Discord-Auslagerung, muss ja nicht im Chatsumpf untergehen.
Ursprüngliche Frage von jannis:
"Glaubst du an Nahtoderfahrungen?"
Meine Antwort:
Ich halte das für keine Frage des Glaubens.
Nahtoderfahrungen sind charakteristisch recht ähnlich zu psychedelischen Drogentrips.
https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC6173534/
Diesen Artikel fand ich mal sehr interessant, weil es darin um negative Nahtoderfahrungen geht. Das ist gar nicht mal so wahnsinnig selten.
A literature review covering thirty years of research concludes that as many as one in five NDEs may be predominantly distressing.
Ein Gehirn unter Sauerstoffmangel verursacht eben generell gerne mal weirde Out-of-Body-Experiences. Ich wette, da gibt es noch eine ganze Reihe ähnlicher Effekte. Auch können Einblutungen ins Gehirn euphorische Zustände erzeugen, indem sie Teilbereiche, die negative Gedanken und Gefühle produzieren würden, unbrauchbar machen.
Generell wirkt das Wort "Nahtod" dahingehend auch ein bisschen verharmlosend. Es suggeriert: "puh, nichts passiert, das war knapp", aber das stimmt häufig anscheinend überhaupt nicht. Es hinterlässt extrem schnell massive, bleibende Schäden (hinsichtlich Wesensveränderungen interessant, die einige Menschen nach Nahtoderfahrungen durchmachen).
Hab ich aber auch glaub schon mal irgendwo verlinkt.
https://de.wikipedia.org/wiki/Nahtod-Studien
Nahtod-Studien sind generell interessant.
Es wurden auch welche durchgeführt, "AWARE" hieß eine von ihnen, die den "spirituellen" Zusammenhang derjenigen, die meinen, während der Erfahrung im OP-Saal rumzuschweben und Dinge zu sehen, wiederlegen. Es wurden in teilnehmenden Krankenhäusern an erhöhten Punkten, die aus einer normalen Perspektive heraus nicht zu sehen waren, extrem auffällige Markierungen angebracht, um herauszufinden, ob Menschen, die bei einer OP verstarben und zurückgeholt wurden und danach von außerkörperlichen Erfahrungen berichteten, die Markierungen sehen konnten, während sie vermeintlich an der Decke schwebten und auf die Szene hinterblickten. Und leider - wie erwartet - gab es keinen einzigen Fall, bei dem jemand die Markierungen sah.
Ebenfalls interessant ist die unfassbar niedrige Quote an Nahtoderfahrungen überhaupt. Von 152 Überlebenden eines Herzstillstands berichteten nur zwei von visuellen Erfahrungen, und nur einer von beiden konnte interviewt werden, weil der andere dann doch verstarb.
Diese Quote passt überhaupt nicht zu dem, was man sich glaub vorstellt.
Dians Antwort:
Nicht einmal Wikipedia sieht es ja so eindimensional wie du. In der Sache ist noch gar nichts endgültig bewiesen oder widerlegt. Das Thema ist immer noch ziemlich umstritten, und Tatsache ist, es gibt diese Berichte von Menschen, die während sie klinisch tot oder ohne Bewusstsein waren, Dinge in der Umgebung wahrgenommen haben, die sie unmöglich sehen konnten. Ebenso klar ist wohl auch, dass diese Dinge nicht besonders häufig passieren. Das ist natürlich eine gute Frage, warum das nicht jeder, der klinisch tot gewesen ist, erlebt. Aber vielleicht ist das eben wie bei den Träumen auch... jeder Mensch träumt, aber ob man sich daran erinnert, hängt auch viel davon ab, ob man mitten im Traum spontan aufwacht, oder erst irgendwann später, wenn der Traum längst vorbei ist. Oder manche Menschen sind einfach empfänglicher dafür als andere. Das ist jedenfalls noch lange kein Beweis dafür, dass das alles nur in deren Kopf stattfindet.
"Es hinterlässt extrem schnell massive, bleibende Schäden (hinsichtlich Wesensveränderungen interessant, die einige Menschen nach Nahtoderfahrungen durchmachen)."
Naja, was heißt "bleibende Schäden"? Hauptsächlich wird von Menschen, die eine Nahtoderfahrung hatten, ja doch berichtet, dass sie ihr Leben danach mehr zu schätzen wissen und mehr Wert auf die wirklich wichtigen Dinge legen, anstatt auf Oberflächlichkeiten. Das damit zu erklären, dass irgendwas im Gehirn zu wenig Sauerstoff abbekommen hat oder ähnliches, erscheint mir doch sehr weit hergeholt. Wäre mir jetzt nicht bekannt, dass Menschen, die eine Nahtoderfahrung hatten, danach irgendwie dümmer oder zurückgeblieben sind. Klar gibt es Menschen, die durch Sauerstoffmangel bleibende Schäden erleiden, aber die berichten doch üblicherweise dann nicht von Nahtoderfahrungen.
Meine Antwort:
Geht es hierbei um Berichte auf YouTube und Reddit? In die Studie hast du ja vermutlich keinen Blick geworfen.
*gähn*, sorry, auf so ne Diskussionsgrundlage hab ich keinen Bock.
Aber ich rede mit einem, der Astralreisen ernsthaft ausprobieren wollte, also was erwarte ich überhaupt?
Vor der Studie wusste ich nicht einmal, dass es diese negativen Nahtoderfahrungen überhaupt gibt. Das ist irgendwie viel gewaltiger als die positiven Erfahrungen. Beeindruckend spirituell für die Betroffenen. Generell erscheint mir die Bandbreite bei den Horrortrips größer und interessanter.
Und zurecht stellen sich die Betroffenen die Frage: "I’ve pondered if I was in that hell, will I go back on my death?"
Jede einzelne Erfahrung ist auch so nachvollziehbar und effektiv brutal. Mit einer enormen Auswirkung für das Leben nach dieser Erfahrung.
"A woman in childbirth found herself abruptly flying over the hospital and into deep, empty space. A group of circular entities informed her she never existed, that she had been allowed to imagine her life but it was a joke; she was not real. She argued with facts about her life and descriptions of Earth. “No,” they said, “none of that had ever been real; this is all there was.” She was left alone in space."
Ich vermute, die Bilder werden auch stark davon beeinflusst, welche Hirnareale zu welchem Zeitpunkt auf welche Weise ausfallen.
Vermutlich auch, was gerade im Hirn passierte, *bevor* die Situation tödlich wurde und die Versorgung abbrach.
Es ist ja ein Unterschied, ob jemand zum Beispiel im Schlaf eine Rauchgasvergiftung erleidet und stirbt, ohne vorher zu Bewusstsein zu kommen, oder ob jemand gerade von einem Anhalter angegriffen wurde und noch bis zum Schluss versucht hat, die Attacke abzuwehren. Und ich persönlich glaube auch nicht, dass hinter solchen Fantasien ein übergeordnetes Ziel steht.
Was die Sauerstoff-Sache nochmal betrifft:
"Bei künstlich erzeugten Ohnmachtsanfällen durch Sauerstoffmangel im Gehirn bei 42 gesunden Versuchspersonen wurden am Universitätsklinikum Rudolf Virchow in Berlin sehr oft NTE-artige Erlebnisse ausgelöst: 16 % hatten außerkörperliche Erfahrungen, 35 % Gefühle von Frieden und Schmerzlosigkeit, 17 % Lichterscheinungen, 47 % Erleben einer anderen Welt, 20 % Zusammentreffen mit unbekannten Lebewesen, und 8 % Tunnelerlebnisse."
Das sind schon sehr bezeichnend, finde ich, und es existieren mehrere ähnliche Studien, gerade in Bezug auf OBEs.
Naja. Wahrscheinlich geht es bei vielen Menschen einfach zu Ende, wie man halt ohnmächtig werden kann. Ohne Schwebezustände, ohne Lichter, ohne goldene Himmelstore und verstorbene Liebende. Einfach bewusstlos und weg.
Und auch wenn ein geiler Trip voller angenehmer Gefühle und ungewohnter Erfahrungen am Ende schon nett wäre, sind das eben auch nur 30 Sekunden einsamen, verständnislosen Erlebens vor der endgültigen Selbstauflösung und der Leere der Unendlichkeit. ![]()
"Die Nervenzellen des Gehirns, vor allem die für höhere Funktionen des Bewusstseins wie Wahrnehmung, Gedächtnis und Koordination zuständigen und besonders empfindlichen Zellen an der Oberfläche des Großhirns, sterben aufgrund des Sauerstoffmangels innerhalb weniger Minuten ab. Da sich diese Nervenzellen nicht wieder nachbilden, wird das Gehirn irreparabel geschädigt und es entsteht ein hypoxischer Hirnschaden. Die Ursachen für eine Unterversorgung des Gehirns mit Sauerstoff sind vielfältig und treten häufig als Folge eines Verkehrsunfalls mit hohem Blutverlust oder eines Ertrinkungsunfalls, eines Herzstillstands, einer Vergiftung oder einer schweren allergischen Reaktion auf.
[...]
Das Ausmaß des hypoxischen Hirnschadens hängt unter anderem davon ab, wie lange die Sauerstoffversorgung des Gehirns unterbrochen war. Bei einer kurzen Unterversorgung des Gehirns mit Sauerstoff können Symptome wie Koordinations-, Wahrnehmungs- oder Gedächtnisstörungen auftreten, die sich in der Regel wieder zurückbilden. Eine längere Unterversorgung des Gehirns mit Sauerstoff von mehr als fünf Minuten führt zu einer tiefen Bewusstlosigkeit, dem Koma. In schweren Fällen geht das Koma in eine anhaltende schwere Bewusstseinsstörung bis hin zum Wachkoma über."
"hinsichtlich Wesensveränderungen interessant, die einige Menschen nach Nahtoderfahrungen durchmachen"
In erster Linie meine ich damit, dass man von außen betrachtet nie genau sagen kann, ob eine durch eine Nahtoderfahrung bedingte spirituelle Wesensveränderung primär durch das Erlebnis selbst oder durch einen Hirnschaden verursacht wurde. Oder durch synaptische Neuverdrahtung in Richtung "Autosuggestion durch die Vorstellung einer Art höheren Glücks". Trauma trifft Plastizität, gewissermaßen.
Die Berichte, die wir im Nachhinein von Betroffenen erhalten, sind höchstwahrscheinlich stark zerfiltert und geschädigt. Und die Schlüsse, die diese Menschen aus diesen Erfahrungen ziehen, ebenfalls.
Zumindest erklärt das diese seltsame kognitive Zerfasertheit, die mir beim Lesen vieler solcher Berichte aufgefallen ist. Ein fallabhängig mehr oder weniger subtiles Gefühl von Fragwürdigkeit bis hin zur dann in mir erzeugten Skepsis/"Fremdscham". Ich frage mich, ob man diese Veränderungen des Individuums wohl rudimentär steuern könnte durch das vorher-/nachher-Setting und den genau richtigen Grad an Schädigung des Hirns.
Wahrscheinlich gibt es einfach zu viele Variablen.
Lonewolfs Bemerkung darf auch noch rein:
Ihr wirkt tatsächlich manchmal wie Mulder und Scully.
Da jannis nicht hier registriert ist, füge ich einen Textschnipsel des weiteren Gesprächsverlaufs meinerseits noch hier ein:
jannis hatte geschrieben:
ZitatIst Wissenschaft immer die letzte Antwort? Grundsätzlich ist es richtig, alles kritisch und mit Fragen zu betrachten, weil man nur so Antworten erhält und Entdeckungen macht. Ich finde nur, dass Wissenschaft auch an ihre Grenzen stoßen kann
Entscheidet der Grad der "Unglaublichkeit" eines Phänomens darüber, ob er nun Wissenschaft oder Magie/Religion/Spiritualität/whatever ist?
Wo willst du die Grenze ziehen? Ich kann dir sagen, dass neue wissenschaftliche Erkenntnisse in der Vergangenheit Physiker schon in bittere Existenzkrisen gestürzt haben, weil sie ihr Lebenswerk auf Erkenntnissen bauten, die irgendwann einstürzten oder neu entdeckt wurden. Stichwort Quantenmechanik, oder ein Stückchen früher die kopernikanische Wende (blöd halt, wenn man sich um veränderbare Thesen anfängt, Religionen zu konstruieren).
Nur, weil etwas für den gegenwärtigen Stand zu komplex ist, rechtfertigt es eigentlich keinen viel unangemesseneren Ansatz, zum Beispiel das Fantasieren viel absurderer Erklärungen.
Zum Thema Nahtoderfahrungen und Wirklichkeit: Wie gesagt, der pragmatische, wissenschaftliche Ansatz ist das Gehirn, dessen Komplexität der Mensch nicht ansatzweise begreifen kann. Was ist daran "unecht"? Ich glaube den Menschen ja, dass sie unwirkliche Empfindungen hatten und davon träumten, herumzuschweben und Tote zu sehen.
Aber ich halte es für eine unzulässige Vereinfachung, eine Seele, ein Jenseits, eine Verstrickung des Jenseits mit unserer Welt und zufällig auch noch den Zusammenhang mit dem Tod, dann aber auch nicht jedermanns Tod und nicht immer die gleiche Erfahrung, als gegeben anzunehmen, um das Phänomen, die Erfahrungen anzuerkennen und begründet zu sehen.
Ist das wirklich glaubhafter als Neuronen?
Oder schwer zu akzeptieren, dass es "nichts weiter" sein kann?
Ich finde, man sollte öfter und aufrichtiger der Komplexität der Welt frönen und immerhin versuchen zu begreifen, was das eigentlich bedeutet.
Um den Rest dürft ihr euch selbst kümmern.