Was mich irritiert bzw. was für mich ein Stück weit entlarvend ist, ist eben der Fokus bzw. die starke Betonung des Eigentums. Das klingt dann eben für mich eher so, als sei der 'Anarcho-Cap' eine schicke Ideologie für privilegierte radikale Liberalos.
Wenn allerdings Spekulation verpönt ist, würde dies auch bedeuten, dass Räumungen von genutzten Häusern illegitim sind. Mir geht es nicht um fiktive utopische Zustände, diese sind irrelevant, sondern um politische Handlungen. Anarchismus beinhaltet eben auch die Aneignung von Räumen, um sie dem Markt und der Spekulation zu entziehen. Ich finde schon, dass es Privateigentum geben sollte, allerdings muss eben nicht alles zu Privateigentum werden. In Bezug auf Immobilien hieße das z.B., dass Individuen natürlich Räume besitzen und nutzen können, ich sehe auch kein grundsätzliches Problem in Mietverhältnissen. Das Problem ist, wie gesagt, die Verdrängung, die nur funktioniert, weil Einzelne bzw. Unternehmen einen Besitzanspruch auf Räume erheben und die Nutzer (mit Polizeigewalt) verjagen können. Dies würde ich beispielsweise ändern, indem wie im vorliegenden Fall der Gentrifizierung solche Räumungen massiv erschwert bis unmöglich gemacht werden. Soll heißen, das Nutzungsrecht wird dem Eigentumsrecht gleichgestellt. Natürlich kann es Ausnahmen geben (z.B. völlige Verwahrlosung einer Immobilie, nachweisbare extreme finanzielle Not des Besitzers).
Die Ablehnung von Sozialleistungen ist auch eher so ein Punkt, der für mich entlarvend ist (Privilegierten-Ideologie). Sinn und Zweck eines Gemeinwesens ist für mich eben der, dass alle Individuen vor bestimmten Dingen geschützt sind, dazu gehört auch die finanzielle Not. Wir reden hier nicht vom 'Old West' und den 'New Frontiers', sondern von modernen komplexen Massengesellschaften. Wo Not ist, gibt es Aufstand, der wieder gewaltsame Reaktion erfordert, womit wir wiederum keine freie Gesellschaft haben. Irgendeine Form von 'Sozialleistung' ist also eine schiere Notwendigkeit, damit sowas wie 'freies' bzw. 'gewaltfreies' Zusammenleben funktioniert - es sei denn, alles läuft so perfekt, dass alle Individuen sich eigenständig ernähren können. Aber da es Anarcho-Caps anscheinend auch ok finden, seine Kinder verhungern zu lassen, hab ich so meine Zweifel, ob wir hier mit 'gewaltfreier' Gesellschaft wirklich dasselbe meinen.