Akzelerationismus - Mit Vollgas in den Untergang?

  • Als ich vor einiger Zeit mal wieder in den dreckigen Ecken des Internets unterwegs war, viel mir auf das viele Extremisten, Missantropen und allgemein Leute die die moderne westliche Gesellschaft scheiße finden, sich für einen destruktiven Akzelerationismus einsetzen.


    Irgendwie konnte ich zuerst mit dem Begriff "accelerationism" nicht viel anfangen und laut Wikipedia hat das mit beschleunigter Entwicklung zu tun.

    Erst später hab ich gecheckt das es sich dabei um eine Form des destruktiven Protestes handelt wo man schwachsinnige Entwicklungen in einer Gesellschaft mit seinen eigenen Taten und Worten noch weiter befeuert und die eh schon unerträgliche Situation noch schlimmer zu machen um noch mehr Schaden anzurichten, die Gesellschaft damit noch instabiler zu machen und Leute die gegen diese Entwicklung sind, zu Aggression und gesellschaftlicher Verweigerung anzustiften.


    Mir wurde dann ein Buch empfohlen das sich "Harassment Architecture" nennt.

    Geschrieben von jemanden der sich Mike Ma nennt.

    Ich hatte es dann mal gelesen und fand den Inhalt ganz interessant.


    https://3lib.net/md5/623CA13939EB94C998261A2A17B07EBB


    Also voll auf gesellschaftliche Normen und Pflichten zu scheißen, nicht arbeiten gehen und von Stütze leben, zu Nichtfreunden und NPC Lemmingen einfach asozial und destruktiv sein und bei jeder Gelegenheit deren Werte und für diese Menschen wichtige Dinge kaputt mache usw.



    Was meint ihr dazu?


    Glaubt ihr das dies eine interessante Strategie wäre um eine Gesellschaft zu destabilisieren und zu Fall zu bringen damit danach was besseres nachwachsen kann?

  • Glaubt ihr das dies eine interessante Strategie wäre um eine Gesellschaft zu destabilisieren und zu Fall zu bringen damit danach was besseres nachwachsen kann?

    Nein. Durch das Legen eines zusätzlichen Feuers im Erdgeschoss, rettet man den brennenden Dachstuhl nicht, sondern beschleunigt nur die Unbewohnbarkeit des Hauses. Das wurde zuvor zwar schon reichlich mit Graffiti beschmiert und die Scheiben zerschlagen, aber man hatte zumindest noch ein Dach über dem Kopf. Jetzt sorgt man aktiv dafür, dass alle Bewohner auf der Straße stehen, nur weil man das selbst tut.


    Die Incel-Bewegung folgt ähnlichen Zielen und hat auch einen ganz ähnlichen Antrieb. Und da kommt ja auch niemand auf die Idee, dass das ein strategisches Vorhaben ist, um bei der Partnersuche erfolgreicher zu werden.


    Das Prinzip des Klügeren, der immer nachgibt, lässt unweigerlich eine Alleinherrschaft der Idioten entstehen. Um genau das zu verhindern, sollte niemand nachgeben oder maximal zerstörerisch und egoistisch handeln, sondern jeder für sich eine Maxime verfolgen, die den anderen anstiftet. Das funktioniert nämlich nicht nur im negativen Sinne, sondern auch im positiven. Wieso man erst warten soll, bis etwas total kaputt ist, erschließt sich mir nicht. Die Reparatur würde doch nur noch schwieriger sein, sofern überhaupt möglich. Und wenn man schon mit einfachsten Instandsetzungsarbeiten überfordert war, wie soll dann erst eine Komplettsanierung gelingen? Vor allem mit welcher Motivation? Und mit welchen Beteiligten? Jene, die es kaputt machten, haben noch nie ihre eigenen Schäden beseitigt. Das sieht dieses System nicht vor. Und aus Frust darüber genauso zu werden, ist so ziemlich der dümmste Plan, den man haben kann.

  • Ist auf jeden Fall mal eine andere Herangehensweise zur "Weltverbesserung".

    Also voll auf gesellschaftliche Normen und Pflichten zu scheißen

    Kommt natürlich drauf an welche, klingt aber oberflächlich betrachtet schon mal nicht schlecht.

    nicht arbeiten gehen und von Stütze leben

    Wär ich bei dir.

    zu Nichtfreunden und NPC Lemmingen einfach asozial und destruktiv sein und bei jeder Gelegenheit deren Werte und für diese Menschen wichtige Dinge kaputt mache

    Das finde ich nicht so toll. Ich bin eher dafür, nicht asozial und destruktiv mit seinen Mitmenschen umzugehen. Das nervt mich ein wenig an manchen Menschen in unserer Gesellschaft, dieses Gegeneinander. Ich glaub nicht, dass man damit was verbessern kann, wenn mans nur hart genug praktiziert.


    Ergänzung dazu: Das wäre ja eben Öl gießen ins Feuer. Damit ist man nicht schlauer als die Brandstifter. Die Zerstörung bleibt bzw. wird schlimmer, und noch mehr Narben entstehen im Menschen. Ein weiser Mensch sagte mal: „Sei Du selbst die Veränderung, die Du Dir wünschst für diese Welt.“

    Auch erinnert mich das bisschen an Krieg. Da wird auch erstmal (für andere Menschen Wichtiges) zerstört und "der Sieger" freut sich dann, "die (seine) Welt besser gemacht zu haben".

  • Und um ehrlich zu sein, gerade wenn man so ein Mensch ist wie ich es bin, der von der Gesellschaft ausgekotzt wurde und eh nur als Konsument und Bullshitjobber am Arbeitsplatz gebraucht wird, gerade da fühle ich mich so richtig angesprochen von einer Idee die gegenüber all dem destruktiv gegenüber steht.

    Wie schon gesagt: ein Incel denkt exakt so. Tun Incels deshalb das Richtige und sind sie Rebellen für eine bessere Welt? Machen Kinderschänder diesen Planeten zu einem besseren Ort? Indirekt durch ihr Handeln ja schon, oder?

    Wie sieht es mit dem Holocaust aus? War der Neuanfang gelungen oder hatten dieselben Leute weiter das Sagen, nur in anderen Positionen? Entstand aus den ehemaligen Sowjetgebieten ein Paradies auf Erden?


    EDIT: inzwischen bist du offenbar selbst draufgekommen.

  • Ich glaube, dass die Gesellschaft und alles nur besser werden kann, wenn jeder Einzelne "besser" wird.

    Besser im Umgang mit sich selbst und

    mit seinem Umfeld ist.

    Quasi nach der Regel "Tu keinem an, was man selber nicht möchte."


    Und wenn man sich etwas umschaut, langsam habe ich schon den Eindruck, dass sich was tut.

    Die Menschen werden schlauer, können besser Reiz und Reaktion unterscheiden und sind stellenweise reflektierter.

    Klar, da geht noch was. Aber da geht noch immer was. Das dauert leider immer Jahrzehnte und Jahrhunderte, bis sich was wandelt.


    Vor langer langer Zeit war die Frau mal dem Mann gleichgestellt, dann kam das Eigentum, das Mutter-/Vaterrecht, Rechte, Kirchen (!), Kapitalismus und so langsam.. Ganz langsam, wirds wieder zurückgedreht. Und sogar weiter.


    Ich habe zwar nichts dagegen, wenn diese blöde Erde einfach abfackelt oder in 1000 Teile zerspringt, aber die Menschheit ganz aufzugeben, wäre dumm.

    Nur weil der Hund in Deinen Garten scheißt, erschießt Du nicht gleich alle Hunde. (hoffentlich :nono: )

    Es lebe die Freiheit, die Meinungsäußerung und der Respekt anderen gegenüber.


    "Der Mensch beherrscht nicht das Eigentum, das Eigentum beherrscht ihn."
    - August Bebel

  • Ach das klingt wie eine billige Rechtfertigung zum Scheisse bauen.

    Korrekt adressiert, finde ich Rache und Aggression aber eigentlich voll okay. Auf dem Weg zur Erkenntnis, woher solche Gefühle herkommen, erübrigt sich dann aber auch meist die Motivation für sinnlose Amokläufe und vergleichbares Unrecht, das mit größerem Unrecht bekämpft werden soll. Ich halte auch nichts davon, Gewalt bzw. eher Wut grundsätzlich negativ zu werten. Man kann froh über Kraft sein, die kanalisiert werden will und in den richtigen Händen Gutes hervorbringen kann.

    • Offizieller Beitrag

    Ich finde die Idee ganz interessant, das Gegenteil von dem zu predigen, wofür man eigentlich eintritt, und das ganze so dermaßen zu übertreiben, dass man damit nicht die eigene Position, sondern die der Gegenseite diskreditiert.

    Also nehmen wir mal als Beispiel: Ich bin gegen die Maskenpflicht. Nun kann ich entweder bei jeder Gelegenheit meinen Protest kundtun, und meine Mitmenschen in den Supermärkten mit Argumenten zu überzeugen versuchen, dass diese Lappen eh nix bringen. (Der Erfolg dürfte minimal sein)

    Oder, andere Möglichkeit: Ich spiele einen radikalen Masken-BEFÜRWORTER, und wenn ich jemand ohne Maske erwische, mache ich einen riesen Aufstand, so dass es alle Passanten hören können, und rufe ihm hinterher, dass wir endlich neue Konzentrationslager brauchen, und dass alle vergast gehören, die sich nicht an die Vorschriften der Regierung halten wollen.

    Effekt 1: Ich werde mich total lächerlich machen. Aber, und das ist das entscheidende... Effekt 2: der eine oder andere Passant, der das mitbekommt, wird vielleicht ins Grübeln geraten, ob wir uns nicht vielleicht langsam doch wieder in Richtung Drittes Reich bewegen. Zumindest, wenn sowas häufiger vorkommt. Dann würden nämlich irgendwann die Befürworter als Extremisten und Faschisten wahrgenommen werden, und nicht mehr die Gegendemonstranten.


    Soweit zumindest die Theorie. Oftmals lernen die Menschen ja auch nicht durch mahnende Worte, sondern nur durch negative Vorbilder.

    Die linken Intellektuellen haben noch so viel warnen können vor Krieg und Nationalismus... erst Adolf Hitler hat durch seine extreme Übertreibung des Nationalismus bewirkt, dass die Deutschen sich in den Jahrzehnten nach dem Krieg mit Militarismus und Nationalstolz etwas zurückgehalten haben. Ja, man kann sogar die Frage stellen, ob wir ohne Hitler heute überhaupt eine Europäische Union hätten, oder ob wir heute nicht wieder ein viel nationalistischeres Europa hätten, wenn die Bevölkerung nie vorgeführt bekommen hätte, wohin es im schlimmsten Fall führen kann.


    Also als Gedankenspiel macht es schon Sinn, darüber zu philosophieren, ob man nicht vielleicht mehr bewirkt, wenn man das "Böse" unterstützt und dessen Auswirkungen beschleunigt, als wenn man die Leute vor dem Bösen warnt und es gerade dadurch vielleicht nie dazu kommt, dass sich das Böse in all seiner Pracht zeigen kann, und es so nie den ultimativen Beweis geben wird, dass das Böse wirklich so böse ist.

    In der Praxis muss man aber auch mal klar sehen, dass all diese Effekte nicht von heute auf morgen passieren, sondern über einen langen Zeitraum auf die Menschen einwirken müssen. Man kann nicht mal eben heute ein bisschen destruktiv leben und dann morgen das Ende des Systems feiern, sondern das alles wirkt dann vielleicht erst ein paar Generationen später (wo man selber eh nix mehr davon hat).

    Dass sich das System früher oder später selbst zerstören wird, wenn die Menschen so weiter machen wie bisher, wird vermutlich kaum jemand hier ernsthaft anzweifeln wollen. Aber niemand kann vorhersagen, wann es soweit sein wird. Es können auch noch viele Generationen vergehen, bis es passiert... und das unabhängig davon, ob ein paar mehr Leute jetzt etwas destruktiver leben oder nicht. Genauso wenig wie man umgekehrt den Zusammenbruch merklich hinauszögern kann, nur weil jetzt alle brav ihren Müll trennen. All diese Effekte sind halt echt nur minimal und wirken sich wenn überhaupt, dann nur über sehr lange Zeiträume sichtbar aus.

    Daher finde ich es sinnvoller, man schafft sich Strukturen, die unabhängig vom System funktionieren, dann ist man auf der sicheren Seite, wenn das System zusammenbricht... aber falls es nicht zusammenbricht, hat man auch was davon und hat zumindest für sich persönlich ein gutes Gefühl, dass man den anderen moralisch überlegen ist. Dieses Gefühl fällt ja weg, wenn man sich selbst auch wie ein Arschloch verhält... denn dann ist man ja im Grunde nicht besser als der Rest, egal wie intellektuell man dieses Verhalten auch begründen mag.