Es gibt 3 Antworten in diesem Thema, welches 507 mal aufgerufen wurde. Der letzte Beitrag (2. Juni 2026 um 21:58) ist von Lonewolf.

  • Tut mir ja leid für Timmy. Ich bin mir sicher, er war ein netter Kerl, der keiner Qualle was zuleide tun konnte, und der einen würdigeren Abgang verdient gehabt hätte, als dass man sein trauriges Dahinsiechen zum medialen Sommerlochfüller verarbeitete, obwohl noch nicht einmal Sommer war.

    Nun liegt er verrottend am dänischen Strand, so wie wir alle einmal enden werden. (Vielleicht nicht unbedingt am Strand, aber wäre doch eine schöne Vorstellung...)


    Buckelwal Timmy liegt an Land – Obduktion soll Todesursache klären |  STERN.de


    Aber springen wir nochmal einige Wochen zurück, als die ganze Aufregung begann und die Frage, ob der Wal geborgen oder in Frieden gelassen werden sollte, die ganze Nation beschäftigte. In Japan wäre man sich vermutlich schneller einig geworden, was zu tun ist.

    Jedenfalls lag der Wal irgendwann depressiv im flachen Wasser rum und schien nicht mehr wirklich Bock auf sein Waldasein zu haben. Kann ich ja auch irgendwie nachvollziehen, vor allem, wenn man bedenkt, dass Wale ja angeblich ziemlich intelligent sein sollen und sogar in unterschiedlichen Dialekten miteinander kommunizieren. Aber was ist das für ein Leben, als intelligentes Lebewesen den ganzen Tag nur aufgeblasen im Wasser rumzuschwimmen und sonst nichts zu tun zu haben? Biber können sich wenigstens einen Staudamm bauen, Maulwürfe graben Löcher, Stiere können in der Arena antreten, aber Wale schwimmen einfach nur von A nach B und wieder zurück, und fressen dabei alles, was ihnen in ihr Maul schwimmt, bis sie irgendwann von einem Walfänger harpuniert werden. Dafür braucht man eigentlich überhaupt kein Gehirn, und auch keine unterschiedlichen Dialekte. Die Natur ist schon seltsam.

    Aber ich schweife ab.


    Fakt ist, der gute Timmy lag irgendwann erschöpft und entkräftet am Timmendorfer Strand, oder irgendwo da in der Nähe. Daher nannte man ihn auch "Timmy", vermutlich war das aber nicht sein Walname. Die Walsprache ist nur eben viel zu kompliziert und zeitaufwändig. Es dauert über fünf Minuten, seinen Namen auf walisch auszusprechen, und Menschen verkürzen ja alles immer gern... und so nannten sie ihn eben Timmy, und litten fortan vor ihren Fernsehbildschirmen und mobilen Telefonapparaten ganz schrecklich mit ihm mit.

    Und Zynismus mal beiseite: Das ist ja im Grunde auch eine schöne Sache, dass wir, die Krone der Schöpfung, noch so viel Mitgefühl haben, dass wir auch noch etwas für Geschöpfe empfinden können, die uns eigentlich nur als Nahrung dienen sollen.

    Ich will darüber an dieser Stelle überhaupt nicht spotten. Ganz ernsthaft nicht! Wir alle sollten mehr Mitleid mit unseren tierischen Untertanen haben. Und wenn die Helfer es tatsächlich geschafft hätten, Timmy ins weite Meer zu eskortieren und er dort glücklich wie Free Willy zu seiner Walfamilie geschwommen wäre, wäre das ja auch eine schöne Geschichte gewesen, gerade in Zeiten wie diesen, in denen scheinbar jeder nur noch an sich selbst denkt und Solidarität nur noch maximal mit Angehörigen der eigenen Rasse und mit denen, die die gleiche Partei wählen wie man selbst, gepflegt wird.

    Ich habe mir jedoch schon damals, als sie darüber berieten, wie man den faulen Wal am besten zum Weiterschwimmen motivieren könnte, gedacht: Woher glauben diese arroganten Menschen überhaupt, besser darüber Bescheid zu wissen, was der Wal braucht, als der Wal selbst? Vielleicht ist er ja in voller Absicht ins flache Wasser geschwommen, um dort in Ruhe sterben zu können. Man sollte Walen ja nicht die Intelligenz absprechen, gerade, wenn man anderswo ständig davon spricht, wie intelligent die Viecher angeblich sind. In dem Fall hat man aber eher so getan, als ob Timmy total verblödet ist und sein Navi nicht richtig lesen kann, und dass man ihm deshalb als kluger, verantwortungsvoller Mensch den Weg weisen muss. Da kamen dann ja sogar Walpädagogen und verrückte Influenzer, die davon überzeugt waren, mit Walen sprechen zu können. (Vielleicht hätte man noch Uri Geller und Vincent Raven dazuholen sollen, dann hätte es bestimmt geklappt.)


    Wie auch immer... in den meisten anderen Ländern hätte man vermutlich kein so großes Trara veranstaltet, sondern die Sache entweder der Natur überlassen oder dem Wal den Gnadenschuss mit der Bazooka gegeben. Aber wir sind hier in DEUTSCHLAND. Und wo kämen wir denn hin, wenn in DEUTSCHLAND ein Tier mal eben so entscheiden dürfte, sich ab jetzt nicht mehr zu bewegen, seine Tierfunktion nicht mehr zu erfüllen, und stattdessen einfach zu verenden? Das wäre ja noch schöner!!! Wenn sich ein kranker Mensch einfach in den Wald legen würde, um dort friedlich sterben zu können, würde man ihn schließlich auch sofort von da wegholen. Notfalls würden die Handschellen klicken, wenn er sich nicht freiwillig ins Krankenhaus oder das nächste Altenheim abschleppen lassen würde.

    Und so klickten eben dann auch bei Timmy die Handschellen. Man versuchte, ihn zu "aktivieren", und schubste ihn immer wieder sanft in die richtige Richtung, wie einen störrischen Esel. Manche Tiere muss man eben auch zu ihrem Glück zwingen.

    Und wer bin ich, darüber zu urteilen, ob das nun großer Menschenblödsinn war, oder ob es eine realistische Chance gab, dem armen Tier zu helfen? Wenn es funktioniert hätte, wären diejenigen, die gesagt haben, dass das sinnlos ist, am Ende die bösen Miesmacher gewesen, denen man die Schuld daran gegeben hätte, dass nichts mehr vorangeht in diesem Land. Weil aller nur noch die Bedenken sehen und sich keiner mehr traut, die Ärmel hochzukrempeln und den Arm einfach mal tief in den Arsch des Wales zu stecken, bildlich gesprochen.

    Wenn es funktioniert hätte, hätte es so ein Moment wie die erste Mondlandung 1969 sein können, nur eben für Deutschland und nicht für die ganze Welt... so einen Moment, wo alle gemeinsam gebannt vor dem Fernseher sitzen, sich in den Armen liegen und den Atem anhalten, und am Ende stolz darauf sein können, was Angehörige ihrer Spezies erreichen können, wenn nur alle gemeinsam mit anpacken und einander unterstützen.


    Nun kam es aber bekanntlich anders. Dem Wal ist das tiefe Wasser wohl doch nicht so gut bekommen, und er wurde alsbald leblos an Dänemarks Küste angespült. Scheint also im Nachhinein so, dass er doch kein Tollpatsch mit kaputtem Navi war, sondern ein intelligenter Wal, der ganz genau wusste, warum er sich in die flachen Gefilde begeben hat.

    Und das Ganze wäre auch nicht weiter erwähnenswert und nur die übliche Sommerloch-Story gewesen, hätte es da nicht diese Berichte gegeben, dass sich einige Zeitgenossen offensichtlich so dermaßen in diese Walrettung hineinsteigerten, dass sie üble Beschimpfungen und Morddrohungen an Helfer und Politiker verschickten, oder gar vor Gericht zogen, um ihren Willen durchzusetzen. Mir wurden auf YouTube auch Beiträge von irgendwelchen verwirrten Gestalten empfohlen, die mir erzählen wollten, dass man dem Wal ganz bewusst Gift gespritzt hätte. Manche keiften, dass es ein Unding sei, das arme Tier mit diesen Rettungsaktionen zu quälen. Andere schimpften, dass man ihm doch helfen muss, und verklagten die Verantwortlichen wegen unterlassener Hilfeleistung, oder weil sie ihrer Meinung nach genau das falsche taten.

    Ich meine... nüchtern betrachtet... da verreckt ein Fisch. (ok, schon klar, rein biologisch betrachtet gelten Wale als Säugetiere, aber sie stinken nach Fisch und schwimmen im Meer, daher sind das für mich Fische.) So wie es ständig irgendwo passiert, nur dass man es da halt nicht so mitbekommt, weil die nicht in unseren Urlaubsgebieten verrecken.

    Jedenfalls: Da verreckt ein FISCH. Und kultivierte Menschen, die irgendwann mal Schulen besucht und vielleicht sogar einen Abschluss gemacht haben, steigern sich so sehr in diese Geschichte rein, dass sie übereinander herfallen wie wilde Tiere. Das ist das eigentliche Drama dieser kleinen Sommerloch-Story, meiner bescheidenen Meinung nach. Ich hab ja keine Ahnung, was das für Gestalten waren, die sich da so reingesteigert haben. Waren das durchgeknallte Ökos, oder Leute, die die Ökos hassen? Oder esoterische Rechte, die glauben, dass sie von germanischen Walen abstammen?

    Jedenfalls... wie krank und bescheuert muss man denn sein? Wie erbärmlich muss das eigene Leben sein, dass man sich in so eine medial aufgebauschte Story so dermaßen reinsteigert, dass man seine gute Kinderstube verliert und andere Menschen bedroht?


    Aber das Ganze zeigt eben schön, wo wir gesellschaftlich mittlerweile angekommen sind.

    Und hätte die erste Mondlandung nicht 1969 stattgefunden, sondern 2026, so hätten sich die Menschen vermutlich nicht alle friedlich vor dem Fernseher versammelt, sich in den Armen gelegen und andächtig den Atem angehalten. Nein. Vielmehr wäre es zu einer riesigen Schlammschlacht gekommen. Die eine Hälfte der Bevölkerung hätte darüber geflucht, wie es sein kann, dass man zu dem scheiß Mond fliegt, während man gleichzeitig darüber redet, dass man das Rentenalter erhöhen muss, weil der Staat zu wenig Geld hat. Die andere Hälfte hätte den Russen die Daumen gedrückt, dass die es zuerst schaffen. Die dritte Hälfte hätte bestritten, dass der Mond überhaupt existiert, und die vierte Hälfte wäre davon überzeugt gewesen, dass bei der NASA alles nur Idioten sind, weil sie auf YouTube ein Video gesehen haben, in dem erklärt wurde, wie man eine Rakete RICHTIG baut, und dass die NASA das ganz falsch gemacht hat. Und wenn die Astronauten dann schließlich zurückgekommen wären von ihrer Mission, hätten die Menschen auf der Erde längst den Dritten Weltkrieg begonnen, im Streit darum, ob es wirklich Sinn macht, auf dem Mond zu landen.

    Und die Frage, die sich mir gerade stellt, lautet: Ist diese ganze hässliche Entwicklung wirklich nur den neuen sozialen Medien zu verdanken? Kann es sein, so lang es nur zwei Sender gab und im Fernsehen nur gesittete Leute in Anzügen zu sehen waren, die Pfeife rauchend in Zeitlupe über gesellschaftlich relevante Themen laberten, dass diese Ruhe und Langeweile auch auf die Bevölkerung abgefärbt hat? Und nun, wo die Empörungskultur regiert, vervielfältigt sich nur noch die Empörung und die aufgehitzten Emotionen?


    An was erinnert mich das gerade? Ach ja... an das Lied von den 99 Luftballons, und dass sowas von sowas kommt.

    Vielleicht wird der Dritte Weltkrieg ja nicht wegen 99 Lufballons beginnen, nicht wegen Wasserknappheit und nicht wegen den Juden. Sondern wegen einem beschissenen gestrandeten Wal.


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  • Und hätte die erste Mondlandung nicht 1969 stattgefunden, sondern 2026, so hätten sich die Menschen vermutlich nicht alle friedlich vor dem Fernseher versammelt, sich in den Armen gelegen und andächtig den Atem angehalten. Nein. Vielmehr wäre es zu einer riesigen Schlammschlacht gekommen. Die eine Hälfte der Bevölkerung hätte darüber geflucht, wie es sein kann, dass man zu dem scheiß Mond fliegt, während man gleichzeitig darüber redet, dass man das Rentenalter erhöhen muss, weil der Staat zu wenig Geld hat. Die andere Hälfte hätte den Russen die Daumen gedrückt, dass die es zuerst schaffen. Die dritte Hälfte hätte bestritten, dass der Mond überhaupt existiert, und die vierte Hälfte wäre davon überzeugt gewesen, dass bei der NASA alles nur Idioten sind, weil sie auf YouTube ein Video gesehen haben, in dem erklärt wurde, wie man eine Rakete RICHTIG baut, und dass die NASA das ganz falsch gemacht hat. Und wenn die Astronauten dann schließlich zurückgekommen wären von ihrer Mission, hätten die Menschen auf der Erde längst den Dritten Weltkrieg begonnen, im Streit darum, ob es wirklich Sinn macht, auf dem Mond zu landen.

    Das ist gut. Und ein interessantes Gedankenspiel. Woran liegt das eigentlich? Etwa an den Dingen, die wir heute >mehr< haben als die Mneschen damals, in dem Sinne dass die Grundbedürfnisse mehr als genug befriedigt sind und wir uns Gedanken über 'zusätzliches' mahen können? Oder hat sich die Idiotie so wahnsinnig ausgebreitet?

    Oder sind das alles manipulierte Menschen, die auf eine riesige Ablenkungskampagne herein gefallen sind? Schließlich sagt man ja: Wenn es etwas zu verbergen gibt oder die meuternde Herde schon zu den Mistgabeln greifen will, sorge für Ablenkung. Ich bin aber absichtlich nicht up-to-date (zieht mich zu sehr 'runter), daher kann ich mir da kein Urteil erlauben; aber falls da jemand einen Gedanken dazu hat, schaue ich mir das gerne an.

  • Wo Du gerade schreibst, dass der Wal zurück befördert wurde, obwohl man nicht wusste, ob er das will (oder doch?), kam mir das Bild eines Lemmings in den Sinn. Der soll ja auch nicht einfach selbst entscheiden, sondern ist auf göttliches Eingreifen angewiesen.

    Das bringt mich auf eine Idee.. (weiter in einem anderen Thread)

  • Es handelt sich um exakt das, was wir im Parallelthread angesprochen haben: tumbe Emotionalität und Bauchgefühle, die die Vernunft zuschütten, und eine Handvoll Schlaumaier, die es natürlich besser wissen als alle Experten, sprich: ein Schwurblerthema. ;)

    Why do we fall?