- Wunsch nach mehr Abschottung und Abwehr 'unerwünschter Menschen'
Wenn du es unbedingt als "Rechtsruck" bezeichnen magst, dann wird das wohl am ehesten auf diese Thematik zutreffen, dass ich ein paar meiner früheren Ansichten heute etwas differenzierter sehen würde. Aber ich muss dir ja nicht erzählen, aus welcher Zeit ich bzw. wir kommen, und wie das damals in den 90ern noch war, als Asylantenheim brannten und Skinheads durch die Straßen marschiert sind. Da fiel es wahrlich nicht schwer, sich zu positionieren und für eine Seite zu entscheiden, und es war selbstverständlich, als intelligenter aufgeklärter Mensch "gegen Nazis" zu sein.
Seither hat sich viel geändert, und die Dinge sind eben doch ein bisschen komplizierter geworden, auf so vielen verschiedenen Ebenen, so dass mir die Idee eines schweizerischen Idylls, das sich ein Stück weit von dem Wahnsinn der Welt abschottet und nicht jeden reinlässt, mittlerweile gar nicht mehr so rückständig und spießig erscheint wie früher vielleicht. Zumindest muss man meines Erachtens schon darüber nachdenken, ob eine wie auch immer geartete utopische Gesellschaft überhaupt aufgebaut werden kann auf einer Welt, in der die Mehrheit der Menschen immer noch in Diktaturen leben und (überspitzt formuliert) die eine Hälfte der Weltbevölkerung gern in dein Land kommen würde, wenn es dort alles umsonst gibt, und die andere Hälfe dich am liebsten vernichten möchte, weil sie es dir nicht gönnen oder aus irgendwelchen ideologischen Gründen gegen deine Utopie sind. Du siehst ja in Israel, wie das ist, wenn du in einer blühenden Oase lebst, und um dich herum leben viele Menschen in Armut und mit komischen Glaubensvorstellungen. Ohne Grenzen und Militär wäre das Land jedenfalls nicht mehr da. Das heißt ja nun nicht, dass ich deshalb Grenzen und Militär glorifizieren möchte oder Netanjahu gutfinde. Aber man muss eben schon realistisch sein und sich fragen, wie man seine Utopie schützen möchte... und wie viel davon in ein paar Jahren noch da wäre, wenn man es nicht tut.
Das ist das Dilemma, und ich habe da auch keine zufriedenstellende Antwort. Auf der einen Seite würde ich sagen, dass natürlich die Idee von Grenzen nicht mit Herrschaftsfreiheit vereinbar ist. Auf der anderen Seite hab ich z.B. in Griechenland nirgends so gut gesicherte Anlagen gesehen wie in den anarchistischen Squats (ok, das ist natürlich übertrieben, aber es ist klar, was ich sagen will). Abgesehen von offensichtlichen Gründen, Menschen auszuschließen, gibt es natürlich auch Kapazitätsgrenzen. Das muss eben auch offen kommuniziert und auch transparent 'ausgerechnet' werden, damit überhaupt eine Grundlage besteht, um tatsächliche Probleme abseits ideologischer Standpunkte zu diskutieren.
Auf der anderen Seite muss man das Problem eben in seinem weitreichenden politischen Kontext sehen. Für die Rechte ist die Flucht- und Migrationsfrage ein Methode der Spaltung und der nationalistischen Mobilisierung. In Bezug auf Kapazitäten ist dies eben auch eine Frage der Ablenkung - statt die Frage nach sozialen Schieflagen zu stellen, wird der Blick auf diejenigen gelenkt, die den Einheimischen etwas vermeintlich wegnehmen. Das ist die vorherrschende Mentalität bei dem rechten Wählerklientel. Man ist bereit, jede Kröte zu fressen, solange es nur den anderen schlechter geht, seien es Zugewanderte oder Hartzer. Insofern ist die 'Open-Borders-Mentalität' bei Linken weniger Naivität in Bezug auf tatsächliche Probleme, sondern eher Einsicht in die Konsequenzen und Denkmuster, die hinter Forderungen nach Abschottung stehen: Wenn Menschenrechte einer bestimmten Gruppe erstmal obsolet geworden sind, wird es für die Herrschenden immer leichter, aus Gründen der kapitalistischen Notwendigkeit Angriffe auf schwächer Gestellte zu fahren.
Haben wir noch Raum für Utopien? Oder geht es nicht eher darum, zumindest die schlimmsten Dystopien zu verhindern?