Dass Leute heute mehr aufs Handy starren, weniger Bewegung haben und ihre Haltung darunter leidet, dürfte schwer zu bestreiten sein. Andererseits sehe ich auch genügend Vierzig- und Fünfzigjährige, die jede freie Minute über irgendeinem Bildschirm hängen, ihren Kindern das Smartphone als digitalen Schnuller in die Hand drücken und anschließend die Generation TikTok für das Ergebnis verantwortlich machen.
Ein Werkzeug würde ich nicht per se verteufeln. Über Kurzvideos und die perverse Algorithmenlandschaft habe ich mich allerdings schon mehrfach ausgelassen. Wenn man Milliarden investiert, um möglichst viele Menschen möglichst lange an eine Plattform zu ketten, sollte man sich nicht wundern, wenn dabei keine aufgeklärten Renaissance-Humanisten herauskommen. Es handelt sich um nachweislich schädliche und auf Abhängigkeit ausgelegte Mechanismen – entsprechend fände ich deutlich mehr Transparenz seitens der Konzerne und eine wesentlich kürzere Leine durch die Politik angebracht. Die Förderung von Polarisierung, geistiger Verflachung und einer internationalen Empörungskultur ist nicht unterstützenswert.
Ach, und der Nacken wird das vermutlich überleben. Menschen haben jahrtausendelang Wege gefunden, ihren Bewegungsapparat zu ruinieren. Für wesentlich problematischer halte ich die permanente Botschaft an junge Leute, dass sie in einer kaputten Welt leben, keine Perspektiven haben und ohnehin an allem schuld sind. Das erscheint mir langfristig schädlicher als ein paar Grad zusätzlicher Krümmung der Halswirbelsäule. Sie sind nicht diejenigen, die TikTok erfanden.
Ein guter Einwand: Eltern machen es sich nicht selten einfach(er), indem sie die Nachkommen der Ablenkung preisgeben und somit eine frühzeitige Gewöhnung ermöglichen.
Wenn wir uns allerdings schon von der Verallgemeinerung weg bewegen wollen, beleuchten wir am besten auch ein paar Aspekte, die noch fehlen.
Was ist beispielsweise mit gesellschaftlichem Druck beziehungsweise Gruppenzwang? Wenn alle in der Schulklasse ein Smartphone haben außer Timmy, ist das eine Form von Ausgrenzung oder Aussetzen von Spott und Häme? Wie weit sollte der Schutz vor unangemessenen Inhalten gehen?
Inwieweit ist das Smartphone tatsächlich nur ein Werkzeug, wenn es so dermaßen verlockend ist, dass man im Vergleich zu älteren Geräten einen ganzen Schreibtisch füllen könnte bei dem Versuch, vergleichbare Antiquitäten wie Schreibmaschinen und Videokameras zu füllen?
Deinen Wunsch nach Transparenz seitens der Konzerne und eine kürzere Leine durch die Politik verstehe ich nicht. Es wäre nett, wenn Du das erläutern könntest.
Konzerne tun das, was sie da tun, um die Nutzer auf deren Plattformen zu behalten, meines Erachtens sehr gezielt. Wie würde Transparenz hier konkret aussehen?
Politischer Einfluss ist meines Erachtens schwierig zu beurteilen, weil die Grenze der Angemessenheit und der Eigenverantwortung sehr individuell bewertet wird - ja, sogar umstritten genannt werden kann - und es auf beiden Seiten schwerwiegende Argumente gibt.
Gegen Dein Argument zur Gewichtung der Folgen für den Nacken gegenüber der Botschaft bezüglich Schuld und Perspektive ist nichts zu sagen. Aber vielleicht ist es am Ende ausgerechnet ein orthopädisches Problem, das zum Erwachen und Entzug führt?