Alles anzeigenDas ist eine gute Frage. In der Bibel steht ja vermutlich nicht, dass es "gottgefällige" und "satanische" Musik gibt... zumal sich das christlich-abendländische Musikverständnis ja erst lange nachdem die Bibel geschrieben wurde, entwickelt hat. Bei blasphemischen Texten oder umgedrehten Kreuzen und ähnlichem ist es ja noch nachvollziehbar, dass Hardcore-Christen das für einen schlechten Einfluss halten. Aber ich glaube, die Abneigung gegen Rockmusik war schon lange da, bevor Ozzy einer Fledermaus den Kopf abgebissen hat.
So richtig bin ich in der Materie nicht drin, weil das doch auch etwas vor meiner Zeit war, aber liege ich richtig in der Annahme, dass Balck Sabbath und ähnliche frühen Metal-Bands so ziemlich die ersten waren, die sich überhaupt kritisch oder ketzerisch mit Religion auseinandergesetzt haben?
Davor gab es ja mehr so Rock'n Roll, und vielleicht noch die Rolling Stones und die Doors und sowas. Bin mir nicht sicher, inwiefern in deren Musik solche Themen thematisiert wurden... aber doch vermutlich noch eher nicht so sehr.
Dennoch war ja schon der Rock'n Roll mit seinen doch eher harmlosen Texten, wo es in der Regel um Liebe und Spaß ging, den Fundamentalisten ein Dorn im Auge. Ich vermute mal, dass zu Beginn der Entstehung von Rockmusik auch eher das unkonventionelle Auftreten und diese rebellische Attitüde von vielen Spießern als Gefahr für die Sitte und öffentliche Ordnung angesehen wurde, und dass die Texte dann erst als eine Reaktion darauf, um diese Leute zu provozieren, immer härter und extremer wurden.
Aber erstaunlich, dass es immer noch Menschen zu geben scheint, die so denken und in Rockmusik generell Teufelszeug sehen. Mir scheint das aber auch eher Ausdruck einer innewohnenden Spießigkeit zu sein, und weniger Ausdruck von tiefempfundener Religiosität. Denn wie gesagt, in der Bibel steht ja vermutlich nicht wirklich, dass man nicht wild tanzen oder laut sein soll oder sowas. Vielleicht gibt es paar Passagen über sittliche Kleidung und sowas, keine Ahnung. Aber auch das kann man ja immer so oder so interpretieren.
Soweit ich weiß, findet sich in der biblischen Textgrundlage keinerlei explizite Festlegung, die bestimmte musikalische Stilrichtungen als satanisch oder gotteswidrig einstuft. Die Anekdote mit Ozzy und der Fledermaus war mir neu, jedoch durchaus kurios, wie ich finde. Dass viele Gläubige sich mit solchen Themen kaum wissenschaftlich oder überhaupt differenziert auseinandersetzen, ist ja nun auch kein Geheimnis.
Ob Black Sabbath nun tatsächlich die ersten waren, die sich in kritisch-ketzerischer Weise mit religiösen Inhalten befassten, vermag ich nicht zu beurteilen, aber ich denke da unwillkürlich an John Lennons provokante These von 1966, das Christentum befinde sich im Niedergang und die Beatles seien populärer als Jesus. Das rief selbstverständlich einen massiven Aufschrei aus christlicher Perspektive hervor. Dass die damalige Ablehnung primär mit dem unkonventionellen Auftreten und der rebellischen Haltung der Musiker zusammenhing, erscheint mir durchaus einleuchtend. Zwar hat in manchen Gemeinden mittlerweile eine gewisse Öffnung stattgefunden, aber gerade in konservativ geprägten Kreisen wird bis heute selbst Popmusik oder jede Form weltlicher Musik oft als moralisch fragwürdig abgetan.
Ich vermute vielmehr, dass viele Christen eine inhaltliche Befassung mit solchen Phänomenen scheuen, weil bereits die reine Beschäftigung damit als satanische Beeinflussung dargestellt stellt wird und nicht als Gelegenheit zur kritischen Reflexion. Wer in einem derart strengen Umfeld aufwächst, neigt dazu, die überkommenen Glaubenssätze der Eltern ungefragt zu übernehmen, ohne eigene Nachforschungen anzustellen, weil es ja gefährlich ist, über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen. Soweit ich die Bibel kenne, wird dort primär dazu angehalten, Gott mit Lobgesängen zu preisen, ich hege daher den Verdacht, dass viele heutige Bewertungen von Musik eher auf nachbiblische Persönlichkeiten zurückgehen, etwa auf Martin Luthers Äußerungen zur Kirchenmusik oder bei den Siebenten-Tags-Adventisten auf die Schriften Ellen G. Whites.