Beiträge von Lonewolf

    Wieso sollte sexuelle Neigung mit einer bestimmten Weltanschauung einhergehen? Schwulsein hat nichts mit gewählter Nonkonformität zu tun, sondern ist schlicht 'Schicksal'. Es gibt konservative, rechte und linke Schwule, und ich schätze, alle werden ihre jeweilige Haltung für sich begründen können. Seit jeher fragen sich Linke und andere, wieso Menschen gegen ihre eigenen Interessen wählen. Vielleicht muss man einfach anerkennen, dass Interessen bzw. Prioritäten etwas höchst Subjektives sind - eine Weidel weiß schon, wieso sie für sich einem rechtslibertären Weltbild anhängt und ihre persönlichen Privilegien am besten absichert. Dementsprechend würde ich die sexuelle Neigung jetzt nicht zum Ausgangspunkt politischer Überlegungen machen.


    Was die Religiosität angeht: Frag doch mal Lissaminka, wie hartnäckig und schwer zu überwinden religiöse Prägungen aka Gehirnwäsche sind, auch wenn man selbst hochreflexiv ist - man kommt eben nicht einfach davon los. (Irrationale) Wünsche nach Zugehörigkeit sind eben oft stärker als nüchterne intellektuelle Überlegungen. Ähnlich verhält es sich mit Familien- und Kinderwunsch. Wieso sollten homosexuelle Menschen hiervor ausgenommen sein?


    Stichwort Leihmutterschaft: und wieder der platte libertaristische Reflex. Regeln sind eben auch dazu da, Menschen zu schützen. Das kann man ablehnen, nur sollte man eben ein weiteres Mal sein unterkomplexes, rein negatives Freiheitsverständnis hinterfragen. Ja, man kann auch hier im konkreten Fall überlegen, ob und welchen Bedingungen hier Verbote aufgehoben werden sollten. Aber nicht auf dieser platten 'der böse Staat hat sich nicht einzumischen' Schiene - hier landet wieder ganz schnell im rechtslibertären Lager, dem wohl auch viele Schwule anhängen, die überraschenderweise das freie Ausleben ihrer Sexualität durchaus im Einklang mit rechten Positionen nach ihrem Verständnis sehen.


    Das ist ziemlich viel Text für die Kernaussage : "Ich habe keine Ahnung von Theorie und bin zu faul, mir das anzulesen" :bla:


    Natürlich hast du völlig Recht damit, dass Originalität nicht darin besteht, möglichst viele Fußnoten zu sammeln. Philosophie ist keine Zitiermeisterschaft. Gute Gedanken können auch von Menschen kommen, die wenig gelesen haben.

    Nur: Du verwechselst hier Originalität mit Unabhängigkeit von Theorie. Theorie ist ein Werkzeug, mit dem man die eigenen Ansichten überprüfen und schärfen kann. Es wäre eben ziemlich dämlich, darauf zu verzichten, nur weil man meint, dadurch 'eigenständiger' oder 'origineller' zu sein - das ist so wie bei Christopher McCandless aus 'Into the Wild', der ohne Karte in die Wildnis geht, um dort Pionier zu spielen, und dann dort unnötigerweise umkommt.


    Philosophie produziert nicht einfach Antworten, sondern bessere Fragen. Wie entstehen Identitäten überhaupt, wie produzieren soziale Verhältnisse unsere Denkmuster? Kannst du überhaupt definieren, was Postmoderne bedeutet? Wieso übernimmst du diesen Begriff denn überhaupt? Er ist Teil einer philosophischen Debatte - wieso übernimmst du ihn dann wie selbstverständlich?


    Man muss das hier wirklich herausstellen, weil es kennzeichnend ist: Du meinst, dich außerhalb bestehender Diskurse stellen zu können, weil du ja 'selbstständig denkst', übernimmst aber vollkommen unreflektiert einen hochproblematischen Begriff aus einer philosophischen Debatte. Und dass es gerade der Begriff der Postmoderne ist, ist hier ziemlich ironisch - gerade der Diskurs, der dir aufzeigen könnte, wie deine eigene Denkweise unbewusste Voraussetzungen zum Ausdruck bringt, entgeht dir, weil du dich nicht für theoretische Grundlagen interessierst. Das ist in etwa so, als ob du dein Essen im Supermarkt kaufst und gleichzeitig jedem erzählst, dass du Selbstversorger bist.😄


    Wir übernehmen permanent unbewusst Begriffe, Problemstellungen und Denkfiguren - Philosophie in der 'Postmoderne' heißt gerade, sich diese Voraussetzungen zu vergegenwärtigen.


    Das Problem mit deiner angenommenen Originalität ist eben, dass sie nicht besteht. Staat macht Menschen unmündig (anarchistische Denktradition), Schule produziert Gehorsam (Foucault, Freire), Menschen müssen sich innerlich verändern (Fromm, Bookchin), Konsum erzeugt Herrschaft (Marcuse, Debord), etc. Philosophie heißt nicht, Debatten völlig neu zu beginnen, sondern ausgehend von vorhandenen Denkansätzen weiter zu denken. Das ist das Revolutionäre, das tatsächliche 'out of the box'-Denken, sei es bei Kant, Foucault oder Marx.

    Du redest von Postmoderne, dann hab ich hier einen postmodernen Gedanken für dich: Wie kannst du wissen, dass deine Kategorien überhaupt deine eigenen sind? Genau das ist Ideologie, also das, was du anderen vorwirfst.


    Wenn Menschen seit Jahrhunderten über Freiheit, Macht oder Erziehung streiten, dann deshalb, weil dabei immer wieder bestimmte Denkfehler, Sackgassen oder blinde Flecken auftauchen. Wer diese Debatten kennt, übernimmt nicht einfach fremde Meinungen, sondern erspart sich, dieselben Irrwege noch einmal zu gehen. Originalität entsteht deshalb nicht dadurch, dass man alles neu denkt, sondern dadurch, dass man auf dem aufbaut, was bereits gedacht wurde, und es weiterentwickelt.


    Du willst Dinge 'aus einem anderen Blickwinkel betrachten'. Exakt das tun große Philosophen, aber: Sie verändern dabei nicht nur die Antworten, sondern die Begriffe. Foucault verändert den Begriff von Macht. Marx verändert den Begriff von Arbeit. Butler verändert den Begriff von Geschlecht. Illich verändert den Begriff von Schule.

    Bei dir hingegen finden sich nur Begriffe des Alltags, herrlich unscharf und unreflektiert. 'Freiheit', 'Eigenverantwortung', 'Herdendenken', 'höheres Bewusstsein', 'Rückständigkeit' - alles ideologische Floskeln, die je nach Thema ins Rutschen kommen. Mal ist "Eigenverantwortung" das höchste Gut (Drogen, Waffen, Schule), mal wird sie durch kulturelle Zuschreibungen relativiert (Migration). Genau hier würde Theorie helfen – nicht als Zitatensammlung, sondern als begriffliche Präzisierung. Der eigentliche Mehrwert philosophischer Tradition besteht ja gerade darin, dass sie die eigenen Begriffe schärft und ihre verborgenen Voraussetzungen sichtbar macht. Und das bleibt eben dein blinder Fleck.


    Exakt, ich teile deine Schlussfolgerung nicht, da du den zentralen Widerspruch nach wie vor nicht auflöst. Wieso ist es naiv, anzunehmen, man könnte 'rückständige' Menschen aus anderen Kulturen integrieren, aber nicht naiv, zu glauben, man könnte ebenso 'rückständige' Menschen aus der hiesigen Kultur mit mehr Freiheiten konfrontieren, ohne dass dieselben Probleme auftreten würden?

    Wieso können die einen durch mehr Eigenverantwortung dazulernen, die anderen aber nicht? Wieso ist Aufklärung dort vergebens, hier aber zielführend? In fast allen anderen Bereichen kritisierst du Prävention auf Verdacht und forderst stattdessen Eigenverantwortung. Bei Migration akzeptierst du plötzlich genau diese präventive Logik. Warum gilt dein Freiheitsprinzip dort nicht?

    Für jemanden, der anderen gerne Doppelmoral vorwirft, bist du erstaunlich uneinsichtig, wenn es um die eigenen Widersprüche geht.


    Das grundlegende Problem bleibt dein verkürzter Libertarismus: Du bemisst Macht nach wie vor nur an Institutionen und Gesetzen. 'Weniger Staat' schafft aber nicht Macht ab, sondern verschiebt sie nur.

    'Out of the Box' denken ist ein gutes Stichwort, leider leistest du das an keiner Stelle. Deine Theorie enthält fast keine Kriterien, wie entschieden wird, welche Regeln bleiben und welche verschwinden sollen. Wer soll das entscheiden? 'Aufgeklärte, idealistische Menschen' ? Was soll deren Maßstab sein und wer legt den fest?


    Im Moment scheint dieser Maßstab bei dir je nach Thema zu wechseln: Bei Drogen, Waffen oder Schulpflicht soll Eigenverantwortung Vorrang haben, bei Migration dagegen Vorsorge gegenüber möglichen gesellschaftlichen Folgen. Das ist inkonsistent. Und wie schon an anderer Stelle angemerkt: Freiheit entsteht nicht nur durch weniger Regeln, sondern auch durch Bedingungen, unter denen Menschen tatsächlich autonom handeln können. Reine Institutionenkritik ist eben verkürzt, sie mündet in libertäre Ideologie, die blind ist für komplexe Macht- und Herrschaftsverhältnisse.


    Dass es diese Parallelstrukturen ohnehin gibt, ist ja kein Argument gegen die Schulpflicht. Auch wenn Schule nur einen Bruchteil an Kindern erreicht, die zuhause mit Scheiße indoktriniert werden, ist dies ein großer Gewinn.

    Und der Anteil an 'verblendeten Fanatikern ' würde natürlich zunehmen, wenn diese zunehmend freie Hand hätten, ihre Kinder transparenten Strukturen zu entziehen. Es geht ja nicht nur um Wissensvermittlung, sondern um einen sozialen Raum außerhalb des eigenen unmittelbaren Umfelds.

    Es ist im Übrigen interessant, wie du argumentativ hin und her schwankst: Hier ist dein Hauptantagonist der Staat, drüber bei der discord-Debatte sind es zudem verständnislose Eltern. Und regeln sollen das Problem nun 'Idealisten'. Wie gesagt, du konstruierst hier einen falschen Gegensatz. Missbrauch und Fremdbestimmung sind in jedem Szenario denkbar. Im staatlichen Setting bestehen zumindest noch mehr Transparenz und Rechtfertigungszwang.

    Das heißt wie gesagt nicht, dass die moderne Schule nicht kritisiert werden muss. Aber sie erfüllt eben Selektions- und Konditionierungsaufgaben, die der kapitalistische Staat vorgibt. Ohne staatliche Schule würden diese Mechanismen wohl noch viel stärker greifen, bzw. noch mehr Ungleichheit hervorbringen. Mehr Autonomie der Kinder würde jedenfalls nicht entstehen, zumindest nicht ohne gleichzeitig alternative, transparente und kontrollierbare Alternativen zu schaffen, die dies gewährleisten. Insofern ersetzt du einen verhassten Zwang durch andere Zwänge.

    Die Frage ist also nicht: Schulpflicht ja oder nein, sondern: Wie befreien wir Kinder gleichzeitig von Schule, Familie, Markt und religiösen Autoritäten? Wie nehmen wir alle Machtformen in den Blick? Wie ermöglichen wir tatsächlich Autonomie? Und wie gesagt: An wenigen wohlmeinenden Idealisten kann das Ganze nicht hängen. Das Problem ist zu groß und strukturell begründet, daher muss es auch strukturell gelöst werden, wofür es große personelle und materielle Ressourcen braucht.

    Am ausschlaggebendsten für die Wahrnehmung von außerhalb ist eher das vorhersehbare Bedürfnis, sich über radikale Abgrenzung eine Identität zu verpassen, und die Musik fungiert dabei als Schutzraum gegen den Rest der Welt oder als Reaktion auf den Ekel am glatten Konsum-Mainstream.


    Wenn man es wissenschaftlich haben will, wirkt sich Metal nachweislich eher positiv auf das Gemüt aus.


    Wacken ist jetzt freilich nicht meine erste Referenz ;) Aber auch den durchschnittlichen Black-Metal-Fan kann man sich heutzutage eher so vorstellen:

    Es ist zu heiß für Essays :sleeping:


    Aber generell begann die Verteufelung von populärer Musik, die die Jugend gerne hört, natürlich nicht erst dann, als es offen religionsfeindlich oder satanisch wurde. Der Teufel ist ja eher eine Metapher für den Bruch mit gesellschaftlichen und religiösen Normen - es brauchte ihn nicht, um negative Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Unterstellte ausschweifende Sexualmoral, Angst vor schwarzer Gegenkultur (Blues, Jazz), Angst vor weiblicher oder jugendlicher Autonomie, generell Angst vor Kontrollverlust sind die eigentlichen Gründe, wieso Musik in den Fokus von religiösen Autoritäten geraten ist. Welche obskuren Begründungen man da nachschiebt, ist eher sekundär. Kern ist wie so häufig ein Machtanspruch, der sich angegriffen fühlt. Dabei waren viele der Angegriffenen ja weitaus 'zahmer', als es sich ihre Gegner vorstellten.



    Ach ja, und die gleichzeitige Überhöhung von Klassik ist eben wiederum die andere Seite dieses autoritären Elitismus. Auch hier geht's ursprünglich wieder um Macht und Elitendenken. Die reine, höhere Musikform der herrschenden Klassen gegen den Lärm des Pöbels. Auch hier sind später nachgeschobene Begründungen (Klangwellen etc.) eher sekundär.

    Du denkst, irgendwelche neuen oder originellen Gedanken zu haben, die Linken in den letzten 150 Jahren nicht eingefallen sind. Das ist nunmal nachweislich falsch.

    Ich bin mir sehr sicher, dass jeder mögliche Gedanke (außer vielleicht zu neuen Entwicklungen, die die Menschen früher noch nicht kannten) schon einmal von irgendjemandem gedacht worden ist. Dass es Linke gab und gibt, die sehr nah an meinen Vorstellungen dran sind, habe ich nie bezweifelt, und bezweifle ich doch auch überhaupt nicht, wenn ich bestimmte aktuelle Entwicklungen wie den Wokeismus kritisch hinterfrage. Oder wenn ich darauf hinweise, dass autoritäres Denken auch in linken Kreisen verbreitet ist.

    Muss ich dafür jetzt genau wissen, was wer wann irgendwann schon mal gesagt oder gedacht hat? So eine Debatte ist mir viel zu akademisch, und ist auch gar nicht mein Anspruch. Ich schreibe ja hier keine wissenschaftliche Abhandlung, und auch die Unity-Philosophie ist nicht als solche gedacht. Würde ich sowas machen wollen, hätte ich Soziologie, Politologie oder sowas studiert.

    Um was es mir geht, ist bestimmte Dinge vielleicht mal aus einem anderen Blickwinkel, mit anderen Worten oder anderen Schwerpunkten zu betrachten, als dies andere Menschen anderswo schon mal getan haben. Also unkonventionell im besten Sinne zu sein. Auf diese Art lande ich manchmal einen originellen Volltreffer, und manchmal labere ich bestimmt auch einfach nur halbgares Zeug, was irgendwer woanders schon mal viel besser formuliert hat. Who cares? Ich betrachte das nicht als Wettbewerb oder intellektuellen Schwanzvergleich. Ich mach mir einfach nur paar Gedanken und teile diese. Und wenn ich mit diesen Gedanken immer nur komplett falsch liegen würde, würde hier vermutlich längst überhaupt niemand mehr mitlesen.


    Es geht nicht darum, Philosophie oder Soziologie zu studieren, aber wenn man sich mit Gesellschaftstheorie und -kritik befasst, ist es eben von Vorteil, die entsprechenden Blickwinkel, über die man hinausdenken will, überhaupt zu kennen. Vor allem, wenn man politische Lager kritisieren will. Denn die bekommt man tatsächlich am besten dran, wenn man ihre eigene theoretische Tradition zugrunde legt.

    Zudem ist man in der Position, nicht dieselben (Denk-)Fehler wieder und wieder zu machen. Gerade die Geschichte der Linken und der Revolutionäre ist eine Geschichte des Scheiterns und der Fehltritte, und daher auch eine Geschichte der ständigen Reflexion. Gute Ideen tendieren dazu, ins Gegenteil umzuschlagen - zu erforschen, warum das so ist, sollte daher zentraler Bestandteil jeder emanzipatorischen Theorie sein.

    Wenn man annimmt, dass die eigenen Gedanken schon mal gedacht wurden, dann kann man auch davon ausgehen, dass andere vor einem schon dieselben Denkfehler gemacht - und aufgearbeitet haben. Man muss nicht ständig alte Debatten wiederholen - gerade wenn man originell sein will und was neues entwickeln will, muss man an dem ansetzen, was bereits vorhanden ist und diskutiert wurde - genau DAS ist Philosophie seit der Antike.

    Ganz simple Beispiele, all das kommt oft bei dir zu kurz, ist aber Gegenstand einer langen und umfassenden Diskussion:

    Wie unterscheiden wir Herrschaft von Schutz?

    Wie gehen wir mit Macht außerhalb des Staates um?

    Welche Verbote schützen Schwächere?


    Ohne theoretischen Background greift man dann schnell auf Alltagserfahrungen zurück, auf Medienbilder, Einzelfälle, Anekdoten und persönliche Eindrücke. Das wirkt dann 'unideologisch', ist es aber nicht - es ist vielmehr Ausdruck der Blindheit für die eigenen ideologischen Prägungen. Und Theorie ist kein intellektueller Schwanzvergleich, sondern das Gedächtnis früherer Debatten. Wer sie ignoriert, riskiert nicht Originalität, sondern Wiederholung.


    Das muss nicht trocken akademisch sein, und man kann vieles auch sehr anschaulich und lebendig vermitteln. Gerade Foucaults 'Überwachen und Strafen' liest sich teils wie ein Krimi und nicht wie eine akademische Abhandlung.

    denn deine wörtliche Aussage war: Wieso sollten sich Gesellschaften nicht gegenüber Menschen aus bestimmten Kulturen abgrenzen dürfen?

    Es geht um die Abgrenzung einer Gesellschaft gegenüber Menschen, die rückständige Moral- und Wertvorstellungen haben, die mit den Werten dieser Gesellschaft nicht kompatibel sind. Und da sage ich eben, sollte man nicht so naiv sein, zu glauben, dass man beliebig viele dieser Menschen integrieren könnte, ohne dass es die Gesellschaft destabilisiert. Eigentlich doch ein ganz logisch nachvollziehbarer Gedankengang, weshalb ich gar nicht verstehe, wieso du mich dafür unbedingt anprangern oder in irgendeine bestimmte Ecke zu drängen versuchst.

    Ich habe immer darauf hingewiesen, dass man selbstverständlich jeden Menschen individuell bewerten sollte, und dass es nicht darum geht, pauschal jeden Einwanderer aus einem bestimmten Kulturraum als rückständig darzustellen. Mit dem iranischen Dissidenten hab ich genausowenig Probleme wie mit einem homosexuellen Sudanesen oder Frauen, die wegen irgendwelchen Beschneidungsritualen aus ihrer Heimat geflohen sind. Es geht nicht um diejenigen, die aus gutem Grund vor der rückständigen Kultur ihres Umfelds geflüchtet sind, und dieses daher auch kritisch sehen, sondern um jene, die hier herkommen und ihre diskriminierenden oder rückständigen Ansichten zu uns mitbringen und zelebrieren, anstatt sie zu hinterfragen. Also warum unterstellst du mir, dass ich alle über einen Kamm scheren würde und nicht das Individuum sehe, wenn ich doch nur eben gerade sage, dass man genauer hinschauen sollte, wer da kommt, und dass man mehr unterscheiden sollte? Also eigentlich ja das genaue Gegenteil von dem, was du mir hier jetzt vorzuwerfen versuchst.


    Ich könnte jetzt diverse Zitate rauskramen, aber im Wesentlichen geht es um was anderes:

    Es besteht eben ein ziemliches Spannungsverhältnis bzw. ein offener Widerspruch zwischen dem Anspruch, staatliche Regeln aufzuheben, und der Forderung nach Sicherheit. Denn Letzteres ist ja der Kern einer konservativen Befürchtung, die eigene Werteordnung könnte durch Öffnung gefährdet werden. Für Konservative besteht hier kein Widerspruch, da sie ohnehin den Fokus auf Ordnung legen. Bei dir ergibt sich eben das Problem, dass du im Grunde bei allen Themen außer Migration wesentlich weniger vorsichtig bist, was die Forderung nach weniger Kontrolle angeht. Und das ist auffällig. Deshalb ist die Frage durchaus legitim: Warum gilt dein Misstrauen gegenüber Kollektivurteilen bei Waffenbesitzern, Drogenkonsumenten, Jugendlichen oder Homeschooling-Eltern – aber deutlich weniger bei Menschen aus bestimmten kulturellen Milieus? Wieso ist es vertretbarer, Waffen, Drogen und Fahren ohne Führerschein zu legalisieren (übrigens eine tolle Kombination^_^), als bspw. Grenzen zu öffnen? Wieso soll die Schulpflicht abgeschafft werden, wenn gerade Milieuprägung als Problem gesehen wird? Kurz: Wie passen hier Freiheit und Sicherheit zusammen? Wann gibst du dem einen den Vorrang vor dem anderen? Wie viel staatliche Regeln soll es dann überhaupt noch geben, und wofür? Und was ist die Grundlage, um diese Regeln festzulegen?


    Es geht nicht um Psychopathen oder Fanatiker, sondern um die Parallelstrukturen, die sich zwangsläufig herausbilden würden, bzw, haben wir das ja jetzt schon (Koranschulen, völkische Zirkel etc). Und natürlich hat zunächst mal das unmittelbare Umfeld - sprich die Eltern -hier die größte Macht, wenn die Verbindlichkeit eines schulischen Raums wegfällt.


    Das Problem mit den 'mehreren Optionen' besteht ja gerade darin, dass diese Wahlfreiheit bestimmte Dinge voraussetzt: Wissen, Zugang zu Informationen, reale Mobilität, soziale Unterstützung - gerade das sind ja Punkte, die bei Kindern radikal unterschiedlich verteilt sind. Wie willst du hier eine Chancengleichheit herstellen? Mehr Optionen ersetzen diese Strukturen nicht automatisch, sondern verschieben Macht oft in weniger sichtbare Bereiche – eben in die Familie oder in private Milieus, die weniger kontrollierbar sind.

    Schule ist eben immer ein sichtbarer Standard, der klar kontrollierbar bleibt - bei aller berechtigten Kritik an der Rolle, die Schule in kapit. Verhältnissen hat. Machtmissbrauch wird hier schneller erkennbar als in zig Parallelstrukturen. Wie ich anfangs erwähnt habe: Machtkritik heißt nicht nur Institutionenkritik. Das kommt mir hier immer noch zu kurz. Wie willst du Machtmissbrauch verhindern, ohne noch mehr Kontrollinstanzen einzurichten als die, die wir ohnehin schon haben? Ich fürchte, du gerätst hier schnell in ein Paradox - weg von staatlichen Institutionen hin zu mehr unsichtbarer Abhängigkeit.

    Außerdem: Wie verhindern wir noch mehr soziale Spaltung und Elitismus, wenn eine verbindliche Norm wegfällt (also Parallelgesellschaften im Kinderformat)?


    Schule soll so gut werden, dass Kinder freiwillig hingehen - das ist ein toller Gedanke. Aber im Kontext der kapit. Realität sind Schulen immer Institutionen mit bestimmten Funktionen: Standardisierung von Kompetenzen, Zertifizierung (Abschlüsse), soziale Vergleichbarkeit, Selektionsfunktion für Arbeitsmärkte.

    Das werden wir nicht ändern, indem wir eine Schule durch mehrere andere Optionen ersetzen.


    Übrigens ist das genau ein Problembereich, den man mit Foucault-Lektüre besser erhellen könnte, denn da geht's gerade um die Frage, wie sichtbare und unsichtbare Machtstrukturen mit Institutionen zusammenhängen.


    Langsam werden deine Versuche, rhetorische Retourkutschen zu fahren, ziemlich albern. Aber schön, dass du scheinbar eingesehen hast, dass dein Femizid-Vergleich verfehlt war. Ein bisschen lernfähig scheinst du ja noch zu sein.


    Aber der Reihe nach.

    Mein Punkt war nie, dass jede Kritik an Migranten automatisch rassistisch ist.

    Mein Punkt ist vielmehr, dass du an vielen anderen Stellen sehr großen Wert darauf legst, Menschen individuell zu betrachten und ihnen nicht aufgrund statistischer Gruppenmerkmale bestimmte Eigenschaften zuzuschreiben.

    Genau deshalb wundert mich, dass du beim Thema Migration deutlich bereitwilliger von Gruppenmerkmalen ausgehst.

    Wenn du etwa Altersgrenzen, Schulpflicht oder viele Gesetze kritisierst, weil sie individuelle Unterschiede ignorieren, warum solltest du dann bei kulturell geprägten Gruppen weniger vorsichtig mit Verallgemeinerungen sein?

    Natürlich darf man über statistische Auffälligkeiten sprechen. Die Frage ist nur, welche Schlussfolgerungen daraus folgen dürfen. Zwischen der Feststellung eines Musters und der Beurteilung konkreter Menschen besteht ein wichtiger Unterschied.

    Das ist das zentrale Problem: Du positionierst dich ständig gegen Schubladendenken, aber gerade bei einer bestimmten Gruppe - Zuwanderern- machst du hier gerne eine Ausnahme. Das ist ein gängiges Muster bei dir, und lässt sich abseits verinnerlichter rassistischer Denkweisen kaum erklären. Du forderst in fast allen Bereichen maximale Individualisierung der Betrachtung – außer dort, wo es um kulturelle oder migrationsbezogene Probleme geht.


    Würde ich deine Logik auf andere Bereiche übertragen, müsste ich tatsächlich sagen:

    Jemand kommt aus Sachsen ---> bestimmt ein Nazi bzw AfD-Anhänger (statistische Evidenz)

    Jemand ist männlich ---> mit Sicherheit Sexist

    Jemand trägt ein Kreuz ---> homophob


    Deine Rassismusdefinition ist ohnehin zu eng und beschränkt sich darauf, bspw. Menschen wegen ihrer Hautfarbe auszugrenzen. Vielmehr geht es um systemische Zuschreibungen und Vorannahmen über Individuen aufgrund von Gruppenzugehörigkeit. Und aus der Nummer kommst du eben nicht mehr raus, denn deine wörtliche Aussage war: Wieso sollten sich Gesellschaften nicht gegenüber Menschen aus bestimmten Kulturen abgrenzen dürfen? Hier geht es nicht mehr um die Bewertung individuellen Verhaltens, sondern um Diskriminierung aufgrund von Herkunft (bei dir mit dem beknackten Vergleich zu linken Räumen verbunden).


    Zu Foucault: Meine Fresse, lies das Buch! 😄 Es geht um Foucaults Machtkritik, nicht um jeden einzelnen Aspekt des Videos. Aber auch hier wieder mal dieselbe Litanei von dir: Strohmannargumente gegen links.


    Du denkst, irgendwelche neuen oder originellen Gedanken zu haben, die Linken in den letzten 150 Jahren nicht eingefallen sind. Das ist nunmal nachweislich falsch. Zwischen Marx und Foucault liegen über hundert Jahre Theorieentwicklung. Bisschen Namedropping: Foucault, Bourdieu, Butler, Gramsci, Fanon u.v.m. haben erkannt und ausgeführt, dass Herrschaft eben nicht nur ökonomisch funktioniert. Sie sitzt in Schulen, Institutionen, Familie, Sprache, Selbstbildern, Normen.

    Das ist ja die eigentliche Ironie: Würdest du mehr lesen als Harry Potter, würde dir auffallen, dass linke Theorien weitaus näher an deinem Weltbild sind als deine verzerrte Wahrnehmung von 'den Linken'. Vor allem würde sie dir helfen, deine eigenen Positionen präziser, fundierter und treffender zu formulieren, ohne ständig in platte Polemik, Verkürzungen, falsche Gleichsetzungen und Fehlschlüsse abzugleiten.


    Du kommst immer wieder auf das Thema 'menschlicher Bewusstseinsentwicklung' zurück. Ich hab dir mehrfach versucht zu erklären, dass sich diese Entwicklung nur in einem Wechselspiel mit einer Veränderung der materiellen Bedingungen vollzieht. Menschen hatten vor 500 Jahren dieselbe menschliche Natur wie heute. Dennoch gab es Hexenverbrennungen, weitverbreitet Folter und Sklaverei, wenig Demokratie. Warum hat sich das geändert? Nicht weil sich das menschliche Bewusstsein verändert hat, sondern weil sich Institutionen, Bildung, Machtverhältnisse geändert haben. Menschen verändern Gesellschaft. Aber Gesellschaft verändert auch Menschen.

    Und genau deshalb genügt der Verweis auf "Bewusstseinsentwicklung" nicht. Die Frage ist auch: warum 'reifen' manche Menschen und andere nicht? Und hier landen wir wieder bei Familie, Bildung, Arbeit, sozialen Inst., sozialem Status, ökonomischer Sicherheit, Politik, Medien etc., sprich: den materiellen Bedingungen.

    Anders gesagt:

    Deine Theorie braucht am Ende genau die Dinge, die du als zu materialistisch kritisierst. Der Gegensatz zwischen "materiellen Bedingungen" und "Bewusstseinsentwicklung" ist künstlich. Niemand ernstzunehmender behauptet: Erst die Revolution, dann werden die Menschen automatisch gut (eines deiner Strohmann-Argumente). Aber genauso wenig gilt: Erst müssen die Menschen gut werden, dann verändert sich die Gesellschaft.