Beiträge von Lissaminka

    Grob passend zum Thema hier noch Parabelritters aktuelles Video:



    Er greift darin unter anderem den Punkt auf, dass Inklusion nicht einfach daran scheitert, dass Kinder mit Förderbedarf grundsätzlich nicht an Regelschulen gehören, sondern vor allem daran, ob Schulen überhaupt die nötigen Bedingungen dafür haben. Das Übliche wie qualifiziertes Personal, Differenzierung im Unterricht, Rückendeckung für Lehrkräfte und ein Umfeld, in dem diese Kinder nicht einfach sozial untergehen.

    Weder die bloße Rückkehr zur Förderschule noch ein naives "Inklusion wird schon irgendwie funktionieren" lösen das Problem. Selbstverständlich führt es zum Unfall, wenn man Kinder mit Förderbedarf einfach in Regelschulen steckt, ohne die entsprechenden Strukturen zu schaffen – das hat in der Form auch nichts mit Inklusion zu tun.


    Besonders interessant finde ich, sich aus demokratischer Sicht darüber Gedanken zu machen, was für eine Gesellschaft man da heranzüchtet, wenn Sonderlinge "aussortiert" werden. Einerseits will man ja niemanden aussortieren, andererseits ist Schule ein Haupträdchen unserer Leistungsgesellschaft und muss damit zwangsläufig eine Sortiermaschine bleiben, um sich gut ins Gesamtbild einzufügen.


    Inklusion: Behinderte Kinder an Regelschulen lernen besser
    Wenn sie Regelschulen besuchen, lernen behinderte Kinder laut einer neuen Studie mehr. Einige Eltern und Experten fürchten aber, andere Mitschüler könnten…
    www.spiegel.de


    Inklusion in der Sekundarstufe I auf dem Prüfstand: INSIDE-Studie präsentiert Ergebnisse - IQB Homepage

    Lonewolf
    21. Dezember 2022 um 10:19


    *gähn*, also ich habe ja noch immer von der letzten WM-Debatte die Schnauze voll.

    Kommt mir vor, als wäre es gestern gewesen.


    Und bevor man mich privat später wieder des Mangels gehaltvoller Beiträge bezichtigt:

    Wessen Politikerkopf eignet sich denn am besten als Ball?

    Ich werde 'Die tollkühnen Männer in ihren fliegenden Kisten' nicht rezensieren.

    Der Film hat seinen kulturhistorischen Auftrag bereits dadurch erfüllt, mir beizubringen, dass 70-mm-Filme früher eine fest eingebaute Intermissionspause hatten, in der das Bild schwarz wird und die Musik weiterspielt, was bei mir zunächst zu der naheliegenden Annahme führte, mein Server sei abgeschmiert.


    Durch die Existenz unserer Sinne eigenen wir uns unumgänglich Wissen über unsere Umgebung an, also sind wir ab dem Moment des ersten Sinneseindrucks nicht mehr nichtswissend.

    Unsere Sinne liefern und zunächst einmal nur Eindrücke. Ob und in welchem Ausmaß diese etwas über eine außerhalb unserer Wahrnehmung existierende Wirklichkeit aussagen, ist damit noch gar nicht entschieden. Schließlich sind dieselben Sinne und dieselben Gehirne, auf die wir uns berufen, dafür verantwortlich, dass wir uns mit Irrtümern, Täuschungen/Illusionen, Projektionen, Wunschdenken und allerlei sonstigen Kuriositäten herumschlagen.

    Dass wir etwas wahrnehmen, scheint mir daher deutlich sicherer zu sein als die Behauptung, wir würden deshalb bereits etwas wissen.


    Wenn das alles nicht funktioniert, dann lebt man an der Realität vorbei und wird irgendwann gnadenlos zerschellen.

    Ich würde behaupten, dass gerade derjenige, der sich ein möglichst stabiles Weltbild konstruiert, Widersprüche glättet, Unsicherheiten beseitigt und anschließend erklärt, nun endlich mit beiden Beinen fest auf dem Boden der Tatsachen angekommen zu sein (wobei man vermutlich bis zu einem gewissen Grad an die eigene Konstruktion glauben muss, damit sie überhaupt funktioniert), für mein Empfinden wesentlich eher an der Realität vorbeilebt als jemand, der die eigene Unsicherheit über die Ungewissheit offen eingesteht. Gerade die Bereitschaft, die eigenen Überzeugungen wieder zu verwerfen, erfordert deutlich mehr Mut als ihre Verteidigung. Die Abwesenheit von Zweifeln darf nicht mit Erkenntnis verwechselt werden, und jede These sollte die Möglichkeit bieten, falsifiziert zu werden.

    Klar, um mit seinem Leben zurechtzukommen, ist die Einhaltung solcher Kriterien obsolet, sofern man an seine unwiderlegbaren Absolutheiten (z. B. Götter, Religionen oder sonstige esoterische Heilslehren wie die Lösung aller Probleme durch Mindset und Affirmation ;) ) reibungslos glauben kann – das wäre somit der philosophische Selbstmord (meine Güte, ich sollte echt mal Camus Mensch in der Revolte und seinen Sisyphos durchackern).

    Bloß fürchte ich, damit alleine niemals Anspruch auf irgendeine Realität erheben zu dürfen.


    Wenn man kein Rückgrat für seine eigene Vorstellungen hat, at man kein Leben mehr das man Lebt, sondern in dem man nur noch als Körper existiert.

    Das wäre dann letztlich die Fortsetzung dessen, was ich beschrieben habe – das geht vielleicht in die Richtung der Verneinung des Willens nach Schopenhauer, also die Abtötung seiner Wünsche, Vorstellungen und Träume, sodass man bloß noch in seinem Körper vor sich hin existiert. Das ist die konsequentere bis asketische Form dessen, was ich mit der Akzeptanz der eigenen Unwissenheit beschrieb, mit der man tagesformabhängig vor sich hinleben könnte – man ersetzt "Wahrheit" durch eine Art Hedonismus der Reibungsvermeidung. Allerdings ist es nicht immer einfach, ein fehlendes Fundament dauerhaft zu ignorieren, weil dann keine Vorstellung von irgendwas noch eine feste Verankerung hat.

    Beides davon scheint mir in der "Realität", bei der wir nun wieder wären, schwierig umzusetzen und potenziert sich ferner mit schwammiger Kommunikation, schwammiger Illusion von Verständnis und schwammigen Antworten.

    Was vor Maltes Antwort geschah:


    jannis: "Es gibt Leute, die anderen das Gefühl geben, sie sollten besser anders sein. Diese Leute lassen andere sich schlecht fühlen und wegen dieser lügen sie sich selbst an, weil sie sich (zum Glück oder leider) bewusst sind, dass sie nicht so sind, wie es diese Leute für richtig halten würden."


    Lissaminka: "Sowas scheitert am fehlenden Konsens, unterschiedlichen Bewertungsschablonen und wahllosen Weltbildern, die mit deinem Geist zufällig am besten resonieren. Dazu wird sich kein "Schuldiger" finden lassen, weil es auf die mangelhafte Wahrnehmung aller Dinge zurückzuführen ist, solange wir nicht jede Variable und jeden Fakt zu jedem Zeitpunkt gleichzeitig kennen. Deswegen halte ich jedes abgeschlossene und gefestigte Welt- und Selbstbild in letzter Konsequenz doch für eine Illusion, deren innere Konsistenz gewahrt und gegen Widersprüche immunisiert werden muss, um Bestand zu haben. Darum ist das kaum anders als das Theater, das dem Umfeld vorgespielt werden muss, um sich die Interaktion zu vereinfachen. Oder die Illusion des freien Willens und einer eigenen Identität. Oder zum Selbstschutz vor Tatsachen, die man schwer verkraften kann, ergo als hygienische Maßnahme. Eigentlich verarschen wir uns die meiste Zeit selbst und bemerken es gar nicht. Es ändert nicht viel, kann unter anderem ganz praktisch und alltagstauglich sein, und darin findet sowieso nicht der Großteil des eigenen Handlungsspielraums statt. Aktive und bewusstere Formen der Selbstverarsche, z. B. Autosuggestion, müssen halt erstmal fruchten. Ich hab auch meine Schwierigkeiten damit, mir etwas einzureden, von dem ich weiß, dass ich es mir nur einrede, obwohl es aus logischer Sicht ziemlich indifferent sein dürfte, wenn man davon ausgeht, dass die zu ersetzende Annahme bloß eine glaubwürdigere Illusion war als die neue."


    jannis: "Ich finde, dass Widersprüche eher für etwas statt dagegen sprechen. Wäre das Fehlen von Widersprüchen nicht zu künstlich?"


    Lissaminka: "Das Fehlen von Widersprüchen halte ich für eine notwendige Bedingung dafür, überhaupt sinnvoll von einem Modell sprechen zu können. Künstlich wird es erst dort, wo die Widerspruchsfreiheit durch Ausblendung störender Tatsachen erkauft wird. Dass die Wirklichkeit unsere Modelle überfordert, bedeutet nicht, dass Widersprüche ein Wahrheitskriterium wären – eher weisen sie auf die Grenzen der verwendeten Begriffe und der aufgestellten Prämissen hin. Wenn etwas nicht zusammenpasst, liegt die Ursache dafür in unserem Verständnis der Welt, und deswegen würde ich zwischen Unsicherheit und Widersprüchlichkeit unterscheiden. Ersteres ist unvermeidlich, während letzteres ein konstruiertes System wieder zerschießt."


    [Maltes Nachricht.]

    Da geht es dir genauso wie Richter und Geschworenen im Mersault-Prozess 😅

    Ich bezog mich natürlich auf die Abänderung in Form der Erwähnung, aber letztlich verkommt er während des Prozesses ohnehin zur Randnotiz. Die wahre Ungeheuerlichkeit besteht für Richter und Öffentlichkeit darin, dass Mersault bei der Beerdigung seiner Mutter nicht das vorgeschriebene Trauerprogramm abgespielt, keine Gefühle simuliert und sich die lebensbejahende Einstellung seines Umfelds in seiner "sanften Gleichgültigkeit" nicht zu eigen macht.

    Sein unmittelbares Erleben und ein Gefühl des Unbehagens erscheint ihm unendlich realer als die konstruierten Konzepte einer Moral oder die erzwungene Haltung, er müsse glücklich über das Leben sein.

    Wenn Lissaminka hier ihren völlig am Thema vorbeigehenden Senf dazugibt und ihre Meinung zu Filmen und Videos kundtut, die sie nie gesehen hat, kann ich das natürlich auch!

    Hä, du hast doch mit dem Prinzip angefangen. Mein einziger Senf zu Nürnberg, den wohlgemerkt ja DU nicht gesehen hast, bestand aus einem von YouTube kopierten Kommentar, und als Reaktion darauf sonderte ich sogar pflichtbewusst einen separaten Gegenpost ab, der sich tatsächlich mit einem rezipierten Werk beschäftigt. Irgendwer muss die kulturellen Mindeststandards hier schließlich noch verteidigen.

    Was ist beispielsweise mit gesellschaftlichem Druck beziehungsweise Gruppenzwang? Wenn alle in der Schulklasse ein Smartphone haben außer Timmy, ist das eine Form von Ausgrenzung oder Aussetzen von Spott und Häme? Wie weit sollte der Schutz vor unangemessenen Inhalten gehen?

    Naja, ich halte die Vorstellung, dass man ein Individuum durch die bloße Verweigerung zeitgemäßer Kommunikationstechnologie vor den Unbilden der Wert bewahren könne, für eine letztlich naive Form der sozialen Exklusion. Ich plädiere wie immer für eine frühzeitige Aufklärung und kognitive Grundausstattung, anstelle einer bürgerlichen Abschottung, die dem Kind den ohnehin schon prekären Schulalltag weiter erschwert. Ein "angemessener Schutz" vor Inhalten ist nichts weiter als eine Illusion, es ist schlicht unmöglich, eine hermetisch abgeriegelte "Gegenwelt" für sein Kind zu konstruieren.

    Und das wahrhaft zu verteufelnde Übel offenbart sich aus meiner Sicht nicht in der Konfrontation mit expliziten Gewalt- oder NSFW-Inhalten (daran wurde seit den Kindertagen des Netzes sicher kaum jemand psychisch so richtig zerrüttet), sondern in der schleichenden kognitiven Deformation und der Suchtentwicklung.


    Inwieweit ist das Smartphone tatsächlich nur ein Werkzeug, wenn es so dermaßen verlockend ist, dass man im Vergleich zu älteren Geräten einen ganzen Schreibtisch füllen könnte bei dem Versuch, vergleichbare Antiquitäten wie Schreibmaschinen und Videokameras zu füllen?

    Wo bitteschön ist ein Multiwerkzeug weniger Werkzeug als eine Schreibmaschine?


    Deinen Wunsch nach Transparenz seitens der Konzerne und eine kürzere Leine durch die Politik verstehe ich nicht. Es wäre nett, wenn Du das erläutern könntest.

    Insbesondere sollte die Funktionsweise der Algorithmen offengelegt werden, also wie Inhalte priorisiert, gefiltert, geshadowbanned oder gelöscht werden. Bezahlte Kooperationen, Produktplatzierungen, politische Kampagnen, ihre Zielgruppen und wie viel Geld für sie fließt, ebenfalls.

    All diese Dinge haben das Potential, ein Land zu manipulieren und als Waffe im hybriden Krieg eingesetzt zu werden. Stichwort Desinformation, ausländische Einflussnahme, Wahlmanipulation, Untergrabung des Vertrauens in den Staat – also alles, was ein Land mittelfristig destabilisieren kann.

    Und wieso Datenschutz unentbehrlich ist oder warum Monopolstellungen gebrochen werden sollten, muss ich hoffentlich nicht erklären.


    Politischer Einfluss ist meines Erachtens schwierig zu beurteilen, weil die Grenze der Angemessenheit und der Eigenverantwortung sehr individuell bewertet wird - ja, sogar umstritten genannt werden kann - und es auf beiden Seiten schwerwiegende Argumente gibt.

    Dass man das Versagen kollektiver Schutzmechanismen auf die vermeintlich souveräne Eigenverantwortung des Bürgers abwälzt, während wirtschaftliche Interessen die gesamte Architektur unserer Gesellschaft diktieren, ist für mich ein Zeugnis intellektueller Kapitulation. Wenn die Regierung zur bloßen Krisenverwaltung des Kapitals verkommt, während die (psychische) Gesundheit und Bildung der Bevölkerung aufgeopfert wird, entpuppt sich das Gerede von individueller Angemessenheit bloß als zynische Verschleierung der realen Machtverhältnisse. Es gibt keine Legitimation dafür, Akteuren freien Lauf zu lassen, deren Handeln darauf ausgerichtet ist, den Bürger als bloßes Mittel zur Warenproduktion zu fixieren, während mehr als Schaden dabei nicht herauskommt.


    Aber vielleicht ist es am Ende ausgerechnet ein orthopädisches Problem, das zum Erwachen und Entzug führt?

    Nö, glaube ich nicht. Die Annahme verkennt ferner noch die Härte bestehender Verhältnisse.

    In einem System, das die Gesundheit des Einzelnen konsequent den Interessen mächtiger Lobbys unterordnet – man betrachte nur die statistische Relevanz der Zuckerindustrie für die Mortalitätsrate (z. B. durch Herzinfarkte) –, ist körperlicher Verfall kein Weckruf zur Umkehr. :money3:


    In diesem Thread gab es schon mal eine ausführliche Debatte zu dieser Thematik.

    Über den Araber konnte ich problemlos hinwegsehen, weil mir dieser Teil der Vorlage nicht mehr präsent genug war, um mich daran zu stören. Außerdem wirkte dieser Aspekt auf mich recht unaufdringlich eingebaut.

    Die Schwester, die hat mich schon eher aus dem Film geholt, weil sie die einzige Ergänzung war, bei der ich mehrfach überlegen musste, ob sie bei Camus überhaupt existiert hat.


    Die Gesamtatmosphäre blieb davon, finde ich, weitestgehend unberührt bzw. für die politische Leseart fehlt mir vermutlich ohnehin das feine Sensorium. Auf mich wirkte das eher wie eine kleine Akzentverschiebung als wie eine grundlegende Umdeutung des Stoffes.