Ein weiteres, bestürzendes Thema in unserer Gesellschaft, das sich nicht kleinreden lässt und in welcher Regierung, Schulen und Großkonzerne wieder mal die Strippen ziehen, anstatt Anreize zu setzen und die Rahmenbedingungen zu schaffen, um das primitive Volk zu unterstützen.
Die Entwicklung ist ziemlich eindeutig: Ein wachsender Teil der Bevölkerung (ein Viertel der Kinder und knapp ein Viertel der Erwachsenen) können Texte technisch noch lesen, aber nicht mehr zuverlässig verstehen. Gemeint ist nicht Analphabetismus, sondern fehlendes sinnentnehmendes Lesen, sprich Informationsverknüpfung, Schlüsse ziehen und Widersprüche erkennen. Wer überwiegend fragmentierte Inhalte konsumiert, trainiert insbesondere schnelle Mustererkennung, aber kaum tiefe Verarbeitung – und die Folgen sind wie immer eine niedrigere Aufmerksamkeitsspanne, schwächere Fähigkeit, längeren Argumentationen zu folgen und eine insgesamt reduzierte Präzision im Denken.
Fähigkeiten, die nicht regelmäßig gebraucht werden, bauen ab. Frage der Nutzung, und in diesem Fall des passiven Konsums. Gut finde ich an dem Video den geknüpften Zusammenhang zu den gesellschaftlichen Folgen in den Bereichen, wo diese Kompetenzen vorausgesetzt sind. Wenn ein relevanter Anteil von Menschen Texte nicht mehr als zusammenhängende Argumente verarbeitet, sondern nur noch ausschnittsweise, werden politische Inhalte nun mal über Schlagwörter statt über Argumente bewertet, komplexe Themen systematisch vereinfacht oder missverstanden, und Desinformation wegen fehlender Einordnung leichter verbreitet. Alleine das ist mal wieder Grund, wieso es uns kümmern sollte. Es ist allgegenwärtig und sichtbar, wie sich das Niveau öffentlicher Diskussionen über die Jahre verschoben hat, wie sich die durchschnittliche Verarbeitungstiefe verändert hat, während die Menge verfügbarer Informationen größer ist als je zuvor. Wie ist das möglich?
Mehr Input bei geringerer Fähigkeit zur Einordnung führt nicht zu mehr Wissen, sondern zu mehr Unsicherheit und stärkeren Vereinfachungen. Dass sich das im Bildungssystem zuerst zeigt, ist natürlich erwartbar. Das hat es jedoch bereits vor Jahrzehnten. Dass es bei den Erwachsenen ebenso sichtbar wird, ist hier aus meiner Sicht der eigentliche Befund – und selbstverständlich auch die einzige und logische Konsequenz.