Wenn ich so darüber nachdenke hätte es halt auch noch ein ganze Reihe weiterer negativer Folgen. Wenn keiner mehr stirbt würde es irgendwann ziemlich eng auf diesem Planeten werden und die Ressourcen würden uns irgendwann ausgehen. Oder die Menschen hätten dann irgendwann weniger Interesse an Kindern, weil sie nicht mehr ihre Gene an die nächste Generation übertragen müssten um fortzuleben. Aber schön fände ich das auch nicht, so eine Welt ganz ohne Kinder welche die Welt noch mit völlig neuen Augen sehen können, weil sie nicht schon hunderte oder tausende Jahre leben und alles schon gesehen haben was es zu sehen gibt. Und irgendwie wäre es auch etwas fies sich auf diese Weise zu weigern der nächsten generation Platz zu machen, man wäre wie so ein Unternehmer einer großen Firma der sich krampfhaft an seiner Position festklammert und niemand anderen die Geschäfte übernehmen lässt. Hier ist ja auch Alter und Tod oftmals das Einzige was solchen Leuten irgendwie Einhalt gebietet und ermöglicht dass auch mal ein frischer Wind durchzieht. Einflussreiche Personen wie Kissinger oder die Queen würden niemals ein Ende finden.
Die Superreichen würden dann in dieser unendlichen Zeit nur noch unendlich reicher werden und Monopole immer monopolistischer. Und die Angst davor dennoch bei Unfällen oder ähnlichem ums Leben zu kommen würde viele Menschen womöglich nur noch ängstlicher werden lassen. Wer erwartungsgemäß nur etwa 80 Jahre zu leben hat und einen Teil davon bekanntermaßen noch mit Alter und Krankheit zubringen muss, der klammert sich vielleicht weniger an seinem Leben fest als jemand der theoretisch auch unendlich lange bei bester Gesundheit weiterleben könnte. Aber wenn man sich aus Angst vor den Gefahren des Lebens vor ihnen versteckt hat man auch nichts von diesem langen Leben und fristet am Ende doch nur ein Dasein welches mehr dem Tod ähnelt als dem Leben.
Mit dem Leben verhält es sich vielleicht ähnlich wie mit Geld, je mehr man davon haben kann desto mehr möchte man haben. Es ist nie genug und je mehr man hat (in dem Fall die unendliche Jugend) desto mehr fürchtet man sich davor diese doch noch zu verlieren und wird vielleicht anfangen viel vorsichtiger zu Leben. Ich denke ein einziger Moment tiefer Zufriedenheit im Hier und Jetzt, in dem kein einziger Gedanke an die Zukunft mehr bestehen bleibt, kein Gefühl der Unvollkommenheit, kein Wunsch nach immer neuen unstillbaren Befriedigungen und keine Notwendigkeit für weitere Pläne oder die Angst davor noch nicht genug gelebt zu haben, in dem es kein Müssen und kein Wollen mehr gibt, ein solcher Moment hat unvorstellbar mehr wert als ein unendliches Leben bestehend aus unstillbarem Verlangen nach weiteren Momenten.
Ich fürchte das ist halt heute schwieriger denn je, wir haben heute mehr Auswahl als alle Generationen vor uns. Die Möglichkeiten zur Stillung unserer unstillbaren Verlangen werden nahezu Augenblicklich erfüllt und kommen quasi nie zum erliegen, eine riesige Industrie hat sich gebildet um unser nie enden wollendes Verlangen nach immer neuen Befriedigungen, Betäubungsmöglichkeiten und neuer Unterhaltung zu stillen. Ich schätze der Mann aus deinem Beispiel hatte es da noch etwas einfacher in seiner Jugend als es weniger Dinge gab mit denen man sich theoretisch hätte ewig beschäftigen können.
Im Leben basiert einfach alles auf zyklischen Prozessen. Es ist nicht das ganze Jahr über Winter und draußen ist nicht ewig Tag sondern auch mal Nacht. Wir können auch nicht ewig Glücklich sein, um Glück als solches wahrnehmen zu können müssen wir es zunächst von etwas gegensätzlichem unterscheiden können. Wir benötigen Kontraste und Gegensätze, als zwei Seiten einer Medaille die erst im Zusammenspiel Sinn ergeben und somit ein untrennbares Ganzes bilden. Ohne heiß wüssten wir nicht was kalt bedeutet und umgekehrt. Jemand muss erst erfahren haben was Einsamkeit bedeutet um Zweisamkeit zu schätzen zu wissen oder umgekehrt auch mal die Schattenseite der Zweisamkeit erlebt haben um wieder all die Vorzüge der Einsamkeit zu bemerken. Es ist ein stetiger Wechsel der Polaritäten, bei dem alles Wandelbar ist und erst durch diesen Wandel ergibt unsere Welt überhaupt Sinn und wird für uns Erfahrbar.
Es ist sinnvoll sich immer erst mit dem Gegenstück dessen zu versöhnen was man haben möchte. Wenn es einem gelingt Frieden zu schließen mit den unerwünschten Szenarien bekommt man das erwünschte quasi gratis dazu. Wenn man reich sein möchte, es einem aber dennoch gelingt sich auch mit dem Gedanken daran anzufreunden zu scheitern und der Reichtum womöglich immer bloß ein frommer Wunsch bleiben wird, der erhält dadurch einen ganz anderen Reichtum, nämlich den unbedingter Zufriedenheit. Wenn man sich mit dem Gedanken versöhnen kann alt zu werden und irgendwann sterben zu müssen, kann man viel mehr Lebensfreude auch im Alter noch bewahren und wird sich dabei seine Jugendlichkeit auf eine ganz andere Weise erhalten können.
Unser menschliches streben danach die angenehmen Empfindungen ewig andauern zu lassen und stetig weiter zu mehren und alle unangenehmen Empfindungen zu meiden und dauerhaft aus unserem Leben zu tilgen, wird immer nur das genaue Gegenteil von dem erreichen was wir damit versuchen. Indem man lernt auch die unangenehmen Dinge zu akzeptieren und die angenehmen Dinge gehen zu lassen, kann man seinen Frieden mit dem unweigerlichen Lauf des Lebens machen und wahres Glück finden. Neben der bitteren Erkenntnis über die Vergänglichkeit aller schönen Momente und die Flüchtigkeit aller Dinge die wir lieben und schätzen, beinhalt dies im Umkehrschluss eben auch die Vergänglichkeit aller unangenehmen Erfahrungen, welche ebenso von beschränkter Dauer sein müssen. Alles wieder eine Frage der Perspektive und ändern wird man diese Dinge ohnehin nicht können, also wäre es halt schlauer sich irgendwo damit abzufinden. Aber natürlich kann man sich auch weiterhin darüber ärgern und sich wünschen es wäre anders, auch das ist Teil des Lebens und gehört mit dazu. Alles hat irgendwo auch seinen Nutzen, vielleicht ist es gerade die mangelnde Bereitschaft sich damit anzufreunden die es einem erlaubt, im Wissen über die Dringlichkeit des Lebens, dieses vollends auszukosten und wie zum Trotz so zu leben als würde es ewig anhalten, statt sich mit irgendeinem Gedanken an Vergänglichkeit zufrieden zu geben. Letztlich gehört auch dieses Kämpfen, sich Abmühen und Scheitern als fester Bestandteil zum Leben mit dazu, alles hat seine Zeit und seinen Platz.