Nestor Makhno - Anarchy in the UKraine

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  • Nestor Makhno hat bewiesen, dass Anarchie funktionieren kann. Leider ist diese Tatsache komplett in Vergessenheit geraten, genau wie der Mann selbst.
    Eigentlich müsste er heute populärer sein als Che Guevara, denn anders als Che hat er wirklich für eine komplett andere Ordnung gekämpft, und nicht nur für einen Regimewechsel. Und wie man so hört, soll das neue System ja auch eine Zeit lang recht gut funktioniert haben... bis sie dann eben aufgerieben worden sind zwischen den Großmächten der Geschichte.
    Wen es interessiert, hier eine kurze Zusammenfassung:


    Weiß jemand zufällig, ob es einen Film über sein Leben gibt, der sich anzuschauen lohnt? In der Doku sieht man ab und zu ein paar Ausschnitte aus diversen Filmen, aber ich frage mich, ob die auch was taugen, da die meisten alten russischen/sowjetischen FIlme, die ich so kenne, doch nach heutigen Maßstäben meist recht dröge und wenig unterhaltsam sind.

  • Irgendwer sollte ein Lied über den Mann schreiben! :huntsman:
    Klingt nach einem neuen Job für die Anarchonauten. ^^  
    Ich hab mich gestern mal spontan hingesetzt und ein paar Lyrics verfasst... hab so ein paar Ideen im Kopf, und ja, ich denke, das könnte funktionieren. Also dann habt ihr ja jetzt schonmal so eine ungefähre Vorstellung, was die nächste Anarchonauten-Single sein könnte. Irgendwann im Lauf des Jahres, schätze ich mal. Aber nagelt mich nicht drauf fest, falls es nix wird. :whistling:

  • Äh, es existiert bereits ein sehr bekanntes Lied über den Herrn:


    Und wie ich im anderen Thread schon geschrieben habe: Hier haben wir ein gutes Beispiel, was Anarchismus in Ausnahmesituationen tatsächlich sein kann - die gewaltsame Überwindung der alten Ordnung und die Etablierung einer neuen, insgesamt freieren Gesellschaft ohne Leibeigentum und Knechtschaft. Die Reaktionäre haben die Anarchisten jedoch nicht davonkommen lassen, sprich es war weder gewaltfrei noch völlig auf Freiwilligkeit aufgebaut. Wieso sollen wir das heute verklären?


    Auch lesenswert zum Thema: Machnos Gewalt und die Kritik von Anna Saksaganskaja – graswurzelrevolution
    (Ich teile den graswurzel-Pazifismus nicht, sondern teile das hier nur, um gängigen Illusionen entgegenzuwirken, da hier manche bekanntlich schon ein Problem damit haben, wenn Nazis verdroschen werden - aber Makhno cool finden ;))

  • Ein pazifistischer Friedensengel dürfte Nestor Makhno ganz sicher nicht gewesen sein. ;)
    Aber in dem oben erwähnten Artikel kommt er schon ein bisschen arg negativ weg... wie in mancher ukrainischer Propaganda vielleicht auch ein bisschen zu positiv. Ich denke mal, die Wahrheit dürfte vermutlich irgendwo dazwischen liegen. Außerdem sollte man nicht vergessen, es waren damals harte Zeiten, und ein Menschenleben galt nicht viel. Da ist keine Seite besonders zimperlich vorgegangen, und wer seine Gegner nicht als erstes ausgeschaltet hat, der wurde von ihnen ausgeschaltet.


    Was mich an der Gestalt Nestor Makhno reizt, ist aber auch gerade diese Widersprüchlichkeit, und sein Aufstieg aus dem Nichts ganz nach oben, nur um dann am Ende einsam und vergessen im Exil zu sterben. Das ist eigentlich der Stoff, aus dem richtig große, epische Filme gemacht sind. Ich rede nicht von billigen russischen TV-Filmen, sondern eher sowas wie Lawrence von Arabien, eben richtig großes episches Hollywood-Kino. Allein schon die Story, wie er sich an denen rächt, die ihn verraten haben, kann ich mir verdammt gut auf der großen Leinwand vorstellen. Und ich finde es eben sehr schade, dass man sowas nicht mal richtig episch verfilmt, anstatt den 30. Marvel-Film mit der immer gleichen Story alle paar Monate erneut auf das Publikum loszulassen.
    Es könnte die ultimative Heroic-Bloodshed-Gangster-Geschichte werden, gemischt mit einer großen Portion Gesellschaftskritik und melancholischer Partisanenromantik. Also eigentlich ganz ähnlich wie in meinen Romanen. Vielleicht sollte ich ihm einfach in einem zukünftigen Werk mal einen kleinen Gastauftritt geben. :huntsman:

  • Meine Bewertung Makhnos ist nach wie vor eher positiv, vor allem vor dem Hintergrund, was an Alternativen in der Zeit während und nach dem 1. WK so rumgezogen ist. Sich vor der Realität verschließen zu wollen erinnert mich an gewisse demokratische Idealisten, die von den Werten der Französischen Revolution reden, aber den Großen Terror entweder außen vorlassen oder als reine Verfehlung sehen wollen, anstatt einzugestehen, dass neu entstehende Ordnungen eben meistens mit Schmerzen geboren werden.
    Das ganze scheinheilige Gefasel, man sei ja nicht besser als die Gegenseite, wenn man sich teils ähnlicher Methoden bedient, setzt sich ja quer durch die politischen Lager fort. Gerade in Deutschland haben demokratische Gutmenschen ja den Luxus, dass ihnen ihre Demokratie von den Siegermächten geschenkt wurde und sie daher ausblenden dürfen, was zu deren Erhalt vor allem in den Anfangsjahren eventuell nötig gewesen wäre.

  • Ein pazifistischer Friedensengel dürfte Nestor Makhno ganz sicher nicht gewesen sein. ;)
    Aber in dem oben erwähnten Artikel kommt er schon ein bisschen arg negativ weg... wie in mancher ukrainischer Propaganda vielleicht auch ein bisschen zu positiv. Ich denke mal, die Wahrheit dürfte vermutlich irgendwo dazwischen liegen. Außerdem sollte man nicht vergessen, es waren damals harte Zeiten, und ein Menschenleben galt nicht viel. Da ist keine Seite besonders zimperlich vorgegangen, und wer seine Gegner nicht als erstes ausgeschaltet hat, der wurde von ihnen ausgeschaltet.

    Aber hier muss man doch zwei Dinge auseinanderhalten: Was an der Gewalt war Exzess, also den Umständen geschuldet (und wohl in vielen Fällen auch notwendig), und was war der Ideologie inhärent? Beispiel: Umgang mit Regelverstößen (Hinrichtung). Wie genau soll das in einer anarchistischen Gesellschaft gehandhabt werden und sollte man, wenn man Machkno positiv erwähnt, das nicht als einen der ersten Punkte diskutieren?
    Ein anderes Beispiel: Was ist dran an dem Vorwurf des Primitivismus? Ist diese Form des Anarchismus im Grunde konservierend bis regressiv? Also Ablehnung von Fortschritt und so eine Art Landkommunengesellschaft? Von anderen Punkten fang ich gar nicht erst an (patriarchale Familie).
    Was ist also genau die Lehre, die wir für uns heute aus der Sache ziehen können? Die Sprache des "Volkes" sprechen, okay. Auch ein bißchen ambivalent, weil das anscheinend auch beinhaltet hat, die antisemitischen Pogrome als spontanen Ausbruch des Volksempfindens hinzunehmen (Makhno wäre mir noch ein gutes Stück sympatischer, wenn er Verantwortliche hierfür ebenfalls geköpft oder abgeknallt hätte, wie er es wohl mit Dieben und Deserteuren gemacht hat).


    P.S. Ich bezieh mich hier auf deine These: 'Makhno hat bewiesen, dass Anarchie funktionieren kann.'
    Dass er 'ne coole Sau war und einen eigenen Film verdient hat, da sind wir uns, denke ich, einig.;)

  • @ Lonewolf: Vielleicht sollte man sozusagen "den Akt der Revolution" und das spätere Zusammenleben unterscheiden.
    Ich habe gelesen, dass die ukrainischen Anarchisten die Region befreit haben, um dort mit dem Aufbau des libertären Gemeinwesens nach den Ideen Kropotkins zu beginnen. Ist das soweit richtig?


    In dem Comic V wie Vendetta hat V mal was Cooles zu dem Thema gesagt. (vor der Revolution, nach der Revolution) Ich such die Stelle mal bei Gelegenheit raus. Natürlich wurden solche Stellen nicht verfilmt :D


    Nachtrag: Zitat V : "Die Anarchie hat zwei Gesichter. Sie schafft und zerstört."
    "Sie zerstört und stürzt die Reiche, schafft aus dem Schutt ein glattes Tuch,
    auf dem die Schöpfer dann errichten eine neue bessre Welt"
    "Auf diesem Schutt wird`s neue Ruinen nicht mehr geben"
    "Also hinfort mit unserem Sprengstoff! Hinfort mit unseren Zerstörern!
    Sie haben keinen Platz in uns`rer besseren Welt."
    "Doch lasst uns heben unsre Gläser auf die Bomber,
    all die Bastarde, von niemandem geliebt, denen nicht zu vergeben ist."
    "Stoßen wir an auf sie und lasst sie uns vergessen."

  • @ Lonewolf: Vielleicht sollte man sozusagen "den Akt der Revolution" und das spätere Zusammenleben unterscheiden.

    Du meinst so wie der Sozialismus marxistisch-leninistischer Prägung, wonach erstmal die Diktatur (des Proletariats bzw. der Partei) kommt, und später irgendwann dann der Kommunismus?;-) Ich muss da immer an Fidel in seinem Kampfanzug denken, der ja versinnbildlichen sollte, dass der Kampf nach wie vor nicht vorbei ist.
    Eigentlich ist das etwas, das der Anarchismus immer von sich gewiesen hat (also dessen Vertreter). Murray Bookchin nannte das die Embryo-Theorie des Marxismus, wonach die neue Welt quasi im Mutterleib darauf wartet, geboren zu werden. Hingegen muss der Anarchismus, soweit irgendmöglich, bereits unmittelbar verwirklicht werden.
    Schwierige Frage, wenn man sich zudem im Krieg befindet. Eventuell endet der Krieg ja nie wirklich, vor allem, wenn man von Feinden umgeben ist.


    Ja, der Haupteinfluss Makhnos waren wohl Kropotkin und Bakunin. Aber der Vorwurf des Primitivismus ist damit nicht aus der Welt. Ich muss mich allerdings damit noch mehr auseinandersetzen. Doch die Frage bleibt, wie man - gerade zur damaligen Zeit - als reine Bauerngesellschaft hätte überlebensfähig bleiben können.


  • Was ist dran an dem Vorwurf des Primitivismus? Ist diese Form des Anarchismus im Grunde konservierend bis regressiv? Also Ablehnung von Fortschritt und so eine Art Landkommunengesellschaft? Von anderen Punkten fang ich gar nicht erst an (patriarchale Familie).

    Man wird es nie erfahren, weil es eben nur ein paar Jahre waren, in einer gänzlich chaotischen und "primitiven" Zeit. In manchen Gegenden dort gab es ja fast noch Leibeigenschaft, und als einzige Alternative dazu die gleichmacherischen Sowjets, die Bauern zwangsumgesiedelt haben und notfalls einfach verhungern ließen.
    Dass die Ideen Makhnos da bei den Bauern auf fruchtbaren Boden stießen, ist wahrlich nicht verwunderlich.
    Die Frage ist eben, wie es in Friedenszeiten weitergegangen wäre, wenn sie die Chance dazu bekommen hätten. Und da bin ich auch etwas skeptisch, ob es nicht in einer Art Bauern-Diktatur geendet wäre, wo man zwar offiziell machen darf, was man will, aber jeder suspekt oder unbäuerlich wirkende Zeitgenosse einfach totgeschlagen worden wäre, wenn er ein bisschen zu marxistisch, intellektuell oder dekadent gewirkt hätte.
    Das Problem sehe ich da vor allem darin, dass die Ideologie beim einfachen Volk wohl wirklich eher eine untergeordnete Rolle gespielt hat, weil man rein pragmatisch dachte. Hauptsache was zum Fressen haben und von Makhnos Leuten etwas weniger schikaniert werden als von den Weißen oder den Roten. Vermutlich bräuchte es schon etwas mehr anarchistische Ideologie/Philosophie, um auch in Friedenszeiten zu verhindern, dass wieder die alten Machtgelüste und die Gier der Menschen zum Vorschein kommt.

    Sich vor der Realität verschließen zu wollen erinnert mich an gewisse demokratische Idealisten, die von den Werten der Französischen Revolution reden, aber den Großen Terror entweder außen vorlassen oder als reine Verfehlung sehen wollen, anstatt einzugestehen, dass neu entstehende Ordnungen eben meistens mit Schmerzen geboren werden.

    ...mit Schmerzen geboren werden, und meistens dann auch wieder scheitern bzw. zu großen Teilen wieder relativiert werden, weil man gar nicht so viel reaktionär denkende Menschen totschlagen kann, wie aus der rachsüchtigen Masse der Trauernden nachrücken werden.
    Deshalb bin ich auch generell sehr desillusioniert, was Gedanken an eine "Revolution" angeht. Also mal realistisch betrachtet. Angenommen, es gibt eine linksradikale/anarchistische Revolution. Ok, die Nazis würde man aufknüpfen, weil die halt erstmal alle weg müssen. Angenommen, man könnte sich darauf sogar einigen. Aber dann gäbe es immer noch genügend Bürgerliche aus der Mitte, die eigentlich keine Rassisten oder Faschisten sind, aber sich trotzdem ihre Privilegien und ihren Wohlstand nicht nehmen lassen, und sich dann vermutlich auch radikalisieren und militarisieren würden, um sich gegen die Revolutionäre zu wehren. Und spätestens, wenn man versuchen würde, die auch alle aufzuknüpfen, wären die ganzen Ideale von Toleranz und Vielfalt ad absurdum geführt und man wäre doch wieder nur ein weiteres gleichmacherisches Unterdrückungsregime wie alle anderen auch.
    Also ich sehe da nicht wirklich einen realistischen Weg. Aber ein Anfang wäre zumindest mal, wenn die anarchistischen Bemühungen in der Ukraine oder in Spanien etwas mehr ins Licht der Öffentlichkeit gerückt werden würden, gerne auch durch Filme oder Computerspiele... damit zumindest wenigstens mal darüber geredet bzw. nachgedacht werden würde. Jede Bewegung braucht ihre Helden bzw. Ikonen, als Identifikationsfigur, oder meinetwegen auch um sich daran zu reiben, weil es sehr widersprüchliche Helden sind.