Es gibt 13 Antworten in diesem Thema, welches 781 mal aufgerufen wurde. Der letzte Beitrag (10. Juni 2026 um 13:14) ist von Lissaminka.

  • Zitat von https://www.20min.ch/story/anendophasie-denken-ohne-worte-103320122

    «Einige sagen, dass sie in Bildern denken und diese erst in Worte übersetzen müssen, wenn sie etwas sagen wollen», so die Forscherin gegenüber «Science Daily». «Andere vergleichen ihr Gehirn mit einem gut funktionierenden Computer, bei dem Lautsprecher und Mikrofon anders verdrahtet sind als bei anderen. Und wer doch etwas Verbales im Kopf wahrnimmt, beschreibt es oft als Worte ohne Ton.»

    Worte ohne Ton? Soll das heißen, diese "Forscherin" geht davon aus, 90-95% der Menschen würden eine innere Stimme oder einen inneren Dialog "laut" erleben wie schallende Sprache?


    Wie erlebt ihr sowas innerlich?

  • Ganz so einfach ist das nicht, das innere Erleben und Denken in die heiß geliebten wissenschaftlichen Daten zu verpacken bzw. man gerät schnell an das Qualiaproblem. So gut man auch die Aktivitäten verschiedener Gehirnareale oder das Feuern der Nervenzetteln beobachten kann, so gewähren sie doch keinen Einblick in die Innenwelt eines Gehirns, sodass man nur begrenzt nachvollziehen (aber nicht nachempfinden) kann, wie ein Gegenüber tatsächlich denkt und erlebt.

    Wie erlebt ihr sowas innerlich?

    Situationsabhängig sehr verschieden bzw. mich irritiert die Vorstellung, man könne Menschen aufteilen in "mit innerer Stimme" und "ohne innere Stimme".

    Bei mir ist das eher ein Wechsel zwischen verschiedenen Zuständen, mal Worte ohne Ton, mal Bilder oder konturlose, bildähnliche Zusammenhänge, mal bloß namenlose Eindrücke, für die ich vergebens nach Worten ringe. Manchmal auch rege innere Debatten, und selbst die sind keine physikalisch-akustischen Stimmen (und wäre das anders, würde ich das als Halluzination einstufen).

    μολὼν λαβέ.

  • Manchmal auch rege innere Debatten, und selbst die sind keine physikalisch-akustischen Stimmen

    Unterschieden könnte z.B. werden, ob "die innere Stimme" akustische Betonung aufweist?

    Was meinst du überhaupt mit "akustischer Betonung"?

    μολὼν λαβέ.

  • Akustische Sprache weist in der Regel Betonungen auf neben den Elementen, die möglicherweise auch niedergeschrieben würden. Weist "innere Stimme" solche Eigenschaften auf? Oder vielleicht auch nicht, wenn es sich um "reine Gedanken" handelt?

  • Akustische Sprache weist in der Regel Betonungen auf neben den Elementen, die möglicherweise auch niedergeschrieben würden. Weist "innere Stimme" solche Eigenschaften auf? Oder vielleicht auch nicht, wenn es sich um "reine Gedanken" handelt?

    Ich hab mal die KI befragt, was du meinen könntest, und sie brach es herunter in:


    1. bloß sprachlisch-symbolisches Denken, also nur der Satzinhalt ohne Klang, Tonfall, Betonung, sondern nur die Bedeutung in sprachlicher Form.
    2. Innere Sprache mit vorgestellter Prosodie, also zwar noch immer kein "Klang", jedoch eine gewisse innere Betonung oder Färbung wie beim stillen Lesen, wenn man eine Figur im Kopf mit bestimmtem Tonfall liest.
    3. quasi-akustische Vorstellung, also eine echte Klangvorstellung von z. B. einer bestimmten Person, inklusive Klangfarbe, Betonung, Dialekt usw.

    Ja, mir ist jede dieser Formen bekannt.


    Dir etwa nicht?

    μολὼν λαβέ.

  • Also bei mir läuft das jedenfalls lautlos ab. Ich denke oft mal in konkreten Worten, zum Beispiel, wenn ich in Gedanken überlege, was ich in einer Diskussion im Forum antworten oder jemandem sagen könnte, oder wenn ich an sonstigen Texten feile. Oder einfach generell, wenn ich über irgendwas etwas intensiver nachdenke. Aber ich würde das jetzt nicht als akustische Reize bezeichnen.

    Interessant finde ich die Vorstellung, wie das bei Menschen abläuft, die über keine Sprache verfügen, also zum Beispiel bei von Geburt an Taubstummen oder bei jemandem, der in der Wildnis aufgewachsen ist ohne Kontakt zu anderen Menschen. Diese können ja dann in gewisser Weise nur bildlich denken, und ich frage mich, wie man bestimmte Gedankengänge und Vorstellung ohne die Möglichkeit der Sprache überhaupt erfassen kann, da bei mir die komplexeren Denkvorgängen eben doch immer auch in gewisser Weise mit einer (lautlosen) Sprache verbunden sind.

  • Ja, jetzt, nachdem ich mal ein wenig drauf geachtet habe, bemerke ich, dass mir das "Denken mit innerer Stimme" wesentlich präsenter vorkam als es eigentlich ist.

    Der überwiegende Teil meines Denkprozesses läuft nahezu unbemerkt schnell ab und nimmt wesentlich mehr Abkürzungen als die Sprache das erlauben würde.


    Meine innere Stimme, die nebenbei ab und an mal die Sprache wechselt, übernimmt häufig eine rein kommentierende Rolle und tritt erst bei komplexeren Abstraktionen in der Vordergrund, die kaum anders als sprachlich durchführbar sind. Jedoch nicht ausschließlich, denn manchmal wird sie sehr gesprächig.


    Sowieso ein ganz spannendes Thema, das mich wieder daran erinnert, dass Daniel Kahns Werk 'Schnelles Denken, langsames Denken' auf meiner Liste steht.

    μολὼν λαβέ.

  • Zitat von https://www.potenzialfinder.com/glossar-artikel/daniel-kahnemann-schnelles-denken-langsames-denken

    Die Kernthese von Daniel Kahneman in seinem Buch „Schnelles Denken, langsames Denken“ (im Original „Thinking, Fast and Slow“) ist, dass das menschliche Denken in zwei Hauptsysteme unterteilt werden kann: System 1 und System 2.

    1. System 1: Dieses System ist schnell, intuitiv, automatisch und emotional. Es ermöglicht uns, blitzschnelle Entscheidungen zu treffen, basierend auf Mustererkennung und Heuristiken. Es funktioniert ohne bewusste Anstrengung und wird oft in Situationen aktiviert, in denen schnelle Reaktionen erforderlich sind.
    2. System 2: Dieses System ist langsam, bewusst, analytisch und rational. Es erfordert bewusste Anstrengung und kognitive Ressourcen. Es wird aktiviert, wenn komplexe Probleme gelöst werden müssen, und es ermöglicht eine tiefere und genauere Analyse von Informationen.

    Kahneman argumentiert, dass beide Denksysteme wichtige Rollen spielen, aber sie haben ihre eigenen Stärken und Schwächen. Unser Denken ist oft von automatischen und fehleranfälligen Urteilen und Entscheidungen geprägt, die von System 1 gesteuert werden. Um bessere und rationalere Entscheidungen zu treffen, ist es manchmal notwendig, bewusst zu System 2 zu wechseln und eine gründlichere Analyse durchzuführen.

    Zitat von https://de.wikipedia.org/wiki/Schnelles_Denken,_langsames_Denken

    Im ersten Teil des Buches beschreibt Kahneman die zwei verschiedenen Weisen, in denen das kognitive System bzw. Gehirn denkt:

    • System 1: Schnell, automatisch, immer aktiv, emotional, stereotypisierend, unbewusst
    • System 2: Langsam, anstrengend, selten aktiv, logisch, berechnend, bewusst

    Kahneman beschreibt eine Reihe von Experimenten, die die Unterschiede zwischen beiden Gedankenprozessen herausstellen, und er zeigt, wie beide Systeme oft zu verschiedenen Schlüssen kommen. Die beiden Systeme können sich auch gegenseitig behindern (Dual-Task-Paradigma).

    Das System 2 sei dabei rasch „faul“, „ausgelastet und erschöpft“. Der Autor beschreibt das Phänomen der „Bahnung“ (engl. Priming) von bestimmten Ansichten durch bestimmte Reizworte. Er zeigt auf, wie „kognitive Leichtigkeit“, d. h. die Leichtigkeit, mit der Information verarbeitet werden kann, bestimmte unrealistische Denkweisen fördert.

    [...]

    Eine spätere Analyse[8] ging so weit zu behaupten, dass trotz Kahnemans früherer Beiträge zum Gebiet der Entscheidungsfindung die meisten Ideen des Buches auf „wissenschaftlicher Literatur mit wackeligem Fundament“ beruhten. Als Begründung wurde ein allgemeiner Mangel an Reproduzierbarkeit bei den im Buch zitierten empirischen Studien angeführt.

    System 1 wird also als unbewußt und automatisch beschrieben. Ob mit "innerer Stimme" nach dieser Theorie geordnet nur System 2 gemeint wäre?

  • quasi-akustische Vorstellung, also eine echte Klangvorstellung von z. B. einer bestimmten Person, inklusive Klangfarbe, Betonung, Dialekt usw.

    Wenn ich mich auf diesen Versuch einer weiteren Annäherung beziehe, dann fällt mir z.B. die Frage ein, wie es denn einzuordnen wäre, wenn jemand "gedanklich" ein Lied singt oder ein Musikstück erfährt. Hätte das dann nicht eine "gedankliche" Klanglichkeit?


    Und anders: Gibt es nicht auch eine "innere Stimme", die sozusagen Körpersprache aufwiese? Zu der eine Vorstellung z.B. der Gestik eines Redners gehören könnte?

    Der überwiegende Teil meines Denkprozesses läuft nahezu unbemerkt schnell ab und nimmt wesentlich mehr Abkürzungen als die Sprache das erlauben würde.

    Denkst du, er wäre dann so überhaupt sprachlich zu nennen? Du hattest da wohl Stimme und Denkprozeß unterschieden?

    tritt erst bei komplexeren Abstraktionen in der Vordergrund, die kaum anders als sprachlich durchführbar sind

    Worauf würde das nach deiner aktuellen Analyse zutreffen?