Der Emanzenthread oder: Wörter, die Dian nicht kennt

  • Ich eröffne die Bühne für feministisches Infotainment, da mich Dians Aussage, nicht mit einem Begriff wie 'cis' vertraut zu sein, doch etwas verwundert hat. Zugegeben, bis in die breite Öffentlichkeit hat er es noch nicht geschafft, aber wenn sich Wagenknechts 'skurile Minderheiten' weiter im Diskurs durchsetzen sollten, dürfen wir uns wohl bald damit anfreunden, nicht mehr von Männlein und Weiblein zu sprechen, sondern die Fluidität der Geschlechter abseits jeder Heteronormativität auch in unserem Sprachgebrauch widerzuspiegeln. :beer:


    Wie dem auch sei, ich beginne mit dem sogenannten 'Mansplaining'. Jüngst eröffnete mir ein Bekannter, er hätte sich bei seiner Arbeitskollegin entschuldigt, weil er 'gemansplained' habe. Gemeint ist damit die vermeintlich männliche Eigenschaft, alles besser wissen bzw. aufdringlich erklären zu wollen, insbesondere gegenüber Frauen, selbst wenn diese offensichtlich mehr Expertise besitzen. Das Klischee-Beispiel wäre wohl der Hobby-Mechaniker, der meint, er kenne sich mit Autos besser aus als die KfZ-Mechanikerin. Im Berufsleben ist dies angeblich auch weit verbreitet, Männer werden demgemäß immer automatisch für kompetent oder zumindest kompetenter als Frauen gehalten. Und wenn im Internet jemand alles besser weiß und ständig klugscheißt, muss es sich dementsprechend in den meisten Fällen um einen Mann handeln.

    Ich bin ja eher der Ansicht, dass es es angemessen wäre, den Begriff des 'Activistsplaining' einzuführen, denn die Eigenschaft, ständig andere belehren zu wollen, ist doch vor allem ein Kennzeichen von Polit-Aktivisten - gerade auch im feministischen Bereich.


    Wortverwandt und ebenso ein Verweis auf männliche Aufdringlichkeit ist das sogenannte 'Manspreading'. Okay, ich bekenne mich dessen schuldig, aber es ist einfach bequem. Gemeint ist die männliche Eigenschaft, breitbeinig in öffentlichen Verkehrsmitteln zu sitzen und anderen Menschen damit den Sitzplatz wegzunehmen. Frauen machen sowas nicht ;)


    Das soll's für heute gewesen sein, Fortsetzung folgt...

  • Ich habe ehrlich gesagt den Eindruck, dass diese neuen Begrifflichkeiten für all die recht plötzlich entstandenen Einteilungen in Form von Geschlechtesidentitäten mal wieder viel eher zu einer Aufteilung unserer Gesellschaft führen, als es zu „ermöglichen”, Menschengruppen mit Akzeptanz zu begegnen.

    Gerade aus meinem Standpunkt heraus bekomme ich da ausreichend unter den Judendlichen mit, wie die Intoleranz neuer Bezeichnungen oder gar Pronomen zu Ausgrenzung führt und gegeneinander gehetzt wird, weil sich einer damit schwer tut oder lediglich toleriert, als an großen Protesten teilzunehmen. Es spaltet in allen erdenklichen Formen - von Vorurteilen, über Schubladendenken und bis hin zur Verachtung auf menschlicher Ebene, weil sich eine Menschenseele wörtlich nicht angesprochen fühlte.


    Natürlich, Sprache schafft auch Bewusstsein, doch schaffen wir uns nicht mal wieder prinzipiell Probleme, wo keine sind?

    Vielleicht betrachte ich das Thema sehr pauschal, weil es mir mittlerweile zum Himmel stinkt, aber liebe Leute, es gibt biologisch verschiedene Körper und Fehlentwicklungen und ihr benötigt keine neu-erfundene Sprache, weil es für eure Identifikation noch keine passenden Worte gibt, AKZEPTIERT EUCH ALS MENSCHEN (oder identifiziert ihr euch als Hydranten? ) UND LERNT EUCH WORTLOS OHNE VORURTEILE ZU LIEBEN!

  • Lissaminka: Du hast ja Recht. Ich gestalte diesen Thread mit Absicht (halb-)ironisch, um die Absurdität bzw. Verirrungen von Teilen der feministischen Debatte oder Emanzipationsbestrebungen generell darzustellen.


    In diesem Sinne hast du zwar Recht, aber eben - laut der Aktivistenlogik - eigentlich gar nicht das Recht, deine Meinung zu äußern, zumindest in Bezug auf LGBTQ-Interessen, denn du gehörst schließlich nicht zur Betroffenengruppe. Okay, vermutlich darfst du eher sprechen als ich weißer 'Cis-Dude' ;-)


    So oder so ist beim Diskutieren mit Betroffenen darauf zu achten, das sogenannte 'Tone Policing' zu unterlassen. Gemeint ist eine Kritik am emotionalen oder gar beleidigenden Tonfall des betroffenen Gegenübers. Konkret bedeutet das, dass Opfer patriarchaler Unterdrückung auch mal beleidigen, pöbeln und drohen dürfen, ohne dafür kritisiert werden zu dürfen. Der Hintergedanke ist, dass Betroffene mit 'Tone Policing' in ihrem gerechten Zorn mundtot gemacht werden sollen, damit sich Angehörige des Unterdrückergeschlechts nicht mit den eigentlichen Inhalten auseinandersetzen müssen. Konkret bedeutet das, dass 'Cis-Dudes' eher die Fresse zu halten haben und Betroffene erstmal grundsätzlich Recht haben, wenn es um ihre Belange geht (so wie nach 'Critical Whiteness'-Logik alles rassistisch ist, das 'PoC' als rassistisch bezeichnen).

    Aber wie gesagt, befinden wir uns dank des Queerfeminismus immer in der Situation, dass wir uns schließlich so definieren können, wie wir wollen. Wenn euch also jemensch den Mund verbieten will, dann beruft euch einfach darauf, nicht 'cis' zu sein, und alles sollte im Lot sein und ihr werdet wieder als gleichberechtigter Diskussionspartner angesehen.

  • Ich kann beide Seiten, dass Pro und das Contra von Stimmritzenverschlusslaut:innen gewissermaßen nachvollziehen. Genderdebatte und Identitätspolitik hat schon mehr oder weniger seine Berechtigung. Jeder kann seinen Aktivismus führen, wie er möchte. Nur ich würde mir wünschen, dass dies auf beiden Seiten mit mehr Vernunft und Anstand geführt wird. Ansonsten ist mir diese Debatte recht gleichgültig mittlerweile. Ich gender wenn & wann ich es für mich persönlich angebracht halte und wenn ich merke, dass jemand darauf Wert legt für sich selber, dann tue ich dieser Person natürlich auch diesen Gefallen. So einfach ist das.

  • UND LERNT EUCH WORTLOS OHNE VORURTEILE ZU LIEBEN!

    Mir gefällt deine Einstellung. Oi! Ich beschreibe mich einfach so: ich bin soft/süß statt männlich und in nem Männerkörper geborn. Identität mag ich nicht so, eher Individualität.


    Auch wenn das nicht so einfach mit selbst lieben geht weil ein Hirn von der normativen Masse im Verlauf des Lebens gewaschen wird.

  • So oder so ist beim Diskutieren mit Betroffenen darauf zu achten, das sogenannte 'Tone Policing' zu unterlassen. Gemeint ist eine Kritik am emotionalen oder gar beleidigenden Tonfall des betroffenen Gegenübers. Konkret bedeutet das, dass Opfer patriarchaler Unterdrückung auch mal beleidigen, pöbeln und drohen dürfen, ohne dafür kritisiert werden zu dürfen. Der Hintergedanke ist, dass Betroffene mit 'Tone Policing' in ihrem gerechten Zorn mundtot gemacht werden sollen, damit sich Angehörige des Unterdrückergeschlechts nicht mit den eigentlichen Inhalten auseinandersetzen müssen. Konkret bedeutet das, dass 'Cis-Dudes' eher die Fresse zu halten haben und Betroffene erstmal grundsätzlich Recht haben, wenn es um ihre Belange geht (so wie nach 'Critical Whiteness'-Logik alles rassistisch ist, das 'PoC' als rassistisch bezeichnen).

    Aber wie gesagt, befinden wir uns dank des Queerfeminismus immer in der Situation, dass wir uns schließlich so definieren können, wie wir wollen. Wenn euch also jemensch den Mund verbieten will, dann beruft euch einfach darauf, nicht 'cis' zu sein, und alles sollte im Lot sein und ihr werdet wieder als gleichberechtigter Diskussionspartner angesehen.

    Huch ja, joa wollt ja hierzu was sagen. Ich sehe das eher zerrissen. Schwierig. :hmm:


    Ich würde sagen, dass manche, unmöglichen Männer (zum Teil auch gewaltbereite/-verherrlichende Frauen) schon so ne Kritik auf die Nuss brauchen, weil sich in dem Kontext auch die nötige Distanz und Ausgrenzung überlebenswichtig herausstellt, da unter anderem der Missbrauch gegen eine Minderheit / Frau erfahrungsgemäß nicht von selbst aufhört. Minderheiten werden halt heftig asozial bedroht und erfahren abgefuckte Gewalt, gegen die sie sich alleine wenig aussetzen können aufgrund der Kräfteverhältnisse. Darüber hinaus ist es ja auch so, dass sie von der Gesellschaft halt eher im Stich gelassen werden gerne unter der Prämisse der Opfer/Täter Umkehr, "sie seien ja selbst schuld" und so Fez. (Dabei muss ich auch betonen, dass die rechte Szene das ja immer gerne exakt andersherum skandiert, in der Art, dass die (entfremdeten) Minderheiten eine böse Mehrheit seien, die die Gesellschaft und idiotischen Altbacken Werte bedroht. Leider wird das vonseiten unreflektierter Leute immer wider allzu oft geglaubt / geködert.)


    Und joa da kann ich die Ohnmacht nachvollziehen. Hat ja leider nicht jede/r so eine geniale Kraft sich cooler / lockerer zu geben, sprich da platzt irgendwann der Kragen. Andererseits brechen viele Menschen auch einfach zusammen und ziehen sich infolgedessen zurück = sie lassen sich weiterhin viel gefallen. Von denen sieht man dann kaum was.

  • schrecki: Ich denke nicht, dass diese Art des Diskurses oder der Kritik besagte 'unmögliche Männer' (oder Frauen) erreicht. Ich verstehe schon den Ansatz: Angestrebt wird eine Art Kulturrevolution, um das, was als Norm gilt, völlig umzuinterpretieren. Ich bezweifle aber, dass das so funktionieren kann. Die ganzen Debatten mit all den neuen Kategorien und Begriffen werden doch in einer 'woken' Blase geführt. Letzten Ende läuft es doch darauf hinaus, Menschen, die ohnehin schon 'bauchlinks' bzw linksliberal ticken, auf ihre vermeintlich nicht reflektierten rassistischen oder patriarchalen Verhaltensweisen aufmerksam zu machen. Das Ergebnis ist eine hypersensible Subkultur, in der jedes Wort auf die Goldwaage gelegt wird und Menschen, die sich nicht 'emanzipatorisch' genug verhalten, belehrt oder 'educated' werden. Mit dem Ergebnis, dass sich Menschen voneinander abwenden, die eigentlich auf der 'selben Seite' stehen. Diejenigen, die tatsächlich Hass und Gewalt gegen Minderheiten predigen oder praktizieren, werden von diesem Diskurs überhaupt nicht tangiert.