Soziale Pornographie

    • Herzlich Willkommen im Unity-Forum, Daryus! Und danke, dass du anscheinend ein bisschen Qualität und Niveau mitgebracht hast. :thumbsup:

      Ich hab ja immer so ein wenig Angst, wenn sich jemand hier neu anmeldet und uns gleich sein Manifest vorstellen möchte, dass das mal wieder nur so ein Spinner aus dem Internet ist, der sich aus ein paar Verschwörungstheorien ein Weltbild zusammengebastelt hat, und jetzt die ganze Menschheit mit seinen unausgegorenen Weltverbesserungsideen beglücken möchte.
      Von daher war meine Herangehensweise an deinen Text auch eher "Mal schauen, wie hoch der Fremdschämfaktor sein wird." (man hat eben schon so seine Erfahrungen gemacht)
      Ich war dann aber angenehm überrascht, dass dein Manifest erstens ziemlich gut geschrieben ist, und zweitens auch noch in großen Teilen mit meinem Gedankengut übereinstimmt.
      Gerade die Kapitel zu Politik und Religion und das abschließende Fazit haben mich doch ziemlich an mein eigenes Werk "Die Unity-Philosophie" erinnert.
      Also klare Empfehlung an alle, denen die Unity-Philosophie gefallen hat:
      Die oben verlinkten pdf's sind durchaus anklickens- und lesenswert!

      Wenn es auch ein bisschen Kritik sein darf:
      - Viele Schreibfehler habe ich nicht gefunden. Irgendwo stand mal "das" statt "dass", aber frag mich nicht mehr, wo das war.
      - Waren es wirklich 10 Todsünden? Oder hast du das mit den Geboten verwechselt? Ich meinte, es waren 7 Todsünden und 10 Gebote. Aber vielleicht irre ich mich ja auch, da ich üblicherweise nur in betrunkenem Zustand in Kirchen gehe.
      - Das einzige, was ich definitiv etwas verändern würde, ist das erste Kapitel:
      Vielleicht das Vorwort etwas länger gestalten... möglicherweise auch mal erklären, was es genau mit dem Begriff der "sozialen Pornographie" auf sich hat, und warum du das Manifest so genannt hast. Gibt es dafür eine Erklärung?
      Und vor allem würde ich an deiner Stelle nicht mit dem Justizsystem als erstes Kapitel anfangen. Ich persönlich kann dein Plädoyer für Selbstjustiz zwar durchaus nachempfinden... aber es schreckt glaube ich eher viele Freigeister ab, wenn es auf den ersten Seiten erstmal darum geht, dass die Strafen für Verbrecher zu lasch sind. Und das mit dem "Wiedergutmachung statt Strafe" solltest du vielleicht auch noch etwas deutlicher erklären. Aber generell ist das Kapitel eigentlich schon fast zu lang. Also ich finde das, was du über Politik und Religion schreibst und über die ganzen Verblödungs-Mechanismen, jedenfalls wichtiger... und würde diese Kapitel daher auch eher etwas weiter vorne bringen, gleich nach dem Vorwort.

      Das war erstmal alles, was mir so dazu einfällt. Ich hoffe, es kommen auch noch ein paar mehr Rückmeldungen von anderen Usern.
      Aber erwarte besser nicht zu viel. Das Forum befindet sich gerade mal wieder im Winterschlaf, und ich bin auch erst vor kurzem wieder zurückgekommen. (Aber ich werde schauen, dass ich mich in Zukunft wieder etwas regelmäßiger beteilige)
    • Also das angesprochene Buch "Die Unity-Philosophie" kannst du dir hier anschauen:
      2008_die_unity_philosophie_-_gedanken_fuer_eine_bessere_welt.pdf
      Ich empfehle etwa das Kapitel "Heiliger Schein", das sich mit Religion befasst, und wo ich doch ganz ähnliche Gedanken äußere wie du in deinem Kapitel zur Religion.

      Wobei ich die Unity-Philosophie inzwischen eher mit gemischten Gefühlen betrachte. Haben mir glaube ich auch früher ein paar Fans der ersten Stunde übel genommen, dass der Autor von eher düsteren, misanthropischen und gewalthaltigen Jugendromanen sich plötzlich auch noch unter die zahlreichen "Welterklärer" und "Aufklärer" mischt, als ob es davon nicht schon genug geben würde. ;) Aber ich fand den Gedanken eben schön, dass ich mein komplettes Weltbild in Buchform vorliegen habe und es jedem, den es interessiert, einfach zum Lesen geben kann. Das erspart einem viel Erklärungsarbeit.
      Müsste ich mich für irgendwas entscheiden, schlägt mein Herz aber vor allem für die Romane, die ich geschrieben habe. Da steckt noch viel mehr Emotion und Persönlichkeit von mir selbst drin, und weniger abstrakte Theorie.
      Naja, falls es dich interessiert, schau einfach mal hier:
      Romane | Dian The Saint
    • Mach dir keine Sorgen, ich habe kein Problem mit Kritik. Ich habe nur noch nicht ganz verstanden, was genau du jetzt eigentlich kritisiert hast. ;)
      Dass die Unity-Philosophie zu lang ist? Zu umfassend? Dass dem Leser zu viel vorgekaut wird?
      Ich gebe zu, mich kurz zu fassen ist eine Kunst, die ich nicht unbedingt perfekt beherrsche. (Das sieht man schon bei diversen ewiglangen Mails, die ich manchmal schreibe, oder bei manchen Songtexten der Anarchonauten)
      Aus Angst davor, falsch verstanden zu werden, werde ich gerne mal etwas ausführlicher. Außerdem war es mir ein Anliegen, aufzuzeigen, dass es eben nicht so einfach ist, mal eben das Geldsystem zu ändern, oder das Schulsystem, oder die Religionen abzuschaffen, und schon leben wir alle im Schlaraffenland... sondern dass eben alles miteinander zusammenhängt, und dass man die Probleme in ihrer Gesamtheit betrachten muss. Und so kam beim Schreiben eben ein Kapitel zum anderen. Also ich wollte nicht den Lesern möglichst viel eigene Denkarbeit abnehmen. Ich wollte nur eben etwas anderes machen als die üblichen eindimensionalen Antworten zu liefern a la "Der Kapitalismus (bzw. "Das System) ist an allem Schuld".
      Und für die Leute, denen das zu umfangreich ist, habe ich ja unter anderem meine Videos gemacht, die sich dann nur einem bestimmten Thema widmen, oder manches auch etwas stärker vereinfachen.

      Nebenbei bemerkt würde ich an dieser Stelle gerne mal die provokante These aufstellen:
      Wer nicht bereit ist, 200 Seiten zu lesen, der liest auch keine 23. Der schaut sich auch nichtmal eines meiner Videos bis zum Ende an.
      Solche Menschen wählen dann aber sowieso lieber die AfD, weil die AfD im Zweifelsfall immer noch besser im Vereinfachen ist, als du oder ich es je sein könnten. :P
    • Wer will denn schon gerne "aufgeklärt" werden? Hier liegt doch schon das Problem: schulmeisterliche Besserwisserei kommt einfach nicht gut an. Was Demagogen erfolgreich macht, ist, dass sie an niedrige Instinkte appellieren und die menschliche Niederträchtigkeit nicht nur ausnutzen, sondern ihr zur Legitimität verhelfen.
      Die Suche nach einer "besseren Welt" muss man schon selbst anführen, um glaubhaft zu sein. Und an diesen gangbaren Alternativen fehlt es heute wohl.
      Ich habe es ja im Anarchismus-thread schon geschrieben: Es wird eine Menge Bauchpinselei mit Begriffen wie "Anarchie" oder "Systemgegnerschaft" betrieben.

      Ich empfehle, einfach mal einen Blick auf diese Doku zu werfen:


      Menschen, die sich in der Geschichte als Anarchisten und Revolutionäre hervorgetan haben, taten dies unter großen Opfern. Sie saßen nicht (nur) in Provinznestern und dunklen Kellern und haben Pamphlete verfasst, sondern sie haben Aufstände angezettelt, Menschen begeistert und organisiert oder sich der Propaganda der Tat hingegeben.
      Es reicht eben nicht, "Recht zu haben". Man muss schon auch in irgendeiner Form selbst ein Beispiel geben. Oder man hat das Glück, dass die eigenen Gedanken angesichts der historischen Umstände auf fruchtbaren Boden fallen (wie bei Rousseau und der franz- Revolution beispielsweise). Dieses Glück haben wir aber heutzutage eher nicht.
      Why do we fall?
    • Du musst dich nicht persönlich angegriffen fühlen. Ich werfe gerne allgemeine Kritik in dieses Forum und schaue, ob was kleben bleibt ;) Wenn du meinst, dass du etwas zu der denkbaren Welt beiträgst, wie du sie dir wünschst, ist das doch schön.
      Deine Texte lese ich mal bei Gelegenheit durch, versprochen. Ich bin übrigens weder vegan noch adoptiere ich irgendwelche Kinder ;) Und mit der Friedensbewegung demonstriere ich auch nicht mehr - bin ja auch kein Pazifist.
      Natürlich spielt Aufklärung, besser gesagt Propaganda, eine wichtige Rolle. In Spanien war aber wohl die praktische Organisierung der Arbeiterschaft das Entscheidende, um zumindest mal dem Faschismus anfangs Widerstand leisten zu können. Mit Rojava verhält es sich heute ähnlich - dahinter steht lange Vorbereitung und praktisches Geschick! Das Gegenbeispiel wären alle die progressiven Straßenbewegungen, die viel demonstrieren und schöne Texte schreiben, aber sich im Zweifelsfall organisatorisch nicht durchsetzen können. So steht am Ende der Revolte der Sieg der Konterrevolution, siehe aktuell den "arabischen Frühling" oder historisch den Sieg der Ajatollahs im Iran.
      Auch aus der Ukraine war von einigen anarchistischen Gruppen zu lesen, dass die mangelnde taktische Ausrichtung der Linken der Grund für die starke Präsenz faschistischer Gruppen bei den Maidan-Aufständen war. Die Intellektuellen und Freigeister sind eben am Ende die ersten, die von den Männern in den schwarzen Geländewägen abgeholt werden.

      Das "Problem" ist, dass es keine Wahrheiten gibt, sondern nur Interessen und Entscheidungen. Das meine ich damit, wenn ich sage, dass es nicht ausreicht, "Recht zu haben".
      Why do we fall?
    • Natürlich ist die geistige Vorarbeit essentiell, auch wenn viele revolutionäre Denker natürlich auch zugleich Handelnde waren. Und es ist natürlich schon revolutionär, wenn man überhaupt erst die Möglichkeit schafft, dass Informationen zu den Menschen gelangen können, sei es durch Druckerpressen oder die Alphabetisierung der Bevölkerung.
      Heute kann ich mir doch wirklich die Quellen aussuchen, denen ich Glauben schenken will. Und wenn Menschen lieber die Bild-Zeitung konsumieren, ist das deren freie Entscheidung, niemand zwingt sie dazu. Ähnliches hab ich ja schon im Parallel-Thread zu Kritik an den Massenmedien geschrieben.
      Aufklärung, Propaganda - Cui bono? ist doch die eigentliche Frage. Dass man heute Propaganda als negativen Begriff auffasst, ist eben eine Sache des Diskurses. Andere verwenden ihn völlig wertfrei.
      Es gibt einen Unterschied zwischen deskriptiven und normativen Aussagen. Wer für sich in Anspruch nimmt, die 'Wahrheit' auszusprechen, vermengt meist bewusst oder unbewusst diese beiden Bereiche. Es ist auch 'wahr', dass Euthanasie oder Genozide mitunter für bestimmte Gruppen sehr große Vorteile bieten. Man muss eben auch Wertentscheidungen treffen und diese durchsetzen können.
      Auch gibt es Grenzen der Aufklärung. Ebenso wie eine Dialektik der Aufklärung. Ganz so leicht wie das Beispiel mit dem Weihnachtsmann ist es eben leider nicht.
      Why do we fall?
    • Wie gesagt, eigentlich muss sich niemand angegriffen fühlen. Ich will auch nicht, dass das, was ich hier schreibe, übermäßig zynisch rüberkommt. Ich halte es eben mit der Aufrichtigkeit, und Propaganda ist erstmal kein negativer Begriff für mich. Und wenn jemand gute Strategien entworfen hat, um z.B. Menschen zu manipulieren, dann lese ich mir das auch gerne durch, vielleicht lerne ich ja was draus, das sich anwenden lässt. Denn wie gesagt: Cui bono? (Okay, das klingt jetzt wirklich etwas zynisch ;-))

      Und meine Aussagen oben sind rein deskriptiv, ob du das jetzt als Aufklärung oder Propaganda betrachten würdest, hängt eben davon ab, welcher der beiden Begriffe am ehesten für eine reine Beschreibung steht - wahrscheinlich tatsächlich die Aufklärung, wobei sich natürlich auch hier wieder sagen lässt, dass es im Grunde keine wertfreie Aufarbeitung von reinen Fakten gibt.
      Ich kann noch mehr abstrakte Begriffe in den Raum werfen und feststellen, dass ich eher Existentialist als Essentialist bin (der Unity-Ismus neigt übrigens eher zum essentialistischen). Und als Existentialist lege ich keinen so großen Wert auf "Wahrheit", sondern eher auf den "Willen zur Macht", auch wenn ich zu ganz anderen Schlüssen komme als z.B. Nietzsche.
      Why do we fall?
    • Wobei man eben auch sehen muss, dass Lügen leider sehr oft sehr gerne geglaubt werden, wenn sie dem eigenen Ressentiment gerecht werden. Das gehört zur Problematik "Grenzen der Aufklärung".
      Womit sich die Frage stellt: Was kann man gegen das Ressentiment, gegen hasserfüllte Ideologien tun? Fakten allein scheinen nicht dagegen anzukommen.
      Why do we fall?
    • daryus wrote:



      P.S.: Ich fürchte mich gerade ein bisschen davor, jemandem, der ständig Cui bono? fragt und offen zugibt, dass ihn der "Willen zur Macht" mehr interresiert, als "die Wahrheit", auch nur die simpelsten Grundlagen der Manipulation beizubringen...
      Wieso erzeugt es Furcht, wenn ich auf die Notwendigkeit von Werturteilen hinweise? Wenn wir beide z.B. dieselben Wertvorstellungen teilen, sollten wir doch auch ein Interesse daran haben, dass diese auch machtvoll wirken können, oder?
      Mit dem Argumentieren, für das du ein paar Beispiele genannt hast, ist es eben so eine Sache. Natürlich muss man argumentieren. Aber manchmal erinnert mich die Forderung nach (demokratischem) Dialog an ein Schaf, das mit dem Schlachter über Vegetarismus diskutieren will.
      Why do we fall?
    • so wie lonewolf mit "kein gott kein staat" habe ich hier auch noch was... (finde ich persönlich sehr viel besser als erstgenannte doku von arte, da sie den ehemals real-existierenden anarchismus in spanien und vor allem die leute, die das miterlebt und überhaupt erst möglich gemacht haben, zu wort kommen lässt und ihre begeisterung deutlich wird, feinstes mett!)






      ... nein anarchie ist keine utopie und nein sie funktioniert auch mit ungebildeten leuten. und zwar jetzt und sofort wenn wir nur alle wollen. das hat man 1936-1938 bewiesen bis die faschistischen führer europas sich zusammengeschlossen haben und am ende selbst die kommunisten den anarchos in den rücken ballerten, um die "ungeheure" sache zu beenden.
      Anarchisten in der Schweiz | SF Tagesschau | 2:24min
      https://youtu.be/K7bouKvM7hs