Beiträge von Lonewolf

    - Wunsch nach mehr Abschottung und Abwehr 'unerwünschter Menschen'

    Wenn du es unbedingt als "Rechtsruck" bezeichnen magst, dann wird das wohl am ehesten auf diese Thematik zutreffen, dass ich ein paar meiner früheren Ansichten heute etwas differenzierter sehen würde. Aber ich muss dir ja nicht erzählen, aus welcher Zeit ich bzw. wir kommen, und wie das damals in den 90ern noch war, als Asylantenheim brannten und Skinheads durch die Straßen marschiert sind. Da fiel es wahrlich nicht schwer, sich zu positionieren und für eine Seite zu entscheiden, und es war selbstverständlich, als intelligenter aufgeklärter Mensch "gegen Nazis" zu sein.

    Seither hat sich viel geändert, und die Dinge sind eben doch ein bisschen komplizierter geworden, auf so vielen verschiedenen Ebenen, so dass mir die Idee eines schweizerischen Idylls, das sich ein Stück weit von dem Wahnsinn der Welt abschottet und nicht jeden reinlässt, mittlerweile gar nicht mehr so rückständig und spießig erscheint wie früher vielleicht. Zumindest muss man meines Erachtens schon darüber nachdenken, ob eine wie auch immer geartete utopische Gesellschaft überhaupt aufgebaut werden kann auf einer Welt, in der die Mehrheit der Menschen immer noch in Diktaturen leben und (überspitzt formuliert) die eine Hälfte der Weltbevölkerung gern in dein Land kommen würde, wenn es dort alles umsonst gibt, und die andere Hälfe dich am liebsten vernichten möchte, weil sie es dir nicht gönnen oder aus irgendwelchen ideologischen Gründen gegen deine Utopie sind. Du siehst ja in Israel, wie das ist, wenn du in einer blühenden Oase lebst, und um dich herum leben viele Menschen in Armut und mit komischen Glaubensvorstellungen. Ohne Grenzen und Militär wäre das Land jedenfalls nicht mehr da. Das heißt ja nun nicht, dass ich deshalb Grenzen und Militär glorifizieren möchte oder Netanjahu gutfinde. Aber man muss eben schon realistisch sein und sich fragen, wie man seine Utopie schützen möchte... und wie viel davon in ein paar Jahren noch da wäre, wenn man es nicht tut.

    Das ist das Dilemma, und ich habe da auch keine zufriedenstellende Antwort. Auf der einen Seite würde ich sagen, dass natürlich die Idee von Grenzen nicht mit Herrschaftsfreiheit vereinbar ist. Auf der anderen Seite hab ich z.B. in Griechenland nirgends so gut gesicherte Anlagen gesehen wie in den anarchistischen Squats (ok, das ist natürlich übertrieben, aber es ist klar, was ich sagen will). Abgesehen von offensichtlichen Gründen, Menschen auszuschließen, gibt es natürlich auch Kapazitätsgrenzen. Das muss eben auch offen kommuniziert und auch transparent 'ausgerechnet' werden, damit überhaupt eine Grundlage besteht, um tatsächliche Probleme abseits ideologischer Standpunkte zu diskutieren.

    Auf der anderen Seite muss man das Problem eben in seinem weitreichenden politischen Kontext sehen. Für die Rechte ist die Flucht- und Migrationsfrage ein Methode der Spaltung und der nationalistischen Mobilisierung. In Bezug auf Kapazitäten ist dies eben auch eine Frage der Ablenkung - statt die Frage nach sozialen Schieflagen zu stellen, wird der Blick auf diejenigen gelenkt, die den Einheimischen etwas vermeintlich wegnehmen. Das ist die vorherrschende Mentalität bei dem rechten Wählerklientel. Man ist bereit, jede Kröte zu fressen, solange es nur den anderen schlechter geht, seien es Zugewanderte oder Hartzer. Insofern ist die 'Open-Borders-Mentalität' bei Linken weniger Naivität in Bezug auf tatsächliche Probleme, sondern eher Einsicht in die Konsequenzen und Denkmuster, die hinter Forderungen nach Abschottung stehen: Wenn Menschenrechte einer bestimmten Gruppe erstmal obsolet geworden sind, wird es für die Herrschenden immer leichter, aus Gründen der kapitalistischen Notwendigkeit Angriffe auf schwächer Gestellte zu fahren.

    Haben wir noch Raum für Utopien? Oder geht es nicht eher darum, zumindest die schlimmsten Dystopien zu verhindern?

    Du hast jetzt nur die juristische Ebene angesprochen, und das ist der eigentlich Kern von Meinungsfreiheit: Man kann eine Meinung äußern, ohne dafür vom Staat belangt zu werden. Um mehr geht's da erstmal nicht. Wenn jmd nicht auftreten kann, seinen Job verliert, aus Gruppen fliegt, einen Preis nicht verliehen bekommt, online gesperrt wird und so weiter so fort, ist das eben keine Einschränkung der Meinungsfreiheit. Das kapieren offenbar sehr viele Menschen nicht, die der Auffassung sind, sie könnten angeblich ihre Meinung nicht mehr frei äußern. Ich denke, dass rein rechtlich der Rahmen des Sagbaren schon sehr weit reicht hierzulande, und dass es an sich kein Problem ist, selbst für Menschen mit böswilligen Absichten, ihre Ansichten in einer Form zu formulieren, dass sie nicht strafbar sind. Insofern ist gerade diese Thematik bzw die Aufregung darum eine in den meisten Fällen eine irreführende und entlarvende Debatte. Einem Großteil täte es gut, sich mal mit Gramscis Hegemonie-Theorie auseinanderzusetzen, um zu verstehen, wo genau das Problem bei dem Äußern von 'Meinungen' besteht. Ein Diskurs braucht auch so etwas wie reife, aufgeklärte Individuen, und dies ist immer weniger gegeben, wie u.a. das Wahlverhalten zeigt.

    Nun ist es nicht so, dass ich das 'Canceln' nicht als Problem sehen würde. Ich würde hier allerdings nicht von einer Einschränkung von Meinungsfreiheit sprechen, denn dies führt in die Irre, schließlich können die Gecancelten ihre Ansichten in der Regel weiterhin frei äußern. Das eigentliche Problem ist ein zunehmender Dogmatismus und eine schlechte Debattenkultur, die wiederum auf Dinge zurückgeht, die wir z.B. im 'Woke-Thread' angesprochen haben: Identitätspolitik von links und rechts, die im Grunde nur noch nach Freund-Feind-Schemata funktioniert, fehlendes Geschichtsbewusstsein, mangelnde tiefergehende Auseinandersetzung mit philosophischen und politischen Theorien etc.

    Nochmal zur Frage der Strafbarkeit: Der Ruf nach Repression ist immer ein Akt der Hilflosigkeit bzw. Ohnmacht. Man fordert Verbote, weil man kein Vertrauen in gesellschaftliche regulierende Kräfte hat, angefangen von der Schoaleugnung bis hin zur Debatte um ein AfD-Verbot. Das ist ein Dilemma, weil eben viel auf dem Spiel steht. Aus diesem Grund würde ich hier keine absolute Haltung einnehmen wollen.

    Für einen universellen Humanismus - Rosa-Luxemburg-Stiftung
    Meron Mendel über das Hamas-Massaker am 7. Oktober 2023 und linke Reaktionen
    www.rosalux.de

    "Für mich ist links sein ein zutiefst humanistisches Bekenntnis, und zwar sowohl intellektuell als auch emotional. Ein Linker, der wegschaut oder auf das größte Massaker an Juden seit dem Holocaust mit Kälte reagiert, weil das gerade nicht in seine Problemsicht und zu seiner Analyse passt, hat für mich seinen humanistischen Kompass verloren. Es ist für mich auch eine analytische Frage, die man diskutieren muss, ohne in Pauschalisierungen zu verfallen – aber ein Teil der sogenannten Wokeness-Bewegung ist falsch abgebogen, das ist für mich nach dem 7. Oktober sehr deutlich geworden. Kürzlich gab es eine Anhörung im US-Kongress mit den Führungen von Eliteuniversitäten, dem Massachusetts Institute of Technology, Harvard und der University of Pennsylvania. Deren Präsidentinnen konnten nicht einmal klar aussprechen, dass Aufrufe zum Völkermord an Juden uneingeschränkt zu verurteilen sind. Im Grunde ist es eine klassische politische Vorstellung: Die Juden sind zwar eine Minderheit, aber eine privilegierte Minderheit, ihnen gilt also unsere Solidarität nicht.

    Wären die Präsidentinnen gefragt worden, ob der Aufruf zum Genozid an Schwarzen akzeptabel ist, dann wäre ihre Antwort sofort ein klares Nein gewesen. So scheint man heute in Teilen der Linken zu denken, getrieben von einer bestimmten, sich als links darstellenden Bewegung auf dem Universitätscampus, die sich als woke und progressiv versteht. Das ist nicht mehr die linke universalistische Haltung, die generell gegen jegliche Form von Fundamentalismus steht, gegen christlichen, faschistischen, hinduistischen, jüdisch-israelischen und sicherlich auch gegen islamistischen Fundamentalismus. Sondern die Hinwendung zu einer sich als links darstellenden partikularistischen Ideologie, die existenzialistisch die Welt erklärt. Es reicht, dass die Terroristen als indigene Völker verstanden werden, als Nicht-Weiße, um in der Folge eine zutiefst antihumanistische reaktionäre Terrororganisation zu verharmlosen."

    Verharmlosung und Apeacement gegenüber Rechten, ständiges Bashen gegen 'links' und 'woke' etc. (Das Feindbild Feminismus lasse ich mal außen vor. Vielleicht gibt's ja dafür mal ein Unterkapitel in der neuen Unity-Philosophie;))

    Allerdings darf man eben auch nicht die Augen verschließen vor den gesellschaftlichen Entwicklungen der letzten 20 Jahre...

    Und damit meine ich eben vor allem Flüchtlingswellen und die damit zusammenhängenden Probleme, die Corona-Maßnahmen, oder Parteien aus dem linken Spektrum, die sich autoritärer Methoden bedienen, um ihre politische Agenda durchzusetzen und Menschen zu bevormunden. Oder zum Beispiel auch der Klimaschutz, der ja eindeutig wichtig ist, aber der meiner Meinung nach vor allem durch eine Abkehr vom Kapitalismus geschaffen werden muss, und nicht indem man die Kosten einfach auf jeden einzelnen Bürger abwälzt, während das grundsätzliche kapitalistisch-industrielle System nicht in Frage gestellt wird.

    Sind alles Dinge, auf die es sich lohnen würde, bei einer Revision der Unity-Philosophie etwas genauer einzugehen. Und nein, es würde ganz sicher nicht "rechts" werden dadurch. Was die Rechten wollen, sieht man ja zur Zeit ganz gut an den Forderungen von Merz und Co., das ach so "kommunistische" Bürgergeld wieder abzuschaffen.

    Das ist so ziemlich das Gegenteil von dem, was in der Unity-Philosophie steht. Nur weil ich manchen Dingen die z.B. Musk über Meinungsfreiheit gesagt hat zustimme, heißt es ja nicht, dass ich dadurch zum Populisten oder Trumpianer werde. Es ging immer um die Schaffung eines neuen, menschlicheren Systems, aber eben nicht durch Ideologie und Zwangsmaßnahmen von oben herab, sondern indem die Menschen anfangen nachzudenken und gewisse irrsinnigen Dinge in ihrem Leben zu hinterfragen.

    Was wären denn die Revisionen vor dem Hintergrund der genannten Entwicklungen? Meine Befürchtungen, und ich meine, dass mir die Diskussionen der letzten Jahre im Politikfaden hier recht geben, sind eben folgende:

    - Wunsch nach mehr Abschottung und Abwehr 'unerwünschter Menschen'

    -Kampf gegen empfundene 'Cancel Culture' im Sinne eines falschen Verständnisses von 'Meinungsfreiheit' (sprich: alles muss zugelassen und akzeptiert werden, wobei der Begriff eigentlich nur die Freiheit vor staatlicher Verfolgung meint), das, wie wir gesellschaftlich ja konkret sehen, auf zunehmende Verrohung, Hetze und Fakenews hinausläuft.

    -in diesem Kontext die Verharmlosung der Bedrohung durch rechte Strömungen, die sich natürlich nicht darin erschöpfen, gegen das Bürgergeld zu sein. Das geht, wie wir gesehen haben, bei dir soweit, dass du einforderst, Minderheiten sollten Kompromisse eingehen, um die Befindlichkeiten von Rechten nicht zu verletzen.

    -eine zunehmende Entsolidarisierung und das Abschieben von Verantwortung, denn Einschränkungen oder Änderungen des Lebensstils sind natürlich immer 'autoritär' und damit abzulehnen.

    -die latente Misogynie, Täter-Opfer-Umkehr, generelles Misstrauen gegenüber Frauen (die tendenziell mehrheitlich naiv oder aber hinterhältig sind) kommen erschwerend hinzu ;-)

    Für mich klingt das schon nach einem - meinetwegen ungewollten oder nicht reflektierten - Rechtsruck in deinen Überzeugungen. Da kommt eben hinzu, dass es sehr nebulös wird, wenn du was zum Thema 'Überwindung des Kapitalismus' sagst. Klingt eben wie 'Anarchie' eher nach Etikette und weniger nach durchdachten Konzepten.

    Ich weiß, dass dies wieder etwas einseitig und zugespitzt erscheinen mag ;-)

    Es ist auch nicht so, dass ich die Probleme nicht sehe, die du angesprochen hast. Nur sehen wir ja die Schwierigkeit, hier wirklich fortschrittliche Lösungen bzw Ideen zu entwickeln. Und die letzten Jahre haben gezeigt, dass eine Menge Menschen von Montagsdemos hin zu Wagenknecht und Co. in verschwurbelte Abgründe stürzen, während die progressiven Stimmen immer weniger wahrnehmbar sind.

    Verharmlosung und Apeacement gegenüber Rechten, ständiges Bashen gegen 'links' und 'woke' etc. (Das Feindbild Feminismus lasse ich mal außen vor. Vielleicht gibt's ja dafür mal ein Unterkapitel in der neuen Unity-Philosophie;))

    Naja, ganz so ist es ja nun nicht. Die Unity-Philosophie ist eigentlich doch über weite Strecken politisch ziemlich linksradikal (wenn wir mal von dem Krieger-Zeugs und Kritik am strengen Waffenrecht etc. absehen). In der Hinsicht bin bzw. war ich ja gar nicht so weit von dem entfernt, was viele "klassischen" Anarchisten oder Kommunisten auch sagen würden.

    Genau das würde ich in Zweifel ziehen ;) Ich habe keine Zweifel, dass du ein ausgesprochener Individualist bist, der Autorität verabscheut, und der auch Menschen theoretisch dieselben Recht zuspricht. Nur ist das noch nicht anarchistisch oder kommunistisch, eher liberal/'libertär', vielleicht auch 'radikaldemokratisch'. Das mag wie Sophisterei klinge, aber zur Thematik 'linksradikal, 'Anarchistisch', kommunistisch' etc. gehört schon eine gewisse materialistische Analyse von gesellschaftlichen Machtverhältnissen, die in der Form bei dir nicht unbedingt vorhanden ist. Wie gesagt, ich sehe bei dir eher viel 'Essenzialismus' , die Suche nach dem 'natürlichen', 'edlen' und 'freien' Individuum. Vielleicht so wie bei radikalen Reformern wie Thoreau, aber eben nicht im Sinne von Leuten wie Bakunin oder Machno ;)

    Das ist zunächst mal eine simple Feststellung und nicht wertend. Das Problem, das sich ergibt, sehe ich eben beispielsweise bei deinen fehlenden Vorstellungen von konkreter politischer Praxis außerhalb der bekannten demokratischen Form. Denn letztlich läuft es doch am Ende immer wieder auf Liberalismus hinaus, auf den Staat als Garant von Freiheiten und Möglichkeiten.

    (Im Feudalismus ist alles relativ einfach, und die ersten anarchistischen Theorien sind in solchen Gesellschaften entstanden. Heute sehen wir, dass weltweit Anarchisten z.B. dem Postkolonialismus anhängen, der Idee der 'unterdrückten Völker', und dabei ausblenden, dass in diesen Gesellschaften mitunter selbst Formen von Gewalt und Herrschaft existieren, die sich nicht mit anarchistischem Idealismus aufheben lassen. Um sich also nicht mit dem Unterdrücker identifizieren zu müssen, verklärt man den Unterdrückten.)

    Richtig. Und da sind wir eben dann auch bei aktuellen Problemen, vor deren Hintergrund sich das ein oder andere, was ich zum Beispiel im Kapitel Nationen über offene Grenzen geschrieben habe, heute ein wenig naiv anfühlt. Einerseits ist es natürlich im anarchistischen Sinn klar, dass es in einer idealen Welt keine Grenzen und Nationen geben sollte, und jeder sich niederlassen darf, wo er möchte. Nur muss man sich eben auch die Frage stellen: Wenn alle hier her kommen und dann noch ihr autoritäres Denken aus der Heimat mitbringen (das man den meisten Leuten halt leider auch nicht einfach in einem Integrationskurs abtrainieren kann), führen offene Grenzen dann nicht früher oder später dazu, dass sich die Anarchie (bzw. ein nach anarchistischen Idealen ausgerichtetes System) selbst abschafft?

    Solche und ähnliche Fragen würde ich heutzutage durchaus auch etwas stärker berücksichtigen, ohne deshalb vom grundsätzlichen Ideal einer herrschaftsfreien Welt abrücken zu wollen.

    Wie würde denn deine Antwort auf das oben genannte Dilemma aussehen? Erstmal alle reinlassen, die kommen wollen, und dann eine Art Gesinnungspolizei haben, die die "schwarzen Schafe" wieder rauswirft?

    Gesinnungspolizei spielst du doch schon von vornherein, wenn du jedem Menschen, der aus einer bestimmten Region kommt, rückständiges Denken unterstellst. Ich sage: Wenn man sich als 'Anarchist' begreift, sollte man zumindest die Position vertreten, dass Menschen erstmal als Individuen zu betrachten sind und nicht als reine Repräsentanten einer bestimmten Gruppe. Denn letzteres ist das Einfallstor für rassistische Kategorisierung. Dementsprechend bestünde eine 'anarchistische' Position natürlich darin, jedem Menschen eine Chance zu geben, und sollte er sich als autoritär und freiheitsfeindlich in seinem Handeln herausstellen, ihn eben wieder aus der Gemeinschaft zu entfernen. Wohlgemerkt, WENN wir überhaupt am Label des Anarchismus festhalten wollen. Denn wie du vielleicht bemerkt hast, geht es mir eher um die Mogelpackung, die du hier aufmachst. Man kann eine Menge an Gründen aufführen, aus denen man Menschen fernhalten will. Beispielsweise erschöpft sich der 'linke' bzw kapitalismuskritische Kern bei dir doch im Wesentlichen darauf, den Menschen durch ein Grundeinkommen von der Arbeitspflicht zu befreien. Auch hier könnte man argumentieren, dass dieses Einkommen nur als Privileg von einer überschaubaren Anzahl an Menschen durchgesetzt werden kann, weshalb wir geschlossene Grenzen brauchen. Das KANN man natürlich fordern, nur ist eben fraglich, ob man sich dann noch als Anarchist begreifen sollte, wenn im Grunde ein ausgefeiltes staatliches System erforderlich ist, um die eigenen Privilegien abzusichern.

    Wenn ich die weltanschauliche Entwicklung der letzten Jahrzehnte beschreiben müsste, dann sähe das in etwa so aus:

    Wir haben eine Entwicklung von entpolitisierten, 'postideologischen' westlichen Gesellschaften in den 90ern hin zu re-politisierten Verhältnissen erlebt, in denen die Lehren der Vergangenheit Stück für Stück erodieren, oder aber für viele niemals eine Rolle gespielt haben. Es gibt bei großen Teilen keine Reflexion bzw keinen geschichtsbewussten Umgang mit den Irrungen des 20. Jahrhunderts mehr.

    Und so haben wir nun eine ganze Reihe von Strömungen und Gruppierungen, die den Eindruck erwecken, als seien sie den Satireformaten entsprungen, mit denen wir aufgewachsen sind, wobei einem das Lachen im Halse stecken bleibt. Die neuen Formen von Faschismus (Mob-Mentalität, Sehnsucht nach starken Führern und Männlichkeitsbildern, nationaler Chauvinismus, Sozialdarwinismus), selbstgerechtem Tugendterror ('woke shit'), rotem Wiedergängertum (immer mehr neue K-Gruppen, auch wenn diese im gesellschaftlichen Kontext marginal sein mögen, sie sind ebenfalls ein Symptom), generell die Tendenz zum Postfaktischen, zum Zynismus und zur Verächtlichmachung von anderen, für die keinerlei Empathie mehr besteht. Die sozialen Medien spielen meines Erachtens eine massive Rolle, weil sie das Medium von Fake-News und Shitstorms und der Katalysator der genannten Empathielosigkeit sind.

    Mark Reicher gehört zum marktradikalen bzw rechtslibertären Lager, da verwundert es nicht, dass die Eigentumsfrage bzw der Schutz der Privilegien von Besitzenden für ihn an erster Stelle steht.

    Persönlich würde ich sagen, dass ich immer ein Gegner von sinnloser Zerstörung sowie Plünderungen war, die z.B. kleine Händler treffen. Die Supermarktenteignungen durch griechische Anarchisten im Rahmen des Dezemberaufstandes 2008 und in der Zeit danach sind eine andere Kategorie. Generell ist aber für mich klar, dass der Aufbau einer anderen Welt einen höheren Stellenwert besitzen sollte als Bilderstürmerei und das Einreißen der alten. Vielleicht werde ich auch einfach alt ;) Aber die Begeisterung am Ausnahmezustand ist bei mir eher geschwunden, auch weil wir sehen, welches Risiko von Trittbrettfahrern besteht, ganz zu schweigen von dem reaktionären Backlash. Der Kapitolsturm und rechte Milizen auf den Straßen sind die Kehrseite der Medaille (vermutlich hat Reicher damit weniger Probleme).

    Am Ende meiner Studienzeit habe ich mich an den Protesten gegen die neuen Studiengebühren in Bayern beteiligt, inklusive Besetzungen von Uni-Gebäuden und, nun ja, einer Autobahn (letzteres war zumindest für mich spontan und eher nicht die Aktionsform, die ich persönlich wählen würde, wenn ich zu den Organisatoren gehören würde. Aber es war zumindest mal eine 'Erfahrung'). Nun wurden die Gebühren im Rahmen eines Volksentscheids nach dem Ende meines Studiums wieder abgeschafft, und sicherlich haben die Proteste ihren Teil dazu beigetragen. Ich muss allerdings sagen, dass mich die kleinkarierte Mentalität vieler Studis eher frustriert hat. Einem großen Teil ging es ums reine Handaufhalten und ich hatte eher den größeren Zusammenhang im Blick, der eine Solidarisierung mit anderen sozialen Kämpfen miteinschloss - die 'soziale Revolution' eben. Ich denke, diese Fixierung auf die eigene Situation ist ein durchgehendes Problem. Denn erst wenn es gelingt, Kämpfe zu verbinden, können wir anfangen, tatsächliche Alternativen zum Bestehenden zu entwickeln. Die Bereitschaft dazu sehe ich eher weniger - hinzu kommt, dass es nun einfach zu tiefgreifende Bruchlinien gibt, die eine Spaltung von linken bzw generell kapitalismuskritischen Strömungen bedeuten.

    Eher in der Zuschauerrolle war ich in Bezug auf die Krisenproteste in Griechenland in den Jahren ab 2009. Hier haben wir das absehbare Scheitern des Linksreformismus erlebt, und in den Jahren nach meiner Zeit dort auch die massive Repressionswelle gegen Anarchisten und Anti-Autoritäre. Dennoch war es eine sehr intensive, erfahrungsreiche Zeit, die im Grunde alles relativiert hat, das ich beispielsweise in Deutschland erlebt habe.

    Zum Thema Antifaschismus könnte ich sehr viel sagen (bzw hab es ja schon in früheren Beiträgen). Ich würde an dieser Stelle nur speziell 2015 hervorheben, ein Jahr, in dem wir es regional doch geschafft haben, rechte Mobilmachungen gegen Flüchtlinge massiv zu sabotieren. Wer nun einwenden mag, dass sich diverse Befürchtungen bewahrheitet haben, dem würde ich entgegnen, dass es hierum zunächst mal nicht ging. Das Erstarken rechter Gruppen muss so oder so verhindert werden, und das ist in dem konkreten Kontext auch gelungen. Den Aufstieg der AfD in den kommenden Jahren muss man multikausal betrachten, hier stießen kleinere antifaschistische Zusammenhänge an ihre Grenzen. Ich will eigentlich an dieser Stelle nicht viel mehr zu dem durchgekauten Thema sagen. Konkrete Beteiligung an Streiks gibt es von meiner Seite aus nicht, da die persönliche Betroffenheit nicht gegeben war als Einzelkämpfer auf dem freien Markt.