Alles anzeigenSelbst wenn es stimmt, dass Gruppen Regeln haben, folgt daraus nicht, dass jede Art von Ausschluss gleich legitim ist oder dass alle Kriterien moralisch gleichwertig sind. Es macht eben einen Unterschied, ob ich Menschen aufgrund von Verhalten (z. B. Sexismus, Gewalt, Belästigung) ausschließe oder aufgrund von kulturellen Zuschreibungen auf Gruppenebene.
Den Denkfehler, den du begehst, und weshalb wir hier auch ständig aneinander vorbeireden und ich mich ständig gegen Unterstellungen von dir verteidigen muss, die ich so nie gesagt habe, liegt darin, dass du mir (fälschlicherweise) unterstellst, ich würde Menschen nicht aufgrund ihres Verhaltens kritisieren, sondern weil ich Vorurteile gegen ihre Hautfarbe oder ihre Herkunft habe.
Es gibt nebenbei bemerkt auch viele Konservative und gemäßigte Rechte, die kein Problem mit dem freundlichen türkischen Dönermann von nebenan haben, die ausländische Freunde haben, und die vielleicht sogar selber von Migranten abstammen. Die ganz deutlich sagen, es geht ihnen nicht um den netten, gut integrierten Ausländer bei ihrer Kritik, sondern nur um die, die sich falsch verhalten.
So habe ich etwa auch die Kritik vom Fotzenfritz an den "Problemen im Stadtbild", anders, als es viele Kritiker wahrgenommen haben, nicht gleich automatisch als fremdenfeindliche Ansicht aufgefasst, so nach dem Motto: "Hier gibt es zu viele Dunkelhäutige", sondern als Kritik daran, dass sich suspekte männliche Gestalten zusammenrotten, laut sind, Scheiße bauen. Was ja auch jeder, der nachts durch eine belebte Großstadt läuft, mit offenen Augen sehen kann.
Die reflexartige Unterstellung, dass das einfach nur rassistisches Denken ist, anstatt berechtigte Kritik an bestimmten Zuständen, passiert ja dann größtenteils im Kopf derer, die sehr empfindliche (vielleicht auch überempfindliche?) Antennen haben, was Rassismus angeht.
Für mich ist Rassismus im eigentlichen Sinn, wenn ich jemanden aufgrund seiner Hautfarbe mies behandle oder ihn für einen minderwertigen Menschen halte. Wenn ich hingegen sehe, da sind bestimmte statistische Auffälligkeiten, weil sich bestimmte Angehörige einer bestimmten Gruppe häufiger daneben benehmen als andere, und mir deshalb darüber Gedanken mache, dann ist das für mich erst mal ein ganz logisch nachvollziehbarer Vorgang, und in der Hinsicht ist es dann auch völlig egal, ob es sich bei der Gruppe um Männer, Asylbewerber oder Ostdeutsche handelt. (denen du ja auch ganz gern mal unterstellst, dass sie häufiger rechtsradikal denken als andere. Ist das dann nicht ebenfalls schon menschenverachtender Rassismus von dir? Oder willst du mir jetzt erklären, dass ich Vorurteile gegen Ostdeutsche ja nicht mit Vorurteilen gegen Zugewanderte vergleichen kann, weil das auch wieder nur ein weiterer Whataboutism ist?)
Deine platten rassistischen Projektionen (Kopftuch und Koran) sind schöne Beispiele für letzteres und zeigen eben deine Scheinheiligkeit auf: Generalisierung kritisieren wollen, aber selbst ein Beispiel nutzen, das genau hierauf hinausläuft.
Das Kopftuch ist nunmal ein Symbol einer bestimmten Geisteshaltung, nämlich der, dass sich Menschen aufgrund ihres Geschlechts an andere Regeln halten müssen als die Angehörigen des anderen Geschlechts. Das ist für mich eben nur schwer mit dem modernen Gleichheits- und Emanzipationsgedanken in Einklang zu bringen. Und da ist die Überlegung natürlich naheliegend, dass Menschen, die so denken, auch in anderer Hinsicht kein Interesse an Individualität und Gleichheit haben, sondern an einer Gesellschaft, in der jeder seine klare Rolle hat, die er nicht hinterfragen darf.
Genauso kritisiere ich aber auch das Kreuz, das in bayrischen Schulen hängt. Nur mit dem Unterschied, dass eben der Anblick des Kreuzes ein doch eher kleiner Eingriff in die Persönlichkeitsrechte eines Menschen sind, verglichen mit einer Beschneidung oder der Pflicht, sich das ganze Leben lang auf eine bestimmte Weise zu kleiden.
Religion ist für mich da, wo sie mehr ist als nur philosophisches Nachdenken darüber, wie unsere Existenz zu erklären ist, immer irgendwie auch soziale Kontrolle und Massenverblödung. Und zumindest ich bin da im Bezug auf das Christentum genauso kritisch wie im Bezug auf den Islam. Trotzdem kann man ja feststellen, dass wir uns aktuell in einer Zeit befinden, in der das Christentum ein zahnloser Tiger geworden ist, während der Islam noch etwas jünger, hungriger und gefährlicher ist.
Zur Frage, was gibt es für bessere, sachlichere und treffendere Machtanalysen, gerade im Hinblick auf Institutionen und Bewusstseinsbildung. Ich hab es ja bereits bei discord kurz angesprochen:
Michel Foucault - Überwachen und Strafen.
Unfreiwillig zeigt mir das von dir verlinkte Video aber auch wieder schön, dass sich viele in der linken Szene einfach nur im Kreis drehen und da weitaus weniger Bewegung in den Köpfen ist, als sie es selber von sich denken mögen.
Allein schon, wie oft in dem Video der Begriff "Bürgertum" verwendet wird... mehr oder weniger wird die ganze Welt, und alles, was auf dieser Welt schlechtes passiert, darauf heruntergebrochen, dass irgendeine reiche Bürgerschicht um ihren Besitz zu schützen den Staat gegründet hat, der dann auf die armen unterdrückten Proletarier einprügelt. Etwas zugespitzt würde ich formulieren, da ist seit Marx auch nicht so wahnsinnig viel Neues dazugekommen, man hat das alles vielleicht nur noch etwas besser ausgearbeitet.
Und das ist mir eben dann zu materialistisch und zu platt gedacht, vor allem, wenn der Umkehrschluss dann lautet: Wir müssen nur das Bürgertum bekämpfen und die Arbeiter aus der Knechtschaft befreien, und dann werden wir ein Paradies auf Erden haben.
Hat man ja in der Vergangeheit oft genug gesehen, dass das so eben nicht funktioniert. Vielleicht ja, weil Bürgertum nicht die Wurzel des Problems ist, sondern auch nur ein Symptom derselben Krankheit, die auch völlig arme, besitzlose Menschen befallen kann. Nämlich generell ein menschliches Problem, ein Problem von Wesen, die genug Intelligenz haben, um sich irgendwas aufzubauen, aber nicht genug, um all die Zusammenhänge überblicken zu können, wie das, was sie aufbauen, woanders jemandem etwas wegnimmt. Und um diese Befähigung zur richtige Wahrnehmung der Zusammenhänge zu erlernen, braucht es Selbsterkenntnis und Reflektion, mindestens genauso viel wie Kampf auf der Straße. Und diesen Aspekt der Selbstverbesserung und dem Streben nach individueller Erkenntnis als wichtigen Bestandteil eines Kampfs für eine bessere Welt vermisse ich eben bei vielen in der linken Szene. Sieht man ja eben dann auch daran, wie du solche Ideen als unbedeutend, irrelevant oder "esoterisch" abtust, da dadurch ja nichts konkret an den materiellen Zuständen geändert wird.
Langsam werden deine Versuche, rhetorische Retourkutschen zu fahren, ziemlich albern. Aber schön, dass du scheinbar eingesehen hast, dass dein Femizid-Vergleich verfehlt war. Ein bisschen lernfähig scheinst du ja noch zu sein.
Aber der Reihe nach.
Mein Punkt war nie, dass jede Kritik an Migranten automatisch rassistisch ist.
Mein Punkt ist vielmehr, dass du an vielen anderen Stellen sehr großen Wert darauf legst, Menschen individuell zu betrachten und ihnen nicht aufgrund statistischer Gruppenmerkmale bestimmte Eigenschaften zuzuschreiben.
Genau deshalb wundert mich, dass du beim Thema Migration deutlich bereitwilliger von Gruppenmerkmalen ausgehst.
Wenn du etwa Altersgrenzen, Schulpflicht oder viele Gesetze kritisierst, weil sie individuelle Unterschiede ignorieren, warum solltest du dann bei kulturell geprägten Gruppen weniger vorsichtig mit Verallgemeinerungen sein?
Natürlich darf man über statistische Auffälligkeiten sprechen. Die Frage ist nur, welche Schlussfolgerungen daraus folgen dürfen. Zwischen der Feststellung eines Musters und der Beurteilung konkreter Menschen besteht ein wichtiger Unterschied.
Das ist das zentrale Problem: Du positionierst dich ständig gegen Schubladendenken, aber gerade bei einer bestimmten Gruppe - Zuwanderern- machst du hier gerne eine Ausnahme. Das ist ein gängiges Muster bei dir, und lässt sich abseits verinnerlichter rassistischer Denkweisen kaum erklären. Du forderst in fast allen Bereichen maximale Individualisierung der Betrachtung – außer dort, wo es um kulturelle oder migrationsbezogene Probleme geht.
Würde ich deine Logik auf andere Bereiche übertragen, müsste ich tatsächlich sagen:
Jemand kommt aus Sachsen ---> bestimmt ein Nazi bzw AfD-Anhänger (statistische Evidenz)
Jemand ist männlich ---> mit Sicherheit Sexist
Jemand trägt ein Kreuz ---> homophob
Deine Rassismusdefinition ist ohnehin zu eng und beschränkt sich darauf, bspw. Menschen wegen ihrer Hautfarbe auszugrenzen. Vielmehr geht es um systemische Zuschreibungen und Vorannahmen über Individuen aufgrund von Gruppenzugehörigkeit. Und aus der Nummer kommst du eben nicht mehr raus, denn deine wörtliche Aussage war: Wieso sollten sich Gesellschaften nicht gegenüber Menschen aus bestimmten Kulturen abgrenzen dürfen? Hier geht es nicht mehr um die Bewertung individuellen Verhaltens, sondern um Diskriminierung aufgrund von Herkunft (bei dir mit dem beknackten Vergleich zu linken Räumen verbunden).
Zu Foucault: Meine Fresse, lies das Buch! 😄 Es geht um Foucaults Machtkritik, nicht um jeden einzelnen Aspekt des Videos. Aber auch hier wieder mal dieselbe Litanei von dir: Strohmannargumente gegen links.
Du denkst, irgendwelche neuen oder originellen Gedanken zu haben, die Linken in den letzten 150 Jahren nicht eingefallen sind. Das ist nunmal nachweislich falsch. Zwischen Marx und Foucault liegen über hundert Jahre Theorieentwicklung. Bisschen Namedropping: Foucault, Bourdieu, Butler, Gramsci, Fanon u.v.m. haben erkannt und ausgeführt, dass Herrschaft eben nicht nur ökonomisch funktioniert. Sie sitzt in Schulen, Institutionen, Familie, Sprache, Selbstbildern, Normen.
Das ist ja die eigentliche Ironie: Würdest du mehr lesen als Harry Potter, würde dir auffallen, dass linke Theorien weitaus näher an deinem Weltbild sind als deine verzerrte Wahrnehmung von 'den Linken'. Vor allem würde sie dir helfen, deine eigenen Positionen präziser, fundierter und treffender zu formulieren, ohne ständig in platte Polemik, Verkürzungen, falsche Gleichsetzungen und Fehlschlüsse abzugleiten.
Du kommst immer wieder auf das Thema 'menschlicher Bewusstseinsentwicklung' zurück. Ich hab dir mehrfach versucht zu erklären, dass sich diese Entwicklung nur in einem Wechselspiel mit einer Veränderung der materiellen Bedingungen vollzieht. Menschen hatten vor 500 Jahren dieselbe menschliche Natur wie heute. Dennoch gab es Hexenverbrennungen, weitverbreitet Folter und Sklaverei, wenig Demokratie. Warum hat sich das geändert? Nicht weil sich das menschliche Bewusstsein verändert hat, sondern weil sich Institutionen, Bildung, Machtverhältnisse geändert haben. Menschen verändern Gesellschaft. Aber Gesellschaft verändert auch Menschen.
Und genau deshalb genügt der Verweis auf "Bewusstseinsentwicklung" nicht. Die Frage ist auch: warum 'reifen' manche Menschen und andere nicht? Und hier landen wir wieder bei Familie, Bildung, Arbeit, sozialen Inst., sozialem Status, ökonomischer Sicherheit, Politik, Medien etc., sprich: den materiellen Bedingungen.
Anders gesagt:
Deine Theorie braucht am Ende genau die Dinge, die du als zu materialistisch kritisierst. Der Gegensatz zwischen "materiellen Bedingungen" und "Bewusstseinsentwicklung" ist künstlich. Niemand ernstzunehmender behauptet: Erst die Revolution, dann werden die Menschen automatisch gut (eines deiner Strohmann-Argumente). Aber genauso wenig gilt: Erst müssen die Menschen gut werden, dann verändert sich die Gesellschaft.