Die Odyssee und der Kulturkampf

Es gibt 1 Antwort in diesem Thema, welches 1.587 mal aufgerufen wurde. Der letzte Beitrag (3. August 2026 um 11:47) ist von Dian.

  • Ich fand es interessant zu beobachten, wie durch alle möglichen rechten Kanäle der Shitstorm ging, weil es Christopher Nolan gewagt hat, Helena von Troja mit einer Farbigen zu besetzen. Noch mehr haben sie sich lustig darüber gemacht, dass irgendsoeine Hollywood-Transe den legendären Krieger Achilles spielt.

    Irgendwann kam dann raus, die Transe spielt ja gar nicht Achilles, sondern eine wohl eher unbedeutende Rolle. Aber die kollektive Scham derer, die falsche Tatsachen einfach mal behauptet und ins Netz gestellt haben, blieb seltsamerweise aus. Kein Bedauern, keine Entschuldigung a la "Oh, tut uns leid, liebe Zuschauer. Da haben wir euch ja totalen Schwachsinn erzählt, nur weil wir mit eurer Empörung ein paar Klicks generieren wollten."

    Aber den Konsumenten solcher Videos ist es ja auch egal. Dann hat man sich eben mal geirrt, was soll's? Im Prinzip weiß man, dass man ja trotzdem Recht hat, und so geht man einfach schnell zum nächsten Aufregervideo über, in dem einem noch viel abstrusere Dinge erzählt werden, die man aber genauso bereitwillig schluckt. Um die Wahrheit geht es sowieso niemandem mehr heutzutage, sondern um ideologische Selbstbestätigung.


    Ich persönlich habe den Film noch nicht angeschaut (werde ich aber natürlich noch). Von daher kann ich zur konkreten Umsetzung nichts weiter sagen... ich könnte mir aber gut vorstellen, nach allem, was ich so gehört habe, dass mich das mit der schwarzen Helena genauso wenig stören wird, wie mich einst der blonde Brad Pitt als Achilles gestört hat, oder die Tatsache, dass Matt Damon einen Griechen spielt.

    Wenn man sich unbedingt an etwas stören möchte, dann würde ich mich doch nicht an irgendeiner vermeintlich unpassend besetzen einzelnen Rolle stören, sondern viel eher an der Tatsache, dass offenbar im ganzen Film so gut wie kein griechischer Schauspieler zu sehen ist. Da zeigt sich nämlich dann die wahre Doppelmoral Hollywoods, und dass die angebliche "Wokeness" der Studios vor allem ein Geschäftsmodell ist, um die Wünsche eines pseudo-alternativen, urbanen Hipster-Publikums zu befriedigen, oder dieses zumindest nicht gegen sich aufzubringen. Und ich gebe diesem YouTuber hier völlig Recht in seiner Analyse:

    Wenn man einerseits sogar Richtlinien entwickelt, dass jede Filmproduktion so divers wie möglich zu sein hat, und dann hiervon und davon bisschen was in die Filme einbaut, einen Schwulen, einen Asiaten, zwei Schwarze (weil man ja nicht rassistisch sein will, indem man so wie früher nur einen "Quoten-Neger" einbaut) und eine dicke hässliche Frau, die versucht, witzig zu sein... wie man es unter anderem in Star Wars und anderen Disney-Produktionen schön sehen kann... und dann aber andererseits komplett darauf scheißt, ob die griechische Kultur authentisch dargestellt wird, weil Griechen halt anders als indigene oder transsexuelle Personen keine bedeutende Lobby haben, und weil das griechische Publikum, anders als die Millionen Asiaten oder Schwarze auf der Welt, auch für die Einspielergebnisse irrelevant ist... dann zeigt man eben, um was es einem eigentlich geht: Nämlich um Profit und Gewinnmaximierung, und nebenbei vielleicht ein bisschen woke Ideologie, die aber eben auch nur aufgesetzt ist, wenn sie sich nicht wirklich für andere Kulturen interessiert, sondern nur für diejenigen, die man eben besonders schützen muss, weil irgendwer mal festgelegt hat, dass sie in der Vergangenheit ganz schlimm unterdrückt wurden und daher jetzt unser aller Unterstützung und (Image-)Pflege bedürfen.


    Bei all dem sollte man aber eines nicht vergessen: Wirklich historische Stoffe finden im Kino kaum noch statt. Weil sowas das Publikum auch überhaupt nicht interessiert, von Ausnahmen wie "Napoleon" einmal abgesehen, der natürlich auch so seine Inkorrektheiten hatte. Wenn ein Film mal in einer historischen Epoche spielt, so ist er in den allermeisten Fällen eigentlich pure Fantasy vor einem historischen Hintergrund. "Gladiator" war so gesehen genauso Fantasy wie "Wilhelm Tell", "Ritter aus Leidenschaft", "Hagen" oder "Troja".

    Man will spannende Geschichten für ein modernes Publikum erzählen, und verbiegt die historischen Tatsachen nach Belieben, damit sich das Publikum mit diesen Geschichten auch identifizieren kann. Echten Geschichtsunterricht und historisch korrekte Darstellung darf man im Grunde bei keinem Mainstream-Film erwarten, und so, wie es aussieht, ja auch nicht bei Nolan, auch wenn er vermutlich von seiner Position in der Filmbranche her durchaus die Möglichkeit gehabt hätte, eine historisch hyperkorrekte Version gegenüber dem Studio durchzusetzen.

    Offensichtlich ging es ihm aber auch eher um andere Dinge, um die Universalität dieser Geschichte, und vielleicht auch eher um die emotionalen Aspekte, so dass er da eher wie ein Theaterregisseur rangegangen ist. Im Theater spielen auch mal Frauen Männer, oder Menschen spielen Schweine, oder halbnackte Schwarze spielen uniformierte deutsche Generäle. Da geht es halt eher um die Essenz der alten Geschichten, um deren Übertragbarkeit in eine neue Zeit, und um Interpretation.


    Wenn wir wirklich historisch korrekt sein wollten, müssten wir uns nicht nur über die Besetzung von Matt Damon als griechischer Held oder das Design der Rüstungen mindestens genauso aufregen wie über die Besetzung einer Schwarzen als Helena.

    Wir müssten darüber hinaus auch noch fordern, dass viele andere Dinge völlig anders dargestellt werden. Es dürfte nicht nur eine Quoten-Transe in der griechischen Armee geben, sondern der Film müsste gespickt sein mit Homoerotik, komplett nackten Athleten, schwulem Sex, Knabenliebe, Sodomie und ausschweifenden Orgien. Und ich frage mich gerade, ob die Rechten und Konservativen, die sich jetzt über Nolans Besetzungsentscheidungen aufregen, dann immer noch so begeistert dafür eintreten würden, dass Filme möglichst historisch korrekt und authentisch zu sein haben. Oder will man vielleicht Authentizität nur dann, so lange sie das eigene Weltbild und die eigene Vormachtstellung bestätigt?

    Ich persönlich hätte da ja überhaupt nichts dagegen. Ich mag gnadenlos authentische Filme, wie etwa Mel Gibsons "Apocalypto" oder "Am Anfang war das Feuer", in dem komplett auf Dialoge verzichtet wurde, weil sich die Urzeitmenschen, um die es geht, nur mit Grunzlauten miteinander verständigen.

    Das ist dann aber vermutlich weder den meisten Rechten recht (wenn die dargestellte Kultur andere kulturelle Werte hat als sie selbst), noch den Woken (wenn die dargestellte Kultur andere kulturelle Werte hat als sie selbst).

    Ich denke da etwa an die ziemlich hanebüchene Wilhelm Tell-Verfilmung neulich, in der man die Authenzität zugunsten einer toleranten, diversen Message komplett über Bord geworfen hat, so dass man dann indische Priester in einem abgelegenen Schweizer Bergdorf hatte, die ganz selbstverständlich als Teil der Dorfgemeinschaft integriert waren, und starke emanzipierte Frauen, die mit Schwert und Messern umgehen konnten und ihren Männern in den Arsch traten.

    All das mag dem modernen Zeitgeist entgegenkommen. Historisch korrekt ist es nicht. Und, was ich noch viel wichtiger finde: Wenn durch solche pseudo-historischen Filme ein Zerrbild der Vergangenheit entwickelt wird, in dem alle Frauen dann harte Amazonen sind, die wie selbstverständlich mit den Männern mitkämpfen und diese sogar oft noch besiegen, dann leugnet man in gewisser Weise auch die Art und Weise, wie unsere Kultur (und viele andere Kulturen) systematisch Frauen und Minderheiten unterdrückt haben in früheren Zeiten.

    Indem man den Figuren in Filmen, die in einer anderen Zeit spielen, unser heutiges Denken und Wertesystem überstülpt, macht man die Erfahrungen, die Menschen zu jener Zeit tatsächlich gemacht haben, für die heutigen Menschen nicht mehr erfahrbar, verharmlost sie oder trägt mit dazu bei, dass die Zuschauer ein völlig falsches Bild der Vergangenheit entwickeln. Hier bin ich auch mal gespannt, wie in die Odyssee die Frau von Odysseus dargestellt wird, wie viel sie mitkämpfen darf, und ob sie vielleicht nebenbei noch lesbisch ist und im Alleingang eine ganze Armee aufhalten wird.


    Lange Rede, kurzer Sinn: Ich würde mir mehr Mut zu historischer Korrektheit im Kino wünschen, und glaube, dass sowohl die krampfhaft politisch Korrekten als auch diejenigen, die sich über ein schwarzes Schneewittchen aufregen, das vielleicht oft gar nicht so gut finden würden.

  • Um das noch nachzureichen:

    Nun hab ich den Film gesehen, und fand ihn sehr gelungen. Wer befürchtet hat, dass Nolan daraus irgendeine Art sperriges "Oppenheimer in Troja" macht, kann beruhigt sein. Es ist wirklich eher ein mainstreamtauglicher "The Dark Knight in Troja" geworten. ;)

    Ein bombastisches Fantasy-Epos mit dröhnendem Sound und düsteren Settings, angenehm altmodisch in der Zeit, die man sich lässt beim Erzählen, und mit einem coolen, actionreichen Finale. Der Schwerpunkt scheint etwas mehr auf der Rückkehr und Odysseus' Traumatisierung zu liegen, während die einzelnen Stationen der Reise teilweise eher nur kurz abgearbeitet werden, da hätte man vielleicht noch mehr draus machen können, z.B. aus den Sirenen, aber dann wäre der FIlm ja noch länger gegangen.

    Alles in allem ist das aber schon in sich sehr stimmig, und wird garantiert auch einer der großen Fantasy-Klassiker werden, die man sich auch in Jahrzehnten noch anschauen kann.


    Zum Thema Kulturkampf gibt es eigentlich gar nicht viel zu berichten. Es ist einfach viel zu viel Aufregung um so gut wie nichts gewesen. Elliot Page spielt einen schwächlichen aber mutigen Soldaten, der zwar nicht ganz unwichtig ist für die Handlung, aber nicht sehr oft zu sehen ist. Passt meines Erachtens zu der Rolle ganz gut. Und die schwarze Helena ist jetzt auch keine komplette Fehlbesetzung, soll halt vermutlich absichtlich etwas Exotik ausstrahlen, hätte es aber vermutlich nicht gebraucht.

    Insgesamt passt die Besetzung aber sehr gut, und wirkt jetzt nicht danach zusammengestellt, wie man möglichst viele Minderheiten einbauen kann. Am ehesten können noch die Griechen angepisst sein, dass da die halbe Spiderman-Besetzung mitspielt, anstatt dass man griechische Helden und Götter von echten Griechen spielen lässt. Aber es gibt definitiv andere Filme, die es mehr verdient hätten, dass man sie für ihre Wokeness kritisiert, als "Die Odyssee".

    Eine leicht feministische Message scheint dabei zu sein, wenn etwa Circe die Männer von Odysseus in Schweine verwandelt. Und ich frage mich, ob das nun nur eine moderne Interpretation ist, oder ob das tatsächlich auch schon Homer als Hintergedanke hatte, nach dem Motto "Männer sind Schweine, und das ist ihre wahre Natur". War jedenfalls eine witzige Idee, darauf hinzuweisen, dass die Männer eigentlich schon immer Schweine waren, und nur ein Menschenkostüm tragen. Und Odysseus Frau ist übrigens keine Bogenschießende Kampflesbe geworden, sondern verhält sich weitestgehend der Vorlage entsprechend, würde ich sagen. Auch hier gab es also wie oben bereits erwähnt Beispiele, die deutlich unsensibler in historische Vorlagen eingegriffen haben.