Wahlen in Ostdeutschland

Es gibt 1 Antwort in diesem Thema, welches 1.546 mal aufgerufen wurde. Der letzte Beitrag (7. September 2026 um 09:10) ist von Yatan.

  • Nun ist es anscheinend passiert. Die AfD hat in Sachsen-Anhalt wohl tatsächlich über 44 Prozent der Stimmen bekommen, und damit sogar noch ein bisschen mehr, als in den Umfragen vorhergesagt war.

    Persönlich habe ich vom Wahlkampf dort nur ganz am Rand etwas mitbekommen, als ich auf dem Weg zur Ostsee durch die neuen Bundesländer gefahren bin. Was mir damals aufgefallen ist, war vor allem, dass die AfD-Plakate größtenteils auf all zu platte Provokationen oder rechtsradikale Statements verzichteten und die Afd eher als Volkspartei zu inszenieren versuchten. BSW und Linke schwurbelten was von Frieden, als ob Krieg das wichtigste Problem der Bürger aktuell wäre. Der CDU schien kein besserer Slogan einzufallen als "Gymnasien erhalten" oder irgendsowas, was ich auf jedem zweiten Plakat von denen gelesen habe. Vermutlich auch ein Thema, mit dem man gaaanz vielen Menschen aus der Seele spricht. Und in Mecklenburg, wo ja auch bald gewählt wird, wirbt die SPD mit nichtssagenden Bildern ihrer ach so sympathischen Ministerpräsidentin :!, die dank Photoshop darauf irgendwie zwanzig Jahre jünger oder wie eine unechte KI-Kreation aussieht.

    Das ist nun jetzt keine Analyse, sondern ein rein subjektiver, oberflächlicher Eindruck von einer Fahrt durch Deutschlands Osten. Der Eindruck, den ich dabei bekam, war jedenfalls der, dass die AfD das strategisch durchaus clever anstellt, wie sie sich hier als bodenständige, volksnahe Alternative präsentiert, wohingegen die meisten anderen Parteien ziemlich darin versagen, die Bevölkerung vernünftig anzusprechen mit Themen, die den Menschen wirklich auf der Seele brennen.

    So gesehen ist das Wahlergebnis in Sachsen-Anhalt, sollte es sich so bewahrheiten, wie die ersten Hochrechnungen sagen, eigentlich nur konsequent.



    Bemerkenswert finde ich an den Hochrechnungen zum einen, dass die Wahlbeteiligung recht hoch ist, und zum anderen, dass die AfD in etwa so viel Prozent hinzugewonnen hat (23,6), wie CDU und FDP gemeinsam verloren haben gegenüber der letzten Wahl (nämlich 23,8). Man kann also wohl davon ausgehen, dass das Erstarken der AfD vor allem daraus resultiert, dass viele frühere CDU- und FDP-Wähler nun AfD gewählt haben. Warum? Vermutlich, weil sie ihre konservativen oder marktliberalen Interessen von dieser Partei eher vertreten sehen als von CDU und FDP.

    Also vielleicht sollten wir nicht so sehr über zunehmende Rechtsradikalität reden, sondern vielmehr darüber, dass die konservativen Parteien gerade einen Austausch erleben. Die alten Parteien scheinen ihrer Wählerschaft nicht mehr das geben zu können, was sich diese von ihnen erhofft haben. Der AfD trauen hingegen viele wohl zu, dass sie diesbezüglich weniger weichgespült ist und einfach das durchsetzt, weswegen die Menschen viele Jahre lang die CDU oder FDP gewählt haben. :=

    Ist die AfD so betrachtet vielleicht einfach die ehrlichere CDU, die ehrlichere FDP? Weil sie sich getraut, das zu tun, was viele Wähler von ihrer CDU und ihrer FDP haben wollten, aber seit Helmut Kohls Zeiten nicht mehr bekommen haben?

    Es ist vielleicht kein riesiger Trost. Aber zumindest ein kleines bisschen vielleicht, wenn man sich bewusst macht: Die Menschen sind nicht über Nacht alle zu egoistischen, intoleranten Arschlöchern mutiert, die nur von Angst und Besitzgier getrieben sind... sondern die meisten von denjenigen, die heute AfD wählen, waren das im Prinzip schon immer. Sie haben sich nur für ein anderes Vehikel entschieden, von dem sie glauben, dass sie damit schneller vorankommen.

    Wird man diese Leute wieder von der AfD wegbringen können? Vielleicht dann, wenn CDU und FDP wieder mehr so werden wie die AfD (oder wie die CDU in den 70er Jahren war)

    Wird man das dahinterliegende Denken, das dazu führt, dass so viele Menschen jetzt lieber die AfD wählen, aus ihnen herausbekommen können? Vermutlich nicht.


    Was wir gerade erleben ist, dass es salonfähiger wird, dass rechte Menschen dazu stehen, dass sie rechts sind.

    So lang es immer genug Menschen gibt, die öffentlich dazu stehen, dass sie nichts von rechter oder autoritärer Politik halten, ist das alles noch kein Weltuntergang. Die Mehrheitsverhältnisse sind nicht grundsätzlich verändert, sie sind nur deutlicher sichtbar geworden.

    Es hat nebenbei bemerkt auch gute Gründe, warum die CDU von heute eben nicht mehr das ist, was viele konservative Wähler gerne hätten, nämlich so stramm konservativ wie zu Adenauers Zeiten. Das liegt nicht daran, dass die CDU-Politiker alle menschenfreundlich und links geworden sind. Sondern sie haben schlicht und ergreifend schon vor einiger Zeit erkannt, dass rechte autoritäre Politik oft ziemlich unsympathisch rüberkommt in der Bevölkerung, und dass man früher oder später abgewählt wird, wenn man zu autoritär auftritt und auf abweichende Meinung von anderen Bevölkerungsgruppen oder Minderheiten (welche zusammengenommen auch schnell mal die Mehrheit sein können) scheißt.

    Bleibt zu hoffen, dass diese Erkenntnis auch die AfD und andere rechte Parteien eines Tages ereilen wird, und dass das keine 50 Jahre dauert. Auch wenn das vielleicht bedeutet, dass sie dafür zunächst mal in Regierungsverantwortung kommen und sich blamieren müssen.

  • Die meisten zusätzlichen Stimmen zur AfD kamen von Nichtwählern und nicht von der CDU...


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