Im Gedenken an Günter Hellstern

    • Im Gedenken an Günter Hellstern

      Es ist mir einfach gerade ein Bedürfnis, an diesen Menschen zu erinnern. Wieso? Er kam wie viele der Unityaner aus einem öden schwäbischen Provinznest, aus Göppingen, um genau zu sein. Nach langen Jahren in der Bundeswehr und der Fremdenlegion machte er sich schließlich auf nach Rojava, Nordsyrien, um den Kampf der kurdischen Volksverteidigungseinheiten gegen den IS zu unterstützen. Vor zwei Jahre starb Günter bei dem Versuch, einen Kameraden vor einem Heckenschützen in Sicherheit zu bringen. Unter all den linken politischen Idealisten und Glücksrittern sticht Günter irgendwie heraus - ein getriebener, rastloser einsamer Wolf, dessen Handwerk das Töten war und der in Rojava eine (letzte) Heimat fand. Ich hoffe, dass er in all dem Blutvergießen auch so etwas wie inneren Frieden gefunden hat. Für uns alle mag er als Beispiel dienen, dass wahre Größe vermutlich keiner großen Worte bedarf. Über den Kampf für eine bessere Welt hat er nicht philosophiert, er hat sich nicht wie ein sterbender Schwan darüber echauffiert, dass die böse Welt ihn und seine Ideale nicht versteht. Er ging seinen einsamen Weg durch Stacheldraht und Minenfelder und fand die Gemeinschaft, die er immer gesucht hat. Für seine Überzeugung hat er letztlich sein Leben gegeben. Aber wenn wir ehrlich sind, hat er mehr getan, gesehen und erreicht, als der größte Teil von uns west-europäischen Meistern der Verdrängung und des Selbstbetrugs.



      Nachruf aus dem Internet:

      Zur Erinnerung an Günter Hellstern (Rustem Cudî)
      Gefallen am 22. Februar 2016 in Shaddadi, Provinz Heseke, Rojava
      „Die Revolution ist nicht nur Krieg und Waffen tragen, die Revolution bedeutet, das Leben richtig zu verstehen. Um dieses Leben zu verteidigen, und die Werte der Menschlichkeit, sind wir bereit, in diesem schwersten Krieg Erfolg zu haben.”
      Günter Hellstern
      Günter Hellstern war 55 Jahre alt, er kam aus Göppingen in Süddeutschland und war Vater eines Sohnes, zu dem er aber keinen Kontakt hatte. Dennoch war er ihm tief verbunden: „Ich habe nur zwei Dinge in meinem Leben richtig gemacht, ich habe meinen Sohn bekommen und ich habe mich den YPG angeschlossen“, erklärte Günter gegenüber einem Journalisten aus Deutschland.
      Günter Hellstern war unter den deutschen Freiwilligen in Rojava sicher eine Besonderheit, nicht nur wegen seines Alters, auch aufgrund des Lebens, das er zuvor geführt hatte. Er hatte 18 Jahre in der Bundeswehr verbracht, zehn Jahre in der französischen Fremdenlegion, mit Einsätzen im Kosovo und Afrika, er hatte sechs Jahre für private Sicherheitsdienste angeheuert und in vielen Teilen der Welt als Soldat, Fremdenlegionär oder im Sicherheitsdienst gearbeitet. Er hatte ein Leben geführt, das weit von der Revolution oder linken Ideen entfernt war. In seinem alten Leben hatte viele Probleme gehabt, mit Alkohol und Drogen, er hatte keine Wurzeln, keinen Kontakt zu seiner Familie. Das Leben als Söldner, tat ihm nicht gut, er war traumatisiert, berichtet ein spanischer Freiwilliger, manchmal brach er mitten in Gesprächen einfach ab und war wie eingefroren, aber er hatte sich entschlossen seinem Leben eine ganz neue Richtung zu geben.
      Auf die Frage eines Journalisten, warum er überhaupt nach Rojava gekommen sei, antwortete er: „Ich musste“. Es habe ihn nicht mehr losgelassen, als er in den Nachrichten und im Internet gesehen habe, wie unglaublich menschenverachtend der IS gegen die Bevölkerung in Nordsyrien vorgehe.
      Günter hatte sich ganz alleine von Deutschland aus auf den Weg nach Kobanî gemacht. Mitten im heißen Krieg erreichte er Kobanî. Am Tag nach seiner Entscheidung nach Rojava zu gehen buchte er ein Ticket und flog allein in die Türkei. Ohne die örtlichen Sprachen zu kennen, nur mit den Ratschlägen der lokalen Bevölkerung, überwand er allein die militarisierte türkisch-syrische Grenze, kroch am hellichten Tag unter einem Zaun hindurch und überquerte vorsichtig und methodisch ein Minenfeld. Bald sah er zwei GenossInnen, die ihm von der relativen Sicherheit Rojavas aus zuwinkten. Anfangs vermutete er einen Willkommensgruß, realisierte aber schnell, dass sie ihn vor zwei türkischen Patrouillenfahrzeugen warnten, die sich ihm von hinten näherten. In diesem Augenblick entschied er sich, den Rest des Minenfeldes laufend zu überwinden. „Entweder ich lief und riskierte, auf eine Mine zu treten, oder aber von der türkischen Armee erschossen zu werden, aber dies sind die Möglichkeiten eines Soldaten,“ berichtete er später einem Genossen.
      Nachdem er den Weg nach Rojava geschafft hatte, wurde er in Kobanî herzlich willkommen geheißen, viele der BewohnerInnen waren erstaunt und interessiert, den einsamen Europäer zu treffen. Während seiner etwa zwei Monate in Kobanî beteiligte er sich an Projekten im Verteidigungsministerium und knüpfte zahlreiche feste Freundschaften mit den unterschiedlichsten Menschen. Vier oder fünf Monate ist er bei dem Genossen Azad geblieben, um die Ideen der Revolution besser verstehen zu lernen.
      Kobanî behielt einen besonderen Platz in seinem Herzen. Er hatte sein Leben damit verbracht durch die Welt zu reisen und viele unterschiedliche und exotische Kulturen kennenzulernen, aber er entwickelte eine besondere Liebe für die Menschen von Kobanî, die er besonders offen und herzlich fand. Oft, wenn GenossInnen ihn fragten woher er stamme antwortete er mit einem breiten Lächeln „Kobanî“.
      Man gab ihm zuerst einige Bücher über Rojava, er hat sie wieder und wieder gelesen, denn er wollte das System verstehen und es überzeugte ihn. Das erste Mal in seinem Leben setzte er sich mit linken Ideen auseinander und sie beeindruckten ihn tief.
      „Er hatte ein großes Herz, den Wunsch viel zu lernen, er hat gesehen, dass die Utopie funktioniert in Rojava“, so der spanische Freund Firat. „Als er das Leben in Rojava gesehen hat, begann er an die radikale Demokratie zu glauben, die Bücher haben ihm dabei sehr geholfen, denn sein Kurdisch war noch sehr schlecht. Er hatte noch ein paar tausend Euro aus Deutschland mitgebracht. Als er gesehen hat, dass die Kinder in Kobanî keine Hefte, Stifte und Bücher hatten, hat er sein gesamtes Geld an die Logistik übergeben, das war noch vor dem Totalembargo. Für das Geld wurde die lokale Schule mit allem ausgestattet. „Ich will nicht mehr zurück, ich brauche nie wieder Geld,“ habe Günter gesagt, nach dem Krieg wolle er für immer in die Berge gehen.
      Er unterschied sich sehr von den anderen westlichen Soldaten, er wollte sich wirklich ändern, war sehr sensibel, was die kurdische Kultur anging.
      Ein deutscher Internationalist beschreibt Günter als einen Menschen voller Wärme, Freundlich-keit, Mut und zahllosen weiteren großherzigen Eigenschaften.
      „Rustem war ein wirklich bemerkenswerter Mann. Er strahlte Wärme und Herzlichkeit aus, jedem gegenüber, dem er begegnete. Er interessierte sich für Menschen, egal wer sie waren, und Fremde wurden noch während der ersten Begegnung Freunde.
      Er verbrachte viele Stunden damit, lange und tief gehende Unterhaltungen und Auseinandersetzungen über Rojava zu führen. Für ihn bestand der Unterschied zwischen den revolutionären KämpferInnen Rojavas und den westlichen Militärs darin, dass letztere nicht wissen, warum sie den Abzug ziehen. „Es ist einfach, abzudrücken …“ würde er sagen, „ … aber zu wissen, warum du das tust, ist das Allerwichtigste.“
      Er war zutiefst der Revolution verbunden, betrachtete sie als den wichtigsten Krieg in dem er gekämpft hatte, und er hatte viele Pläne und Ideen für die Zukunft. Er sagte mir, „der militärische Kampf ist ein nur ein kleiner Teil dessen um was es hier geht. Es ist ein wichtiger Teil, aber nur ein kleiner. Viel bedeutender ist, was danach kommt, und die Gesellschaft, die aufgebaut wird.“ Rustem sagte mir einmal, dass die so sehr notwendige soziale und zivile Arbeit in Rojava die „allerwichtigste Arbeit“ ist.
      Obwohl er das entschiedene Auftreten eines wettergegerbten und rauen Soldaten hatte, steckte hinter dieser Schicht eine durch und durch einfühlsame und mitfühlende Natur. Er interessierte sich für die Menschen mit denen er lebte, wollte sowohl das Beste für sie und dass sie ihr Bestes geben. Er scheute bei zahllosen Gelegenheiten keine Mühen, nicht nur mit Menschen zu reden und mit ihnen Probleme zu beratschlagen, sondern auch praktische Lösungen zu finden oder zu erklären, wie sie ihre Probleme selbst bewältigen können. Er empfand Kritik als etwas Positives, „du musst ständig Kritik üben“ sagte er, „auf diese Art lernen Menschen.“ Manchmal brachte er sich in einen Zustand schierer Verzweiflung über das unverantwortliche Verhalten Einiger. Ein Gefühl aus der Tiefe seines Herzens, da er viele Stunden nachdenkend über die Belange und Probleme Anderer verbrachte.
      Rüstem übernahm Verantwortung für die jungen oder neuen die an seiner Seite waren. Für ihn war der Hintergrund einer Person nicht wichtig, auch nicht ob sie erfahrene KämpferInnen waren oder nicht. Für ihn war die Ernsthaftigkeit der Menschen wichtig, ob sie einen Plan im Leben hatten und wussten, was sie wollten.
      Und wenn er dein Freund war, passte er auf dich auf Er hat die GenossInnen immer angehalten vorsichtig zu sein, und vernünftig, und dass es – in seinen Worten – keinen Grund gibt, ein Held zu sein, wegen nichtiger Gründe zu sterben.“ Ein perfektes Beispiel seiner Freundlichkeit gab er, wann immer er Hunden begegnete. In diesen Augenblicken existierte für ihn nichts anderes auf der Welt und er unterbrach Gespräche und menschliche Gesellschaft um die reine Freude zu erleben mit dem Tier zu spielen. Seine ernste und getreue Art und Weise verpuffte in einem aufgeregten Tumult begeisterter und aufgeregter Geräusche während er den Hund knuddelte und sein Freund wurde. Er scherzte „Wenn irgendjemand ein Tier verletzt und ich höre davon, werde ich ihn verletzen.“
      Wirklich ein Mann der seine Lebensrolle darin sah, die zu beschützen die Schutz brauchen.
      Nachdem er Kobani verlassen hatte, kämpfte er in zwei beweglichen kämpfenden Bataillonen, bevor er zu seiner dritten und letzten stieß. Die Erste war das Bataillon Şehîd Rustem, und das zweite war das Bataillon Şehîd Harren. Er hatte eine tiefe Liebe für die GenossInnen, mit denen er tagein tagaus zusammen war, und genoss das einfache, sozial-intensive Leben eines YPG-Kämpfers durch und durch.
      Ich habe großen Respekt dafür, dass dieser hoch-erfahrene Soldat, dem oftmals verantwortliche und bedeutende Positionen Rojavas angeboten worden waren, es vorzog bei den Männern und Frauen zu bleiben, halb so alt wie er, wenn nicht jünger, von einem leerstehenden Gebäude zum nächsten ziehend, beim Holzsammeln oder Tee zubereiten am offenen Feuer helfend. Er tat dies alles nicht weil er den Adrenalin-Kick des Kampfes geliebt hätte (einmal erläuterte er mir, „er würde vor jedem einzelnen Kampf nervös werden, wie jeder einigermaßen sensible Mensch es würde“), sondern weil er die Menschen liebte, mit denen er kämpfte und bei denen er sich zu Hause fühlte. Und seine GenossInnen erwiderten diese Liebe.
      Auf Grund seines Alters und seiner Erfahrung hielt er eine besondere Position in dem Bataillon inne. Er spielte die Rolle eines behütenden Vaters oder eines erfahrenen Lehrers, immer bereit Hilfe oder Anleitung anzubieten wenn es notwendig war, oder Kritik zu äußern wenn nötig.
      Ich kann noch die Rufe der GenossInnen rund um die Lagerfeuer Hören: Heval Rustem! Genosse Rustem!“ riefen sie, um seine Aufmerksamkeit ringend, ein humoriges Seufzen oder oder ein ironisch strenger Blick war auf Rustems Seite alles was es brauchte um die GenossInnen in schallendes Gelächter ausbrechen zu lassen. Er erachtete sie als Kämpfer, sie gehörten zu den tapfersten die er je kannte, „ … sie kämpfen wie Löwen, aber …“ wie Rustem sich in seiner freien und direkten Art nie scheute seine aufrichtige Meinung zu sagen „… sie haben keine Disziplin. Aber sie können lernen.“ Er sagte „Ich kritisiere nur kleine, persönliche Sachen“: Wenn ein Genosse nicht zu Wache geht, zwei statt einem Energy-Drink nimmt oder sein Waffen-Öl benutzte ohne zu fragen – „aber wirklich, dies sind großartige Menschen.“ Ich erinnere mich an einen besonderen Austausch am Lagerfeuer, als einer Rustem aufforderte, die Disziplin jedes einzelnen Anwesenden zu bewerten: „etwas“, „wenig“, „keine“ antwortete er in einfachem Kurdisch, bis ein besonders wilder und „spitzbübischer“ Genosse benannt wurde. Rustem gab verzweifelt auf, „Oh la la“ murmelt und die Augen verdrehend, während die Gruppe in brüllendes Gelächter ausbrach.
      Es heißt, Günter Hellsterns Bataillon wurde gerufen, um eine Schule in Shaddadi einzunehmen, die von Daesch gehalten wurde. Es kam zu einem heftigen Gefecht. Als ein Genosse in Günters Einheit verletzt wurde, soll er nach vorne gelaufen sein, um ihm zu helfen. Während er ihm half, wurde er selbst durch einen Scharfschützen getroffen.
      Günter Hellstern ist ein besonderer Genosse, denn er zeigt auf, dass Menschen, die tief im Schmutz gelebt haben, die sogar als Fremdenlegionäre oder Soldaten Verbrechen an der Men-schlichkeit begangen haben, ihr Leben ändern können und aufrichtige Revolutionäre werden können. Mit 55 Jahren hat er seinem Leben eine ganz neue Richtung gegeben. Er wollte nie zurückkehren.
      Günter hat in Rojava das gefunden, was er ein Leben lang gesucht hat, einen wirklichen Sinn, eine Utopie, das andere, freie Leben. Dafür hat er sein Leben gelassen. Günter wurde nicht nach Deutschland zurückgeholt. In Derîk wurde er neben seinem Kommandanten beerdigt.
    • Vor kurzem ist ein weiterer Internationalist gefallen, der Anarchist Lorenzo Orsetti.
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      Er hinterließ einen Abschiedsbrief für den Fall, dass er nicht lebend zurückkehren sollte.

      „Ciao, wenn ihr diese Botschaft lest, bedeutet es, dass ich nicht mehr am Leben bin. Ach, seid nicht traurig, mir geht es gut so. Ich bereue nichts und bin gestorben, während ich das getan habe, was ich für richtig halte. Ich habe die Schwachen verteidigt und bin meinen Idealen von Gerechtigkeit, Gleichheit und Freiheit treu geblieben. Trotz meines frühen Abgangs bin ich ziemlich sicher, dass mein Leben erfolgreich war und ich mit einem Lächeln auf den Lippen gegangen bin. Etwas Besseres hätte ich mir nicht wünschen können.
      Ich wünsche euch das Beste von allem und hoffe, dass auch ihr eines Tages – falls ihr es nicht schon getan habt – die Entscheidung trefft, euer Leben für die zu geben, die nach uns kommen. Nur so können wir die Welt verändern. Wir können nur etwas ändern, wenn wir den Individualismus und den Egoismus besiegen, den wir alle in uns tragen. Ich weiß, es sind schwere Zeiten, aber gebt nicht auf, verliert niemals eure Hoffnung, nicht einen einzigen Moment.
      Auch wenn es so aussieht, als ob alles verloren sei, wenn Schlechtes den Menschen Schmerzen bereitet und die Welt unerträglich wird, findet trotzdem weiter Kraft und gebt sie an eure Weggefährten weiter. In dunklen Momenten wird dieses Licht weiterhelfen. Und denkt immer daran, dass große Stürme mit einem kleinen Tropfen beginnen. Versucht, dieser Tropfen zu sein.
      Ich liebe euch alle und hoffe, dass ihr meine Worte zu schätzen wisst. Serkeftin!“