Wie gesagt: Den harten Kern wirst du vermutlich nicht aus der rechten Szene 'rausprügeln', aber alles in allem wird sich die Szene auf einen harten Kern reduzieren, wenn deutlich wird, dass mit rechtem Aktivismus bestimmte Konsequenzen einhergehen.
Eben das wird auch innerhalb der linken Szene geschehen. Am Ende stehen sich dann nur noch die radikalen Kerne gegenüber und wir haben das, wofür wir lediglich bei anderen Ländern einen Begriff gefunden haben: Bürgerkrieg.
Und dieser verläuft dann eher mit Tendenz für die rechte Szene siegreich, da die linke Vernetzung sich lediglich auf ein Szeneviertel pro deutscher Großstadt erstreckt, wohingegen Nazis sich bereits innerhalb kleinerer Dörfern formieren und ganze Landkreise unter ihre Fittiche haben. Zumindest im Osten. Die dort tendenziell eher konservative Bevölkerung können sie zudem als ihren moralische Rücken bezeichnen.
Hinzu kommt, dass man es deutlich seltener erlebt, dass jemand zum Berufsanarcho wird, wohingegen das bei Nazis schon fast die Regel ist. Leider spielt hier das Älterwerden sogar eher den Rechten in die Karten. Und wenn der harte Kern schließlich in Rente geht, der Nachwuchs aber fehlt, dann haben wir dieses Mindset endgültig offiziell, was jetzt schon schwach im Rahmen der Coronakrise durchschimmert. Wir leben halt nicht mehr in den 80ern, auch wenn Bücher noch aus dieser Zeit erzählen.
Die Frage nach der Alternative hast du nicht beantwortet.
Man sollte halt schon zeigen, dass man in irgend einer Form besser als jener Gegner ist, den man so verachtet. Wenn schon keine handwerkliche Überlegenheit, dann zumindest eine moralische und intellektuelle. Und mit versuchten Totschlag bekämpft man halt nicht unbedingt Sachbeschädigung und Drohgebärden einer halbstündigen Straßenschlacht von vor über einem halben Jahrzehnt. Eher fährt man denselben Kurs, nur dass man statt Schäden an der Sache, den Tod von Menschenleben billigend in Kauf nimmt. Und ob die Sympathiebekundungen nach Morden mit linker Täterschaft noch so groß sind, wage ich stark zu bezweifeln.
Es ist sehr schade, dass heute die moralische und humane Überlegenheit nicht ausreicht; man muss das "den anderen" auch körperlich spürbar vor Augen halten. Das sorgt dann allerdings auch dafür, dass man den Status, mit dem man sich rühmt, instant wieder verlieren wird. Anders ist dieses Paradoxon gar nicht zu lösen.
Aber wenn du unbedingt eine Handlungsweise brauchst: also wenn bei Autos von stadtbekannten Nazis die Reifen zerstochen sind (womöglich auch täglich), dann würde auch ich die Haltung derer einnehmen, die heute davon sprechen, dass sie zwar etwas nicht gut finden, aber irgendwie auch kein allzu großen Widerhall in sich spüren. Wenn rechte Versandhändler gehackt, Daten geleakt und durchdachte, witzige Guerilla-Aktionen gefahren werden, dann gehört das zu den Dingen, die in großen Teilen der Bevölkerung auf Applaus stoßen werden. Der aufklärerische Aspekt inklusive. Das erreicht man generell mit menschlichen Aktionen, welche sich die Jubelnden hätten auch selbst vorstellen können. Das hat Identifikationspotential. Das war bei der 68-Bewegung nichts anders, die mit einem gegen den Vietnamkrieg war, bis sich auch hier Teile abgespalten haben und in den Untergrund gingen. Als es später dann zu Entführungen und Exekutionen kam und man selbst in den Krieg eingestiegen ist, war das mit der allgemeinen Sympathie aber schnell wieder vorbei. An diesem Punkt stehen wir auch jetzt.
Es ist bedauerlich, dass viele Linke heute auch nur noch stumpf losprügeln können. Es scheint, dass das Bild vom glatzköpfígen Neonazi, der dumpf mit Bassballschläger agiert, sich inzwischen verschoben ist. In den verschiedenen Szenen ist seit einiger Zeit ein Rollentausch zu beobachten. Rechte laufen rum wie Hipster und propagieren Sozialismus. Und Linke fahren ganz offen einschüchternde Bedrohungsszenarien auf Demos - und als kleiner Vorgeschmack setzt man die ersten Taten dann auch direkt möglichst brutal in die Realität um.
Es ist naiv zu glauben, dass man damit ausgerechnet eine Szene einschüchtert, die sich mehrheitlich aus einer Gruppe an patriarchisch auftretenden Bildungsverweigerern speist, die traditionell Kampfsport und Waffen zugeneigt ist, und natürlich niemals zu dem logischen Schluss kommen wird, dass Gewalt immer Gegengewalt erzeugt und man deshalb lieber kleinbei gibt. Das ganze Gegenteil ist der Fall. Spätestens seit Corona fühlt sich diese Gruppierung stärker denn je, wohingegen die Linken seit der Pandemie gespalten wie noch nie sind. Leider sieht sich jede Seite weiterhin als Sieger. Und dieses Denken wächst sogar proportional zu den Kämpfern, die im Knast sitzen und ihnen auf der Straße fehlen.
Schon dass dieses Sinnbild keiner der Beteiligten sehen will, offenbart die Betriebsblindheit auf der rechten wie linken Seite der Straße, die unweigerlich in eine Sackgasse führt.