Beiträge von Schuschinus

    Da ich schon immer eher visuell orientiert und lesefaul war, hat mich Harry Potter anfangs nicht interessiert. Ich war leicht genervt von dem Hype. In der Schule hatten wir einmal die ersten paar Kapitel des Hörbuches vorgespielt bekommen. Schlecht fand ich das nicht, aber es hatte noch keinen großen Einfluss. Ich bekam eines der Bücher zu Weihnachten geschenkt, und war davon nicht begeistert. Außerdem war es der zweite Band. Zu der Zeit kam auch der erste Film heraus und ich dachte mir, den werde ich gucken, dann kann ich das Buch im Anschluss lesen. Entscheidend war auch, dass es zu dem Film Lego Sets gab, darüber konnte ich einen Bezug aufbauen. Meine Ansicht hat sich daraufhin geändert, ich habe alle Bücher und Filme verschlungen. Es hat gezeigt, dass mir lesen Spaß machen kann. Das liegt daran, dass die Harry Potter Bücher so eingängig und bildhaft geschrieben sind, dass alles ganz automatisch sehr lebendig in meinem Kopfkino Gestalt annimmt. Ich bin ansonsten trotzdem kein Literat geworden.

    Unglücklicherweise hat der erste Film meine Vorstellung von der Welt geprägt. Bei den späteren Bänden habe ich immer darauf geachtet, mir erst ein eigenes Bild zu machen und es hinterher mit den Filmbildern zu vergleichen. Die Filme haben von Anfang an versucht, es epischer aussehen zu lassen. Ich erinnere mich, dass ich einige Effekte beeindruckend fand, z.B. das Schachspiel am Ende, oder wie Quirrell zerbröselt, und dann enttäuscht war, dass das im Buch gar nicht so beschrieben war. An anderer Stelle war es mir wiederum zu cool im Film und mir fehlte die Schrulligkeit der Buchvorlage. Z.B. in der Endschlacht erweckt McGonagall die Rüstungen und Möbel zum leben. Da habe ich mir drunter eine skurrile Truppe aus ganz verschiedenen Charakteren vorgestellt, so wie das Schloss ja auch immer beschrieben wurde. Im Film sind es große Statuen, die im Gleichschritt marschieren. Sieht eindrucksvoll aus, passt aber nicht so gut ins Setting.

    Was mir ebenfalls auffiel, ist das warme Licht der ersten beiden Filme, das ich nach wie vor am angenehmsten finde. Danach kam die dieser kränkliche Grünstich, der eine Plage in vielen Filmen der 2000er war.

    Im Nachhinein muss man natürlich feststellen, so schön es wäre, zaubern zu können, Hogwarts ist eine pädagogische Vollkatastrophe und allgemein ist die Zaubererwelt rückständig, ungerecht und unlogisch. Die Schüler in Häuser zu verteilen fördert Abgrenzung und Konkurrenzdenken. Ein Haus ist bekannt dafür, ständig Verbrecher hervorzubringen, aber niemand ändert was an der Verteilung. Es gibt überhaupt keine Regln, wie Hauspunkte vergeben werden, die Lehrer machen das willkürlich und parteiisch.

    Für jeden Pups wird einem mit Rauswurf gedroht. Gibt keine so große Auswahl an Zauberschulen, also bedeutet das, für einen Fehler in der Jugend wird man lebenslänglich aus der Zauberwelt verbannt. Lupin wird als guter Lehrer dargestellt, aber dass die Schüler gegen einen Irrwicht kämpfen müssen und damit vor der ganzen Klasse ihre tiefsten Ängste preisgeben müssen ist doch ziemlich fragwürdig. Beim trimagischen Turnier ist es ein Riesendrama, dass Harrys Name ausgespuckt wird. Wenn die Regeln besagen, dass er in seinem Alter nicht teilnehmen darf, warum lassen die Zauberer sich dann von einem Gegenstand diktieren, dass er es muss? Ist da ein unbrechbarer Schwur eingebaut? Das wäre etwas übertrieben für eine Sportveranstaltung.

    Auch Askaban ist barbarisch.

    Dann haben wir natürlich so Dinge, die einen riesigen Einfluss auf die Welt hätten, wenn man die weiterspinnt.

    Mir fallen spontan 3 Überwachungsmethoden ein:

    1) Offenbar wird allen minderjährigen Zauberern automatisch ein Tracker angehängt, mit dem das Ministerium merkt, wenn sie zaubern und gegen den niemand etwas tun kann und. Wie geht das und warum nur bei Minderjährigen? was hindert das Ministerium daran, alle zu überwachen? Wäre sowas nicht auch für andere magische Wesen angebracht, die wesentlich gefährlicher sind, als Kinder?

    2) Die Karte des Rumtreibers erfordet weder eine Verwanzung der Personen, noch Sensoren in der Schule. Sie erfasst einfach so jede Person, die dort ein und ausgeht, selbst getarnte Leute. Wenn Schüler so etwas basteln können, was hindert wesentlich erfahrenere Zauberer, eine Weltkarte zur Überwachung zu erstellen?

    3) Im letzten Buch können Leute aufgespürt werden, wenn sie "Voldemort" sagen. Wie wärs, wenn man stattdessen ein ganz gewöhnliches Wort präparieren würde z. B. "the". Damit könnte man die gesamte englischsprachige Bevölkerung verfolgen.

    Man bedenke auf die Folgen von Vielsafttrank für die Sexindustrie. Und überhaupt, warum werden schwierig zu brauende Tränke nicht industriell hergestellt?

    Trotz allem lässt die detailverliebte Ausschmückung die Welt lebendig erscheinen. Ich kann meinen Unglauben suspendieren und mich davon bestens unterhalten lassen.

    Habe vor einiger Zeit irgendwelche Schwurbelvideos gesehen, da ging jemand davon aus, dass wenn es unendlich Gelegenheiten gibt, wird alles, was physikalisch möglich ist, irgendwann passieren und daher zwangsläufig ein Gehirn entstehen, das die Erinnerungen an ein früheres Leben hat. Wenn das Universum dafür nicht groß genug ist, dann halt in einem anderen Universum. Ob es sich dabei um eine Kopie ohne Verbindung zum Original handelt, oder eine Seele übertragen wird, ließ er offen, allerdings redete er auch von einem bösen Demiurgen und irgendeiner Lustgöttin, die er anbetet. Der Umstand, dass er die Schlechtigkeit des Universums an sich anprangerte, ließ mich überhaupt erst die Videos gucken. Weil er das Leben als leidvoll betrachtete, war er Antinatalist, aber er war gegen Suizid und Auslöschung der Menschheit zwecks Verhinderung von Leid, weil er davon ausging, dass man ohnehin wiedergeboren werde und das mit hoher Wahrscheinlichkeit in einem schlechteren Zustand als unserer jetzigen Zivilisation.

    Ich konnte nicht umhin, darüber nachzudenken.

    Wenn das Universum unendlich ist, würde man nicht nur einmal wiedergeboren werden, sondern unendlich viele Male. Wenn wir nicht nur von zeitlicher, sondern von räumlicher Unendlichkeit ausgehen, würden sogar in diesem Augenblick unendlich viele Kopien von mir existieren. Ich habe aber keine telepathische Verbindung zu ihnen. Wenn diese Kopien in einem anderen Universum existieren, das unabhängig von unserem Zeitkontinuum ist, kann man überhaupt nicht davon sprechen, ob diese Kopien vor oder nach mir existieren. Da ich davon nichts spüre, kann es mir herzlich egal sein, ob ich wiedergeboren werde. Es wäre sowieso nicht zu verhindern, egal ob ich früher oder später sterbe.

    Ausgehend von zufälliger Entstehung von Bewusstsein müsste man nicht nur 1:1 Kopien berücksichtigen, sondern jede mögliche Konfiguration meines Bewusstseins zu jedem Zeitpunkt meines Lebens sowie jede mögliche teilweise Kopie und Vermischung mit fremden Erinnerungen. Außerdem war der Typ für Transhumanismus, er sah es als erstrebenswert an, das Bewusstsein in einen Computer zu übertragen, um unendliche Freude zu erfahren. Er hat dabei übersehen, dass die Welt schlecht ist, und wenn alles was möglich ist auch passiert, wäre es nicht zu verhindern, dass solche Computer genutzt werden, um Bewusstsein in endlosem Schmerz gefangen zu halten.

    Eine Kopie mit all meinen Erinnerungen wäre davon überzeugt, ich zu sein, auch wenn ich davon nichts mitkriege. Im Grunde unterscheidet sich das nicht von der gewöhnlichen Zeitwahrnehmung. Mein zukünftiges Ich hat all meine Erinnerungen, ich kann jedoch nicht mit ihm kommunizieren. In jedem Augenblick wird mein Geist in eine zukünftigere Version von mir kopiert und mein vergangenes Ich bleibt unerreichbar zurück.

    Nach welchen Kriterien entscheidet sich, wer in welchem Körper zu Bewusstsein kommt? Die Frage, warum bin ich ausgerechnet in diesen Körper geboren worden klingt auf den ersten Blick dumm, weil ich sie genau so gut in jedem anderen Körper hätte stellen können. Es ist Zufall und in irgendeinem Körper endet man halt. Aber die Frage ist eher, wenn alle Gehirne im Prinzip gleich sind, warum sind nicht alle Gehirne jemand anderes. Warum ist genau ein Gehirn anders und nimmt die Welt als "ich" wahr? Wenn mein Bewusstsein tatsächlich keine Substanz an sich hat, sondern einfach nur eine Eigenschaft meines Gehirns ist, und wenn eine genaue Kopie meines Gehirns hergestellt würde, wären dann in dem kurzen Augenblick, bevor sich die Gehirne individuell weiterentwickeln, das Bewusstsein beider Gehirne eins?

    In diesem Zusammenhang müsste man auch den Antinatalismus genauer überdenken. Wenn man glaubt, Reinkarnationen in ein schlechteres Leben verhindern zu können, indem man Menschen daran hindert, aus einem vergleichsweise nicht ganz so üblen Leben auszusteigen, müsste man erst recht viele Kinder in diese nicht ganz so üble Welt setzen, weil sie sonst in einer noch übleren Welt landen. Da klinkt sich jetzt die vorangegangene Frage über die Einzigartgkeit eines Bewusstseins ein. Wenn man nicht in diesen Körper geboren wird, wird man dann automatisch in einem anderen geboren? Wenn es keine Seele gibt, wohl eher nicht, aber die Frage bleibt, was den Unterschied macht, als "ich" oder "nicht ich" in einem Körper zu Bewusstsein zu kommen.


    Eine Bekannte arbeitet in einem Krankenhaus und behauptet, dort würde es spuken. Deshalb wird allerlei abergläubischer Kram praktiziert, der nicht zusammenpasst. In den Zimmern sterbender Patienten wird das Fenster geöffnet, damit die Seele entfleuchen kann. Offenbar sind Seelen zu doof, die Tür zu benutzen oder bis zur nächsten Gelegenheit zu warten, sondern sind auf ewig in dem Raum gefangen, wenn sie nicht sofort da weg kommen. Spiegel werden abgehängt, weil die Seele das mit einem Fenster verwechseln könnte und dann darin gefangen wäre. Also die Seele kann nicht durch das geschlossene Glas eines Fensters hindurch, aber durch das Glas eines Spiegels, aber nur hinein, nicht mehr hinaus. Ein Spiegel ist kein Tor in eine andere Welt, er reflektiert nur Lichtstrahlen. Warum sollte das für Seelen anders sein?

    Die Person hat auch berichtet, zuhause einen Geist gesehen zu haben in einem Raum, in dem eine andere Person gestorben ist. Allerdings lag sie zu dem Zeitpunkt mit Fieber auf dem Sofa. Das schmälert die Glaubwürdigkeit. Sie behauptet außerdem, einmal sei ihr eine Verwandte im Traum erschienen, um sich von ihr zu verabschieden, angeblich genau an deren Sterbezeitpunkt. Die Seelen finden nicht einmal den Weg aus dem Zimmer, fliegen aber noch Umwege zu weit entfernten Orten, um Leuten im Traum zu erscheinen.

    Verzeiht, dass ich mit geringfügiger Verzögerung antworte. Hier ist meine Kritik zu "Der Fremde".

    Ich mag Geschichten, in denen das normale Leben als etwas Seltsames und Fremdartiges betrachtet wird. Ich habe mich als Kind selbst einmal zum Außerirdischen erklärt und diesen Planeten zu einem rückständigen Ort, an dem ich nicht wirklich zuhause bin. Und ich kann diese Entscheidung heute noch vollkommen nachvollziehen. Momentan wieder ganz besonders. Deshalb trifft die Prämisse von "der Fremde" schonmal einen Nerv.

    Obwohl mir visuelle Beschreibungen wichtig sind, finde ich es hier passend, dass das Aussehen des Fremden oder seines Raumschiffes nicht beschrieben wird. Es soll ja nicht die Fremdartigkeit des Fremden betont werden, sondern man soll seine Perspektive einnehmen. Da er seinen persönlichen Eindruck von einer Welt erläutert, die er nicht kennt, sind Unsachlichkeiten diesbezüglich nicht so schlimm, auch wenn ich ähnliche Probleme sehe, wie im ersten Teil des Buches. Trotzdem ist es unterhaltsam. Ich frage mich, wie lange der Fremde sich auf der Erde aufhält. Hat er genug Vorräte dabei? Ist ja nicht so, dass man auf dieser Welt einfach so an lebensnotwendige Dinge kommt. Für alles braucht man Dokumente, Genehmigungen, Ausbildungen.

    Dass er nachts auf dem Hügel ein verständnisvolles Mädchen trifft und keinen besoffenen Penner oder misstrauischen Ordnungshüter, kann auch nur in einer fiktiven Geschichte passieren.

    Interessant sind die Beschreibungen seines Heimatplaneten. Die Individualität, die sich im Aussehen der Leute, ihren Beziehungen und der Gestaltung ihres Lebensraumes ausdrückt finde ich sehr erstrebenswert. Genau so ist das in meiner Idealwelt auch. Was mir auch gefällt, ist die allgemeine Achtung vor den Bedürfnissen der Menschen, dass alle als gleichwertig anerkannt werden, dass auch Kinder ein Mitspracherecht haben, dass auf Rehabilitation statt auf Strafe gesetzt wird. Und dass Bildung und Arbeit locker gehandhabt werden, ohne Konkurrenzkampf, Karrierismus und Bürokratie. Allerdings machst du es dir sehr einfach, der Computer bringt einem schnell mal alle nötigen Fähigkeiten bei, die Kanalisation wird im Vorbeigehen gereinigt...Manche Arbeit ist tatsächlich anstrengend und schmutzig oder erfordert eine lange Ausbildung und viel Erfahrung. Manches ist auch widersprüchlich, z.B. wird aggressives Verhalten geächtet, aber Könige köpfen und Schulen abbrennen ist in Ordnung. Ich glaube in so einer Gesellschaft würden die Leute ihre Wut nicht an Gebäuden auslassen, sondern einfach alle geschlossen nach hause gehen und den Lehrer dumm aus der Wäsche gucken lassen. Aber so eine brennende Schule hat natürlich Symbolkraft und ist eine befriedigende Vorstellung, wenn man in seinem Kämmerlein sitzt und seinen Frust über die Gesellschaft zum Ausdruck bringt. Ich mache das auch ständig.

    Ob es wirklich nichts bringen würde, wenn Außerirdische, die tatsächlich wohlmeinend sind, öffentlich auf der Erde landen, kann man nicht mit Sicherheit sagen. Dafür gibt es ja keine Vergleichswerte. Darüber Spekulationen anzufangen, führt mir jetzt aber zu weit.

    Von all deinen Geschichten ist es diese, in der ich am ehesten leben wollte. In den anderen ist ja immer alles am Arsch und die Protagonisten müssen sich als Untergrundkämpfer durchschlagen. Spannend zu lesen, aber für mich als ausgewachsene Sofakartoffel wäre das nichts.

    2014 habe ich die Unity Philosophie zum ersten Mal gelesen. Damals hat mich das angesprochen. Ich möchte nun noch einmal überprüfen, inwieweit die Unity Philosophie mit meiner eigenen Philosophie übereinstimmt und einem kritischen Blick standhält.

    Eingangszitat

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    Das Zitat, mit dem das Buch beginnt spricht sich radikal gegen Autoritäten aus. Ich teile die Auffassung, dass man jegliche Autorität hinterfragen sollte, denn niemand ist unfehlbar, insbesondere die nicht, die sich dafür halten. Der Begriff wird unterschiedlich genutzt, z. B. kann man einen Wissenschaftler eine Autorität auf seinem Gebiet nennen, aber das bezieht sich auf die Fachkompetenz, nicht auf autoritäre Umgangsformen. Aber das Zitat sagt ausdrücklich "authority of any kind" und nimmt damit jeglichen Interpretationsspielraum. Es gibt immer Leute, die auf einem Gebiet besser sind, und es ist grundsätzlich nicht verwerflich, auf deren Rat zu hören. Das Entscheidende ist, dass etwas nicht deshalb richtig ist, weil es jemand Bestimmtes sagt, sondern weil es sich unabhängig von einer Person logisch begründen lässt. Diese Begründung sollte immer eingefordert werden. Wenn jemand blinden Gehorsam fordert, sollten sämtliche Alarmglocken schrillen. Anstatt Autorität an sich würde ich Autoritarismus als das größte Übel bezeichnen. Und wahrlich, ich verabscheue Autoritarismus jeder Art! Egal ob er von rechts oder links kommt, egal ob er im großen Stil in Staat, Unternehmen oder Religionen vorkommt, oder im kleinen Stil bei Familienstrukturen, Cliquen oder Vereinen.

    PROLOG

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    Folgende Thesen lese ich aus dem Prolog heraus: Krieg ist dumm. Politische Systeme sind vergänglich. Gesellschaftlicher Fortschritt findet statt, folglich war es früher rückschrittlicher. Heute ist es fortschrittlicher, aber noch längst keine Utopie. Autoritarismus und Kollektivismus behindern den Fortschritt und begünstigen Krieg. Diesen Thesen kann ich im Einzelnen zustimmen, aber ich habe Probleme damit, wie sie verquirlt werden.

    Zuerst geht es um das Verbreiten vermeintlich fortschrittlicher Werte mit kriegerischen Mitteln, dann plötzlich auch um Fortschritt im Allgemeinen. Die Existenz des Fortschritts wird zwar leise anerkannt, aber sogleich für unzureichend und oberflächlich erklärt, wenig später wird mit "immer ungerechter werdender sozialer Verhältnisse" sogar der Rückschritt behauptet. Da dies den vorangegangenen Ausführungen über das sinnlose Sterben im Krieg und dem Niedergang von Kulturen gegenübergestellt wird, gewinnt man den Eindruck, jegliche Bemühungen um Fortschritt seien vergeblich und wir hätten immer noch die schlimmsten barbarischen Verhältnisse. Gleichzeitig wird aber auch die Bequemlichkeit, die wir aufgrund des Fortschritts haben, angeprangert und dass die Leute eben nicht für den Fortschritt kämpfen. Für diese Probleme wird die Existenz längst bekannter Ursachen und einer richtigen Vorgehensweise angenommen. Dass das alles so klar ist, wage ich zu bezweifeln.

    Statistisch gesehen geht es uns besser als je zuvor. Aber die Welt ist komplex und es geht nicht jedem Einzelnen linear jeden Tag besser. Der Fortschritt ist ein zäher Prozess voller Rückschläge und Kompromisse und Wohlbefinden lässt sich schwierig objektiv quantifizieren. Dass es das eine perfekte Sytem geben würde, in dem alle glücklich sind, davon bin ich nicht überzeugt.

    KAPITEL 1 - Der Mensch, das Herdentier

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    Es beruhigt mich, dass nun auf die unzulängliche Natur des Menschen eingegangen wird, denn ich glaube, dass die Schlechtigkeit viel zu tief in der Natur verankert ist, als dass man sie durch bloße gesellschaftspolitische Reformen beseitigen könnte. An den Ausführungen, dass Menschen das Bedürfnis nach Zugehörigkeit haben, Gruppen aber auch Regeln und Pflichten mit sich bringen, dass sie charismatischen Führern nachlaufen, aber Leute mit dem besten Auftreten nicht unbedingt die besten Absichten haben, daran habe ich über weite Strecken nicht viel auszusetzen. Dann wird erläutert, dass all unser Verhalten anerzogen werde, und das ausgerechnet am Beispiel der sexuellen Orientierung. Die ist nach meinem Kenntnisstand nicht einfach durch Erziehung umzupolen, allerdings denke ich, bei Vielen ist die angeborene Sexualität weitaus flexibler als ihr verkrampfter Umgang mit dem Thema zulässt.

    Im nächsten Abschnitt wird die Findung des wahren Selbsts behandelt. Wenn wir aber nur das Produkt unserer Umwelt wären, gäbe es gar kein wahres Selbst. Obwohl die Argumentation hier holperig ist, bin ich auch der Meinung, dass es wichtig ist, in sich hineinzuhören. Aber man muss Gefühle und Fakten trennen können. Was man als "wahres Ich" ausgemacht hat, sollte man genau so einer kritischen Analyse unterziehen, wie die äußeren Einflüsse. Unsere Gehirne sind täuschungsanfällig und was man für gut und richtig hält, ist nicht zwangsläufig umsetzbar. Oft stehen Realismus und Idealismus in einem unvereinbaren Widerstreit.

    KAPITEL 2 - Erziehung und Schule

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    Ich halte es für wichtig, den Kindern Freiraum zur eigenen Entfaltung zu geben, ihnen zuzuhören und ihre individuellen Stärken zu fördern. Von der praktischen Umsetzung habe ich null Ahnung. Es gibt so viele Erziehungsratgeber, wie es Kinder gibt und so viele widersprüchliche Anforderungen an das Kindeswohl, dass man es eigentlich nur verkehrt machen kann. Die Psyche findet immer einen Weg, jede gut gemeinte Maßnahme ins Negative zu verdrehen. Aufgrund meiner sozialen Defizite und der allgemeinen Schlechtigkeit der Welt ist es für mich die einzig ethische Entscheidung, mich nicht fortzupflanzen. Ich sträube mich ja selbst gegen das sogenannte Erwachsen werden.

    Deine Reformvorschläge für das verirrte Schulsystem klingen ganz nett. Aber selbst wenn die Schule so wäre, wäre ich dort nicht freiwillig hingegangen. Nicht, weil ich nicht an Bildung interessiert wäre, sondern weil ich ein sozialphobischer Stubenhocker bin, dem fremde Menschen und Situationen ein Graus sind. Ich hatte weitaus größere Probleme damit, Anschluss an Gleichaltrige zu finden, als den Lernstoff zu bewältigen. Trotzdem will ich den Verlust an Lebenszeit durch langweiligen Unterricht nicht kleinreden.

    KAPITEL 3 - Arbeit macht unfrei

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    Das ist mein Popcorn-Kapitel. Der Arbeitskult hat mich schon immer angekotzt und ich genieße es, wie er hier sein Fett weg kriegt. Zwar höre ich immer, dass die heutige Generation mehr Wert auf gute Arbeitsbedingungen lege und Unternehmen aufgrund des Fachkräftemangels etwas mehr Entgegenkommen zeigen müssen, aber ich habe nicht den Eindruck, dass das nennenswerte Effekte hat.

    Da als Beispiel sinnloser Arbeit die Werbeindustrie genannt wird, kann ich dazu erwähnen, dass ich eine schulische Ausbildung zum Kommunikationsdesigner gemacht habe. Ich bin ja recht künstlerisch veranlagt, aber mir war klar, dass es mich nicht befriedigen würde, mich in den Dienst des schäbigen Kommerzes zu stellen. Ich liebe die Kunst ja gerade deshalb, weil sie Realitätsflucht und Selbstverwirklichung ermöglicht.

    KAPITEL 4 - Der Terror der Paragraphen

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    Zu jedem Ungemach, das einem das Leben ohnehin bereitet, wird einem mindestens nochmal so viel Bürokratie aufgebürdet. Der wuchernde Paragraphenwald muss radikal ausgedünnt werden. Aber auch hier gibt es wieder das Problem, dass wir alle genötigt sind, uns eine Welt zu teilen und uns gegenseitig auf den Sack gehen. Selbst wenn wir uns darauf einigen, dass die Freiheit des einen erst dort endet, wo sie die Freiheit des anderen beeinträchtigt, macht die Kausalität es uns schwer.

    Bei der Meinungsfreiheit zeigt sich das Dilemma. Grundsätzlich bin ich für absolute Meinungsfreiheit. Doch wie in Kapitel 1 beschrieben wurde, sind Menschen irrational und manipulierbar. Sie hören eben nicht auf die Stimme der Vernunft, sondern auf den lautesten Marktschreier und Demagogen. Und die, die am am lautesten nach Meinungsfreiheit schreien, sind oft die, die am wenigsten Toleranz für andere Meinungen haben. Die wollen nur ungehindert ihre Hetze verbreiten, und wenn sie erstmal an Einfluss gewinnen, ist es ganz schnell vorbei mit der Meinungsfreiheit. Schädliche Meinungen zu unterdrücken wäre natürlich nur Symptombekämpfung, aber wenn Worte zu Taten werden, muss man irgendwie eingreifen. Wo genau ist die Grenze, und wie geht man mit Leuten um, die für Argumente längst nicht mehr empfänglich sind?

    Das Kapitel geht noch sehr lang und ist unstrukturiert. Begraben unter vielen Negativbeispielen beschreibst du, was im Grunde Politik ist. Nämlich, dass alle Leute ihre eigenen Moralvorstellungen haben, dass die gewählten Volksvertreter Kompromisse aushandeln und sich dann alle daran halten müssen. Kompromissfähigkeit gilt als eine wesentliche Voraussetzung, damit Gesellschaften überhaupt funktionieren können. Ich wünsche mir eine Welt voller reifer, weiser, toleranter Menschen, die ihre Streitigkeiten selbständig und auf zivilisierte Weise beilegen können. Aber ich habe keine Hoffnung und bevorzuge meine Phantasiewelt, in der ich gar keine Kompromisse machen brauche.

    KAPITEL 5 - Heiliger Schein

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    Ich bin in einer säkularen Umgebung aufgewachsen, bin zeitlebens Atheist und hatte nie persönlich unter Religion zu leiden. Gemessen an diesem Umstand, beschäftigt mich das Thema übermäßig stark. Einerseits ist es für mich ein müßiger Zeitvertreib. Um mein Seelenheil brauche ich mir keine Sorgen zu machen und über Fantasygeschichten zu sinnieren macht viel mehr Spaß, als sich um lästige reale Probleme zu kümmern. Andererseits geht von gläubigen Menschen eine reale Bedrohung aus. All die Zwietracht, die Religion stiftet, erscheint mir besonders sinnlos und abscheulich, weil sie nur auf Märchen beruht. Und genau dieses Verhalten ist aus psychologischer und soziologischer Sicht wiederum faszinierend und zusammen mit der Ästhetik religiöser Architektur und Rituale inspiriert es mich für mein künstlerisches Schaffen. Anders als bei Politik oder Wirtschaft muss ich meiner Kritik auch keine Alternative nachreichen. Religion kann ersatzlos abgeschafft werden.

    Deine Ausführungen über die Irrtümer organisierter Religion kann ich so unterschreiben, aber zu deinen Vorschlägen habe ich Anmerkungen. Wer mittels Drogen, Meditation oder körperlicher Extremersituationen vermeintlich übersinnliche Erfahrungen hervorrufen möchte, hat mein Wohlwollen. Jedoch deutet meines Wissens alles darauf hin, dass das nichts weiter als Halluzinationen sind. Solchen Erfahrungen nicht mit der nötigen Aufgeklärtheit zu begegnen, birgt die Gefahr, Wahnvorstellungen zu verfallen und Dummheiten zu begehen.

    Die Idee, Andersdenkenden ihr eigenes Land zu geben ist insofern schwierig, da sämtliches Land schon irgendjemandem gehört. Sich auf solche Experimente einzulassen setzt voraus, dass man bereits jene Offenheit besitzt, die damit erst geschaffen werden soll.

    Zwar ist ein allmählicher Trend weg von Religion zu erkennen, aber es gibt genug Krisen, um diese posive Entwicklung zu stören.

    KAPITEL 6 - Die Lüge vom Vaterland

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    Bei allen Mängeln steht Deutschland im internationalen Vergleich immer noch relativ gut da. Ich bin erleichtert, nicht unter so einem beschissenen Drecksregime wie z.B. in China leben zu müssen. Man muss dabei auch ehrlich sein, dass ich mit sogenannten "westlichen Werten" sozialisiert wurde. Freiheit, Individualismus und Menschenrechte hat sich der Westen ja auf die Fahnen geschrieben, aber er wird seinen eigenen Ansprüchen nicht gerecht. Ob das nun den menschlichen Urbedürfnissen entspricht, oder anerzogen ist, sei mal dahingestellt. Jedenfalls halte ich es so, dass es grundlegend falsch ist, irgendeinem Land, einer Person oder sonst einer Organisation die Treue zu halten, wenn sie diese Werte mit Füßen treten. Viel mehr sollte man seinen Werten die Treue halten, notfalls gegen den Rest der Welt. Das ist aber auch wieder eine gefährliche Aussage, denn man kann ja auch die falschen Werte haben und ein sturer Fanatiker werden. Natürlich sollte man sich stetig selbst hinterfragen und offen für neue Erkenntnisse bleiben.

    Ich würde es begrüßen, wenn die Länder, die dem Westen immer Dekadenz und Imperialismus vorwerfen, mal eine lebenswerte Alternative abliefern würden. Aber das sind selber nur vollgefressene, machtgeile Despoten, die auf Unterdrückung und Hirnwäsche zurückgreifen müssen, damit ihnen die Leute nicht scharenweise davonlaufen.

    Ich denke, deine Vorstellung von den Sippen in grauer Vorzeit ist etwas zu idyllisch. Vielleicht waren sie zufriedener, weil ihr Leben dem entsprach, worauf uns die Evolution hingezüchtet hat, aber gerade weil die Gruppen so klein waren und sie ständig mit den Gefahren der Wildnis konfrontiert waren, musste sich jedes Mitglied einfügen und funktionieren. Naturvölker haben ja oft gar kein Konzept von Individualismus oder Privatsphäre. Dass in der heutigen Zeit der Einzelne nicht mehr so viel zählt, bedeutet auch, dass viele untüchtige Leute mitgeschleift werden, die früher gnadenlos verreckt wären. In der Anonymität kann man sich viel mehr erlauben, ohne dass es jemanden stört. In Großstädten ist es einfacher, individuell zu sein, als auf dem Dorf.

    Außerdem tust du ständig gesellschaftliche Fortschritte als oberflächlich und heuchlerisch ab. Ich finde es zwar richtig, trotz erkennbarer Fortschritte kritisch zu bleiben. Schlimm ist, wenn Leute die mieserablen Zustände in anderen Zeiten oder anderen Teilen der Welt als Totschlagargument gegen Verbesserungsvorschläge benutzen: "Anderen geht es viel schlechter, sei gefälligst zufrieden!" Aber genauso blöd ist es, die miserablen Zustände mit den etwas besseren Zuständen gleichzusetzen und alles zu verwerfen, was nicht perfekter Utopie entspricht. Ja, wir haben immer noch gewaltige Probleme, aber die Ausgangslage für weitere Verbesserung ist wesentlich besser, als in einer ausgewachsenen Diktatur. Man kann dem entgegnen, dass unsere Lebensweise zu bequem und festgefahren sei, man brauche erst einen großen Knall, damit sich was ändert.

    Du behauptest, die Fokussierung der Politik auf globale, wirtschaftliche Interessen gehe an der Lebensrealität der normalen Bürger vorbei und würde sie in die Arme rechter, nationalistischer Parteien treiben. Aber deine Gegenvorschläge würden das gleiche bewirken. Deutschland ist eine Industrie und Handelsnation, fest eigebettet in eine vom Kapitalismus dominierte Welt. Wenn wir die Gesetze so ändern, dass jede Investition am Einspruch der Bürger scheitert, wird sich das nicht über Nacht in ein Land voller genügsamer Selbstversorger verwandeln, das isoliert vom Rest der Welt einfach sein eigenes Ding machen kann. Es wird in massive Armut und Unzufriedenheit stürzen und unzufriedene Bürger sind anfällig für schwachsinnige Ideen. Sie laufen den Heilsversprechen autoritärer Politiker hinterher oder verscherbeln Haus und Hof an ausländische Investoren, die uns dann so ausbeuten würden, wie wir heute die Entwicklungsländer ausbeuten. Damit will ich nicht das groteske Wirtschaftssystem in Schutz nehmen, sondern die Natur der Dinge anklagen, die einem immer einen Strich durch die Rechnung macht.

    KAPITEL 7 - Abstand zum Wahnsinn

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    Deine Art, Missstände zu beschreiben ist unterhaltsam und ich stimme zum Großteil immer noch damit überein, WAS du anprangerst. Aber sobald es um das WIE und WARUM geht, wird es der Komplexität der Welt nicht gerecht. Gelehrte und Philosophen arbeiten sich seit Jahrhunderten daran ab, ich selbst halte mich inzwischen lieber damit zurück, realistisch gemeinte Weltverbesserungsvorschläge zu machen. Die menschliche Psyche ist ein fragiles, chaotisches, planlos von der Evolution zusammengestümpertes Provisorium mit dem Zweck, nur irgendwie überlebensfähig zu sein. Dass wir überhaupt über verfeinerte Kulturfragen nachdenken können, ist ein zufälliger Nebeneffekt. Unser Gehirn ist weder darauf ausgerichtet, objektive Wahrheit oder stabiles Lebensglück zu erlangen, noch mit riesigen Gesellschaften und globalen Vorgängen adäquat umzugehen. Auf seine Gefühle kann man sich sowieso nicht verlassen. In sich zu gehen und sein Leben zu hinterfragen kann man machen, aber sich einfach in seine Gedanken einzukapseln bringt wohl kaum neue Erkenntnisse.

    Ich nehme mal an, du hast das so gemacht, weil es ohnehin in deiner Persönlichkeit liegt und hast dadurch keine radikale Änderung der Lebenseinstellung erfahren, sondern deine eigene Meinung bestätigt und vertieft. Und von anderen erwartest du, dass sie das genauso machen, aber entgegen ihrer eigenen Weltsicht und zu ähnlichen Schlüssen kommen wie du. Abstand kann man auch ganz anders interpretieren, nämlich dass man eine Weltreise macht und mal ganz unvoreingenommen mit völlig anderen Menschen zusammenlebt. Das bringt gewiss mehr neue Erfahrungen und Toleranz. Kann ich aber nicht aus eigener Erfahrung bestätigen, ich bin auch eher der Kapseltyp.

    KAPITEL 8 - Das Kind in uns

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    Das Thema ist mir sehr wichtig. Ich habe mein inneres Kind nie losgelassen. Ich lebe für Träume, Spiel und Phantasie. Den Ernst des Lebens finde ich abstoßend. Mit Befremden schaue ich auf spießige Erwachsene, die sich so sehr mit dem Ernst identifizieren, dass sie ihm alles unterordnen und jedes Hinterfragen als persönliche Kränkung auffassen. Zwar habe ich im Laufe der Zeit ein besseres Verständnis dafür entwickelt, warum die Dinge sind, wie sie sind und warum sie sich nicht so einfach ändern lassen, doch würde es mir im Traum nicht einfallen, fremdbestimmte Zwänge zu meiner eigenen Meinung zu machen.

    Wenn ich das Resultat meiner Lebenseinstellung mit deinem Text vergleiche, haut das aber nicht so ganz hin. Ich bin nämlich auch introvertiert und pessimistisch, offen auf Andere zugehen ist nicht so meins. Die Erfahrung, dass man mit zu viel Offenheit aneckt und sich angreifbar macht, habe ich auch gemacht, aber ich bin deshalb nicht zu einem konformistischen Zombie geworden, sondern habe mich in meinen Elfenbeiturm zurückgezogen. Von da aus kann ich weder etwas an meinem Leben, noch an der Gesellschaft ändern.

    KAPITEL 9 - Liebe und Konvention

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    Liebesglück zu finden ist für mich ungefähr so wahrscheinlich, wie der erste Mensch auf dem Mars zu sein. Zwar bin ich einsam, aber auch ein überzeugter Eigenbrötler. Wenn ich mir den ganzen Beziehungsstress von anderen Leuten angucke, bin ich froh, solche Sorgen nicht zu haben. Von daher kann ich deine Kritik an den ganzen Paarungsritualen und der darauffolgenden Ernüchterung nachvollziehen. Aber erzähl mir nicht, Partnerschaften wären früher tiefer gewesen. Von Natur aus ging es dabei immer nur darum, Nachwuchs zu produzieren und im größten Teil menschlicher Zivilisation waren es arrangierte Zweckehen, an viele gesellschaftliche Erwartungen geknüpft. Die Idee der romantischen Liebe wie sie heute üblich ist, ist ja angeblich eine ziemlich junge Erfindung. Das Gefühl der Liebe wird es sicher schon immer gegeben haben und auch den ein oder anderen Ausnahmefall einer besonders passenden Beziehung, aber ich glaube nicht an eine naturgewollte oder gar übernatürliche Perfektion der Liebe.

    Ich habe durchaus eine romantische Ader, tief vergraben unter der Verbitterung über die enttäuschende Realität, aber in den Medien finde ich so gut wie nie eine ansprechende Darstellung von Liebesbeziehungen. Dort ist ja momentan woke und divers im Trend, was aber auf so plumpe Weise umgesetzt wird und auf seine eigene Art genauso prüde und bevormundend ist, wie die Konservativen, die zwar in einigen Punkten zurecht die übertriebene politische Korrektheit kritisieren, aber nach wie vor aus falschen Beweggründen. Beide Seiten haben das Thema verfehlt. Ich möchte maximal tolerant sein, was Liebe, Sex und Geschlechterrollen angeht. Ich bin da kein großer Aktivist, ich sehe einfach keinen Grund, mich in das Privatleben anderer Leute einzumischen.

    KAPITEL 10 - Verweichlichung

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    Mit diesem Kapitel habe ich arge Probleme. Angefangen bei den Arschlöchern auf dem Schulhof, die einen mobben, wenn man nicht cool und machohaft ist, über die alten Säcke, die einem was vom Ernst des Lebens erzählen und dass man gefälligst erwachsen werden soll, bis zu den Psychologen und Motivationsgurus, die Resilienz anpreisen, damit man all die Schicksalsschläge ertragen kann, ist hart zu sein doch genau das, was die böse Welt von einem verlangt. Ich spucke auf alles, was die Welt verlangt, ich will verdammt nochmal so verweichlicht sein, wie ich es für richtig halte. Ich sehne mich doch nicht nach einer besseren Welt, um in ihr abgestumpft und kampfbereit sein zu müssen.

    Es stimmt natürlich, dass wir heute so entfremdet von der Natur leben, dass wir ganz natürliche Vorgänge gar nicht mehr aushalten können. Aber was ist das für eine perverse Natur, in der Gewalt, Krankheit, Tod, und Naturkatastrophen als normal gelten? Wie ich bereits zu Kapitel 2 angemerkt habe, ist es moralisch verwerflich, Kinder in diese Welt zu setzen.

    Ich bin absolut gegen Zensur, Tabuisierung und Verbotskultur. Ich finde kranke Scheiße faszinierend, sofern ich nicht darunter leiden muss. Die bloße gedankliche Beschäftigung mit abgründigen Themen und der Konsum entsprechender Medien bereitet einen aber genausowenig auf echte Grenzerfahrungen vor, wie es Amokläufe verursacht. Ich bin Pessimist und verstehe mich sehr gut auf düstere Gedanken. Ich habe auch schwarzen Humor und allerlei perverse Fantasien. Und ich kann bestätigen, dass nichts davon mich abgehärtet hat.

    Du schimpfst undifferenziert über die Schulmedizin, als würden die unwürdigen Zustände in Krankenhäusern und Pflegeheimen die enormen Fortschritte der modernen Medizin schmälern. Das sind zwei verschiedene Dinge. Selbstverständlich sollte die Medizin ganzheitlicher, humaner und nicht profitgetrieben sein. Aber weil das Drumherum nicht stimmt, müssen wir nicht im Kern wissenschaftlich fundierte Heilmethoden schmähen oder gar auf alternative Quacksalberei hereinfallen.

    Zuerst meckerst du, dass Menschen in Altenheime abgeschoben werden, damit sich niemand von ihrem Siechtum belästigt fühlt, wenig später lobst du die Indianer dafür, dass sie sich aus ebendiesem Grund freiwillig zum Sterben in die Wildnis begeben.

    Die Wikinger mögen ja stolz gewesen sein, aber sie waren auch gefangen in den religiösen und gesellschaftlichen Ansichten ihrer Kultur. Wie wird es wohl einem Wikinger ergangen sein, wenn er seinen Artgenossen gesagt hätte, dass er keinen Bock aufs Kämpfen hat?

    Du lästerst, dass heute alle immer gleich traumatisiert sind und psychologische Hilfe benötigen. Aber wer sagt, dass die Leute früher nicht traumatisiert waren? Sie hatten halt keine andere Wahl, als selber damit fertig zu werden, und dementsprechend waren sie auch verroht und verrückt.

    Dann betreibst du wieder Täter-Opfer-Umkehr bei Vergewaltigungen und eine unseriöse Vereinfachung des Themas. Mehr Wehrsamkeit ist zwar nicht verkehrt, aber mehr Empathie auf der anderen Seite wäre auch angebracht. Aber das ganze Thema Sexualität scheint mir von Natur aus so kaputt und fehleranfällig zu sein, dass ich bezweifle, ob es jemals in den Griff zu bekommen ist.

    Und nein, mehr und leichter verfügbare Waffen machen die Welt nicht zu einem besseren Ort, denn nicht nur die rechtschaffenen Leute haben dann mehr, sondern die Verbrecher ebenfalls. Das Mehr an Wehrsamkeit bei den Guten würden die Bösen mit einem Mehr an Brutalität und Skupellosigkeit ausgleichen. Das Machtgefälle würde bleiben, aber die Gewalt würde eskalieren. Irgendwann haben die Rechtschaffenen die Schnauze voll und organisieren sich, um der Lage Herr zu werden und schon entsteht wieder eine Art Polizei oder Militär.

    Immerhin gibst du zu, dass du keine martialische Kriegergesellschaft willst. Ja, wären die Menschen nur reif genug, könnten sie in Frieden leben. Wären sie unbeugsam, würden sie sich nicht unterdrücken lassen. Hätte der Hund nicht geschissen, hätte er den Hasen gekriegt. Es ist fraglich, ob es überhaupt möglich ist, gleichzeitig steigende Lebensqualität und nicht abnehmende Widerstandskraft zu haben. Was das Hirn nicht benutzt, wird immer sofort abgebaut.

    KAPITEL 11 - Was zu tun ist

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    Auch hier habe ich keine allzu großen Einwände bei deinen anfänglichen Ausführungen über Machtwechsel. Wenn man einen ungeliebten Herrscher beseitigt, sind damit keineswegs die Herausforderungen des gesellschaftlichen Zusammenlebens beseitigt. Und dabei greift man immer wieder auf einige grundlegende Konzepte zurück. Dass hierarchische Systeme so weit verbreitet sind, spricht allerdings eher für, als gegen ein natürliches Phänomen. Logischerweise sind Systeme besonders durchsetzungsfähig, wenn sie Mechanismen nutzen, um ihre eigenen Ideen in vielen Köpfen festzusetzen und fremde Ideen zu unterdrücken, und wenn sie es schaffen, viele Menschen unter einem kollektiven Ziel zu vereinen, um kleinere Kollektive und Individuen zu übermannen. Feste Strukturen bedeuten Abstriche bei der Freiheit, aber mehr Bequemlichkeit. Das ist weniger energieaufändig, als wenn jeder für sich kämpft. Den Drang nach Freiheit kann man auch eine natürliche Kraft nennen, aber das ist nur eine von Vielen und offenbar nicht immer die Dominierende.

    Du sagst, in der Natur könne man das Alphatier jederzeit herausfordern. Wirklich? Welche Chance hat jemand, der Weisheit besitzt, aber nicht die körperliche Stärke, um einen Macho zu besiegen, der nur körperliche Herausforderungen akzeptiert? Er müsste die Mehrheit gegen das Alphatier mobilisieren mit Überzeugungskraft, also Propaganda. Tiere sind in keiner Weise edler als Menschen. Ich bin der festen Überzeugung, wenn sie die gleichen geistigen Fähigkeiten wie Menschen hätten, würden sie auch die gleichen Probleme haben.

    Diese Aussage finde ich schön:

    Zitat
    "nicht sie sind in der Pflicht, dem System zu beweisen, wie fleißig sie sind und wie tadellos sie funktionieren können, sondern umgekehrt. Das System hat der Bevölkerung jederzeit bedingungslos unter Beweis zu stellen, dass es etwas taugt... bezieht es doch im Grunde seine gesamte Existenzberechtigung ausschließlich aus der Behauptung, dass die Menschen mit ihm besser dran seien als ohne."

    Nur gibst du in dem Kapitel namens "Was zu tun ist", keine zufriedenstellende Antwort darauf, was zu tun ist. Um das System zu ändern, müssten sich genug Leute ändern, aber damit sich genug Leute ändern, müsste sich das System ändern. Es dürfe keinen Zwang geben, aber ohne Zwang ändert sich auch nichts. Man bräuchte Jahrhunderte, damit sich das langsam entwickelt, aber wir hätten keine Jahrhunderte mehr. Das dreht sich im Kreis und am Ende vertröstest du dich damit, dass das Buch ohnehin seiner Zeit voraus sei.

    DER FREMDE

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    Vielleicht ein andermal. Ich möchte mich erstmal auf den mehr oder weniger sachlichen Teil beschränken. Nur soviel: Die Gesellschaft auf dem Heimatplaneten des Fremden ist finde ich ansprechend. Sie weist viele Parallelen zu dem auf, was ich mir unter einer idealen Gesellschaft vorstelle.

    FAZIT

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    Meine Weltanschauung hat sich nicht umgekrämpelt und ich kann mich immer noch in den meisten grundsätzlichen Kritikpunkten und Wunschvorstellungen in diesem Buch wiederfinden. Was die Problemanalyse angeht, ist es viel zu vereinfacht und unwissenschaftlich. Konkrete Handlungsvorschläge werden mit rhetorischen Tricks unpräzise gehalten. Ich werfe dir keine bewusste Täuschung vor und ich will mich nicht aufspielen, als wüsste ich alles besser. Wann immer ich etwas über die Menschen und die Welt lerne, stelle ich fest, wie absurd und kontraintuitiv alles ist und wie oft es dem entgegensteht, was ich für gut erachte. Die Realität macht es uns in jeder Hinsicht schwer. Deshalb fokussiert sich meine Philosophie auch nicht nur auf die Gesellschaft, sondern klagt direkt die Realität an.

    Diese penetranten Anmerkungskästen gehen mir auf den Sack. Unten links ist ein Kasten über die Überarbeitung der AGB, der die halbe Zeitleiste überdeckt. Neben dem abonnieren-Knopf steht dauernd irgendwas mit Membership, und oben rechts ist ein Kasten, der mir sagt, dass ich mich gefällist einloggen soll, und der praktischerweise den Autoplayknopf überdeckt, den ich selbstverständlich immer ausschalte, weil ich immer noch selbst entscheide, welches Video ich als nächstes sehen will. Und weil ich regelmäßig Cookies lösche, erscheint der Mist immer wieder.

    Aus Interesse, was ich früher so für einen Unsinn verzapft habe, habe ich mal bei meiner alten Schule angefragt, ob sie mir meine Klausurhefte aushändigen können, bevor sie die wegschmeißen, weil die 10-Jahresfrist der Einlagerung dieses Jahr endet.

    Antwort:

    Zitat

    gemäß § 10 Absatz 1 Nr. 3 SchulDatenschutzVO vom 18.Juni 2018 haben Schulen personenbezogene Daten nach Ablauf der Frist zu löschen. Daher ist es nicht möglich, Ihnen Klausuren auszuhändigen.


    Das war ja zu erwarten. Warum sollte man auch das Zugriffsrecht auf seine eigenen Daten haben, das wäre ja naheliegend, logisch nachvollziehbar und eine menschenrechtliche Selbstverständlichkeit. Sowas geht ja gegen die heiligen Prinzipien der Bürokratie. :dash:

    Kleinigkeit, die mich aufregt:

    Ich hatte vor einiger Zeit die fucqks-Videos auf "nicht gelistet" gestellt, damit sie nicht von neuen Videos, mit denen ich mir mehr Mühe gegeben habe ablenken. Nun habe ich sie wieder auf "öffentlich" gestellt, aber anstatt, dass sie dort erscheinen, wo sie vorher waren, werden sie wie neue Videos behandelt und oben draufgepackt. Das bringt erstens die Chronologie durcheinander und zweitens lenkt es wieder die Aufmerksamkeit darauf.