"Für mich ist links sein ein zutiefst humanistisches Bekenntnis, und zwar sowohl intellektuell als auch emotional. Ein Linker, der wegschaut oder auf das größte Massaker an Juden seit dem Holocaust mit Kälte reagiert, weil das gerade nicht in seine Problemsicht und zu seiner Analyse passt, hat für mich seinen humanistischen Kompass verloren. Es ist für mich auch eine analytische Frage, die man diskutieren muss, ohne in Pauschalisierungen zu verfallen – aber ein Teil der sogenannten Wokeness-Bewegung ist falsch abgebogen, das ist für mich nach dem 7. Oktober sehr deutlich geworden. Kürzlich gab es eine Anhörung im US-Kongress mit den Führungen von Eliteuniversitäten, dem Massachusetts Institute of Technology, Harvard und der University of Pennsylvania. Deren Präsidentinnen konnten nicht einmal klar aussprechen, dass Aufrufe zum Völkermord an Juden uneingeschränkt zu verurteilen sind. Im Grunde ist es eine klassische politische Vorstellung: Die Juden sind zwar eine Minderheit, aber eine privilegierte Minderheit, ihnen gilt also unsere Solidarität nicht.
Wären die Präsidentinnen gefragt worden, ob der Aufruf zum Genozid an Schwarzen akzeptabel ist, dann wäre ihre Antwort sofort ein klares Nein gewesen. So scheint man heute in Teilen der Linken zu denken, getrieben von einer bestimmten, sich als links darstellenden Bewegung auf dem Universitätscampus, die sich als woke und progressiv versteht. Das ist nicht mehr die linke universalistische Haltung, die generell gegen jegliche Form von Fundamentalismus steht, gegen christlichen, faschistischen, hinduistischen, jüdisch-israelischen und sicherlich auch gegen islamistischen Fundamentalismus. Sondern die Hinwendung zu einer sich als links darstellenden partikularistischen Ideologie, die existenzialistisch die Welt erklärt. Es reicht, dass die Terroristen als indigene Völker verstanden werden, als Nicht-Weiße, um in der Folge eine zutiefst antihumanistische reaktionäre Terrororganisation zu verharmlosen."