Anarchistische Antifakritik

Es gibt 80 Antworten in diesem Thema, welches 23.930 mal aufgerufen wurde. Der letzte Beitrag (28. Mai 2022 um 04:45) ist von SeeBee.

  • Nein, ich habe nur ein Beispiel genannt, wie eine linke Position aussehen würde bzw. sollte. Dass linke Parteien und Bewegungen gegenwärtig scheitern, ist ein anderes Thema. Da kannst du mir glauben, dass ich hier gar nix idealisiere, ganz im Gegenteil. (Ich denke allerdings auch, dass wir hier im Forum zum Thema 'wieso scheitert die Linke' schon eine Menge Beiträge haben.) Umso schlimmer angesichts der Bedrohung durch Faschismus, Nationalismus und der Notwendigkeit, Alternativen zum kapitalistischen Normalbetrieb entwerfen zu müssen.

    Why do we fall?

  • Lonewolf, Du machst Dir was vor. Die Linken sind nicht antikapitalistisch. Die Corona-Maßnahmen sind sogar das beste Beispiel. Schwache sind über die Klinge gesprungen.

    Viele Linke sind Gutverdiener oder zumindest im Staat gut und sicher untergekommen.

    Die Linke hat keine Alternative zum (Staats- und Lobby-)Kapitalismus. Im Gegenteil - es lebt sich gut.

    Die Antifa verkommt zu einem linken minimalistischen Freizeitverein. Absolut Inhaltsleer. Oberflächlich. "Gegen Nazis" ist der kleinste gemeinsame Nenner mit dem man überall gut hausieren gehen kann.

    Wer ist schon für Nazis? Wer hat gerne einen waschechten Nazi als Nachbar oder Arbeitskollege? Niemand.

    Somit ein prima minimalistischer Konsens, so wie etwa im Mittelalter niemand den Teufel als Nachbar haben wollte.

    Die Antifa hat es verpasst, sich mit Modellen grundlegender Verbesserung der Gesellschaft auseinanderzusetzen.

    Da ist einfach nichts.

    Die heutige Antifa ist inzwischen nicht mal mehr fähig, sich tiefergehend mit Totalitarismus, Grund- und Menschenrechten auseinanderzusetzen.

  • Ist mir zu platt und polemisch. Eine sachliche und notwendig Kritik ist sicher wichtig. Aber antifaschistische Gruppen sind nach wie vor oft die einzige Kraft gegen rechte Gruppierungen, sowohl praktisch als auch was Aufklärung angeht. Und gerade in Ostdeutschland, aber natürlich nicht nur dort, ist das bitter nötig.

    Linke Positionen sind der Definition nach kapitalismuskritisch bis antikapitalistisch. Wie sehr das Personen konsequent leben, ist eine andere Frage. Ich bin persönlich sicherlich nicht antikapitalistisch in meiner Lebensweise. Allerdings würde ich dies nicht auf andere übertragen ;)

    Der Verweis auf die Corona-Maßnahmen zeigt nur, dass es - wie oft gesagt - keine Bewegung aus progressiver, kapitalismuskritischer Perspektive gab. Das ist auch linkes Versagen, keine Frage. Es ist allerdings nicht so, dass Querdenker und Co. es besser gemacht hätten. Letzten Endes gibt es einfach gegenwärtig nicht die Bewegungen, die wir bräuchten. Auch wenn es hier und dort positive Ansätze gibt - der Kampf gegen Gentrifizierung nur als Beispiel.

    P.S. als ob es nur 'gegen Nazis' gehen würde. Die Hauptthemen sind doch beim Nachwuchs längst verstärkt Sachen wie Feminismus und Öko-Themen, also Dinge, die für mich/uns vor 20 Jahren noch gar keine Rolle gespielt haben.

    Why do we fall?

  • Ist mir zu platt und polemisch.

    Ja, Deine Kritik ist berechtigt.

    Ich wollte aufwecken.

    Und gerade in Ostdeutschland, aber natürlich nicht nur dort, ist das bitter nötig.

    Ich bin selber Wessi. Kenne aber viele Ossis und bin oft im Osten.

    Allein dieser Satz von Dir (Du bist damit ja leider nicht alleine) zeigt wie wenig Bereitschaft für Verständnis vorhanden ist und wie die Linken auf bestimmte Menschen zunehmend von Oben herab niederblicken.

  • Nö, der Satz zeigt dass wir ein Nazi-Problem haben. Sprich mehr gefährlichere Faschos als z.B. in meiner alten Heimat in Süddeutschland. Das hat nix mit Herabblicken zu tun. Ich bin auch sehr gerne in der sächsischen Provinz - zum Wandern ;-) Aber im Ernst, ich hab mit den Menschen größtenteils kein Problem. Aber es gibt eben eine größere Toleranz für nationalistische und offen rassistische Positionen, und das leider auch sehr im Staatsapparat.

    Why do we fall?

  • Nö, der Satz zeigt dass wir ein Nazi-Problem haben. Sprich mehr gefährlichere Faschos als z.B. in meiner alten Heimat in Süddeutschland. Das hat nix mit Herabblicken zu tun.

    Zählen wir jetzt die Fascho-Quote?

    Das widerrum ist mir zu oberflächlich.

    Es geht darum, Menschen zu verstehen und dann eben mit diesem Verständnis in die Tiefe der sozialen und gesellschaftlichen Gegebenheiten zu gehen.

    Danach können wir eine echte Form des Umgangs und der Menschlichkeit entwickeln, die auch nachhaltig wirken kann.


    Was ist überhaupt ein Fascho?

    Einer mit Hakenkreuzbinde? Einer, der "rechts" wählt? Einer, der die Grund- und Menschenrechte allgemein oder für bestimmte Personengruppen in Frage stellt? Einer, der für den Zentralismus und strenge Hierarchien einsteht? Einer, der Zucht- und Genexperiemente an Menschen bzw. Embryonen befürwortet? Einer, der die Entscheidung über Versammlungsfreiheit und Meinungsfreiheit in die Macht der Regierung haben will?

    Man kann ganz viele solche Fragen stellen..... und es wäre wirklich interessant aus vielen Fragen die wichtigste Frage zu beantworten:

    Was genau führt zum Faschismus (bzw. faschismusähnlichen Systemen) ?

  • Es geht nicht um Quoten, sondern um Strukturen. Und diese unterscheiden sich je nach Organisationsgrad, der Gewaltbereitschaft und -fähigkeit und der Verankerung sowie Akzeptanz in Behörden und Bevölkerung.

    Die von dir genannten Fragen sind alle wichtig und meines Erachtens auch Gegenstand von Faschismustheorie. Die Welt ist sicherlich so komplex, dass einige einfachere Erklärungsansätze, die sehr populär sind, nicht ausreichen. Stichwort soziale Frage, das ist wohl die gängigste 'Mainstreamauffassung', sprich rechte Strömungen als Folge des Gefühls, 'sozial abgehängt sein'.

    Ich denke, wir haben hier kaum ein Thema so umfassend diskutiert wie dieses. Unterm Strich hat sich meine Meinung nicht geändert. Ich will Begriffe nicht polemisch verwenden, sondern die Dinge korrekt beschreiben, damit wir sie verstehen. Dementsprechend sind Corona-Maßnahmen auch nicht 'faschistisch' oder 'faschistoid', nur weil sie mit Zwang und Ausgrenzung verbunden sind. Putin oder auch Erdogan sind hingegen gute Beispiele für Faschisten. Faschismus ist der autoritäre Umbau von Gesellschaften im Sinne einer konservativen Weltanschauung, 'konservative Revolution' ist ein Begriff für die geistigen Vordenker. Faschismus war uns ist historisch immer ein Abwehrreflex gegen die 'Zumutungen einer modernen, liberalen Gesellschaft'. Da du oben die Gruppe verlinkt hast: Die Bezeichnung 'dritter Weg' trifft es gut, denn sowohl bürgerliche Gesellschaft (als 'Kapitalismus' verbrämt) als auch Linke sind die Hauptfeinde faschistischer Weltanschauung.

    Was führt also zu faschistischen Systemen? Die Erosion der bürgerlichen Demokratie (zunehmende mangelnde Glaubwürdigkeit, Unfähigkeit, gesellschaftliche Widersprüche weiterhin zu verwalten und zu befrieden) UND das Fehlen oder Scheitern einer progressiven, linken Perspektive.

    Why do we fall?

  • Wir sind ja bei 'anarchistische Antifakritik'. Um von diesem Thema nicht abzuweichen gehe ich auf Dein Untenstehendes ein - Du als naher Vertreter der Antifa (wenn ich das mal so sagen darf).

    Dementsprechend sind Corona-Maßnahmen auch nicht 'faschistisch' oder 'faschistoid', nur weil sie mit Zwang und Ausgrenzung verbunden sind.

    Das entspricht eben der gängigen (m.E. oberflächlichen) Antifa-Haltung.

    Auszugsweise folgende Übereinstimmungen zwischen Faschismus(tendenz) und Coronamaßnahmen bestehen meines Erachtens:

    - Zwang und Ausgrenzung (weil Du es oben genannt hast - der Ausschluss aus der Gemeinschaft/Gruppe ist ein wesentliches faschistisches Werkzeug - google mal "Assozial" und den nazionalsozialistischen Hintergrund)

    - Stellung des Kollektivs über das Individuum (und was das Kollektiv an Verhaltensnorm vorgibt, bestimmen einzelne Führungskräfte)

    - (Teil-)ausschaltung der parlamentarischen Abstimmung (Ersetzung durch Verordnungen etc.)

    - Staatliches Haten und Hetzen gegenüber Andersdenkenden (Ungeimpfte sind Tyrannen, Schuld an der Pandemie etc.)

    - Zugangskontrolle und Überwachung

    - Entmenschlichung und Uniformierung (z.B. Masken... sie uniformieren und lassen den individuellen Menschen verschwinden)

    - Gesundheitlich zu rechtfertigende Eingriffe gegen das Individuum zum Zwecke des Kollektivs

    - einseitige Förderung bzw. Begünstigung von Medien und Wissenschaft, die den übergeordneten staatlichen Zielen entsprechen

    - Auswechseln von Akteuren in Ämtern/Instituten (Gericht, Forschung etc.)

    - Infragestellung der demokratischen Grundrechte zu Gunsten eine "höheren" kollektivistischen Zweckes


    In vielen Punkten besteht natürlich immer Frage wie "Extrem" sie ausgeprägt werden. Leichte Tendenzen gibt es in jeder Gesellschaft, aber eine freie Gesellschaft ist fähig diese faschistoiden Tendenzen bzw. extremen Machtgeschwüre rechtzeitig kleinzuhalten.

  • Was meinst du mit 'oberflächlicher Antifa-Haltung'? Ich rede von Faschismustheorien, die sich je nach Ansatz und Gruppe natürlich unterscheiden.

    Die anderen Punkte kann ich teilweise nachvollziehen, teilweise erscheint mir dies aber wie eine recht simple Polemik. Die Frage des Maskentragens bemisst sich an deren Effektivität. Das ist eine wissenschaftliche Frage und in dem Sinn keine Uniformierung. Auch die Ausgrenzung basiert noch auf gesundheitlichen Überlegungen. Hier eine Parallele zu faschistischen Regimen ziehen zu wollen, ist eben ein ziemlicher Griff ins Klo, mal etwas weniger diplomatisch formuliert.

    Wo ich mitgehe und was ich kritisch sehe, ist die Aushebelung sehr konkreter Grundrechte wie z.B. der Freizügigkeit, der Versammlungsfreiheit. Das ist allerdings auch nicht faschistisch, auch nicht unbedingt diktatorisch, sondern im Spannungsfeld zwischen Demokratie und Diktatur, denn der Ausnahmezustand ist Bestandteil bürgerlicher Staaten. Insofern ist das ein Schritt in Richtung Diktatur.

    So oder so ist der Faschismusvorwurf völlig fehl am Platz. Autoritäre Tendenzen, Einschränkung individueller Rechte etc. sind Kennzeichnen jeder Herrschaftsform. Wir können natürlich anfangen, einfach alle Formen von Herrschaft als faschistisch zu bezeichnen (antike Tyrannis, absolutistische Monarchie, Marxismus-Leninismus, Maoismus und so weiter und so fort), aber das verwässert eben die Unterschiede und trübt den Blick für die verschiedenen Ursachen. Nur als Beispiel: Da bekanntlich auch linke Bewegungen in die Diktatur münden können, muss hier eine darauf zugeschnittene Analyse der Ursachen her. Genauso wie wir verstehen müssen, wie faschistische Bewegungen erstarken können, oder wie und warum bürgerliche Demokratien unfreier werden.

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  • Der Thread hier heißt ja 'anarchistische Antifa-Kritik'. Das Problem ist eben, dass wir hier überhaupt nicht bestimmt haben, wer damit eigentlich gemeint ist. Auf Seite 1 hab ich nur ein paar Punkte genannt, die ich bei einigen antifaschistischen Gruppen beobachte. Wenn man grundsätzliche Kritik üben will, sollte man natürlich präzisieren, wer oder was der Gegenstand der Kritik sein soll. 'Die Antifa' existiert eben schlichtweg nicht.

    Natürlich können auch irgendwelche Jusos oder Grüne Jugend oder auch die Linksjugend als antifaschistisch benannt werden. Ich denke aber, es ist zielführender, die verschiedenen 'Blöcke' der linksradialen und postautonomen Szene anzuführen. Wenn man also bewerten will, wie die jeweils die Corona-Maßnahmen sehen, sollte man schon genau hinschauen.

    Block 1: Die Interventionisten:

    Corona | Interventionistische Linke

    Block 2: Die Antinationalen:

    Das Virus geht nicht nachts spazieren, sondern tagsüber arbeiten! Unser Aufruf zu Aktionen gegen die Ausgangssperre. – Kritik und Praxis

    Die selektive Solidarität durchbrechen – Kritik und Praxis

    Block 3: Die Roten:

    Weder Covidioten noch „Systemlinge“ – Für revolutionäre Gegenmacht! | de.indymedia.org

    Das sind jetzt nur ein paar Beispiele, um ein bißchen den Rahmen abzustecken. Ich hab die dezidiert anarchistischen Gruppen mal weggelassen. Natürlich sind die eigentlich auch Teil der antifaschistischen Strömung (weswegen der Titel dieses Threads im Grunde schon verfehlt ist).

    Wer sich also an 'der Antifa' abarbeiten will, kann sich die Positionen mal reinziehen.

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