Beiträge von Lonewolf

    Ich habe Freunde und Bekannte, die in eben jenen Bereichen arbeiten, als Schulbegleiter, Sonderschulpädagogen oder Heilerziehungspfleger in Arbeitseinrichtungen. Die kommen alle aus linken Zusammenhängen und sind entsprechend system- und kapitalismuskritisch eingestellt. Dementsprechend haben sie einen reflektierten und nüchternen Blick auf ihre Tätigkeit, die ja darin besteht, sich um diejenigen zu kümmern, die laut kapit. Verwertungslogik aussortiert werden müssen, die aber nach einem demokratischen Verständnis eingegliedert werden sollen. Dieser Widerspruch ist in den bestehenden Verhältnissen kaum aufzulösen. Nicht umsonst drängen ja rechte Gruppen wie die AfD dazu, genau diese Menschen wieder konsequent auszugrenzen.

    Es ergeben sich natürlich diverse Spannungsfelder zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Bei den Schulbegleitern und Sonderschullehrern ist nach eigener Wahrnehmung der potenzielle Einfluss noch am größten, man kann versuchen, den Menschen noch was mitzugeben und sie nach bestem Gewissen vorzubereiten aufs Leben. Bei den Heilerziehungspflegern dominiert eben oft stark die nüchterne Erkenntnis, dass man hier Menschen 'verwaltet', für die die Gesellschaft keine Verwendung hat. Dementsprechend ist das der Bereich, in dem am meisten Frustration, Burn-out und letztlich Berufswechsel passiert, zumindest meiner Erfahrung nach.

    Letztlich gibt es hier keine 'gute' Lösung, solange Menschen primär als Humankapital betrachtet werden, die Leistung zu erbringen haben. Einer von vielen Widersprüchen, die in den falschen Verhältnissen nicht aufzulösen sind.

    Ich bin vor einigen Jahren diesen Artikel gestoßen, der einen Überblick darüber gibt, wie politische Ansichten mit Wohlstand zusammenhängen und wie sich Positionen zu einzelnen Punkten ins Gegenteil umkehren können:
    https://quillette.com/2022/08/09/lib…e-when-we-must/
    Ich finde das ganz nützlich, um einige Änderungen in dem Buch einzuordnen.


    Am Ende bleibt das neue Buch in allen konkreten Vorschlägen genauso vage, wie das alte.


    Der Text ist ein ganz klassisches Beispiel dafür, dass man eben materialistische (linke) Ideologie-Kritik benötigt, um gesellschaftliche Zusammenhänge zu verstehen. Hier wird alles runtergedampft auf politische Mentalitäten - 'konservativ' und 'liberal'. Und wenn man eben keinerlei Begriff von Machtverhältnissen und Klassenunterschieden hat, kommt so eine oberflächliche Apologie bürgerlicher Herrschaft heraus. Im Grunde bewegt sich der Text an der gewohnten US-amerikanischen Oberfläche, der systemischen Dichotomie zwischen 'liberals' und 'conservatives'.


    Aber zu Dians Weltbild passt der Text wohl ganz gut - denn auch hier geht es wieder nur um Einstellungen, Wahrnehmung, nicht um praktische politische und soziale Kämpfe zur Verbesserung der Lebensbedingungen und der Möglichkeit der individuellen Entfaltung und Teilhabe.

    Wenn schon die Wahrnehmung verkürzt und die Analyse undifferenziert ist, können natürlich auch keine sinnvollen Lösungsansätze entstehen. Vor allem sollte man eben ein Stückweit ehrlich sein und keine Mogelpackung verkaufen: Wenn man die Utopie einer abgeschotteten Festung vertritt, ist man nicht Anarchist, sondern mindestens Konservativer. Und wenn der repressive Staat hierfür dann wieder gut genug ist, um diese Grenzen abzusichern, sollte man sich eben nicht als 'anti-autoritär' verkaufen.

    'Links' und 'rechts' als überholt anzusehen, ist eben so ein klassischer kategorialer Trugschluss. Nur weil ich bestimmte Begriffe nicht mehr verwende, ändert das nichts an den politischen Positionen, die mit diesen Begriffen assoziiert sind.


    Dabei muss man, wenn man Kritik an bestehenden politischen Strömungen hat, ja gar nicht die Grundsätze als solche preisgeben. Ich kann nach wie vor kulturalistische Weltbilder ablehnen und stattdessen von gesellschaftlichen Ideologien sprechen. Dann ist die Ablehnung von Islamismus genauso inbegriffen wie die Ablehnung von Faschismus. Ein Drittel der Bevölkerung kippt in rechtsautoritäre Weltbilder, westliche Demokratien kippen in Richtung Diktatur, aber die konservativen Zuwanderer sollen das Problem sein? Was soll man hier 'gesund schrumpfen'? Wenn man keine progressive linke Politik für die Zukunft entwickeln kann (und genau über diese Form der Politik können wir gerne diskutieren), dann wird auch keine Gesellschaft übrig bleiben, die für alle lebenswert ist, sondern eben eine spätkapitalistische Dystopie - Zuwanderung hin oder her.

    Der Zugang zu Literatur und Film sollte halt nicht durch kindischen Trotz oder die Weigerung, dazuzulernen, limitiert sein. Natürlich ist es legitim, Stoffe neu aufzubereiten, wenn sie aus heutiger Sicht blinde Flecken aufweisen. Vor allem dann, wenn es sich nicht um Historienwerke handelt, sondern um solche, die gerade den Anspruch haben, Lehren zu vermitteln.

    Die antikoloniale Kritik an Camus ist nicht neu und sie ist absolut legitim, wenn nicht sogar notwendig. Meine Bedenken beziehen sich lediglich darauf, ob man hier zwei gleichwertige Themen innerhalb einer Werkinterpretation angemessen behandeln kann. Eine antikoloniale Interpretation des Stoffes gibt es bereits: 'Der Fall Meursault - eine Gegendarstellung' von Kamel Daoud. Wenn man die Thematik aus einem anderen Blickwinkel betrachtet, ist das legitim und kann neue Einblicke bieten. Die Frage ist nur, ob man gleichzeitig (!) zwei völlig konträre Blickwinkel einnehmen kann - und das sehe ich beim neuen Film eben kritisch.

    Über den Araber konnte ich problemlos hinwegsehen

    Da geht es dir genauso wie Richter und Geschworenen im Mersault-Prozess 😅


    Das ist eben das Problem: 'Der Fremde' ist kein gesellschaftskritischer oder politischer Stoff, sondern ein existenzphilosophischer. Natürlich war Camus ein politisch engagierter Intellektueller und hat auch an anderer Stelle klare Position zum Kolonialismus bezogen. Es ist aber nicht explizites Thema seines Romans. Implizit schwingt das Thema mit, aber nur insofern, als 'der Araber' zum reinen Corpus delicti degradiert wird - gerade weil er im kolonialen Kontext im Grunde bedeutungslos ist, ist seine Tötung nicht das eigentliche 'Verbrechen' im Roman. 'Der Fremde' ist nicht 'Schuld und Sühne' - es geht nicht darum, dass sich am Ende eine Art Gerechtigkeit einstellt. Mersault wird für sein 'Fremdsein' aus der Gemeinschaft verstoßen und hingerichtet, nicht für seine Tat. Im Film gibt es hier eine Bedeutungsverschiebung; sein Tod mag für den Zuschauer als gerecht erscheinen, wenn dieser entscheidende Punkt - also der Grund für das Urteil - in der Schlussszene durch den Verweis auf den Araber in den Hintergrund tritt.

    Gerechtigkeit hieße aber Abschluss, Balance. Nun geht es aber bei Camus um das Gegenteil: das Absurde, sprich die Verweigerung dieser Auflösung und 'letzten Gerechtigkeit'. Wenn man den Film so deuten kann, dass Mersault am Ende für etwas büßt, verfehlt das meines Erachtens die zentrale Botschaft des Romans.


    Werkgetreu - bis auf die Benennung des Arabers und die größere Rolle von dessen Schwester. Wie hast du diese hinzugefügte postkoloniale Note empfunden? Zu gewollt, passend, unpassend, konsequent, bereichernd, verfremdend?

    Ich werde mir den Film wohl auch nicht ansehen. Was ich aber vor kurzem gesehen habe, ist dieses interessante Gespräch mit Niklas Frank, Sohn von Hans Frank, dem 'Schlächter von Polen', der im Rahmen der Nürnberger Prozesse hingerichtet wurde.



    Niklas Frank hat die Lebensgeschichte seines Vaters akribisch aufgearbeitet. Er 'dämonisiert' ihn nicht, beschreibt ihn aber als weitgehend empathielosen Karrieristen und Opportunisten, sicherlich Antisemit und Nationalist, aber wohl nicht in dem fanatischen Maße wie ein Goebbels.

    Und er sagt an einer Stelle (ich weiß nicht mehr ob in diesem Interview oder in einem anderen): 'Ich bin eigentlich ein Gegner der Todesstrafe, aber meinem Vater hab ich sie gegönnt.'

    Und das ist eben der Knackpunkt. Es ist völlig irrelevant, ob jemand 'menschliche' Seiten hat oder irgendwelche Eigenschaften oder vllt. sogar Positionen, die man nachvollziehen kann. Am Ende zählt nur seine Tat bzw. politische Rolle. Ich muss auch heutige Faschisten nicht 'dämonisieren', um klar zu machen, dass sie und ihre Agenda gestoppt werden müssen. Nun ist Höcke (noch) kein Frank oder Goebbels, aber auch er und seinesgleichen machen klar, wo sie hinwollen. Da ist es völlig irrelevant bzw. sogar manipulativ, sie in einem 'menschlichen' Licht darstellen zu wollen. Und im Falle dieses selbstgefälligen 'Influencers' eben auch ziemlich verlogen - der will sich mittels Click- und Ragebait die Taschen füllen, und leider springen viele, die Social Media nicht verstanden haben, darauf an.

    Pflanzen scheinen Verletzungen zu registrieren, aber nicht in dem Maße zu leiden wie Tiere. Wenn dies anders wäre, müsste der Umgang mit ihnen neu bewertet werden.

    Ich bin selber Fleischesser aber ich gebe den Vegetariern recht .also es ist ethisch kein Fleisch zu essen .es ist richtig .


    Ich würde dies grundsätzlich ähnlich sehen, wobei man natürlich differenzieren muss: Fleisch, das nicht aus Massentierhaltung stammt oder vllt. sogar erlegt wurde, ist wahrscheinlich aus ethischer Perspektive unbedenklicher als eine vegane Ernährung, die auf Massenanbau, ökologisch schädlichem Sojaanbau etc. basiert.

    Ich esse, was man mir vorsetzt, und was ich mir selbst kaufe, ist in der Regel bzw. zu 99% fleischfrei - aber eben nicht frei von tierischen Produkten und auch nicht von Fisch. Ethisch ist das bedenklich und nicht schön zu reden, es ist Zeichen von Bequemlichkeit und Inkonsequenz. 'Anarchie' heißt eben nicht nur das zu tun, worauf man Bock hat.