Ich seh das so, dass man vielleicht irgendwann weise wird, _nachdem_ man genug Grenzen überschritten hat und genug Erfahrung mit Grenzen generell gesammelt hat, um nicht einmal mehr unbedingt in ihre Nähe kommen zu müssen. Sich zuvor "gehalten" und "weise" zu geben/zu wähnen, wirkt auf mich eher wie eine Rechtfertigung dafür, dass man sich eigentlich dem Leben nicht ganz stellen will.
Nujoar. Man kann sich ja auch denken, wo die grenzen liegen und was passiert, wenn man sie überschreitet. Da kann es auch ohne (negative) Lebenserfahrung weise sein, sie nicht zu überschreiten; Das nicht überschreiten von Grenzen pauschal als "Sich nicht dem Leben stellen wollen" zu bezeichnen ist schon etwas abenteuerlich
"Man kann sich ja auch denken [...]" Sicherlich kann man das, aber beim "sich etwas denken" handelt es sich hier doch einfach nur um Mutmaßungen ("Konstruktionen") und wenn man es unterlässt, diese Mutmaßungen einer Überprüfung, einem Experiment zu unterziehen, bleiben diese Mutmaßungen auch einfach nur Mutmaßungen: In der Ferne liegende, diffus verschwommene Linien, die sich beim Wagnis der Annäherung vielleicht als nicht oder nicht in dieser Form oder als tatsächlich in noch weitaus größerer Entfernung liegend, als es zuvor schien, herausstellen würden.
-> "Das heißt, daß sich die wirkliche Welt immer dort offenbart, wo unsere Konstruktionen scheitern." ( http://www.humboldtgesellschaft.de/inhalt.php?name=konstruktivismus )
Ich erweitere meinen Handlungsspielraum, Komforzone und "die eigene Welt", indem ich mutmaßliche Grenzen einer Überprüfung unterziehe. Die Grenze stellt sich dann idealerweise als in Wirklichkeit nicht existent heraus (das Konstrukt, das die Mutmaßung dieser "konkreten" Grenze war, scheitert). War das Konstrukt einigermaßen korrekt, erfahre ich die Grenze in ihrer Wirksamkeit und mich selbst in Relation zu der Grenze, für gewöhnlich in Verbindung mit irgendeiner Form von Schmerz oder Schaden - denn vor Schmerz/Schaden versucht man sich üblicherweise durch die Konstruktion hypothetischer Grenzen (Risikoanalyse/Einschätzen hypothetischer Gefahr) zu schützen. Das ist dann natürlich mehr oder weniger unangenehm, aber man lernt dabei etwas, wenn auch vielleicht manchmal kaum mehr, als dass die hypothetische Grenze tatsächlich in irgendeiner wirklichkeits-relevanten Form existiert. Jedoch hat sogar dieser "Mindestgewinn" einen sehr realen Wert, da man dann nicht, in einer Situation, in der es "wirklich darauf ankommt" raten muss (und eventuell Zeitdruck herrscht, etc...), ob man diese zuvor mutmaßliche Grenze vielleicht doch überschreiten könnte, oder vielleicht doch irgendeine andere mutmaßliche Grenze, die man noch nicht überprüft hat, oder vielleicht doch irgendeine andere mutmaßliche Grenze... Eine überprüfte Grenze/Konstruktion wird durch die Überprüfung in jedem Fall von einer Unsicherheit zu einer Sicherheit, sei es in "negativer" oder "positiver" Form (Grenze gar nicht da / Grenze definitiv da).
°Pauschal° würde ich ein Nichtüberschreiten von Grenzen keinesfalls als sich-dem-Leben-entziehen bewerten, aber sehrwohl als °tendenziell°. Es ist sicherlich nicht ratsam zu viele Risiken zugleich einzugehen (~extrem: "jede Grenze sofort überschreiten"). Niemals eine Grenze zu überschreiten ist allerdings mit Sicherheit das größte "Risiko", das man überhaupt eingehen kann - eine ständig kleiner werdende Komfortzone und Welt und der sichere "Tod bereits zu Lebzeiten".
Verantwortung übernehmen
Worauf ich hinaus wollte, ist, dass dieses Übernehmen von Verantwortung ein relativ loses virtuelles Konstrukt ist. Wenn man mal "die Haftung für etwas übernehmen" ausschliesst ist das eine weitgehend leere Worthülse. Mag sein, dass man darunter eine bestimmte mentale Einstellung verbindet, die einen motivierter macht, eine Sache gut zu erledigen. Es hat halt auch viel mit Macht zu tun; Wenn's denn dann schiefgeht bekommt man ggf. in Zukunft weniger an "Verantwortung" übertragen. Das war auch nur so ein Einwurf; hatte mir spontan gedacht, was das eigentlich konkret bedeutet und ausser "Engagement und Bereitschaft, sich anzustrengen" ist mir da nichts konkretes eingefallen.
Leider werden viele schöne und gute Konzepte nunmehr hauptsächlich als leere Worthülsen genutzt, so auch "das Übernehmen von Verantwortung". Natürlich möchte ich mich dessen nicht "schuldig machen". Mir kommt vor, Du hast die Textstelle, in der ich beschrieben habe, was ich mit "Verantwortung übernehmen" meine, irgendwie überlesen... -> "[...] die unangenehme Situation und wie man sie für sich verursacht hat, nüchtern genug und ohne Schuldzuweisungen oder "falsche Reue" (Selbst-Schuldzuweisung) betrachten und nicht nur "Lehren" daraus ziehen, sondern vielleicht sogar noch eventuell angerichteten Schaden angemessen ausgleichen [...]"
, das verstehe ich unter Eigenverantwortlichkeit und sehe ich als unerlässliche Voraussetzung, um aus Erlebtem nützliche Lehren ziehen zu können - andernfalls "wird" man auch "aus Schaden" nicht "klug".
...Sich anderen gegenüber verantwortlich ("ver_antwort_lich"(!)) zu verhalten, bedeutet in diesem Sinn umgemünzt einfach nur "die unangenehme Situation und wie man sie für sich _und andere Beteiligte_ verursacht hat, nüchtern genug und ohne Schuldzuweisungen, welche fast immer einem Schuld(~=Verantwortung)-von-sich-weisen entsprechen, betrachten und nicht nur "Lehren" daraus ziehen, sondern vielleicht sogar noch eventuell angerichteten Schaden angemessen ausgleichen [...]" In der Eigenverantwortlichkeit setzt man sich mit sich selbst auseinander, steht sich selbst "Rede und _Antwort_", in der sozialen Verantwortung/Verantwortung anderen Gegenüber, hat man den Beteiligten Rede und _Antwort_ zu stehen - die gemeinsame soziale Wirklichkeit ("consensus reality"), inklusive einer Vereinbarung ("consent") darüber, bei wem welche Verantwortlichkeiten zu verorten sind, muss im sozialen Diskurs ausgehandelt werden. "Kein Kommentar" oder ein eklatant ausweichender/sabotierender Kommunikationsstil entsprechen hier einem sich-der-Verantwortung-Entziehen.
"Engagement und Bereitschaft, sich anzustrengen" gehört für mich nicht unbedingt zum Verantwortung übernehmen dazu. Wenn jemand gerade depressiv, sonstwie müde, generell schwach oder faul ist, bewerte ich allein diesen Umstand ("passiv"/das "Sein") nicht als verantwortungslos. Erst eine Handlung ("aktiv"/das "Tun") bzw. Unterlassung (negatives "aktiv"/"Tun") würde ich als auf dem Spektrum verantwortlich/unverantwortlich bewertbar sehen. Wenn jemand jerderzeit jeden "warnt", dass er "generell für fast alles zu faul" ist und das zumindest einigermaßen nachvollziehbar/glaubwürdig erklären/begründen kann, würde ich ihn in seinem Handeln (und per Erweiterung, wenn man so will, daher also auch in seinem Sein) durchaus als eher verantwortungsvoll als verantwortungslos/verantwortungsmangelhaft bezeichnen.
mannigfaltigen Möglichkeiten zu lernen
Klar, um eine zahlenreihe auswendig zu lernen braucht man wenig Abstraktionsvermögen. Aber habe ich das, kann ich ggf. das Muster der Zahlenreihe erkennen und diese dadurch besser und prüfbarer wiedergeben; insofern ist Abstraktionsvermögen durchaus zuträglich für das Lernen und Wiedergeben des Gelernten.
Ichf frag mich aber grade, wo/warum wir uns da hinnavigiert haben in der Diskussion - es ist ja recht weit ab vom schuss mittlerweile
Die Nützlichkeit abstrakten(=konzeptuellen) Lernens lässt sich sehr leicht überschätzen, wird meiner Meinung nach ganz besonders am Höhepunkt unserer gegenwärtigen Epoche der "endlos wuchernden, verwandelnden Abstraktion des Wirklichen in immer mehr, immer verschachteltere Konzepte" irreführenderweise und, möglicherweise weitestgehend unbewusst, ganz besonders propagiert. Wobei das nun wirklich ein sehr philosophisches Thema ist, das vielleicht weniger direkte Relevanz für "Anarchie" hat, als die Diskussion von "Grenzen" und vor allem von sozialer- und Eigenverantwortung.
Ohne das als "Beweis" für etwas anzuführen zu wollen, und selbst auf die Gefahr hin, dass es so oder so ähnlich missverstanden werden könnte, möchte ich diesen kurzen Austausch hier einfügen. Vielleicht mehr als potentiellen, "vagen Denkanstoß" oder potentiell wie-auch-immer-geartete Inspiration:
Wenn prinzipiell keine Aversion gegenüber dem Lesen englischer Texte besteht, kann ich gerade zum Thema Abstraktion/Konzepte/Wirklichkeit/Konkretes "meinen" (im Sand verlaufenen/pausierten) Thread The Darin Stevenson Copy-Pasted Podcast (Sorry: Englisch) empfehlen.
Auch wenn das genaugenommen eher off topic ist, hier zwei seiner jüngeren Texte zum Thema abstraktes/konzeptuelles Denken ~versus spontan-intuitives Handeln/Wissen/Erkunden, die ich wirklich sehr inspirierend und zu dem Thema höchst relevant finde: