Beiträge von Lonewolf

    "Hat dem Hagakure wohl noch einiges an Aufmerksamkeit beschert, wie immer man das auch bewerten mag."

    Die Perspektive aus dem dieser Handlungs-Leitfaden/Kodex im Film präsentiert wird empfinde ich als höchst vernünftig. Es scheint mir primär um das Erbringen eines möglichst selbstlosen (im Sinne eines strikt auf das eigene Ego/den eigenen Körper beschränkten Selbsts) Dienstes für moralisch/ethisch vernünftige Ideale/Ziele oder eben einen konkreten weltlichen Vertreter, der diese Ideal Ziele repräsentiert oder zugeschrieben bekommt, zu gehen.

    Ich wünschte manchmal, ich hätte noch diese Überzeugungskraft bzw. den notwendigen Glauben an übergeordnete Ideale. Wobei wir mit Blick auf das Ende des Films auch sagen könnten: Die Überzeugung des Ghost Dog ist bewundernswert, aber nicht sein Wirklichkeitssinn. Sein erwählter Lehnsherr, für dessen vermeintlichen Aufstieg er sich opfert, steigt ja eben gerade nicht in der Hierarchie auf, so wie es Ghost Dog durch sein Opfer wohl im Sinn hatte. Insofern bleibt er ein lebender Anachronismus bis zur letztlich sinnlosen Selbstaufgabe.

    Ich muss wohl nicht betonen, dass mir die romantisierte Vorstellung des Ronin eher zusagt und dass ich in diesem Sinne Musashi einem Yamamoto vorziehe ;)

    Filmtechnisch/erzählisch kommt mir da gerade noch "Ghost Dog" in den Sinn... https://www.imdb.com/title/tt0165798/

    Den hatten wir schon ganz am Anfang auf der ersten Seite dieses Threads ;-) Einer meiner Lieblingsfilme. Hat dem Hagakure wohl noch einiges an Aufmerksamkeit beschert, wie immer man das auch bewerten mag. Ein zentrales Thema bei Jarmusch ist ja der Clash verschiedener Kulturen. Ich muss mir mal den Vorgänger mit Alain Delon anschauen, auf den Ghost Dog anscheinend Bezug nimmt.

    Mir ging es eher um die Entscheidungsgewalt, die man einer KI zuweisen könnte bzw. nicht zuweisen sollte. Vermutlich bist du in der Thematik besser bewandert als ich - welche konkreten Bereiche sind es denn deiner Meinung nach, in denen KIs eventuell in Zukunft folgenschwere Entscheidungen für uns treffen könnten?

    Die KI als Ratgeber in ethischen Fragen ist ein interessanter Gedanke, das Problem ist hierbei immer die Begrenztheit von Ethik bzw. Philosophie als solcher. An sich könnte natürlich eine Maschine mögliche Handlungsoptionen und Lösungsansätze formulieren, aber letztlich bleibt die Entscheidung von den Präferenzen menschlicher Entscheider abhängig. Bestimmte moralische Dilemmata - z.B. der Widerspruch zwischen Freiheits- und Sicherheitsansprüchen - können auch mit ethischen Argumenten nicht letztbegründet aufgelöst werden.

    Ich weiß ja nicht, was deine subjektive Definition von "Intelligenz" ist, aber meines Erachtens ist die Lernfähigkeit ein Aspekt, der dazugehört und der eine KI im Wesentlichen von einer gewöhnlichen Rechenmaschine unterscheidet. Einen "komplexen Algorithmus", der nicht in sich geschlossen ist, sondern sich selbst erweitern kann, würde ich nicht als einen solchen bezeichnen.

    Das Bewusstsein ist keine Voraussetzung für Intelligenz, auch für keine künstliche.

    Das ist wohl ein gängiges Missverständnis der Science Fiction von "2001 - Odyssee im Weltraum" bis "Terminator". Eine intelligente Maschine bzw. ein System, das lernfähig ist und eigenständig Entscheidungen trifft, kann uns so gesehen auch ohne eigenes Bewusstsein gefährlich werden. Für Selbsterhaltung (was z.B. Skynet in Terminator motiviert) ist kein Bewusstsein erforderlich, die praktizieren auch die niedrigsten Lebensformen. Relevant ist wohl eher der Faktor der Entscheidungsgewalt - solange die bei einem menschlichen Akteur bleibt, sind wir wohl vor dem Maschinenaufstand sicher ;) Für Ratschläge, auch im ethischen Sinne, könnte man allerdings tatsächlich eine hochentwickelte KI heranziehen. Vielleicht sind solche KI-Priester, Orakel und Philosophen in Zukunft der würdige Nachfolger unserer 'Denker' aus Fleisch und Blut. Das wäre mit Sicherheit inspirierender als irgendwelche Papst-Reden oder TV-Philosophen. Auch das Amt des Bundespräsidenten könnte gut von einer KI übernommen werden ;)

    Ich finde deine Einwände recht schräg, wenn man bedenkt, dass die gesamte Zielsetzung deiner 'Unity-Philosophie' darin besteht, der Gesellschaft aufzuzeigen, dass sie falschen Wertvorstellungen anhängt. Wobei man gerade hier unterstellen könnte, dass der konkrete lebensweltliche Bezug fehlt und du - ebenso wie generell bei der Frage nach 'Anarchie' - eher im Abstrakten verweilst und nichts bis wenig über tatsächliche soziale Probleme sagst bzw. schreibst. Es also anderen vorzuwerfen, dass sie für so nebensächliche Dinge wie Klimaschutz oder Minderheitenrechte eintreten (was du scheinbar in einer Reihe mit rechten Wahnideen siehst), ist schon bezeichnend.

    Die von dir vorgestellte 'Normalisierung' ist eben schwer umsetzbar, wenn wir erleben, dass reaktionäre Bewegungen ganz gezielt darauf hinarbeiten, selbst bestehende Standards wieder abzubauen. (Ich kann mir schon gut vorstellen, wie du in Zeiten der Apartheid in den USA argumentiert hättest ;) ). Aktionen mit Symbol- und Provokationscharakter sind kein Ersatz für sozialen Wandel, sie können ihn nur begleiten und im besten Fall mitinitiieren.

    Dass teils 'über's Ziel hinausgeschossen' wird bzw. die falschen Mittel gewählt werden, ist sicher nicht abzustreiten. Nur klingt das bei dir so, als wäre der Anspruch als solcher scheinbar eine Dekadenzerscheinung. Dein 'Leben und leben lassen' erscheint mir ehrlich gesagt weitaus mehr 'Selbstgefälligkeits-Blase' zu sein als irgendwelches 'Weltverbesserertum'. Ich kann persönlich gut nachvollziehen, dass letzteres teils 'nervig' rüberkommt. Nur sollte man auch mal innehalten und sich fragen, ob dies nicht auch daran liegt, dass man selbst mittlerweile ein Stückweit nicht nur materiell, sondern auch emotional 'im Establishment' angekommen ist. Ich erlebe das auch bei mir selbst, dass ein gewisser Abstumpfungseffekt eintritt und man gewisse Dinge weniger dramatisch sieht. Allerdings will ich es vermeiden, wie ein abgeklärter alter Sack zu klingen, der sich über dumme Gören echauffiert, die sich auf der Straße festkleben. Ich habe den Eindruck, dass die jüngeren Generation generell unter so starkem Beschuss stehen wie vielleicht seit den späten 60ern nicht mehr. Der Generationenkonflikt im Kontext politischer Weltanschauungen tritt auf jeden Fall so deutlich zutage wie schon lange nicht mehr. Auf der anderen Seite erleben wir eine Politik, die zumindest auf symbolischer Ebene fortschrittliche Ansätze vertritt. Das mag inkonsequent und teils doppelzüngig sein, aber bevor man sich ausgerechnet auf diese Form des symbolischen Aktionismus als Gegenstand der Kritik stürzt, sollte man sich vielleicht eher die Frage stellen, ob das 'Augen zu und durch' bzw. die Vogel-Strauß-Taktik wirklich die Alternative ist, die man sich wünscht.

    "Then there was the melancholy side, the part of me that was now dominant, staring at and taunting me from the mirror like an inhabiting spirit. This shadow had to go – and if I had a cerebral .45 I’d have blasted the fuck out of it. I didn’t have a weapon that’d do the job so, instead, I did the next best thing: I starved it, starved it until it was frail, then mercilessly cut the shadow out like a cancerous growth. I did this by paying it no attention. None. These weaknesses feed onnegative thoughts, they banquet on attention. What we focus on all day long is what we become. I realised that this was my world, and that if I didn’t want these bad thoughts to rape my mind then I ought to stop entertaining them. So thoughts became my sparring partners, and internally I worked every day to develop a gatekeeper that would keep the shit from my door. When the negative thoughts came into my head I ignored them, or talked over them with positive thoughts. I surrounded myself with beauty, art, great and inspiring books, positive people, I only watched empowering TV and only listened to radio shows that enlightened me and helped me to grow. But mostly it was books."

    Geoff Thompson, "Watch my back" habe ich vor über 20 Jahren erstmals gelesen und vor einiger Zeit wieder mal in englischer Sprache quergelesen. Nach wie vor ein großer Gewinn, wie alles von Thompson.


    WATCH MY BACK
    Spiritual way of a bouncer
    www.academia.edu

    Bundesligafußball ist ein Lemmingsport par excellence, wieso sollte man sich also gerade hier daran stören, wenn Sand ins Getriebe gestreut wird und vielleicht teilweise eine Boykott-Stimmung erzeugt wird?

    Sind die westlichen Demokratien scheinheilig und hängen einer Doppelmoral an? Selbstverständlich. So wie es eine Doppelmoral darstellt, den Angriff Russlands auf die Ukraine zu verurteilen und gleichzeitig die ständigen Angriffe des NATO-Staates Türkei auf Kurden hinzunehmen. Oder umgekehrt, so wie es eine Doppelmoral des Wagenknecht-Lagers und vieler Linker darstellt, die NATO und die Türkei zu verurteilen und bei Russland ein Auge zuzudrücken. Letzten Endes geraten wir hier schnell in die Spirale des Whataboutisms. Wer mit Einfluss und Macht besitzt schon so etwas wie moralische Integrität? Wenn dies im Umkehrschluss bedeuten soll, dass am besten jeglicher moralische Anspruch über Bord geworfen werden sollte, wird dies die Gesamtsituation wohl nicht verbessern. Ich denke, man sollte im Gegenteil die Demokratien 'bei den Eiern packen' und immer wieder auf ihren moralischen Selbstanspruch hinweisen, den sie wie eine Monstranz vor sich hertragen.

    "Oder ist es nicht eher ein reines Wohlstandsphänomen, dass Menschen, denen es materiell zu gut geht und die zu viel Zeit haben, anfangen, Weltverbesserer zu spielen, während Menschen mit existenziellen Problemen ganz andere Sorgen haben und gar nicht auf die Idee kämen, sich über solche Dinge den Kopf zu zerbrechen?"

    Ich würde sagen, dass es hier durchaus um existenzielle Probleme geht, auch wenn diese vielleicht die Alltagserfahrung des Lemmings übersteigen, ähnlich wie es beim Klimawandel der Fall ist.

    Jede Form der Philosophie und der Ethik ist ein 'Wohlstandsphänomen'. Ich weiß nicht so ganz, worauf dieser Vorwurf abzielt. Sind nun Gesellschaften, in denen alle um ihr Überleben kämpfen müssen und sich keine Gedanken um Moral machen können, das Maß der Dinge oder etwas Wahrhaftes, Erstrebenswertes? Das ist im Grunde der neue Bonapartismus des Spießertums, das endlich durch starke Führer, die nüchtern und ohne Sentimentalität zum Wohle des eigenen Volkes entscheiden, von der Plage des Weltverbesserertums befreit werden will.