Die Unity-Philosophie

Es gibt 108 Antworten in diesem Thema, welches 31.246 mal aufgerufen wurde. Der letzte Beitrag (19. August 2026 um 20:09) ist von Dian.

  • Ich habe bislang alle deine Bücher gelesen (außer dem letzten nicht so ganz) und konnte mich stets intensiv mit den dargestellten Thesen und Narrativen auseinandersetzen.

    Auch dir vielen Dank für die ausführliche Rückmeldung! Stilistisch zugänglich bin ich hoffentlich geblieben, wenngleich sich der eine oder andere überlange Schachtelsatz, anders als in einem Roman, bei einem solchen Werk manchmal nicht vermeiden lässt.

    Wenn du schreibst, dass du das letzte Buch nicht so ganz gelesen hast, meinst du dann damit "Traumwandler" bzw. "Unity 5"?

    Vor allem würde mich dann der Grund interessieren, weil das irgendwie von allen Büchern das ist, zu dem ich bisher auch am wenigsten Feedback erhalten habe.

    Genau die meine ich "Traumwandler – Unity 5“


    Ich habe es damals während einer Flugreise gelesen. Ich bin zwar kein großer Fan von langen Flügen, besonders wenn es ab fünf Stunden oder länger dauern, aber dafür hatte ich endlich einmal die Ruhe, alles in Ruhe durchzulesen.

    Ich halte mich hier aber bewusst kurz, da ich niemanden spoilern oder zu viel vorwegnehmen möchte.


    Der Roman eröffnet mit einem Briefroman-Element: Jacob richtet einen Brief an seine Schwester Leonie, in dem er rückblickend die Ereignisse schildert, die ihn in eine geheimnisvolle Welt voller Rätsel und Gefahren geführt haben. Der Einstieg setzt bewusst auf eine langsame Exposition und erzeugt durch zahlreiche Andeutungen eine geheimnisvolle Atmosphäre.


    Literarisch überzeugt der Beginn vor allem durch seine originelle Grundidee. Die Verbindung von Realität und einer verborgenen Parallelwelt weckt früh die Neugier der Lesenden. Die Briefform schafft dabei eine persönliche Erzählperspektive und verleiht der Geschichte emotionale Nähe. Zudem wird durch das gezielte Zurückhalten von Informationen ein Spannungsbogen aufgebaut, der zum Weiterlesen motiviert. Die Atmosphäre ist stimmig und unterstützt die Mystery- und Fantasy-Elemente des Romans. Auch der Weltentwurf wirkt durchdacht und lässt auf eine komplexe Handlung schließen.

    Kritisch anzumerken ist jedoch, dass die Exposition vergleichsweise umfangreich ausfällt. Bis die eigentliche Handlung einsetzt, vergeht relativ viel Zeit, wodurch das Erzähltempo zunächst gering bleibt. Für manche Lesende könnte dies den Spannungsaufbau verlangsamen. Darüber hinaus stehen zahlreiche Andeutungen zunächst nur wenigen konkreten Informationen gegenüber. Dieses Stilmittel erzeugt zwar Spannung, kann aber gleichzeitig zu Orientierungsschwierigkeiten führen. Auch die Figurencharakterisierung bleibt zu Beginn noch eher oberflächlich, sodass eine emotionale Identifikation mit den Hauptfiguren zunächst erschwert wird. Teilweise wirken Dialoge und Erklärungen zudem funktional und dienen vor allem der Informationsvermittlung.

    Aus literarischer Sicht könnte der Roman von einer strafferen Exposition profitieren. Ein früheres Schlüsselereignis würde den Einstieg dynamischer gestalten und die Handlung schneller in Gang setzen.


    Ebenso könnten Informationen über die fiktive Welt schrittweise in den Handlungsverlauf integriert werden, anstatt sie überwiegend zu Beginn anzudeuten. Eine stärkere Ausarbeitung der Figurencharakterisierung würde zusätzlich die emotionale Bindung der Lesenden fördern.

    Insgesamt präsentiert der Roman einen vielversprechenden Einstieg mit einer originellen Prämisse, einer dichten Atmosphäre und einem interessanten Weltentwurf.


    Die größte Schwäche liegt im langsamen Erzähltempo der Exposition, das den Einstieg stellenweise etwas langatmig erscheinen lässt. Insgesamt verdient der Romananfang eine Bewertung von mir eine 7,5 bis 8 von 10 Punkten.


  • Ich teile diese Einschätzung teilweise. Aus juristischer und begrifflicher Sicht ist eine Beziehung zwischen zwei volljährigen Personen einzuordnen. Dennoch betrachte ich einen Altersunterschied von 25 bis 30 Jahren kritisch nicht, weil eine solche Beziehung grundsätzlich unmoralisch wäre, sondern weil sich die Partner häufig in unterschiedlichen Lebensphasen befinden und sich hinsichtlich Lebenserfahrung, Reife und sozialer Rollen deutlich unterscheiden können.

    Würde ich mir beispielsweise eine Konstellation vorstellen, in der ich 45 Jahre alt und die andere Person 19 Jahre alt wäre, entspräche ihr Alter in etwa dem einer eigenen Tochter. Gerade weil ich selbst Vater einer elfjährigen Tochter bin, würde sich eine solche Beziehung für mich persönlich befremdlich anfühlen. Es handelt sich dabei jedoch um eine persönliche Wertung und nicht um eine allgemeingültige moralische Beurteilung.


    Ebenso halte ich es für problematisch, ältere Männer in Beziehungen mit fast volljährigen jungen Frauen pauschal als „Pädophile“ oder „Perverse“ zu bezeichnen. Vielmehr sollten die individuellen Umstände berücksichtigt werden. Beziehungen mit großem Altersunterschied können auf gegenseitiger Zuneigung beruhen, sie können aber auch durch wirtschaftliche Interessen oder sogenannte „Sugar-Daddy“-Konstellationen geprägt sein. Eine differenzierte Betrachtung erscheint daher angemessener als eine pauschale moralische Verurteilung.

  • Kritisch anzumerken ist jedoch, dass die Exposition vergleichsweise umfangreich ausfällt. Bis die eigentliche Handlung einsetzt, vergeht relativ viel Zeit, wodurch das Erzähltempo zunächst gering bleibt. Für manche Lesende könnte dies den Spannungsaufbau verlangsamen. Darüber hinaus stehen zahlreiche Andeutungen zunächst nur wenigen konkreten Informationen gegenüber. Dieses Stilmittel erzeugt zwar Spannung, kann aber gleichzeitig zu Orientierungsschwierigkeiten führen.

    Ok, danke für die Rückmeldung!

    Dass der Einstieg etwas langsam ist, mag schon sein. Ich wollte aber auch ganz bewusst mal etwas mehr Zeit dafür nehmen, den psychologischen Background der Protagonistin zu beleuchten und so eine subtile Mystery-Atmosphäre mit ein paar Märchen-Elementen zu schaffen, auch auf die Gefahr hin, dass es vielleicht dann für die Leser lange nicht klar ist, in welche Richtung die Reise geht.

    In gewisser Weise ist das auch eigentlich eine Trilogie, und ich hab lange überlegt, ob ich die Story nicht statt in einem dicken Roman besser in drei Teilen veröffentlichen sollte. Im Prinzip lässt es sich gut aufteilen in den ersten Akt, in dem ich mal bisschen was Neues probiere und mich vielleicht auch etwas vom Stil meiner vorigen Werke entferne, allein schon durch die weibliche Sichtweise. Der zweite Akt ist dann vor allem die Story im Waisenhaus, die man als eine Art "back to the roots" betrachten kann, da ja doch einige Elemente an Unity 2 -Resistance erinnern, was dann wiederum mehr dem klassischen Dian The Saint-Stil entspricht, mit einer ordentlichen Portion Heroic Bloodshed und Partisanenromantik.

    Im dritten Akt wird dann durch das Auftauchen des Schriftstellers nochmal ordentlich durchgemischt, vor allem was die Grenze zwischen Gut und Böse, Traum und Realität angeht. Einige Charaktere entpuppen sich als zwielichtig, und nichts ist so, wie es scheint. Und ganz zum Schluss ist es dann vollends zu einer Märchen-Geschichte geworden.

    Es lohnt sich also durchaus, dranzubleiben, falls euch meine früheren Werke gefallen haben. Ich denke, es sollte schon für jeden was dabei sein.

    Dennoch betrachte ich einen Altersunterschied von 25 bis 30 Jahren kritisch nicht, weil eine solche Beziehung grundsätzlich unmoralisch wäre, sondern weil sich die Partner häufig in unterschiedlichen Lebensphasen befinden und sich hinsichtlich Lebenserfahrung, Reife und sozialer Rollen deutlich unterscheiden können.

    Meine These in der Unity-Philosophie ist ja, dass es gerade diese Unterschiede sind, die vielleicht fehlen, wenn moderne Jugendliche nur noch mit anderen Jugendlichen rumhängen, anstatt mit Leuten, die schon was von der Welt gesehen haben und ihnen davon berichten könnten... und dass dieses nur in der eigenen Peer Group-Blase leben den Reifeprozess junger Menschen eher verzögert als voranbringt.

    In der Öffentlichkeit wird mir das oft nur zu einseitig negativ betrachtet. (und vor allem eben auch zu sehr auf das rein sexuelle und die einseitige Abhängigkeit reduziert)

    Natürlich gibt es auch diese negativen Aspekte, die man nicht verharmlosen sollte. Gerade, wenn man sich anschaut, wie manche Männer schon mit ihren erwachsenen Partnerinnen umgehen und deren Abhängigkeit oder Naivität ausnutzen...

    Aber wie du auch sagst, es kommt immer auch auf die individuellen Umstände an, und wenn man vorschnell alles in einen Topf wirft, führt das oft nur dazu, dass sich Schubladendenken weiter manifestiert und diejenigen, die aus der Norm herausfallen, dann meist die ersten sind, die unter gesellschaftlichem Unverständnis und Vorurteilen zu leiden haben.

    Ich persönlich bin jemand, der mit deutlich jüngeren meistens besser klargekommen ist als mit Leuten in meinem Alter. Einfach weil ich den Eindruck habe, dass die oft noch nicht so kaputt im Kopf sind wie viele Erwachsene. Blöd nur, dass ich die heutige Jugend in der Regel nicht mehr verstehe, und die mich offenbar auch nicht. ;)


  • Exakt, ich teile deine Schlussfolgerung nicht, da du den zentralen Widerspruch nach wie vor nicht auflöst. Wieso ist es naiv, anzunehmen, man könnte 'rückständige' Menschen aus anderen Kulturen integrieren, aber nicht naiv, zu glauben, man könnte ebenso 'rückständige' Menschen aus der hiesigen Kultur mit mehr Freiheiten konfrontieren, ohne dass dieselben Probleme auftreten würden?

    Wieso können die einen durch mehr Eigenverantwortung dazulernen, die anderen aber nicht? Wieso ist Aufklärung dort vergebens, hier aber zielführend? In fast allen anderen Bereichen kritisierst du Prävention auf Verdacht und forderst stattdessen Eigenverantwortung. Bei Migration akzeptierst du plötzlich genau diese präventive Logik. Warum gilt dein Freiheitsprinzip dort nicht?

    Für jemanden, der anderen gerne Doppelmoral vorwirft, bist du erstaunlich uneinsichtig, wenn es um die eigenen Widersprüche geht.


    Das grundlegende Problem bleibt dein verkürzter Libertarismus: Du bemisst Macht nach wie vor nur an Institutionen und Gesetzen. 'Weniger Staat' schafft aber nicht Macht ab, sondern verschiebt sie nur.

    'Out of the Box' denken ist ein gutes Stichwort, leider leistest du das an keiner Stelle. Deine Theorie enthält fast keine Kriterien, wie entschieden wird, welche Regeln bleiben und welche verschwinden sollen. Wer soll das entscheiden? 'Aufgeklärte, idealistische Menschen' ? Was soll deren Maßstab sein und wer legt den fest?


    Im Moment scheint dieser Maßstab bei dir je nach Thema zu wechseln: Bei Drogen, Waffen oder Schulpflicht soll Eigenverantwortung Vorrang haben, bei Migration dagegen Vorsorge gegenüber möglichen gesellschaftlichen Folgen. Das ist inkonsistent. Und wie schon an anderer Stelle angemerkt: Freiheit entsteht nicht nur durch weniger Regeln, sondern auch durch Bedingungen, unter denen Menschen tatsächlich autonom handeln können. Reine Institutionenkritik ist eben verkürzt, sie mündet in libertäre Ideologie, die blind ist für komplexe Macht- und Herrschaftsverhältnisse.

    Why do we fall?


  • Das ist ziemlich viel Text für die Kernaussage : "Ich habe keine Ahnung von Theorie und bin zu faul, mir das anzulesen" :bla:


    Natürlich hast du völlig Recht damit, dass Originalität nicht darin besteht, möglichst viele Fußnoten zu sammeln. Philosophie ist keine Zitiermeisterschaft. Gute Gedanken können auch von Menschen kommen, die wenig gelesen haben.

    Nur: Du verwechselst hier Originalität mit Unabhängigkeit von Theorie. Theorie ist ein Werkzeug, mit dem man die eigenen Ansichten überprüfen und schärfen kann. Es wäre eben ziemlich dämlich, darauf zu verzichten, nur weil man meint, dadurch 'eigenständiger' oder 'origineller' zu sein - das ist so wie bei Christopher McCandless aus 'Into the Wild', der ohne Karte in die Wildnis geht, um dort Pionier zu spielen, und dann dort unnötigerweise umkommt.


    Philosophie produziert nicht einfach Antworten, sondern bessere Fragen. Wie entstehen Identitäten überhaupt, wie produzieren soziale Verhältnisse unsere Denkmuster? Kannst du überhaupt definieren, was Postmoderne bedeutet? Wieso übernimmst du diesen Begriff denn überhaupt? Er ist Teil einer philosophischen Debatte - wieso übernimmst du ihn dann wie selbstverständlich?


    Man muss das hier wirklich herausstellen, weil es kennzeichnend ist: Du meinst, dich außerhalb bestehender Diskurse stellen zu können, weil du ja 'selbstständig denkst', übernimmst aber vollkommen unreflektiert einen hochproblematischen Begriff aus einer philosophischen Debatte. Und dass es gerade der Begriff der Postmoderne ist, ist hier ziemlich ironisch - gerade der Diskurs, der dir aufzeigen könnte, wie deine eigene Denkweise unbewusste Voraussetzungen zum Ausdruck bringt, entgeht dir, weil du dich nicht für theoretische Grundlagen interessierst. Das ist in etwa so, als ob du dein Essen im Supermarkt kaufst und gleichzeitig jedem erzählst, dass du Selbstversorger bist.😄


    Wir übernehmen permanent unbewusst Begriffe, Problemstellungen und Denkfiguren - Philosophie in der 'Postmoderne' heißt gerade, sich diese Voraussetzungen zu vergegenwärtigen.


    Das Problem mit deiner angenommenen Originalität ist eben, dass sie nicht besteht. Staat macht Menschen unmündig (anarchistische Denktradition), Schule produziert Gehorsam (Foucault, Freire), Menschen müssen sich innerlich verändern (Fromm, Bookchin), Konsum erzeugt Herrschaft (Marcuse, Debord), etc. Philosophie heißt nicht, Debatten völlig neu zu beginnen, sondern ausgehend von vorhandenen Denkansätzen weiter zu denken. Das ist das Revolutionäre, das tatsächliche 'out of the box'-Denken, sei es bei Kant, Foucault oder Marx.

    Du redest von Postmoderne, dann hab ich hier einen postmodernen Gedanken für dich: Wie kannst du wissen, dass deine Kategorien überhaupt deine eigenen sind? Genau das ist Ideologie, also das, was du anderen vorwirfst.


    Wenn Menschen seit Jahrhunderten über Freiheit, Macht oder Erziehung streiten, dann deshalb, weil dabei immer wieder bestimmte Denkfehler, Sackgassen oder blinde Flecken auftauchen. Wer diese Debatten kennt, übernimmt nicht einfach fremde Meinungen, sondern erspart sich, dieselben Irrwege noch einmal zu gehen. Originalität entsteht deshalb nicht dadurch, dass man alles neu denkt, sondern dadurch, dass man auf dem aufbaut, was bereits gedacht wurde, und es weiterentwickelt.


    Du willst Dinge 'aus einem anderen Blickwinkel betrachten'. Exakt das tun große Philosophen, aber: Sie verändern dabei nicht nur die Antworten, sondern die Begriffe. Foucault verändert den Begriff von Macht. Marx verändert den Begriff von Arbeit. Butler verändert den Begriff von Geschlecht. Illich verändert den Begriff von Schule.

    Bei dir hingegen finden sich nur Begriffe des Alltags, herrlich unscharf und unreflektiert. 'Freiheit', 'Eigenverantwortung', 'Herdendenken', 'höheres Bewusstsein', 'Rückständigkeit' - alles ideologische Floskeln, die je nach Thema ins Rutschen kommen. Mal ist "Eigenverantwortung" das höchste Gut (Drogen, Waffen, Schule), mal wird sie durch kulturelle Zuschreibungen relativiert (Migration). Genau hier würde Theorie helfen – nicht als Zitatensammlung, sondern als begriffliche Präzisierung. Der eigentliche Mehrwert philosophischer Tradition besteht ja gerade darin, dass sie die eigenen Begriffe schärft und ihre verborgenen Voraussetzungen sichtbar macht. Und das bleibt eben dein blinder Fleck.

    Why do we fall?

    Einmal editiert, zuletzt von Lonewolf (1. Juli 2026 um 14:56)

  • Im Moment scheint dieser Maßstab bei dir je nach Thema zu wechseln: Bei Drogen, Waffen oder Schulpflicht soll Eigenverantwortung Vorrang haben, bei Migration dagegen Vorsorge gegenüber möglichen gesellschaftlichen Folgen. Das ist inkonsistent.

    gähn

    Wir drehen uns mal wieder im Kreis. Dass ein endloser Zustrom in ein begrenztes System nicht funktionieren kann, und dass dieser daher irgendwie reguliert werden muss, ist für mich einfach eine Sache der Logik, und das völlig unabhängig davon, ob man innerhalb dieses begrenzten Systems eine freiheitlich-fortschrittliche oder autoritär-rückständige Gesellschaft aufbauen möchte.

    Denkst du etwa nicht, dass wir hierzulande bereits ziemlich überbevölkert sind? Verglichen mit Skandinavien jedenfalls schon.

    Und ich frage dich: Warum ist Skandinavien oft Vorreiter, wenn es um progressive Politik und neue Ideen geht? Warum sind die Menschen dort in der Regel zufriedener als in Deutschland? Vermutlich nicht wegen dem schönen Wetter dort.

    Meines Erachtens hängt dies nicht zuletzt mit der geringen Bevölkerungsdichte zusammen, und weil eine Gesellschaft eben auch um so flexibler ist, je mehr Platz zur Selbstverwirklichung jedes einzelne Individuum hat, und je weniger sich die Leute daher gegenseitig begrenzen müssen. Das Gegenteil davon wäre dann etwa ein großes, dicht bevölkertes Land wie Indien, das völlig unflexibel ist, und daher auch unmöglich grundlegend reformierbar ist, was gesellschaftliche Strukturen und traditionelle Denkweisen angeht.

    Daher denke ich, wir haben gar keine andere Wahl, als die Bevölkerung eher noch zu reduzieren, wenn wir wirklich ein neues Bewusstsein und ein neues Lebensgefühl schaffen wollen. Das heißt zum Einen natürlich, diejenigen, die bereits hier leben, dazu zu motivieren, weniger Kinder zu bekommen, und andererseits aber natürlich auch, Zustrom von Außen zu begrenzen (und das im Idealfall, indem man dafür sorgt, dass hauptsächlich diejenigen hinzu kommen, die es verdient haben und ebenfalls an einer freiheitlichen und toleranten Gesellschaft interessiert sind).

    Aber so lang eine große Bevölkerungsmehrheit von links bis rechts der Meinung ist, dass ständiges (Bevölkerungs-)Wachstum und mehr Arbeitskräfte das einzige ist, was uns vor dem drohenden Untergang bewahrt, rede ich da ohnehin auf verlorenem Posten.

    Kannst du überhaupt definieren, was Postmoderne bedeutet? Wieso übernimmst du diesen Begriff denn überhaupt? Er ist Teil einer philosophischen Debatte - wieso übernimmst du ihn dann wie selbstverständlich?

    Es ist vollkommen irrelevant, ob irgendein Begriff Teil irgendeiner Debatte ist und wie weit derjenige, der ihn benutzt, über diese Debatte Bescheid weiß. "Heimat" ist auch Teil einer politischen Debatte und ein typischer rechter Kampfbegriff, und doch muss ich damit nichts am Hut haben, um eine eigene Vorstellung von Heimat haben zu können.

    Wir sollten Worte vielleicht nicht danach auswählen, ob sie irgendjemand schon mal irgendwo für sich besetzt hat, sondern ob sie ihren Zweck erfüllen und uns bei der Kommunikation helfen.

    Wenn ich "Postmoderne" sage, weißt du, was ich meine, und das ist Grund genug, das Wort zu verwenden... auch wenn du es mir nun wieder irgendwie komisch im Mund zu verdrehen versuchst, um damit irgendwas zu widerlegen, was ich so nie gesagt habe.

    Ich schrieb, dass wir in der Postmoderne leben, in der es keine absoluten Wahrheiten mehr gibt, alles nur noch Mischformen und Remixe sind von Ideen, und dass vermutlich auch kein großer Denker mehr kommen wird, der einen komplett neuen, noch nie zuvor gedachten Ansatz erfindet.

    Du schreibst, wir übernehmen ständig unbewusst irgendwas von anderen, und dass es ein postmoderner Ansatz ist, sich dessen bewusst zu sein.

    Ich sehe darin keinen Widerspruch zu dem, was ich geschrieben habe, denn ich habe ja gerade gesagt (und es auch so in der Unity-Philosophie formuliert), dass jeder Gedanke, den ich äußere, garantiert schonmal von jemand anderem gedacht worden ist.

    Jeder Pfad wurde bereits von vielen Menschen beschritten. Deine These dazu ist, dass es objektive Sackgassen gibt, die einmal als Sackgasse erkannt immer Sackgassen bleiben werden, und dass wir daher umfassend Kenntnis über das, was andere gedacht haben, haben sollten, um zu vermeiden, unsere Zeit mit diesen Sackgassen zu vergeuden.

    Wenn wir Gesellschafts-Kritik und -Philosophie nun unbedingt als Labyrinth betrachten wollen, in dem es richtige und falsche Wege gibt, und irgendwo am Ende ein erlösendes Ziel lauert, dann ist es natürlich auch völlig richtig, dass diejenigen, die sich auf das Wissen ihrer Vorgänger berufen und deren Kartenmaterial zur Hilfe nehmen, besser durch das Labyrinth manövrieren werden als andere.

    Das Problem ist nur, dass bisher noch niemand einen Ausgang aus diesem ominösen Labyrinth gefunden hat.

    Also letztlich wirfst du mir vor, mit ungenügend Kartenmaterial in ein Labyrinth gegangen zu sein, aus dem aber bisher auch keiner wieder rausgekommen ist, um anderen davon zu berichten, dass er nun den ultimativen Weg zur Wahrheit gefunden hat.

    Im Gegenteil. Das Philosophische wird immer mehr an den Rand gedrängt, Philosophen haben im Grunde keine gesellschaftliche Bedeutung mehr, kein Schwein interessiert sich doch noch dafür, was sie überhaupt in diesem Labyrinth tun... außer vielleicht einige Intellektuelle und Bildungsbürger, die längst den Kontakt zur normalen Bevölkerung verloren haben, und in einem weitestgehend unbeachteten akademischen Nischenbereich ihr Dasein fristen.

    Und in dieser Situation bedarf es meines Erachtens neuer Ansätze, nicht einfach nur Weiterentwicklung von bestehenden Ideen, die nirgendwo hingeführt haben. Dekonstruktion, Betrachtung von Althergebrachtem aus anderen Perspektiven, brechen mit den (akademischen) Traditionen, Entwicklung neuer Ausdrucksformen... auch das ist für mich Postmoderne.

    Das Problem mit deiner angenommenen Originalität ist eben, dass sie nicht besteht. Staat macht Menschen unmündig (anarchistische Denktradition), Schule produziert Gehorsam (Foucault, Freire), Menschen müssen sich innerlich verändern (Fromm, Bookchin), Konsum erzeugt Herrschaft (Marcuse, Debord), etc. Philosophie heißt nicht, Debatten völlig neu zu beginnen, sondern ausgehend von vorhandenen Denkansätzen weiter zu denken.

    Ach, das hat ja alles seine Richtigkeit, was diese Leute gesagt haben. Und ich werde psychologisch nicht mal im Ansatz so tiefgehend sein können, wie es Fromm gewesen ist, werde mir nie so viele Gedanken über Anarchie machen, wie es Bakunin getan hat, oder an die Fundiertheit marxistischer Kapitalismuskritik herankommen. Wie gesagt, alles hat irgendwer schon mal ganz klug ausformuliert, und vermutlich besser, als ich es je könnte.

    Das zu toppen oder darauf direkt aufzubauen, ist aber auch nicht der Anspruch, den ich habe.

    Aber Bakunin hat sich vermutlich nicht besonders viel Gedanken zum Thema "Jugendschutz" gemacht, weil es dieses Konzept zu seiner Zeit noch nicht einmal gab. Marx fehlte das Wissen darüber, was marxistische Regime für Unrecht anrichten können. Und viele, die vor den Gefahren des Faschismus warnten, hatten damit noch so Recht, aber sie lebten in einer Zeit, in der es keine Corona-Debatte gab, keine Woke-Kultur, keine Industrieunternehmen, die pink- oder greenwashing betreiben, keinen Donald Trump, keine Islamisten in Deutschland, keine Jugendlichen, die 24 Stunden am Tag auf ihr Handy starren, keine Wutbürger, die sich den ganzen Tag nur über Dinge aufregen, die sie im Internet sehen, etc.

    Will sagen: Die Welt ist in ständiger Bewegung. Eine noch nie dagewesene Bedrohung, neue Technologien, oder eine neue Erfindung wie KI können unser Leben so sehr verändern, dass plötzlich alles auf dem Kopf steht und viele Gewissheiten, die vorher gültig waren, auf einmal nicht mehr allzu viel wert sind. So gesehen braucht jede Zeit auch ihre kritischen Beobachter, die sich nicht so sehr über Gedanken von vor hundert Jahren den Kopf zerbrechen, sondern über das, was gerade jetzt relevant ist und passiert, und sei es auch nur sowas Schnödes wie was ihnen auffällt, wenn sie den Fernseher einschalten oder mit der Bahn fahren.

    Und da sehe ich eben aktuell durchaus noch ein Plätzchen für jemanden wie mich, weil viele Themen einfach unterbesetzt sind. Und selbst, wenn alles schon von anderen Leuten besser formuliert worden sein sollte als von mir... offensichtlich haben gewisse philosophische Ansätze (vor allem die freiheitlichen und anarchistischen) kein bisschen gefruchtet bei der Bevölkerung, so dass es gar nicht genug Leute geben kann, die diese Gedanken reproduzieren oder auf leicht verständliche Weise zugänglich machen. In dieser Lücke ein bisschen was zu bewirken, ist dann schon eher so der Anspruch, den ich habe.

    Du willst Dinge 'aus einem anderen Blickwinkel betrachten'. Exakt das tun große Philosophen, aber: Sie verändern dabei nicht nur die Antworten, sondern die Begriffe. Foucault verändert den Begriff von Macht. Marx verändert den Begriff von Arbeit. Butler verändert den Begriff von Geschlecht. Illich verändert den Begriff von Schule.

    Wenn ich einen Begriff verändere, wirst du garantiert der Erste sein, der mir vorwirft, dass ich ihn nicht korrekt benutzt habe. :roll:

  • Weiter geht's mit den Themen Arbeit und Kapitalismus. Dazu passend hab ich die KI mal gebeten, mir eine schöne Kulisse zu machen, die an den Film "Metropolis" erinnert.

    Im Film ist die Gesellschaft ja sehr klassisch klassenkämpferisch zweigeteilt dargestellt... unten die Arbeiter, die ein freudloses, monotones Dasein fristen und sich zu Tode schuften, und oben die herrschende Schicht, die sich mit Kunst und Wissenschaft beschäftigt und ihr Leben genießt, aber sich auch den Luxus leisten kann, ab und zu idealistisch zu sein.

    All das hat sich heutzutage natürlich etwas angeglichen... auch die Arbeiterschaft darf sich heute ab und zu mal reich fühlen, sich was schickes anziehen und in den Urlaub fliegen. Grundsätzlich haben wir aber durchaus immer noch eine Zwei-Klassen-Gesellschaft. Etwa zwischen Leuten, die sich Ticketpreise von mehreren hundert oder tausend Euro für ein Fußballspiel leisten können, und solchen, für die das absolut fern von jeglicher Realität ist. Oder wenn sie jetzt wieder darüber berichten, dass die Wagner-Festspiele stattfinden, und irgendwas über Antisemitismus labern, was unten in der Menschenpyramide keine Sau interessiert (und nie interessieren wird, weil das zwei komplett verschiedene Wahrnehmungsebenen sind).

    Und was natürlich heute auch noch immer so ist wie damals, ist der allgegenwärtige Terror der Uhr, und der bedingungslose Glaube an das heilige Wachstum.

  • Ich war lange hin- und hergerissen, ob ich es bis zum Ende durchziehen soll oder nicht. Eigentlich möchte ich ja allein schon aus Prinzip die Dinge vernünftig zu Ende bringen, die ich mal begonnen habe. Aber andererseits mache ich mich auch etwas lächerlich, wenn ich trotz ständig sinkender Aufrufzahlen einfach weitermache, bis irgendwann gar niemand mehr zuschaut.

    Ich meine, angefangen hat es mit 200 Aufrufen oder mehr, da dachte ich noch, das wird sich schon noch steigern, stattdessen ist es nun aber kontinuierlich weniger geworden. Ganz offensichtlich war das denen, die mich bereits kennen, zu langweilig, bzw. zu wenig Neues, und neue Zuschauer wurden wohl erst gar nicht darauf aufmerksam gemacht. Aber genau das war ja eigentlich die Absicht... ein paar neue Leute anzusprechen, vielleicht auch hier ins Forum zu bringen und zum Mitmachen zu motivieren. Aber nichts. Nicht nur hier im Forum, sondern auch unter den letzten Videos so gut wie keine Kommentare mehr.

    Daher erschien es mir dann doch ziemliche Zeitverschwendung zu sein, wenn ich da jetzt weiter Energie investiere, um dieses tote Pferd noch irgendwie über die Ziellinie zu reiten, auch wenn längst keiner mehr hinguckt.

    Naja, aber kann ja theoretisch auch sein, ich bin eines Tages wieder motivierter und ziehe es dann noch durch. Dann müssten sich aber vorher schon ein paar Dinge ändern und ich müsste das Gefühl haben, dass es wieder jemand interessiert. So lang das nicht der Fall ist, suche ich mir lieber erst mal eine andere Beschäftigung.