Es gibt 15 Antworten in diesem Thema, welches 880 mal aufgerufen wurde. Der letzte Beitrag (5. Juni 2026 um 20:15) ist von johnmirra.

  • Dass Leute heute mehr aufs Handy starren, weniger Bewegung haben und ihre Haltung darunter leidet, dürfte schwer zu bestreiten sein. Andererseits sehe ich auch genügend Vierzig- und Fünfzigjährige, die jede freie Minute über irgendeinem Bildschirm hängen, ihren Kindern das Smartphone als digitalen Schnuller in die Hand drücken und anschließend die Generation TikTok für das Ergebnis verantwortlich machen.

    Ein Werkzeug würde ich nicht per se verteufeln. Über Kurzvideos und die perverse Algorithmenlandschaft habe ich mich allerdings schon mehrfach ausgelassen. Wenn man Milliarden investiert, um möglichst viele Menschen möglichst lange an eine Plattform zu ketten, sollte man sich nicht wundern, wenn dabei keine aufgeklärten Renaissance-Humanisten herauskommen. Es handelt sich um nachweislich schädliche und auf Abhängigkeit ausgelegte Mechanismen – entsprechend fände ich deutlich mehr Transparenz seitens der Konzerne und eine wesentlich kürzere Leine durch die Politik angebracht. Die Förderung von Polarisierung, geistiger Verflachung und einer internationalen Empörungskultur ist nicht unterstützenswert.

    Ach, und der Nacken wird das vermutlich überleben. Menschen haben jahrtausendelang Wege gefunden, ihren Bewegungsapparat zu ruinieren. Für wesentlich problematischer halte ich die permanente Botschaft an junge Leute, dass sie in einer kaputten Welt leben, keine Perspektiven haben und ohnehin an allem schuld sind. Das erscheint mir langfristig schädlicher als ein paar Grad zusätzlicher Krümmung der Halswirbelsäule. Sie sind nicht diejenigen, die TikTok erfanden.

    Ein guter Einwand: Eltern machen es sich nicht selten einfach(er), indem sie die Nachkommen der Ablenkung preisgeben und somit eine frühzeitige Gewöhnung ermöglichen.

    Wenn wir uns allerdings schon von der Verallgemeinerung weg bewegen wollen, beleuchten wir am besten auch ein paar Aspekte, die noch fehlen.

    Was ist beispielsweise mit gesellschaftlichem Druck beziehungsweise Gruppenzwang? Wenn alle in der Schulklasse ein Smartphone haben außer Timmy, ist das eine Form von Ausgrenzung oder Aussetzen von Spott und Häme? Wie weit sollte der Schutz vor unangemessenen Inhalten gehen?

    Inwieweit ist das Smartphone tatsächlich nur ein Werkzeug, wenn es so dermaßen verlockend ist, dass man im Vergleich zu älteren Geräten einen ganzen Schreibtisch füllen könnte bei dem Versuch, vergleichbare Antiquitäten wie Schreibmaschinen und Videokameras zu füllen?

    Deinen Wunsch nach Transparenz seitens der Konzerne und eine kürzere Leine durch die Politik verstehe ich nicht. Es wäre nett, wenn Du das erläutern könntest.
    Konzerne tun das, was sie da tun, um die Nutzer auf deren Plattformen zu behalten, meines Erachtens sehr gezielt. Wie würde Transparenz hier konkret aussehen?
    Politischer Einfluss ist meines Erachtens schwierig zu beurteilen, weil die Grenze der Angemessenheit und der Eigenverantwortung sehr individuell bewertet wird - ja, sogar umstritten genannt werden kann - und es auf beiden Seiten schwerwiegende Argumente gibt.

    Gegen Dein Argument zur Gewichtung der Folgen für den Nacken gegenüber der Botschaft bezüglich Schuld und Perspektive ist nichts zu sagen. Aber vielleicht ist es am Ende ausgerechnet ein orthopädisches Problem, das zum Erwachen und Entzug führt?

  • Meinst du zufällig die hier?

    Jetzt bin ich verwirrt... Hatten wir zwischen 2003 und Ende 2004 sogar zwei verschiedene Boards? Und in meiner Erinnerung sah das zweite irgendwie anders aus, aber kann auch sein, dass das nach der langen Zeit einfach täuscht.

    Oder kann es sein, dass das zweite, dieses graue, damals einen anderen (blauen) Style hatte, der nur jetzt nach der langen Zeit nicht mehr abgerufen werden kann? Ich erinnere mich jedenfalls irgendwie überhaupt nicht daran, dass wir damals ein graues Board gehabt hätten.

  • Mehrere styles - auf jeden Fall, ja. Unsere Erinnerungen beziehen sich wahrscheinlich auf das individuell eingestellte und genutzte. Daher wird meine Erinnerung an braunblaue Töne kommen.

  • Jedenfalls interessant, daran erinnert zu werden. Es ist schon ewig her, ich hatte das gar nicht mehr auf dem Schirm, dass wir innerhalb kürzester Zeit mehrmals die Foren gewechselt haben... aber ja, ich glaube, das war tatsächlich so. Hat uns natürlich jedes Mal auch User gekostet. Dennoch hat sich die Unity danach ja dann wieder gefangen, und es kamen auch ohne die Parsimony-Liste genügend neue Leute, die uns vermutlich über Suchmaschinen gefunden haben, oder manchmal auch über die paar anderen Seiten, auf denen wir verlinkt waren, wie z.B. pantheismus.de.

    Das war ja auch noch, bevor es YouTube gab und ich anfing, neue User über meine Videos auf das Forum aufmerksam zu machen.

    Echt bedauerlich, dass es heute auf diese Weise nicht mehr funktioniert, und dass die Suchmaschinen nur noch die größten, kommerziell orientierten Seiten empfehlen, anstatt irgendwas undergroundiges auszuspucken.

    Auch wenn ich selber was suche, ist es ja so, dass ich auf solche oder ähnliche kleine Projekte und Privatseiten kaum mehr stoße, während man früher noch viel mehr nischiges Zeug finden konnte.

  • Was ist beispielsweise mit gesellschaftlichem Druck beziehungsweise Gruppenzwang? Wenn alle in der Schulklasse ein Smartphone haben außer Timmy, ist das eine Form von Ausgrenzung oder Aussetzen von Spott und Häme? Wie weit sollte der Schutz vor unangemessenen Inhalten gehen?

    Naja, ich halte die Vorstellung, dass man ein Individuum durch die bloße Verweigerung zeitgemäßer Kommunikationstechnologie vor den Unbilden der Wert bewahren könne, für eine letztlich naive Form der sozialen Exklusion. Ich plädiere wie immer für eine frühzeitige Aufklärung und kognitive Grundausstattung, anstelle einer bürgerlichen Abschottung, die dem Kind den ohnehin schon prekären Schulalltag weiter erschwert. Ein "angemessener Schutz" vor Inhalten ist nichts weiter als eine Illusion, es ist schlicht unmöglich, eine hermetisch abgeriegelte "Gegenwelt" für sein Kind zu konstruieren.

    Und das wahrhaft zu verteufelnde Übel offenbart sich aus meiner Sicht nicht in der Konfrontation mit expliziten Gewalt- oder NSFW-Inhalten (daran wurde seit den Kindertagen des Netzes sicher kaum jemand psychisch so richtig zerrüttet), sondern in der schleichenden kognitiven Deformation und der Suchtentwicklung.


    Inwieweit ist das Smartphone tatsächlich nur ein Werkzeug, wenn es so dermaßen verlockend ist, dass man im Vergleich zu älteren Geräten einen ganzen Schreibtisch füllen könnte bei dem Versuch, vergleichbare Antiquitäten wie Schreibmaschinen und Videokameras zu füllen?

    Wo bitteschön ist ein Multiwerkzeug weniger Werkzeug als eine Schreibmaschine?


    Deinen Wunsch nach Transparenz seitens der Konzerne und eine kürzere Leine durch die Politik verstehe ich nicht. Es wäre nett, wenn Du das erläutern könntest.

    Insbesondere sollte die Funktionsweise der Algorithmen offengelegt werden, also wie Inhalte priorisiert, gefiltert, geshadowbanned oder gelöscht werden. Bezahlte Kooperationen, Produktplatzierungen, politische Kampagnen, ihre Zielgruppen und wie viel Geld für sie fließt, ebenfalls.

    All diese Dinge haben das Potential, ein Land zu manipulieren und als Waffe im hybriden Krieg eingesetzt zu werden. Stichwort Desinformation, ausländische Einflussnahme, Wahlmanipulation, Untergrabung des Vertrauens in den Staat – also alles, was ein Land mittelfristig destabilisieren kann.

    Und wieso Datenschutz unentbehrlich ist oder warum Monopolstellungen gebrochen werden sollten, muss ich hoffentlich nicht erklären.


    Politischer Einfluss ist meines Erachtens schwierig zu beurteilen, weil die Grenze der Angemessenheit und der Eigenverantwortung sehr individuell bewertet wird - ja, sogar umstritten genannt werden kann - und es auf beiden Seiten schwerwiegende Argumente gibt.

    Dass man das Versagen kollektiver Schutzmechanismen auf die vermeintlich souveräne Eigenverantwortung des Bürgers abwälzt, während wirtschaftliche Interessen die gesamte Architektur unserer Gesellschaft diktieren, ist für mich ein Zeugnis intellektueller Kapitulation. Wenn die Regierung zur bloßen Krisenverwaltung des Kapitals verkommt, während die (psychische) Gesundheit und Bildung der Bevölkerung aufgeopfert wird, entpuppt sich das Gerede von individueller Angemessenheit bloß als zynische Verschleierung der realen Machtverhältnisse. Es gibt keine Legitimation dafür, Akteuren freien Lauf zu lassen, deren Handeln darauf ausgerichtet ist, den Bürger als bloßes Mittel zur Warenproduktion zu fixieren, während mehr als Schaden dabei nicht herauskommt.


    Aber vielleicht ist es am Ende ausgerechnet ein orthopädisches Problem, das zum Erwachen und Entzug führt?

    Nö, glaube ich nicht. Die Annahme verkennt ferner noch die Härte bestehender Verhältnisse.

    In einem System, das die Gesundheit des Einzelnen konsequent den Interessen mächtiger Lobbys unterordnet – man betrachte nur die statistische Relevanz der Zuckerindustrie für die Mortalitätsrate (z. B. durch Herzinfarkte) –, ist körperlicher Verfall kein Weckruf zur Umkehr. :money3:


    In diesem Thread gab es schon mal eine ausführliche Debatte zu dieser Thematik.

    μολὼν λαβέ.

  • Wo bitteschön ist ein Multiwerkzeug weniger Werkzeug als eine Schreibmaschine?

    Ich wollte darauf hinaus, dass dieses kompakte Gerät, das man fast immer und fast überall problemlos dabei haben kann, über seine eigenschaft als "Multiwerkzeug" hinaus auch eine Droge und ein Rückzugsort sein kann. Etwas, das aufgrund ihrer unpraktikablen Anzahl und Größe vergleichbare Geräte früherer Zeiten nicht in diesem Umfang ermöglicht hätten. (Dabei verschmilzt das Smartphone thematisch mit den Inhalten im Internet ebenso wie ein Walkman mit seiner Playlist.)

    Wie würdest Du schleichender kognitiver Deformation und Suchtentwicklung konkret entgegenwirken? Angenommen, wir bleiben bei dem Beispiel vom kleinen Timmy, und geben ihm ein Smartphone, damit die Hänseleien aufhören, aber nun möchte er - so wie alle anderen auch - Tiktok und Snapchat und Instagram haben und sich am liebsten bis in die tiefe Nacht durch die Inhalte scrollen. Würde deine Aufklärung auch bei Kindern schon fruchten, oder hängt es stark von einer gewissen Basis ab, auf der man aufbauen müsste, oder wäre der Suchtfaktor im Allgemeinen ein zu großer Gegner?


    Insbesondere sollte die Funktionsweise der Algorithmen offengelegt werden, also wie Inhalte priorisiert, gefiltert, geshadowbanned oder gelöscht werden. Bezahlte Kooperationen, Produktplatzierungen, politische Kampagnen, ihre Zielgruppen und wie viel Geld für sie fließt, ebenfalls.

    All diese Dinge haben das Potential, ein Land zu manipulieren und als Waffe im hybriden Krieg eingesetzt zu werden. Stichwort Desinformation, ausländische Einflussnahme, Wahlmanipulation, Untergrabung des Vertrauens in den Staat – also alles, was ein Land mittelfristig destabilisieren kann.

    Und wieso Datenschutz unentbehrlich ist oder warum Monopolstellungen gebrochen werden sollten, muss ich hoffentlich nicht erklären.

    Richtig, das erklärt sich von selbst. Allerdings haben Mächte die Gewohnheit, sich möglichst lange zu erhalten und gleichzeitig größtmöglichen Nutzen aus der Position zu ziehen; insbesondere finanzieller Natur. Transparenz stünde dem im Weg. Sprechen wir also von einer idealisierten Welt (das würde einiges ändern) oder von gezielten einzelnen Änderungswünschen am bestehenden System? - Zu meinem Verständnis

    Dass man das Versagen kollektiver Schutzmechanismen auf die vermeintlich souveräne Eigenverantwortung des Bürgers abwälzt, während wirtschaftliche Interessen die gesamte Architektur unserer Gesellschaft diktieren, ist für mich ein Zeugnis intellektueller Kapitulation.

    Bist Du denn nicht für Freiheit statt Vormundshaft? Oder geht es bei dem Satz eher um eine nicht tatsächlich existente Souveränität der Eigenverantwortung der Bürger?
    Ich bin bezüglich wirtschaftlicher Themen auch nicht up-to-date, aber mein letzter Kenntnisstand war, dass die Wirtschaft sich in Deutschland eher beschwert, weil Steuerabgaben, Mieten und Löhne zu hoch sind.


    Was die zynische Verschleierung der realen Machtverhältnisse anbelangt: Es wirkt auf mich ein wenig so als wolltest Du auf Schattenmächte hinaus - stimmt das?

    In einem System, das die Gesundheit des Einzelnen konsequent den Interessen mächtiger Lobbys unterordnet – man betrachte nur die statistische Relevanz der Zuckerindustrie für die Mortalitätsrate (z. B. durch Herzinfarkte) –, ist körperlicher Verfall kein Weckruf zur Umkehr.

    Guter Punkt, wobei in den USA der Zuckergehalt von Cola wohl noch um einiges höher sein soll. Aber da spielen auch wieder Themen wie Souveränität und freie Marktwirtschaft hinein. Könnte man diesen Satz so stehen lassen?: "Würden die Bürger konsequent die Inhaltsstoffe lesen und gesundheitlich abwägen (Interesse daran vorausgesetzt), wären viele Produkte als solche nicht mehr am Markt."


    Das erinnert mich an Nestlé. War es nicht dessen Chef, der natürliche Wasservorkommen als wirtschaftliche Ressource deklariert hatte, um das Einmarschieren in afrikanische Territorien und das Abziehen des Wasser vor Ort zu rechtfertigen? Es gibt da eine Grafik, welche die Vernetzung mit anderen Marken und Firmen zeigt. Ein Boykott wäre wahrlich schwierig, wenn auch nicht unmöglich.


    p.s.: Danke für den Hinweis zu dem thread.