Das ist eben die Frage, ob es die Menschen nicht anders lernen...
Ich denke doch, dass die Menschen heute eigentlich weit genug sein sollten, verglichen mit vor 50 Jahren, dass sich das ganze auch ohne autoritären Druck von oben irgendwie von selbst regulieren würde.
Also im Stadion zum Beispiel, wenn ein paar Idioten Affenlaute machen, und dann die große Mehrheit im Stadion "Nazis Raus!" oder sowas rufen würde als Antwort, wäre das auch ein starkes Signal. Ich weiß einfach nicht, ob man immer da dann gleich mit der Polizei anrücken und jeden bestrafen muss, der sich daneben benimmt.
Wurde früher schließlich auch nicht gemacht, und offensichtlich hat sich die Gesellschaft auch ohne Zwang von oben in eine tolerantere und freiere Richtung entwickelt, ganz von alleine. Und diesen Kurs sollte man meines Erachtens beibehalten, denn er hat sich doch eigentlich ganz gut bewährt, und wir sind seit den 70er Jahren schon ganz gut vorangekommen.
Auch was Gleichberechtigung von Frauen und Schwulen und ähnliches angeht. Diese Dinge passieren von ganz alleine, so lang der Staat ihnen zumindest keine Steine in den Weg legt, indem er Homosexualität kriminalisiert oder homosexuelle Beziehungen rechtlich nicht gleich behandelt wie heterosexuelle.
Sowas erwarte ich durchaus von einem modernen Staat, dass er solche Hürden abbaut und für gleiche rechtliche Behandlung von Minderheiten sorgt.
Nur dieses moderne Umerziehungs-Denken, nach dem Motto "Wir müssen die Menschen jetzt notfalls mit Gewalt tolerant machen" finde ich (und viele andere auch) eben sehr problematisch, weil es halt auch ein Widerspruch in sich ist, einerseits Toleranz einzufordern und andererseits gegen alles vorzugehen, was nicht ins eigene Weltbild passt. Diese Doppelmoral stößt eben vielen sauer auf, und ich kann das bis zu einem gewissen Grad sehr gut nachvollziehen.
Die Dinge passieren nicht von alleine, sondern weil Menschen mutig genug waren, Veränderungen herbeizuführen. Oder denkst du ernsthaft, z. B. die Rassentrennung in den USA wäre ohne die schwarze Bürgerrechtsbewegung überwunden worden? Was den Staat angeht, stimmt es natürlich, dass Fortschritte nicht mit, sondern gegen die staatliche Autorität errungen wurden und werden, z. B. bei der Diskriminierung von Schwulen und natürlich auch bei Frauenrechten (lange Straffreiheit von Vergewaltigung in der Ehe, Kuppeleiparagraph etc.). Das sollte hier nicht unter den Teppich fallen.
Das Beispiel mit den Affenlauten war auch eher unglücklich gewählt, mal diplomatisch ausgedrückt. Wenn schwarze Spieler keinen Bock mehr haben, rassistisch beschimpft zu werden, haben sie natürlich Solidarität verdient, weil sie diesen Kampf nicht alleine führen sollen. Wobei im Fußball generell schärfer reagiert werden sollte als anderswo, da in der Kurve soziale Multiplikatoren sitzen. Wer hier den Ton angibt, trägt Überzeugungen auch weiter in die Jugendkultur.
Für verfehlten Antirassismus gibt's doch bessere aktuelle Beispiele, z.B. die Ausladung einer weißen Sängerin durch eine Fridays for Future Ortsgruppe, weil sie als Weiße Dreadlocks trägt. Oder der Abbruch eines Konzerts, weil eine Reggae-Band aus Weißen besteht. Das sind Beispiele für eine fehlgeleitete Minderheit, sprich die Critical-Whiteness-Bewegung, die mit ihrer Vorstellung von Antirassismus sozialen Bewegungen tatsächlich Schaden zufügen kann durch Spaltungen.
Dementsprechend bin ich auch nicht der Auffassung, dass die Mehrheit rassistisch ist und 'umerzogen' werden müsste. Aber in den Bereichen, in denen Rassismus zur Schlechterstellung von Menschen führt oder diese bedroht werden (und hierzu gehören keine Frisuren), sollte schon eingegriffen werden.
Auf der anderen Seite sollte man nicht jede individuelle Befindlichkeit zum Maßstab der Bewertung machen, ob Diskriminierung vorliegt, ganz nach dem Motto der 'Definitionsmacht', wonach allein Betroffene wissen und bewerten können, und dürfen ob ein Übergriff stattgefunden hat. Und diese Tendenz gibt es eben, vor allem in Zusammenhängen, in denen Antirassismus und Feminismus großgeschrieben werden, was zu den absurdesten Vorwürfen und Streits führt (nicht genug 'schwarze' Musik auf Demos ist diskriminierend, breitbeinig sitzende 'Cis-Männer' versinnbildlichen ein patriarchales Machtverhältnis, Frauen bei Diskussionen unterbrechen ist 'mansplaining', auf linken Camps darf nicht asiatisch gekocht werden, Männer dürfen auch bei Sportveranstaltungen nicht mehr oberkörperfrei antreten etc.).