Beiträge von Lonewolf

    Die Kombination aus SPD, Grün und FDP ist eben weder Fisch noch Fleisch. Grundlegendere soziale Veränderungen, z.B. bei der Grundsicherung, werden eben ausgebremst. Zudem ist die derzeitige Regierung in einem Ausmaß mit Krisen konfrontiert, die in der Form schon sehr lange (bzw noch nie) nicht präsent waren.

    Ich sehe mich zudem bei grundlegenden Punkten (Ukraine, Nahost) weitaus näher an den Positionen der Regierung als an irgendwelchen oppositionellen Stimmen. Von linker Seite kommt hier ja kaum was vernünftiges oder akzeptables.

    Zudem ist diese Regierung (bzw das Innenministerium) die erste in der Geschichte, die zumindest gegen ein paar der rechten Terrorgruppen hierzulande vorgeht. Abstriche hinsichtlich Sympathiepunkten gibt es natürlich für parallele Verfolgung von Antifaschisten, die auch ein Ausmaß angenommen hat wie vielleicht zuletzt in den 70ern (und da gab es Anschläge und Entführungen und nicht das SEHR zurückhaltende Vorgehen der militanten Linken wie heute).

    Das waren die positiven Punkte. Negative lasse ich mal außen vor, da ich, wie gesagt. nicht davon ausgehe, dass irgendeine Alternative es besser machen würde.

    Unterm Stich also alles sehr unausgegoren, widersprüchlich und inkonsequent. Das praktische Resultat dieser 'Philosophie' sehen wir im Politik-Thread: Gejammer über 'Cancel Culture' und Gendersternchen, ein Verständnis von 'Meinungsfreiheit', das so wohl auch Trump und Musk unterschreiben würden, Verharmlosung und Apeacement gegenüber Rechten, ständiges Bashen gegen 'links' und 'woke' etc. (Das Feindbild Feminismus lasse ich mal außen vor. Vielleicht gibt's ja dafür mal ein Unterkapitel in der neuen Unity-Philosophie;))

    Ich weiß, das ist jetzt etwas einseitig und zugespitzt ;) Aber man sieht eben, wie viele Fallstricke sich ergeben, wenn man versucht, empfundene oder tatsächliche Missstände, reelle oder eingebildete Formen von Unterdrückung zu überwinden. Dass sich Vögel wie Seebee hierher verirrt haben, ist alles andere als ein Zufall. Wenn wir mal von einem anarchistischen Standpunkt ausgehen (und ich würde mal ein großes Fragezeichen machen, ob die Unity-Philosophie tatsächlich anarchistisch ist), ergibt sich immer das Problem der Dualität zwischen Herrschaft und Freiheit - zwei Begriffe, die eben vieldeutig sind, insbesondere in modernen Gesellschaften, in denen Systeme tendenziell immer auch den Anspruch haben, Freiheiten zu bewahren.

    (Im Feudalismus ist alles relativ einfach, und die ersten anarchistischen Theorien sind in solchen Gesellschaften entstanden. Heute sehen wir, dass weltweit Anarchisten z.B. dem Postkolonialismus anhängen, der Idee der 'unterdrückten Völker', und dabei ausblenden, dass in diesen Gesellschaften mitunter selbst Formen von Gewalt und Herrschaft existieren, die sich nicht mit anarchistischem Idealismus aufheben lassen. Um sich also nicht mit dem Unterdrücker identifizieren zu müssen, verklärt man den Unterdrückten.)

    Was bleibt, ist eben vor allem ein radikaler Individualismus, die Suche nach dem 'wahren Ich' jenseits von 'Entfremdung' und Fremdbestimmung. Das ist im besten Fall ein Ansatz, um das Individuum immer wieder vor dem Zugriff von Autoritäten zu bewahren, im schlechtesten Fall ist es ein Freibrief für Elitismus und Chauvinismus. Und wenn wir uns die immer wiederkehrenden Debatten auf der Zeitleiste anschauen, schlägt das Pendel des 'Unity-Anarchismus' eben mal in die eine, mal in die andere Richtung.


    Da du ja schon die ein oder andere Lanze für Herrn Kachelmann gebrochen hast, könnten dich vielleicht auch die folgenden Worte ansprechen :saint:

    "Alte reiche Männer sollten keine Wutbürger sein und sich auf schöne Auftritte bei Julian Reichelt vorbereiten. Das ist nicht der Gnadenhof, den man sich für Herrn Dian the Saint wünschen möchte."

    "Abschiedsjammer": Jörg Kachelmann über Thomas Gottschalks Fernsehkritik
    Mit seiner live bei "Wetten, dass..?" geäußerten Kritik hat Thomas Gottschalk für Wirbel gesorgt. Ein Moderationskollege findet bei t-online nun deutliche…
    www.t-online.de

    Aber ganz ehrlich, wenn ich Begriffe wie "FLINT*" oder "Freund*innenkreis" lese, habe ich schon das Gefühl, dass solche Beiträge von Leuten stammen, deren ganzes Denken sich ständig um den Kampf gegen (echte oder eingebildete) Geschlechterunterdrückung dreht, die sich regelrecht dadurch definieren und es als ihre heilige Mission betrachten, und die daher auch überall nur Geschlechterunterdrückung und patriarchalisches Gedankengut sehen. Wenn man schon mit bestimmten vorgefertigten Ansichten durch die Welt geht, wird man auch immer genug Beweise dafür finden, dass man Recht hat.

    Ist eben nicht viel anders als bei den Rechten, die ständig nur darüber nachdenken, dass die ausländischen Terroristen und Messermänner überall sind und aus Deutschland einen Gottesstaat machen wollen. Und plötzlich sehen sie tatsächlich an jeder Ecke nur noch dubiose Araber rumhängen, und mit jeder Meldung, dass wieder irgendwo was passiert ist, fühlen sie sich bestätigt in ihrem Weltbild und können sich gar nicht mehr vorstellen, dass das irgendjemand noch objektiv anders sehen kann (außer wenn er vielleicht ein gehirngewaschener Systemling ist.)

    Na ja, sagen wir mal so: Es gibt hier eben beides - einerseits verstrahlte Feministinnen, die es schon als patriarchalen Akt der Gewalt ansehen, wenn Männer im Sommer oberkörperfrei auf dem Rasen sitzen oder im Calisthenics-Park trainieren, oder feministische Kleinstgruppen, die sich gegenseitig die Scheiben einschmeißen und gegeneinander demonstrieren, wenn unterschiedliche Auffassungen Bezug auf 'Sex Work, 'Trans' o.Ä. bestehen, aber die das Maul nicht aufbekommen, wenn Zugewanderte auf offener Straße queere Menschen totschlagen oder wenn Islamisten Homosexuelle abstechen.

    Und auf der anderen Seite eben auch viele Fälle sexueller Gewalt und Belästigung, Typen, die auf Festivals verstecke Kameras auf Frauentoiletten installieren und die Bilder auf Porno-Seiten hochladen, oder DJs, die ebenfalls Bilder von Bekannten oder irgendwelchen heimlich fotografierten Mädels auf entsprechenden Seiten posten (inkl. Vergewaltigungsphantasien), nächtliche versuchte Vergewaltigungen im Kiez, häusliche Gewalt etc.

    Ich hab ja den Eindruck, dass manches an feministischem Aktivismus eher Blitzableiterfunktion für die Gewalt und die Demütigungen hat, die frau immer wieder an sich selbst oder im Umfeld erlebt. Das ist natürlich nicht unbedingt zielführend, aber fairerweise muss man auch sagen, dass es durchaus auch sinnvolle Initiativen gibt, die mehr auf persönliches Empowern von Betroffenen abzielen.

    Kurz und knapp: Es gibt eine Menge tatsächlicher Probleme und diverse eingebildete, ähnlich wie auch beim Kampf gegen Rassismus.

    Man muss eben auch sehen, dass sich gerade in Bereichen wie sexuellen Übergriffen auf gesellschaftlich 'herkömmlichen' Wegen der Wahrheitsfindung (z.B. Justiz) meist nicht viel erreichen lässt. Selbst wenn (und das ist ein großes WENN) sexueller Missbrauch nachgewiesen wird, sind die Konsequenzen für die Täter oft so banal, dass sie im krassen Gegensatz zu der Traumatisierung der Opfer stehen. Daher bin ich ganz grundsätzlich 'Selbstjustiz' gegenüber nicht abgeneigt. Die Frage ist natürlich immer, was man persönlich als glaubhaft bewertet. Und wenn dann am Ende Aussage gegen Aussage steht, muss man eben eine Entscheidung treffen.

    Hier finden sich einige Beispiele, die wir vermutlich unterschiedlich bewerten. Ich frage mich eben immer, wie ich reagieren würde, wenn die Betroffene - oder der Täter - Freunde von mir wären. Das mag nicht die beste Grundlage für eine objektive Bewertung sein, aber sie erscheint mir auch nicht zwangsläufig schlechter als Justitias Irrweg:

    Täter an den Decks – Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt durch Leipziger DJs
    Sie legen in Clubs und Off-Locations auf, veranstalten Open Airs, partizipieren in Kollektiven und sind fester Teil der Leipziger Clubkultur. Sie labeln sich…
    www.frohfroh.de

    Als das hier Wellen schlug, hab ich mich auch mit einem Urteil zurückgehalten, da ich die Art und Weise, wie Leipziger Linke auf entsprechende Vorwürfe reagieren, kritikwürdig finde. Allerdings habe ich die Sache bis zuletzt durchaus für denkbar gehalten. Einerseits habe ich mir auch nicht vorstellen können, dass jemand mit der Biographie sich sowas ausdenkt. Andererseits kenne ich die faschistoide Gesinnung, die sich hier durch alle Gesellschaftsschichten zieht, insbesondere den latenten Antisemitismus (da könnte ich einige Beispiele aus meinem Umfeld nennen). Hinzu kam, dass das Westin-Hotel bei der Demo eine bekannte rechte Security-Truppe engagiert hatte, deren Anhänger auch beim Überfall auf Connewitz dabei waren. Sicherlich kann das auch unwissend geschehen sein, aber es passte eben ins Bild.

    Auf der anderen Seite habe ich, wie gesagt, ein Problem mit den standardmäßigen Vorverurteilungen, die hier scheinbar für viele nicht nur zum guten Ton gehören, sondern tatsächlich Konsens sind. Das Stichwort lautet 'Definitionsmacht', das seiner vulgären Ausprägung nach so viel bedeutet wie: 'Ein Täter ist solange schuldig, bis er seine Unschuld einwandfrei bewiesen hat'. Das meinen viele hier vollkommen ernst. Ein dazugehöriges Credo lautet 'Glaubt den Betroffenen'. Im Grunde findet also eine Verkehrung der Unschuldsvermutung statt. Das wird tatsächlich von denen, die den Ton angeben, als emanzipatorisch angesehen.

    Nun ist es ja tatsächlich so, dass Menschen, die von Gewalt und Diskriminierung betroffen sind, oft nicht geglaubt wird. Insofern finde ich es schon gut, wenn sich hier quasi eine Lobby herausbildet, die den Betroffenen erstmal den Rücken stärkt. Und dass die Drecksjustiz nicht die Instanz ist, auf die wir bauen sollten, ist für mich auch klar. Dennoch ist es schon bedenklich, mit welchem Fanatismus und mit welcher Selbstgerechtigkeit bestimmte Gruppierungen an die bestehenden Probleme rangehen.

    Bemängeln kann ich eigentlich nichts, auch wenn die labyrinthische Ausweglosigkeit seiner Werke sicher ein Grund ist, wieso ich heute eigentlich keinen Blick mehr in die Bücher werfe.

    Ich glaube, dass er einfach den Ist-Zustand beschreibt, der ja doch oft auswegslos scheint (Rechtssystem, Herrschaft, Leistungsprinzip usw.)

    Ich lese gerade den Briefwechsel mit Felice Bauer. Dieser ist wesentlich abwechslungsreicher als seine eigentlichen Werke, wenn auch oft etwas zwanghaft, jedoch facettenreicher.

    Mein gewählter Zugang zu Kafka war wie erwähnt eher lebensphilosophischer/existenzialistischer und weniger gesellschaftskritischer Natur, auch wenn Letzteres natürlich ein legitimer Ansatz ist, insbesondere bei der Verwandlung.

    Der Mensch sieht sich mit einem absurden Schicksal konfrontiert und geht daran zugrunde, weil er nicht die richtigen Fragen stellt - doch was wären diese 'richtigen Fragen'? Wie könnte ein Ausweg für die Protagonisten im 'Prozess' und im 'Schloss' aussehen? Im Grunde geht es in beiden Romanen um die verzweifelte Suche nach Antworten und das Schweigen der Welt. Hätte es keine Option der Flucht für K. gegeben, keine Möglichkeit, dieses 'Spiel' nicht mitzuspielen?

    Kafka hab ich zu Uni-Zeiten erst so richtig entdeckt und bis auf 'Amerika' auch so ziemlich alles gelesen (vllt. fehlen mir noch ein paar seiner Erzählungen). Den Zugang zu seinem Werk hab ich damals vor allem durch die Philosophie des Absurden gefunden, mit deren Schlüssel sich das ein oder andere kafkaeske Schloss aufschließen lässt. Camus hat Kafka ja auch einen Essay gewidmet. Bemängeln kann ich eigentlich nichts, auch wenn die labyrinthische Ausweglosigkeit seiner Werke sicher ein Grund ist, wieso ich heute eigentlich keinen Blick mehr in die Bücher werfe. Was den Schreibstil anbelangt, hat mich Philip K. Dick bisher am ehesten an Kafka erinnert.

    Mich stört vor allem wie jetzt überall Pro-Palästinensische Großdemos stattfinden dort aber keine Abgrenzung zur Hamas stattfindet und dem Massaker vom 7. Oktober.

    Wobei es ja nicht nur um arabisch- bzw. palästinensisch-stämmige Menschen geht. Die Frage ist, wie glaubhaft Abgrenzungen am Ende sind, wenn das Oberhaupt der Ditib in der Türkei antisemitische Hetze betreibt, wenn Erdogan die Hamas als Befreiungsbewegung sieht, wenn selbst UN-Mitarbeiter die Anschläge bejubeln und die UN sofort jedes Hamas-Narrativ reproduziert (z.B. die israelischen Angriffe auf Krankenwägen, trotz der Vermutung, dass es sich um getarnte Hamas-Kämpfer gehandelt hat, was zumindest erstmal zu überprüfen ist). Und wenn die internationale Linke den bewaffneten Kampf der Palästinenser für legitim hält und die Massaker relativiert oder als Nebensächlichkeit abtut.

    Was bringen dann noch fadenscheinige Distanzierungen? Die gesamte Ausrichtung der Proteste müsste sich gegen die Hamas richten, für deren Kapitulation und eine Freilassung der Geiseln. Das wäre eine glaubhafte Positionierung, die auch mit einer Forderung nach einer Waffenruhe einhergehen kann, anstatt einseitig gegen Israel zu schießen. Es wird ja nicht mal die Frage gestellt, wo denn die ganzen Millionen landen, die der böse Westen nach Gaza pumpt, und wieso es der Bevölkerung an Grundlegendem mangelt, während die Hamas nach wie vor genug Power hat, um Raketen abzufeuern.