Die Unity-Philosophie

Es gibt 105 Antworten in diesem Thema, welches 26.621 mal aufgerufen wurde. Der letzte Beitrag (3. Juli 2026 um 16:42) ist von Dian.

  • Für mich klingt das schon nach einem - meinetwegen ungewollten oder nicht reflektierten - Rechtsruck in deinen Überzeugungen.

    Also was die Sache mit der Meinungsfreiheit bzw. Kampf gegen die Cancel-Culture angeht: Ich war schon immer gegen Zensur im Netz, auch als noch niemand von "Cancel-Culture" gesprochen hat. Was sich in den letzten 20 Jahren massiv geändert hat, ist vor allem das Internet, das eben nicht mehr das gleiche Netz ist, mit dem ich großgeworden bin. Damals war es eine virtuelle Gegenkultur zu der realen Gesellschaft, eine Nische für Freaks, und eben auch ein Ort, an dem andere Gesetze galten... und wann immer sich irgendein Politiker hingestellt hat und gefordert hat, dass das Netz kein rechtsfreier Raum sein darf, empfand ich das als Bedrohung meiner liebgewonnenen virtuellen Freiheit.

    Heute ist das Internet Mainstream und wichtiger Bestandteil der "realen" Welt, und dementsprechend weit reicht der Arm der Justiz auch mittlerweile in den virtuellen Bereich und verfolgt Menschen wegen irgendwelcher Meinungsäußerungen, was vor 20 Jahren noch keinen Staatsdiener interessiert hätte.

    Natürlich sehe ich aber auf der anderen Seite auch das Problem, dass einfach zu viel Gesindel im Netz ist und es nie so einfach war wie heute, Dummheiten und Lügen zu verbreiten. Anders als große Teile der Medien und der Gesellschaft sehe ich die Lösung aber nicht darin, juristisch jeden Furz zu verfolgen, nur weil sich irgendjemand davon beleidigt oder gestört fühlt, sondern ich denke, es muss auch eine Kultur des Aushaltens geben, oder einfach des Ignorierens, wenn einen irgendeine Meinungsäußerung stört. Klar muss man auch versuchen, die Menschen höflicher und klüger zu machen, dass sie nicht so viele Dummheiten und Hetze verbreiten. Aber ich finde eben auch, es beruht auf Gegenseitigkeit, und vielleicht sind viele Mainstream-Leute auch einfach zu weich und müssten vielleicht auch mal lernen, unangenehme und dumme Meinungen auszuhalten. Mir geht die öffentliche Debatte einfach viel zu einseitig nur in die Richtung "Das muss man verbieten, da muss der Staat hart durchgreifen, etc."

    Aber klar ist das ein Thema, das etwas widersprüchlich ist... und nur, weil ich finde, dass man z.B. das Existenzrecht Israels oder den Holocaust leugnen dürfen sollte, ohne dafür bestraft zu werden, heißt das ja nicht, dass ich mich den Holocaustleugnern oder Israelgegnern dadurch geistig verbunden fühlen würde. Es geht mir da wirklich nicht um links oder rechts, sondern einfach darum, dass ich es grundsätzlich krank finde, wenn man Menschen dafür bestraft, dass sie ihre Meinung sagen. Das ist eigentlich etwas, was IMHO nur in einer Diktatur passieren sollte.

    Diskutieren muss man aber sicher darüber, wo Meinungsäußerungen aufhören und wo gezieltes Mobbing und Belästigung anfängt, und was man als Gesellschaft dagegen unternehmen möchte, damit die Menschen respektvoller miteinander umgehen. Generell denke ich, müsste ich eigentlich in einer Neuauflage der Unity-Philsophie auch ein ganzes Kapitel übers Internet oder soziale Medien einfügen, so wichtig wie das Thema in der öffentlichen Wahrnehmung mittlerweile geworden ist.

    - Wunsch nach mehr Abschottung und Abwehr 'unerwünschter Menschen'

    Wenn du es unbedingt als "Rechtsruck" bezeichnen magst, dann wird das wohl am ehesten auf diese Thematik zutreffen, dass ich ein paar meiner früheren Ansichten heute etwas differenzierter sehen würde. Aber ich muss dir ja nicht erzählen, aus welcher Zeit ich bzw. wir kommen, und wie das damals in den 90ern noch war, als Asylantenheim brannten und Skinheads durch die Straßen marschiert sind. Da fiel es wahrlich nicht schwer, sich zu positionieren und für eine Seite zu entscheiden, und es war selbstverständlich, als intelligenter aufgeklärter Mensch "gegen Nazis" zu sein.

    Seither hat sich viel geändert, und die Dinge sind eben doch ein bisschen komplizierter geworden, auf so vielen verschiedenen Ebenen, so dass mir die Idee eines schweizerischen Idylls, das sich ein Stück weit von dem Wahnsinn der Welt abschottet und nicht jeden reinlässt, mittlerweile gar nicht mehr so rückständig und spießig erscheint wie früher vielleicht. Zumindest muss man meines Erachtens schon darüber nachdenken, ob eine wie auch immer geartete utopische Gesellschaft überhaupt aufgebaut werden kann auf einer Welt, in der die Mehrheit der Menschen immer noch in Diktaturen leben und (überspitzt formuliert) die eine Hälfte der Weltbevölkerung gern in dein Land kommen würde, wenn es dort alles umsonst gibt, und die andere Hälfe dich am liebsten vernichten möchte, weil sie es dir nicht gönnen oder aus irgendwelchen ideologischen Gründen gegen deine Utopie sind. Du siehst ja in Israel, wie das ist, wenn du in einer blühenden Oase lebst, und um dich herum leben viele Menschen in Armut und mit komischen Glaubensvorstellungen. Ohne Grenzen und Militär wäre das Land jedenfalls nicht mehr da. Das heißt ja nun nicht, dass ich deshalb Grenzen und Militär glorifizieren möchte oder Netanjahu gutfinde. Aber man muss eben schon realistisch sein und sich fragen, wie man seine Utopie schützen möchte... und wie viel davon in ein paar Jahren noch da wäre, wenn man es nicht tut.

  • Du hast jetzt nur die juristische Ebene angesprochen, und das ist der eigentlich Kern von Meinungsfreiheit: Man kann eine Meinung äußern, ohne dafür vom Staat belangt zu werden. Um mehr geht's da erstmal nicht. Wenn jmd nicht auftreten kann, seinen Job verliert, aus Gruppen fliegt, einen Preis nicht verliehen bekommt, online gesperrt wird und so weiter so fort, ist das eben keine Einschränkung der Meinungsfreiheit. Das kapieren offenbar sehr viele Menschen nicht, die der Auffassung sind, sie könnten angeblich ihre Meinung nicht mehr frei äußern. Ich denke, dass rein rechtlich der Rahmen des Sagbaren schon sehr weit reicht hierzulande, und dass es an sich kein Problem ist, selbst für Menschen mit böswilligen Absichten, ihre Ansichten in einer Form zu formulieren, dass sie nicht strafbar sind. Insofern ist gerade diese Thematik bzw die Aufregung darum eine in den meisten Fällen eine irreführende und entlarvende Debatte. Einem Großteil täte es gut, sich mal mit Gramscis Hegemonie-Theorie auseinanderzusetzen, um zu verstehen, wo genau das Problem bei dem Äußern von 'Meinungen' besteht. Ein Diskurs braucht auch so etwas wie reife, aufgeklärte Individuen, und dies ist immer weniger gegeben, wie u.a. das Wahlverhalten zeigt.

    Nun ist es nicht so, dass ich das 'Canceln' nicht als Problem sehen würde. Ich würde hier allerdings nicht von einer Einschränkung von Meinungsfreiheit sprechen, denn dies führt in die Irre, schließlich können die Gecancelten ihre Ansichten in der Regel weiterhin frei äußern. Das eigentliche Problem ist ein zunehmender Dogmatismus und eine schlechte Debattenkultur, die wiederum auf Dinge zurückgeht, die wir z.B. im 'Woke-Thread' angesprochen haben: Identitätspolitik von links und rechts, die im Grunde nur noch nach Freund-Feind-Schemata funktioniert, fehlendes Geschichtsbewusstsein, mangelnde tiefergehende Auseinandersetzung mit philosophischen und politischen Theorien etc.

    Nochmal zur Frage der Strafbarkeit: Der Ruf nach Repression ist immer ein Akt der Hilflosigkeit bzw. Ohnmacht. Man fordert Verbote, weil man kein Vertrauen in gesellschaftliche regulierende Kräfte hat, angefangen von der Schoaleugnung bis hin zur Debatte um ein AfD-Verbot. Das ist ein Dilemma, weil eben viel auf dem Spiel steht. Aus diesem Grund würde ich hier keine absolute Haltung einnehmen wollen.

    Why do we fall?

  • - Wunsch nach mehr Abschottung und Abwehr 'unerwünschter Menschen'

    Wenn du es unbedingt als "Rechtsruck" bezeichnen magst, dann wird das wohl am ehesten auf diese Thematik zutreffen, dass ich ein paar meiner früheren Ansichten heute etwas differenzierter sehen würde. Aber ich muss dir ja nicht erzählen, aus welcher Zeit ich bzw. wir kommen, und wie das damals in den 90ern noch war, als Asylantenheim brannten und Skinheads durch die Straßen marschiert sind. Da fiel es wahrlich nicht schwer, sich zu positionieren und für eine Seite zu entscheiden, und es war selbstverständlich, als intelligenter aufgeklärter Mensch "gegen Nazis" zu sein.

    Seither hat sich viel geändert, und die Dinge sind eben doch ein bisschen komplizierter geworden, auf so vielen verschiedenen Ebenen, so dass mir die Idee eines schweizerischen Idylls, das sich ein Stück weit von dem Wahnsinn der Welt abschottet und nicht jeden reinlässt, mittlerweile gar nicht mehr so rückständig und spießig erscheint wie früher vielleicht. Zumindest muss man meines Erachtens schon darüber nachdenken, ob eine wie auch immer geartete utopische Gesellschaft überhaupt aufgebaut werden kann auf einer Welt, in der die Mehrheit der Menschen immer noch in Diktaturen leben und (überspitzt formuliert) die eine Hälfte der Weltbevölkerung gern in dein Land kommen würde, wenn es dort alles umsonst gibt, und die andere Hälfe dich am liebsten vernichten möchte, weil sie es dir nicht gönnen oder aus irgendwelchen ideologischen Gründen gegen deine Utopie sind. Du siehst ja in Israel, wie das ist, wenn du in einer blühenden Oase lebst, und um dich herum leben viele Menschen in Armut und mit komischen Glaubensvorstellungen. Ohne Grenzen und Militär wäre das Land jedenfalls nicht mehr da. Das heißt ja nun nicht, dass ich deshalb Grenzen und Militär glorifizieren möchte oder Netanjahu gutfinde. Aber man muss eben schon realistisch sein und sich fragen, wie man seine Utopie schützen möchte... und wie viel davon in ein paar Jahren noch da wäre, wenn man es nicht tut.

    Das ist das Dilemma, und ich habe da auch keine zufriedenstellende Antwort. Auf der einen Seite würde ich sagen, dass natürlich die Idee von Grenzen nicht mit Herrschaftsfreiheit vereinbar ist. Auf der anderen Seite hab ich z.B. in Griechenland nirgends so gut gesicherte Anlagen gesehen wie in den anarchistischen Squats (ok, das ist natürlich übertrieben, aber es ist klar, was ich sagen will). Abgesehen von offensichtlichen Gründen, Menschen auszuschließen, gibt es natürlich auch Kapazitätsgrenzen. Das muss eben auch offen kommuniziert und auch transparent 'ausgerechnet' werden, damit überhaupt eine Grundlage besteht, um tatsächliche Probleme abseits ideologischer Standpunkte zu diskutieren.

    Auf der anderen Seite muss man das Problem eben in seinem weitreichenden politischen Kontext sehen. Für die Rechte ist die Flucht- und Migrationsfrage ein Methode der Spaltung und der nationalistischen Mobilisierung. In Bezug auf Kapazitäten ist dies eben auch eine Frage der Ablenkung - statt die Frage nach sozialen Schieflagen zu stellen, wird der Blick auf diejenigen gelenkt, die den Einheimischen etwas vermeintlich wegnehmen. Das ist die vorherrschende Mentalität bei dem rechten Wählerklientel. Man ist bereit, jede Kröte zu fressen, solange es nur den anderen schlechter geht, seien es Zugewanderte oder Hartzer. Insofern ist die 'Open-Borders-Mentalität' bei Linken weniger Naivität in Bezug auf tatsächliche Probleme, sondern eher Einsicht in die Konsequenzen und Denkmuster, die hinter Forderungen nach Abschottung stehen: Wenn Menschenrechte einer bestimmten Gruppe erstmal obsolet geworden sind, wird es für die Herrschenden immer leichter, aus Gründen der kapitalistischen Notwendigkeit Angriffe auf schwächer Gestellte zu fahren.

    Haben wir noch Raum für Utopien? Oder geht es nicht eher darum, zumindest die schlimmsten Dystopien zu verhindern?

    Why do we fall?

  • Ein Anarchist ist jemand, der sich selbst als solcher definiert. Das bedarf keiner Legitimation durch etwaige Forenmitglieder :search:

    Chaos und Liebe und irgendwie überstehen:rain:

  • Man bastelt sich doch nicht mühsam eine hübsche, unrealisierbare Philosophie, um sich dann ständig an der beschissenen Realität oder anarchistischen Reinheitsgraden messen zu lassen. Das ist doch das Problem der anarchistischen Denker und kein Unityproblem, man man man.

  • Klar, dass der Anarchismus in der Vergangenheit nicht existieren konnte, wenn viele Anarchisten damals ins Gulag gesteckt, hingerichtet oder erschossen wurden.

    Wenn Anarchismus so utopisch ist, warum kennen wir diese Gedanken dann überhaupt noch?

    Chaos und Liebe und irgendwie überstehen:rain:

  • Mir geht es hier tatsächlich weniger um die Frage der Machbarkeit, sondern um Kohärenz und Widerspruchsfreiheit. Geht ja schließlich um die Unity-Philosophie in diesem Thread und Dians praktische Konsequenzen in Bezug auf gesellschaftliche und politische Fragen. Was die Frage der Utopie anbelangt, würde ich das Anarchismus-Verständnis in der Unity-Philosophie tatsächlich als utopisch einstufen, mein eigenes Verständnis hingegen eher 'existenzialistisch', sprich auf Handeln im Hier und Jetzt ausgelegt. Was den historischen Anarchismus vom Marxismus unterschied, war ja unter anderem gerade die Ablehnung von als notwendig angenommenen Übergangsstadien hin zur befreiten Gesellschaft, vielmehr muss sich der Zweck bereits in den Mittel widerspiegeln, anders gesagt: Mit autoritären Mitteln gelangen wir nicht zu einer freien Gesellschaft. Was eben immer wieder zum bekannten Dilemma führte, der Veränderung der Verhältnisse und der Verteidigung des Neuen, ohne wiederum Herrschaft zu reproduzieren. Dass der Anarchismus nur an äußeren Umständen scheitert(e), halte ich für ein Gerücht, das dem anarchistischen Ego sicherlich dienlich ist.

    Why do we fall?

  • Tatsächlich stammt eines der besten Zitate zum Thema von Dian: 'Die Anarchie ist wie ein ferner Stern, wir können ihn vielleicht nie erreichen, aber sein Licht kann uns den Weg weisen' (sinngemäß). Weiß gerade nicht, ob das aus der Philosophie oder aus einem der anderen Texte stammt. Aber dies trifft es in Bezug auf praktischen Anarchismus ganz gut.

    In philosophischer Hinsicht gibt es sicherlich einige Konzepte zum Thema radikaler Freiheit und gesellschaftliche Befreiung, die nicht unbedingt unmittelbar anarchistisch sind. Das Interessante ist ja auch gerade die Dialektik, oder die Frage, wie Ideen der Befreiung wiederum in Unfreiheit umschlagen können. Einige undogmatische Marxisten widersprechen Anarchisten auch nicht in der Frage der Autorität (wie es klassisch der Fall war/ist), sondern primär hinsichtlich der Analyse. Das war z.B. mein Eindruck bei den griechischen Autonomen, die den anarchistischen Dualismus und den fehlenden Blick auf ein Verständnis der gesellschaftlichen Dynamik in Bezug auf Autoritarismus bemängelten.

    Why do we fall?