@Lonewolf: Danke, dass du das restliche Video noch erklärt hast, jetzt verstehe ich es auch besser 
Zitat von Lonewolf
Dabei ist die französische Revolution ein hochinteressantes Studiengebiet, was gesellschaftliche Umwälzungen angeht.
Das finde ich auch. Ähnlich wie die Hochphase der Römischen Republik. Der römische Historiker Polybios (2. Jhd. v. Chr.) meinte zum Beispiel, dass die Republik deswegen so stabil ist, weil sie die besten Eigenschaften der drei damals bekannten Regierungsformen enthält: Monarchie/Tyrannis, Aristokratie/Oligarchie und Demokratie/Ochlokratie (das erste Wort steht jeweils für die gute Variante des Begriffs; also eine Tyrannis ist eine schlechte Form der Monarchie etc.). Ich finde, man kann am Beispiel Römische Republik sehen, wie wichtig die Anpassungsfähigkeit für eine Gesellschaft ist. Wenn Rom eine starke Führung brauchte, wurde sie für kurze Zeit zur Monarchie, ansonsten war sie eine mit Checks & Balances (s. auch USA) ausgewogene Mischung aus Aristokratie und Demokratie.
Oder die Weimarer Republik: Hier kann man sehen, wie wichtig der Einfluß der Wirtschaft auf eine Gesellschaft ist und was passiert, wenn der Staat bei der Versorgung der Bevölkerung versagt und seine Feinde unterschätzt; "In zwei Monaten haben wir Hitler in die Ecke gedrückt, dass er quietscht!", Franz von Papen.
Bei der Französischen Revolution ist interessant, dass sie quasi im Schnelldurchlauf verschiedene Regierungsformen erfahren und innerhalb von kurzer Zeit eine massive gesellschaftliche Modernisierung vollführt hat. Geendet hats letztendlich, wie erwähnt, mit Kaiser Napoleon, der so lange beliebt war, wie er Kriege gewann. Aber selbst der konnte viele Verbesserungen nicht einfach zurück nehmen und hat sogar versucht, sie auf die Nachbarländer zu übertragen: Wikipedia: Königreich Westphalen.
Also, wer sich für Politik interessiert, hat hier schon mal drei Themen, mit denen er sich ausführlich beschäftigen kann 
Zitat von daryus
Und viele deiner Infos waren tatsächlich neu für mich: Hatte sie wahrscheinlich verschlafen...
Das war eigentlich nicht mal die Spitze des Eisbergs, sondern nur ein kleines Kapitel aus den 10 Jahren. Man hat, um nur eine handvoll Stichworte zu erwähnen, zum Beispiel einen an der Vernunft ausgerichteten Kalender eingeführt. Man wollte sich nicht mehr an diesem religiösen "nach Christus" orientieren, sondern 1789 war das Jahr I der Revolution. Und statt diesen komischen ungeraden 7 Tagen in einer Woche gab es eine 10-tägige Dekade. Blöderweise gab es aber weiterhin nur einen Tag pro Woche frei und die vielen religiösen Feiertage wurden auch noch beinahe ersatzlos gestrichen. Drei Dekaden ergaben jedenfalls einen Monat von 30 Tagen und am Ende des Jahres gab es halt noch ein paar Zusatztage. Ähnlich wie es heute noch unsere Banken machen. Und die Monate hießen halt jetzt Weinlese-Monat und Nebel-Monat, je nach Wetter.
Statt dem verpönten Christentum mit seinem schwachen Beweismaterial wurde die Vernunft und die Wissenschaft glorifiziert. Für das Spirituelle hat man versucht, den Menschen den "Kult des Höchstens Wesens" schmackhaft zu machen. Quasi Gott ohne Jesus und mit Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. War aber nach Robespierre nicht mehr so populär.
Die Giullotine selbst war ein reines Produkt der Vernunft. Die Antwort eines Arztes auf die Frage, wie man Menschen möglichst schnell und schmerzfrei tötet. Bei einer handelsüblichen Kopfabtrennung mit Schwert (Adel) oder Axt (Nicht-Adel) musste der Henker ja nur ein bisschen abrutschen und schon gab es eine Sauerei. Selbst der verhasste und gestürzte König Louis XVI. wurde rechtlich zum gleichwertigen Bürger erklärt und ohne Folter einfach einen Kopf kürzer gemacht.
Diese Glorifizierung der Vernunft hat letztendlich auch zur Deutschen Romantik geführt. Da haben sich die Menschen gedacht: "Wenn es zu viel Vernunft gibt, kommen wir also zur Giullotine und Angst-Herrschaft. Dann konzentrieren wir uns lieber auf unser Seelenleben, unsere Empfindungen, Übersinnliches, Spontanität etc." Deutsche Romantik also als Gegenbewegung zur aufklärerischen, radikalen Vernunft. Darum kommt dieser ganze Eso-Mist wie aus der Hand lesen, Glaskugel gucken und Geisterhäuser auch aus dem 19. Jahrhundert.
Ich kann verstehen, dass man sowas im Unterricht verschläft. Die Lehrer haben zu wenig Zeit, um solche interessanten Details und Zusammenhänge zu erklären und den Schülern wird beigebracht, nur genug Stoff für die Klausur zu lernen. Weil was zählt, sind nur die Noten. Hier in Hessen ist ja auch noch so, dass Geschichte und Politik meistens ein Fach ist ("Gesellschaftslehre"), also für das Übertragen von historischen Prozessen und Lehren auf unsere Zeit bleibt gar keine Gelegenheit.