@Miriam Es ist nett, dass du fragst.
Ich danke dir für die Buchempfehlung, da werde ich drüber schauen. Ich kann deine Barriere übrigens sehr gut nachempfinden. Es ist viel schwieriger, zu sprechen als seine Gedanken klar und direkt in ein Textfeld zu transformieren (abgesehen davon, dass diese manchmal nicht zu erfassen oder in Worte zu kloppen sind, da kommt bei mir häufig die Lyrik ins Spiel). Besonders bei der vollkommenen Anwesenheit, sowie Aufmerksamkeit eines Gegenübers, hält mich etwas davon ab, zu reden. Gesagtes hat selten die gleiche Intensität wie Geschriebenes, obwohl das wohlgemerkt allgemeingeltend für Sender und Empfänger ist. Möglicherweise nimmt man sich auch mehr Zeit, es gewünscht zu artikulieren.
Ich schweife vorbei, für dich war die Problematik, sich in der Präsenz anderer zu öffnen.
Es hat sich in der Zwischenzeit bei mir nicht wirklich viel ins Positive geändert und auch „die Öffentlichkeit” hat weiterhin nicht den blassen Schimmer von dem, was in meinem Kopf vorgeht. Ich bin weiterhin bei der Online-Beratung, investiere Kraft in diese Antworten, doch was kann ich schon erwarten? Die Antworten, die ich erhalte, sind bemitleidend, sie erklärt wie oder warum sie das nun schreibt, stellt fragen und wünscht mir einen schönen Tag. Möchte es nicht schlechtreden, ich sollte Dankbarkeit empfinden. Und doch ist mein erster Gedanke nach jeder ihrer Antworten ein „Ok ... und nun?”. Ich bin mir durchaus dessen bewusst, dass mir niemand helfen kann, insofern ich selber nichts unternehme. Selbstverständlich benötige ich eine andere Umgebung, sonst ist das hier meine Endstation (ich wünschte, so wäre es jetzt einfach). Ich kann es noch unzählige Male wiederholen und mache trotzdem weiter, setze diesen Alltag fort, quäle mich eben weiterhin dazu, aufzustehen, die Schule abzuhocken, zu Hause auf die Nacht und auf den Schlaf zu warten, um diesen vor dem nächsten Tag hinauszuzögern. Innerlich permanent jeden dieser Orte zu verfluchen und mir dabei auszumalen, wie viel geistigen Schaden mein Abgang für Umstehende tatsächlich anrichten würde.
Ich fühle mich an meinen Alltag gebunden. Die Vorstellung, diesen planmäßig auf einen Schlag ewig zu ändern, macht mich handlungsunfähig. Die Reaktion meiner Eltern kann ich mir nicht ausmalen. Die meiner Oma wäre negativ. Meinen kleinen Bruder alleine zu hinterlassen mit diesen Leuten wäre nichts als grenzwertig.
Nein, meine eigene Feigheit ist grenzwertig. Es ist erbärmlich. Zu feige, mich zu stellen, zu feige, mir selbst zu helfen, zu feige, es zu beenden. Allerdings betrifft Letzteres nur akute Situationen, in denen meine Gleichgültigkeit den Pegel erreicht, dass ich mir nur einen Ruck geben könnte. Nur noch einen hauchfeinen Ruck und es wäre vorbei. Alles so hypothetisch. So leichtsinnig. So hautnah, dass es zu einem persönlichen Anteil von mir verschmilzt und nun aus dem Inneren heraus expandiert. Und doch ist es so weit entfernt ...
Wovor fliehe ich?
Auch die scheinbare Hilfe befindet sich in unmittelbarer Nähe. Es ist nur einen Atemzug entfernt, einen halben Herzschlag, wenn überhaupt. Ich könnte zum Lehrer gehen, meine Gedanken rausposaunen, für wahnsinnig erklärt und eingeliefert werden. Ich könnte es der Beratungsstelle schreiben, weil sie aus Eigenschutz verpflichtet dazu sind, einzugreifen. Ich könnte den Notruf wählen, sagen, dass ich mir etwas antue oder einem X-beliebigen Bürger das gleiche andrehen, sodass er den Anruf für mich übernimmt. Das stelle ich mir gerade unheimlich witzig vor.
Es wäre obsolet, mich für wahnsinnig zu erklären, denn das kann ich offenbar auch sehr gut selber. Oder,
@mi san thrope, hast du häufiger zitiert. Albert Einstein: „Die Definition von Wahnsinn ist, immer wieder das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten.” Eigentlich erwarte ich überhaupt keine Ergebnisse mehr.
Den verbleibenden wahren Lebenswillen saugt mir die Derealisation aus, verzerrt meine Wahrnehmung stets in diese künstlich wirkende Realität, welche ich fast anzweifeln muss. Es ist mittlerweile noch viel stärker geworden und lässt jede Intensität in der Wahrnehmung und Natur gänzlich blassen und verschwimmen. Draußen fühle ich mich wie benebelt, alles dumpf, entfremdet und ich habe den Eindruck, dass die Realität, nein, mein Bewusstsein abschweift, was mich in diesen Augenblicken häufig zur Panik verleitet. Habe das Bedürfnis, während ich unterwegs bin, die Augen zu schließen und einzuschlafen oder mich an Ort und Stelle belanglos hinzulegen.
Eine recht amüsant zu betrachtende Endlosschleife, die dich jedoch mitzerrt bis du an dieser zähen Masse elendlich erstickst. Auch wenn es dich immer einholt, sobald du Luft holst und du erneut Schmerzen ertragen musst - diese Gleichgültigkeit hat was. Auch der Leichtsinn, nicht zu beschreiben, es vermittelt mir ein Stück weit das Gefühl von dieser undefinierbaren Freiheit und Traumwelt. An diesen Tagen bleibe ich von der quälenden Unterträglichkeit unangetastet und habe sogar ausreichend Kraft zur Kommunikation mit ein paar Buchstaben mehr.
Was soll's. So sieht es gerade aus.