Wieso muss der erste Reflex immer darin bestehen, nach einem Fehlverhalten von Betroffenen zu suchen? Wieso können wir nicht einfach mal anerkennen, dass es 'human predators' da draußen gibt, die man eben ins Visier nehmen muss?
Das ist halt erstmal eine Unterstellung/Interpretation, dass es darum ginge, einen Täter zu schützen (und sei es nur indirekt weil man die sogenannten partriarchalen Denkstrukturen durch die Prägung übernommen hat, die noch im Unterbewusstsein rumwabern).
Ich verstehe es mehr als ein kritisches Hinterfragen, als eine gewisse Skepsis, sich nicht alles, was einem serviert wird, direkt verkaufen zu lassen. Vielleicht ist die Skepsis nicht an jeder Stelle sinnvoll, aber - und darauf will ich hinaus - die ganze Motivation dahinter ist eben eine andere, als sich auf die Seite von irgendwelchen Tätern zu stellen. (Dian kann sich ja selbst dazu äußern, wenn er mag.)
Und wenn das ein Reflex ist, dann sieht das für mich wie ein Reflex als Reaktion auf den Reflex aus, jedem der sagt, er habe einen sexuellen Übergriff erlebt, sofort unkritisch zu glauben.
Ich nehme das direkt mal als konkretes Beispiel: ich finde es absolut nicht in Ordnung, jemandem per se zu glauben, weil das eben auch eine Unterstellung ist, nämlich die, dass Menschen nicht lügen können wenn sie ihre Interessen verfolgen. Wenn jemand eine solche Behauptung aufstellt, muss sie ernst genommen und untersucht werden und leider leider leider kann man auch z.B. eine Vergewaltigung oft nicht nachweisen, wenn sie wirklich vorgefallen ist. Aber der Vorwurf wurde auch schon von Frauen eingesetzt, um dem Ruf von jemandem zu schaden, es ist sogar eine recht mächtige Waffe, denn selbst wenn der Mann den Prozess gewinnt wird er den Leuten immer als möglicher Täter im Gedächtnis bleiben (weil er seine Unschuld eben auch nicht unbedingt nachweisen kann). Und es gibt sicherlich auch Frauen, die mit Männern schlafen, um ihre Karriere nach vorne zu pushen.
Und was ich an Woke Heinis (auch wenn du dich jetzt nicht damit identifizieren kannst) glaube ich nicht leiden kann, ist, dass sie alle anderen so darstellen, als seien sie prinzipiell fähig zu Gewalt (deswegen gibt es auch so Argumente wie z.B. zu akzeptieren, dass man eh rassistisch ist, weil man gar nicht anders kann in der Kultur, in der man aufgewachsen ist), während sie sich selbst als völlig harmlos darstellen. Und dazu sag ich dann: ne, kauf ich nicht. Die Woke Heinis lösen nämlich mit ihrem Zeug auch viel Leid und Verletzungen aus und sind überhaupt nicht so friendfertig und harmlos und ich glaube, ganz oft geht's ihnen auch gar nicht um die echten Opfer.
Inzwischen sind wir (Diskutierenden) da vielleicht an einem Punkt gelandet, an dem wir nur noch mit diesen Reflexen aufeinander reagieren.
Und ein Teil davon kommt halt auch daher, dass man das Gefühl hat, dass Opferargumentation an der ein oder anderen Stelle auch mal übertrieben oder falsch dargestellt wurde (ist keine Generalisierung) oder man eben selbst merkt, wie oft man anders verstanden wird als man eine Sache meint. Ich war wirklich in X Diskussionen über die letzten Jahre, primär nichtmal online sondern real life, in denen solche Themen aufkamen und man den Leuten dabei zuschauen konnte, wie sie ganz selbstverständlich einen im Raum stehenden Vorwurf einfach übernommen haben; weil Trigger Wort "sexueller Übergriff" oder so, als sei es da nicht mehr erlaubt, kritisch nachzuhaken.
Ich habe ja schon von meiner Rammstein Debatte mit einer berichtet, und da kam eben auch der Punkt auf, dass sie meinte "man muss einem Opfer immer glauben". Und nein, da bin ich einfach anderer Meinung, auch, wenn das vielleicht die Konsequenz hat, dass bei Nichtnachweisbarkeit es dann öfter mal keine Gerechtigkeit gibt. Wenn mir mal als Frau eine Vergewaltigung passieren sollte, will ich natürlich, dass sich da sofort drum gekümmert und alles untersucht wird. Aber wäre ich ein Mann, der einen solchen Vorwurf bekommt, würde ich genauso wollen, dass nicht jeder diesem blind folgt, und ich würde nicht meine Bekannte als Polizistin haben wollen, die erstmal pauschal alle Vorwürfe von vornherein glaubt und vielleicht auch noch "toxische Männlichkeit" in ihrem Männerbild hat.
Und das kritische Nachhaken wird jetzt eben manchmal auch übertrieben, oder es gibt vielleicht wirklich ein Reflex geworden beim Wort "sexueller Übergriff" erstmal eine Augenbraue hochzuziehen, weil es eben auch die Komponente von politischem Kampfwort hat. Was irgendwie auch tragisch ist, weil das Wort einen eigentlich sofort sensibilisieren sollte. Aber wenn man gesehen hat, dass das Argument auch schon öfter mal im Namen der Ideologie/Agenda missbraucht wurdet, die vielleicht auch gar nicht mehr viel mit dem echten Leid von Betroffenen zu tun hat (sondern es eher darum geht, sich in seinem eigenen Denken als bestätigt zu sehen), dann ist man nicht mehr so sehr durch den Vorwurf sensibilisiert, wie man es vielleicht sein sollte. Ich finde den Effekt schlecht. Aber es ist eben eine falsche Schlussfolgerung, zu denken, dass das durch Misogynie oder sowas kommt.
Und das ist deshalb wichtig, weil sehr viele so denken, und sich diesen Denken vom echten Misogynen, der Frauenhass schiebt und sich Frauen generell überlegen sieht, also sie auch für sich objektiviert hat, zu unterscheiden.
Warum haben wir überhaupt den "Mann Frau" oder was es sonst noch an Geschlechtern geben soll Kampf. Warum können wir uns nicht einfach alle für dieselben ethischen Werte einsetzen, die dann für alle gelten.