Das Innere der Kapelle ist nicht reizvoller als das Äußere. Eine öde Werkshalle, Werft eines steinernen Schiffes, dessen düster graue Linien aufeinanderstoßen und wieder auseinandergehen, bevor sie die Möglichkeit gehabt haben zur zisterziensischen Begegnung der Strenge mit der Schönheit. Das Schiff ist klar in drei Teile geschieden. Der erste, beim Eingang, ist den Gläubigen vorbehalten, die im Halbdunkel beten. Bunte Glasfenster, deren Farben durch die Masse der umliegenden Gebäude getrübt sind, werfen ein wenig Licht auf ein paar Statuen und einen blumengeschmückten Seitenaltar.
Der zweite Teil wird von den Ordensschwestern eingenommen, die mit ihren schwarzen Schleiern auf dem Kopf aussehen wie Reihen sittsamer Vögel in ihrem Gestühl aus poliertem Holz. Später werde ich erfahren, daß es Schwestern "von der Sühnenden Anbetung" sind, einer Kongregation, die als fromme Antwort auf gewisse Exzesse der 48er-Revolution gegründet wurde. Verhältnismäßig gering an Zahl (man wird noch sehen, daß dieser Umstand seine Bedeutung hat) gehören sie einem jener kontemplativen Orden an, die die Gefangenschaft gewählt haben, um uns frei zu machen, das Dunkel, damit wir Licht haben, und von denen die materialistische Weltanschauung - für eine oder zwei Minuten noch die meine - sagt, sie seien zu nichts gut auf der Welt. Sie sprechen mit wechselnden Stimmen irgendein Gebet, das von einem Rande des Schiffs zum anderen widertönt, um in regelmäßigen Abständen in den Ausruf "Gloria patri et filio et spiritui sancto" zu münden, und dann wieder in den ruhig plätschenden Wechselgesang zurückfällt. Ich weiß nicht, daß es sich dabei um Psalmen handelt, daß wir der Matutin beiwohnen und daß ich vom leichten Wellengang des kanonischen Stundengebets gewiegt werde.
Der letzte Teil der Kapelle ist hell erleuchtet. Auf dem ganz in Weiß gehaltenen Hauptaltar wird ein riesiges Aufgebot an Pflanzen, Leuchtern und anderen Zierraten von einem großen Kreuz in reicher Metallarbeit überragt, das in seiner Mitte eine mattweiße runde Scheibe trägt. Drei weitere Scheiben von derselben Größe, aber in einem um eine Nuance verschiedenen Weiß, sind an den Enden der Kreuzbalken befestigt. Ich bin aus Kunstbegeisterung schon in manche Kirche eingetreten, aber ich habe noch nie mit Bewußtsein eine Monstranz mit der Hostie darin gesehen, ich glaube, auch noch nie eine Hostie, und ich weiß nicht, daß ich das Allerheiligste Altarsakrament vor mir habe, zu dem zwei Reihen brennender Kerzen emporstreben. Die zusätzlichen weißen Scheiben und die überladene Goldverzierung machen es mir noch schwerer, diese ferne Sonne als das, was sie ist, zu erkennen.
Die Bedeutung von dem allen entgeht mir, und zwar um so mehr, da ich sie nicht suche. Neben der Türe stehend. spähe ich nach meinem Freund, und es gelingt mir nicht, ihn unter den knienden Gestalten vor mir zu erkennen. Mein Blick wandert vom Dunkel zum Licht, kehrt zu den anwesenden Menschen zurück, ohne irgendeinen Gedanken mitzubringen, gleitet von den Gläubigen zu den unbeweglich verharrenden Ordensfrauen und bleibt dann, ich weiß nicht warum, an der zweiten Kerze haften, die links vom Kreuz brennt, nicht an der ersten, nicht an der dritten, sondern an der zweiten. In diesem Augenblick bricht jäh eine Welle von Wundern los, deren unerbittliche Gewalt in einem Nu von dem absurden Wesen, das ich bin, die Hülle reißen und das Kind, das ich nie gewesen bin, geblendet von dem Glanz, ans Tageslicht bringen wird.
Zuallererst werden mir die Worte "geistiliches Leben" eingegeben. Sie werden mir nicht gesagt, ich forme sie nicht selbst, ich höre sie, als würden sie neben mir mit leiser Stimme von einer Person gesprochen, sie sieht, was ich noch nicht sehe.
Kaum hat sie letzte Silbe dieses leisen Vorspiels die Schwelle meines Bewußtseins erreicht, da bricht von neuem die Lawine los. Ich sage nicht: der Himmel öffnet sich; er öffnet sich nicht, er stürzt auf mich zu, schießt plötzlich wie ein stummes Wetterleuchten aus der Kapelle empor, wo er - wie hätte ich es ahnen können? - auf geheimnisvolle Weise eingeschlossen war. Wie soll ich's schildern, mit diesen abgedankten Worten, die mir den Dienst versagen und mir die Gedanken abzuschneiden drohen, um sie in das Magazin der Einbildungen zu verweisen? Der Maler, dem es gegeben wäre, unbekannte Farben zu erschauen, womit sollte er sie malen? Es ist ein unzerstörbarer Kristall, von einer unendlichen Durchsichtlgkeit, einer beinahe unerträglichen Helle (ein Grad mehr würde mich vernichten) einem eher blauen Licht, eine Welt, eine andere Welt, von einem Glanz und einer Dichte, daß unsere Welt vor ihr zu einem verwehenden Schatten der nicht ausgeträumten Träume zurücksinkt. Es ist die Wirklichkeit, es ist die Wahrheit, ich sehe sie vom dunklen Strand aus, wo ich noch festgehalten bin. Es ist eine Ordnung im Universum, und an ihrer Spitze, jenseits dieses funkelnden Nebelschleiers, ist die Evidenz Gottes, die Evidenz, die Gegenwart ist, die Evidenz, die Person ist, die Person dessen, den ich vor einer Sekunde noch geleugnet habe, den die Christen "unseren Vater" nennen und dessen milde Güte ich an mir erfahre, eine Milde, die keiner anderen gleicht, die nicht die manchmal mit diesem Namen bezeichnete passive Eigenschaft ist, sondern eine aktive, durchdringende, eine Milde, die alle Gewalt übertrifft, die fähig ist, den härtesten Stein zu zerbrechen und was härter ist als der Stein - das menschliche Herz.
Ihr überwältigender Einbruch ist begleitet von einer Freude, die nichts anderes ist als der Jubel des vom Tod Erretteten, des gerade noch zur rechten Zeit aufgefischten Schiffbrüchigen, mit dem Unterschied allerdings, das mir erst in diesem Augenblick, da ich dem Heil entgegen emporgerissen werde, zum Bewußtsein kommt, in welchem Schlamm ich, ohne es zu wissen, versunken war - und ich frage mich, der ich noch mit halbem Leibe darin gefangen bin, wie ich darin leben, darin atmen konnte.
[...]
Draußen scheint noch immer die Sonne, ich bin ein fünfjähriges Kind, und diese Welt, vorher aus Stein und Asphalt, ist ein großer Garten, in dem es mir erlaubt ist zu spielen, solange es dem Himmel gefällt, mich darin zu lassen. Willemin, der neben mir geht und etwas Besonderes in meinem Gesichtsausdruck bemerkt zu haben scheint, sieht mich mit der Eindringlichkeit eines Diagnostikers an: "Ja, was hast du denn?" - "Ich bin katholisch"