Es ist erfreulich, dass du das Buch fertiggestellt hast. Es ist länger, aber leider hatte ich nicht das Gefühl, dass es mehr Substanz hat. Die alte thematische Gliederung erschien mir präziser, in den neuen Kapiteln werden einige Inhalte umgeschichtet und vermischt, was dazu führte, dass es sich wie im Kreis drehendes Gemecker über das System las, ohne auf den Punkt zu kommen.
Das alte Vorwort war, obwohl es inhaltlich nicht perfekt war, formal als Vorwort zu gebrauchen. Es war nicht zu lang und machte neugierig. Das neue Vorwort liest sich wie eine ausschweifende Rechtfertigung für die Existenz des Buches. Besonders beim Kapitel "Ein ideales System" habe ich ungeduldig darauf gewartet, dass endlich das ideale System beschrieben wird.
Es ist hilfreich, innerhalb eines Kapitels klare thematisch fokussierte Absätze zu machen und jeden Absatz und jeden Satz auf seinen Daseinszweck zu überprüfen. Formulierungen wie "wie gesagt", "kurz gesagt", "anders ausgedrückt" leiten oft eine sinnlose Wiederholung ein. Es wäre besser, sich für eine Formulierung zu entscheiden, die beim ersten Mal alles verständlich ausdrückt.
Mit blumiger Sprache über Missstände herzuziehen macht den Text zwar unterhaltsam, aber man sollte dabei nicht aus dem Blick verlieren, was man eigentlich mitteilen will.
"Schon die alten Römer hatten dies in ihren Gesetzen festgelegt. Übrigens in den gleichen Gesetzen, in denen auch stand, dass das
(natürlich männliche) Familienoberhaupt seine Kinder,
Frauen und Sklaven notfalls auch töten durfte, ... "
Bei solchen Behauptungen hätte ich mir genauere Infos und Quellenangaben gewünscht.
Es gibt auch Gutes, ich habe mich gefreut, dass darauf eingegangen wurde, dass in der Schule kaum praktisches Wissen für den Alltag vermitelt wird. Man nimmt Theorien von Wirtschaftmodellen irgendwelcher Gelehrten durch, aber lernt absolut nichts darüber, wie man den ganzen bürokratischen Irrsinn überlebt, der einem zwangsweise aufgebürdet wird, sobald man seinen ersten Cent verdient. Man interpretiert Gedichte längst verblichener Autoren, die völlig an den Interessen und der Lebensrealität der Schüler vorbeigehen, lernt aber kaum etwas über die Psyche der Menschen, wie man sich selbst und andere besser verstehet, Manipulation und Gruppendynamiken durchschaut.
Ich mag auch den Abschnitt über mündliche Noten und Präsentationen. Darunter habe ich auch immer gelitten. Zu meiner Zeit wurden zum Glück noch nicht so viele Referate gehalten, aber man hat mir ständig vorgehalten, meine mündliche Mitarbeit wäre zu gering. Ich empfand das als Missachtung meiner grundlegenden Persönlichkeit und nicht im geringsten hilfreich.
Desweiteren ist es positiv, dass du auf die unwürdigen Zustände des Zur Miete Wohnens eingehst. Natürlich sollte es Optionen für verschiedene Vorlieben geben. Es gibt Leute, die haben keinen Bock, sich um ein Haus zu kümmern und rufen lieber einfach die Verwaltung an. Manche legen auch gar nicht viel Wert auf ein festes Zuhause, weil sie ständig umziehen oder auf Reisen sind. Es geht mir aber um die grundsätzliche Fehlentwicklung, dass man in seinen eigenen vier Wänden nur zahlender Gast ist und das als Normalzustand angesehen wird. Meinetwegen darf es Wohnblöcke mit Hausmeisterdienst geben, aber ein Dach über dem Kopf ist ein fundamentales Menschenrecht und darf einem unter keinen Umständen genommen werden. Wenn man Schulden hat und sie zwingen einen, sein Heim zu verkaufen, ist das nicht viel anders, als würden sie einen zwingen, eine Niere zu verkaufen. Ja, man kann es überleben, aber es ist ein Angriff auf die Integrität und Würde einer Person.
So wie ich verstanden habe, ist einer der Gründe, warum das Buch überarbeitet wurde der, dass die Fronten nicht mehr so klar scheinen. Früher gab es auf der einen Seite die autoritären, konservativen Spießer und auf der anderen Seite die liberalen Freigeister. Heute begreifen sich Rechtsextreme auf einmal als antiautoritäre Freiheitskämpfer, während die einstigen Hippies total prüde und bevormundend geworden sind. So wie du formulierst, dass unregulierte Migration und oberflächliche politische Korrektheit problematisch sind und das auszusprechen als Tabubruch verpackst, wirkt das weniger wie eine Positionierung außerhalb aller politischen Lager, sondern eher wie ein Auf-den-Leim-gehen rechter Narrative. Dies mag einem deshalb besonders auffallen, weil momentan gerade jeder Furz den Rechten Aufwind gibt, egal was man sagt. Die Rolle der Wirtschaft beim Auslösen und Ausnutzen von Krisen wird zu wenig thematisiert.
Ich bin vor einigen Jahren diesen Artikel gestoßen, der einen Überblick darüber gibt, wie politische Ansichten mit Wohlstand zusammenhängen und wie sich Positionen zu einzelnen Punkten ins Gegenteil umkehren können:
Ich finde das ganz nützlich, um einige Änderungen in dem Buch einzuordnen.
Am Ende bleibt das neue Buch in allen konkreten Vorschlägen genauso vage, wie das alte.