Cancelkultur / Political Correctness

Es gibt 83 Antworten in diesem Thema, welches 31.614 mal aufgerufen wurde. Der letzte Beitrag (9. September 2026 um 11:33) ist von Dian.

  • Und währenddessen, am anderen Ende der Welt... und definitiv auch nicht besser:

    https://www.gmx.net/magazine/unter…chulen-41445792

    Das Schlimme daran ist halt (was Böhmermann und Co nicht erkennen wollen)...

    Diejenigen, die jetzt aus politischer Korrektheit alles mögliche canceln und zensieren, weil sie glauben, die Welt dadurch zu einem besseren Ort zu machen, stacheln die Gegenseite nur noch mehr dazu an, es genauso zu machen, wenn sie selber dann irgendwann an der Macht sind. Und früher oder später sind sie das ja vermutlich. Dann wird vielleicht ein Künstler ausgeladen, weil er Solidarität mit Israel bekundet. Oder weil er etwas gegen die Kirche gesagt hat. Das kann doch nicht ernsthaft eine Welt sein, die man befürwortet, wenn man sich selbst als freigeistiger Mensch betrachtet... wofür sich Böhmermann ja vermutlich hält.

    Man sollte sich generell davor hüten, es sich in dieser Frage zu leicht zu machen. Das Stichwort lautet 'Toleranzparadoxon'. Eine freie Gesellschaft lässt sich nicht durch ein falsches Toleranzverständnis erkämpfen, indem Kräften Raum gegeben wird, die es sich zum Ziel gemacht haben, eben jene Freiheit abzuschaffen.

    Das ist eben eine Gratwanderung, bei der man immer das Ziel bzw den Fokus nicht verlieren sollte - natürlich sollte es nicht am Ende in reinen Moralismus oder reine 'Haltung' kippen. In der Frage von Medien und Kunst sind daher irgendwelche 'Cancel'-Aktionen eher fragwürdig. Im Bereich des Politischen sollte man allerdings früh genug die Handbremse ziehen. Über den Punkt sind wir aber wohl leider hinaus, die USA sowieso, und in Deutschland bleibt abzuwarten, ob es noch gelingt, die Faschisten von der Macht fernzuhalten.

    Why do we fall?

  • Natürlich wird eine Gesellschaft nicht umhin kommen, auch mal Grenzen zu setzen, wenn es jemand übertreibt mit Hetze oder der Verbreitung von Fake-News.

    Hier im Forum würde ich als Admin ja bei aller Toleranz und dem Wunsch nach Meinungsfreiheit auch eingreifen, wenn jetzt z.B. ein dutzend Nazis kämen und hier alles mit ihrer braunen Scheiße zuspammen würden.

    Schwieriger wird es in Fragen, wenn ein User sich vom Weltbild eines anderen belästigt fühlt oder dergleichen.

    Das ist eben das, was in der Gesellschaft aktuell passiert, dass da die Bereitschaft sehr groß ist, gleich empört aufzuschreien, wenn irgendjemand ein Weltbild hat, das man nicht akzeptieren will. Bzw. es reichen ja schon Anzeichen dafür, wie etwa weil da jemand ein T-Shirt trägt, auf dem Israel fehlt. (kann ja auch einfach als Provokation oder Witz gemeint sein, aber man setzt das dann immer sofort mit einem Aufruf zur Ermordung aller Juden gleich oder sowas)

    Das wäre dann in etwa vergleichbar, wie wenn die Administration in diesem Forum anfangen würde, User zu bannen, weil sie irgendeinen Avatar benutzen, der mir nicht gefällt. Oder wenn ich mich gleich persönlich angegriffen fühlen würde, wenn jemand hier als Avatar eine Europa-Karte postet, auf der Deutschland fehlt.

    Was soll das? Das ist doch einfach kindisch und bringt uns eben nicht weiter, es macht die Gesellschaft auch nicht humaner oder in irgendeiner Form toleranter, wenn man sich in solche Dinge so reinsteigert und sich so dermaßen leicht triggern lässt von jedem Furz.

    Zum Thema Israel kommt halt dann noch erschwerend hinzu, dass die einen der Meinung sind, wir haben als Deutsche eine besondere historische Verantwortung für die Juden, und müssen uns daher nun besonders engagieren. Während andere das eben eher ohne diesen historischen Kontext betrachten und es in deren Augen dann eher so erscheint, dass Israel einen Bonus hat, weil es ein westlicher Verbündeter ist, und daher mehr Scheiße anstellen darf als man anderen Ländern durchgehen lassen würde.

    Ich denke, dass beide Ansichten eine Berechtigung haben, weshalb ich mich da auch nie so dermaßen reinsteigern würde, weder für die eine noch für die andere Seite.

    Und daher denke ich, man sollte da einfach jedem seine Meinung dazu lassen, anstatt sich gleich persönlich angegriffen zu fühlen, wenn irgendjemand die Gegenseite unterstützt.

    In solchen Fällen empfinde ich es dann eben als völlig übertrieben, wenn dann beide Seiten anfangen mit Boykott-Aufrufen oder sich gegenseitig auszuladen. Es ist ja umgekehrt genauso... die Gegenseite möchte ja nun auch Israel von der Fußball-WM ausschließen oder vom ESC. Was im Grunde ja eigentlich genauso lächerlich ist. Andererseits unterstütze ich es durchaus, dass man Russland nicht mitmachen lässt, und von mir aus auch alle anderen diktatorischen Regime. Auch wenn das natürlich ebenfalls eine subjektive Ansicht ist, in der Vergangenheit habe ich mich schließlich auch nicht daran gestört, wenn bei den olympischen Spielen die sowjetische Hymne erklang.

  • Was haltet ihr hiervon?

    (21) Entsetzen in Flensburg: Ladenbesitzer erteilt Juden Hausverbot #rtlnord #flensburg #rtlplus - YouTube

    Ich denke schon, dass es rassistisch (oder in dem Fall antisemitisch) ist, wenn man alle Angehörigen einer Nation für das verantworltich macht, was ihre Regierung verbockt hat. Man stelle sich vor, er würde hinschreiben: Türken haben hier Hausverbot, weil Erdogan die Kurden unterdrückt. Oder Chinesen sind unerwünscht, weil es in China keine Meinungsfreiheit gibt.

    Dann kann man auch gleich noch "Ich bediene keine Ostdeutschen" an die Tür hängen, wegen den hohen Zustimmungswerten für die AfD dort.

    Macht der Typ aber ja scheinbar nicht, sondern es geht ihm nur um die Juden, und da frage ich mich dann eben schon, was da für eine Geisteshaltung zu Grunde liegt, wenn man anderen Völkern ihre Leichen im Keller gönnt, aber den Juden nicht.

    Würde ich es verbieten? Nein, ich finde es dann auch lächerlich, wenn Leute deshalb Anzeige erstatten. Man muss ja da nicht mehr einkaufen gehen, wenn man sich davon angewidert fühlt. Langfristig wird der Ladenbesitzer dann schon sehen, ob er mit Ausgrenzung mehr Kunden anspricht, oder ob sein Gewinn einbricht.

  • Cancelkultur geht auch in die andere Richtung:

    Glücksgefühle-Festival: Alphaville-Song wird zur »Nationalhymne« in Hockenheim
    Anders als von den Veranstaltern ursprünglich gedacht, wurde das diesjährige Glücksgefühle-Festival zur Bühne für Statements gegen Rechtsextremismus und…
    www.spiegel.de


    Alphaville wurden neulich vorsorgehalber von einem Festival ausgeladen, offiziell mit der Begrüdung, dass die Veranstalter gern ein neutrales Festival ohne politische Statements haben wollten. Inoffiziell darf man wohl davon ausgehen, dass diverse AfD-Sympathisanten unter den Andreas Gabalier-Fans, der da auch aufgetreten ist, da etwas Druck auf die Veranstalter gemacht haben... bzw. wenn man dann noch hört, dass der Ex-Fußballer Podolski irgendwie auch Mitveranstalter ist, wundert es ja auch nicht, weil der garantiert auch zumindest sehr konservativ (und dumm) gestrickt sein dürfte.

    Und natürlich haben genaugenommen auch die Rechten und Konversativen die Cancelkultur erfunden, denn die hetzen schließlich schon seit hundert Jahren gegen Rockmusiker und alles, was in ihren Augen irgendwie zu wild oder zu unmoralisch ist.


    Wenn ich in der Vergangenheit verstärkt die linke Szene für ihr seltsames Verhältnis zu Meinungsfreiheit kritisiert habe, und wie dort mit unbequemen Künstlern umgegangen wird, die von der gewünschten Linie abweichen, dann heißt das natürlich nicht, dass ich deshalb die Rechten für besser halten würde.

    Sieht man ja auch in den USA an Trump, wie da selbst Literaturklassiker plötzlich aus der Öffentlichkeit verschwinden sollen, weil sie ja theoretisch irgendjemanden zum kritischen Denken anregen könnten. Und das ist wohl vermutlich auch die feuchte Traumvorstellung vieler Rechter hierzulande, wenn sie erst mal an der Macht sind... am liebsten allen kritisch denkenden Lehrern einen Maulkorb verpassen, linke Themen aus dem Unterricht entfernen und patriotisch geprägte Heimatkunde als Schulfach einführen.

    Ist eben traurig, dass die Meinungsfreiheit als solche kaum Fürsprecher hat, sondern dass für fast jeden Meinungsfreiheit nur so lange wichtig ist, so lange es die eigene Gruppe und die, mit denen man sympathisiert, betrifft. Politische Gegner können und sollen hingegen gerne mundtot gemacht werden.

    Und so lange das so ist, wird sich vermutlich auch nichts ändern an dem hasserfüllten Klima in der Gesellschaft.

    Aber cool, wie die Leute auf dem Festival scheinbar reagiert haben, sodass die Veranstalter nun das absolute Gegenteil von dem erreicht haben, was sie eigentlich wollten. Wäre schön, wenn die Menschen immer so auf jeden Versuch reagieren würden, ihnen etwas zu zensieren oder vorzuenthalten.


    Alphaville hatten übrigens schon 1994 musikalisch klar Stellung bezogen zum Thema Erstarkung der Rechten (damals noch eher vor dem Hintergrund ausländerfeindlicher Anschläge):