Eine Gesellschaft, die nicht mehr liest, was sie denkt

Es gibt 1 Antwort in diesem Thema, welches 488 mal aufgerufen wurde. Der letzte Beitrag (13. April 2026 um 12:17) ist von Dian.

  • Ein weiteres, bestürzendes Thema in unserer Gesellschaft, das sich nicht kleinreden lässt und in welcher Regierung, Schulen und Großkonzerne wieder mal die Strippen ziehen, anstatt Anreize zu setzen und die Rahmenbedingungen zu schaffen, um das primitive Volk zu unterstützen.

    Die Entwicklung ist ziemlich eindeutig: Ein wachsender Teil der Bevölkerung (ein Viertel der Kinder und knapp ein Viertel der Erwachsenen) können Texte technisch noch lesen, aber nicht mehr zuverlässig verstehen. Gemeint ist nicht Analphabetismus, sondern fehlendes sinnentnehmendes Lesen, sprich Informationsverknüpfung, Schlüsse ziehen und Widersprüche erkennen. Wer überwiegend fragmentierte Inhalte konsumiert, trainiert insbesondere schnelle Mustererkennung, aber kaum tiefe Verarbeitung – und die Folgen sind wie immer eine niedrigere Aufmerksamkeitsspanne, schwächere Fähigkeit, längeren Argumentationen zu folgen und eine insgesamt reduzierte Präzision im Denken.

    Fähigkeiten, die nicht regelmäßig gebraucht werden, bauen ab. Frage der Nutzung, und in diesem Fall des passiven Konsums. Gut finde ich an dem Video den geknüpften Zusammenhang zu den gesellschaftlichen Folgen in den Bereichen, wo diese Kompetenzen vorausgesetzt sind. Wenn ein relevanter Anteil von Menschen Texte nicht mehr als zusammenhängende Argumente verarbeitet, sondern nur noch ausschnittsweise, werden politische Inhalte nun mal über Schlagwörter statt über Argumente bewertet, komplexe Themen systematisch vereinfacht oder missverstanden, und Desinformation wegen fehlender Einordnung leichter verbreitet. Alleine das ist mal wieder Grund, wieso es uns kümmern sollte. Es ist allgegenwärtig und sichtbar, wie sich das Niveau öffentlicher Diskussionen über die Jahre verschoben hat, wie sich die durchschnittliche Verarbeitungstiefe verändert hat, während die Menge verfügbarer Informationen größer ist als je zuvor. Wie ist das möglich?

    Mehr Input bei geringerer Fähigkeit zur Einordnung führt nicht zu mehr Wissen, sondern zu mehr Unsicherheit und stärkeren Vereinfachungen. Dass sich das im Bildungssystem zuerst zeigt, ist natürlich erwartbar. Das hat es jedoch bereits vor Jahrzehnten. Dass es bei den Erwachsenen ebenso sichtbar wird, ist hier aus meiner Sicht der eigentliche Befund – und selbstverständlich auch die einzige und logische Konsequenz.

    μολὼν λαβέ.

  • Wobei es in der Unterschicht vermutlich schon immer so war, dass es in der elterlichen Wohnung kein Bücherregal gab und den Kindern nur selten mal was vorgelesen wurde. Das ist nun eigentlich kein neues Phänomen, das gab es auch schon zu meiner Schulzeit zu genüge. Aber das Phänomen war eben weitestgehend auf das proletarische Milieu beschränkt, während es heutzutage ja auch vermehrt Kinder aus besserverdienenden Elternhäusern zu betreffen scheint. Zu meiner Zeit wäre es jedenfalls schwer vorstellbar gewesen, dass ein Kind im Gymnasium immer noch nicht vernünftig lesen kann... denn die Kinder, die damit Schwierigkeiten hatten, wurden damals schon frühzeitig ausgesiebt und in die Haupt- oder Förderschule gesteckt.

    Ich sehe es natürlich auch wie die Erstellerin des Videos, dass die Problematik des Nicht-Lesen-Könnens über die individuellen beruflichen Nachteile, die man dadurch später eventuell bekommt, weit hinaus geht, und dass es ein gesamtgesellschaftliches Problem ist, wenn immer mehr Menschen nicht mehr in der Lage dazu sind, ausführlichere Informationen und längere Texte in sich aufzunehmen. Natürlich hilft das in erster Linie den Populisten und irgendwelchen Verblödungs-Medien. (Und selbst die BILD-Zeitung wird vermutlich bald als Sprachrohr für konservative Intellektuelle gelten, weil den Nicht-Intellektuellen schon eine solche Zeitung zu viel Text wäre.)

    Aber genau, wie die Auswirkungen weite Kreise ziehen und nicht nur auf eine simple Problematik beschränkt sind, sind auch die Ursachen dieser Entwicklung sehr vielseitig, und gehen über das, was man in der Schule lernt, weit hinaus. Die junge Generation bräuchte meines Erachtens vor allem mehr Meditations- und Achtsamkeits-Training und solche Dinge, um erst mal überhaupt zu lernen, im Hier und Jetzt zu sein, nicht tausend Dinge gleichzeitig zu tun, und nicht immer so zappelig und hyperaktiv zu sein. Wenn ich nicht fünf Minuten mal einfach nur dasitzen und mich mit meinen Gedanken beschäftigen kann, ohne mein Smartphone rauszuholen und zu schauen, ob ich neue Nachrichten haben, kann ich auch kein Buch lesen, selbst wenn die Bücherregale meiner Eltern oder in der Schule voll sein sollten damit. Im Grunde müsste man eine ganze Generation in Therapie schicken und Fächer wie "Wolken beobachten und dabei eine Stunde lang schweigen" auf den Stundenplan setzen.