Da ich schon immer eher visuell orientiert und lesefaul war, hat mich Harry Potter anfangs nicht interessiert. Ich war leicht genervt von dem Hype. In der Schule hatten wir einmal die ersten paar Kapitel des Hörbuches vorgespielt bekommen. Schlecht fand ich das nicht, aber es hatte noch keinen großen Einfluss. Ich bekam eines der Bücher zu Weihnachten geschenkt, und war davon nicht begeistert. Außerdem war es der zweite Band. Zu der Zeit kam auch der erste Film heraus und ich dachte mir, den werde ich gucken, dann kann ich das Buch im Anschluss lesen. Entscheidend war auch, dass es zu dem Film Lego Sets gab, darüber konnte ich einen Bezug aufbauen. Meine Ansicht hat sich daraufhin geändert, ich habe alle Bücher und Filme verschlungen. Es hat gezeigt, dass mir lesen Spaß machen kann. Das liegt daran, dass die Harry Potter Bücher so eingängig und bildhaft geschrieben sind, dass alles ganz automatisch sehr lebendig in meinem Kopfkino Gestalt annimmt. Ich bin ansonsten trotzdem kein Literat geworden.
Unglücklicherweise hat der erste Film meine Vorstellung von der Welt geprägt. Bei den späteren Bänden habe ich immer darauf geachtet, mir erst ein eigenes Bild zu machen und es hinterher mit den Filmbildern zu vergleichen. Die Filme haben von Anfang an versucht, es epischer aussehen zu lassen. Ich erinnere mich, dass ich einige Effekte beeindruckend fand, z.B. das Schachspiel am Ende, oder wie Quirrell zerbröselt, und dann enttäuscht war, dass das im Buch gar nicht so beschrieben war. An anderer Stelle war es mir wiederum zu cool im Film und mir fehlte die Schrulligkeit der Buchvorlage. Z.B. in der Endschlacht erweckt McGonagall die Rüstungen und Möbel zum leben. Da habe ich mir drunter eine skurrile Truppe aus ganz verschiedenen Charakteren vorgestellt, so wie das Schloss ja auch immer beschrieben wurde. Im Film sind es große Statuen, die im Gleichschritt marschieren. Sieht eindrucksvoll aus, passt aber nicht so gut ins Setting.
Was mir ebenfalls auffiel, ist das warme Licht der ersten beiden Filme, das ich nach wie vor am angenehmsten finde. Danach kam die dieser kränkliche Grünstich, der eine Plage in vielen Filmen der 2000er war.
Im Nachhinein muss man natürlich feststellen, so schön es wäre, zaubern zu können, Hogwarts ist eine pädagogische Vollkatastrophe und allgemein ist die Zaubererwelt rückständig, ungerecht und unlogisch. Die Schüler in Häuser zu verteilen fördert Abgrenzung und Konkurrenzdenken. Ein Haus ist bekannt dafür, ständig Verbrecher hervorzubringen, aber niemand ändert was an der Verteilung. Es gibt überhaupt keine Regln, wie Hauspunkte vergeben werden, die Lehrer machen das willkürlich und parteiisch.
Für jeden Pups wird einem mit Rauswurf gedroht. Gibt keine so große Auswahl an Zauberschulen, also bedeutet das, für einen Fehler in der Jugend wird man lebenslänglich aus der Zauberwelt verbannt. Lupin wird als guter Lehrer dargestellt, aber dass die Schüler gegen einen Irrwicht kämpfen müssen und damit vor der ganzen Klasse ihre tiefsten Ängste preisgeben müssen ist doch ziemlich fragwürdig. Beim trimagischen Turnier ist es ein Riesendrama, dass Harrys Name ausgespuckt wird. Wenn die Regeln besagen, dass er in seinem Alter nicht teilnehmen darf, warum lassen die Zauberer sich dann von einem Gegenstand diktieren, dass er es muss? Ist da ein unbrechbarer Schwur eingebaut? Das wäre etwas übertrieben für eine Sportveranstaltung.
Auch Askaban ist barbarisch.
Dann haben wir natürlich so Dinge, die einen riesigen Einfluss auf die Welt hätten, wenn man die weiterspinnt.
Mir fallen spontan 3 Überwachungsmethoden ein:
1) Offenbar wird allen minderjährigen Zauberern automatisch ein Tracker angehängt, mit dem das Ministerium merkt, wenn sie zaubern und gegen den niemand etwas tun kann und. Wie geht das und warum nur bei Minderjährigen? was hindert das Ministerium daran, alle zu überwachen? Wäre sowas nicht auch für andere magische Wesen angebracht, die wesentlich gefährlicher sind, als Kinder?
2) Die Karte des Rumtreibers erfordet weder eine Verwanzung der Personen, noch Sensoren in der Schule. Sie erfasst einfach so jede Person, die dort ein und ausgeht, selbst getarnte Leute. Wenn Schüler so etwas basteln können, was hindert wesentlich erfahrenere Zauberer, eine Weltkarte zur Überwachung zu erstellen?
3) Im letzten Buch können Leute aufgespürt werden, wenn sie "Voldemort" sagen. Wie wärs, wenn man stattdessen ein ganz gewöhnliches Wort präparieren würde z. B. "the". Damit könnte man die gesamte englischsprachige Bevölkerung verfolgen.
Man bedenke auf die Folgen von Vielsafttrank für die Sexindustrie. Und überhaupt, warum werden schwierig zu brauende Tränke nicht industriell hergestellt?
Trotz allem lässt die detailverliebte Ausschmückung die Welt lebendig erscheinen. Ich kann meinen Unglauben suspendieren und mich davon bestens unterhalten lassen.