Schulpflicht abschaffen

Es gibt 9 Antworten in diesem Thema, welches 818 mal aufgerufen wurde. Der letzte Beitrag (5. Juli 2026 um 20:37) ist von Dian.

  • Die AfD-Fraktion in Sachsen-Anhalt hat erklärt, eine Wahlfreiheit zwischen Schul- und Hausunterricht schaffen zu wollen.

    Es ist natürlich klar, dass die sowas nicht so sehr deshalb wollen, weil sie alle so freiheitlich und individualistisch drauf sind, sondern um irgendwelchen Sektenspinnern zu ermöglichen, ihre Kinder erst richtig zu indoktrinieren und sie von linkem oder progressivem Gedankengut fernzuhalten.

    Dennoch ist die Idee an sich richtig, zumindest wenn sie für alle Kinder gelten soll, so dass zum Beispiel auch linksgerichtete oder antikapitalistische Eltern ihre Kinder zuhause unterrichten könnten, und nicht nur irgendwelche religiöse Fundamentalistenfamilien. Und es wäre schön, wenn auch die Linken dann einfach mal sagen würden: "Die Idee tragen wir mit, auch wenn wir ansonsten komplett andere Ansichten haben als der politische Gegner." Aber so wie ich das aktuelle politische Klima einschätze, werden die Linken dann allein schon aus Prinzip sagen, dass sie für die Schulpflicht sind, weil etwas, was die Rechten wollen, ja aus Prinzip schon schlecht sein muss und zu bekämpfen ist. Siehe auch Abschaffung der GEZ-Gebühren. Anstatt da mal an einem Strang zu ziehen, stellen sich auch manche Linke demonstrativ auf die Seite des unfreiheitlichen Staates, und paktieren lieber gemeinsam mit den Systemlingen und der CDU, als mit denen, die das System schwächen oder aufweichen wollen.


    Wenn die Bundesbildungsministerin sagt: "Die Schulpflicht ist eine Errungenschaft, deren Bedeutung man gar nicht genug betonen kann", krieg ich das große Kotzen. :!

    Dieses ganze gutbürgerliche Getue ist so dermaßen verlogen, vor allem, wenn sie dann so darstellen, als ob durch die tägliche Anwesenheitspflicht in der Schule soziale Fähigkeiten erlent werden würden, die den Kindern andernfalls fehlen würde. Jedes Kindergartenkind ist von alleine, ganz ohne Anwesenheitspflicht, wesentlich sozialer, als das, was dann hinterher nach der Schule an zurechtgestutzten, genormten Erwachsenen herauskommt.

    Schule ist in erster Linie eine gigantische Indoktrinierungsmaschine, in der Kinder zu produktiven Erwachsenen umgeformt werden sollen, die niemanden stören und nicht anecken. Dieses Geschwätz von der Ministerin, die es so darstellt, als würde die Schulpflicht die verschiedenen gesellschaftlichen Millieus zusammenhalten, weil Kinder so gezwungen sind, gemeinsam zu lernen und nicht nur in ihrer eigenen Blase zu leben, ist einfach nur verharmlosender Blödsinn, und der Versuch, ein einst zur Bevölkerungskontrolle und Konditionierung eingeführtes autoritäres Instrument als demokratische Errungenschaft zu verklären. Genauso kann man auch sagen, die Wehrpflicht hält die Gesellschaft zusammen... und es gab ja auch tatsächlich ernsthaft schon Politiker, die auf diese Weise argumentiert haben.

    Ich bin jedenfalls überzeugt davon, dass die ständige Anwesenheitspflicht und der Selektionsdruck an den Schulen nicht zum gesellschaftlichen Zusammenhalt beiträgt, sondern in erster Linie dazu da ist, Kinder nach den Anforderungen der Wirtschaft zu formen und diejenigen, die zu sehr von der Norm abweichen, zurechtzubiegen oder auszugrenzen.

    Aber wenn man Kritik daran jetzt den radikalen Spinnern überlässt, wird das (ähnlich wie bei der Kritk an den Corona-Maßnahmen) vor allem dazu führen, dass sich der eine oder andere individualistisch gesinnte Mensch zu diesen Spinnern hingezogen fühlt. Deshalb brauchen wir dringend mehr Kritik an Dingen wie der Schulpflicht aus anderen, progressiver gesinnten gesellschaftlichen Lagern.

  • Da sind wir wieder beim Thema: Machtkritik heißt nicht nur Staatskritik. Was mir zu kurz kommt: Wie schützt man denn Kinder von Machtmissbrauch und Indoktrination zuhause ? Wäre es etwa gut, wenn jetzt plötzlich lauter Koranschulen entstünden und keinerlei Kontrollinstanz mehr überprüfen würde, was hier vermittelt wird? Beim Thema Migration wird die kulturelle Prägung problematisiert, aber beim Thema Schule und elterliche Milieus soll die Prägung also vollständig letzteren überlassen werden? Seine Eltern kann sich ein Kind leider nicht aussuchen.

    Schon komisch, geht es doch bei der Unity immer um die 'Wahlfamilie' - aber jetzt soll der leiblichen Familie plötzlich wieder mehr Macht eingeräumt werden?


    Schulkritik - ja natürlich. Aber bitte im Rahmen einer umfassenden Gesellschafts- und Kapitalismuskritik.


    Es genügt eben nicht, nur Herrschaftsstrukturen (hier die staatliche Schule) formell abzuschaffen. Wichtiger wäre es, Menschen dazu zu befähigen, Autoritäten kritisch zu hinterfragen, Konflikte selbstorganisiert zu lösen und solidarisch miteinander umzugehen. Die Frage ist also weniger, wo eine Prägung stattfindet, sondern was sie beinhaltet.

    Why do we fall?

    Einmal editiert, zuletzt von Lonewolf (13. Juni 2026 um 15:16)

  • Beim Thema Migration wird die kulturelle Prägung problematisiert, aber beim Thema Schule und elterliche Milieus soll die Prägung also vollständig letzteren überlassen werden? Seine Eltern kann sich ein Kind leider nicht aussuchen.

    Ich sehe es nicht so, dass die Abkehr von der Schulpflicht zwangsläufig dazu führen würde, dass Eltern mehr Macht über ihre Kinder bekämen. Zumindest, wenn wir mal von "normalen" Menschen ausgehen. Irgendwelche Psychopathen oder Fanatiker wird es immer geben, die ihre Kinder am liebsten in den Keller sperren wollen, um sie zu willigen Werkzeugen zu machen und zu indoktrinieren. Und die hätten es sicherlich leichter, wenn die soziale Überwachung durch die Schule fehlen würde, das will ich gar nicht bestreiten. Aber wir sollten vielleicht unsere Gesellschaft nicht danach ausrichten, dass es Psychopathen in ihr möglichst schwer haben, sondern was für die große Mehrheit der Nicht-Psychopathen am Besten wäre.


    Natürlich sollte die Abkehr von der Schulpflicht auch noch mit ein paar anderen gesellschaftlichen Entwicklungen einhergehen.

    Das wäre zum Einen, dass man Kindern rechtlich mehr Möglichkeiten einräumt, sich von ihren Eltern zu emanzipieren, und alternative Möglichkeiten schafft, wo Kinder auf freiwilliger Basis leben und aufwachsen können, anstatt durch Gesetze dazu beizutragen, dass sie ihren Eltern schuzlos ausgeliefert sind. Nun werden manche dann wiederum argumentieren, dass man dadurch radikalen Gruppen oder Sexualtätern die Möglichkeit bietet, Kinder die zuhause nicht gut behandelt werden, zu ködern und für ihre eigenen Zwecke zu missbrauchen.

    Aber ich denke, wie ich auch schon in der Unity-Philosophie erwähne: Die beste Möglichkeit, Missbrauch zu verhindern, ist immer noch die, Auswahl zu haben. Wenn ein junger Mensch weiß, er muss nicht auf eine bestimmte Weise leben, weil er auch noch unzählige

    andere Optionen hat, würde es sowohl Eltern als auch sonstigen Erwachsenen, die ihn manipulieren wollen, schwer fallen, ihn mies zu behandeln und damit langfristig Erfolg zu haben.


    Und das Zweite, was sich eben dringend ändern müsste, damit auch nach einem Abschaffen der Schulpflicht Bildung und Wissen an möglichst viele junge Menschen vermittelt werden kann, ist natürlich, dass man Schule interesanter und menschlicher gestalten sollte.

    Kinder sollten zu jeder Zeit das Gefühl haben, dass Schule ein ganz toller Ort ist, an dem sie staunen und mit anderen gemeinsam spannende Dinge erleben können, und an dem man sich idealerweise vielleicht sogar für sie interessiert, ihnen zuhört, ihnen hilft, ihr Leben besser zu verstehen, etc.

    Eben all das, was Schule heutzutage leider nicht leistet. Dann wäre auch die Motivation von jedem jungen Menschen gleich viel höher, einen solchen Ort auch freiwillig aufzusuchen.


  • Es geht nicht um Psychopathen oder Fanatiker, sondern um die Parallelstrukturen, die sich zwangsläufig herausbilden würden, bzw, haben wir das ja jetzt schon (Koranschulen, völkische Zirkel etc). Und natürlich hat zunächst mal das unmittelbare Umfeld - sprich die Eltern -hier die größte Macht, wenn die Verbindlichkeit eines schulischen Raums wegfällt.


    Das Problem mit den 'mehreren Optionen' besteht ja gerade darin, dass diese Wahlfreiheit bestimmte Dinge voraussetzt: Wissen, Zugang zu Informationen, reale Mobilität, soziale Unterstützung - gerade das sind ja Punkte, die bei Kindern radikal unterschiedlich verteilt sind. Wie willst du hier eine Chancengleichheit herstellen? Mehr Optionen ersetzen diese Strukturen nicht automatisch, sondern verschieben Macht oft in weniger sichtbare Bereiche – eben in die Familie oder in private Milieus, die weniger kontrollierbar sind.

    Schule ist eben immer ein sichtbarer Standard, der klar kontrollierbar bleibt - bei aller berechtigten Kritik an der Rolle, die Schule in kapit. Verhältnissen hat. Machtmissbrauch wird hier schneller erkennbar als in zig Parallelstrukturen. Wie ich anfangs erwähnt habe: Machtkritik heißt nicht nur Institutionenkritik. Das kommt mir hier immer noch zu kurz. Wie willst du Machtmissbrauch verhindern, ohne noch mehr Kontrollinstanzen einzurichten als die, die wir ohnehin schon haben? Ich fürchte, du gerätst hier schnell in ein Paradox - weg von staatlichen Institutionen hin zu mehr unsichtbarer Abhängigkeit.

    Außerdem: Wie verhindern wir noch mehr soziale Spaltung und Elitismus, wenn eine verbindliche Norm wegfällt (also Parallelgesellschaften im Kinderformat)?


    Schule soll so gut werden, dass Kinder freiwillig hingehen - das ist ein toller Gedanke. Aber im Kontext der kapit. Realität sind Schulen immer Institutionen mit bestimmten Funktionen: Standardisierung von Kompetenzen, Zertifizierung (Abschlüsse), soziale Vergleichbarkeit, Selektionsfunktion für Arbeitsmärkte.

    Das werden wir nicht ändern, indem wir eine Schule durch mehrere andere Optionen ersetzen.


    Übrigens ist das genau ein Problembereich, den man mit Foucault-Lektüre besser erhellen könnte, denn da geht's gerade um die Frage, wie sichtbare und unsichtbare Machtstrukturen mit Institutionen zusammenhängen.

    Why do we fall?

  • Familie ist für ziemlich viele Menschen eben nicht das Auffangbecken, sondern eher der Ort, aus dem man überhaupt erst irgendwohin aufgefangen werden müsste. Mal abgesehen von den ganzen offensichtlichen Abgründen, Missbrauch in jeder erdenklichen Form, Gewalt, Angst, diese ganze erstickende, bürgerliche Normalität, über die man mit "schwierigen Verhältnissen" spricht.

    Es reicht ja schon eine dieser ganz gewöhnlichen Familien, in denen Eltern ihre Kinder mit ihrem eigenen Weltbild vollkleistern, bis das Kind den ganzen Müll absorbiert und zur absoluten Wahrheit verklärt hat. Helikoptereltern, die jeden Atemzug ihres Kindes verwalten, aber selbst an Grundschulaufgaben scheitern, weil sich der Lehrplan gewandelt hat und es nicht mehr in ihr Facebook-Wahrheitsverständnis passt. Eltern, die in irgendwelchen Verschwörungssümpfen vor sich hinleben, aber natürlich ganz genau wissen, was "das System" ihren Kindern antut, und die bei jedem Schulbuch die Indoktrination wittern, während sie daheim die nächste schräge Weltordnung ihrer Sippe auf Telegram übernehmen (ja, ich habe klare Vorurteile gegenüber Telegram-Benutzern und ich stehe dazu).


    Das heißt nicht, dass ich Schule schönreden will – Gott bewahre :D – oder wer auch immer für diese aus Stundenplänen, zusammengepferchten Klassen in abgestandener Luft und bedeutungslosen Ermahnungen zusammengesetzte Lebenszeitvernichtungsmaschine zuständig ist. Ich find's schlimm, wie manche das für nen demokratischen Wunderraum halten, in dem alle Milieus sich friedlich begegnen und dann gemeinsam sozial kompetent aus der Turnhalle marschieren oder sowas. Im Grunde lernt man bloß, stillzusitzen, auf die Pause zu warten, Aufgaben zu erfüllen, deren Sinn sich entweder gar nicht erschließt oder gerade darin besteht, dass man sich an die Sinnlosigkeit gewöhnt, das übliche Blabla, aber es darf auch nicht der ort fehlen, an dem man merkt, dass andere Familien anders reden, andere Erwachsene anders denken und Kinder andere Selbstverständlichkeiten haben als die, die man in seinen vier Wänden beigebracht bekommen hat – kurz: dass die eigenen vier Wände nicht die ganze Welt sind.


    Man müsste also, wenn man nicht völlig irre werden will an diesem Thema, etwas wollen, das weder Schulpflicht im alten Sinne noch Elternrecht im (oft ideologischen) Sinne ist. Nur hängt daran natürlich sofort wieder alles. Arbeit, Geld, Abschlüsse, Herkunft, Behörden, diese ganze große Maschinerie, die schon Erwachsene kaum freilässt und dann Kindern Selbstständigkeit beibringen will, indem sie sie morgens irgendwo antanzen lässt. Nicht besonders überzeugend.

    Darum halte ich jede ernsthafte Schulreform in diesem Rahmen schon für verlogen. Nicht, weil der Wunsch falsch wäre, sondern weil man aus einer Gesellschaft, die Menschen nach Verwertbarkeit sortiert, schwer einen Bildungsort herausoperieren kann, der plötzlich zärtlich zur Seele ist.


    Ob nun diffuser Optimismus oder diffuser Pessimismus, ist mir am Ende inzwischen scheißegal. Konkret wird in diesem Rahmen sowieso nix mehr. :rolleyes2:

    μολὼν λαβέ.

  • Es geht nicht um Psychopathen oder Fanatiker, sondern um die Parallelstrukturen, die sich zwangsläufig herausbilden würden, bzw, haben wir das ja jetzt schon (Koranschulen, völkische Zirkel etc).

    Eben, wir haben diese Strukturen auch jetzt schon. Und irgendwelche religiösen Spinner finden auch heute schon Mittel und Wege, um ihre Kinder in einer ideologischen Blase aufwachsen zu lassen, in Form von religiös geprägten Internaten und ähnlichem, die sich vielleicht offiziell nach irgendwelchen Bildungsstandards richten müssen, aber wo den Kindern unterschwellig vermutlich mindestens genauso viel Bullshit vermittelt wird, wie wenn sie nur allein von ihren Eltern zuhause unterrichtet werden würden.

    Man sollte aber dabei auch nicht vergessen, dass es sich dabei um eine kleine verblendete Minderheit handelt, denn die große Mehrheit der Eltern wird gar kein Interesse daran haben, dass ihre Kinder nur so einseitig gebildet werdn... Der überwiegenden Mehrheit geht es eher darum, dass ihre Kinder später gute Berufschancen haben. Auch hier sollte man vielleicht nicht der Mehrheit der Menschen die Eigenverantwortung absprechen, nur weil es eine Minderheit gibt, die dumm oder verantwortungslos ist, denn damit schwächt man letztlich nur die individuelle Freiheit und stärkt das autoritäre Denken.


    Dennoch sind die angesprochenen Parallelstrukturen natürlich ein Problem. Und es ist anzunehmen, dass viele Migranten gar keine Notwendigkeit sehen würden, ihren Kindern die deutsche Sprache beizubringen, wenn man auch innerhalb ihrer ethnischen Community genug Karrierechancen hat. Auch das ist aber ja trotz Schulpflicht heute bereits so. Viele quälen sich nur durch die Schule, lernen dort nix, weder vernünftig deutsch und schon gar keine kukturellen oder ethischen Werte, und enden dann nach Ende ihrer Schulzeit doch nur in ihrer Parallelwelt, wo sie auch gelandet wären, wenn sie schon mit 12 bei Onkel Ali am Dönerstand gejobbt hätten.

    Diesbezüglich sollte man sich vielleicht auch keine falschen Illusionen machen, was die heutige Schule zu leisten vermag. Sie wird so oder so nur die jungen Menschen wirklich erreichen, die sich auch erreichen lassen wollen. Diejenigen hingegen, die wirklich nur aufgrund der Pflicht dort hingehen, und eigentlich geistig in einem ganz anderen Milieu feststecken, an denen prallt sowieso jede pädagogische Maßnahme ab. Will sagen: Dass jemand von der Schule zum klugen Denker oder Philosophen gemacht wird, der ohne die Schulbildung ein an allem desinteressierter Prolet geworden wäre, dürfte vermutlich die große Ausnahme sein. Die moderne Schule bringt den meisten Kindern eben nicht selbstständiges Denken bei, sondern höchstens, wie man sich anpasst und funktioniert.

  • Und was das Argument angeht, dass Kinder ohne die Schule keine anderen Werte oder Denkweisen kennenlernen würden: Ich wage einfach mal zu behaupten, dass auch heute schon die allerwenigsten Kinder, die aus einem intoleranten, engstirnigen Elternhaus stammen, durch die Schule dazu gebracht wurden, die Werte oder Ideologie ihrer Eltern zu hinterfragen. Viel größer dürfte der Einfluss der Kunst und Medien sein auf die Art, wie sie ihre Welt wahrnehmen... Musik, Kindersendungen im Fernsehen, Videospiele, Romane, Filme... Das ist es doch, was junge Leute wirklich prägt, wenn wir mal ehrlich sind. Und diese Einflüsse, die junge Menschen dazu einladen, über den Tellerrand zu blicken und ihre eigenen Idole und Helden abseits der Eltern zu suchen, wären auch ohne Schulpflicht weiterhin vorhanden. Jedenfalls ist der junge Dian durch diese Dinge deutlich mehr geprägt worden, als durch irgendwelche Pädagogen.

    Und der junge Lonewolf ja vermutlich auch. Aber sicherlich will ich jetzt auch nicht alles verdammen. Auch in der Schule kann man wichtige Dinge lernen, und soziale Kompetenzen entwickeln. Die Frage ist ja nur, ob es dafür den Zwang braucht.

  • Familie ist für ziemlich viele Menschen eben nicht das Auffangbecken, sondern eher der Ort, aus dem man überhaupt erst irgendwohin aufgefangen werden müsste.

    Klar, da hast du natürlich völlig Recht.

    Das Denken, dass die Familienstrukturen grundsätzlich gut für das Kind sind, und nur der böse Staat die Kinder indoktriniert, indem er ihnen linksgrünversiffte Ideen und sexuelle Perversionen einimpft, ist typisches AfD-Denken und vermutlich auch der Hauptgrund dafür, wieso eine Partei, die auf Ordnung und Drill wert legt, dann andererseits plötzlich für die Aufweichung staatlicher Zwänge eintritt. Das ist natürlich bei denen weder in sich konsequent, noch vernünftig zu Ende gedacht.

    Aber wir hatten ja auch schon User aus einer gänzlich anderen politischen Ecke hier, für die Pädagogen oder Jugendamtsmitarbeiter das personifizierte Böse waren, während sie Eltern, die ihre Kinder verwahrlosen ließen oder irgendeinem Pädo-Onkel anvertrauten, von jeglicher Schuld freisprachen. hust

    Ich würde das alles doch etwas differenzierter sehen, und halte Kritik an Eltern und dem, was sie ihren Kindern antun oder an falschen Werten vorleben, für ebenso bedeutsam wie Kritik am Schulsystem. Und entsprechend kritisiere ich die Tatsache, dass Kinder bis sie 18 sind, dem Willen ihrer Erziehungsberechtigten unterworfen sind und kaum Alternativen dazu haben, ja auch genauso wie die allgemeine Schulpflicht.


  • Dass es diese Parallelstrukturen ohnehin gibt, ist ja kein Argument gegen die Schulpflicht. Auch wenn Schule nur einen Bruchteil an Kindern erreicht, die zuhause mit Scheiße indoktriniert werden, ist dies ein großer Gewinn.

    Und der Anteil an 'verblendeten Fanatikern ' würde natürlich zunehmen, wenn diese zunehmend freie Hand hätten, ihre Kinder transparenten Strukturen zu entziehen. Es geht ja nicht nur um Wissensvermittlung, sondern um einen sozialen Raum außerhalb des eigenen unmittelbaren Umfelds.

    Es ist im Übrigen interessant, wie du argumentativ hin und her schwankst: Hier ist dein Hauptantagonist der Staat, drüber bei der discord-Debatte sind es zudem verständnislose Eltern. Und regeln sollen das Problem nun 'Idealisten'. Wie gesagt, du konstruierst hier einen falschen Gegensatz. Missbrauch und Fremdbestimmung sind in jedem Szenario denkbar. Im staatlichen Setting bestehen zumindest noch mehr Transparenz und Rechtfertigungszwang.

    Das heißt wie gesagt nicht, dass die moderne Schule nicht kritisiert werden muss. Aber sie erfüllt eben Selektions- und Konditionierungsaufgaben, die der kapitalistische Staat vorgibt. Ohne staatliche Schule würden diese Mechanismen wohl noch viel stärker greifen, bzw. noch mehr Ungleichheit hervorbringen. Mehr Autonomie der Kinder würde jedenfalls nicht entstehen, zumindest nicht ohne gleichzeitig alternative, transparente und kontrollierbare Alternativen zu schaffen, die dies gewährleisten. Insofern ersetzt du einen verhassten Zwang durch andere Zwänge.

    Die Frage ist also nicht: Schulpflicht ja oder nein, sondern: Wie befreien wir Kinder gleichzeitig von Schule, Familie, Markt und religiösen Autoritäten? Wie nehmen wir alle Machtformen in den Blick? Wie ermöglichen wir tatsächlich Autonomie? Und wie gesagt: An wenigen wohlmeinenden Idealisten kann das Ganze nicht hängen. Das Problem ist zu groß und strukturell begründet, daher muss es auch strukturell gelöst werden, wofür es große personelle und materielle Ressourcen braucht.

    Why do we fall?

  • Es ist im Übrigen interessant, wie du argumentativ hin und her schwankst: Hier ist dein Hauptantagonist der Staat, drüber bei der discord-Debatte sind es zudem verständnislose Eltern. Und regeln sollen das Problem nun 'Idealisten'. Wie gesagt, du konstruierst hier einen falschen Gegensatz. Missbrauch und Fremdbestimmung sind in jedem Szenario denkbar. Im staatlichen Setting bestehen zumindest noch mehr Transparenz und Rechtfertigungszwang.

    Das sehe ich durchaus auch so. Ich gehöre ja nicht zu denen, die sich einseitig über staatliche Zwangsmaßnahmen oder das böse Jugendamt aufregen, und gleichzeitig die Gefahren verkennen, die von ungesunden Familienstrukturen oder kaputten Eltern ausgehen.

    Junge Menschen sollten weder ihren Eltern, noch irgendwelchen Bürokraten und deren Gesetzen schutzlos ausgeliefert sein, und deshalb bräuchte es eben Alternativen jenseits von Schule und Familie.

    Mit "Idealisten" meinte ich einfach Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren und eben nicht deshalb, weil sie dafür bezahlt werden, sondern aus Empathie und Menschlichkeit heraus handeln. Und sei es auch nur, wenn es in jedem Dorf und jedem Stadtvierteil einfach eine Art "Jugendhaus" gäbe, wo junge Menschen ein und ausgehen können, und immer jemanden finden, dem sie sich anvertrauen können... aber eben nicht so, wie das heute bei irgendwelchen Jugendhäusern oft der Fall ist, dass da die asozialsten Jugendlichen der Stadt rumhängen, alle anderen vergraulen und völlig überforderte Sozialarbeiter nur damit beschäftigt sind, aufzupassen, dass nicht sämtliche Möbel zerstört werden. Sondern man müsste da natürlich schon vieeel mehr Personal und Ressourcen investieren, und das alles viel offener gestalten.

    Aber sie erfüllt eben Selektions- und Konditionierungsaufgaben, die der kapitalistische Staat vorgibt. Ohne staatliche Schule würden diese Mechanismen wohl noch viel stärker greifen, bzw. noch mehr Ungleichheit hervorbringen.

    Also im Sinne von "Es ist besser, Schule bereitet Kinder gewissenhaft auf die kapitalistische Arbeitswelt vor, als wenn sie sich ohne schulische Anleitung einen Job suchen müssten?"

    Ich muss bei solchen Rechtvertigungsversuchen immer eher an die Sklaven denken, die sich so sehr an ihr Sklavendasein gewöhnt haben, dass sie sich ein Leben ohne Bevormundung und Zwang gar nicht mehr vorstellen können, sodass sie die Konditionierungsversuche ihrer Herren dann sogar verteidigen, nach dem Motto: "Ohne unsere Herren würde es un ja noch viel schlechter gehen, weil wir dann nicht mehr unter ihrem Schutz stünden und alles mögliche passieren könnte. Vielleicht, dass uns irgendjemand noch viel schlimmer behandelt, als sie es tun."

    Die Frage ist also nicht: Schulpflicht ja oder nein, sondern: Wie befreien wir Kinder gleichzeitig von Schule, Familie, Markt und religiösen Autoritäten? Wie nehmen wir alle Machtformen in den Blick? Wie ermöglichen wir tatsächlich Autonomie? Und wie gesagt: An wenigen wohlmeinenden Idealisten kann das Ganze nicht hängen. Das Problem ist zu groß und strukturell begründet, daher muss es auch strukturell gelöst werden, wofür es große personelle und materielle Ressourcen braucht.

    Ja, natürlich, das würde ich so unterschreiben.

    Aber dazu brauchen wir eben erstmal eine breite gesellschaftliche Debatte, und vor allem auch das Bewusstsein, dass Schule so, wie sie aktuell ist, junge Menschen eher krank macht als gesunden lässt.