Bach und Lobpreis statt Black Sabbath

Es gibt 9 Antworten in diesem Thema, welches 2.406 mal aufgerufen wurde. Der letzte Beitrag (21. Juli 2026 um 18:21) ist von Artemis37.

  • In dieser "geistreichen" Umgebung sind Lissaminka und ich aufgewachsen - dreimal dürft ihr raten, was ich trotzdem heimlich gehört habe. :headbang:

    Interessant finde ich allerdings, woher der Ursprung dieser Vorstellung kommt, dass Rockmusik und Metal den Körper und Geist verderben, während Klassik als erhebend gilt. Ich vermute, dass der Mozart-Effekt und die mediale Dämonisierung von Jugendkultur hier eine nicht unerhebliche Rolle gespielt haben.

    Was ist eure Meinung dazu?

  • Das ist eine gute Frage. In der Bibel steht ja vermutlich nicht, dass es "gottgefällige" und "satanische" Musik gibt... zumal sich das christlich-abendländische Musikverständnis ja erst lange nachdem die Bibel geschrieben wurde, entwickelt hat. Bei blasphemischen Texten oder umgedrehten Kreuzen und ähnlichem ist es ja noch nachvollziehbar, dass Hardcore-Christen das für einen schlechten Einfluss halten. Aber ich glaube, die Abneigung gegen Rockmusik war schon lange da, bevor Ozzy einer Fledermaus den Kopf abgebissen hat.

    So richtig bin ich in der Materie nicht drin, weil das doch auch etwas vor meiner Zeit war, aber liege ich richtig in der Annahme, dass Balck Sabbath und ähnliche frühen Metal-Bands so ziemlich die ersten waren, die sich überhaupt kritisch oder ketzerisch mit Religion auseinandergesetzt haben?

    Davor gab es ja mehr so Rock'n Roll, und vielleicht noch die Rolling Stones und die Doors und sowas. Bin mir nicht sicher, inwiefern in deren Musik solche Themen thematisiert wurden... aber doch vermutlich noch eher nicht so sehr.

    Dennoch war ja schon der Rock'n Roll mit seinen doch eher harmlosen Texten, wo es in der Regel um Liebe und Spaß ging, den Fundamentalisten ein Dorn im Auge. Ich vermute mal, dass zu Beginn der Entstehung von Rockmusik auch eher das unkonventionelle Auftreten und diese rebellische Attitüde von vielen Spießern als Gefahr für die Sitte und öffentliche Ordnung angesehen wurde, und dass die Texte dann erst als eine Reaktion darauf, um diese Leute zu provozieren, immer härter und extremer wurden.


    Aber erstaunlich, dass es immer noch Menschen zu geben scheint, die so denken und in Rockmusik generell Teufelszeug sehen. Mir scheint das aber auch eher Ausdruck einer innewohnenden Spießigkeit zu sein, und weniger Ausdruck von tiefempfundener Religiosität. Denn wie gesagt, in der Bibel steht ja vermutlich nicht wirklich, dass man nicht wild tanzen oder laut sein soll oder sowas. Vielleicht gibt es paar Passagen über sittliche Kleidung und sowas, keine Ahnung. Aber auch das kann man ja immer so oder so interpretieren.

  • Hab natürlich auch nicht wirklich viel Ahnung von der Materie, also mögen mir Musikhistoriker verzeihen, aber ich glaube es gab halt schon seit Zeiten der klassischen Musik, quasi ne Abgrenzung von "Hoher/ anspruchsvoller/ kunstvoller Musik" also so die klassische Musik zu der nicht jeder erstmal Zugang hatte und noch weniger die Möglichkeiten tatsächlich selbst eigene Musik zu schaffen. Und dann gibts eben die "Volk(s) Musik" also die Musik die das Volk selbst macht und auch kennt etc. Die war eben nicht gespielt auf teuren "klassischen" Instrumenten sondern mit ihrem eigenen Instrumentarium.

    Und wie immer gilt: Je rauschender die Musik, desto melancholischer werden die Menschen, desto gefährlicher wird das Land, desto mehr sinkt der Fürst. - Lü Bu We 😁

  • Ja, ich hab mich kürzlich kaum eingekriegt, nachdem mir Artemis37 diesen Screenshot geschickt hat. :rofl_gif:

    Diese Evolutionsbremsen glauben ernsthaft, Bach-Frequenzen würden ihre Atome moralisch bekehren oder sowas, obwohl Schall eine stinknormale mechanische Welle ist. Um eine Atomstruktur zu verändern oder Elektronen zu beeindrucken, bräuchte man hochenergetische Röntgenstrahlung und keine Kirchenorgel, verdammt. Und während Sergej sich da zur atomaren Reinigung und zum kosmischem inneren Frieden einen abschwurbelt, grätscht die nächste eiskalt mit der urdeutschen Frage schlechthin rein – scheiß auf deine Quantenerleuchtung, denn ohne gültigen Orgelschein ist dein innerer Frieden illegal. :lol_gif: Ach Scheiße, ich ertrage diese Adventisten nicht und kriege immer wieder solchen Schwachsinn mit. Warum haben diese verklemmten Sekten eigentlich nicht mal den Arsch in der Hose, zu ihrer spießigen Abneigung gegen jede moderne und alternative Kultur zu stehen, anstatt aus purer Feigheit gleich wieder diesen jämmerlichen Pseudowissenschaftsschrott als Alibi ins Boot zu holen? *seufz*


    Es ist ja im Grunde immer dasselbe Spiel, sobald sich eine Gruppe abseits des faden Durchschnitts bewegt oder sich für andere Dinge interessiert als die breite Masse – das gilt dann als abgedreht.

    Den Mozarteffekt halte ich für überschätzt. Neurologisch betrachtet ist der auch nix, was nur für Mozarts Klassik gilt, sondern bloße Reaktion auf dichte, komplexe Klangstrukturen, die ähnliche Gehirnareale wohl aktivieren sollen – davon bleibt unterm Strich nachweislich gar nix hängen. Außer einer winzigen, temporären Verschiebung beim räumlichen Vorstellungsvermögen – und zwar exakt so lange, wie das Zeug aus den Boxen dröhnt – macht das niemanden klüger. Denselben Effekt kriegt man vermutlich auch mit komplizierterem Prog-Rock/Metal oder Avantgarde-Jazz hin, und noch viel wichtiger sind letztlich die verbundenen Emotionen.

    Am ausschlaggebendsten für die Wahrnehmung von außerhalb ist eher das vorhersehbare Bedürfnis, sich über radikale Abgrenzung eine Identität zu verpassen, und die Musik fungiert dabei als Schutzraum gegen den Rest der Welt oder als Reaktion auf den Ekel am glatten Konsum-Mainstream.

    μολὼν λαβέ.

  • Klassik vs Metal lese ich als geistig kultiviertes Leiden für kränkliche Kirchengänger vs Fressen und Ficken zu Slipknot.

    Das eine fühlt sich vom anderen bedroht.

    Für das yatanische Volk, Yatanistan und den gelenkten Yatanismus!

  • Es ist zu heiß für Essays :sleeping:


    Aber generell begann die Verteufelung von populärer Musik, die die Jugend gerne hört, natürlich nicht erst dann, als es offen religionsfeindlich oder satanisch wurde. Der Teufel ist ja eher eine Metapher für den Bruch mit gesellschaftlichen und religiösen Normen - es brauchte ihn nicht, um negative Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Unterstellte ausschweifende Sexualmoral, Angst vor schwarzer Gegenkultur (Blues, Jazz), Angst vor weiblicher oder jugendlicher Autonomie, generell Angst vor Kontrollverlust sind die eigentlichen Gründe, wieso Musik in den Fokus von religiösen Autoritäten geraten ist. Welche obskuren Begründungen man da nachschiebt, ist eher sekundär. Kern ist wie so häufig ein Machtanspruch, der sich angegriffen fühlt. Dabei waren viele der Angegriffenen ja weitaus 'zahmer', als es sich ihre Gegner vorstellten.



    Ach ja, und die gleichzeitige Überhöhung von Klassik ist eben wiederum die andere Seite dieses autoritären Elitismus. Auch hier geht's ursprünglich wieder um Macht und Elitendenken. Die reine, höhere Musikform der herrschenden Klassen gegen den Lärm des Pöbels. Auch hier sind später nachgeschobene Begründungen (Klangwellen etc.) eher sekundär.

    Why do we fall?

    Einmal editiert, zuletzt von Lonewolf (27. Juni 2026 um 10:46)

  • Am ausschlaggebendsten für die Wahrnehmung von außerhalb ist eher das vorhersehbare Bedürfnis, sich über radikale Abgrenzung eine Identität zu verpassen, und die Musik fungiert dabei als Schutzraum gegen den Rest der Welt oder als Reaktion auf den Ekel am glatten Konsum-Mainstream.


    Wenn man es wissenschaftlich haben will, wirkt sich Metal nachweislich eher positiv auf das Gemüt aus.


    Wacken ist jetzt freilich nicht meine erste Referenz ;) Aber auch den durchschnittlichen Black-Metal-Fan kann man sich heutzutage eher so vorstellen:

    Why do we fall?

  • Soweit ich weiß, findet sich in der biblischen Textgrundlage keinerlei explizite Festlegung, die bestimmte musikalische Stilrichtungen als satanisch oder gotteswidrig einstuft. Die Anekdote mit Ozzy und der Fledermaus war mir neu, jedoch durchaus kurios, wie ich finde. Dass viele Gläubige sich mit solchen Themen kaum wissenschaftlich oder überhaupt differenziert auseinandersetzen, ist ja nun auch kein Geheimnis.

    Ob Black Sabbath nun tatsächlich die ersten waren, die sich in kritisch-ketzerischer Weise mit religiösen Inhalten befassten, vermag ich nicht zu beurteilen, aber ich denke da unwillkürlich an John Lennons provokante These von 1966, das Christentum befinde sich im Niedergang und die Beatles seien populärer als Jesus. Das rief selbstverständlich einen massiven Aufschrei aus christlicher Perspektive hervor. Dass die damalige Ablehnung primär mit dem unkonventionellen Auftreten und der rebellischen Haltung der Musiker zusammenhing, erscheint mir durchaus einleuchtend. Zwar hat in manchen Gemeinden mittlerweile eine gewisse Öffnung stattgefunden, aber gerade in konservativ geprägten Kreisen wird bis heute selbst Popmusik oder jede Form weltlicher Musik oft als moralisch fragwürdig abgetan.

    Ich vermute vielmehr, dass viele Christen eine inhaltliche Befassung mit solchen Phänomenen scheuen, weil bereits die reine Beschäftigung damit als satanische Beeinflussung dargestellt stellt wird und nicht als Gelegenheit zur kritischen Reflexion. Wer in einem derart strengen Umfeld aufwächst, neigt dazu, die überkommenen Glaubenssätze der Eltern ungefragt zu übernehmen, ohne eigene Nachforschungen anzustellen, weil es ja gefährlich ist, über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen. Soweit ich die Bibel kenne, wird dort primär dazu angehalten, Gott mit Lobgesängen zu preisen, ich hege daher den Verdacht, dass viele heutige Bewertungen von Musik eher auf nachbiblische Persönlichkeiten zurückgehen, etwa auf Martin Luthers Äußerungen zur Kirchenmusik oder bei den Siebenten-Tags-Adventisten auf die Schriften Ellen G. Whites.