Und ich frage mich: Ist es den Rechten wirklich gelungen, durch konsequentes Nutzen der sozialen Medien die etablierten Medien und die Politik vor sich herzutreiben und genau in die Richtung zu bringen, die sie gerne haben wollen, so dass die Mitte immer weiter nach rechts driftet und Leute wie der österreichische Bundesadolf oder die bayerische Landesregierung heute den Bürgern Ansichten als "politische Mitte" verkaufen können, die vor 15 Jahren noch eindeutig als "rechtsradikal" bezeichnet worden wären?
Ich denke, der seit einigen Jahren andauernde Rechtsruck hat weniger mit der Mediennutzung der Rechten zu tun. Sondern eher mit der immer schlechter laufenden Wirtschaft. Die Reallöhne sinken (Kalte Progression), die Renten werden jahrelang nicht erhöht, Zeitarbeit und Langzeitarbeitslosigkeit greifen um sich und "der Trend geht zum dritt-Job", wie man so schön sagt.
Ob bewusst oder unbewusst, der mächtigste Teil unserer Gesellschaft, die Mittelschicht, bekommt Angst. Die Mittelschicht hält das System am Laufen. Durch Wahlen, Konsum und das Akzeptieren/Nicht-Ändern-Wollen des gesellschaftlichen Status Quo. Wenn die Mittelschicht Angst bekommt, versucht sie, das zu beschützen, was ihr geblieben ist. Darum werden, wie @mi san thrope schon gesagt hat, Immigranten gefürchtet und gehasst; denn wenn jetzt schon nicht genug Geld da ist, wie soll es dann für Millionen-Milliarden neue Mitbürger reichen? Dann werden "starke Männer" gewählt, die einem vermeintliche Lösungen für die materiellen Probleme anbieten.
Genauso wars auch '33. Hitler wurde hauptsächlich von Vertretern der in der Weimarer Republik entstandenen Mittelschicht gewählt (Handwerker, Angestellte), die zwei schreckliche Wirtschaftskrisen hinter sich hatten und nur Ruhe&Frieden und materielle Sicherheit für sich und ihre Familien wollten. (Das ist natürlich nur ein Faktor, aber mit Sicherheit einer der Wichtigsten.)
Das ist, meiner bescheidenen Ansicht nach, der Nährboden für den Rechtsruck. Die intensive Mediennutzung (auch eine Sache, die Hitler gemacht hat) war dann eine Saat, die gut gedeihen konnte und das Elend verstärkt hat.
Denn dass Rechte mindestens genauso zerstritten sind wie Linke, zeigt sich schon an ihren dauernden Machtkämpfen. Die AfD selbst hat mehrere "Personalwechsel" an ihrer Spitze hinter sich. Und es gibt unzählige kleine rechtsextreme Parteien und Gruppen, die auf Abspaltungen zurückgehen: Die Republikaner, Der III. Weg, die Identitären, Die blaue Partei oder die Liberal-Konservativen Reformer (die Kleinstpartei vom AfD-Gründer Lucke), um nur ein paar zu nennen.
@Lonewolf hat ja schon angemerkt, dass rechtes Potenzial im Grunde immer vorhanden war. Ich habe neulich von einer Umfrage aus der Mitte der 50er-Jahre gelesen, in der etwa 50 % der West-Deutschen gesagt haben, dass Hitler an und für sich echt knorke war. Hätte er bloß nicht diesen doofen Krieg angefangen...
Aber solange es gefühlt einigermaßen bergauf geht (und das ging es bis 2003 [Agenda 2010] bzw. 2007 [Finanzkrise]) und die Menschen nicht so viel Angst um ihre Zukunft haben, bricht dieses Potenzial nicht so stark aus. Hinzu kommt, dass die DDR jahrzehntelang geleugnet hat, dass es Faschos auf ihrem Grund und Boden gibt und diese ignoriert hat. Das ist schließlich nicht vereinbar mit dem "sozialistischen Paradies". Und da haben wir heute die größten Hochburgen. Im Westen wiederum hat man von Anfang an eine beschissene Integrationspolitik betrieben - sowohl vom Staat, als auch von der Gesellschaft. Man hat in Italien und der Türkei keine Mitbürger besucht, die hier leben, Steuern zahlen und Geld ausgeben (was allein volkswirtschaftlich sinnvoll gewesen wäre) - sondern "Gastarbeiter", die man ein paar Jahre ausbeutet und dann wieder "nach Hause" schickt. Die sind ja nicht doof; die kriegen mit, wenn ihre deutschen Kollegen sich zum Fußball gucken verabreden und sie nicht eingeladen werden. Dann ist es doch klar, dass die eine Trotzhaltung entwickeln und sich auf "ihre eigene" Kultur besinnen und das auch ihren Kindern einzutrichtern versuchen. Die Folge sind die Parallelgesellschaften, die wir heute haben.
Achja, zu Merkel: Ich bin mir nicht sicher, wie rechts man die einschätzen sollte. Sie ist eher eine machtorientierte Populistin, die ihr Fähnchen nach dem Wind richtet. Und sie ist die geistige Erbin Kohls, der hat sich auch trotz vieler Skandale durch einfaches Aussitzen lange an der Spitze halten können.