'Weg zur Brücke' von Christina Maria S.

Es gibt 43 Antworten in diesem Thema, welches 45.855 mal aufgerufen wurde. Der letzte Beitrag (4. Juni 2026 um 18:29) ist von johnmirra.

  • Jan hatte wohl auch einen ausgeprägten Beschützerkomplex in Beziehungen, ich vermute, da konnte er sie nicht alleine gehen lassen. Dass er stark nach Verbundenheit gesucht hat, war schon deutlich. Am Anfang war auch die Suche nach (für ihn) glaubhaften sinnstiftenden Modellen noch latent, bevor er immer mehr seinen Nihilismus zelebriert hat. Ich erinnere mich noch gut an unsere erste Begegnung. 'Wie kann man so leben' war eine seiner typischen Aussagen mir gegenüber (bezogen u.a. auf das Aufgehen in bestimmten philosophischen Gedankenkonstrukten). Was konkrete Traumata angeht, weiß ich auch in Bezug auf ihn nicht viel. Aber er hatte wohl einige Konflikte mit seiner Umwelt im Filstal. Das ist auch gesellschaftlich 'ne ziemlich ekelhafte, bigotte Ecke in Schwaben, zumindest so wie ich es erlebt habe, sowohl unter Einheimischen als auch Zugewanderten.

    Ich erinnere mich noch an ein Erlebnis, als ich mit Jan und Dian auf Wanderung war und beide in eine Enge Höhle kletterten. Die Höhle war/ist wirklich scheiße eng, und ich habe Probleme in sehr engen Räumen, bekomme da Zustände. Ich wollte daher nicht mit da rein, darauf fragte mich Jan, warum ich nicht in die enge Höhle mit will. Es klang leicht danach, als würde er mein Problem nicht ganz nachvollziehen können. Ich habe ihn auch nur dieses eine Mal erlebt, daher weiß ich nicht, wie er sonst noch so drauf war. Aber schön, diese Erinnerungen hier zu lesen. Die Fotos im Kleinwalsertal sind übrigens auf meinem Mist gewachsen. Meine damalige 5-Megapixel-Digitalkamera, Baujahr 2005.

  • Ich erinnere mich noch an ein Erlebnis, als ich mit Jan und Dian auf Wanderung war und beide in eine Enge Höhle kletterten. Die Höhle war/ist wirklich scheiße eng, und ich habe Probleme in sehr engen Räumen, bekomme da Zustände. Ich wollte daher nicht mit da rein, darauf fragte mich Jan, warum ich nicht in die enge Höhle mit will. Es klang leicht danach, als würde er mein Problem nicht ganz nachvollziehen können. Ich habe ihn auch nur dieses eine Mal erlebt, daher weiß ich nicht, wie er sonst noch so drauf war. Aber schön, diese Erinnerungen hier zu lesen. Die Fotos im Kleinwalsertal sind übrigens auf meinem Mist gewachsen. Meine damalige 5-Megapixel-Digitalkamera, Baujahr 2005.

    Wie mir scheint, haben die beiden in vielerlei Hinsicht herausfordernd auf euch alle gewirkt ;)
    Devotionalien hier zu veröffentlichen (geiles Wort, danke Dian), finde ich demnach super angebracht.

  • Wenn ich jetzt aus dem Fenster schaue, sehe ich einen einzelnen Stern flackern und leuchten. Ich stelle mir aber vor, dass es ein Feuer auf einem ziemlich hohen Berg ist das sie angezündet hat, um zu zeigen dass sie ganz nahe ist. Sie sitzt da oben, auf der Spitze des Berges vor ihrem Feuer und philosophiert- diesmal über uns. Das ist meine persönliche Brücke zu ihr.

    Einmal editiert, zuletzt von Igno von Rant (17. April 2020 um 22:47)

  • Ein enorm tragischer Todesfall.

    Ich kannte die beiden User nicht, und beziehe mich aufgrund des Texts nur auf Ina.
    Tragisch, da eine Depression zwar gut behandelbar ist - aber gleichzeitig unfassbar tückisch.
    Beim Lesen habe ich irgendwann gefragt, ob da eigentlich irgendetwas nicht typisch für eine Depression ist. Da lagen die klassichsten Phänomene vor: Selbstabwertung, Antrieb und Motivation gemindert, Annahme von düsterer Zukunft, Nihilismus, Neigung zu Schuld- und Schamgefühlen, insgesamt sehr niedergedrückte Gesamtstimmung, und - tragisch - Suizidalität.

    Sie wusste von ihrer Depression und sprach sie mehrmals an. Traurig ist, dass man depressiven Menschen gut helfen kann, doch tückischer Weise glauben die Betroffenen nicht an die Hilfe oder eine bessere Zukunft. Die Wahrnehmung ist verengt und fokussiert auf das Negative, ein konsistenter dunkler Schleier umhüllt depressive Menschen.

    Bei effektiver Behandlung hätte sie den ganzen Wahnsinn auf der Erde wohl immer noch verachtet, aber es hätte Wege geben, dennoch Spaß an bestimmten Dingen zu haben, ein berechtigtes positives Selbstbild zu haben, Energie für den Tag zu haben, eine gute Grundstimmung zu haben.

    Gegangen ist meines Erachtens ein vom Leben arg gebeutelter Mensch, dem die Krankheit den Glauben an eine gute Zukunft verwehrte. Ein intelligenter und feinfühliger Mensch.

  • Habe gestern viel (nicht alles) gelesen und es hat mich wirklich berührt.

    Mal eine Frage: Weiß jemand eventuell, wieviel Zeit zwischen dem ersten geäußerten Todeswunsch und dem Sprung von der Brücke vergangen ist?

  • Ich kann nicht sagen, wann sie den ersten Todeswunsch geäußert hat. Aber da sie ja schon im Alter von 14 Jahren versucht hat, sich zu erhängen, kann man wohl davon ausgehen, dass sie diese Gedanken schon mindestens 10 Jahre lang begleitet haben.

    Jedes Mal, wenn ich wieder über ihre Texte stolpere (so wie jetzt gerade in diesem Thread), denke ich mir, es hätte auch anders laufen können...

    Es war zwar irgendwie ein folgerichtiges, konsequentes Ende, aber es fühlt sich nicht wie das bestmögliche Ende an. Ich bin mir ziemlich sicher, es hat Momente in Inas Leben gegeben, da wäre eine Abzweigung abgegangen, die auf einen anderen Weg als zur Brücke geführt hätte.

    Und ihre Gedanken waren auch nicht nur nihilistischer und lebensverneinender Natur, das geht aus ihren Texten eindeutig hervor. Sie hat etwas gesucht. Sie hat es halt nur leider in dieser Welt nicht gefunden. Aber vielleicht wäre es ja irgendwo gewesen, im Grunde ganz nah, und doch scheinbar unerreichbar. Mehrere Menschen hier aus dem Forum inklusive mir waren nahe genug an ihr dran, hatten einen gewissen Zugang zu ihr. Hätten vielleicht was bewirken können, mit etwas mehr Hartnäckigkeit, und wenn wir nicht so viel mit unseren eigenen Dämonen beschäftigt gewesen wären.

    Leider ist das Leben kein Videospiel, in dem man unmissverständlich darauf hingewiesen wird, dass man gerade an einer wichtigen Abzweigung steht, die den weiteren Storyverlauf beeinflussen wird. Oder dass liebgewonnene Charaktere sterben könnten.

    Jedenfalls... wenn ich ihre Texte lese, muss ich immer wieder feststellen, diese Gedanken waren zu gut, um nur noch Teil der Vergangenheit zu sein. Sie hätten in die Gegenwart gehört, in das Leben. Ich hätte sie gern noch hier im Forum.

  • Nach vielen Jahren bin ich neulich ins Kleinwalsertal zurückgekehrt, um alte Erinnerungen aufzufrischen und auch der jüngeren Unity-Generation den Weg zur Brücke zu zeigen. (nicht falsch verstehen!) Wir sind ein paar alte Wege nachgelaufen, haben Inas Grab besucht, ihre bevorzugte Musik gehört, und was man auf einer Pilgerfahrt eben sonst so tut.

    Dabei fand ich es sehr erstaunlich, wie sich manche Dinge auch nach 15 bzw. 20 Jahren noch so präsent anfühlen, als sei man erst gestern dort gewesen, während ich manch anderes komplett vergessen oder auch ganz anders in Erinnerung hatte. Das Haus z.B. erschien mir größer als in meiner Erinnerung, manche Wege hatte ich auch nur noch ganz vage im Gedächtnis, bei anderen Orten wusste ich sofort, dass ich da schon mal gewesen war. Insgesamt kam mir das Tal freundlicher und breiter vor, als ich es in Erinnerung hatte, was vielleicht auch an dem schönen Sommertag gelegen haben mag. Es ist wirklich ein netter Ort für einen Ausflug, und vermutlich eigentlich auch ein netter Ort, um dort zu leben und aufzuwachsen. In wie weit die Mentalität der Menschen dort mit dazu beigetragen hat, dass sich Ina so fremd fühlte und diese Todessehnsucht entwickelte, und ob die Abgeschiedenheit und Provinzialität dieses Tals nun Fluch oder Segen war, ist eine Frage, die man rückblickend nur schwer beantworten kann. Sie mag es so empfunden haben, aber ich als Gelegenheits-Besucher fühlte eigentlich immer nur positive Vibes. Aber klar, hinter die Fassaden sieht man vermutlich erst dann, wenn man dauerhaft dort mit den Leuten rumhängen muss. (Das ist ja letztlich auch überall so.)

    Jedenfalls denke ich, dass es für Kinder schon eigentlich toll ist, so naturnah aufzuwachsen, und das Abenteuer gleich direkt vor der Haustür zu haben. Als ungläubige, schwarze Seele hat man es vermutlich aber schwer, Gleichgesinnte zu finden, und denjenigen auszuweichen, die einen runterziehen und nicht verstehen können.


    Anbei ein paar Eindrücke (dem einen oder anderen wird vielleicht ja etwas bekannt vorkommen...)






    Es gibt vermutlich hässlichere Friedhöfe, auf denen man enden könnte.



    Glückliche Kühe.



    Und die Brücke von unten.




    Und es geht wirklich sehr krass runter dort. Soweit ich weiß, gab es nie eine offizielle Bestätigung, dass das wirklich DIE Brücke ist, sondern wir hatten uns das damals so zusammengereimt. (ist aber auch so ziemlich die einzige hohe Brücke über die Klamm). Fakt ist jedenfalls, wer sich für diese Brücke entscheidet, um sein Leben zu beenden, wählt den dramatischen, epischen Abgang.

  • Danke für den Beitrag und die Fotos!


    Für mich sehen diese Fotos traumhaft aus. Fast wie die Werbefotos einer Urlaubsunterkunft, nach der sich Stadtmenschen so sehen. Irgendwann will ich an einem ruhigen Ort wie diesem leben.

    Die Stadt ist mir zu laut, schnell und voll geworden.


    Das Thema Todessehnsucht ist eines für sich, denke ich.

    Ich würde allein beim Live-Anblick weiche Knie bekommen, gebe ich zu. Warum es so dramatisch sein muss, erschließt sich mir bis heute nicht. Wenn ich raten müsste, würde ich sagen: Weil das Gefühl von Thrill nochmal erlebt werden will, oder weil die angestaute Wut und Verzweiflung durch den windigen Abtrieb noch einmal raus kann. Ist bestimmt Unsinn - ich kann mich nicht in diese Lage hinein versetzen.


    Glaubst Du, in der heute zunehmend vernetzten Welt hätte sich irgend etwas an dem Weltbild oder der Entscheidung geändert?

  • Natürlich ist das schön zum Urlaub machen oder als möglicher Retreat, wenn man mal weg will von allem. Aber da dauerhaft leben oder gar dort aufwachsen? Ich geh auch gern im Harz wandern, aber will ich in einem Dorf in Sachsen-Anhalt leben oder dort Kinder großziehen? Wohl kaum.

    Aufwachsen als Kind bis zum 12. Lebensjahr, entweder mit gleichaltrigen Freunden oder eben mit coolen bzw korrekten Verwandten, das funktioniert auch. Dann will man irgendwann vielleicht mehr sehen als Kühe und Berge.

    Ich komme ja auch aus einer schwäbischen Kleinstadt. Wenn ich alles wegdenke, was da war - gute Freunde, irgendwann auch ein cooles soziales Umfeld in der Schule, stabiles Elternhaus - was wäre dann noch geblieben außer einem fruchtbaren Boden für Depressionen? Und wenn man dann nicht mal weg kann später, weil man 'außerhalb' auch nicht funktionieren kann, weil man eine Außenseiternatur entwickelt hat, die sich weder hier noch dort beheimaten kann, nicht überlebensfähig werden kann - das ist ein Recipe for Disaster.


    Ich habe bis heute keine Antwort auf die Frage gefunden, was wir hätten tun können oder sollen, wenn wir die Zeichen besser gedeutet hätten.

    Why do we fall?

  • Ich würde allein beim Live-Anblick weiche Knie bekommen, gebe ich zu. Warum es so dramatisch sein muss, erschließt sich mir bis heute nicht.

    Ja, wenn man da oben steht und hinunterblickt, kann man schon weiche Knie bekommen. Nicht nur geht es tief hinab, sondern es ist auch ein relativ enger Spalt, das sind dann Zentimeter, die darüber entscheiden, ob man auf dem Fels aufschlägt, direkt ins Wasser fällt oder vielleicht gar auf dem unten entlanglaufenden Weg endet. In gewisser Weise erfordert das schon noch aktives Nachdenken oder gar Zielen, zumindest, wenn man wirklich sicherstellen will, dass man nicht da unten irgendwo liegen bleibt, sondern vom Wasser hinfortgerissen wird. (was dann halt auch die sicherste Art ist, garantiert draufzugehen, selbst für den unwahrscheinlichen Fall, dass man den Aufprall überleben sollte)

    Also warum wählt man sowas? Ich denke, es hat eben schon etwas mit der Art zu tun, wie man gelebt hat. Sie haben ja wohl beide schon so ihre lebensverachtenden Grenzerfahrungen gemacht, ich denke da etwa an Inas Fliegenpilzkonsum oder irgendwelche halsbrecherischen Klettertouren, da war schon ein gewisses Flirten mit dem Risiko dabei. Und dazu kommt bei Ina sicher noch die Naturverbundenheit. Wenn man in dieser imposanten Bergkulisse aufgewachsen ist und oft ganz alleine dort durch die Gegend wandert, hat man ein anderes Verhältnis zu den Dingen als ein Stadtmensch. Ich kann mir gut vorstellen, dass man diese wildromantische Bergwelt dann als seine wahre Heimat empfindet, und dass man es eben als "natürlichen", folgerichtigen Tod empfindet.

    Glaubst Du, in der heute zunehmend vernetzten Welt hätte sich irgend etwas an dem Weltbild oder der Entscheidung geändert?

    Das ist natürlich sehr spekulativ. Ich denke, wenn es etwas gibt, was hätte helfen können, dann wenn sie schon ein paar Jahre früher ein gutes soziales Netz gehabt hätten, das sie auffängt. Freunde wie die, mit denen sie dann noch kurz vor ihrem Tod in den Urlaub sind... nur halt nicht erst, nachdem sie schon zwanzig Jahre mit dem Gefühl, nicht in diese Welt zu gehören, gelebt haben, sondern schon während der prägenden Phase in der Pubertät. Aber zu dem Zeitpunkt, als sich diese Verbindungen ergeben haben, war das Gefühl, in diesem Leben fremd zu sein, eben schon sehr weit fortgeschritten, und (zumindest bei Ina) durch jahrelange um den Tod kreisende Gedanken schon so sehr Teil der Identität geworden, dass man das vermutlich ganz schwer nochmal ablegen kann.

    Die moderne Zeit hätte vermutlich auch nicht viel daran geändert. Trotz der ganzen Vernetzung finden suizidale oder depressive Menschen ja heutzutage auch nicht zwangsläufig einfacher Kontakt mit Leuten, die sie verstehen können. Da hatte man damals, als es so ein paar undergroundige Selbstmordforen gab, vielleicht sogar noch mehr Chancen, Austausch mit Gleichgesinnten zu finden.