Jede Form der Philosophie und der Ethik ist ein 'Wohlstandsphänomen'. Ich weiß nicht so ganz, worauf dieser Vorwurf abzielt. Sind nun Gesellschaften, in denen alle um ihr Überleben kämpfen müssen und sich keine Gedanken um Moral machen können, das Maß der Dinge oder etwas Wahrhaftes, Erstrebenswertes?
Das natürlich nicht. Wenn man ständig ums Überleben kämpfen muss und keine Zeit für Kunst, Ethik oder philosophische Gedanken hat, führt das in erster Linie zu sehr einfachen Weltbildern, und einem Verlust von Menschlichkeit und Mitgefühl, das sieht man ja im Lauf der Geschichte immer wieder.
Andererseits kann man in der Geschichte aber auch ein anderes Muster beobachten, nämlich das der Dekadenz, Degeneration und zunehmender Weltfremdheit, wenn Menschen wie der Adel am Hof des Sonnenkönigs nur noch im Luxus schwelgen und keine Ahnung mehr haben von den Problemen der Unterschicht, die ihnen ihr Brot backen oder die Straßen bauen.
Nun sind die Klassenunterschiede heutzutage zwar nicht mehr ganz so offensichtlich.
Aber es ist halt schon so, dass es eine große Bevölkerungs-Schicht gibt, die es sich in der Gesellschaft sehr bequem eingerichtet hat, und den Mangel an direkt wahrnehmbaren existenziellen Problemen dann dadurch kompensiert, dass sie entweder (wie die Linken, die ja schon seit RAF-Zeiten eher aus gutbürgerlichem Milieus stammen) für Klimaschutz oder Minderheitenrechte eintritt... oder (wie die rechten, bürgerlichen Stammtisch-Spießer, denen es materiell meist auch gar nicht so schlecht geht) dann eben anfängt, Panik zu schieben vor den bösen Migranten in den Städten oder dass die Linken unsere Wirtschaft ruinieren.
Damit will ich jetzt gar nicht sagen, dass all diese Gedanken oder weltverbesserisches Engagement grundsätzlich falsch sind. Nur, dass es eben oft auch übers Ziel hinausschießt oder vielleicht in der Welt da draußen gar nicht so empfunden wird, wie es die gutsituierten "Weltverbesserer" in ihrer Selbstgefälligkeits-Blase wahrnehmen.
Als Beispiel würde ich da jetzt mal die Homosexuellen in Katar erwähnen, die soweit ich das mitbekommen habe gar nicht so glücklich waren, dass sie nun plötzlich so im Rampenlicht standen, denn offiziell gibt es sie ja gar nicht, und wenn dann nun irgendwelche Ungläubigen aus dem Westen die Regierung von Katar ständig anpissen und ihnen sagen, dass sie gefälligst ihre Homosexuellen besser behandeln sollen, dann führt das nicht zwangsläufig dazu, dass die Homosexuellen in Katar zukünftig besser behandelt werden, sondern vielleicht eher dazu, dass man auf die Szene noch aufmerksamer wird und erst recht als Gefahr für die eigene Kultur ansieht.
Die Versuche, Russland von außen zu "erziehen" und gegen die dortige Homophobie vorzugehen, indem auch paar westliche Politiker mal dort auf Schwulendemos gegangen sind, haben in den letzten zehn Jahren ja auch wahnsinnig viel gebracht...
Daher kommt mir eben so der Gedanke, dass vielleicht nicht alles, was in guter Absicht geschieht, auch wirklich sinnvoll ist... und dass manche "Geste" vielleicht nichts bewirkt, außer dass diejenigen, die sie ausführen, sich moralisch überlegen fühlen können.
An "Wandel durch Handel" zu glauben, oder daran, dass man eine rückständige Kultur offener machen kann, indem man ihnen Weltmeisterschaften zuschiebt und bei ihnen Urlaub macht, erscheint mir mittlerweile reichlich naiv. Ebenso wie der Gedanke, Homophobie durch Armbinden bekämpfen zu können.
Richtiger Ansatz ist schon, Homosexualität als was ganz normales zu behandeln. Und keine gutgemeinte Geste hat so viel an der öffentlichen Wahrnehmung von Homosexuellen geändert, wie wenn sich Schauspieler, Sänger oder Politiker geoutet haben, und die Leute gesehen haben: "Oh, den finde ich eigentlich gut, obwohl er schwul ist..."
Sowas bringt Veränderung.
Und von mir aus kann man auch sehr gern in Schulbüchern darauf hinzuweisen, dass es unterschiedliche Formen von Familie und Lebensgestaltung geben kann. Das passt ja nur wiederum vielen Rechten dann nicht... vielleicht auch, weil sie sonst keine eigenen existenziellen Probleme haben, und sich stattdessen in irgendwelche komischen Gedankenkonstrukte reinsteigern, dass es Kindern schaden würde, wenn man ihnen vielfältigere Lebensmodelle präsentiert.
Wie gesagt, "Weltverbesserungsgedanken" haben ja nicht nur die Klimaaktivisten, sondern auch viele andere Leute, die glauben, ganz genau zu wissen, was für die Welt oder ihren Nachwuchs am Besten ist. Und vieles davon ist halt auch falsch oder einfach nur dämlich.