Was ist beispielsweise mit gesellschaftlichem Druck beziehungsweise Gruppenzwang? Wenn alle in der Schulklasse ein Smartphone haben außer Timmy, ist das eine Form von Ausgrenzung oder Aussetzen von Spott und Häme? Wie weit sollte der Schutz vor unangemessenen Inhalten gehen?
Naja, ich halte die Vorstellung, dass man ein Individuum durch die bloße Verweigerung zeitgemäßer Kommunikationstechnologie vor den Unbilden der Wert bewahren könne, für eine letztlich naive Form der sozialen Exklusion. Ich plädiere wie immer für eine frühzeitige Aufklärung und kognitive Grundausstattung, anstelle einer bürgerlichen Abschottung, die dem Kind den ohnehin schon prekären Schulalltag weiter erschwert. Ein "angemessener Schutz" vor Inhalten ist nichts weiter als eine Illusion, es ist schlicht unmöglich, eine hermetisch abgeriegelte "Gegenwelt" für sein Kind zu konstruieren.
Und das wahrhaft zu verteufelnde Übel offenbart sich aus meiner Sicht nicht in der Konfrontation mit expliziten Gewalt- oder NSFW-Inhalten (daran wurde seit den Kindertagen des Netzes sicher kaum jemand psychisch so richtig zerrüttet), sondern in der schleichenden kognitiven Deformation und der Suchtentwicklung.
Inwieweit ist das Smartphone tatsächlich nur ein Werkzeug, wenn es so dermaßen verlockend ist, dass man im Vergleich zu älteren Geräten einen ganzen Schreibtisch füllen könnte bei dem Versuch, vergleichbare Antiquitäten wie Schreibmaschinen und Videokameras zu füllen?
Wo bitteschön ist ein Multiwerkzeug weniger Werkzeug als eine Schreibmaschine?
Deinen Wunsch nach Transparenz seitens der Konzerne und eine kürzere Leine durch die Politik verstehe ich nicht. Es wäre nett, wenn Du das erläutern könntest.
Insbesondere sollte die Funktionsweise der Algorithmen offengelegt werden, also wie Inhalte priorisiert, gefiltert, geshadowbanned oder gelöscht werden. Bezahlte Kooperationen, Produktplatzierungen, politische Kampagnen, ihre Zielgruppen und wie viel Geld für sie fließt, ebenfalls.
All diese Dinge haben das Potential, ein Land zu manipulieren und als Waffe im hybriden Krieg eingesetzt zu werden. Stichwort Desinformation, ausländische Einflussnahme, Wahlmanipulation, Untergrabung des Vertrauens in den Staat – also alles, was ein Land mittelfristig destabilisieren kann.
Und wieso Datenschutz unentbehrlich ist oder warum Monopolstellungen gebrochen werden sollten, muss ich hoffentlich nicht erklären.
Politischer Einfluss ist meines Erachtens schwierig zu beurteilen, weil die Grenze der Angemessenheit und der Eigenverantwortung sehr individuell bewertet wird - ja, sogar umstritten genannt werden kann - und es auf beiden Seiten schwerwiegende Argumente gibt.
Dass man das Versagen kollektiver Schutzmechanismen auf die vermeintlich souveräne Eigenverantwortung des Bürgers abwälzt, während wirtschaftliche Interessen die gesamte Architektur unserer Gesellschaft diktieren, ist für mich ein Zeugnis intellektueller Kapitulation. Wenn die Regierung zur bloßen Krisenverwaltung des Kapitals verkommt, während die (psychische) Gesundheit und Bildung der Bevölkerung aufgeopfert wird, entpuppt sich das Gerede von individueller Angemessenheit bloß als zynische Verschleierung der realen Machtverhältnisse. Es gibt keine Legitimation dafür, Akteuren freien Lauf zu lassen, deren Handeln darauf ausgerichtet ist, den Bürger als bloßes Mittel zur Warenproduktion zu fixieren, während mehr als Schaden dabei nicht herauskommt.
Aber vielleicht ist es am Ende ausgerechnet ein orthopädisches Problem, das zum Erwachen und Entzug führt?
Nö, glaube ich nicht. Die Annahme verkennt ferner noch die Härte bestehender Verhältnisse.
In einem System, das die Gesundheit des Einzelnen konsequent den Interessen mächtiger Lobbys unterordnet – man betrachte nur die statistische Relevanz der Zuckerindustrie für die Mortalitätsrate (z. B. durch Herzinfarkte) –, ist körperlicher Verfall kein Weckruf zur Umkehr. 
In diesem Thread gab es schon mal eine ausführliche Debatte zu dieser Thematik.