... für dezembergerechtes Rumgeheule.
![]()
Ich muss nun anmerken, dass ich die Hälfte davon noch in der Nacht von Montag auf Dienstag formulierte, dann wieder zu viel mit Schlafen, Uni, Lethargie und prä-exmatrikulativen Wutausbrüchen beschäftigt war, die mich jetzt dazu verleiten, meinen Schlaf wieder für ein inaktives Schwurblerforum zu opfern und zu hoffen, dass ich bis morgen an einer mir selbst zugefügten Sepsis krepiere, weswegen ich meine Zeitangaben wie "heute" und "morgen", die eigentlich "Montag" und "Dienstag" meinen, nicht mehr ändern werde.
Es haben sich seit meinem letzten Erguss über das Studium und meinen Schlafmangel bislang keine radikalen Veränderungen in meinem Leben ergeben, von dem steigenden Frustpegel oder dem unwiderstehlichen Drang mal abgesehen, euch ach-so-transzendentale Phantasten wieder vollzulabern (Mittwochsedit: Nee, so viel Schreiblaune hab ich jetzt doch nicht, aber was tut man aus lauter Verzweiflung nicht alles), ebenso wie von der Tatsache, dass ich gerade immer noch ziemlich besoffen bin und mir ohnehin jede rücksichtsvolle Hemmung vor eurem Desinteresse an Bodenständigkeit fehlt - here we go:
Beginnen wir damit, dass ich nicht in das Zeitschema dieses Planeten passe. Jeder einzelne Tag ist zu kurz, ich schlafe zu wenig, ich verbringe zu wenig Zeit mit meinen Studieninhalten und mir fehlt insbesindere die Zeit für meine Gedanken und alles, das diese nachhaltig nähren könnte - inklusive Büchern oder dieses Forums (wobei die Archive meinen erwähnten Anspruch aus Konsumentensicht stärker erfüllen), aber mir fehlt bei euren Themen ehrlich gesagt jeder Anreiz, mich zu beteiligen (Mittwochsedit: es ist 4 Uhr, natürlich hab ich morgen wieder Uni und bin missmutig dabei, mir den morgigen Tag zu zerschießen, indem ich einfach nicht schlafen geh - nun hab ich gestern schon geschwänzt, aber wenn ich euch den Text nicht heute noch auskotze, wird das bis nächste Woche wieder nix, oder bis zur übernächsten, wenn ich mich an den Vodka rantrau - Alkohol ist ja so kuhl, bisher ging's mir am nächsten Morgen immer richtig glänzend, ich muss das weiter erforschen).
Nicht in seiner Natur existieren zu dürfen, sondern zwangsweise geistig beschäftigt gehalten zu werden, ist dem Tode gleichzusetzen, was zur Folge hat, dass ich zurzeit a) vor lauter WINTERDEPRESSION kaum noch an zwei, drei Tagen die Woche Morgens aus dem Bett krieche, um mich zur Uni zu schleppen (deswegen ist es scheißegal, übrigens, dass ich mich an einem Montagabend so besaufe, dass ich die Dienstagsvorlesungen VERGESSEN kann), jeder zweite Abend in Wut- und Verzweiflungsausbrüchen endet, ich die Menschen in Mitleidenschaft ziehe, denen das ungerecht gegenüber ist, und b) der ECHTE Tod wieder einen signifikanten Raum in meinen Gedanken einnimmt, was euch wiederum beruhigen darf, weil bekanntlich niemand mit ernstzunehmendem Suizidwunsch vorher so viel darüber kläffen, sondern allerhöchstens stolz über die Meilensteine der Emoskala, inklusive aller Elemente der Aufmerksamkeitsleiter von kitschigen Deprisongs über Schwänzen und Saufen, bis hin zum Ritzen und naiv auf ne Sepsis hoffen, prahlen würde.
Der Zeitmangel ist mein aktuell größtes Problem, das mich eines impulsiven Abends eigenhändig exmatrikulieren wird. Ich bin halt zu bodenständig und unbegabt, um mich wochenlang exzessiv in der Mathematik vergraben und mein Seelenheil in ihr finden zu können, und ich ahne, dass ein anderer Studiengang nichts daran verändern würde, solange ich konzeptionell nur glücklich sein kann, wenn mir täglich noch einige Stunden für meinen Rechner, meine Gedanken und meine Bücher und Texte zur Verfügung stehen.
Auch Camus hat mich letztes Wochenende nicht erlöst, mir jedoch hübsches, existentialistisches Kontrasprogramm geliefert, das ich in meiner WG (gleich mehr dazu) bitter nötig habe. Mersault lebt in der Wahrheit seines Moments, in seiner absurden Gegenwart, ohne moralische Staffage, und das macht ihn unbrauchbar für diese Welt. Natürlich reizt mich seine Kapitulation vor der Sinnillusion.
Völlig konträr dazu steht doch leider Gottes mein erbärmliches Scharwenzler-Dasein innerhalb meiner WG, dem sozialantropologischen Unfall mit ihrem mir übergestülpten Sozialleben und mindestens drei extrem pathologisch verhaltensgestörten Mädels, in der alle so christlich, so selbstverständlich davon ausgehen, dass man jede Mahlzeit fröhlich in Gemeinschaft speisen, bei jeder Gelegenheit dieselben, allesamt gleich klingenden LOBPREIS-Lieder mit Akkordbegleitung auf Grundschulniveau singen (mit meiner radikalen Gegenmaßnahme, mir im Zimmer beliebigen Metal als Kompensations- und Verdrängugsmethode in mein Trommelfell zu jagen), auf jede angebotene, christliche Veranstaltung/Freizeit/Mission/Gottesdienst/Jugendstunde/WHATEVER gehen und sein Wochenende oder seine Sozialkontakte mit NICHTS ANDEREM als seiner eigenen Spezies füllen möchte, und letztlich in jede noch so gewöhnlich formulierte Frage seine bis zum Erbrechen trainierte Fähigkeit einsetzt, alles in einer geistlichen GOTTES- und GLAUBENShinsicht zu beantworten. Es scheint möglich zu sein, sich eine Geisteshaltung so tiefgreifend zu seiner eigenen Identität zu verklären, dass man nichts anderes mehr benötigt. Die eine hier z. B. hört keine Musik, liest keine Bücher und schaut allerhöchstens noch Dokumentationen. Wenn sie spricht, beschleicht mich bereits beim Anblick eine kaum erträgliche Empfindung an Mitleid und Scham, wenn ihre Stimme in jedem zweiten Wort vor fürchterlichster Introversion dysphonisch wegbricht und ich dreimal nachfragen muss, um sie akustisch zu verstehen. Das zarte Seelchen musste sich seine Ohren zuhalten, als meine Vermieterin mal von ihrem Hardcore-anthroposophischen Großvater erzählte, welcher wohl wie ein geistlicher Weiser in seiner abgeklärten Traumwelt lebte und mit niemandem mehr sprach. Die nächste hat Tics ohne Ende, war bis vor kurzem die älteste hier, und übertrifft erstere an Gehalt- und Gedankenlosigkeit nochmal meisterhaft. Es grenzt an psychischem Missbrauch, mir zuzumuten, ihr bei wärmeren Temperaturen stundenlang dabei zuzusehen, wie sie draußen auf unserem Balkon rumhüpft und tanzt, und zugleich sämtliche Klischees eines in rosa gekleideten PFERDEMÄDCHENS erfüllt. Ich beginne jetzt nicht, von der praktizierten Zungensprache oder dem christlichen FLAGGENTANZ zu erzählen - vor all meinem sektierisch anmutenden Hintergrund sind selbst mir diese Praktiken zu pfingstlich-charismatisch und befremdlich. Die anderen drei Mädels sind zudem noch mit männlichen, christlichen Partnern gesegnet, was ich zum einen für eine beachtliche Quote halte und womit sie zum anderen offiziell mehr in ihrem Leben erreicht haben als ich, denn mein Partner ist ja nicht christlich! Die Bekanntengeschichten von Christen, die sich zweimal gesehen und dann gleich voller Überzeugung geheiratet haben, werden auch immer so stolz präsentiert. Ein solches Maß an Ambition oder Dummeheit - pardon, kombiniertes GOTTESVERTRAUEN - würde mir glatt imponieren, wären sie nicht bloß auf die gesetzeskonforme Paarung scharf.
Tja, muss jedenfalls ganz schön beschissen sein, wenn man so isoliert aufgewachsen ist, aber da fühle ich mich mit meinen Gründen, in der Uni zurzeit keine tiefgehenden Freundschaften zu pflegen, gleich wesentlich authentischer.
Wie unschwer zu erkennen, verfällt mein Geist aktuell in einer puren WEIBER-WG. Mit meiner Neurophysiologie bin ich in diesen vier Wändern über kurz oder lang also dem UNTERGANG geweiht. Ich hegte von Anfang an gewisse Zweifel, als meine Vermieter bei der Besichtigung irgendwas von Frauen laberten, weil ihnen die Männer zu unartig waren, und verließ mich naiv auf Ausnahmetoleranzen, sobald sie mich erst mal kennenlernen, was den platonischen Männerbesuch über Nacht in meinem Zimmer angeht, den ich in meinem 16qm-Zimmer getrost auf der anderen Seite des Zimmers auf einer Matratze AUF DEM BODEN deponieren könnte, wenn das Gästezimmer gerade belegt ist. Mitnichten! Da ich derzeit noch nicht für eine dämonische Gefahr des Hauses gehalten werden will, fuhren wir also in den Ruhrpott, um in seiner Kellerwohnung auf demselben PAPPBETT zu pennen (diese Kellerwohnungen quer durch Deutschland sind irgendwie ein wiederkehrendes Motiv in meinem Leben).
Nun könnte man sich natürlich die Frage stellen, warum ich nicht einfach umziehe, denn wohlgemerkt habe ich oben drauf ne Stunde Pendelzeit von Haustür zur Uni, deren DB-Abschnitt täglich ein neues Abenteuer verspricht und die Pendelzeit am Tag frei gewürfelt steigern kann. Der Zeitverlust gleicht sich damit aus, dass unsere Vermieter für die ganze WG einkaufen und gelegentlich Essensreste im Kühlschrank vorzufinden sind, sodass ich auch nicht immer kochen muss. Küchenausstattung, Zimmer, Aussicht, zur Verfügung stehendes Klavier, geringe Menschendichte und Umgebung sind ebenfalls unschlagbare Pro-Argumente, die gegen den Nervenverlust durch meine Mitbewohner aufwiegen könnten. Ebenso wie mein Vermieter, der von Techniker und Elektriker über Führungskraft, Informatiker, Rentner, vierfach Berufstätiger, Gleitschirmpilot bis schlag mich tot, was der alles gemacht hat, alles ist, so ist es für mich mit gelegentlich neuen Einfällen immer vorteilhaft, mit dem Überflieger im Haus zu wohnen. Auch die Gespräche mit ihm taugen was, denn er kam mit allem schon mal in Berührung. Die Bequemlichkeit und der Pragmatismus, den gegenwärtigen Zustand auszuhalten, fällt mir weiter ein. Ich könnte das Risiko nicht ausschließen, in einer wesentlich schlechteren Wohnsituation zu enden, und der Weg dorthin würde mich mehr Kraft kosten, als ich aktuell aufbringen kann.
Fakt ist allerdings, dass ich nicht hierher gehöre und die Tarnung nicht aufgeben darf, damit die Stimmung nicht verhängnisvoll umschlägt. Überhaupt fehlt mir jeder Grund, an irgendwas zu glauben oder mich mit nervigen Christen abzugeben. Ich glaube, weil ich in diesen Mist hineingeboren wurde, und anderweitig wohl auch jeder letzte Selbst- oder Fremdrespekt flöten ginge, wenn ich es nicht täte. Vielleicht vergeht mir das noch, wenn ich ein, zwei weitere Järchen in diesem Irrenhaus verbringe.
Ich bin meinem Leben zurzeit sehr überdrüssig und kriege kaum die Wochen um. Ich kann nicht genau sagen, wann das wieder begonnen hat, aber ursächlich ist dafür zweifelsohne der Zeitmangel. Ich habe aufgehört, regelmäßig zur Uni zu gehen, während dionysisches Alkohol-Erkenntnis-Blabla immer verlockender klingt (und versucht mit meinem gesteigerten Psychosenrisiko gar nicht erst, mir bewusstseinserweiterndes Zeug anzudrehen, bevor ich zum Forenscore 'fünf' werde).
Aus gegebenem Anlass begleitet mich dieser Song hier zurzeit besonders:
I can be thankful to be alive, but I despise this life
In all my years, at best, I've only learned just to survive
But when I look around you, I understand why you believe
I see your evidence of God all around me
You have so therefore you are,
but I have not
You've seen the evidence of God,
but I have not and I have none
Ach, *seufz*. Nun kann meine Seele bereinigt schlafen gehen, oder so ähnlich.