Die Unity-Philosophie

Es gibt 108 Antworten in diesem Thema, welches 31.272 mal aufgerufen wurde. Der letzte Beitrag (19. August 2026 um 20:09) ist von Dian.

  • Ich sehe den Artikel auch nicht unkritisch. Hinweisen wollte ich darauf, dass Krisen in Menschen reaktionäre Impulse auslösen können und dass Positionen zu bestimmten Themen nicht fest mit bestimmten politischen Lagern verknüpft sind, sondern je nach Umständen unterschiedlich ausgelegt werden können. Das heißt ja nicht, dass das auch der korrekte Umgang mit der Situation ist.


    Die spannende Frage ist, wie man hier so etwas wie eine mentale 'Krisenresilienz' herausbilden kann. Es gibt genug Ansätze zu materiellem Prepping und Krisenvorbereitung, aber die Frage eines 'philosophischen Preppings' - gerade auch außerhalb von individueller psychologischer Resilienz - steht meist außen vor. Es gibt anarchistische Zusammenhänge, die von kollektiver Resilienz sprechen, aber hier geht es auch in der Regel primär um die Frage, wie man als Gemeinschaft bzw Gesellschaft auf Krisensituationen reagiert.

    Das Problem mit reaktionären Impulsen ist, dass sie bereits durch die Verhältnisse begünstigt werden. Konkurrenzkampf, Vereinzelung, Machtlosigkeit sind prägende Grunderfahrungen in kapit. Massengesellschaften. Entsprechend anfällig werden Menschen für Gemeinschaftsversprechen, die auf Ausschluss identifizierter Feindgruppen basieren (was ja ein Kernaspekt des Faschismus ist). Entsprechend sehe ich bedenkliche Entwicklungen gerade in der Linken, die stark auf populistische Mobilisierung und Lagerdenken (Antiimperialismus) hinauslaufen, oft sogar tatsächlich durch den Erfolg der Rechten motiviert (in den USA besonders deutlich sichtbar). Die Herrschaft des Gefühls vor der Vernunft ist ja gerade ein Kennzeichen faschistischer Bewegungen, und es ist gefährlich, wenn Linke dies imitieren wollen, um Menschen zu erreichen. Auf der anderen Seite sind dann kritische Ansätze oft zu unzugänglich für die meisten. Das Problem ist, wenn Angst und Pessimismus treibende Faktoren bleiben, und dies wird ja nun im digitalen Zeitalter massiv verstärkt.

    Why do we fall?

  • "Natürlich braucht es diese Perspektiven. Nur ist das Ganze eben so ein bisschen wie ein Hund, der sich selbst in den Schwanz beißt. Wir müssen die Lebensverhältnisse der Menschen verbessern, damit sie reifer und klüger werden können. Doch so lange sie nicht reifer und klüger sind, wird ihnen gar nicht bewusst sein, dass ihre Lebensverhältnisse, an die sie sich im Lauf der Jahrhunderte gewöhnt haben, und die sie (wie zum Beispiel die allgemeine Schulpflicht und ähnliche "Errungenschaften" der modernen Zivilisation) überhaupt nicht mehr hinterfragen können, noch weit davon entfernt sind, optimal zu sein.

    Es benötigt also gewissermaßen beides... den konkreten Kampf um die Verbesserung der Lebensverhältnisse, aber zusammen mit tiefergehenden, von dir als "utopisch" oder unnütz verspotteten Gedanken darüber, wie man die Menschen klüger und (selbst-)kritischer machen kann. Der soziale Kampf um einen besseren Platz am Futtertrog alleine wird zu nichts anderem führen, als dass sich diejenigen, die bereits einen guten Platz am Futtertrog haben, bedroht fühlen. Und dann kämpfen die einen gegen die anderen, vergeuden ihre ganze Energie für diesen Kampf, und am Ende steht jeder wieder genau da, wo er vor dem Kampf auch schon gewesen ist. Und das ist ja das, was wir seit Jahrzehnten erleben. Es führt zu nichts, wenn wir uns nicht getrauen, weiter zu denken und tiefer zu gehen als nur zu glauben: "Wir machen jetzt ordentlich Klassenkampf, und dann wird alles gut." Denn so einfach ist es eben leider nicht."


    Ich stelle das nochmal heraus, weil es hier im Grunde um's eigentliche Thema geht: Falsche Analysen, die natürlich nicht zu sinnvollen Lösungsstrategien führen können.

    Wie bei discord erwähnt: Letzten Endes verfällst du in einen Zirkelschluss, der in der Konsequenz zu Resignation und/oder Paternalismus führt - Menschen sind nicht „reif genug“, um bessere Verhältnisse zu erkennen. Verhältnisse bleiben schlecht, solange Menschen nicht „reif genug“ sind. Und natürlich sind die Linken doof, denn „Klassenkampf bringt nichts“. Nun würde dir jeder Linke (auch diejenigen, denen man in der konkreten polit. Konsequenz widersprechen müsste) erklären, dass politische Organisation, Bewusstseinsbildung und materielle Veränderungen zusammengehören. Vor allem - und das ist eben ein starker Unterschied zu dir - würde jeder Defätismus bzw jeder Rückzug auf 'geringe Ansprüche' zurückgewiesen. Was du meinst, Linken vorwerfen zu müssen, sind letztlich Strohmänner, die nur von deiner eigenen Unkenntnis zeugen.


    Der Denkfehler besteht darin, dass ein 'höheres Bewusstsein' (das du natürlich hast) eine notwendige Vorbedingung darstellt, um zu einer 'besseren' Gesellschaft zu finden. Bewusstsein und materielle Bedingungen verändern sich allerdings gemeinsam. Materielle Bedingungen formen Wahrnehmung. Wahrnehmung ermöglicht kollektives Handeln. Kollektives Handeln verändert Bedingungen. Neue Bedingungen formen neue Wahrnehmung usw.

    Daher kann ich zwangsläufig gesellschaftliche Weiterentwicklung nur als fortschreitenden Prozess begreifen, und keiner von uns befindet sich auf einem vollends 'aufgeklärten' Niveau.


    Du nimmst für dich in Anspruch, frei von 'ideologischen Scheuklappen' zu sein, reproduzierst aber im Grunde nur Ideologie, wie man schon an deinen Vokabeln sieht ('reif, 'unreif' etc.). Überhaupt - schon an solchen Selbstansprüchen erkennt man in der Regeln die eigentlichen Dogmatiker und Ideologen, die blind sind für ihre eigenen Prägungen und Vorurteile - frag mal Seebee :whistle:

    Das ist halt das Kernproblem deiner Texte - sie sind keine Philosophie, sondern Prosa bzw. ideologische Pamphlete, die primär der Selbstdarstellung dienen.

    Why do we fall?

  • Es gibt zig andere Ansätze, die sich mit gesellschaftlichen (Fehl-)Entwicklungen und Ideologien auseinandersetzen, die muss man eben auch erst kennen, um zu wissen, wo man (neue) Beiträge leisten könnte.

    Wir können hier gern über solche anderen Ansätze diskutieren, wenn du mich erleuchten willst.

    Vor allem auch über Ansätze, welche die zunehmende Ideologisierung und das Schubladendenken in unserer Gesellschaft kritisieren, aber sich dennoch für Veränderungen einsetzen, die Herdenmentalität der Menschen kritisieren, sich für eine Abkehr von Schulpflicht und kapitalistischem Wettkampfdenken aussprechen, etc. Ich habe nicht den Eindruck, dass solche Stimmen in der öffentlichen Debatte eine besonders große Rolle spielen, und freue mich daher immer, wenn ich sehe, dass ich nicht allein bin und sich noch ein paar andere Menschen ähnliche Gedanken gemacht haben und dabei zu ähnlichen Schlüssen kommen wie ich.

    Aber es ist eben leider nicht so, dass man über diese Menschen und deren Ansichten in den Medien, die die Leute so konsumieren, besonders viel hören oder lesen würde. Dass es davon bereits ein Überangebot geben würde und meine bescheidenen Beiträge dazu daher überflüssig sind, sehe ich jedenfalls nicht. Aber vielleicht irre ich mich ja auch und bekomme das alles nur nicht mit. Wenn ich mich umschaue, sehe ich jedenfalls größtenteils nur Linke, die Rechte anschreien, Rechte, die Linke hassen, und die Mitte, die vor radikalen Kräften von den politischen Rändern warnt.

    Also wie gesagt, teile hier gerne ein paar Links oder Beispiele, wenn du den Eindruck hast, dass Ansichten wie die meinen bereits völlig ausgelutscht und medial überrepräsentiert sind. Dann kann ich mir die Mühe ja sparen.

    Es gibt einen Unterschied zwischen Ausschluss wegen 'kultureller Prägung' oder wegen konkretem Fehlverhalten. Und auch wenn man genug Beispiele für beknackte Linke findet, werden die wohl kaum Personen aufgrund pauschaler kultureller Zuschreibungen ausschließen.

    So lang die sich an ihre Spielregeln halten, nicht. Aber eben, sobald sie irgendwas tun oder sagen, was auf eine bestimmte Geisteshaltung schließen lässt, die in der Gruppe nicht geduldet wird. Dann wird man demjenigen ganz schnell klar machen, dass er dort nicht erwünscht ist.

    Im Übrigen fallen mir auch Beispiele ein, wo bestimmte Linke etwa pauschal alle Männer über einen Kamm scheren oder zumindest einem nicht unbeträchtlichen Teil der Männer bestimmte Eigenschaften unterstellen, ohne dabei konkret jedem Einzelfall gerecht zu werden. Ja, man hat sogar für Morde, die Männer an Frauen begehen, eigens den Begriff "Femizid" geprägt, obwohl Mord ja eigentlich Mord sein sollte, weil alle Menschen gleich viel wert sind. Doch um öffentlichkeitswirksam darauf hinzuweisen, wie viele Frauen durch Männer ermordet werden, gab man der Sache einen eigenen Namen.

    Nun stellen wir uns einmal umgekehrt vor, in der Öffentlichkeit würde es sich durchsetzen, dass man einen eigenen Begriff benutzt für Morde, die von Asylbewerbern an Deutschen begangen werden, um darauf hinzuweisen, wie viele Deutsche Opfer von Asylbewerbern werden. Das wäre dann sofort eine ungültige rassistische Verallgemeinerung, und dieselben Leute, die von "Femiziden" reden und immer wieder darauf hinweisen, dass Gewalt in Beziehungen meist von Männern ausgeht, würden empört aufschreien, weil das ja diskriminierend ist, wenn explizit darauf hingewiesen wird, dass bei Messerstechereien überdurchschnittlich häufig Ausländer beteiligt sind.

    Ich sehe da einfach eine gewisse Doppelmoral. Generell in der linken Szene. Wenn es ein Problem ist, dass einem wichtig ist, ist die Gewalt systematisch und muss gesellschaftlich massiv bekämpft werden... ist es hingegen ein Problem, das man eher belächelt und das einem nicht so dringend erscheint, weil das eher die Gegenseite beschäftigt, dann sind das bedauerliche EInzelfälle, die man auf keinen Fall verallgemeinern darf.

    Und so ist das irgendwie gerade auch bei dieser Ausschlussdebatte. Linke Kreise nehmen für sich sehr wohl in Anspruch, jeden rauszuwerfen, dessen Ansichten sie für rückständig halten, oder wenn sich zum Beispiel Frauen in der Gruppe nicht wohlfühlen, weil irgendwelche Prolls sie dumm anglotzen. Aber wenn jemand sagt, "Der Typ, der da den Koran liest und seine Frau im Ganzkörperschleier rumlaufen lässt, ist mir suspekt und ich fühle mich nicht wohl, wenn der dabei ist", dann ist das böser Rassismus.

    Wie gesagt... Doppelmoral. Messen mit zweierlei Maß.


    Aber, um zum Ursprungspunkt zurückzufinden: Ich denke, dass jede Gruppe Andersdenkende ausgrenzen tut und dies auch manchmal muss, um ihr Überleben zu sichern oder eine feindliche Übernahme zu verhindern. Über Details, wo die Grenzen liegen, lässt sich natürlich streiten. Aber deine pauschale Behauptung, dass es nicht anarchistisch wäre, sich abzuschotten, erscheint mir eben etwas zu undifferenziert zu sein. Es ist sicherlich nicht anarchistisch oder links gedacht, wenn man Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe oder ihrer Herkunft ausschließt. Davon habe aber zumindest ich ja auch nirgendwo gesprochen, weder hier noch in der Unity-Philosophie.

    Man sollte halt nur auch nicht naiv sein und den prägenden Einfluss, den das Heranwachsen in einer gewalttätigen oder (stärker als bei uns) diskriminierenden Umgebung auf viele Menschen hat, verharmlosen.

  • Der Denkfehler besteht darin, dass ein 'höheres Bewusstsein' (das du natürlich hast) eine notwendige Vorbedingung darstellt, um zu einer 'besseren' Gesellschaft zu finden. Bewusstsein und materielle Bedingungen verändern sich allerdings gemeinsam. Materielle Bedingungen formen Wahrnehmung. Wahrnehmung ermöglicht kollektives Handeln. Kollektives Handeln verändert Bedingungen. Neue Bedingungen formen neue Wahrnehmung usw.

    Mit dem gehe ich ja grundsätzlich mit, würde aber vielleicht eine etwas andere Gewichtung vornehmen wollen.
    Dass die Verbesserung materieller Bedingungen allein nicht zwangsläufig zu einem höheren Bewusstsein führt, sieht man ganz gut in Saudi-Arabien, oder auch hier im Schwabenländle, wo es vielen Menschen an nichts fehlt, aber sie trotzdem in ihrem Denken sehr unsolidarisch, materialistisch und konservativ sind.

    Wäre ja schön, wenn es so einfach wäre, dass man einfach nur die Lebensbedingungen der Menschen verbessert, und dann rechtes Gedankengut keine Chance mehr hätte. Aber ich sehe aktuell eben nicht, dass Wut und Hass in erster Linie aus materieller Armut entstünden. Das frustrierte, verarmte Proletariat gibt es natürlich auch heute noch, aber wir haben nicht mehr 1933, wo die Arbeitsbedingungen und Hyperinflation die Menschen sprichwörtlich in den Wahnsinn getrieben haben.

    Und so müssen wir uns heute eben viel mehr mit komplexeren, psychologischen Zusammenhängen befassen, wie damit, welches Weltbild den Kindern im Elternhaus und der Schule vermittelt wird, was die Medien den Menschen für Bilder in den Kopf pflanzen und ähnliche Dinge. Und gerade im Bezug auf Fake-News und Social Media ist es ja nochmal deutlicher geworden, wie wichtig es ist, Menschen dahingehend aufzuklären, dass sie sich nicht mehr so leicht von irgendwelchen falschen Vorbildern beeinflussen oder gegen andere aufhetzen lassen.

    Also Aufklärungsarbeit ja, unbedingt. Aber nicht nur im Bezug darauf aufklären, wie schädlich unsere Lebensweise für die Umwelt ist, oder im Bezug auf Rechte von Transsexuellen. Sondern genauso wichtig wäre mal Aufklärung im Bezug auf diese ganzen Gruppendynamiken, wie wir alle beeinflusst werden, was unsere Ängste aus uns machen und wie diese Ängste überhaupt entstehen. Also ich sehe da schon auch eine starke Notwendigkeit, die Menschen selbstkritischer und selbstanalytischer zu machen, und sie dazu zu befähigen, aus ihrer (wie auch immer gearteten) ideologischen Prägung auszubrechen.

    Die Menschen dazu zu bringen, geistig zu reifen, ist kein unkonkretes utopisches Blabla, wie du es manchmal darstellst, sondern essenzieller Bestandteil, ohne den es nicht funktionieren wird.

    Wenn die Linken jetzt nur auf die Straße gehen und Steine werfen oder sonst irgendwas medial wirksames tun, wird es vor allem dazu führen, dass die Gegenseite auch noch mehr auf die Straße geht und Steine wirft. Aber wird sich dadurch gesellschaftlich so viel verändern? Es wird ja schon seit vielen Jahrzehnten versucht, aber offensichtlich haben wir uns gesellschaftlich im Bezug auf Toleranz vielleicht sogar zurückentwickelt in manchen Gebieten. Und da muss man sich eben fragen lassen: Wenn man hundert Mal mit dem Kopf gegen dieselbe Wand rennt, und die Wand jedes Mal ohne einen Kratzer bleibt, macht es dann wirklich Sinn, weiter stur dagegen anzurennen, oder könnte es nicht vielleicht auch ein Anzeichen dafür sein, dass man irgendwas falsch angeht?

    Und darüber würde ich eben gerne diskutieren. "Machen" allein führt zu nichts, wenn sich das Denken nicht verändert.

    Aber natürlich wird das Denken auch durch unsere Lebensbedingungen verändert, und deshalb sollte man auch jetzt schon versuchen, die Lebensbedingungen zu verbessern, keine Frage. Ich will ja auch überhaupt nicht in Frage stellen, dass beides Hand in Hand geht.

  • Abkehr von Schulpflicht und kapitalistischem Wettkampfdenken

    Weltschaulich beruht kapitalistisches Wettkampfdenken ja auf der Annahme, daß erst die Situation des Wettkampfs Anstrengungen mobilisiert, deren (eher materielle) Resultate dann allen zugute kämen. Wettkampf sei produktiv. Diese Idee prägt ja auch tief den heutigen "Wissenschaftsbetrieb" mit seinem "Wettkampf der Ideen" und "Ringen um Reputation", der dann auch dort gewisse Umgangsformen erzeugt, die eher zu "innerem Notzustand" passen als liebevoller seelischer Ausgeglichenheit. Wie siehst du das?


  • Du bietest hier wieder mal einen typischen undifferenzierten Mischmasch aus rhetorischer Gleichsetzung und verschobenen Vergleichsrahmen, der auch in deinem Machwerk deutlich wird.


    Aber eins nach dem anderen:

    Dein „Doppelmoral“-Frame ersetzt keine Analyse. Das ist ein klassischer whataboutism- Verschiebungstrick:
    Statt dein eigenes Kriterium zu begründen, zeigst du auf angebliche Inkonsistenzen der anderen bzw deiner Lieblingsgegner, der 'bösen moralisierenden Linken' (die ich im Übrigen selbst viel schärfer kritisieren würde als du - aber eben treffend und nicht mit Strohmann-Argumenten).


    Dein „Femizid vs. Migrantenkriminalität“ -Argument ist eine falsche Gleichsetzung. Ich erklär dir gerne den Unterschied: Die Bezeichnung Femizid will auf ein Muster hinweisen (z. B. häusliche Gewalt, Machtverhältnisse), ist also eine strukturelle Kategorie innerhalb eines Tattyps. Es geht dabei um Tatmuster und Machtverhältnisse, nicht um Herkunft.

    "Migrantenmorde" beschreibt eine Statusgruppe ohne kausalen Bezug zur Tatmotivation. Du tust hier so, als wären beide nur „Gruppenlabel“, obwohl eines analytisch motiviert ist und das andere sozialklassifikatorisch. Denn um Stigmatisierung von Männern geht's bei ersterem eben gerade nicht (und es ist hier irrelevant, ob du anekdotische Gegenbeispiele anführst, weil irgendeine Feministin mal irgendwas gesagt hat).


    Zu deinem „Linke dürfen ausschließen, also darf ich auch kulturell ausschließen“-Strohmann-Argument: Selbst wenn es stimmt, dass Gruppen Regeln haben, folgt daraus nicht, dass jede Art von Ausschluss gleich legitim ist oder dass alle Kriterien moralisch gleichwertig sind. Es macht eben einen Unterschied, ob ich Menschen aufgrund von Verhalten (z. B. Sexismus, Gewalt, Belästigung) ausschließe oder aufgrund von kulturellen Zuschreibungen auf Gruppenebene.

    Deine platten rassistischen Projektionen (Kopftuch und Koran) sind schöne Beispiele für letzteres und zeigen eben deine Scheinheiligkeit auf: Generalisierung kritisieren wollen, aber selbst ein Beispiel nutzen, das genau hierauf hinausläuft.


    Zu deinem „Jede Gruppe darf sich abschotten“-Argument: Ja, soziale Gruppen haben Normen und Grenzen. Entscheidend ist aber nicht dass Exklusion passiert, sondern auf welcher Grundlage. Konkret in deinem Fall kommt der besagt Widerspruch hinzu, den du scheinbar einfach nicht begreifen willst: Einerseits faselst du von Verbotswahn, aber andererseits hältst du es für notwendig, dass sich eine Gesellschaft gegen 'gefährliche Individuen' allein auf Basis von Verdachtsgrundlage und Vorurteilen abschottet. Scheinbar ist dir nicht klar, dass ich dieses Argument auf alle von dir verhassten Regeln anwenden könnte: Waffenrecht und Führerscheinpflicht sind gute Beispiele - hier ist es also nun wieder staatlich übergriffig, wenn potenziell gefährliche Situationen staatlich reglementiert werden? Wann sollte denn dann Freiheit den Vorrang vor Sicherheit erhalten? Wenn es um Spießbürger wie dich und nicht um Muselmänner geht?

    Why do we fall?


  • Ich glaube, du hast meine Kernaussage überlesen, was okay ist, weil sie in Klammern stand ;) : DU hast nicht dieses höhere Bewusstsein (ich übrigens auch nicht), daher auch keine Grundlage, um davon ausgehend eine 'bessere Gesellschaft' voranzutreiben. Das Problem ist, dass dir entscheidende Punkte entgehen - auch hast du halt nicht gelesen, was ich eigentlich geschrieben habe. Mein Argument war grob gesagt: Gesellschaftlicher Wandel entsteht nicht primär dadurch, dass Menschen erst ein höheres Bewusstsein entwickeln. Bewusstsein und materielle Bedingungen verändern sich gegenseitig und bringen sich wechselseitig hervor.

    Deine Antwort: Materielle Verbesserung allein reicht nicht aus (das hab ich auch gar nicht behauptet).


    Ich habe auch nicht gesagt, dass nur der Wohlstand erhöht werden muss, sodass alle automatisch aufgeklärt werden.

    Im Gegenteil: Materieller Wohlstand steht niemals für sich alleine. In Saudi-Arabien gibt es materiellen Wohlstand, aber gleichzeitig autoritäre Institutionen, religiöse Kontrolle, eingeschränkte Öffentlichkeit usw. - Aber was man an diesem Beispiel tatsächlich gut herausstellen kann: "Materieller Wohlstand" ist nicht gleich "materielle Bedingung", Zu letzterer gehört nämlich nicht nur die Frage, wie viel Reichtum da ist, sondern wie dieser Reichtum gesellschaftlich verteilt ist und verwaltet wird . "Materielle Bedingung" betrifft eben nicht nur den Reichtum - sondern alle ökonomischen, politischen und sozialen Institutionen.


    Dein Problem ist, dass du 'Bewusstsein' quasi als eine Art autonome Kraft betrachtest, und dir selbst scheinbar einen Sonderstatus einräumst - denn DU bist natürlich hier der Erleuchtete, der eine Art 'innere Wahrheit' erkannt hat. Nur kommt dir halt diese Rolle nicht zu, denn auch du bist wie alle anderen Produkt deiner Verhältnisse und in deinem Sichtfeld notwendigerweise eingeschränkt. Du kennst nur einen kleinen Teil der Fakten und kannst nicht in die Zukunft sehen, vollkommen falsch liegen usw.


    Es ist halt auch bezeichnend, dass du immer wieder auf deine platten Strohmann-Argumente zurückfällst, um aufzuzeigen, dass nur du die Weisheit mit Löffeln gefressen hat, während alle anderen falsch liegen, insbesondere die Aktivisten, die im Gegensatz zu dir tatsächlich handeln ("Wenn Linke nur auf die Straße gehen und Steine werfen, verändert sich nichts.").


    Ich mach es nochmal etwa deutlicher als in meinem vorherigen Post:

    Die meisten gesellschaftlichen Fortschritte entstanden historisch gerade durch die Verbindung von Bewusstseinsarbeit, Organisation, Protest, Klassenkampf, etc.

    Niemand hat einfach nur "ein Bewusstsein entwickelt". Gesellschaftliche Veränderungen und geistige Veränderungen erzeugen sich gegenseitig - nichts anderes habe ich oben geschrieben.


    Das Problem ist, dass deine Theorie die Prägung aller anderen sehr ausführlich erklären will – die Entstehung deines eigenen "aufgeklärten Bewusstseins" wird dagegen erstaunlich argumentarm beschrieben. Das ist eben das Elitäre an deinem Denken, und ich fürchte, dieser elitäre Gestus ist so ziemlich das einzige, das deine 'Philosophie' für manche attraktiv macht. Denn ja, wenn es um Themen wie Gesellschaftskritik, Medienkritik, Kapitalismuskritik etc. geht, gibt's natürlich besser begründete Ansätze. Bei Gelegenheit können wir uns gerne mal einige rauspicken.

    Why do we fall?

    Einmal editiert, zuletzt von Lonewolf (13. Juni 2026 um 15:33)

  • Zur Frage, was gibt es für bessere, sachlichere und treffendere Machtanalysen, gerade im Hinblick auf Institutionen und Bewusstseinsbildung. Ich hab es ja bereits bei discord kurz angesprochen:

    Michel Foucault - Überwachen und Strafen. Eines der zentralen Werke zur Macht- und Institutionenkritik.


    Aber, jetzt kommt es: Trotz seiner scharfsinnigen Analyse lag Foucault dramatisch falsch bei seiner Hoffnung, die er in die iranische Revolution legte. Und für viele nicht nur orthodoxe Linke ist er bis heute ein rotes Tuch, da ihm vorgeworfen wird, mitverantwortlich zu sein für die Verschiebung von Klassen- hin zu Identitätsfragen.

    Trotz aller Intelligenz und trotz seines scharfsinnigen Verstandes also durchaus jemand, den man kritisch diskutieren kann, und sicherlich kein Erleuchteter, der 'die Wahrheit' erkannt hat.

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  • Selbst wenn es stimmt, dass Gruppen Regeln haben, folgt daraus nicht, dass jede Art von Ausschluss gleich legitim ist oder dass alle Kriterien moralisch gleichwertig sind. Es macht eben einen Unterschied, ob ich Menschen aufgrund von Verhalten (z. B. Sexismus, Gewalt, Belästigung) ausschließe oder aufgrund von kulturellen Zuschreibungen auf Gruppenebene.

    Den Denkfehler, den du begehst, und weshalb wir hier auch ständig aneinander vorbeireden und ich mich ständig gegen Unterstellungen von dir verteidigen muss, die ich so nie gesagt habe, liegt darin, dass du mir (fälschlicherweise) unterstellst, ich würde Menschen nicht aufgrund ihres Verhaltens kritisieren, sondern weil ich Vorurteile gegen ihre Hautfarbe oder ihre Herkunft habe.

    Es gibt nebenbei bemerkt auch viele Konservative und gemäßigte Rechte, die kein Problem mit dem freundlichen türkischen Dönermann von nebenan haben, die ausländische Freunde haben, und die vielleicht sogar selber von Migranten abstammen. Die ganz deutlich sagen, es geht ihnen nicht um den netten, gut integrierten Ausländer bei ihrer Kritik, sondern nur um die, die sich falsch verhalten.

    So habe ich etwa auch die Kritik vom Fotzenfritz an den "Problemen im Stadtbild", anders, als es viele Kritiker wahrgenommen haben, nicht gleich automatisch als fremdenfeindliche Ansicht aufgefasst, so nach dem Motto: "Hier gibt es zu viele Dunkelhäutige", sondern als Kritik daran, dass sich suspekte männliche Gestalten zusammenrotten, laut sind, Scheiße bauen. Was ja auch jeder, der nachts durch eine belebte Großstadt läuft, mit offenen Augen sehen kann.

    Die reflexartige Unterstellung, dass das einfach nur rassistisches Denken ist, anstatt berechtigte Kritik an bestimmten Zuständen, passiert ja dann größtenteils im Kopf derer, die sehr empfindliche (vielleicht auch überempfindliche?) Antennen haben, was Rassismus angeht.

    Für mich ist Rassismus im eigentlichen Sinn, wenn ich jemanden aufgrund seiner Hautfarbe mies behandle oder ihn für einen minderwertigen Menschen halte. Wenn ich hingegen sehe, da sind bestimmte statistische Auffälligkeiten, weil sich bestimmte Angehörige einer bestimmten Gruppe häufiger daneben benehmen als andere, und mir deshalb darüber Gedanken mache, dann ist das für mich erst mal ein ganz logisch nachvollziehbarer Vorgang, und in der Hinsicht ist es dann auch völlig egal, ob es sich bei der Gruppe um Männer, Asylbewerber oder Ostdeutsche handelt. (denen du ja auch ganz gern mal unterstellst, dass sie häufiger rechtsradikal denken als andere. Ist das dann nicht ebenfalls schon menschenverachtender Rassismus von dir? Oder willst du mir jetzt erklären, dass ich Vorurteile gegen Ostdeutsche ja nicht mit Vorurteilen gegen Zugewanderte vergleichen kann, weil das auch wieder nur ein weiterer Whataboutism ist?)

    Deine platten rassistischen Projektionen (Kopftuch und Koran) sind schöne Beispiele für letzteres und zeigen eben deine Scheinheiligkeit auf: Generalisierung kritisieren wollen, aber selbst ein Beispiel nutzen, das genau hierauf hinausläuft.

    Das Kopftuch ist nunmal ein Symbol einer bestimmten Geisteshaltung, nämlich der, dass sich Menschen aufgrund ihres Geschlechts an andere Regeln halten müssen als die Angehörigen des anderen Geschlechts. Das ist für mich eben nur schwer mit dem modernen Gleichheits- und Emanzipationsgedanken in Einklang zu bringen. Und da ist die Überlegung natürlich naheliegend, dass Menschen, die so denken, auch in anderer Hinsicht kein Interesse an Individualität und Gleichheit haben, sondern an einer Gesellschaft, in der jeder seine klare Rolle hat, die er nicht hinterfragen darf.

    Genauso kritisiere ich aber auch das Kreuz, das in bayrischen Schulen hängt. Nur mit dem Unterschied, dass eben der Anblick des Kreuzes ein doch eher kleiner Eingriff in die Persönlichkeitsrechte eines Menschen sind, verglichen mit einer Beschneidung oder der Pflicht, sich das ganze Leben lang auf eine bestimmte Weise zu kleiden.

    Religion ist für mich da, wo sie mehr ist als nur philosophisches Nachdenken darüber, wie unsere Existenz zu erklären ist, immer irgendwie auch soziale Kontrolle und Massenverblödung. Und zumindest ich bin da im Bezug auf das Christentum genauso kritisch wie im Bezug auf den Islam. Trotzdem kann man ja feststellen, dass wir uns aktuell in einer Zeit befinden, in der das Christentum ein zahnloser Tiger geworden ist, während der Islam noch etwas jünger, hungriger und gefährlicher ist.

    Zur Frage, was gibt es für bessere, sachlichere und treffendere Machtanalysen, gerade im Hinblick auf Institutionen und Bewusstseinsbildung. Ich hab es ja bereits bei discord kurz angesprochen:

    Michel Foucault - Überwachen und Strafen.

    Unfreiwillig zeigt mir das von dir verlinkte Video aber auch wieder schön, dass sich viele in der linken Szene einfach nur im Kreis drehen und da weitaus weniger Bewegung in den Köpfen ist, als sie es selber von sich denken mögen.

    Allein schon, wie oft in dem Video der Begriff "Bürgertum" verwendet wird... mehr oder weniger wird die ganze Welt, und alles, was auf dieser Welt schlechtes passiert, darauf heruntergebrochen, dass irgendeine reiche Bürgerschicht um ihren Besitz zu schützen den Staat gegründet hat, der dann auf die armen unterdrückten Proletarier einprügelt. Etwas zugespitzt würde ich formulieren, da ist seit Marx auch nicht so wahnsinnig viel Neues dazugekommen, man hat das alles vielleicht nur noch etwas besser ausgearbeitet.

    Und das ist mir eben dann zu materialistisch und zu platt gedacht, vor allem, wenn der Umkehrschluss dann lautet: Wir müssen nur das Bürgertum bekämpfen und die Arbeiter aus der Knechtschaft befreien, und dann werden wir ein Paradies auf Erden haben.

    Hat man ja in der Vergangeheit oft genug gesehen, dass das so eben nicht funktioniert. Vielleicht ja, weil Bürgertum nicht die Wurzel des Problems ist, sondern auch nur ein Symptom derselben Krankheit, die auch völlig arme, besitzlose Menschen befallen kann. Nämlich generell ein menschliches Problem, ein Problem von Wesen, die genug Intelligenz haben, um sich irgendwas aufzubauen, aber nicht genug, um all die Zusammenhänge überblicken zu können, wie das, was sie aufbauen, woanders jemandem etwas wegnimmt. Und um diese Befähigung zur richtige Wahrnehmung der Zusammenhänge zu erlernen, braucht es Selbsterkenntnis und Reflektion, mindestens genauso viel wie Kampf auf der Straße. Und diesen Aspekt der Selbstverbesserung und dem Streben nach individueller Erkenntnis als wichtigen Bestandteil eines Kampfs für eine bessere Welt vermisse ich eben bei vielen in der linken Szene. Sieht man ja eben dann auch daran, wie du solche Ideen als unbedeutend, irrelevant oder "esoterisch" abtust, da dadurch ja nichts konkret an den materiellen Zuständen geändert wird.