Die Neue Deutsche Welle (NDW)

    • Die Neue Deutsche Welle (NDW)

      Da hier mehr oder weniger auch die musikalischen Wurzeln der Anarchonauten begründet liegen, dachte ich, ich mache mal einen eigenen Thread zum Thema Neue Deutsche Welle auf.
      Für alle zu spät geborenen, oder wer die Zeit sonstwie verpasst hat, hier mal eine kurze Zusammenfassung:

      Als Vorreiter der NDW kann man sicherlich Kraftwerk bezeichnen, da die eben die ersten waren, die Mitte der 70er-Jahre elektronische Klänge mit deutschem Gesang und nachdenklichen Texten gemischt haben. Damals waren sie damit allerdings noch ziemlich allein... also das war keine große Welle, die da über das Land geschwappt wäre. Sondern es war eher so, dass Kraftwerk hauptsächlich im Ausland Beachtung fanden, während dieser elektronische Sound in Deutschland zunächst weitestgehend unbeachtet blieb und daher auch nicht viele Nachahmer fand.

      Ebenfalls zu dieser Zeit entstand auch der Punk, mit seinen einfachen Melodien und der rebellischen Attitüde.
      Vor allem in England begannen dann Ende der 70er viele Bands, die ihre Wurzeln nicht selten in der Punkbewegung hatten, damit, in der Tradition von Kraftwerk mit Synthesizern zu musizieren, und daraus ist dann New Wave entstanden, zu dessen bekanntesten Vertretern unter anderem Depeche Mode, O.M.D., Human League und Ultravox gehören. Das wiederum hat in Deutschland viele junge Leute inspiriert, Anfang der 80er ebenfalls elektronisch angehauchte Popmusik zu machen, allerdings, und das war das besondere, mit deutschsprachigen Texten.

      Dazu muss man wissen, dass deutschsprachige Musik damals als ziemlich verstaubt galt. Das war eben größtenteils so Heile-Welt-Schlager-Scheiße für die Spießer, und vielleicht noch politische Kammermusik für ein paar intellektuelle Alt68er, aber ganz sicher nichts Cooles für die Jugend. Und dann kam eben die Neue Deutsche Welle, mit frechen, kritischen, oft auch ziemlich durchgeknallten Texten.
      Anfangs, 1980 und 1981, fand das noch ziemlich im Untergrund statt, und war ziemlich gesellschaftskritisch, und von der Stimmung her eher depressiv als Gute-Laune-mäßig.



      Und dann kamen eben die Songs, die heutzutage noch jeder kennt, Nena mit 99 Luftballons beispielsweise, Falco, oder "Major Tom" von Peter Schilling. Das war wochenlang auf Platz 1, und die Neue Deutsche Welle war innerhalb kürzester Zeit vom unangepassten Protest gegen die bestehende Musikkultur zum Mainstream geworden.

      Und so schnell, wie der Hype entstanden ist, war er dann auch schon wieder vorbei. 1982 war wohl der kommerzielle Höhepunkt... aber ab Ende 1983 ging alles ganz schnell den Bach runter. Je durchkalkulierter und kommerzieller der NDW-Sound wurde, desto mehr glich er sich auch wieder dem Schlager an... und wenn die NDW-Band K.I.Z. etwa die "Sennerin vom Königsee" besang, war das vielleicht noch bisschen frisch und witzig, aber inhaltlich auch nicht mehr all zu weit von Heino und Co. entfernt.


      Die Jugend verlor das Interesse, widmete sich wieder verstärkt der cooleren, englischsprachigen Musik... und die Mainstream-Medien verloren daraufhin ebenfalls das Interesse, wodurch die noch verbliebenen NDW-Künstler wie etwa Joachim Witt fallengelassen und ausgetauscht wurden gegen den nächsten heißen Trend.

      Generell glaube ich aber nicht, dass das kommerzielle Überangebot den Tod der NDW verursacht hat, sondern die Massenmedien, deren Macht damals noch viel größer war als heute, da es ja nur zwei Sender gab und auch deutlich weniger Radiostationen. Letztlich bestimmten ein paar Schlager-Gurus wie Dieter Thomas Heck darüber, was überhaupt die Chance bekam, in den Charts zu landen... nämlich eben das, was sie in ihren Sendungen wie der ZDF Hitparade den Leuten präsentiert haben. Die haben schon ganz bewusst (oder unbewusst) dafür gesorgt, dass das punkige, anarchistische Potential der NDW schön im Verborgenen blieb, und dass stattdessen sinnbefreite Blödel-Songs wie "Fred vom Jupiter" die Charts dominierten.
      Wenn du damals als Jugendlicher nicht gerade Freunde gehabt hast, die in der Szene waren und sich auskannten, hast du schlicht und ergreifend auch gar nix mitbekommen außer dem, was sie ständig im Radio rauf und runter gespielt haben.
      Wer weiß, wie sich alles entwickelt hätte, wenn die damalige Jugend schon Internet zur Verfügung gehabt hätte, und die damit verbundenen Vernetzungsmöglichkeiten. Vielleicht wäre die Neue Deutsche Welle mehr geworden als nur das kurze Aufflackern von kreativem Potential im Ozean der Mainstream-Langeweile. So bleibt die Neue Deutsche Welle einfach nur eine kurze Epoche, in der Nonkonformität plötzlich ziemlich angesagt war, und die langweiligen Schlager- und Pop-Spießer mal für eine kurze Zeit Sendepause hatten.

      R.I.P.
    • mi san thrope wrote:

      Bei EAV kann man darüber streiten, ob dies NDW ist oder nicht. Aber ich denke schon.
      Würde ich schon auch sagen, ja, auch wenn die zumindest in Deutschland ja erst richtig bekannt geworden sind, als die Neue Deutsche Welle eigentlich schon nicht mehr existierte.
      Als Kind hab ich die total witzig gefunden, und die erste Musikkassette, die ich irgendwann gekauft habe, war von der Ersten Allgemeinen Verunsicherung. Muss irgendwann Ende der 80er gewesen sein.
      Danach hab ich EAV lange nicht mehr gehört, weil es mir doch bisschen zu viel Blödelei war. Aber neulich hab ich gelesen, dass die sich jetzt auflösen wollen und nochmal auf große Abschiedstour gehen, auch in überraschend viele deutsche Städte. Bin am überlegen, da hinzugehen. Auch wenn ich befürchte, dort im Publikum dann unter lauter alten Säcken zu stehen, bzw. zu sitzen. Aber ist vermutlich die letzte Chance, diese Legende zu sehen und Klassiker wie "Der Tod" live zu erleben.
    • Bemerkenswert finde ich vor allem, wie damals scheinbar in jedem zweiten Song Themen angesprochen wurden, die heutzutage in der Popmusik überhaupt keine Rolle mehr spielen.
      Damit meine ich jetzt nicht nur die damals Anfang der 80er allgegenwärtige Angst vor dem Atomkrieg, sondern dass es auch viele Songs über Langeweile gibt, über die Perspektivlosigkeit der Jugend oder über gesellschaftliche Gleichschaltung.
      Höre ich heute moderne deutschsprachige Musik, ist das meistens eher so verkrampft positives Zeug, oder Liebestralala oder halt Lieder darüber, wie cool man ist und was für ein tolles Leben man hat. (Mal abgesehen vielleicht von so Underground-Hiphop oder dergleichen, da gibt es natürlich schon auch noch kritische Texte, aber das ist weit davon entfernt, eine größere Öffentlichkeit zu erreichen)
      Damals schien man zumindest auch mal negativ und depri sein zu dürfen, ohne sich dafür gleich entschuldigen zu müssen.