Wie man es von mir kennt, ist mit der Erstellung des Threads die Schreibenergie für zwei Monate zunächst vollständig verdampft. Mir fehlten aber auch schlicht Gedanken, deren innerer Ertrag den Aufwand einer Antwort gerechtfertigt hätte – gepaart mit, ja, mangelnder Zeit und aus der Bahn werfenden Zwischenfällen, die dann unvermittelt in den Weihnachtsferien mündeten. Heimattechnisch waren diese dann wieder eine ganz eigene Disziplin (und lenkten mich aber zuverlässig von der depressiven Episode ab, deren zeitliche Endlichkeit mir zu Beginn des Dezembers noch ausgesprochen unwahrscheinlich erschien).
Wie dem auch sei, ich bin wieder da, und ich habe seit elf Tagen Neuigkeiten zu verkünden. Die monotonen Tage jedoch nehmen immer dieselbe Gestalt an: Irgendwann gegen Mittag, selten vor elf, krieche ich aus dem Bett und überlege mir, ob ich zur Uni fahre. In der Regel entscheide ich mich dagegen, sofern kein verpflichtendes Laborpraktikum oder klausurrelevantes Tutorium zu besuchen gibt. Der Rest des Tages verläuft halb konzentriert, halb apathisch in der Klausurvorbereitung, bis ich Abends, frei von brauchbaren Gedanken, dafür umso stärker durchzogen von Müdigkeit und einer schwer zu zähmenden Wut über das fehlende "eigene" Leben, bis tief in die Nacht, also zwei Uhr oder später, dahinsieche. Der Frust speist sich aus der Erkenntnis, dass diese Zeit nicht besser zu investieren ist, wenn einem die Augen zufallen, und man nächtlich sein schwer lastendes Anliegen erneut auf den nächsten Tag verschieben muss, die selbst errichtete und nun kürzlich vom Geistesblitz durchschlagene Mauer im Hirn endlich in einen zusammenhängenden Text zu gießen.
Also, *lufthol*:
Das Physikstudium werde ich nach diesem Semester an den Nagel hängen bzw. mache einen pragmatischen Schritt zur Seite und wechsle zur Informatik. Die Physik bleibt dabei mein Anwendungsgebiet. Meinem irrationalen Selbstwert zuliebe möchte ich festhalten, dass es schaffbar gewesen wäre. Mit den anstehenden Klausuren steuere ich ziemlich genau auf genau die Hälfte der Pflichtmodule zu, und ich weiß, dass ich auch die darauffolgenden Module mit hinreichender Zeitinvestition hätte bewältigen können. Genau darin liegt allerdings der Kern der Sache: Ich bin nicht mehr bereit, diese Zeit zu investieren, und über die vergangenen Monate hat sich das nur allzu deutlich in mir aufgebäumt, zum Beispiel in Form subtiler Verweigerung oder sich zuspitzenden Extremsituationen.
Mit Blick auf die anstehenden Prüfungen, die jetzt zwingend laufen müssten, damit ich im nächsten Semester guten Gewissens mit den darauf aufbauenden Pflichtmodulen fortsetzen kann, hielt ich die Situation lange Zeit für alternativlos. Und es sieht eigentlich vielversprechend aus, ich könnte durchaus bestehen und müsste mir keine Sorgen machen, bis zu dem Moment, in dem ich den Blick über das aktuelle Semester hinaus wagte und bemerkte, dass ich eigentlich gar keine Lust auf das habe, was folgt. Das Bestehensniveau schüttele ich mir nicht gerade aus dem Ärmel, und ich habe wenig Lust, am Ende jedes Semesters darum zu bangen, ob die angestrebte Studiendauer hält oder ob ich durch die eine oder andere Prüfung rassle und darauf zwei Semester länger studieren muss (sowas könnte sich mehrfach aufsummieren, dann gibt's irgendwann kein BAföG mehr, ich muss mir nen Drecksjob für nebenbei suchen und ähnlich nervige Dinge). Es wird keine Luft zum Atmen lassen – mein Leben besteht aktuell aus Reaktion auf die Außenwelt, ohne nennenswertes "eigenes" Dasein, und es gibt keine realistische Aussicht, dass sich das innerhalb eines Jahres substanziell bessert – was mich letztendlich zu diesem Entschluss führte.
Ok, jetzt fragt man sich, warum die Informatik besser laufen sollte? Im ersten Impuls orientierte ich mich an den Erfahrungswerten einiger Kommilitonen, die denselben Weg gegangen sind und und seither bedeutsam gelassener wirken. Sie alle berichten davon, mehr Zeit zu haben. Nicht ohne Grund existiert an unserer Uni der Begriff der 'Pipeline' für diesen Pfad. Die Pflichtmodule umfassen breiter gefächerte Themen und sind einfacher zu bestehen – ich war ehrlich überrascht, als ich die Mathematikklausur der Informatiker sah und latschte daraufhin vergangene Woche zum Prof, um mir unter Angabe meiner bisherigen Zulassungen die für seine Klausur abzuholen und sie jetzt spontan mitzuschreiben. Die besser laufende Matheklausur lasse ich mir anrechnen.
Der Alltag soll zeitlich überschaubarer sein, und genau darum geht es mir, um einen erträglichen Rhythmus, um einen Rahmen, der mir nicht permanent das Gefühl gibt, innerlich völlig entfremdet vom eigenen Leben in Ketten zu liegen. Ein Studium, das mir so viel Stabilität gewährleistet, dass ich am Ende des Semesters in der Prüfungsphase nicht jedes Mal all meine Entscheidungen infrage stellen muss, falls etwas nicht klappen sollte. Sowohl, was den weiteren Verlauf des Studiums betrifft als auch im Hinblick auf die Gesamtzeit. Ich werde mir Kram zu Gemüte führen, der am Ende Erfolgserlebnisse verspricht, während ich in die Physik unverhältnismäßig mehr Aufwand reinstecken musste als sie mir zurückgab. Selbstverständlich werde ich da kein sauberes 1:1-Verhältnis erreichen, nicht in den Naturwissenschaften zumindest, dafür geht es um die Nützlichkeit im besten Sinne, als Bedingung für die eigenen Interessen.
Wenn es mir nur um den Abschluss ginge, hätte ich längst etwas studiert, das aus Worthülsen, Selbstmarketing und dummem Geschwätz besteht (ohne damit sämtliche Geisteswissenschaften über einen Kamm zu scheren, jedoch klaffen Welten zwischen den Anforderungen verschiedener Studiengänge, wie ich bei meinen Mitbewohnern beobachte. Ich stand vorhin in der Küche und lauschte einer, die von ihrem ersten Germanistiksemester erzählte, in dem sie NICHTS abliefern musste).
Mit Programmierung hatte ich bislang herzlich wenig zu tun. In der Schulzeit ein wenig Python, Space Invaders, verhältnismäßig trivialer Kram, von dem kaum etwas übrig ist. Ohne den reinen Pragmatismus wäre ich vermutlich nie auf die Idee gekommen, Informatik zu studieren. Aber ich arbeite mich gern in Systeme ein, bin hoffentlich versiert genug, um die Strukturen zu verstehen, und kann mir vorstellen, mit Erfolgserlebnissen und ausreichend Ausgleich einen gewissen Gefallen daran zu finden.
Zur Absicherung dieses Entschlusses bin ich auch beim Prüfungssekretariat aufgeschlagen – mit dem Wechsel verliere ich im Grunde keine Zeit. Na gut, nur mein zweites Laborpraktikum, das ich mir zur Konservierung meiner Semesterferienfreizeit ins Semester legte, war jetzt umsonst, und stattdessen kriege ich nen dreiwöchigen Programmierkurs in die Ferien reingedrückt. Ein aktuelles Modul in Experimentalphysik, das ich mochte, wird auch nicht angerechnet, und der Rest ist 'Entweder-oder'-Gedöns, bei dem die bessere Note zählt. Jedenfalls ist das Anwendungsgebiet damit abgehakt.
Meinen Eltern muss ich das noch verkaufen – den Karriereparametern meines Vaters dürfte ich damit noch gerecht werden, ihm ist vor allem wichtig, dass mein Zweig Kohle einbringt und im Falle der Auswanderung auch international einsetzbar ist.
Ich werde mir auch einen Laptop anschaffen müssen, der täglich gut transportierbar ist, dafür ist diese Kiste hier etwas zu groß und overpowert. Gut, daran soll's nicht scheitern. In meiner giftigen Heimat lasse ich mich erst mal sowieso nicht blicken, nachdem meine Mutter meint, ihre Auseinandersetzungen mit meinem Vater durch mich kompensieren zu müssen, mich tagelang wie Luft (und meinen jüngeren Bruder demonstrativ bevorzugt) zu behandeln, mir hinterherzuschreien, ich solle mich doch zurück in mein scheiß Heidelberg verpissen und nicht wiederkommen, um am Tag der Abreise dann wieder mit großen und bettelnden Augen zu fragen, ob ich nicht doch vielleicht im März vorbeischauen möchte. Mein Vater steht dem in nichts nach, er sorgt dafür, dass die Heizung den ganzen Winter lang nicht angerührt wird, dreht das Warmwasser herunter, erlaubt nur das wenige Licht einer Nachttischlampe und beschuldigt mich gleichzeitig, mit dem frühen Auszug den dümmsten Fehler meines Lebens begangen zu haben.
Ferner bin und bleibe ich in seinen Augen ein dummer Idiot und Nichtsnutz, solange ich mich weigere, seinen scheiß PROPANGAS-CAMPINGHERD zu benutzen, den er vor ein paar Jahren bereits auf dem Elektroherd deponiert hat. Der Höhepunkt der Farce war erreicht, als ich davon erfuhr, dass er trotz all dessen Geld von meinem Konto abgebucht hatte mit der Begründung, sie würden doch kein Wohngeld mehr für mich kassieren, seit ich weg bin, und er habe gesehen, dass ich von meiner WG das überschüssige Haushaltsgeld für Abwesenheitstage zurückbekäme, während ich bei ihnen ja gerade knapp drei Wochen wohnte. Ich gebe zu: Grobe Fahrlässigkeit meinerseits, das Konto nicht viel früher selbst in die Hand genommen und mich im Süden in seiner vergeblichen Hoffnung auf nen Wohngeldvorteil lediglich als Nebenwohnsitz angemeldet zu haben. Ich sehe keinen Weg, mich aus der Situation nun halbwegs elegant herauszumanövrieren, ohne das große, egoistische Arschloch zu sein. Offenbar gehört auch das zu den anstehenden Veränderungen.