Inklusion in Schulen

Es gibt 9 Antworten in diesem Thema, welches 715 mal aufgerufen wurde. Der letzte Beitrag (11. Juni 2026 um 12:43) ist von Dian.

  • Ich habe erst vor kurzem zum ersten Mal von Schulbegleitern gehört, nun frage ich mich, ob es sowas auch schon zu meiner Schulzeit gab. Ich kann mich definitiv nicht erinnern, jemals damit auf irgendeine Weise in Berührung gekommen zu sein.



    Wenn der im Beitrag gezeigte Junge namens Ibrahim berechtigt scheint, so einen Schulbegleiter gestellt zu bekommen, dann hätten an meiner damaligen Hauptschule sicher Dutzende von diesen Schulbegleitern in den Klassen anwesend sein müssen. Ich selbst war ja damals auch ADHS Kind, von spezieller Förderung war jedoch nie die Rede. Führt sich hier der Gedanke der Inklusion nicht ad absurdum. Wie sinnvoll ist Inklusion überhaupt, auch für wirklich geistig und körperlich stark beeinträchtigte Kinder? was meint ihr dazu? Ich weiß nicht ob ich als so ein Kind überhaupt um jeden Preis an eine Regelschule wollen würde, man bleibt ja doch immer ein Sonderfall, man wird nie ganz dazugehören und nie die gleichen Leistungen bringen wie der Rest. Im besten Fall sind halt alle nett und freundlich aus purem Mitleid, aber will man das überhaupt.


    Die Gesellschaft tut sich generell extrem schwer damit einzugestehen, dass nicht alle Menschen für ihr schwachsinniges System geschaffen sind. Nicht alle Menschen kommen mit der Arbeitswelt, Bürokratie und all den immer vielfältiger und komplexer werdenden Anforderungen einer modernen Gesellschaft zurecht. Viele dieser Menschen landen dann im im Bezug von Transferleistungen und auch dort versucht man sie noch weiter zu nötigen sich in ein System einzugliedern, dass nicht zu ihnen passt, notfalls auch mit zwang oder man streicht ihnen jede finanzielle Unterstützung und nimmt damit ihre sichere Obdachlosigkeit in kauf.

    Nicht jeder Mensch ist gleich belastbar, unterschiedliche Menschen können von unterschiedlichen Dingen unterschiedlich schnell überfordert und überlastet sein. Nicht jeder schafft es zu Terminen beim Jobcenter zu erscheinen oder sich dazu zu motivieren Morgens pünktlich auf der Arbeit zu erscheinen und dort die geforderte Leistung zu erbringen.


    Wenn sich eine Gesellschaft dann doch mal eingesteht, dass nicht alle Menschen ins gewünschte Muster passen und den Rahmenbedingungen des Systems entsprechen, dann passiert das oftmals wie in den dunkleren Kapiteln userer Geschichte und man hinterfrägt dann nicht etwa das System selbst, sondern brandmarkt alle die sich nicht anpassen können oder wollen als wertlos und schädigend und sperrt sie kurzerhand weg oder beseitigt sie gar.


    Niemand hat sich ausgesucht geboren zu werden oder in welchem System er leben möchte. Zu viele Dinge in unserem Leben werden einfach für uns entschieden oder besser gesagt über uns hinweg. Da wären wir im Grunde auch schon bei so Themen wie Antinatalismus, Euthanasie und Wehrpflicht. Themen die von der Gesellschaft nicht so gerne erörtert werden weil sie die gesamte moralische Grundlage der Gesellschaft schnell ins wanken bringen. Man wird ungefragt ins Leben katapultiert und ist dann sein gesamtes Leben lang gesellschaftlichen Zwängern ausgeliefert, sowie den Zwängen der eigenen Biologie und Umwelbedingungen. Wenn man dann irgendwann wenigstens auf eigenen Wunsch human sterben möchte, wird einem das verweigert, aber im Falle eines Krieges darf man dann sehrwohl in den Tod geschickt werden, notfalls auch gegen seinen Willen und man bekommt sogar obendrein noch die erlaubnis, nein sogar den Befehl, andere zu töten. Nur weil diese Anderen zufällig das Pech oder Glück hatten im Fremden Team mitspielen zu müssen statt im eigenen. Mit anderen Worten von der Geburt bis zum Tod wird einem permanent der eigene Wille verweigert. Ob und wann du sterben darfst unter unter welchen Umständen dass entscheiden immer andere über dich hinweg, genauso wie über deine eigene Geburt, die immer ohne deine Zustimmung passiert.

    Um zu kaschieren wie abgefuckt dieser ganze Mist ist, klammert man sich dann um so mehr an Erzählungen wie die der Inklusion und schreibt sich ganz stolz Toleranz auf die eigenen Fahnen. Ist doch alles total verlogen. Aber das Leben ist ja ansich total krank und absurd, wie ja bereits im Veganismus Thema angerissen wurde, ist man ab der unfreiwilligen Geburt, darauf angewiesen für den Rest seines Lebens andere Lebewesen zu verzehren. Aber ich schätze ich bin etwas zu sehr abgedrifted.


    In Zukunft wird es vermutlich nicht mal mehr eine individuelle Entscheidung der Eltern sein Kinder in die Welt zu setzen oder eben dies zu unterlassen. Weil bereits an Robotern geforscht wird die Kinder zur Welt bringen.


    https://www.firstpost.com/health/china-pregnancy-robot-humanoid-surrogacy-ws-e-13925730.html


    Ich will mir gar nicht ausmahlen wie abgefuckt die Zukunft noch werden wird. Inklusion wird dann vermutlich gar nicht mehr nötig sein, weil man bis dahin alle genetischen Faktoren von Neugeborenen derart genau abstimmen kann, dass immer kerngesunde leistungsfähige Babys zur welt kommen, perfekt um dann als makellose Arbeitsdrohnen eingesetzt werden zu können.

    ''Everyone around me, they feel connected to something. Connected to something, I'm not.''
    Motoko Kusanagi

  • Schwieriges und komplexes Thema, über das ich sicherlich stundenlang schreiben könnte.

    Ich persönlich finde die in dem Video angesprochenen Klassenassistenten ja eine ganz gute Idee. Also dass paar Leute für alle Schüler gleichermaßen da sind, aber ohne dass man einen Schüler als "Behinderten" stigmatisiert, indem man ihm eine Einzelbetreuung mitgibt. (Manche werden dann sicher dennoch häufiger die Hilfe des Assistenten benötigen als andere).

    Eigentlich sollte sowieso jeder junge Mensch, zumindest auf Wunsch, so einen erwachsenen Ansprechpartner und Unterstützer haben, der ihn aufrichtig zu verstehen versucht, und der ihm nicht nur bei Schulproblemen hilft, sondern etwa auch bei Problemen im Freundeskreis oder mit den Eltern.

    Das ist auch etwas, was ich in der Unity-Philosophie angesprochen habe. Man lässt Kinder heute generell viel zu sehr allein mit sich und ihren (ebenfalls unreifen und unwissenden) Altersgenossen, obwohl sie eigentlich dringend inspirierende Vorbilder und kluge Ratgeber bräuchten. Das betrifft letztlich nicht nur die Behinderten und extremen Sonderfälle, sondern alle Heranwachsenden.


    Das, was mir am meisten Bauchschmerzen bereitet, wenn ich so einen Bericht sehe, ist aber der von dir bereits angesprochene Widerspruch zwischen dem gutgemeinten Wunsch, Schüler zu inkludieren, und der gesellschaftlichen Realität, die nunmal so aussieht, dass man Menschen vor allem anhand ihres Nutzens und ihrer Leistungsfähigkeit bewertet.

    Es ist ein Widerspruch, den unsere Gesellschaft nicht zu lösen vermag, und den sie nicht einmal wirklich offen ausspricht und zur Diskussion stellt.

    Es scheint, als ob sie am liebsten beides wollen. Inklusion (man will ja menschlich sein und niemanden diskriminieren), aber auch knallharte Leistungsgesellschaft. Bürgergeld gilt vielen schon als zu sozial, aber mit Behinderten hat man als zivilisierter Wohlstandsmensch natürlich trotzdem Mitleid und will sie so gut es eben geht integrieren.

    Und das ist eben dann auch ein bisschen schizophren.

    Wie sinnvoll ist Inklusion überhaupt, auch für wirklich geistig und körperlich stark beeinträchtigte Kinder? was meint ihr dazu? Ich weiß nicht ob ich als so ein Kind überhaupt um jeden Preis an eine Regelschule wollen würde

    Ich würde vielleicht eher umgekehrt fragen... wie sinnvoll ist es, Kinder in "Sonderschulen" zu stecken, auf denen sie zwar dann nicht überfordert werden, aber schon in so jungen Jahren einen Stempel aufgedrückt bekommen, den sie in der Regel den Rest ihres Lebens dann nie wieder loswerden?

    Hier in der Nachbarschaft wohnt ein Junge, der eigentlich so von außen ganz normal wirkt, und jetzt auch nicht so wirkt, als ob er irgendwie zu dumm oder zu zurückgeblieben wäre, um einfach in den Zug zu steigen wie alle anderen auch und zu einer normalen Schule zu fahren. Aber er wird jeden Tag von einem Behindertenbus abgeholt, in dem dann meistens noch deutlich behindertere Kinder sitzen.

    Und ich hab mir schon gedacht, wenn ich das sehe: "Klebt ihm doch gleich noch einen Zettel auf die Stirn, auf dem ICH BIN BEHINDERT geschrieben steht, damit es auch wirklich jeder sehen kann, wie abartig anders er ist!"

    Vermutlich meinen es die Eltern gut, weil er dort ihrer Ansicht nach optimal gefördert wird. Aber was ist diese Förderung wert, wenn man dafür in dem Bewusstsein heranwächst, dass man nicht gut genug ist für eine normale Schule?

    Ich weiß nicht, was mir in der Situation lieber gewesen wäre. Will ich Behinderter unter anderen Behinderten sein, und mich dafür weniger beweisen müssen, oder will ich kämpfen müssen, aber dafür wenigstens das Gefühl haben, dass es ALLEIN AN MIR liegt, ob ich mir Respekt verdiene oder nicht? Hätte der junge Shinobi sich wohler gefühlt, wenn er, statt mit irgendwelchen krassen Ghetto-Gangstern zur Schule zu gehen, mit einem Haufen sabbernder Analphabeten im Behindertenbus in die Sonderschule gefahren worden wäre? :bigshame:

    Hätte es dir geholfen, deinen Frieden zu finden?

    Ich meine, ich kann beide Seiten verstehen. Wenn ich ein Mutant wäre, der zu sehr von den Menschen um mich herum abweicht, wäre ich sicher auch am liebsten auf Professor Xaviers Mutantenschule gegangen, weil ich da noch am ehesten die Chance hätte, Gleichgesinnte zu finden, die mich verstehen können.

    Aber "Mutant" zu sein, ist ja auch irgendwie cool. Wenn du hingegen das Etikett "Behinderter" hast... ich weiß nicht, wie das für's Ego ist, und was das langfristig aus einem macht. Ob es da nicht zuweilen besser wäre, die Gesellschaft würde junge Menschen, die von der Norm abweichen, zum Kämpfen und Stolzsein ermutigen, statt ihnen so diese Opfermentalität einzupflanzen, nach dem Motto "Du bist eben schwächer als die anderen, finde dich damit ab, anstatt zu versuchen, wie sie zu sein."

    Geht man eher zu Grunde, wenn man sich mehr anstrengen muss, als man zu leisten vermag? Oder wenn man von allen in Watte gepackt wird und seine eigene sichere Bubble bekommt, in der man aber auch irgendwie immer der bemitleidenswerte Bedürftige bleibt, der alleine nichts auf die Reihe bekommt (sowohl in der Wahrnehmung anderer, als auch in der Selbstwahrnehmung)?

    Wie gesagt, schwierig... ich denke, es gibt gute Argumente für beide Ansichten. Und es hängt sicherlich auch von der Schwere der Beeinträchtigung ab, die man hat. Ich bin mir nicht sicher, was hier der ideale Weg ist. Bei unserem heutigen Schulsystem ist die Wahl zwischen Inklusion oder Sonderschule vermutlich sowieso die Wahl zwischen Pest und Cholera... denn an einer Inklusion, die ihn überfordert, kann ein junger Mensch genauso zerbrechen, wie wenn man ihm ständig einredet, wie behindert, schwach und hilfsbedürftig er ist.

  • Ich habe Freunde und Bekannte, die in eben jenen Bereichen arbeiten, als Schulbegleiter, Sonderschulpädagogen oder Heilerziehungspfleger in Arbeitseinrichtungen. Die kommen alle aus linken Zusammenhängen und sind entsprechend system- und kapitalismuskritisch eingestellt. Dementsprechend haben sie einen reflektierten und nüchternen Blick auf ihre Tätigkeit, die ja darin besteht, sich um diejenigen zu kümmern, die laut kapit. Verwertungslogik aussortiert werden müssen, die aber nach einem demokratischen Verständnis eingegliedert werden sollen. Dieser Widerspruch ist in den bestehenden Verhältnissen kaum aufzulösen. Nicht umsonst drängen ja rechte Gruppen wie die AfD dazu, genau diese Menschen wieder konsequent auszugrenzen.

    Es ergeben sich natürlich diverse Spannungsfelder zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Bei den Schulbegleitern und Sonderschullehrern ist nach eigener Wahrnehmung der potenzielle Einfluss noch am größten, man kann versuchen, den Menschen noch was mitzugeben und sie nach bestem Gewissen vorzubereiten aufs Leben. Bei den Heilerziehungspflegern dominiert eben oft stark die nüchterne Erkenntnis, dass man hier Menschen 'verwaltet', für die die Gesellschaft keine Verwendung hat. Dementsprechend ist das der Bereich, in dem am meisten Frustration, Burn-out und letztlich Berufswechsel passiert, zumindest meiner Erfahrung nach.

    Letztlich gibt es hier keine 'gute' Lösung, solange Menschen primär als Humankapital betrachtet werden, die Leistung zu erbringen haben. Einer von vielen Widersprüchen, die in den falschen Verhältnissen nicht aufzulösen sind.

    Why do we fall?


  • das Problem sind ja die Schulen selber.das Schulsystem .

    Und vorallem die vielen Lehrer , die garnicht als Lehrer geeignet sind .

    Lehrer is eben ein Beruf den nicht jeder machen kann und soll .



    Da sehe ich das Problem.

  • Ich denke, es gibt durchaus engagierte Pädagogen, wie die von Lonewolf angesprochenen, die beispielsweise aus dem gesellschaftskritischen Spektrum kommen, denen die sozialen Missstände bewusst sind und die sich gerade deshalb um junge Problemfälle kümmern wollen.

    Aber wenn man sich junge Lehramtsstudenten anschaut (zumindest war das zu meiner Zeit an der PH noch so), kommen da doch auch ganz viele aus einer absoluten heilen Welt, kennen das Leben sozial benachteiligter Menschen allerhöchstens vom Hörensagen, und haben zwar durchaus ein paar idealistische pädagogische Ideen im Kopf, aber einfach keine Ahnung davon, wie es sich ganz unten anfühlt, als Mobbingopfer, als Kind von armen ungebildeten Eltern aus der Unterschicht oder als lernbehinderter Schüler. Darin können die sich null reinversetzen, denn sie selbst hatten in der Regel solche Probleme nicht.

  • Für manche Kinder funktioniert Inklusion an einer Regelschule und für andere eben nicht. Förderschulen pauschal zu verteufeln oder Inklusion grundsätzlich abzulehnen wird der Sache nicht gerecht. Man muss jedem Kind die individuell bestmögliche Förderung zukommen lassen und dazu braucht es vor allem Investionen in Schulen mit der notwendigen Anzahl von qualifiziertem Personal. Bzw. das fängt ja schon mit den Kindergärten an. Ob das Personal die passende, evtl. vorteilhafte Biografie mitbringt finde ich nicht so wichtig, wenn sie für den Beruf geeignet, gut ausgebildet und gut bezahlt wird, um den Job überhaupt richtig machen zu können. Das Eltern theoretisch das Recht haben, ihr Kind mit Förderbedarf gegen jeden fachlichen Ratschlag durch ne Regelschule schleifen zu lassen, obwohl es trotz zusätzlicher Unterstützung mit dem regulären Schulalltag völlig überfordert und unglücklich wird, sehe ich kritisch. Andererseits muss man sich auch gegen Entscheidungen wehren können, die nicht immer das Wohl des Kindes als erstes im Blick haben. Wenn ein Schulrektor die Wahl hat, kommt das besonders zu fördernde Kind in eine Klasse mit geeignetem Lehrer. Wenn entsprechende Klassen längst aus allen Nähten platzen und zuwenig in Frage kommende Lehrer da sind, funktioniert es eben nicht, so wie generell vieles nicht funktioniert wegen den ganzen Verfehlungen der deutschen Bildungspolitik.

    Für das yatanische Volk, Yatanistan und den gelenkten Yatanismus!

  • Grob passend zum Thema hier noch Parabelritters aktuelles Video:



    Er greift darin unter anderem den Punkt auf, dass Inklusion nicht einfach daran scheitert, dass Kinder mit Förderbedarf grundsätzlich nicht an Regelschulen gehören, sondern vor allem daran, ob Schulen überhaupt die nötigen Bedingungen dafür haben. Das Übliche wie qualifiziertes Personal, Differenzierung im Unterricht, Rückendeckung für Lehrkräfte und ein Umfeld, in dem diese Kinder nicht einfach sozial untergehen.

    Weder die bloße Rückkehr zur Förderschule noch ein naives "Inklusion wird schon irgendwie funktionieren" lösen das Problem. Selbstverständlich führt es zum Unfall, wenn man Kinder mit Förderbedarf einfach in Regelschulen steckt, ohne die entsprechenden Strukturen zu schaffen – das hat in der Form auch nichts mit Inklusion zu tun.


    Besonders interessant finde ich, sich aus demokratischer Sicht darüber Gedanken zu machen, was für eine Gesellschaft man da heranzüchtet, wenn Sonderlinge "aussortiert" werden. Einerseits will man ja niemanden aussortieren, andererseits ist Schule ein Haupträdchen unserer Leistungsgesellschaft und muss damit zwangsläufig eine Sortiermaschine bleiben, um sich gut ins Gesamtbild einzufügen.


    Inklusion: Behinderte Kinder an Regelschulen lernen besser
    Wenn sie Regelschulen besuchen, lernen behinderte Kinder laut einer neuen Studie mehr. Einige Eltern und Experten fürchten aber, andere Mitschüler könnten…
    www.spiegel.de


    Inklusion in der Sekundarstufe I auf dem Prüfstand: INSIDE-Studie präsentiert Ergebnisse - IQB Homepage

    μολὼν λαβέ.

  • Zitat

    Besonders interessant finde ich, sich aus demokratischer Sicht darüber Gedanken zu machen, was für eine Gesellschaft man da heranzüchtet, wenn Sonderlinge "aussortiert" werden. Einerseits will man ja niemanden aussortieren, andererseits ist Schule ein Haupträdchen unserer Leistungsgesellschaft und muss damit zwangsläufig eine Sortiermaschine bleiben, um sich gut ins Gesamtbild einzufügen.


    Ich denke das fasst den Grundwiderspruch relativ gut zusammen. Auf der einen Seite will unsere Gesellschaft zwar den Schein einer sozialen und inklusiven Fassade wahren, auf der anderen Seite will man keinen Millimeter von der Leistungsdoktrin abweichen welche mit diesen Idealen unvereinbar ist. Ich bin ja auch gegen das aussotieren, da müsste man aber schon viel grundlegender ansetzen, warum haben wir so ein mehrgliedriges Schulsystem, wo Kinder vordergründig nach ihrer Leistung, letztlich aber auch immer aufgrund ihres familiären und finanziellen Hintergrundes eingeteilt werden. Andererseits bringt halt Inlusion nichts oder die Zusammenlegung aller Schulformen, wenn sich nicht auch zugleich etwas an diesem menschenverachtenden Leistungsgedanken ändert. Im jetzigen System wäre ich wohl als behinderter Mensch lieber an einer Sonderschule, statt an einer Regelschule z.b. üblem Mobbing zum opfer zu fallen, weil unsere Leistungsgesellschaft nun mal die perfekte Brutstätte dafür ist, dass bereits Kinder beginnern internalisierte Grausamkeiten auszuleben, welche die Gesellschaft ihnen vorlebt. Dennoch sollte es natürlich in einer menschlicheren Gesellschaft, die ich mir ja auch wünsche, keine sonderschulen geben und auch keine Einteilung in Hauptschüler und Gymnasiast. Bis es aber soweit ist, halte ich Inklusion für ein reines Alibiprojekt um nichts an den assozialen Strukturen unseres Systems ändern zu müssen. Gleiches gilt für das Gerede von Chancengleichheit und sozialem Aufstieg, was auch nur auf der selben alten Wettbewerbslogik fußt und jedem in Aussicht stellt selbst zum Ausbeuter werden zu können, wobei natürlich auch das nicht fair ist, selbst wenn man Wettbewerb für eine gute errungenschaft hält, da leztlich wirklich gleiche Startbedingungen und Umstände nicht herbeiführbar sind und es damit immer ein verzerrter Wettbewerb bleiben muss.


    Schulbegleiter die eingesparrt werden sollen sind ja nur ein Teil der aktuellen Sparmanie auch in der Jugendhilfe und bei Psychotherapie und an allen möglichen anderen Stellen wird zeitgleich ebenfalls der Rotstift angesetzt. Wirklich beunruhigende Entwicklungen aktuell.


    ''Everyone around me, they feel connected to something. Connected to something, I'm not.''
    Motoko Kusanagi

  • Er greift darin unter anderem den Punkt auf, dass Inklusion nicht einfach daran scheitert, dass Kinder mit Förderbedarf grundsätzlich nicht an Regelschulen gehören, sondern vor allem daran, ob Schulen überhaupt die nötigen Bedingungen dafür haben.

    Logisch, an den Bedingungen scheitert es natürlich sowieso.

    Es ist ja völlig utopisch, flächendeckend jedem Problemfall einen ständigen Begleiter an die Seite zu stellen, wie das etwa in dem Beispiel mit dem jungen Ibrahim in dem Video, das Shinobi verlinkt hat, gemacht wurde. Sowas sind ja vermutlich allerhöchstens irgendwelche Pilotprojekte oder experimentelle Förderprogramme, in die der Junge wohl irgendwie mit viel Glück (oder Pech?) hineingerutscht ist.

    Vielleicht gibt es Gegenden auf dem Land, wo dies möglich ist, weil es viele engagierte Eltern und wenig echte Problemfälle gibt.

    Aber in irgendeinem sozialen Brennpunkt, da wo es eigentlich am nötigsten wäre, würde das vermutlich nur ein Tropfen auf dem heißen Stein sein.


    Generell sind eben auch die Eltern ein wichtiger Aspekt bei der ganzen Sache. Es wird natürlich nicht gesagt, aus was für einem Elternhaus der in dem Video erwähnte Junge kommt. Aber ich würde fast darauf wetten, dass seine Eltern keine studierten Leute, Anwälte, Ärzte oder irgendsowas sind. Und dann ist es eben doppelt schwer für das Kind.

    Wenn ich hingegen an eine Cousine von mir denke, die selbst Lehrerin ist und auch ein behindertes Kind hat... die gibt alles, kennt die rechtliche Situation und hat auch die finanziellen Mittel dafür, dass ihr Kind optimal gefördert wird, und wenn die Krankenkasse irgendeine spezielle Kur nicht zahlt, zahlt sie das notfalls halt aus eigener Tasche, etc.

    Das ist alles was, was Eltern auf der Unterschicht oft nicht leisten können, weil sie selbst ums Überleben kämpfen müssen, gar nicht die Zeit und die finanziellen Mittel haben, und denen oft auch das pädagogische Wissen fehlt. Die Schule allein wird das gar nicht alles abnehmen und auffangen können. Schon gar nicht in Zeiten, wo ja jetzt schon viele rumjammern, dass ständig Unterricht ausfällt und man zu wenig Lehrer hat.