Aber Russland hat sich damit ja jetzt auch ziemlich isoliert international, und das dürfte wohl kaum nach dem Abzug der Truppen gleich wieder vergeben und vergessen sein.
Man darf nicht mit rationalen Überlegungen an die Sache rangehen, das machen die ganzen Diktaturen ja auch nicht. Das sind alles mittelfristige Pläne kurzfristig ausgeführt. Putin weiß auch, dass er in ein paar Monaten schon 70 ist und den ganzen Knatsch, den ein eiserner Vorhang 2.0 mit sich bringt, nicht mehr in Gänze erleben wird. Aber so ein Ruf als großer Feldherr, der wird für immer bleiben. Im Grunde zählt nur die Tat. Die russischen Geschichtsbücher werden daraus schon den Unterrichtstoff stricken, der ihn langfristig als russischen Helden in Erinnerung bleiben lässt. Anders als bei unserer dunklen Vergangenheit, wird Russland wohl auch in 100 Jahren noch von Brüdern im Geiste regiert werden, die selbstverständlich ebenfalls ihre Aktionen fahren werden, um sich zu verewigen. Und sei es einfach nur, ab und zu die Muskeln spielen zu lassen, um zu zeigen, mit welch mächtiger Nation man sich besser nicht anlegt!
Dieses riesige Land hat genauso riesige Probleme und absolut niemand ist da, der sie lösen könnte. Selbst einfachste Straßenproteste werden niedergeknüppelt und verboten. Meist in genau dieser Reihenfolge.
Es gab wohl auch noch nie einen günstigeren Zeitpunkt als jetzt, wo die ganze Welt gebeutelt ist mit Corona, dazu haushoch verschuldet und in so großer Energieabhängigkeit von Russland. Lediglich dass es jetzt zum Ende des Winters kommt, ist taktisch eher suboptimal gewählt. Vielleicht aber auch ein Warnsignal, Putin hat so etwas ähnliches ja bereits angedeutet. Und der nächste Winter kommt bestimmt. Bis dahin halten wir uns auf mit Redeversuchen, obwohl doch seit spätestens gestern völlig klar ist, dass Putin nicht reden will.
Die Solidarität hierzulande ist groß unter den Menschen, und sogar im Sport setzt man deutliche Zeichen. Aber Sponsorenwerbung zu entfernen oder ein Fussballfinale woanders stattfinden zu lassen, beendet eben keinen Krieg oder mindert Leid.
Was hat man sonst noch von solch einem Konflikt? Nord Stream verläuft durch die Ukraine. Wie überaus praktisch! Da ist dann auch völlig egal, ob man jetzt als Zeichen der großen deutschen Sanktion, Nord Stream 2 stoppen lässt. Wir brauchen das Gas, weil wir das in den letzten Jahrzehnten verpennt haben.
Im Krieg fällt außerdem die Notwendigkeit zu Freundschaftspreisen. Russland kann nun die Marschrichtung vorgeben (buchstäblich), und uns bleibt nichts außer aus der Ferne zu verurteilen, oder in hilflosem Aktionismus die Gelder von denjenigen einzufrieren, die den Krieg gar nicht begonnen haben. Wobei das mit dem Einfrieren ohnehin so ein Euphemismus ist. Man nimmt es ihnen einfach weg. Zumindest denjenigen, die nicht ohnehin Vorkehrungen getroffen haben für dieses sich lange schon ankündigende Unheil.
Dazu ganz passend, was ein Reporter erzählte, der sich schon länger in der Region aufhält: Die Alten hatten bereits seit Längerem prophezeit, dass das passieren wird, lediglich die Jungen hielten es für komplett unrealistisch.
Tja, man muss eben wirklich nicht sonderlich gebildet oder klug sein. Oft reicht schon aus, lange genug auf diesem Erdenball zu wandeln, um zu wissen welchen Lauf eine Billardkugel nehmen wird, die man mit einem Schläger anstößt.
