Es gibt 12 Antworten in diesem Thema, welches 727 mal aufgerufen wurde. Der letzte Beitrag (10. Juni 2026 um 20:48) ist von Lissaminka.

  • "Nürnberg" hab ich mir nicht angeschaut. Einfach, weil ich mir schon gedacht habe, dass das nicht so den Mehrwert hat, weil man die Story als historisch informierter Mensch eh schon kennt, und weil es vermutlich nur eine Russel Crow-One Man-Show ist. Und die Kritiken waren ja auch eher so meh... jedenfalls scheint es wohl kein Meisterwerk zu sein, das man unbedingt gesehen haben müsste.

    Aber ich mag "Filmanalyse", und wie er es immer schafft, auf so eine geistreiche und belesene Art selbst über den größten Quatschfilm noch ein intellektuelles Video zu machen.


    Im oben verlinkten Video geht es vor allem darum, dass er die Frage aufwirft, ob man Menschen wie Göring oder Höcke von ihrer menschlichen, alltäglichen Seite zeigen sollte, oder ob das nicht eher zwangsläufig zu einer Verharmlosung ihrer Politik führt. Das angesprochene Höcke-Video hab ich mir nicht angetan, kann mir aber schon gut vorstellen, wie dieses Interview so gewesen ist.

    Ich bin da etwas zwiegespalten, gerade auch, was diese erwähnte Interviewreihe angeht. Einerseits ist es schon angenehm, wenn mal jemand nicht im öffentlich-rechtlichen Lanz-Stil gegrillt wird, nur weil er die falschen Ansichten hat, sondern man ihn einfach mal ausreden lässt und den Zuschauern zugesteht, sich ihr eigenes Urteil zu bilden. Solche kultivierten, unaufgeregten Gespräche sollte es eigentlich häufiger mal geben, und gab es ja in früheren Zeiten im Fernsehen auch häufiger als heute.

    Andererseits ist das ja auch schon wieder Propaganda, da bin ich völlig bei Wolfgang M. Schmitt von Filmanalyse (dem ich jetzt auch nicht in allem zustimmen würde). Jeder Mensch hat irgendwelche menschlichen, und vermutlich auch sympathischen Seiten... und wenn man ihm die Gelegenheit gibt, diese zu zeigen, ist das im besten Fall banale Information, die niemand braucht, im schlimmsten Fall hilft man irgendeinem Arschloch nur dabei, im Scheinwerferlicht zu glänzen und unbedarfte Leute durch Charme auf seine Seite zu ziehen.

    Dämonisieren, bewusstes Ausblenden positiver Seiten und Entmenschlichen des politischen Gegners kann aber meines Erachtens auch keine Lösung sein, denn wenn man damit übertreibt, läuft man ebenfalls Gefahr, Zerrbilder zu erschaffen, die vom Zuschauer irgendwann nicht mehr ernstgenommen und ebenfalls als Propaganda wahrgenommen werden. Schwierig.

  • Einfach, weil ich mir schon gedacht habe, dass das nicht so den Mehrwert hat, weil man die Story als historisch informierter Mensch eh schon kennt

    :D :D :D

    Dann analysier hier doch bitte mal jetzt die Filmchen, die du dir in den vergangenen Wochen tatsächlich so reingezogen hast, inklusive des komischen Schafsherdenkrimis da. :D


    Durchs bloße Überfliegen des Videos und der Kommentare kann ich mir nun aber jetzt schon denken, dass das in die Richtung ging, wie der Kommentar es beschreibt:

    "In meinen Augen war genau das, was du kritisierst, die Essenz des Films: Hermann Göring fälschlicherweise als etwas „Besonderes“ darzustellen (dramatische, fast schon heroische Musik wenn er auftritt, etc), nur um die Zuschauer dann wieder erkennen zu lassen, dass er ein feiger Kerl mit viel Macht war, der gewissenlos Menschen ermorden ließ. Er war eben kein unmenschliches, sagenumwobenes Monster, sondern einfach nur ein Mensch. Diese Erkenntnis hatte ja auch der Psychologe und warnte daher davor, dass so etwas jederzeit wieder passieren kann, sobald die falschen Menschen Macht erlangen."


    Nun distanziere ich mich besser wieder von Analysenkritik einer nicht gesehenen Analyse über einen nicht gesehenen Film an einem Verbreiter einer Kritik, der den Film doch ebenfalls nicht gesehen hat, und von ähnlich sinnlosen Beiträgen.

    Wenn das mal kein Auswuchs einer aufmerksamkeitsgestörten Gesellschaft ist. :lol_gif:

    μολὼν λαβέ.

  • Ich werde mir den Film wohl auch nicht ansehen. Was ich aber vor kurzem gesehen habe, ist dieses interessante Gespräch mit Niklas Frank, Sohn von Hans Frank, dem 'Schlächter von Polen', der im Rahmen der Nürnberger Prozesse hingerichtet wurde.



    Niklas Frank hat die Lebensgeschichte seines Vaters akribisch aufgearbeitet. Er 'dämonisiert' ihn nicht, beschreibt ihn aber als weitgehend empathielosen Karrieristen und Opportunisten, sicherlich Antisemit und Nationalist, aber wohl nicht in dem fanatischen Maße wie ein Goebbels.

    Und er sagt an einer Stelle (ich weiß nicht mehr ob in diesem Interview oder in einem anderen): 'Ich bin eigentlich ein Gegner der Todesstrafe, aber meinem Vater hab ich sie gegönnt.'

    Und das ist eben der Knackpunkt. Es ist völlig irrelevant, ob jemand 'menschliche' Seiten hat oder irgendwelche Eigenschaften oder vllt. sogar Positionen, die man nachvollziehen kann. Am Ende zählt nur seine Tat bzw. politische Rolle. Ich muss auch heutige Faschisten nicht 'dämonisieren', um klar zu machen, dass sie und ihre Agenda gestoppt werden müssen. Nun ist Höcke (noch) kein Frank oder Goebbels, aber auch er und seinesgleichen machen klar, wo sie hinwollen. Da ist es völlig irrelevant bzw. sogar manipulativ, sie in einem 'menschlichen' Licht darstellen zu wollen. Und im Falle dieses selbstgefälligen 'Influencers' eben auch ziemlich verlogen - der will sich mittels Click- und Ragebait die Taschen füllen, und leider springen viele, die Social Media nicht verstanden haben, darauf an.

    Why do we fall?

  • So, bei der Gelegenheit werde ich diesen Thread kurzerhand für die WAHRE FILMKRITIK requirieren, schließlich habe ich meine Jellyfin-Medienbibliothek inzwischen mit ausreichend Filmmaterial versorgt, um die nächsten Monate über regelmäßig mehr oder minder kulturhistorisch wertvolle Stellungnahmen zu Werken abzugeben, die seit Jahren auf meiner nie angelegten Liste stehen.


    Nach Lonewolfs Empfehlung vor inzwischen wieder geraumer Zeit sah ich nun gestern:



    Und ich muss den Machern dieser Verfilmung zugestehen, in puncto Werktreue großartige Arbeit geleistet zu haben. Während der heutige Kulturpöbel doch immer nach einer pädagogischen Aufbereitung von ALLEM lechzt, auch des Absurden, verweigert sich dieses Werk jeglicher hermeneutischen Anbiederung an den Zeitgeist. Die monochrome Ästhetik und die bewusst statische Inszenierung entziehen sich dem modernen Reizgewitter, weshalb sich der Film auch folgerichtig in die Nischen der Programmkinolandschaft zurückgezogen hat, um den Mainstream nicht mit dem Verlangen nach ungeteilter Aufmerksamkeit für die Handlung in der Stille zu belästigen. Die gesamte Aufmachung, Mersaults fehlende menschliche Wärme, fängt die existenzielle Isolation treffender ein, als es jeder noch so bedeutungsschwere Dialog vermochte. Es ist die beredte Sprachlosigkeit in den Gesichtern der Darsteller, die jenen Freiraum schafft, in dem die eigentliche Handlung des Romans erst ihre volle Wirkung entfaltet.

    Also wer bereit ist, sich dieser zweistündigen Meditation im Geiste des Originals zu stellen, wird mit einer ordentlichen Portion Authentizität belohnt!


    (Dass ich mir unmittelbar im Anschluss noch 'Traumschiff Surprise' zu Gemüte führte, was ich nicht länger als die bestehende Laufzeit noch ausgehalten hätte, und dabei noch ein geschlagenes Drittel benötigte, um zu realisieren, dass der maverickartige Taxifahrer offenbar Til Schweiger darstellen sollte, lasse ich besser außen vor. :D )

    μολὼν λαβέ.


  • Werkgetreu - bis auf die Benennung des Arabers und die größere Rolle von dessen Schwester. Wie hast du diese hinzugefügte postkoloniale Note empfunden? Zu gewollt, passend, unpassend, konsequent, bereichernd, verfremdend?

    Why do we fall?

  • Über den Araber konnte ich problemlos hinwegsehen, weil mir dieser Teil der Vorlage nicht mehr präsent genug war, um mich daran zu stören. Außerdem wirkte dieser Aspekt auf mich recht unaufdringlich eingebaut.

    Die Schwester, die hat mich schon eher aus dem Film geholt, weil sie die einzige Ergänzung war, bei der ich mehrfach überlegen musste, ob sie bei Camus überhaupt existiert hat.


    Die Gesamtatmosphäre blieb davon, finde ich, weitestgehend unberührt bzw. für die politische Leseart fehlt mir vermutlich ohnehin das feine Sensorium. Auf mich wirkte das eher wie eine kleine Akzentverschiebung als wie eine grundlegende Umdeutung des Stoffes.

    μολὼν λαβέ.

  • Über den Araber konnte ich problemlos hinwegsehen

    Da geht es dir genauso wie Richter und Geschworenen im Mersault-Prozess 😅


    Das ist eben das Problem: 'Der Fremde' ist kein gesellschaftskritischer oder politischer Stoff, sondern ein existenzphilosophischer. Natürlich war Camus ein politisch engagierter Intellektueller und hat auch an anderer Stelle klare Position zum Kolonialismus bezogen. Es ist aber nicht explizites Thema seines Romans. Implizit schwingt das Thema mit, aber nur insofern, als 'der Araber' zum reinen Corpus delicti degradiert wird - gerade weil er im kolonialen Kontext im Grunde bedeutungslos ist, ist seine Tötung nicht das eigentliche 'Verbrechen' im Roman. 'Der Fremde' ist nicht 'Schuld und Sühne' - es geht nicht darum, dass sich am Ende eine Art Gerechtigkeit einstellt. Mersault wird für sein 'Fremdsein' aus der Gemeinschaft verstoßen und hingerichtet, nicht für seine Tat. Im Film gibt es hier eine Bedeutungsverschiebung; sein Tod mag für den Zuschauer als gerecht erscheinen, wenn dieser entscheidende Punkt - also der Grund für das Urteil - in der Schlussszene durch den Verweis auf den Araber in den Hintergrund tritt.

    Gerechtigkeit hieße aber Abschluss, Balance. Nun geht es aber bei Camus um das Gegenteil: das Absurde, sprich die Verweigerung dieser Auflösung und 'letzten Gerechtigkeit'. Wenn man den Film so deuten kann, dass Mersault am Ende für etwas büßt, verfehlt das meines Erachtens die zentrale Botschaft des Romans.

    Why do we fall?

  • Wenn Lissaminka hier ihren völlig am Thema vorbeigehenden Senf dazugibt und ihre Meinung zu Filmen und Videos kundtut, die sie nie gesehen hat, kann ich das natürlich auch!

    Für mich geht ein nicht unbeträchtlicher Teil der Faszination alter Filme oder Bücher davon aus, dass sie ein Fenster in eine andere Zeit darstellen. Wenn ich mich mit ihnen beschäftige, will ich etwas darüber erfahren, wie die Menschen damals gedacht und gelebt haben. Ich will bei einer Wilhelm Tell-Verfilmung gern möglichst originale Kostüme aus der damaligen Zeit sehen, und keine lesbischen Kampfamazonen oder indische Assassinen-Priester in entlegenen schweizerischen Bergdörfern. Und der Vater darf auch gern der Patriarch sein, auch wenn ich keine Patriarchen mag. Aber es ist nunmal authentisch und werkgetreu.

    Man kann sicherlich auch mal AUSNAHMSWEISE so ein altes Werk neu interpretieren, warum nicht... da können ja auch coole Dinge bei rauskommen. Aber es sollte meines Erachtens nicht die Regel sein, dass wir nun alles, was damals geschrieben wurde, dem aktuellen Zeitgeist anpassen, so als ob die Leute damals dumm waren und wir uns heute dafür rechtfertigen müssen, dass wir es wagen, uns ihre rückständigen Ansichten zu gemüte zu führen.

    Wenn mir der olle Camus zu rassistisch oder sexistisch ist, weil er einen Araber nur als austauschbaren Niemand dargestellt hat, oder weil er keine starken Frauenrollen in seiner Geschichte hatte, dann lass ichs halt einfach und beschäftige mich nicht damit. Wo kommt dieses oberlehrerhafte Denken her, dass man posthum unsere Vorfahren noch darüber belehren muss, dass sie hier und da falsch gedacht haben, und dass man es jetzt ja besser weiß und daher (auch wenn man ihrem Werk huldigt) ganz demonstrativ klarstellen muss, dass man jetzt weiter ist und klüger als sie es damals waren? Scheint mir schon ein bisschen übelkeitserregend selbstverliebt zu sein.

  • Der Zugang zu Literatur und Film sollte halt nicht durch kindischen Trotz oder die Weigerung, dazuzulernen, limitiert sein. Natürlich ist es legitim, Stoffe neu aufzubereiten, wenn sie aus heutiger Sicht blinde Flecken aufweisen. Vor allem dann, wenn es sich nicht um Historienwerke handelt, sondern um solche, die gerade den Anspruch haben, Lehren zu vermitteln.

    Die antikoloniale Kritik an Camus ist nicht neu und sie ist absolut legitim, wenn nicht sogar notwendig. Meine Bedenken beziehen sich lediglich darauf, ob man hier zwei gleichwertige Themen innerhalb einer Werkinterpretation angemessen behandeln kann. Eine antikoloniale Interpretation des Stoffes gibt es bereits: 'Der Fall Meursault - eine Gegendarstellung' von Kamel Daoud. Wenn man die Thematik aus einem anderen Blickwinkel betrachtet, ist das legitim und kann neue Einblicke bieten. Die Frage ist nur, ob man gleichzeitig (!) zwei völlig konträre Blickwinkel einnehmen kann - und das sehe ich beim neuen Film eben kritisch.

    Why do we fall?

  • Da geht es dir genauso wie Richter und Geschworenen im Mersault-Prozess 😅

    Ich bezog mich natürlich auf die Abänderung in Form der Erwähnung, aber letztlich verkommt er während des Prozesses ohnehin zur Randnotiz. Die wahre Ungeheuerlichkeit besteht für Richter und Öffentlichkeit darin, dass Mersault bei der Beerdigung seiner Mutter nicht das vorgeschriebene Trauerprogramm abgespielt, keine Gefühle simuliert und sich die lebensbejahende Einstellung seines Umfelds in seiner "sanften Gleichgültigkeit" nicht zu eigen macht.

    Sein unmittelbares Erleben und ein Gefühl des Unbehagens erscheint ihm unendlich realer als die konstruierten Konzepte einer Moral oder die erzwungene Haltung, er müsse glücklich über das Leben sein.

    Wenn Lissaminka hier ihren völlig am Thema vorbeigehenden Senf dazugibt und ihre Meinung zu Filmen und Videos kundtut, die sie nie gesehen hat, kann ich das natürlich auch!

    Hä, du hast doch mit dem Prinzip angefangen. Mein einziger Senf zu Nürnberg, den wohlgemerkt ja DU nicht gesehen hast, bestand aus einem von YouTube kopierten Kommentar, und als Reaktion darauf sonderte ich sogar pflichtbewusst einen separaten Gegenpost ab, der sich tatsächlich mit einem rezipierten Werk beschäftigt. Irgendwer muss die kulturellen Mindeststandards hier schließlich noch verteidigen.

    μολὼν λαβέ.