Eigenes Weltbild gegen Realität

Es gibt 5 Antworten in diesem Thema, welches 1.823 mal aufgerufen wurde. Der letzte Beitrag (8. Juni 2026 um 00:18) ist von MessageToForum.

  • malte6071 schrieb am 06.06.2026, 19:03 in #le-café-unité:


    Und nun ernsthaft.

    Wäre unsere Illusion mit der Realität widerspruchsfrei, müsste das bedeuten, dass wir allwissend wären, um in Unserer Vorstellung der Welt mit keinem Detail im Widerspruch zu stehen.

    Die Andere Möglichkeit ist, dass wir nichts wissend sind. Und damit meine ich absolut nichts. Gar nichts. So wenig, dass wir nicht wissen, wir es geht, sich etwas Vorzustellen, und keine Basis haben, die wir für Illusionen nutzen können, da jau auch diese auf einer Idee basieren müssen, aber das Wissen dazu fehlt, wenn wir nichts wissen. Ohne eine Vorstellung von der Welt können wir mit dieser nicht im Konflikt mit der Realität stehen.

    Beide Zustände halte ich für ausgeschlossen. Durch die Existenz unserer Sinne eigenen wir uns unumgänglich Wissen über unsere Umgebung an, also sind wir ab dem Moment des ersten Sinneseindrucks nicht mehr nichtswissend.

    Die Allwissenheit erklärt sich von selber für äußerst unrealistisch, dass muss ich nicht weiter erläutern.


    Es folgt meiner Ansicht nach der unausweichliche Konflikt zwischen Realität und eigenem Weltbild.

    Das Entscheidende ist der Umgang mit dieser Situation. Bin ich gewillt, mein Weltbild anzupassen? Kann ich meinen Wunsch von der Realität trennen? Sehe ich ein, dass manches unrealistisch ist, und kann mich zum Selbstschutz davon lösen oder meine Wünsche an die Realität so anpassen, die sie keine Utopien mehr sind?

    Wenn das alles nicht funktioniert, dann lebt man an der Realität vorbei und wird irgendwann gnadenlos zerschellen.

    Wenn man kein Rückgrat für seine eigene Vorstellungen hat, at man kein Leben mehr das man Lebt, sondern in dem man nur noch als Körper existiert.

    Schafft man aber, für sich und seine Weltvorstellung einen Platz in der Realität zu finden und Kompromisse zu schließen, und mit den unweigerlichen Widersprochen zu leben, dann glaube ich daran, dass man durchaus davon profitieren und damit glücklich werden kann.

  • Was vor Maltes Antwort geschah:


    jannis: "Es gibt Leute, die anderen das Gefühl geben, sie sollten besser anders sein. Diese Leute lassen andere sich schlecht fühlen und wegen dieser lügen sie sich selbst an, weil sie sich (zum Glück oder leider) bewusst sind, dass sie nicht so sind, wie es diese Leute für richtig halten würden."


    Lissaminka: "Sowas scheitert am fehlenden Konsens, unterschiedlichen Bewertungsschablonen und wahllosen Weltbildern, die mit deinem Geist zufällig am besten resonieren. Dazu wird sich kein "Schuldiger" finden lassen, weil es auf die mangelhafte Wahrnehmung aller Dinge zurückzuführen ist, solange wir nicht jede Variable und jeden Fakt zu jedem Zeitpunkt gleichzeitig kennen. Deswegen halte ich jedes abgeschlossene und gefestigte Welt- und Selbstbild in letzter Konsequenz doch für eine Illusion, deren innere Konsistenz gewahrt und gegen Widersprüche immunisiert werden muss, um Bestand zu haben. Darum ist das kaum anders als das Theater, das dem Umfeld vorgespielt werden muss, um sich die Interaktion zu vereinfachen. Oder die Illusion des freien Willens und einer eigenen Identität. Oder zum Selbstschutz vor Tatsachen, die man schwer verkraften kann, ergo als hygienische Maßnahme. Eigentlich verarschen wir uns die meiste Zeit selbst und bemerken es gar nicht. Es ändert nicht viel, kann unter anderem ganz praktisch und alltagstauglich sein, und darin findet sowieso nicht der Großteil des eigenen Handlungsspielraums statt. Aktive und bewusstere Formen der Selbstverarsche, z. B. Autosuggestion, müssen halt erstmal fruchten. Ich hab auch meine Schwierigkeiten damit, mir etwas einzureden, von dem ich weiß, dass ich es mir nur einrede, obwohl es aus logischer Sicht ziemlich indifferent sein dürfte, wenn man davon ausgeht, dass die zu ersetzende Annahme bloß eine glaubwürdigere Illusion war als die neue."


    jannis: "Ich finde, dass Widersprüche eher für etwas statt dagegen sprechen. Wäre das Fehlen von Widersprüchen nicht zu künstlich?"


    Lissaminka: "Das Fehlen von Widersprüchen halte ich für eine notwendige Bedingung dafür, überhaupt sinnvoll von einem Modell sprechen zu können. Künstlich wird es erst dort, wo die Widerspruchsfreiheit durch Ausblendung störender Tatsachen erkauft wird. Dass die Wirklichkeit unsere Modelle überfordert, bedeutet nicht, dass Widersprüche ein Wahrheitskriterium wären – eher weisen sie auf die Grenzen der verwendeten Begriffe und der aufgestellten Prämissen hin. Wenn etwas nicht zusammenpasst, liegt die Ursache dafür in unserem Verständnis der Welt, und deswegen würde ich zwischen Unsicherheit und Widersprüchlichkeit unterscheiden. Ersteres ist unvermeidlich, während letzteres ein konstruiertes System wieder zerschießt."


    [Maltes Nachricht.]

    μολὼν λαβέ.

  • Durch die Existenz unserer Sinne eigenen wir uns unumgänglich Wissen über unsere Umgebung an, also sind wir ab dem Moment des ersten Sinneseindrucks nicht mehr nichtswissend.

    Unsere Sinne liefern und zunächst einmal nur Eindrücke. Ob und in welchem Ausmaß diese etwas über eine außerhalb unserer Wahrnehmung existierende Wirklichkeit aussagen, ist damit noch gar nicht entschieden. Schließlich sind dieselben Sinne und dieselben Gehirne, auf die wir uns berufen, dafür verantwortlich, dass wir uns mit Irrtümern, Täuschungen/Illusionen, Projektionen, Wunschdenken und allerlei sonstigen Kuriositäten herumschlagen.

    Dass wir etwas wahrnehmen, scheint mir daher deutlich sicherer zu sein als die Behauptung, wir würden deshalb bereits etwas wissen.


    Wenn das alles nicht funktioniert, dann lebt man an der Realität vorbei und wird irgendwann gnadenlos zerschellen.

    Ich würde behaupten, dass gerade derjenige, der sich ein möglichst stabiles Weltbild konstruiert, Widersprüche glättet, Unsicherheiten beseitigt und anschließend erklärt, nun endlich mit beiden Beinen fest auf dem Boden der Tatsachen angekommen zu sein (wobei man vermutlich bis zu einem gewissen Grad an die eigene Konstruktion glauben muss, damit sie überhaupt funktioniert), für mein Empfinden wesentlich eher an der Realität vorbeilebt als jemand, der die eigene Unsicherheit über die Ungewissheit offen eingesteht. Gerade die Bereitschaft, die eigenen Überzeugungen wieder zu verwerfen, erfordert deutlich mehr Mut als ihre Verteidigung. Die Abwesenheit von Zweifeln darf nicht mit Erkenntnis verwechselt werden, und jede These sollte die Möglichkeit bieten, falsifiziert zu werden.

    Klar, um mit seinem Leben zurechtzukommen, ist die Einhaltung solcher Kriterien obsolet, sofern man an seine unwiderlegbaren Absolutheiten (z. B. Götter, Religionen oder sonstige esoterische Heilslehren wie die Lösung aller Probleme durch Mindset und Affirmation ;) ) reibungslos glauben kann – das wäre somit der philosophische Selbstmord (meine Güte, ich sollte echt mal Camus Mensch in der Revolte und seinen Sisyphos durchackern).

    Bloß fürchte ich, damit alleine niemals Anspruch auf irgendeine Realität erheben zu dürfen.


    Wenn man kein Rückgrat für seine eigene Vorstellungen hat, at man kein Leben mehr das man Lebt, sondern in dem man nur noch als Körper existiert.

    Das wäre dann letztlich die Fortsetzung dessen, was ich beschrieben habe – das geht vielleicht in die Richtung der Verneinung des Willens nach Schopenhauer, also die Abtötung seiner Wünsche, Vorstellungen und Träume, sodass man bloß noch in seinem Körper vor sich hin existiert. Das ist die konsequentere bis asketische Form dessen, was ich mit der Akzeptanz der eigenen Unwissenheit beschrieb, mit der man tagesformabhängig vor sich hinleben könnte – man ersetzt "Wahrheit" durch eine Art Hedonismus der Reibungsvermeidung. Allerdings ist es nicht immer einfach, ein fehlendes Fundament dauerhaft zu ignorieren, weil dann keine Vorstellung von irgendwas noch eine feste Verankerung hat.

    Beides davon scheint mir in der "Realität", bei der wir nun wieder wären, schwierig umzusetzen und potenziert sich ferner mit schwammiger Kommunikation, schwammiger Illusion von Verständnis und schwammigen Antworten.

    μολὼν λαβέ.

  • Wenn das alles nicht funktioniert, dann lebt man an der Realität vorbei und wird irgendwann gnadenlos zerschellen.

    Ich würde behaupten, dass gerade derjenige, der sich ein möglichst stabiles Weltbild konstruiert, Widersprüche glättet, Unsicherheiten beseitigt und anschließend erklärt, nun endlich mit beiden Beinen fest auf dem Boden der Tatsachen angekommen zu sein, für mein Empfinden wesentlich eher an der Realität vorbeilebt als jemand, der die eigene Unsicherheit über die Ungewissheit offen eingesteht.

    Genau das Meine ich ja. Wenn Es geht mir um die Anpassungsfähigkeit. Wer nicht gewillt ist sich der Realität zu öffenen, um ein auf der Realität stabil fußendes Weltbild zu erlangen, genau der wird zerschellen. Wer die Unsicherheit eingesteht, hat schwächen erkannt, und kann damit umgehen. Wer Widersprüche glättet, verschweigt die unvereinbarkeit, wer sie abersieht und mit ihnen Ringt, kann die Konflikte seiner Utopie mit der Realität verstehen und umdenken.

    Im Prinzip meinen wir da das gleiche.


    Deine Gendanken zu:

    Zitat

    Zitat von Malte

    Wenn man kein Rückgrat für seine eigene Vorstellungen hat, at man kein Leben mehr das man Lebt, sondern in dem man nur noch als Körper existiert.

    finde ich seh interessant und führenn wenn ich darüber nachdenke, meine Überlegungen auch aus meiner Sicht konsequent weiter.

    Geh - Aber geh mir nicht auf die Nerven

  • Noch ein Nachtrag von mir dazu, nachdem Teve mich im Discord nach dem Aussehen meiner eigenen Realität gefragt hat, wenn ich sie erschaffen könnte:

    Zitat

    Eine eigene Realität zu erschaffen würde die Welt in ihrer Gesamtheit einschließen. So weit habe ich mich noch nie gewagt zu denken. Ich müsste ja jedes Detail bedenken, dass irgendwo relevant werden könnte. Was mir bei dem Gedanken an eine eigene Realität genau so wichtig ist, ist der abstand von Utopien, die es nicht in die Wirklichkeit schaffen können. Wenn man sich davon aber distanziert, wie weit ist es dann noch der eigene Wunsch, oder nur noch eine Veränderung des Istzustandes unserer Welt. Aber ich kann mal einfach ein paar Dinge in den Raum werfen: In meinem Idealbild wäre dieser Raum hier überflüssig. Die meisten, die hier herfinden sind hier, weil sie da draußen niemand versteht, weil sie mit der Gesellschaft nicht zurecht kommen, oder weil sie ein Leben leben müssen, für das ihre Voraussetzungen nicht ausreichen oder passen. All diese Dinge sollte es nicht geben. Genau so sollte es nicht nötig sein, sich etwas erkaufen zu müssen. Seien es Leistungen, Waren, Gefälligkeiten. Was ich mir wünsche ist ein Bewusstsein aller Menschen dafür, dass wen jeder seinen Teil nach seinen Voraussetzungen leistet und sich darüber gewiss sein kann, dass jeder dies tut, dass für alle gesorgt sein wird. Und niemand müsste einen direkten Gegenwert für seine Arbeit verlangen, weil auch niemand etwas dafür verlangt, was ich brauche um zu leben. Dieser Kreislauf ist in meinen Augen viel gesünder für alle, funktioniert aber nur, wenn auch alle bereit sind mitzuhelfen. Die Idee ist allerdings dermaßen Utopisch, weil es einer Planwirtschaft bedürfte, um die Arbeit zu steuern, da es keinen regulierenden markt mehr gäbe, aber die Effizienz von Planwirtschaften unbestreitbar schlecht ist.

    Nun etwas näher an der Realität; einfach ein paar Wünsche an unser hier und jetzt: Jeder soll sich mal ein bisschen zurück nehmen und schauen, was sein Verhalten für andere bedeutet. Stichwort extreme Ressourcenverschwendung, Nahrungsmittelkonsum von aller Welt, unmenschliche Arbeitsbedingungen... Es sollte mehr Rücksicht auf unseren Lebensraum genommen werden. Wer mehr hat als andere, sollte sich zurücknehmen, Stichwort Geld. Verteilt es gleichmäßiger. Nicht Firmenkapital. Nicht Grundbesitz von Landwirten (auch wenn dieser sehr viel Wert ist). Würde das beides aufgeteilt und gleichmäßig verteilt, würde nichts mehr in unserer Realität funktionieren. Aber Immobilien und liquide Finanzmittel gehören aus meiner Sicht verteilt. Höhere Einkommen höher besteuert, sämtliche Beitragsbemessungsgrenzen der Sozialversicherungen abgeschafft. Wer mehr verdient muss auch mehr einzahlen. Diese Solidarität sollte selbstverständlich sein, doch wächst mit dem Einkommen oft auch der Geiz gegenüber den Menschen, die es bräuchten. Sich dort ein Umdenken zu wünschen ist utopisch - ich tue es trotzdem - also muss man den Staat (so unliebsam er den Anarchisten hier auch ist) in die Pflicht nehmen, sich für seine Bürger einzusetzen. und das ist eigentlich mein größter Realitätswunsch, der es vielen Menschen besser gehen ließe: Staatlicher Mut, ALLEN Menschen wirklich helfen zu wollen, und nicht manchen mehr helfen zu wollen als anderen.

    Geh - Aber geh mir nicht auf die Nerven

  • lissaminka schrieb am 08.06.2026, 00:18 in #le-café-unité:


    [als Antwort auf Grusels Beitrag im Server]


    Natürlich ist es weitaus komfortabler, sich auf ein vermeintlich "funktionierendes Fundament" zurückzuziehen, auch wenn ich mich hier wiederhole, anstatt sich den fundamentalen Rissen im eigenen Weltbild zu stellen. Aber diesen stumpfen Optimismus als beneidenswert hinzustellen, ist nichts anderes als die romantische Verklärung jener Kapitulation. Wer einfach nur "das Beste aus dem macht, was er hat", hat sich meistens schlichtweg damit abgefunden, die eigenen Ansprüche radikal herunterzuschrauben.

    Beim lieben Gödel liegt ein Kategorienfehler vor, denn seine Unvollständigkeitssätze sezieren geschlossene, axiomatische Beweissysteme der formalen Mathematik. Sie sind jedoch in keiner Weise dafür konzipiert, die grundlegenden Axiome des Universums, der Physik oder gar der menschlichen Existenz zu definieren. Ob die "innersten Axiome", die uns unzugänglich sind, zu einem vollständigen System führen könnten, ist gerade fraglich, denn die Mathematik wird das Universum in ihrer heutigen Form kaum vollständig beschreiben können. Ich schließe damit auch nicht aus, dass diese "Axiome" (bzw. was auch immer sie in diesem Fall sein müssten) in Form irgendeiner geisteskranken, für unseren Menschenverstand unzugänglichen "Logik" doch existieren.

    Wer aufhört, gegen diese Wände zu rennen, hat sich aus meiner Sicht von der reinen Lebenstauglichkeit korrumpieren lassen. Da beweise ich doch lieber, dass man die eigene geistige Integrität höher bewerten kann als ein bequemes, zusammengebasteltes Kompromiss-Weltbild – dass man sich bewusst dazu entscheiden kann, lieber am eigenen kompromisslosen Standard zu zerschellen, als in pragmatischer Mittelmäßigkeit zu versinken, und dass man sich durchaus weigern kann, kampflos die Grenze des eigenen Denkens zu akzeptieren, um schließlich der Erkenntnis zum Trotz noch sein Leben zu führen und sein Dasein zu rechtfertigen – DAS ist die einzig aufrichtige Form irgendeinen Optimismuses.