hatten, zum anderen, weil ich der Meinung bin, dass ihm ein wenig Licht nach all der Zeit in der Dunkelheit vielleicht ganz gut tun würde.

    Er ist mittlerweile auch wieder bei Bewusstsein, ignoriert uns aber komplett und starrt nur stumpfsinnig vor sich hin.

    Unterdessen macht sich Wizard einen Spaß daraus, genüsslich Darkos Lieblingssuppe zu schlürfen und ihn dabei keine Sekunde aus den Augen zu lassen.

    „Weißt du… das Leben ist im Grunde gar nicht so übel.“, sagt er. „Und dass sich manche Dinge ständig wiederholen, halte ich sogar für eine ziemlich coole Idee. Das eigene Lieblingsessen, etwa, oder guter Sex, oder ein guter Joint… wäre doch eigentlich ein Jammer, wenn man wüsste, dass das alles irgendwann vorbei ist und nie mehr wiederkommen wird. Außerdem… du hast keine Ahnung, wie sich das Leben seither da draußen weiterentwickelt hat. Es gibt Internet, es gibt Videospiele…“

    „Videospiele…“, kommt von dem Gefesselten schließlich eine verächtliche Reaktion zurück.

    „Was ist das für ein Mist? Meinst du etwa diese bunten Bilder, diese Pixel, die sich auf Knopfdruck des Spielers wie von Geisterhand bewegen? Wozu soll das gut sein?“

    „Ich weiß nicht…“, überlegt Wizard, von dem ich nicht genau sagen kann, ob er gerade leichtfertig im Begriff ist, sich Darko zum Todfeind zu machen, oder ob er verdammt genau weiß, was er tut. „Hast du dir denn nie gewünscht, einfach mal nur so ein paar Pixel zu sein, die sich ihren Weg zum Ausgang des Levels bahnen, und die dabei immer genau wissen, was von ihnen verlangt wird, und dass am Ende des Spiels eine Belohnung auf sie wartet? Pixel, die keine Schmerzen verspüren… Pixel, die nicht über den Sinn ihrer Existenz nachdenken müssen … Eins zu werden mit diesen Pixeln, das hat etwas meditatives, wie wenn du bei einem Schamanen am Lagerfeuer sitzt und in die Flammen starrst…“

    Entgegen meinen Erwartungen scheint Darko darauf anzuspringen, indem er erwidert:

    „So ein Qutasch. Nur weil ich mich vor einen Bildschirm sitze und diese komischen Telespiele spiele, werde ich doch nicht zum Pixel. Da muss man schon ziemlich weich in der Birne sein, um sich sowas einzureden. Ähm… ist Atari eigentlich noch Marktführer? Das ist so das letzte, was ich mitbekommen habe, bevor ich in den Wald gezogen bin.“

    Ich zwinkere skeptisch mit den Augen. Sollte unser Finsterling in seiner Jugend etwa ein Telespiel-Junkie gewesen sein?

    „Atari…“, antwortet Wizard grinsend. „Naja, nicht direkt. Sagen wir, Atari hat die besten Zeiten hinter sich. Aber dafür gibt es jetzt Spiele in drei Dimensionen, und mit deutlich mehr als 8 verschiedenen Farben.

    Es gibt… Assassins Creed… ich glaube, das würde dir gefallen. Das wäre genau dein Ding. Da bist du ein Assassine und stürzt dich von den Häuserdächern auf deine Opfer, rammst ihnen dein langes Messer in den Hals und…“

    „Das hab ich schon oft genug in echt gemacht.“, kontert Darko. „Und da hat es wenigstens einen Nutzen gehabt. Das brauch ich nicht mehr.“

    „Du liebe Güte…“, platzt auf einmal Helga, die sich mittlerweile etwas Anständiges angezogen hat, in unsere kleine Unterredung. „Was habt ihr denn mit eurem armen Freund gemacht? Bindet ihn sofort los!“

    „Nicht, so lange er sich nicht entschuldigt!“, stellt Wizard mit dem Suppenlöffel auf Darko deutend fest. „Der hält sich nämlich für was Besseres, wissen sie? Weil er schon so viele Menschen in seinem Leben getötet hat und ein ach so toller Kriegsheld war. Als ob wir anderen nie gekämpft hätten… Wir haben auch in Kriegen gekämpft, viele Leben lang. Aber trotzdem sind wir nicht zum personifizierten Krieg geworden, so wie er hier. Wir haben noch ein paar andere Dinge im Leben, die uns was bedeuten, und müssen uns nicht wie ein feiger Maulwurf irgendwo einbuddeln, bis es endlich mal wieder was zum Abschlachten gibt.“

    „Feiger Maulwurf…“, grummelt Darko zornig. „Du hast keine Ahnung! Ihr versteckt euch doch sicher auch. Oder lauft ihr etwa durch die Gegend und schreit jedem, der es wissen will, ins Gesicht, welch unheimliches Wissen in eurem Inneren schlummert?

    Oh nein, mein junger Freund… es gibt nur zwei Möglichkeiten mit der ganzen Sache umzugehen. Entweder, du wandelst mit einer Maske der Gewöhnlichkeit durch die Welt der Unwissenden und verbirgst dein wahres Ich vor ihnen… oder du buddelst dich ein und verbirgst dich vor den Menschen. Und ich hab mich eben für Letzteres entschieden, weil ich mich im Zweifelsfall lieber verkrieche, als das zu verleugnen, was ich fühle.“

    „Vielleicht gibt es ja noch eine dritte Möglichkeit…“, ertönt Enigmas Stimme aus dem Hintergrund. „Wir könnten Flagge bekennen… uns den Menschen präsentieren, und ihnen zeigen, dass es uns gibt…“

    Sie schielt in Richtung des halb aus Wizards Hose ragenden Reinkarnators.

    „Wenn wir mit unserem Wissen an die Öffentlichkeit gehen…“

    „Das haben wir doch schon oft genug durchgekaut.“, fällt ihr Wizard ins Wort. „Die werden uns das Ding erstmal wegnehmen und dann hinter verschlossenen Türen beraten, was weiter damit geschehen soll. Und aller Wahrscheinlichkeit nach werden sie uns dann für verrückt erklären und beschließen, den Reinkarnator für ihre eigenen Zwecke zu benutzen. Heimlich, versteht sich… ohne dass irgendwer außer ein paar Verschwörungsspinnern im Internet je von der Existenz des Artefakts erfahren wird.“

    „Dein erstes vernünftiges Wort an diesem Abend, Junge!“, stimmt ihm der grimmige Darko zu. „Nur weil es heute nicht mehr so viele Nazis gibt, heißt das noch lange nicht, dass die Menschen da draußen zu barmherzigen Samaritern geworden wären. Es sind die selben Geschöpfe, bloß in einer anderen Umgebung. Denen darfst du nicht für eine Sekunde den Rücken zudrehen…“

    Auf einmal mischt sich Helga in das Gespräch ein und deutet auf die Fernsehzeitung in ihrer Hand.

    „Warum tretet ihr nicht einfach bei dieser Show auf, wo sie die Menschen mit den besonderen Begabungen suchen… das Supertalent, oder wie das heißt. Mit diesem sympathischen Moderator…“

    Unsere entgleisenden Gesichtszüge verraten ihr, dass sie sich vielleicht besser um ihre eigenen Angelegenheiten kümmern sollte. Auch wenn die Idee mit einer Fernsehshow sicher nicht die Übelste wäre... allerdings müsste es live sein… und man müsste verhindern, dass irgendwer beim ersten Anzeichen einer Panne den Saft abdreht.

    Am Witzigsten wäre es zweifellos, mitten in diese geplante Sendung der Fortschrittspartei am Jahresende reinzuschneien... wenn dieser verlogene Bastard Dierker am Rednerpult steht, um die Nation auf seine große Verblödungskampagne einzuschwören.

    Aber das würde garantiert kein Zuckerschlecken. Obwohl, mit einem Vollblut-Assassinen wie Darko an unserer Seite…

    Ich muss schon allein angesichts der bloßen Vorstellung dieser Ironie hemmungslos grinsen. Wenn wir eine Plattform, die eigentlich geschaffen wurde, um den Menschen das Denken abzugewöhnen, dafür nutzen würden, um unser geballtes Wissen in die Welt hinauszuschreien.

    „Wusstest du eigentlich, dass Dierker auch wieder reinkarniert ist?“, frage ich scheinbar beiläufig, als ob ich davon ausgehe, dass es Darko sowieso nicht besonders interessieren würde. „Und dass er sich ebenfalls an alles erinnert?“

    Darko wird natürlich sofort hellhörig.

    „Dierker? Sag das nicht, um mich zu verarschen… ich warne dich!“

    Um ihm zu beweisen, dass das mein voller Ernst ist, angele ich mir die am Rand des Tisches liegende Tageszeitung. Und genau, wie ich es erwartet habe, brauche ich nicht all zu lang darin herumzublättern, um ein großes Interview von Gruber mitsamt seiner hässlichen Visage zu finden.

    „Hier, das ist der Kerl!“, erkläre ich, bevor ich die Zeitung nehme und ihm aufgeschlagen auf den Schoß lege. „Er nennt sich jetzt Gruber und macht einen auf Menschenfreund. Aber in Wirklichkeit hat er seine eigene Privatarmee, die ihm den Reinkarnator bringen soll… Die haben gestern unseren Unterschlupf zerstört, und dann haben sie auch noch Wizards und Enigmas besten Freund auf dem Gewissen.“

    „Dieser elende schmierige Bastard.“, flucht Darko außer sich vor Zorn. „Ich werde ihn aufschlitzen, von unten nach oben, und er wird mir dabei in die Augen sehen…“

    „Gut möglich.“, erwidere ich, zunehmend verliebt in meine eigene Schnapsidee. „Aber wir werden dabei sein! Du wirst uns den Weg frei machen und dich um Dierker kümmern… während wir auf Sendung gehen und der ganzen Nation unsere Botschaft übermitteln.“

    Wizard windet sich neben mir hin und her.

    „Ich weiß nicht, Clyde… echt, ich fürchte, das ist eine ganze Nummer zu groß für uns. Ich meine… ich werde euch im Kampf sicherlich keine große Hilfe sein. Und Enigma kann zwar prima mit Pfeil und Bogen umgehen, aber…“

    „Keine Sorge.“, versuche ich ihn zu beruhigen. „Du und Enigma, ihr bereitet das Programm vor. Du weißt schon, so ähnlich, wie ihr mich rekrutiert habt. Die Neugier der Zuschauer wecken, sie mit krassen Gedanken konfrontieren, die sie sich bislang nicht zu denken getraut haben… und dann, als Knalleffekt am Ende, demonstrieren wir ihnen den Reinkarnator. Am besten an jemandem, bei dem er auch funktioniert.

    Ihr habt das drauf, Leute! Ihr wisst, wie man eine gute Show aufzieht.

    Und ich werde mich mit Darko um die Sicherheitsvorkehrungen kümmern. Das ist schließlich das, was wir am besten können, nicht wahr?“

    „Ich bin dabei!“, bestätigt Darko nur wenige Augenblicke später entschlossen. „Es ist völliger Schwachsinn… aber ich bin dabei. Hab schon viel zu lange keinen solchen Schwachsinn mehr gemacht.“

    Enigma hat sich unterdessen an Wizard rangepirscht und umgarnt ihren Freund von hinten, in dem sie ihn am Nacken streichelt und an seinem Ohrläppchen knappert. Was auch immer das zu bedeuten hat… sie wird schon wissen, wie sie ihn am besten rumkriegt.

    „Komm schon, Bruderherz… oder willst du ewig leben?“

    „Ja, eigentlich schon!“, verkündet Wizard noch immer nicht ganz überzeugt. Aber Enigmas Anziehungskraft kann er scheinbar nicht widerstehen. Er dreht seinen Kopf nach hinten, und die beiden geben sich einen schier ewig erscheinenden Zungenkuss.

    „Und? Machst du’s, oder willst du noch mehr?“, fragt ihn Enigma, als sie endlich zu einem Ende kommen.

    „Vielleicht…“, seufzt Wizard, wohl wissend, dass er längst verloren hat. „Vielleicht ist die Idee ja doch nicht ganz so übel… Aber es sind nur noch knapp zwei Wochen bis zu der Sendung. Und ohne das nötige Equipment…“

    „Ich denke, das Equipment sollte kein Problem darstellen.“, unterbricht ihn Darko, und rüttelt auffordernd an seinen Fesseln. „Hättet ihr vielleicht die Güte, mich loszubinden? Dann gebe ich euch euer Equipment!“

    Wir nicken einander zu, und ich knie mich eilig zu ihm runter, um die Fesseln zu lösen.

    „Keine dreißig Kilometer von hier….“, erklärt mir Darko währenddessen. „Da gibt es so ein Depot, wo sie Kisten aufbewahren für irgendwelche Spezialeinheiten in Afghanistan oder sowas. Ist nicht besonders gut bewacht… ich war da mal drin, um mich mit neuen Nachtsichtgeräten zu versorgen. Aber die haben da noch viel mehr gelagert… Bewegunssensoren, Plastiksprengstoff, Scharfschützengewehre, Panzerabwehrraketen…“

    Ich löse die letzten Fesseln und helfe ihm auf die Beine.

    „Die Panzerabwehrraketen werden wir vermutlich nicht brauchen… aber das andere Zeug klingt interessant.“

    Es folgen Szenen vom Training im Wald und wie Wizard und Enigma ihren Plan ausarbeiten, welche größtenteils identisch sind mit denen im Original. Das Finale unterscheidet sich dann jedoch auch wieder stark, denn nachdem die Übertragung abbricht und Dierker mit den drei Freunden allein im Saal ist, passiert folgendes:

    Spoiler anzeigen

    Ein lauter Knall zerreißt die angespannte Stille.

    Aus dem Augenwinkel sehe ich Darko, wie er mit gezogener Waffe aus dem Hintergrund tritt.

    Auch dieser Teil des Plans ist also aufgegangen…

    Wobei…

    Dierker steht noch immer. Ich sehe kein Blut auf seinem weißen Anzug… nicht der geringste Kratzer.

    Dabei war ich eigentlich sicher, dass ihn ein Meisterschütze wie Darko auf diese Distanz genau zwischen die Augen treffen würde.

    „Neeeein!“, höre ich auf einmal nahezu zeitgleich den Aufschrei von Wizard und Enigma.

    Dann sehe ich wie in Zeitlupe die blauen Splitter umherfliegen… die Splitter des Kristalls, der noch in Wizards Hand von Darkos Kugel getroffen wurde und in tausend Bestandteile zersplitterte.

    Für einen Moment richten sich alle Blicke auf Darko.

    Enigma, Wizard, Dierker und ich… wir alle sind plötzlich vereint in unserer Fassungslosigkeit und unserer Wut auf Darko.

    „Du verdammtes Arschloch. Das gehörte nicht zum Plan!“, erlangt Wizard als erster von uns wieder seine Sprache zurück. „Warum… warum hast du das gemacht?“

    Darko lässt sich genüsslich viel Zeit, als er mit der Waffe auf uns zuschlendert… so, als würde er den Anblick unserer überraschten Gesichter regelrecht genießen.

    „Warum?“, fragt er uns schließlich, so, als ob die Antwort längst offensichtlich sein müsste. „Ihr wollt ernsthaft wissen, warum? Wisst ihr denn nicht, was die drei Phasen sind, die ein jeder durchmachen muss, der den Kontakt mit dem Reinkarnator überlebt?

    Phase eins: Desillusionierung. Alles, was man je zu wissen geglaubt hat, wird über Bord geworfen… man muss sich ein komplett neues Weltbild erstellen, basierend auf den vielen neuen Eindrücken, die man durch den Rückblick in seine früheren Leben gewonnen hat.

    Phase zwei: Weiterleben. Allmählich legt sich der Schock, man richtet sich in seinem neuen Leben ein… und man beginnt, sich verantwortlich zu fühlen… man meint, etwas tun zu müssen… diese Erfahrung auch anderen Menschen zu ermöglichen… sie wachzurütteln, oder zu missionieren, oder was auch immer.“

    Während er diese Worte spricht, schaut er melancholisch auf die überall auf dem Boden verstreut herumliegenden Kristallsplitter, die allmählich in sich selbst zusammenzufallen scheinen.

    „Phase drei: Die Erkenntnis. Die Erkenntnis, dass das Universum ein wunderschönes, perfekt abgestimmtes Uhrwerk ist. Alle Räder greifen ineinander. Jeder Mensch macht die Erfahrungen, die er machen muss, so oft, wie er sie machen muss. Und wenn er danach scheinbar alles wieder vergisst und im nächsten Leben wieder ohne Erinnerungen auftaucht… dann waren diese Erfahrungen einfach noch nicht intensiv genug. Dann braucht er eben noch mehr.“

    „Noch mehr Kriege? Noch mehr Gewalt? Noch mehr sinnloses Blutvergießen?“, schimpft Wizard, ohne noch länger über die Waffe nachzudenken, die Dierker auf ihn gerichtet hat. „Noch mehr Behinderung? Noch mehr Krankheit?“

    „Ja…“, erwidert Darko. „Noch mehr davon, wenn es nötig ist. Du als Telespielfan müsstest es doch am allerbesten verstehen. Wenn du einen Cheat eingibst und einige Spielstufen überspringst, siehst du irgendwann auch das Ende. Aber es ist nicht das selbe. Nicht das selbe, wie wenn du geschwitzt und geweint hast und tausend Tode gestorben bist, bis du endlich den Abspann zu sehen bekommst.“

    „Wer bist du, dass du dir das Recht herausnimmst, das für alle anderen Menschen zu entscheiden?“, regt sich Enigma auf, die scheinbar kurz davor steht, Darko einen Pfeil zwischen die Augen zu jagen. „Bist du jetzt Gott oder sowas?“

    „Ich hab nur den Programmcode gesehen… ich weiß jetzt, warum das Spiel entwickelt wurde.“, antwortet Darko. „Wenn es sich für euch immer noch wie ein Gefängnis anfühlt… wie ein fehlgeschlagenes Experiment, das möglichst schnell beendet werden sollte… dann habt ihr nichts von dessen Schönheit begriffen. Die Schönheit, wie alles ineinander greift… wie Menschen sich lieben, und irgendwann wieder hassen, wie sie sich töten, und zerstören und neu aufbauen, und wieder bedrohen, und doch auch wieder lieben.“

    Er tritt noch näher an uns heran, und flüstert beinahe, so, als wären seine Worte ein kostbares Geheimnis, das niemand außerhalb unseres erlauchten Kreises je zu hören bekommen soll

    „Habt ihr nicht gemerkt, wie sehr euch schon das Wissen über die paar lausigen Leben, die ihr geführt habt, verändert hat… wie es euch gutgetan hat… wie es euer Denken verändert hat…

    Jetzt stellt euch Millionen und Abermillionen von Leben vor, die alle ineinandergreifen, wie ein lebendiger Organismus. Ist es nicht ein Wunder? Ist es nicht große Kunst, die man einfach nur beobachten möchte, immer und immer wieder…

    Wenn ihr zu sehr mitfühlt mit den Elementen dieses großen Kunstwerks, dieses gewaltigen kosmischen Mosaiks… dann habt ihr einfach noch nicht genügend Abstand… dann seid ihr immer noch zu dicht dran an allem.“

    Dierker blickt ihn zähnefletschend an… unschlüssig, ob er nun lieber zuerst uns, Darko oder sich selbst eine Kugel in den Kopf jagen soll.

    „Du verdammter Narr…“, flucht er schließlich verächtlich. „Weißt du, was du da alles zerstört hast? Wir hätten dein verdammtes Wunder bewundern können, und gleichzeitig hätten wir noch darüber herrschen können… und unsere Ahnen hätten noch in tausend Jahren Freude an diesem Wunder empfinden können.“

    Doch dann fängt sich Dierker wieder, so, als hätte er sich auf Knopfdruck dazu entschieden, angesichts unserer Übermacht besser doch wieder in die Rolle des kompromissbereiten Politikers zu schlüpfen.

    „Aber schön… dann bist du jetzt eben erleuchtet, und wir sind alle Buddhas und Boddhisatvas und haben uns wieder lieb.“, meint er beschwichtigend und lässt seine Waffe langsam zu Boden sinken, während er vorsichtig den Rückzug antritt. „Wenn du die Komplexität von allem verstanden hast, weißt du sicher auch, dass ich damals tun musste, was ich tat, genau wie ihr anderen auch. Keinen Grund, noch Groll gegeneinander zu hegen. Und unsere Ahnen werden…“

    „Deine Ahnenlinie endet hier.“, entgegnet Darko kalt. Dann schießt er eine volle Ladung Blei direkt zwischen Dierkers Beine.

    Ich sehe das Blut, und wie sich der verhasste Nazi schreiend am Boden windet.

    „Warum… warum…“, keucht er mit schmerzverzerrtem Gesicht. „Ich dachte du… du wärst jetzt voller… Mitgefühl und so’n Scheiß…“

    „Bin ich auch.“, meint Darko, und legt den Lauf seiner Pistole sanft auf Dierkers Stirn. „Ich hab Verständnis für dich. Du bist eine junge Seele… hast zwar viele Leben gelebt, aber noch längst nicht genug. Ich geb dir die Chance, dich weiterzuentwickeln.“

    Dann drückt er ab, und Dierker sackt tot in sich zusammen.

    Im Hintergrund sehe ich Lichter von zahllosen Taschenlampen durch das Dunkel dringen.

    Da rückt ein komplettes Sondereinsatzkommando an…

    Wie es aussieht, war es das wohl. Vielleicht werden sie uns nicht gleich killen, wenn sie mitbekommen haben, was Dierker für ein Schweinehund war. Aber so schnell werden wir wohl alle die Freiheit nicht mehr wiedersehen.

    Es sei denn… es sei denn natürlich, wir stehen auf, richten unsere Waffen auf die armen uniformierten Seelen und sterben in einem heroischen Feuergefecht, wie es sich für echte Anarchisten gehört.

    Ich sehe es schon vor mir… wie der vorlauteste des Kommandos uns durch sein Megaphon auffordert, die Waffen wegzulegen… wie Darko ihn mit einem Lächeln ins Nirwana schickt, um ihm eine Chance zu geben, in seiner Entwicklung voran zu kommen.

    Wie daraufhin auch Enigma, Wizard und ich das Feuer eröffnen werden, und wie wir schließlich umgeben von splitterndem Holz und dem beißenden Qualm der Rauchgranaten einer nach dem anderen im Kugelhagel untergehen.

    Gerade, als ich meine Maschinenpistole schussbereit auf den blendend grellen Lichtkegel richte, vernehme ich auch einmal eine aufgeregte, knarzende Stimme aus dem Sprechfunk der anrückenden Spezialeinheit.

    „Feuer einstellen! Zielobjekt wurde bereits neutralisiert. Ich wiederhole: Zielobjekt neutralisiert. Die Jungs und das Mädel gehören zu uns. Nicht schießen!“

    „Roger.“, bestätigt eine andere Stimme, während ich ungläubig die Hand vor die Augen halte, um im grellen Gegenlicht wenigstens ein bisschen etwas erkennen zu können.

    Da sind mehrere schwerbewaffnete, maskierte Gestalten… doch anstatt wie erwartet auf mich und die anderen zu feuern, senken sie die Waffen nahezu gleichzeitig wie auf Kommando.

    Dann tritt aus ihren Reihen humpelnd eine vertraute Gestalt mit Krückstock und einem in einer Schlaufe hängenden, bandagierten Arm hervor.

    Auch wenn er die Haare nach hinten gegelt hat und schwarze, zu seiner militärischen Kleidung passende Tarnbemalung im Gesicht trägt, erkenne ich sofort, dass es sich bei unserem Retter um Alidjan handelt.

    „Alidjan, du lebst!“, entfährt es Wizard und Enigma nahezu gleichzeitig, und beide senken erleichtert ihre Waffen.

    Noch während sie reden, stürmt ein gutes dutzend schwer bewaffneter Spezialkräfte an uns vorbei, um das Gebiet zu sichern und Dierker und dessen gefallenen Handlanger zu entwaffnen und auf eventuelle Lebenszeichen zu untersuchen.

    „Wie… wie hast du… wie hast du das gemacht?“, stammele ich ratlos, mehr zu mir selbst als an Alidjan gewandt.

    Ich meine, wir hatten immerhin noch vor wenigen Minuten Geiseln bedroht und einen prominenten Politiker abgeknallt. Schwer vorstellbar, dass irgendein uniformierter Befehlsempfänger uns in diesem Schauspiel ernsthaft für die Guten halten würde.

    Aber Alidjan lächelt nur, hinkt ein paar Schritte auf uns zu und meint dann mit gespieltem Pathos:

    „Gut gemacht, Jungs. Ihr habt unser Land nicht enttäuscht.“

    „Auch ich bin beeindruckt, Mr. Smith.“, meldet sich ein neben Alidjan stehender, deutlich älterer Geheimdienstler mit Glatze und martialischem Outift zu Wort… ganz offensichtlich sowas wie der Leiter dieses ungewöhnlichen Einsatzes.

    „Auf die Informationen des Mossad ist also immer noch verlass. Ich hatte es ehrlich gesagt nicht für möglich gehalten, dass ein Sesselpupser wie Gruber in solch finstere Machenschaften verwickelt ist.“

    Mit diesen Worten streckt der Einsatzleiter Alidjan auffordernd seine kräftige, wettergegerbte Hand entgegen.

    „Danke, Mr. Smith, für die gute Zusammenarbeit.“

    Alidjan schlägt ein wenig verlegen wirkend ein.

    „Keine Ursache, Sir. Der Staat Israel hat selbstverständlich ein großes Interesse daran, dass in Deutschland nie wieder die Faschisten an die Macht kommen… ganz gleich, unter welchen Masken sie sich auch verstecken mögen.“

    Er zögert kurz, dann fügt er mit einem verschwörerischen Lächeln hinzu: „Genau, wie ihr Kanzler wohl ein großes Interesse daran hat, wiedergewählt zu werden.“

    „Die letzten Umfrageergebnisse waren in der Tat besorgniserregend.“, gesteht der Agent. „Da kam uns die Anfrage aus Israel bezüglich Gruber gerade recht. Ich würde sagen, das nennt man dann wohl eine win win-Situation.“

    Inzwischen haben auch Wizard, Enigma und ich Alidjan erreicht.

    „Schalom, Bruder.“, meint Wizard als erstes, um unsere Tarnung nicht unnötig zu gefährden. „Wir dachten schon, es hätte dich erwischt.“

    „Schalom, Bruder.“, begrüßen schließlich auch Enigma und ich unseren totgeglaubten Mitstreiter. „Wie hast du uns so schnell finden können?“

    „Hiermit.“, erwidert Alidjan, und reißt mir aus der Jacke ein Fetzen Stoff heraus, an dem sich ein kleiner Knopf befindet, der mir bislang noch gar nicht aufgefallen war.

    „Sorry, Kleiner, Vertrauen ist gut, aber Kontrolle ist besser. Daher habe ich dich vorsorgehalber verwanzt. Ich war also immer im Bilde, wo ihr euch befindet, und was ihr so plant. Dann musste ich nur noch meine alten Kontakte beim Geheimdienst reaktivieren… die haben ein bisschen Recherche betrieben… und als sich alles, was ich ihnen erzählte, bestätigt hat, waren sie auf einmal überraschend kooperativ.“

    „Es geht eben nichts über Beziehungen.“, meint Wizard noch immer sichtlich erleichtert, ehe im Hintergrund vier zugedeckte, doch eindeutig bereits volle Leichensäcke von draußen in die Halle gekarrt werden.

    Alidjan streckt uns auffordernd seine Hand entgegen.

    „Ach ja… könnte ich vielleicht eure Masken haben? Schließlich haben ein paar Millionen Menschen eure Show verfolgt. Wir sollten sicher stellen, dass keiner von denen auf die Idee kommt, dass ihr die Schießerei am Ende überlebt haben könnten.“

    „Natürlich.“

    Wir überreichen Alidjan die Masken, die er daraufhin sogleich an den neben ihm stehenden Einsatzleiter weiterreicht.

    „Also, sie wissen was zu tun ist… präparieren sie alles so wie ausgemacht. Man sieht sich vielleicht bei der nächsten Krise.“

    Alidjan winkt dem Kerl zum Abschied noch einmal zu, und will sich schon gemeinsam mit uns auf den Weg machen, als der Einsatzleiter ihn noch einmal zu sich zurückruft.

    „Da wäre noch eine Kleinigkeit, Mr. Smith…“, meint er und fährt sich mit der Hand nachdenklich über die Glatze. „Ich meine, ich will nicht respektlos erscheinen angesichts der tadellosen Leistung, die sie und ihr Team hier abgeliefert haben. Aber, verzeihen sie die Frage… finden sie es nicht ein bisschen extrem, nun auch schon halbe Kinder für solche Einsätze heranzuziehen?“

    „Wieso?“, erwidert Alidjan. „Die sind am unauffälligsten. Keiner traut ihnen etwas zu. Keiner denkt, dass sie was vom Leben verstehen. Die perfekte Tarnung, meinen sie nicht auch?

    Davon abgesehen sind sie leicht zu begeistern, und mindestens ebenso leicht zu ersetzen.

    Das haben wir alles von unseren Feinden gelernt. Wie so vieles.“

    Er möchte weiter gehen, doch der Glatzkopf packt ihn unsanft am Arm:

    „Hören sie, Mr. Smith, oder wie immer sie auch heißen mögen… ich mache diesen Job lange genug, um zu erkennen, wenn jemand ein doppeltes Spiel spielt. Und das Spiel, das sie hier spielen, ist mega-faul. Keine Ahnung, wie sie den Mossad auf ihre Seite bekommen haben. Aber sie haben die genauso unter Druck gesetzt wie uns, nicht wahr?“

    Alidjan zuckt mit den Schultern und setzt sein unschuldigstes Lächeln auf.

    „Wissen sie… jede Nation hat ihre Leichen im Keller. Leichen, von denen keiner möchte, dass sie jemals wieder ans Tageslicht gelangen.

    Auf einen Holocaust, über den öffentlich berichtet wird, kommen mindestens zehn Holocauste, an die sich keiner mehr erinnern möchte. Es ist letztlich nur die Gabe des Vergessens und Schönredens, die unsere Systeme am Leben erhält. Würde sich jeder von uns an alles erinnern, was jemals geschehen ist… dann würde alles zusammenbrechen. Denn mit dem Wissen, auf welch ungeheuren Leichenbergen unsere gesamte Zivilisation aufgebaut ist… mit diesem Wissen würde kein Mensch mehr Teil dieser Zivilisation sein wollen.

    Wenn ich ihnen einen guten Rat geben darf: Genießen sie ihr Nichtwissen. Gehen sie nach Hause zu ihrer Familie, und erzählen sie ihren Kindern, dass ihr Daddy wieder einen üblen Ganoven eingebuchtet hat. Spielen sie ihr Spiel weiter.“

    Mit diesen Worten reißt sich Alidjan von ihm los, und wirft ihm einen mahnenden Blick zu.

    „Und stellen sie keine Fragen mehr, deren Antworten sie nicht im geringsten ertragen könnten.“

    Als wir zu fünft hinaus auf die Straße treten, ist der Himmel vom vielen Blaulicht und den Scheinwerfern taghell erleuchtet.

    Niemand behelligt uns mehr, und als uns doch einmal zwei Uniformierte bemerken und komisch anschauen, winkt Alidjan nur kurz mit seinem Ausweis, und sie senken ihre Blicke wieder.

    „Drüben ist ein Wagen. Der bringt uns… keine Ahnung… wohin auch immer ihr möchtet.“, sagt Alidjan, während er sich mit einem Tuch die Tarnbemalung vom Gesicht reibt.

    „Ich geh wieder nach Hause.“, sagt Darko.

    „Zu Helga in den Keller?“, fragt Enigma, die sich zweifellos gemütlichere Orte vorstellen konnte.

    „Diese Welt und ich… wir können nicht so gut miteinander. Wenn ich oben bleibe, gibt es ein Blutbad.“

    Darko löst sich von den anderen und tritt dann kurz an meine Seite, um sich zu verabschieden.

    „War nett, Mariechen… fast wie damals im Wald. Pass auf dich auf.“

    Ich muss schmunzeln, in Anbetracht der Tatsache, dass ich damals ein wenig in diesen finsteren Jungen verliebt war. Jetzt bin ich ein Kerl, und er geht auf die fünfzig zu.

    Irgendwie wüsste ich jetzt gar nicht mehr, was ich mit ihm anfangen sollte… außer Fallen bauen und Nazis jagen.

    „Du auch, Darko.“, sage ich schließlich. „Willst du nicht noch ein Stück mit uns mitfahren? Wir können dich auch hinfahren, wenn du willst.“

    Aber er winkt ab.

    „Ist nicht nötig. Ich gehe durch den Wald.“

    „Klar.“, erwidere ich, und schaue ihm zu, wie er auf die andere Straßenseite wechselt und dann hinter einem der Büsche des nahen Parks verschwindet.

    „So ein beschissener Idiot!“, flucht Wizard, noch immer sichtlich verärgert darüber, dass Darko den Reinkarnator zerstört hat. „Wenn er nicht die Nerven verloren hätte, dann wären wir jetzt frei UND hätten den Reinkarnator.“

    „Schon vergessen? Wir brauchen das verdammte Ding nicht, um zaubern zu können.“, tröstet ihn Enigma.

    „Wir vielleicht nicht… aber was ist mit den anderen? Mit den vielen Menschen da draußen, denen wir mit unserer Show eine leise Ahnung davon vermittelt haben, was alles gewesen sein könnte… wie viel ihnen abhanden gekommen ist…“

    „Vielleicht...“, mischt sich nun auch der vor uns laufende Alidjan in die Unterhaltung ein, und zündet sich fast schon gewohnheitsmäßig einen Joint an. „Vielleicht hat Darko nicht die Nerven verloren. Vielleicht hatte er ja wirklich Recht. Die reinste Form der Erkenntnis ist die, die man sich selbst erarbeitet hat. Jeder Mensch sollte das tun. Und wenn er tausend Leben dafür benötigt… dann ist es eben so. Es ist nur eine Frage der Zeit… irgendwann ist jeder eine alte Seele, und dann werden sie es verstehen. Und zwar aus eigener Kraft.

    Wir hingegen… wir haben gecheatet. Und jetzt haben wir das komplette Spiel gesehen, wir haben überlebt, und wir sehen den Abspann laufen… aber wir können uns irgendwie nicht so recht darüber freuen. Stattdessen verschwenden wir viel zu viel Zeit damit, über andere nachzudenken, die irgendwo im Spiel feststecken und scheinbar nicht weiterkommen. Wann haben wir das letzte Mal wirklich gelebt, Wizard? Ich glaube, das war noch bevor wir mit dem Reinkarnator in Kontakt gekommen sind. Damals im Waisenhaus, als wir noch dumm und schwach waren. Aber irgendwie hatten wir da das Gefühl, dass noch so vieles vor uns lag. Heute schauen wir doch nur noch auf alles zurück, wie ein paar Knacker im Altersheim, und vertreiben uns die Langeweile mit Videospielen.“

    „Weiß nicht…“, entgegnet Wizard nachdenklich. „Ich hatte schon auch Spaß. Etwa an dem Abend mit Clyde, als wir ihn den Prüfungen unterzogen haben… War total lustig, wie er panisch mit der Wasserleiche herumgekämpft hat und dachte, ich würde gleich absaufen.

    Oder als wir später zu viert am Tisch saßen und uns aus unseren früheren Leben erzählten.

    Ohne den Reinkarnator hätten wir das alles nie erlebt, nicht wahr? Wir säßen jetzt vielleicht alle im Knast, weil sie uns zum wiederholten Mal beim Dealen erwischt hätten.

    Ich will nie wieder unwissend sein, Alidjan. Niemals wieder.“

    Wir haben den Wagen fast erreicht, als ich von der Seite her Enigmas Stimme vernehme.

    „Was ist mit dir, Clyde? Du wirst irgendwie von Tag zu Tag schweigsamer.“

    „Findest du?“, antworte ich wie ferngesteuert. „Ich bin einfach nur müde. Mein Kopf dröhnt wie verrückt. Und ach ja, meine Seele hängt zwischen mindestens zwei verschiedenen Leben fest. Ich kann nichtmal mehr sagen, wer ich bin und wo ich hingehöre.“

    „Du könntest zu uns gehören.“, meint Enigma und hakt sich bei mir unter. „Noch ein weiteres Leben lieben und kämpfen und alt werden, an der Seite von Menschen, die dich verstehen. Oder willst du lieber zu Darko in den Keller?“

    „Nein, nein.“, schüttele ich hastig den Kopf. „Ich will zu Jenny, zu Duncan… zu meiner Familie…“

    „Die sind schon seit mindestens hundert Jahren tot, Clyde.“, erwidert Enigma mitfühlend.

    „Ich weiß, verdammt, ich weiß.“, fluche ich angepisst. „Aber ich saß vor drei Wochen noch an ihrem Tisch und hab mit ihnen zu Abend gegessen. Gib mir einfach ein bisschen Zeit, ok? Ich muss erstmal… muss erstmal wieder einen klaren Gedanken fassen.“

    Wir steigen in den Wagen, Alidjan startet den Motor.

    „Und wo soll’s dann jetzt hingehen?“, fragt er in meine Richtung gewandt.

    Ich überlege kurz, und entscheide dann spontan, erstmal zu meinen Eltern zurück zu gehen. Also zu meinen aktuellen Eltern.

    Ich habe sie gefühlte zwanzig Menschenleben lang nicht mehr gesehen.

    Auch wenn sie es vermutlich nicht verstehen werden, was in mir vorgeht und was mich die letzten Wochen umgetrieben hat... zum ersten Mal habe ich sowas wie Verständnis dafür, dass sie es nicht verstehen können, und werde mit ihrem Unverständnis jetzt garantiert souveräner umgehen als früher.

    „Du kommst doch zu uns zurück, oder?“, fragt mich Wizard fast ein wenig ängstlich, wie ein Waisenjunge, der Angst hat, seinen gerade erst neugefundenen Familienersatz zu verlieren. Aber dann lacht er, und zieht die Handschellen von damals aus seiner Jackentasche.

    „Hier, als kleine Erinnerung… damit du nie vergisst, was uns miteinander verbindet.“

    „Danke, Wizard.“, erwidere ich, und stecke sie mir nachdenklich nach hinten in die Hose. „Danke für alles. Und mach dir keine Vorwürfe, auch wenn ich momentan nicht so glücklich wirke… du hast mich zu nichts gezwungen. Ich wollte es. Ich wollte diese Erfahrung machen, und ich würde es jederzeit wieder wollen. Ok? Keine Vorwürfe, versprochen?“

    Er nickt mir einsichtig zu.

    „Du bist in Ordnung, Clyde. Wirklich. Und zerbrich dir nicht so sehr den Kopf über deine Identität. Du bist nicht nur das eine oder das andere. Du bist von jedem etwas. Und ein Teil von dir… ein Teil von dir gehört auch zu uns. Zu unserer Familie.“

    „Ja.“, bestätige ich nicht ohne Stolz. „Ja, du hast vollkommen recht. Ich bin wohl irgendwie immer noch zu sehr in diesem Denkschema gefangen, dass ich nur eine einzige Identität haben darf, weil ich ja auch nur einziges Leben habe. Aber es ist alles so viel vielfältiger. Und wenn ich mich erst einmal an dieses neue Gefühl gewöhnt habe… dann werde ich höchstwahrscheinlich auf euer Angebot zurückkommen. Also mach dir keine Sorgen.

    Wir werden uns wiedersehen.

    Wir sehen uns alle wieder.“

    ENDE.

    In diesem alternativen Ende wird der Ursprung des Reinkarnators gar nicht erklärt, und auch Alidjan überlebt ganz ohne die Hilfe übernatürlicher Kräfte. Clyde scheint in dieser Version mehr in seinem früheren Leben in Schottland verhaftet zu sein als in der Gegenwart, die Freundschaft zwischen ihm und Wizard scheint hier auch nicht ganz so stark zu sein. Alles in allem ein etwas unbefriedigendes Ende, das zu viele Fragen offen lässt. Aber natürlich ist eine Geschichte wie die, die ich in Reinkarnator erzähle, dermaßen flexibel, dass man sich alle möglichen Enden vorstellen kann. Gerade weil alles so offen ist und theoretisch alles denkbar wäre, ist es mir wohl bei diesem Roman auch besonders schwer gefallen, unter den vielen Möglichkeiten dann diejenigen rauszufinden, die am besten passen.

    Ich hoffe trotzdem, es ist mir einigermaßen gelungen. Falls es jemandem von euch ganz langweilig ist und er sich das alles durchliest, kann er ja mal Rückmeldung geben, ob ihm eine der deleted Scenes besonders gefallen hat, und ob er vielleicht sogar irgendeine besser fand als die, die ich dann tatsächlich verwendet habe.